Discouraging the demand that fosters trafficking for the purpose of sexual exploitation

Ein gibt ein sehr wichtiges neues Dokument der OSCE, das den Blick auf die Nachfrageseite richtet und sich mit verschiedenen gesetzlichen Ansätzen in Bezug auf diese Nachfrage auseinandersetzt. Hier vor allem:

  1. Criminalizing the knowing use of services of a trafficking victim
  2. Criminalizing the use of all trafficking victims (strict liability)
  3. Criminalizing all sex buying

Hier geht es zum Dokument: https://www.osce.org/cthb/489388

Ich habe nun auch einen neuen Menüpunkt „Wichtige Dokumente“ angelegt. Ich werde dort nach und nach wichtige Sachen online stellen und verlinken.

Neuigkeiten

Ich habe einen neuen Menüpunkt „Aktuelles“ geschaffen. Dort werdet ihr ab jetzt immer aktuelle Dinge zum Thema finden, seien es Veranstaltungen, Ankündigungen, wichtige Neuigkeiten, wichtige Dokumente, etc. Schaut also gerne ab und an nach, wenn ihr auf dem Laufenden bleiben möchtet. Die Webseite hier werde ich in der nächsten Zeit noch weiter ausbauen und informationsreicher gestalten.

Den ersten Beitrag unter „Aktuelles“ teile ich auch hier nochmal:

SAVE THE DATE für eine internationale und hochkarätige englisch-deutsche online Fachtagung am 24.6. und 25.6., organisiert von der Konrad Adenauer Stiftung, dem ODIHR (OSZE) und Gemeinsam gegen Menschenhandel.

Programm: Programm / Program | GGMH Fachtagung 2021

Anmeldung unter: Registration (google.com)

Dann möchte ich mich noch bei den Menschen bedanken, die hinter mir stehen und mich unterstützen. Von gestern greife ich nur mal ein paar Facebook-Kommentare auf meinen Detektiv-Beitrag hin auf:

„Es bedeutet, dass deine wertvolle Arbeit inzwischen so viel Wirkung entfaltet, dass diese Gruppe ihre Felle davon schwimmen sieht.“

„Es zeigt, wieviel Angst die Pro-Lobby vor Frauen wie dir hat! Lass dich bloß nicht einschüchtern, der Blick auf Prostitution in Politik und Bevölkerung ändert sich langsam, aber stetig und das haben Frauen wie du geschafft!“

„Das System Prostitution ist gekennzeichnet von Gewalt und ein Angriff auf eine Person aus dem Hinterhalt ist ein Akt der Gewalt. Es zeigt aber auch wieviel Angst die haben. Gegen eine starke Frau wie Dich haben sie keine Chance!“

„Jede laute Stimme provoziert Täter und Täterinnen. Aus eigener Erfahrung weiß ich wozu TäterInnen fähig sind, um solche Stimmen wie Deine zum Schweigen zu bringen, daher gib gut auf Dich acht.“

„Ich sag nur "follow the money". Eine schwerreiche Ausbeuterlobby handelt hier gemäss ihrem sonstigen ethischen Niveau.“

„Atemberaubend, was die sich alles einfallen lassen. Es wirft mal wieder kein gutes Licht auf die Proprostitutionslobby. Wie gut, dass du es öffentlich machst. Wir stehen an deiner Seite.“

Danke für eure Unterstützung ❤

Mutmaßlich Privatdetektiv auf mich angesetzt

Bild: Verena Müller

Ja, ihr lest richtig. Ich wusste erst nicht, wie ich mit dieser Info umgehen sollte, aber ich habe beschlossen, sie öffentlich zu machen.

Vielleicht sitzt also gerade, etwas zugespitzt, irgendwo hinterm Gebüsch vor meinem Haus der Detektiv der Pro-Prostitutions-Lobby, um zu enttarnen, dass ich niemals in der Prostitution war und mein Zuhälter überhaupt nie existierte?

Ich habe von Informanten erfahren, dass ein paar Leute aus dem Milieu seitens der Pro-Prostitutions-Lobby einen Privatdetektiv auf mich angesetzt hätten, um zu gucken, ob ich denn in der Prostitution war und an meiner Geschichte überhaupt was dran ist. Falls das ernsthaft stimmen sollte, die haben wahrscheinlich den aktuellen Text hier noch nicht gelesen (bis zum Schreiben dieses Textes, in dem ich auch über erlangte Beweismittel spreche, musste ich mich wegen des Ermittlungsverfahrens immer bedeckt halten – mir wurde während des Ermittlungsverfahrens von der Pro-Lobby ja vieles unterstellt, worauf ich zu dieser Zeit wegen des laufenden Verfahrens nicht reagieren konnte, was ich auch im Text berichte):

Ich habe angezeigt – Ermittlungsverfahren gegen meinen Menschenhändler nach über 2 Jahren eingestellt | (sandranorak.com)

Naja, falls die Leute, die einen Detektiv auf mich angesetzt haben, hier mitlesen: einen Namen kenne ich. Anstatt Geld zu investieren, einen Detektiv auf mich anzusetzen, sollten Sie lieber den Frauen, die in Ihren Bordellen arbeiten, die Miete erlassen, damit sie nicht ihren Arsch für Sie hinhalten müssen. Euer „geheime Plan“ ist jetzt jedenfalls nicht mehr geheim, sondern öffentlich, falls er denn wirklich stimmt und (noch) ausgeführt wird. Dieses vermeintliche Vorhaben sagt vieles über euch aus und es zeigt, wie schon lange seitens der Profiteure des Milieus versucht wird, jegliche Stimmen von Aussteigerinnen, die negativ über ihre Prostitutionserfahrung sprechen, zum Schweigen zu bringen. Ich bin eine laute Stimme, diese würden einige Profiteure gerne im Keim ersticken.

Jetzt gebe ich euch und vor allem den ganzen betroffenen Frauen, die mir folgen und an meiner Seite stehen, weil sie nämlich auch viel Leid erlebt haben, ein Versprechen:

ICH WERDE NIEMALS SCHWEIGEN.

Nun noch zum sog. „Internationalen Hurentag“ heute:

Meine Solidarität ist heute bei allen, die im Prostitutionssystem viel Leid erleben oder erlebt haben und die heute, am sog. internationalen Hurentag, betroffen und verletzt über so viele Verharmlosungen bezüglich Prostitution in den Medien sind. Meine Solidarität ist bei jenen, die ihre Geschichte erzählen und von den Profiteuren des Systems dafür angegriffen werden, weil es deren Profit schadet. Je weniger Gewalt sichtbar, je weniger Menschenhandel und Leid sichtbar, desto besser für viele Profiteure, denn sie können sagen: schaut, wir haben doch nur so wenig Ausbeutung und Gewalt und es ist doch alles kein Problem.

Dass wir in Deutschland ein großes Problem haben, das weiß jeder, der eine gewisse Erfahrung in diesem Bereich hat.

Gewalt ist allgegenwärtig in der Prostitution. Ausbeutung, Menschenhandel, Zwangsprostitution sind keine Randerscheinungen, sondern alltägliche Realitäten.

Keine von uns ist oder war eine „Hure“.

Wir sind Menschen, Frauen, mit Schicksalsschlägen. Mit Herz. Mit Verstand. Mit Geschichten, die wir niemandem wünschen. Mit dem Willen, etwas zu verändern, damit es anderen besser ergehen wird.

In letzter Zeit haben mich viele Betroffene angeschrieben. Entweder, weil sie Hilfe suchen oder weil sie einfach nur reden und Kontakt möchten. Manch ein Zuhälter sitzt im Gefängnis, die allermeisten nicht. Für viele Frauen bedeutet ihre Erfahrung in der Prostitution, in der Ausbeutung, ein „lebenslänglich“. Ein lebenslängliches Trauma, lebenslängliche Erinnerungen an Gewalt und Entwürdigung.

Und Deutschland schaut immer noch weg. Es ist besser geworden, aber es genügt noch nicht, die Taten bleiben immer noch aus.

Aber wir werden mehr. Wir werden lauter. Und wir werden nicht aufgeben. Für die, die keine Stimme haben. Für die, die in einem System voller Gewalt festsitzen. Ihr seid nicht allein.

Demand As Root Cause For Human Trafficking – Sex Trafficking & Prostitution

My testimony about demand and a few mechanisms of trafficking and prostitution at a webinar is online. The webinar was with:

Professor Michel Veuthey, Ambassador of the Sovereign Order of Malta to Monitor and Combat Trafficking in Persons

Sr. Mirjam Beike, Representative at the UN in Geneva for the Sisters of Our Lady of Charity of the Good Shepherd

Brian Iselin, Founder of Geneva-based Slave Free Trade, a nonprofit working on leveraging the might of the blockchain to rid the world of slave labor

Sr. Lea Ackermann, Founder of SOLWODI, an international association that helps women in emergency situations

Inge Bell, German human rights activist, entrepreneur and second chairperson of the women’s rights organization Terre des Femmes and the Bavarian branch of the aid organization Solwodi

Bericht der OSZE – Komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel verstehen

Es gibt einen sehr guten, kürzlich erschienenen, Report von der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa). Er handelt u.a. ebenfalls, passend zu meinem letzten Beitrag über Trauma Bonding, über komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel, die zu erkennen und zu durchdringen wichtig sind. Auf der einen Seite, um den Betroffenen da raus zu helfen, und auf der anderen Seite für eine effektive und erfolgreiche Strafverfolgung und Verurteilung.

Folgend Auszüge von diesem enorm wichtigen Bericht:

Gender and the victim/trafficker relationship


In THB cases, the relationship between the victim and the trafficker may be complex. It may involve trauma bonding, familial ties and romantic relationships, and also violence, fear and manipulation. Exploring the trafficking history and, in particular, the gender dynamics of the victim/trafficker relationship is essential for law enforcement to understand the strategies used by the trafficker to exert power and control over the victim, as well as to identify any impediments to the victim cooperating with law enforcement. This can help answer a common question that comes to mind when the criminal justice system faces a victim: “Why didn’t you just run away?” The UN Special Rapporteur on trafficking in persons has underlined that the power imbalance used by traffickers to impose exploitative conditions “has a strong gender component, as women and girls are subject to intersecting discrimination as a consequence of patriarchal social norms.” Understanding the complexity and nature of victim–perpetrator relationships will also make it easier for law enforcement to comprehend a victim’s behaviour, which is sometimes aimed at protecting their trafficker at their own expense.

Although cases involving young male victims were brought up in the context of the Study, the majority of participants discussed gender aspects in the criminal justice process from the perspective of female victims of trafficking for the purpose of sexual exploitation. According to the participants, in many instances traffickers abuse the position of vulnerability of the victims, using various forms of deceit to achieve their final aim of exploitation. The survey participants also highlighted the main elements prevalent among the gendered means used to control victims (Table 2 – siehe den Screenshot „Table 2: Gendered means of control„).

The common denominator in the expert group discussions and interviews was the topic of betrayal experienced by victims. Betrayal can happen as a result of family members being involved in the recruitment or trafficking of a victim, as well as through a bond developing between the trafficker and the victim prior to exploitation. Both the human-induced character of the crime, as well as the element of betrayal have a direct effect on the willingness of victims to co-operate with authorities or accept assistance from others, since – based on their past experience – victims are less likely to trust other people.

There are various types of relationships between traffickers and victims, and they also differ in the multitude of trafficking contexts. The Study has identified four recurring themes that link the victim–perpetrator relationship with gender: family, romance, trauma bonding and fear.

Romance


Another relationship that is used both as a recruitment technique and a means of exploitation is romance. A Study participant in Germany mentioned that the role of relationships in trafficking are different depending on the gender of the trafficker. For example “in sex trafficking, men will use sexuality in some way when they try to gain female victims”, whereas “women [traffickers] […] have been identified as using more a kind of friendship bond”. The Study highlighted several stories of girls being in what they perceived as a romantic relationship while being exploited, making it more difficult for the victim to understand that they were in fact trafficked. For example, in the United States v. Yarbrough et al. case, while the trafficker repeatedly used false promises of romantic relationships and family to target and lure victims as young as 15 years old into trafficking, one victim testified that she and other victims were “in love” with the trafficker. Victims who have a psychological bond to their traffickers through intimate relationships might have difficulties testifying in court because of that emotional bond. A police officer working with trafficking cases in the United States noted that the “boyfriend pimps” can be very successful in keeping a victim under their control during exploitation, but also in protecting the trafficker should the case be investigated by law enforcement.

Some countries have developed specific strategies to tackle this phenomenon. For example, the Netherlands has allocated resources to improve the fight against “lover boy” recruitment techniques and increased co-operation between care organizations, the police and justice authorities. Moreover, due to the increased use of the internet and social media, the “lover boy” method has evolved, therefore requiring the introduction of new measures to improve investigation and prosecution…

Trauma bonding


Family-like relationships also develop in non-family settings. Such bonds are often used to keep individuals in exploitation. Trauma bonding is a psychological response to abuse, entailing an unhealthy bond between perpetrator and victim. One form of trauma bonding is the “Stockholm Syndrome”, which occurs when a trafficker, male or female, uses repeated traumatic events and chronic abuse based on both rewards and punishments to foster a powerful emotional dependence and attachment of the victim to the trafficker. This type of relationship creates confusion and a false sense of relationship, resulting in the victim developing gratefulness, trust and loyalty to the trafficker, as well as losing a sense of self. In such cases, traffickers may take on a role of protector or caretaker to maintain control of the victim, who views them as a spousal or parental figure. Some survivors of trafficking interviewed for this Study shared recollections of bonding and family-like relationships within the collectives where they were held and exploited.

Such trauma bonds are used to create an environment in which the victims are somehow rewarded after their abuse, thus encouraging them to stay by establishing an impression of family and care. A Study participant also shared that motherly attitudes of female traffickers are used as a means to control victims and as a manipulation technique. “South-East Asian brothel owners are called mum by the victims and spend holidays together. [They] have a pretend family dynamic going on.” This motherly role is often facilitated by other vulnerability factors, such as the victims not speaking the local language, not being familiar with the local culture, and not knowing their rights.

Although trauma bonding can affect both male and female victims, research has shown differences in the impact of trauma on male and female brains, thereby suggesting the need for gender-specific trauma analysis and intervention. Being aware of these relationships and the nature of trauma bonding can facilitate both the identification of victims, as well as the prosecution of the traffickers...“

Zum Weiterlesen geht es hier zum ganzen Bericht (die von mir verwendeten Ausschnitte stammen aus den Seiten 40 ff.):

Applying Gender-Sensitive Approaches in Combating Trafficking in Human Beings

Trauma Bonding – ein Text über Täterbindungen speziell bei der Loverboy-Methode

Foto: 2019 war ich in Washington, D.C., und dort im „National Museum of Women in the Arts„. Dort ist das Bild entstanden. Der Text auf dem Bild wurde von mir eingefügt.

Wir kennen sie wahrscheinlich alle: die Geschichten von häuslicher Gewalt, in denen die betroffene Frau bei ihrem gewalttätigen Mann bleibt. Man fragt sich als Außenstehender, der nicht ins Thema eingearbeitet ist: was ist nur los mit der? Warum wehrt die sich nicht? Warum verlässt sie ihn nicht einfach?

Im Bereich der Loverboy-Methode fragen sich auch viele: warum lässt die das mit sich machen, warum gehen die Frauen denn nicht einfach, wenn sie die Möglichkeit dazu haben bzw. nicht irgendwo eingesperrt sind?

Weil es für die Betroffenen nicht so einfach ist, denn wenn es so einfach wäre, dann würden sie sich dem Täter, logischerweise, entziehen.

Warum die Frauen sich nicht befreien können, dafür kann es verschiedene Gründe geben und viele davon greifen häufig ineinander über. Ein nicht selten anzutreffender Grund neben meist weiteren Problemlagen nennt sich „Trauma Bonding“. Dieses Trauma Bonding kommt oft zwischen Menschenhändler/Zuhälter und seinem Opfer vor, meist dann, wenn die Täter die Familie oder die Partner sind. Es ist der Missbrauch von Macht, das gezielte Erzeugen einer Abhängigkeit sowie die Unterdrückung der Person, um sie in die Ausbeutung zu bringen und dort zu halten. Speziell bei unerfahrenen und sehr jungen Mädchen und Frauen ist diese Vorgehensweise „erfolgreich“.

Das Problem: diese Frauen sind häufig zu schwach, um sich zu wehren. Dafür hat der Täter gezielt und strategisch gesorgt.

Stichwort: „Trauma Bonding“

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Ich habe angezeigt – Ermittlungsverfahren gegen meinen Menschenhändler nach über 2 Jahren eingestellt

Dieser Text wird etwas länger. Kürzer geht einfach nicht. Ich habe dem Tag entgegen gefiebert, ihn zu schreiben. Diese Sache bzw. dass überhaupt ein Ermittlungsverfahren lief, das war bis jetzt nicht öffentlich. Es geht um ein bedeutendes Thema. Wer den Text beginnt, sollte ihn bis zum Ende lesen und bei zu wenig Zeit lieber später nochmal vorbei schauen und ihn dann komplett lesen. Es geht um ein wichtiges Kapitel meines Lebens, aber vielmehr noch geht es vor allem auch um allgemeine Dinge im Bereich der Strafverfolgung speziell im Bereich Menschenhandel und der Loverboy-Methode sowie um das Aufzeigen von komplexen Verstrickungen und Mechanismen dort und im Rotlichtmilieu, über die ich immer wieder berichte und die ich nun an meinem Fall noch konkreter und anschaulicher darlegen kann. Es geht auch um die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden und den Umgang mit Betroffenen im Bereich der Loverboy-Methode.

Ich habe die Justitia als Bild für diesen Beitrag gewählt. Warum? Dazu möchte ich den Juristen Heribert Prantl zitieren:

"Warum trägt die Justitia eine Augenbinde? Die landläufige Antwort lautet: weil sie ohne Ansehen der Person urteilen will und urteilen soll. Die Wahrheit ist eine andere. Die Justiz schämt sich, sie schämt sich dafür, wie sie mit den Opfern umgeht, sie schämt sich dafür, dass sie sich nur auf die Täter konzentriert, aber es an Fürsorge für die Opfer fehlen lässt. Das ist ein Jahrhundertfehler der Justiz, das gehört abgestellt."[1] 

In der Tat, die Justitia schämt sich sicherlich für diese Konzentration auf die Täter und die mangelnde Fürsorge für die Opfer, und ja, dieser Jahrhundertfehler, der auch in meinem Verfahren zu Tage getreten ist, gehört abgestellt.

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Gespräch und Diskussion mit Liliam Altuntas

Am Freitag, den 30.04.2021, hat Liliam Altuntas zum ersten Mal öffentlich in Deutschland gesprochen und uns ihre Geschichte erzählt.

Bereits im Alter von 6 Jahren wurde Liliam von ihrem Onkel sexuell missbraucht und geriet danach in die Fänge von Menschenhändlern. Im Alter von 14 Jahren wurde sie von Brasilien nach Deutschland in die Prostitution gezwungen.

Das Video geht fast 3 Stunden. Bitte nehmt euch die Zeit und hört ihr zu. Sie ist eine ganz starke, warmherzige, liebenswürdige und tolle Frau. Liliam hat uns zum Weinen, aber auch zum Lächeln gebracht.

Edit:

Das Gespräch ist jetzt auf YouTube, die anfänglichen 10 Minuten mit Warten und Technikproblemen konnte ich rausschneiden.

Ein Text über die Sexualität von Frauen

Für dieses Thema bin ich eigentlich die falsche Ansprechpartnerin, dachte ich anfangs. In gewisser Weise schon, aber letztlich auch wieder nicht, denn ich habe einiges erlebt, gesehen und gehört. Meine Geschichte und der Umgang damit ist der Grund, weshalb mich immer wieder Frauen ansprechen, die Rat suchen und mit mir über dieses Thema reden möchten. Über ein spezielles Thema: es ist das Thema Sexualität von Frauen im Generellen oder eher: warum mit ihrem Partner diesbezüglich alles schiefläuft.

Dieses Thema ist sehr schambehaftet und daher wird es häufig unter den Teppich gekehrt. Deshalb mache ich es nun einmal publik und fasse in diesem Text die wichtigsten Punkte zusammen, die ich immer wieder höre, denn es betrifft sehr viele Frauen.

Das Thema Sexualität von Frauen ist ein Thema, welches auch, aber nicht nur etwas mit der Prostitution zu tun hat. Mit der Prostitution hat es nur insofern etwas zu tun, als dass die Prostitutionsausübung rein gar nichts mit der Sexualität von Frauen zu tun hat.

Frauen in der Prostitution prostituieren sich nicht, weil sie Lust auf Sex haben, sondern sie tun es für Geld, wobei die Gründe dafür divers sein können: Ausbeutung durch Dritte, Trauma, Armut, eine Kombination aus allem, etc. Natürlich müssen sie sagen, dass sie das alles toll finden und auch so tun, das gehört zum „Geschäft“ dazu, zur Illusion, die man für den Freier schaffen muss, dafür wird man bezahlt – die Wahrheit ist es allerdings nicht. Dort, wo Sexualität gekauft wird, kann logischerweise keine Lust entstehen. Im Gegenteil. Es fühlt sich an wie Missbrauch. Eine Aussteigerin sagte mal, es ist wie ein Vertrag, den man unterschreibt, vergewaltigt zu werden. Ich stimme ihr vollends zu, so ähnlich fühlt es sich an. Man hat seine Einwilligung „in den Akt“ zwar abgegeben, aber das Gefühl, missbraucht zu werden, das verschwindet dadurch nicht.

Wer spricht heutzutage schon offen über die Sexualität von Frauen? Viele schauen Pornos und dort wird quasi verkauft, dass die dort ausgeübte Sexualität das sei, was Männer und Frauen wollen. Es findet dadurch auch eine Art Sozialisation statt, wie Sex auszusehen hat. Dass Männer das oftmals wollen, weiß ich leider durch das, was ich in der Prostitution gesehen habe. Was in Pornos stattfindet, ist allerdings nicht das, was Frauen schön finden. Pornografie ist letztlich nur gefilmte Prostitution. Das, was die allermeisten Frauen nicht wollen, ist mit der Pornografie daher in den Haushalten von vielen heterosexuellen Beziehungen angekommen – und wird als Basis für sexuelle Handlungen verwendet. Das entfremdet die Frauen meist vollständig von ihrer eigenen Sexualität. Viele werden auch taub in Bezug auf ihre eigenen Empfindungen.

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Aufklärungsarbeit in Schulen

Heute war ich wieder bzgl. Aufklärungsarbeit im Bereich Prostitution und Menschenhandel an einer Schule bzw. wegen Covid-19 wurde das online durchgeführt. Mittlerweile wird vermehrt über die Themen Prostitution und Menschenhandel (insbesondere auch über die Loverboy-Methode) gesprochen, aber trotzdem noch zu wenig. Diese Themen gehören aber flächendeckend in den Schulunterricht, denn es ist die Aufgabe des Staates, Kinder und Jugendliche zu schützen. Diese flächendeckende Aufklärung gibt es leider immer noch nicht.

An das erste Mal Aufklärungsarbeit in der Schule kann ich mich gut erinnern. Ich war so dermaßen nervös, dass ich kurz vorm Weglaufen war. Junge Menschen, die in dem Alter sind, in dem ich damals rekrutiert wurde. Das hat irgendwas in mir ausgelöst und tut es heute noch, wenn ich mit ihnen rede. Ich fühle eine ganz besondere Verantwortung und auch eine Art Verbundenheit, denn sie sind ein noch verletzlicher und ganz besonders zu schützender Teil unserer Gesellschaft. Auch ich gehörte damals zu diesem Teil.

Letztlich ist die Arbeit mit jungen Menschen genau das, was am aller wichtigsten ist und mir viel bedeutet. Sie sind es, die heranwachsen und die neue Generation bilden, die unsere Gesellschaft in Zukunft prägen und formen werden. Wenn jemand langfristig diese Welt verändern kann, auch in Bezug auf die Themen Prostitution und Menschenhandel, dann sind sie es.

Wenn ich mit Jugendlichen und Heranwachsenden ins Gespräch komme, dann kann ich in deren Reaktionen sehen, dass es unmittelbar, jetzt in diesem Moment, etwas bringt, was ich hier tue.

Einmal war ich in einer Klasse, in der ein Junge anfangs vor dem Gespräch sehr auffällig und nervös war. Während der Diskussion hat er sich dann gemeldet und gesagt, dass sein Vater Zuhälter und im Gefängnis war und dass er es total super findet, dass ich aus einer anderen Perspektive darüber berichte. Wie aus einem Wasserfall ist alles aus ihm herausgebrochen. Die Lehrerin schien diese Offenbarungen auch nicht erwartet zu haben. Die Gespräche dort waren sehr locker, wie eine Art Lagerfeuergespräch unter Kumpels, alles auf einer Wellenlänge. Die Schüler und Schülerinnen waren sehr interessiert und bombardierten mich regelrecht mit Fragen – wie nahezu immer, wenn ich an Schulen oder sonstigen Jugendeinrichtungen auftauche und mit diesen ins Gespräch komme.

Dann war ich auch mal ganz oben im Norden Deutschlands an einer Schule. Das hatte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt dort organisiert. Da wurden am Ende meines Vortrags Zettel ausgeteilt, auf die die Schüler und Schülerinnen Fragen schreiben konnten, die sie an mich haben. Somit war das eine Art anonyme Fragestunde, ohne dass sich jemand melden musste. Ich habe dann Zettel um Zettel aus der Box genommen und die Fragen laut vorgelesen und sie beantwortet. Eine Frage davon war, wo man sich Hilfe suchen kann, wenn man sexuell missbraucht wird. Warum solch eine Frage gestellt wird, kann man mutmaßen. Auch diese Frage habe ich laut vorgelesen und beantwortet, denn nun stand die Möglichkeit im Raum, dass ein Schüler oder eine Schülerin hier sexuell missbraucht wird, sich nicht offenbaren, aber eine professionelle Anlaufstelle suchen möchte. Auszuschließen war das jedenfalls bei so einer Fragestellung nicht. Die Lehrerin sowie auch ich waren besorgt und gaben die nötigen Hilfestellungen sowie auch Gesprächsangebote.

Man denkt es nicht, aber nahezu in jeder Schule und Einrichtung, wo ich war, gab es Schnittpunkte zum Rotlicht /Prostitution oder zu sexuellem Missbrauch. Die Teilnehmenden heute waren etwas älter als 15 Jahre, als ich zunächst dachte. Eine davon war als Minderjährige schon in der Prostitution. Dies zeigt sehr gut, dass die Aufklärung früher beginnen muss. Viele denken immer, diese Themen sind so weit weg, aber das sind sie ganz und gar nicht. Sie finden mitten unter uns statt, werden nur häufig leider totgeschwiegen, was Kindern und Jugendlichen nicht hilft, im Gegenteil.

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