Prostitution & Recht

Ich habe angezeigt – Ermittlungsverfahren gegen meinen Menschenhändler nach über 2 Jahren eingestellt

Dieser Text wird etwas länger. Kürzer geht einfach nicht. Ich habe dem Tag entgegen gefiebert, ihn zu schreiben. Diese Sache bzw. dass überhaupt ein Ermittlungsverfahren lief, das war bis jetzt nicht öffentlich. Es geht um ein bedeutendes Thema. Wer den Text beginnt, sollte ihn bis zum Ende lesen und bei zu wenig Zeit lieber später nochmal vorbei schauen und ihn dann komplett lesen. Es geht um ein wichtiges Kapitel meines Lebens, aber vielmehr noch geht es vor allem auch um allgemeine Dinge im Bereich der Strafverfolgung speziell im Bereich Menschenhandel und der Loverboy-Methode sowie um das Aufzeigen von komplexen Verstrickungen und Mechanismen dort und im Rotlichtmilieu, über die ich immer wieder berichte und die ich nun an meinem Fall noch konkreter und anschaulicher darlegen kann. Es geht auch um die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden und den Umgang mit Betroffenen im Bereich der Loverboy-Methode.

Ich habe die Justitia als Bild für diesen Beitrag gewählt. Warum? Dazu möchte ich den Juristen Heribert Prantl zitieren:

"Warum trägt die Justitia eine Augenbinde? Die landläufige Antwort lautet: weil sie ohne Ansehen der Person urteilen will und urteilen soll. Die Wahrheit ist eine andere. Die Justiz schämt sich, sie schämt sich dafür, wie sie mit den Opfern umgeht, sie schämt sich dafür, dass sie sich nur auf die Täter konzentriert, aber es an Fürsorge für die Opfer fehlen lässt. Das ist ein Jahrhundertfehler der Justiz, das gehört abgestellt."[1] 

In der Tat, die Justitia schämt sich sicherlich für diese Konzentration auf die Täter und die mangelnde Fürsorge für die Opfer, und ja, dieser Jahrhundertfehler, der auch in meinem Verfahren zu Tage getreten ist, gehört abgestellt.

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Warum Frauen ihre Ausbeutung verteidigen

 

Hände

Bild: Rosa Makstadt

Ein Text von Sandra Norak und Dr. Ingeborg Kraus, 01.12.2019

 

Es fällt uns auf, dass bei manchen Veranstaltungen zum Thema Prostitution und Nordisches Modell Profiteure des Systems auftauchen, dass u.a. ganz ungeniert Zuhälter und Bordellbetreiber auftreten und Zwischenrufe tätigen. Uns fällt auf, dass diese vermehrt mit Frauen auftauchen, die in ihren Etablissements als Prostituierte tätig waren und jetzt ebenfalls von der Prostitution anderer profitieren oder aber dass sie Frauen mitnehmen, die gerade noch in der Prostitution bei ihnen tätig sind. Der Verdacht liegt nahe, dass diese sich noch in der Prostitution befindenden Frauen als Schutzschild für die Zwecke der Profiteure missbraucht werden. Dieses Szenario ist uns sehr stark in einer Veranstaltung diese Woche in Karlsruhe aufgefallen und gab uns den Anlass zu diesem Text.

Es ist eindeutig, dass deren Ziel war, die Veranstaltung zu sprengen und das Nordische Modell ohne jegliche Argumentationskultur oder Diskussion dazu zu diskreditieren. Es schien, als hätten sich diese Menschen gezielt organisiert zu kommen, um die Veranstaltung zu sabotieren.

Ok, dass die Profiteure, wie Bordellbetreiber und Zuhälter, kommen und ihr Wirtschaftsmodell und das viele Geld, das sie damit verdienen, nicht verlieren wollen ist klar und erscheint nicht verwunderlich. Uns fällt allerdings auf, dass vermehrt auch Frauen mitgenommen werden, die noch in der Prostitution sind, um das System zu verteidigen.

Medien stürzen sich dann unreflektiert auf die Aussagen dieser Frauen, drucken es am nächsten Tag und verbreiten dadurch ein verzerrtes und unvollständiges Bild des Rotlichtmilieus. Das ist bedauerlich.

Ich (Sandra) habe mir die Frage gestellt, wie hätte ich damals reagiert, als ich noch in der Prostitution war, von einem Menschenhändler und Zuhälter ausgebeutet wurde, und von Leuten aus einem Bordell zu so einer Veranstaltung mitgenommen worden wäre. Wie hätte ich mich nach außen hin verhalten?

Ich hätte meine Ausbeuter und das System bis aufs Blut verteidigt. Ich hätte meinen Schmerz weggedrückt, ausgeblendet.

Warum? Das ist die große Frage.

Einmal aufgrund fehlenden Opferbewusstseins, das bei vielen vorherrscht. Auf der anderen Seite ist die Bindung zu einem Täter und zu einem System, das auf Ausbeutung aufgebaut ist, höchst unsicher, gefährlich, auf Druck und „Funktionieren“ aufgebaut und verlangt eine vollständige Loyalität nach außen hin. Die Maske muss aufrechterhalten werden. Die Gewalt darf nicht ausgesprochen werden. Ein Abweichen dieser Loyalität führt zu einem Bruch der Bindung, zu einem Ausschluss aus einem System, was für viele der Betroffenen in ihrem Leben den einzigen Halt zu geben scheint, weil sie trotz ihrer Ausbeutung eine Art Familien – /Zugehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Nach der Vorstellung: es ist besser einen Menschen zu haben, der an meiner Ausbeutung, an meinem Leid beteiligt ist, anstatt niemanden zu haben. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen Bindungen und viele Menschen, vor allem in vulnerablen Lebenslagen, haben große Angst davor allein zu sein.

Ein Abweichen der Loyalität nach außen hin wird auch als Verrat angesehen, also als das Schlimmste, was man im Rotlichtmilieu tun kann. Das sagt auch Manfred Paulus, 1. Kriminalhauptkommissar a.D., der jahrzehntelang im Bereich des Rotlichts und der organisierten Kriminalität gearbeitet hat und die Strukturen und eigenen Regeln des Milieus kennt. Das, was die Strukturen, die organisierte Kriminalität und das ganze Prostitutionssystem am Leben erhält, ist bedingungslose Loyalität nach außen hin. Die Konsequenzen eines Verrats dieser Loyalität, wozu auch abweichende Meinungen zählen können, sind in der Regel schwerwiegend, was bedeutet, dass Menschen, die aus dem System ausbrechen und reden, mit gravierenden Folgen rechnen müssen. Das sind die Gründe, warum das Rotlichtmilieu ein Milliardengeschäft ist und so gut funktionieren kann – weil nur wenige der Ausgebeuteten darüber sprechen. Und hinzu wird es Betroffenen auch schwer gemacht darüber zu sprechen, da aufgrund unserer Gesetzgebung das ganze Milieu normalisiert und bagatellisiert wird. Unser Gesetz zu Prostitution:

„…lügt uns an, es verleugnet die Wahrheit. Es ist Realitätsverleugnung, welche uns staatlich angeordnet wird.“ (Rosa Makstadt)

Auch das hilft, dieses gewaltbesetzte Milieu am Leben und die Opfer gefangen zu halten.

Die Ur-Oma von einer Überlebenden der Prostitution aus Amerika, Vednita Carter, war eine Sklavin. Auch zu ihrer Zeit wollten viele in der Sklaverei bleiben, weil es ihnen eine gewisse Sicherheit gab, Unterkunft und Essen. Die Freiheit hat vielen auch Angst gemacht wegen der mit ihr verbundenen Ungewissheit. Wir brauchen keine Verbesserung der Situation der Sklaven, sondern wir brauchen eine Abschaffung der Sklaverei, sagte die Ur-Oma. In Bezug auf die Prostitution, in der Carter war, sagt sie heute, dass wir eine Revolution benötigen. Eine Abschaffung des Systems, keine Verbesserung der Ausbeutung.

Es geht uns nicht darum, die Frauen in diesen Situationen anzugreifen, das sollte keiner tun, sondern es geht uns darum, die Mechanismen von in der Ausbeutung steckenden Menschen verständlich zu machen und damit die Medien, aber auch alle anderen Menschen, in die Verantwortung zu nehmen, dass sie genauer hinschauen, genauer hinhören, um ein richtiges Bild der Realität der Prostitution zu zeichnen. Sonst unterstützen und fördern sie ein System der Gewalt.

Wir wollen Menschen mit auf den Weg geben, dass die Mechanismen der Gewaltverleugnung/Gewalthinnahme der Betroffenen des Ausbeutungssystems der Prostitution vergleichbar sind mit denen, wie sie sich bei Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, äußern: auch sie lächeln einen oft noch mit einem überschminkten blauen Auge an und werden sagen, dass alles in Ordnung ist und dass ihr Mann sie liebt.

Ist deswegen alles in Ordnung?

3. Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen, April 2019 in Mainz

Anfang April 2019 fand der 3. Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen an der Universität Mainz von CAP International (http://www.cap-international.org/) zusammen mit SOLWODI (https://www.solwodi.de/) und Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. (https://www.armut-gesundheit.de/) statt.

Mehr Informationen zum Kongress hier https://www.solwodi.de/seite/388513/weltkongress-2019.html und hier https://solwodiweltkongress.blogspot.com/.

Nachfolgend meine Rede (im Video bleibt leider ein paar Mal der Ton weg).

 

Ein historisches Urteil!

 

Heute wurde Deutschlands wohl bekanntester Bordellbetreiber Jürgen Rudloff nach einem fast 1-jährigen Prozess zu einer 5-jährigen Freiheitsstrafe u.a. wegen Beihilfe zum Menschenhandel verurteilt. Seit Jahren propagierte er in den Medien und Talkshows die saubere Prostitution, während im Prozess festgestellt wurde, dass in seinem Bordell die Hells Angels und United Tribuns[1] das Sagen hatten. Auch sein Marketing-Chef Michael Beretin, der ebenfalls in Talkshows und Medien von der heilen Welt der Prostitution sprach, wurde zu 3 Jahren und 3 Monaten verurteilt.

„Mit der Eröffnung seines Großbordells Paradise in Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen) im Jahr 2008 hatte Jürgen Rudloff medienwirksam eine „saubere Prostitution“ propagiert. Er bot eine „Wellnessoase für den Mann, in der Frauen freiwillig arbeiteten“.[2]

Das Urteil ist historisch, denn erstmals wird ein Bordellbetreiber zur Verantwortung gezogen.

„Es ist der erste umfangreiche Großprozess, der kriminelle Praktiken hinter legaler Prostitution offen gelegt hatte.“[3]

Die meisten Bordellbetreiber wissen oder nehmen zumindest billigend in Kauf, dass die Prostituierten, die bei ihnen in das Bordell kommen bzw. gebracht werden, Opfer von Menschenhandel sind. Sie nehmen es in Kauf, weil sie ansonsten ihren Laden nicht vollkriegen und einen wirtschaftlichen Ruin erleiden würden, wie auch dieser Prozess zeigt.

Das war eine herausragende Arbeit der Ermittlungsbehörden!

[1] https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/Mammutverfahren-vor-dem-Stuttgarter-Landgericht-Urteile-im-Paradise-Prozess-erwartet,paradise-prozess-urteil-erwartet-100.html.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

 

Hilke Lorenz zum Prozess:

 

 

Hier geht’s weiter zum ganzen Artikel:

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.urteil-im-paradise-prozess-keiner-kann-mehr-sagen-ich-weiss-nicht-was-in-bordellen-passiert.84fed5bb-ebeb-4134-93cc-02a3b23e7280.html?fbclid=IwAR1JgHSvSwemtGO9Ciuf9zIi3waTqv8MsmiXOvAmrbAdC84LWqee0pqnQGM

Parlamentarischer Abend, Berlin, 16.01.2019 – Prostitution ist unvereinbar mit der Menschenwürde

Nachfolgend meine Rede vom parlamentarischen Abend in der französischen Botschaft in Berlin vom 16.01.2019, veranstaltet von Sisters e.V. und Gemeinsam gegen Menschenhandel.

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Sehr geehrte Bundestagsabgeordnete,

Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundestages,

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist schön, dass dieser Abend heute stattfindet und dass vermehrt über das Thema Prostitution gesprochen wird, vor allem auch von Seiten der Politik.

Während wir hier in Deutschland eine sehr liberale Gesetzgebung haben und Prostitution als sexuelle Dienstleistung angesehen wird, hat unser Nachbarland Frankreich im Jahr 2016 einen komplett anderen Weg beschritten und das sog. Nordische Modell eingeführt, wie auch schon andere Länder vor ihm.

Das Europäische Parlament hat bereits 2014 in einer Resolution die Meinung vertreten, dass Prostitution, auch die freiwillige Prostitution, nicht mit der Menschenwürde vereinbar ist, dass Prostitution und sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen Formen der Gewalt sind und somit Hindernisse, die der Gleichstellung von Frauen und Männern entgegenstehen, denn nahezu alle Personen, die sexuelle Dienstleistungen kaufen, sind Männer. Diejenigen, die gekauft werden, sind meist Mädchen und Frauen. Die Ausbeutung in der Sexindustrie, so heißt es weiter, ist sowohl Ursache als auch Folge der Ungleichbehandlung der Geschlechter und zementiert die Auffassung, dass die Körper von Frauen und Mädchen käuflich sind. Zugleich wird festgestellt, dass immer mehr Beweise vorliegen, dass mithilfe des Nordischen Modells die Prostitution und der Menschenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können.[1]

2016 hat das Europäische Parlament in einer Entschließung bzgl. der Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels seine Aufforderung, dem Nordischen Modell zu folgen, wiederholt, indem es die Kommission und die Mitgliedstaaten aufforderte, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach skandinavischem Vorbild vorzulegen.[2]

Auch der Europarat nahm 2014 Stellung und legte dar, dass er die Kriminalisierung des Kaufs von sexuellen Diensten, basierend auf dem schwedischen Modell, als das wirksamste Instrument zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels ansieht.[3]

Deutschland hingegen geht weiter seinen liberalen Weg und versucht der Prostitution und ihren Auswüchsen mit dem Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) zu begegnen.

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Deutschland und die Sache mit der Menschenwürde – Eine Weihnachtsreflexion –

Längere Zeit war es jetzt ruhig hier. Ich habe kurz vor Weihnachten einen wichtigen Teil meines Studiums beendet. Durch meinen Schwerpunktbereich habe ich einen großen Einblick in das Europa- und Völkerrecht bekommen, auch in das europäische und internationale Strafrecht sowie in die Geschichte und die Entwicklung des europäischen und internationalen Menschenrechtsschutzes. Ich bin sehr dankbar, dass ich all das lernen kann und diesen Weg nun gehen darf. Ich weiß aber auch um all die Betroffenen, die verzweifelt den Weg raus aus der Prostitution suchen, ihn aber nicht finden, weil sie keine Hilfe oder Angst haben.

Wenn ich an den Anfang meines Studiums zurückblicke, erinnere ich mich an den Zeitpunkt, als ich das erste Mal ein gelbes Nomos Gesetzbuch aus dem öffentlichen Recht vor mir liegen hatte. Auch die deutschen Grundrechte waren Teil dieses Buches. Ich sah Artikel 1 an und war zunächst erstarrt von seiner Wortmächtigkeit. Er liest sich voll tiefer Überzeugung.

Der erste Absatz von Artikel 1 lautet wie folgt:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Nachdem ich den Artikel das erste Mal gelesen habe, wurde ich nachdenklich und traurig. Denn wenn ich eines in diesem Land erlebt habe, dann dass die Menschenwürde nicht nur antastbar anstatt unantastbar ist, sondern dass sie für Menschen in der Prostitution, vor allem junge Mädchen und Frauen, oft gar nicht existiert.

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Beitrag bei „Eesti Ekspress“ – Estland

Der folgende Beitrag mit mir erschien am 27.12.2017 in der politischen Wochenzeitung „Eesti Ekspress“ in Estland als Druck – und Onlineversion.

Hier steht die Onlinefassung:

http://ekspress.delfi.ee/elu/endine-prostituut-see-oli-liinitoo?id=80570726

Hier ist die deutsche Übersetzung:

In Deutschland ist Prostitution legal. Sandra lernte damals im Internet einen 20 Jahre älteren Mann kennen, der ihr Liebe vorspielte und anschließend von ihr verlangte sich zu prostituieren als sie noch Schülerin war. 6 Jahre war sie in verschiedenen Bordellen. Allmählich gelang es ihr sich aus der Prostitution zu befreien. Sie begann ihr Abitur nachzuholen, fand ihren ersten Job außerhalb des Rotlichtmilieus und fing danach an zu studieren. Um zu zeigen, dass die deutsche liberale Prostitutionsgesetzgebung nicht der richtige Weg ist, schreibt Sandra seit letztem Jahr den Blog https://mylifeinprostitution.wordpress.com/.

Sie treten nicht mit Ihrem richtigen Namen auf und sagen nicht wo Sie wohnen, aber Sie zeigen Ihr Gesicht. Wieso? Haben Sie nicht Angst, dass die Vergangenheit Sie dadurch irgendwie einholt?
Ich habe lange überlegt, ob ich an die Öffentlichkeit gehen soll. Letztlich habe ich mich dafür entschieden und bereue diese Entscheidung keinesfalls. Dass es mittlerweile natürlich Menschen gibt, die meinen richtigen Namen und Wohnort kennen, war mir von vornherein klar. Ich hatte überlegt, gleich mit echtem Namen aufzutreten, empfand es für mich selbst beim ersten Schritt an die Öffentlichkeit aber als angenehmer zumindest noch einen kleinen Schutz zu bewahren. Meine Vergangenheit ist immer präsent, nun muss ich sie wenigstens nicht mehr verstecken.

Haben Sie je nach dem Ausstieg irgendwo Ihre Kunden getroffen? Haben Sie Angst davor?
Nein, ich habe niemanden getroffen und ich habe auch keine Angst davor. Ich bin nach allem zu einer starken Persönlichkeit herangewachsen. Zudem muss ich ganz ehrlich sagen, dass es Tausende von Männern waren und dass ich die meisten Gesichter gar nicht mehr erkennen würde. Es war wie Fließbandarbeit, Gesichter sind hier Schall und Rauch.

Wie würden Sie Ihren durchschnittlichen Kunden beschreiben? 
Es gab keine durchschnittlichen Kunden. Es waren Männer aus allen Schichten. Alte Männer, junge Männer, auch körperlich und geistig Behinderte, es war zu jederzeit alles dabei. Männer, die bildhübsche Frauen und Kinder hatten, ein tolles Haus, bei denen man denken müsste, genau hier sollte doch alles in Ordnung sein, aber oft waren genau das die Schlimmsten. Die meisten waren liiert oder verheiratet.

Wie sahen Ihre Tage als Prostituierte aus?
Monoton und trist. Es ist als würden Sie in einem Hamsterrad laufen, welches nicht aufhört sich zu drehen. Sie laufen und laufen, ohne Ziele, ohne Wünsche, ohne Träume. Sie schauen nicht nach links, nicht nach rechts, Sie laufen einfach nur geradeaus. Sie denken, Sie laufen um ihr Leben, aber in Wirklichkeit laufen Sie langsam aus dem Leben. Sie haben viele verschiedene Freier, oft Stammfreier. Letztere sind häufig schwerer zu ertragen als „neue“ Freier, weil man bereits zu Beginn weiß, worauf man sich gleich einstellen muss. Um sowas dauerhaft ertragen zu können, konsumieren viele Prostituierte Alkohol und weitere Drogen in Massen. Sehr viele waren auch süchtig – alkoholsüchtig und/oder drogensüchtig.

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ZDFinfo Dokumentation über Prostitution, 18.11. um 22 Uhr

 

Sandra

Fotoquelle: ZDF / Jan Sindel

 

Am Samstag, den 18.11. um 22 Uhr, läuft eine Dokumentation über Prostitution auf ZDFinfo, wo ich auch zu sehen bin (siehe Bild). Man kann sich das Ganze aber auch danach in der Mediathek ansehen.

Hier der Text zur Dokumentation:

Prostitution und organisierte Kriminalität
 
„Bordell Deutschland“: Diese TV-Doku wird für Wirbel sorgen
Von Frank Rauscher

Sie werden geschlagen, missbraucht und ausgebeutet: Der Alltag von Prostituierten in Deutschland ist zum großen Teil von der organisierten Kriminalität bestimmt. In der TV-Doku „Bordell Deutschland“ kommen Fakten und Hintergründe ungeschönt auf den Tisch.

Für fast alles gibt es in Deutschland Statistiken. Ohne Zweifel ließe sich jedoch die Zahl der freilaufenden Hühner exakter benennen, als die der Frauen, die hierzulande dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Denn: Für den Bereich der Prostitution gibt es keine belastbaren Zahlen, weiß der Kriminalist Manfred Paulus. Schätzungen gingen von 400.000 bis zu über einer Million aktuell in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen aus, laut statistischem Bundesamt nehmen täglich rund 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Und „seit der Legalisierung werden es immer mehr“, sagt Paulus, der drei Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelte und nun auch als Protagonist einer der umfassendsten TV-Dokus, die je zu diesem Themenkomplex gedreht wurden, gegen organisierte Kriminalität und Menschenhandel ankämpft. Die Legalisierung der Prostitution, die mit dem 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz de facto erfolgte, steht im Fokus des spielfilmlangen Beitrags, der sich unter dem Titel „Bordell Deutschland“ am Samstag, 18. November 2017 (22 Uhr, ZDFinfo), mit dem „Milliardengeschäft Prostitution“ befasst.

„Legalisierung“: Das klingt positiv, doch schon das ist eines der Probleme, wie der engagierte Film von Christian P. Stracke verdeutlicht. Die Begrifflichkeit mag dem Freier das Gewissen erleichtern, aber hilft so ein Schlagwort auch den Frauen?

Der Journalist geht, ohne irgendetwas zu beschönigen, der Frage nach, warum Deutschland zur internationalen Drehscheibe für Zwangsprostitution und Mädchenhandel geworden ist. „Was läuft falsch bei uns?“, heißt es gleich zu Beginn des Beitrages, der Antworten liefert, die niemandem gefallen und viel Staub aufwirbeln dürften. Was auch der Sender erkannt hat: Der Film über die Zusammenhänge von Zuhälterei, Prostitution und internationalem Menschenhandel war zunächst auf 45 Minuten angelegt. ZDFinfo hat sich aber „aufgrund der Fülle von Aspekten und Standpunkten“ für eine Verdopplung der Länge entschieden. „Eine entsprechende Anpassung war schnell und unkompliziert möglich, ein Vorteil, den vermutlich nur ZDFinfo bieten kann“, heißt es jetzt seitens der Produktion. Schließlich gibt es im Digitalkanal keine genormten Sendeformate.

Authentische Innenansichten einer Parallelwelt

Über ein Jahr recherchierte Stracke an seiner Story, die ohne die Voyeurismuskarte zu spielen beinahe so packend wie ein Thriller ist, weil sie authentische Innenansichten einer tabuisierten und immer wieder als „schillernd“ oder „cool“ verklärten Parallelwelt präsentiert. Er sprach mit Prostituierten, Polizisten, Sozialarbeitern, Vertretern des Prostituiertenverbandes, Politikern und Psychologen. Stracke ist quer durch Deutschland gereist, hat sich vor Ort vom Edelbordell bis zum Straßenstrich ein Bild von den Ausprägungen der Prostitution gemacht.

Zu Wort kommen auch eher exotisch anmutende Protagonistinnen wie Cleo aus Berlin, die – freiwillig, wie sie betont – in einer „Erlebniswohnung“ an Gangbang-Partys teilnimmt. Bis zu 30 Männer haben dabei Sex mit einer Frau. Oder Typen wie Andreas Marquardt, der früher als Zuhälter die Frauen nach eigener Aussage „wie Dreck“ behandelte, wegen Menschenhandels im Gefängnis saß und sich heute für Gewaltprävention einsetzt. Vor allem aber prägen Frauen wie Sandra Norak Strackes Film. Sie hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet und den Ausstieg geschafft. Dabei hat sie fast alle Geschäftsmodelle des Milieus durchlaufen und in nahezu jedem Menschenhandel und Gewalt gesehen.

Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihr Leben und ein Gewerbe, das sie „fast kaputt gemacht“ habe. „Das ist keine Arbeit“, sagt sie, „das ist einfach nur Gewalt, was man da erlebt … Und ich hatte da bestimmt 400/500 Männer in vier Wochen.“ Die heute 27-Jährige geht mit ihrer Geschichte jetzt ganz bewusst an die Öffentlichkeit, möchte mit dem Mythos der Freiwilligkeit aufräumen, sie studiert Jura und setzt sich für die Abschaffung der Prostitution ein. „In jedem Club, in dem ich war, habe ich Menschenhandel gesehen“, berichtet sie. „Ich habe natürlich auch Frauen gesehen, die geschlagen werden. Und ich habe auch Freier gesehen, die das gesehen haben und dann trotzdem die Dienstleistung in Anspruch genommen haben.“

Neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen

Kein Einzelfall, wie Denisa, eine junge Rumänin, die nun, nach ihrem Ausstieg ebenfalls gegen die Missstände ankämpft. Jahrelang hat sie in Deutschland als Zwangsprostituierte gearbeitet, sie weiß alles über die Hintergrunde des Geschäfts: „90 Prozent haben Zuhälter“, sagt sie und berichtet aus eigener Erfahrung: „Die Männer sind scharf auf Minderjährige. Es gibt so viele Pädophile.“ Dem Mythos der Freiwilligkeit widerspricht die ehemalige Zwangsprostituierte entschieden: „Die Freier denken sich, die macht das aus Spaß. Du musst so tun, als ob es dir gut geht, aber innerlich geht’s dir nicht gut.“

Zu der Einschätzung gelangen auch Experten der Polizei, ihren Angaben zu Folge werden neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen. Heute spricht Denisa in rumänischen Armenbezirken vor Schulkassen, um die Mädchen zu warnen und sie, genau wie der Kriminalist Manfred Paulus, über die Maschen der als „Loverboys“ getarnten Handlanger der Mädchenhändler aufzuklären.

Die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus vergleicht den Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre traumatischen Erfahrungen mit denen von Folteropfern. Fast 70 Prozent der Frauen leiden unter Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung: „Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen.“ Die Sterblichkeitsrate unter Prostituierten ist 40-mal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, heißt es in der Doku. Allein das Risiko, ermordet zu werden, sei über 18-mal höher als bei anderen Frauen – unabhängig davon, ob sie freiwillg arbeiten oder dazu gezwungen werden.

Ungeachtet all dieser Hintergründe, das macht der sauber recherchierte Film deutlich, haben Escortangebote und Bordelle in Deutschland mehr Zulauf denn je. Das Marketing der Freudenhäuser hat sich offenbar der Mentalität der Freier angepasst: „Komm so oft du willst“, „All you can fuck“ oder „20 Minuten Sex für 20 Euro – der Spartarif im Discountpuff“ – so werben Flatrate-Puffs in den Städten. In Online-Foren tauschen sich Männer ungeniert und oft auf menschenverachtende Weise über die Leistungen der Sexarbeiterinnen aus.

Deutschland als Reiseziel für Freier

Vor der Kamera wollte kaum einer offen über so etwas Auskunft geben, aber während der Recherchen hat Autor Stracke mit vielen Freiern gesprochen. Sein Eindruck: Unrechtsbewusstsein ist auf Seiten der Männer kaum vorhanden. So ist Deutschland auch zu einem der begehrtesten Reiseziele für Freier aus alle Welt geworden. „Besuche über zehn Clubs in sechs Tagen“, preist ein Veranstalter ungeniert ein Package mit Kunst und Kultur an, das die Kundschaft ins „Bordell Deutschland“ locken soll.

Die Frage ist, wie es so weit kommen konnte. Glaubt man diesem Film, der auch die Tätigkeit der Prostituiertenverbände kritisch hinterfragt, kamen mehrere Faktoren auf unselige Weise zusammen: Das fraglos gut gemeinte Gesetz zur Legalisierung der Prostitution von 2002 hat den Bordellbetreibern und Freiern mehr geholfen als den Frauen. Seine Einführung ging zeitlich mit der EU-Osterweiterung einher, derweil sich in Deutschland gerade eine „Geiz ist geil“-Mentalität breitmachte.

Während bei den Mädchen wenig hängen bleibt, lässt sich mit der Prostitution viel Geld verdienen. Laut Bundeskriminalamt bringt allein eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr. Und auch der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit. Der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz ist groß, es kommen immer mehr und immer jüngere Frauen, die alles ungeschützt mitmachen …

Vorbild Schweden

Ob sich mit dem seit Juli geltenden „Prostituiertenschutzgesetz“, welches das Prostitutionsgesetzes von 2002 ergänzt, Wesentliches zum Guten ändert, ist fraglich. Anfangs, so lässt der Autor Christian P. Stracke durchblicken, sei auch er der Meinung gewesen, dass freiwillige Prostitution erlaubt sein sollte. Mittlerweile ist er aber zu der Überzeugung gelangt, auch freiwillige Prostitution verletze die Menschenrechte. „Deshalb muss sich dringend etwas ändern“, fordert er. „Doch um Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam einzudämmen, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern.“ Für ihn ein Vorbild: das nordische Modell in Schweden, das mit dem Sexkaufverbot den Freier bestraft.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

 

Link: prisma.de

 

Auf die Freiheit!

Video unten: Klaus Ferdinand Hempfling – Free and Connected

„Freedom of spirit… Authentic and real… Connection of body and spirit…“

„It is all in us

Be yourself