Loverboys

Aufklärungsarbeit in Schulen

Heute war ich wieder bzgl. Aufklärungsarbeit im Bereich Prostitution und Menschenhandel an einer Schule bzw. wegen Covid-19 wurde das online durchgeführt. Mittlerweile wird vermehrt über die Themen Prostitution und Menschenhandel (insbesondere auch über die Loverboy-Methode) gesprochen, aber trotzdem noch zu wenig. Diese Themen gehören aber flächendeckend in den Schulunterricht, denn es ist die Aufgabe des Staates, Kinder und Jugendliche zu schützen. Diese flächendeckende Aufklärung gibt es leider immer noch nicht.

An das erste Mal Aufklärungsarbeit in der Schule kann ich mich gut erinnern. Ich war so dermaßen nervös, dass ich kurz vorm Weglaufen war. Junge Menschen, die in dem Alter sind, in dem ich damals rekrutiert wurde. Das hat irgendwas in mir ausgelöst und tut es heute noch, wenn ich mit ihnen rede. Ich fühle eine ganz besondere Verantwortung und auch eine Art Verbundenheit, denn sie sind ein noch verletzlicher und ganz besonders zu schützender Teil unserer Gesellschaft. Auch ich gehörte damals zu diesem Teil.

Letztlich ist die Arbeit mit jungen Menschen genau das, was am aller wichtigsten ist und mir viel bedeutet. Sie sind es, die heranwachsen und die neue Generation bilden, die unsere Gesellschaft in Zukunft prägen und formen werden. Wenn jemand langfristig diese Welt verändern kann, auch in Bezug auf die Themen Prostitution und Menschenhandel, dann sind sie es.

Wenn ich mit Jugendlichen und Heranwachsenden ins Gespräch komme, dann kann ich in deren Reaktionen sehen, dass es unmittelbar, jetzt in diesem Moment, etwas bringt, was ich hier tue.

Einmal war ich in einer Klasse, in der ein Junge anfangs vor dem Gespräch sehr auffällig und nervös war. Während der Diskussion hat er sich dann gemeldet und gesagt, dass sein Vater Zuhälter und im Gefängnis war und dass er es total super findet, dass ich aus einer anderen Perspektive darüber berichte. Wie aus einem Wasserfall ist alles aus ihm herausgebrochen. Die Lehrerin schien diese Offenbarungen auch nicht erwartet zu haben. Die Gespräche dort waren sehr locker, wie eine Art Lagerfeuergespräch unter Kumpels, alles auf einer Wellenlänge. Die Schüler und Schülerinnen waren sehr interessiert und bombardierten mich regelrecht mit Fragen – wie nahezu immer, wenn ich an Schulen oder sonstigen Jugendeinrichtungen auftauche und mit diesen ins Gespräch komme.

Dann war ich auch mal ganz oben im Norden Deutschlands an einer Schule. Das hatte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt dort organisiert. Da wurden am Ende meines Vortrags Zettel ausgeteilt, auf die die Schüler und Schülerinnen Fragen schreiben konnten, die sie an mich haben. Somit war das eine Art anonyme Fragestunde, ohne dass sich jemand melden musste. Ich habe dann Zettel um Zettel aus der Box genommen und die Fragen laut vorgelesen und sie beantwortet. Eine Frage davon war, wo man sich Hilfe suchen kann, wenn man sexuell missbraucht wird. Warum solch eine Frage gestellt wird, kann man mutmaßen. Auch diese Frage habe ich laut vorgelesen und beantwortet, denn nun stand die Möglichkeit im Raum, dass ein Schüler oder eine Schülerin hier sexuell missbraucht wird, sich nicht offenbaren, aber eine professionelle Anlaufstelle suchen möchte. Auszuschließen war das jedenfalls bei so einer Fragestellung nicht. Die Lehrerin sowie auch ich waren besorgt und gaben die nötigen Hilfestellungen sowie auch Gesprächsangebote.

Man denkt es nicht, aber nahezu in jeder Schule und Einrichtung, wo ich war, gab es Schnittpunkte zum Rotlicht /Prostitution oder zu sexuellem Missbrauch. Die Teilnehmenden heute waren etwas älter als 15 Jahre, als ich zunächst dachte. Eine davon war als Minderjährige schon in der Prostitution. Dies zeigt sehr gut, dass die Aufklärung früher beginnen muss. Viele denken immer, diese Themen sind so weit weg, aber das sind sie ganz und gar nicht. Sie finden mitten unter uns statt, werden nur häufig leider totgeschwiegen, was Kindern und Jugendlichen nicht hilft, im Gegenteil.

Es braucht hier konstante und offene Gespräche über diese Themen, die auch das Thema Sexualität im Generellen beinhaltet (denn es geht auch darum, seine eigenen Grenzen setzen zu lernen und diejenigen von anderen zu respektieren, aber darüber werde ich mal einen eigenen Text schreiben, denn auch diesbezüglich gibt es breiten Aufklärungsbedarf) sowie auch das Thema sexuelle Gewalt. Dies natürlich alles mit der nötigen Sensibilität, aber sie müssen stattfinden.

Ich sage auch jedes Mal, wenn ich in Schulen oder andere Einrichtungen gehe, dass niemand im Raum bleiben muss und der Raum jederzeit verlassen werden kann (online kann ja sowieso jeder von selbst abschalten), ohne Gründe dafür anzugeben, denn es gibt leider nicht selten Kinder und Jugendliche, die vor allem im nahen Umfeld schon einmal mit sexuellem Missbrauch zu tun hatten und die es schwer triggern kann, was ich über Prostitution und Menschenhandel erzähle, da diese Themen ebenfalls das Thema sexuelle Gewalt umfassen. Dass der Raum jederzeit verlassen werden kann, ohne dies begründen zu müssen, sage ich deshalb ganz am Anfang vorneweg, damit sich niemand als Missbrauchsopfer outen muss, um aus dem Raum gehen zu dürfen. Ich nenne auch nicht den Grund, weshalb ich sage: „Ihr könnt den Raum jederzeit ohne Gründe anzugeben verlassen“, da es ja sonst letztlich ein indirektes Outing wäre, wenn ich sagen würde: „Wenn es euch triggert, was ich hier gleich erzähle, weil ihr selbst oder jemand euch nahestehendes Missbrauch erlebt habt bzw. hat, dürft ihr gerne den Raum verlassen.“ Ich sage anfangs nur, dass das Thema kein gerade angenehmes Thema ist und ich verstehen kann, wenn jemand sich das nicht bis zum Schluss anhören möchte. Sie haben vorher die Wahl, ob sie hören möchten, was ich sage, und sie haben nach Beginn die ganze Zeit die Wahl, das Klassenzimmer verlassen zu können. Wenn dann später jemand den Raum verlässt, so weiß ich sowie die dafür sensibilisierten Lehrer und Lehrerinnen, dass da auch Missbrauchserfahrungen dahinterstecken können. Dass wir das dann wissen genügt, das muss man vorher nicht vor der gesamten Klasse ausbreiten, was letztlich nur bedeuten würde, dem/der Betroffenen die Möglichkeit zu nehmen, den Raum zu verlassen – und zwar aus Angst vor Outing.

Ich werde, wenn ich mit jungen Menschen spreche, nicht mal ansatzweise so detailreich wie hier im Blog oder anderswo und weiß schon, was ich sagen kann und was nicht, sodass die Schwere des Themas nicht zu arg auf dem Magen liegt und ich versuche auch immer es mit einem gewissen Humor an manchen Stellen zu machen. Das Thema ist natürlich nicht lustig, aber ich sehe es dennoch als wichtig an, dass an bestimmten Stellen (nicht an den Falschen!) auch mal geschmunzelt oder gelacht wird, sodass der Ballast nicht zu groß wiegt, denn ich möchte diesen jungen Menschen durch Aufklärung Wissen vermitteln und ihnen damit helfen niemals in dieses Leben abzurutschen, nicht aber möchte ich sie zusätzlich belasten. Manchen kann aber auch das zu viel sein, vor allem dann, wenn sie unmittelbar oder mittelbar selbst mit Missbrauch zu tun hatten und viele Triggerpunkte bestehen, deshalb müssen sie aus dem Raum gehen dürfen ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Das auch als guten Ratschlag für diejenigen, die auch mit jungen Menschen in diesem Bereich arbeiten. Und wenn jemand den Raum verlässt, dann kann er emotional sehr aufgewühlt sein. Lasst denjenigen runterkommen, lasst ihm seine Emotionen, die man oftmals nur gegenüber sich selbst zeigen kann, die vielleicht auch zum ersten Mal oder nach langer Zeit wieder hochkommen, fragt mit hoher Sensibilität nach, ob alles ok ist, ob derjenige sprechen oder eine Hilfestellung möchte. Wenn er es verneint, dann sagt ihm, dass er dennoch jederzeit kommen kann, wenn er es sich anders überlegt. Bedrängt ihn nicht, aber habt ein Auge auf denjenigen. Feingefühl ist ganz wichtig in solchen Situationen.

Dann war ich auch mal in einem psychotherapeutischen Wohnheim der stationären Jugendhilfe. Da saßen wir alle mit Stühlen in einem Kreis zusammen und haben über die Themen Prostitution und Menschenhandel gesprochen. Da hatte ich das Gefühl, ganz besonders aufpassen zu müssen, was ich wie sage und formuliere, um keine Wunden aufzureißen oder zu verursachen. Die waren allerdings schon so „vom Leben gezeichnet“, dass die viel weniger Hemmungen hatten und mir viel direktere Fragen gestellt haben und noch viel mehr wissen wollten. Ein Mädchen stellte mir auch die Frage, wieso sie über all das, was ich erzähle, nicht in der Schule aufgeklärt werden, obwohl das so ein wichtiges Thema ist. Da habe ich ihr gesagt, dass das eine gute Frage ist und ich mich das auch ständig frage.

Auf der einen Seite betitelt man Prostitution als Dienstleistung, auf der anderen Seite möchte keiner so wirklich darüber sprechen, weil es so schambehaftet ist. Die jungen Menschen werden also zwangsläufig in unserer die Prostitution so liberal handhabenden Gesellschaft damit konfrontiert durch Zeitungen, Werbungen, Plakate, Fernsehen, aber mit ihnen reden und aufklären, das kommt viel zu kurz. Aufgeklärt wird viel zu wenig, oft nicht richtig sowie nicht flächendeckend.

Ich war in vielen weiteren Schulen und Einrichtungen und habe immer ähnliche Erfahrungen gemacht: junge Menschen, die zwar erst schüchtern sind, weil das Thema schambehaftet ist, dann allerdings, wenn der Erste anfängt zu fragen, einen mit Fragen bombardieren und gar nicht mehr aufhören möchten darüber zu diskutieren. Es besteht hier ein sehr hoher Gesprächsbedarf, der unbedingt – und das wiederhole ich seit langem – durch professionelle Fachkräfte in der gesamten Bundesrepublik abgedeckt werden muss, die das Thema Prostitution nicht verharmlosen, sondern die in Studien belegte Gewalt auf den Tisch bringen und die Kinder und Jugendlichen davor warnen. Warnen vor Menschenhandel, insbesondere der Loverboy-Methode, aber auch warnen vor der Prostitution und deren Ursachen und Folgen im Gesamten. Warum machen wir sonst Studien über das Thema, wenn wir die Ergebnisse diesbezüglich nicht weitertragen, nicht aussprechen? Und hier geht es vor allem darum, die Ergebnisse gegenüber denjenigen auszusprechen, die jung und daher als vulnerable Gruppe extrem und am meisten gefährdet sind, in dieses Leben und in diese Gewalt abzudriften.

Die meisten Frauen in der Prostitution in Deutschland kommen aus dem Ausland, meist aus Osteuropa wie Rumänien, Bulgarien, aber auch aus Afrika (hier ist der Voodoo-Schwur sehr verbreitet) und anderen Ländern. Mit der Loverboy-Methode werden viele dieser Ausländerinnen (vor allem aus Osteuropa) nach Deutschland gelockt und ausgebeutet. Dabei darf aber nicht übersehen werden: die Loverboy-Methode wird auch an vielen deutschen jungen Mädchen und Frauen angewandt, also Menschenhandel innerhalb Deutschlands. Letztere Vorgehensweise unterscheidet sich im Detail oft nochmal von der Vorgehensweise der Loverboy-Betroffenen, die vom Ausland hergelockt werden. Die Dunkelziffer ist hoch und ein Grund, warum das Thema unbedingt endlich in alle deutschen Klassenzimmer muss (natürlich auch in die Klassenzimmer in Rumänien, Bulgarien, etc.).

Bärbel Kannemann war fast 40 Jahre Kriminalbeamtin und gründete später den Verein No Loverboys e.V. Sie sagte mir einmal zu dem Zeitpunkt, wo sie das seit 8 Jahren machte, dass sich bis dahin um die 1100 Betroffenen und Eltern bei ihr gemeldet haben. Was ich damals sehr erschreckend fand war, als sie mitteilte, dass fast an jeder Schule, an der sie bisher einen Vortrag hielt, Opfer dabei waren und dass es an einer Schule sogar schon einmal 11 betroffene Mädchen waren. Das vor allem vorkommende Alter grenzte sie von ca. 12-23 Jahren ein.

Ich habe es in meinem vorletzten Text schon geschrieben: junge Menschen haben ein Recht darauf, über die Realitäten von Prostitution und Menschenhandel aufgeklärt zu werden, so dass sie gewarnt sind und sich besser schützen können. Es genügt nicht, nur Geschichte, Mathe, Englisch oder sonst was in der Schule zu lernen, wenn einem das später alles nichts bringt, weil man ins Milieu abgerutscht ist und von sexuellen Gewalterfahrungen kaputt gemacht wurde.

Diese jungen Menschen, die ich bis jetzt in meiner Aufklärungsarbeit kennenlernen durfte, möchten auch darüber sprechen. Sie sind interessiert, wissbegierig und aufmerksam. Diese Erfahrung mache ich jedes Mal erneut.

Unser Staat muss ihnen die Möglichkeit und die Chance geben, sich selbst vor Ausbeutung und Gewalt schützen zu können. Dies können sie nur, wenn sie aufgeklärt sind, die Indikatoren eines Ausbeutungsverhältnisses frühzeitig kennenlernen und daher erkennen können und wenn vor Prostitution an sich gewarnt wird, anstatt diese als „Sexarbeit“ schönzureden und damit die in Studien belegten hohen Gewalterfahrungen in der Prostitution vor den eigenen Kindern zu verschleiern.

Wie ich das immer nur wiederholen kann: diese Themen müssen in den regulären Schulunterricht integriert werden. Aufklärung über Prostitution ist in jeder Gesellschaft wichtig, aber insbesondere in einer Gesellschaft wie der unseren, in der Prostitution als mögliche Option dargestellt wird, da sie hier letztlich alle Jugendlichen anspricht und betrifft, denn die versteckte Botschaft der liberalen Prostitutionsgesetzgebung ist, dass Menschen, zum aller größten Teil Frauen, diesbezüglich grundsätzlich käuflich sind. Zudem geht es bei der Aufklärung auch nicht nur darum, die Mädchen und jungen Frauen vor dem Abrutschen ins Milieu zu warnen, sondern auch darum, Bewusstsein bei den Jungs und jungen Männern zu schaffen, dass Prostitution für die aller meisten nichts mit „Sexarbeit“, sondern mit sexuellen Gewalterfahrungen und Traumatisierung zu tun hat. Es geht hier um wichtige Gewaltprävention.

Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit – wie ich dazu kam, was diese in sich birgt und was ich mir von Menschen wünsche, die mit Aussteigerinnen und Betroffenen zum Zweck der Informationsgewinnung sprechen

Angefangen hat es bei mir mit diesem Blog. Zunächst habe ich einfach nur anonym geschrieben, denn ich liebe das Schreiben und fing das schon in sehr jungen Jahren an. Es war eine Art Ventil für mich. Dass ich mich schon früh aufgrund der Situation zuhause ins Internet geflüchtet habe, ist ja bekannt und früher habe ich dann im Internet vor allem auch viele Gedichte und Aphorismen auf einer Literaturplattform geschrieben, mich dort mit anderen Schreibenden ausgetauscht und war auch Teil einer Anthologie. Heute kann ich im Generellen aber nur ausdrücklich und mit Nachdruck davor warnen, dass Kinder und Jugendliche über ihre Probleme, wie ich damals, im Internet schreiben und darüber erzählen, sei es in Gedichten, Chaträumen, Instagram, Facebook, etc., denn leider gibt es viele, die die wunden Punkte der Kinder und Jugendlichen für ihre Zwecke zu nutzen wissen, so wie es mein Zuhälter dann tat, als ich ihn im Chat kennenlernte. Ihr könnt eure Kinder natürlich nicht dauerüberwachen, aber ihr solltet sie frühzeitig über mögliche Gefahren des Internets aufklären. Das ist zwar leider keine Garantie dafür, dass sie von den Gefahren verschont bleiben, aber jedenfalls eine wichtige und dringend nötige Warnung, so dass sie zumindest sensibilisiert sind und bestimmte Muster und Vorgehensweisen erkennen können.

Das Schreiben auf diesem Blog war anfangs vor allem eine Art Auseinandersetzung mit meinen ganzen Jahren im Milieu, denn vieles habe ich zunächst selbst überhaupt gar nicht richtig einordnen können. Dass es sehr vielen Betroffenen ähnlich geht, merke ich auch daran, dass mich immer wieder Frauen aus der Prostitution anschreiben und mir sagen, dass ihnen meine Texte helfen oder es ihnen hilft, wenn sie mich sprechen hören, um die ganzen (psychologischen) Zusammenhänge und Mechanismen und somit auch ihre eigene Geschichte in ihrer jeweils individuellen Ausprägung vollends verstehen sowie teilweise auch erst aufarbeiten zu können. Vor allem im Bereich der Loverboy-Methode. Außenstehende, die nicht in diesem Thema drin sind, können das häufig nicht nachvollziehen, da ist es mehr als gut mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten und sich austauschen zu können.

Durch diesen Blog bekam ich dann jedenfalls nach und nach Kontakte zu anderen Menschen, die in diesem Bereich aufklären und Stück für Stück habe ich meine Anonymität immer weiter aufgegeben. Das war alles ein Prozess. Ich wusste, dass es unschön werden wird, wenn ich anfange, mein Gesicht zu zeigen und aus der Anonymität heraus zu treten, aber irgendwann war ich an dem Punkt angelangt, dass ich es dennoch tat.

Und ja, es wurde sehr unschön, aber damit hatte ich gerechnet und dies in Kauf genommen.

Wenn ich heute über die Straße gehe, erkennen mich manche als diejenige, die mal „käuflich“ war, als diejenige, die auf einen Loverboy „reingefallen“ ist, sich für diesen prostituierte und dann noch für sich selbst, weil sie nach diesen Erfahrungen den Absprung nicht gleich geschafft hat. Von der Loverboy-Methode betroffen zu sein bedeutet generell häufig ein großes Stigma, die Betroffenen werden nicht selten als „dumm und naiv“, als „selbst schuld“ bezeichnet. Dass es hierbei um psychische und seelische Gewalt geht, um Menschenhandel und Zwangsprostitution, ändert an den niveaulosen Kommentaren mancher nichts. Eine körperliche Verletzung, die einem zugefügt wird, ist sichtbar. Eine seelische Verletzung und emotionale Gewalt sowie Abhängigkeit nicht. Viele Menschen glauben nur das, was sie sehen können.

Loverboy-Fälle fallen nicht grundlos unter Menschenhandel und Zwangsprostitution, aber dennoch wird oft mit dem Finger auf die Betroffenen gezeigt und ihr Erlebtes als nicht so schlimm abgetan. Sie werden nicht selten behandelt, als wären sie halt einfach dämlich gewesen. Dabei wird verkannt, dass der Täter bei der Loverboy-Methode von Anfang an besonders listig, perfide und durchdacht vorgeht, weil er gezielt oftmals viel Zeit investiert, um emotionalen Beziehungsaufbau zu betreiben, nur mit dem Ziel, die Frau später in die Prostitution zu drängen, wenn sie emotional abhängig ist, um sie dort auszubeuten. Täter, die besonders listig vorgehen und ihre Tat derart planen, die zeigen eine höhere kriminelle Energie als diejenigen, die „einfach“ spontan handeln. Dann davon zu sprechen, dass ja alles gar nicht so schlimm war und die Betroffenen als dumm zu bezeichnen und einfach einen Strich drunter zu ziehen, was ich so oft höre und lese, zeugt von wenig Verständnis für die Thematik, denn es richtet den Blick weg vom Täter und blendet das die Tat und gerade das Deliktsphänomen prägende Problem, die eingesetzte kriminelle Energie in Form der listigen Vorgehensweise, die auch eine gewisse Professionalität der Tatbegehung voraussetzt, gänzlich aus.

Ich habe lange in einem Keller im Bordell gelebt, wurde u.a. dort im Bordell ausgebeutet, habe mich von Null an alleine ohne Hilfe von außen aus dieser Situation Schritt für Schritt rausgearbeitet, mein Abitur per Fernschule nachgeholt und ein Jurastudium in Angriff genommen, nur um gegen die Missstände im Bereich von Prostitution und Menschenhandel, die ich gesehen habe, zu kämpfen. Ich verbringe seit 2012 damit, Bildung nachzuholen und zwar alles ohne Hilfe oder Unterstützung von außen. Jeden kleinen Schritt, den ich in den letzten knapp 10 Jahren gegangen bin, raus aus dem Milieu in Richtung Leben, den habe ich mir selbst und allein erarbeitet. Ich komme übrigens nicht aus einer Akademikerfamilie, niemand in meiner Familie hat Abitur, niemand hat studiert. Nichtakademiker-Kinder haben es generell, allein schon ohne dabei meine Vergangenheit zu betrachten, viel schwerer im Jurastudium[1]. So richtig angefangen zu glauben, dass ich es auch wirklich schaffen kann, habe ich erst, als ich dann in der Jura Zwischenprüfung in einer Prüfung die 17-Punkte Marke erreicht habe und in diesem Zeugnis weitere Klausuren im zweistelligen Bereich hatte. Wer sich mit Jura und diesem schrägen Punktesystem auskennt, wo man oftmals schon bei 4 Punkten Hurra schreit und den Freudentanz seines Lebens aufführt (mit 4 Punkten hat man bestanden), obwohl die Punkteskala bis zu 18 Punkten reicht (die allerdings nahezu niemals in der gesamten BRD vergeben werden), der weiß, wie selten auch 17 Punkte vergeben werden. Neben dem Jurastudium habe ich noch dazu Aufklärungsarbeit ohne Ende betrieben, die u.a. diverse Beratungen in der Politik und die Arbeit mit jungen Menschen in Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen umfasst. Nächste Woche habe ich wieder eine (online) Veranstaltung in einer Schule mit 15-/16-Jährigen, um das zu machen, was eigentlich unser Staat tun sollte und nicht ich in meiner Freizeit: aufklären und warnen vor den Gefahren des Milieus und dem Abrutschen in dieses. Die Arbeit mit Medien ist nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Vieles arbeite ich im Hintergrund ab, wovon die Öffentlichkeit überhaupt gar nichts mitbekommt.

Ihr könnt jetzt also selbst für euch beantworten, ob ihr findet, dass ich dumm bin, bei all den Sachen, die ich mache. An einen Loverboy zu geraten und von diesem ausgebeutet zu werden hat nichts mit Dummheit zu tun. Es ist seelische Gewalt, das gezielte Ausnutzen von Vulnerabilität und „emotionalen Engpässen“ von meist Minderjährigen und Heranwachsenden, es ist List und es sind die sexuellen Gewalterfahrungen, die einen kaputt machen und oft daran hindern, wieder ins normale Leben zurückzufinden. Wer nur „dumm und naiv“ sagt, der macht es sich ein bisschen zu einfach – viel zu einfach.

Was ich jedenfalls in all den Jahren Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit alles abgekriegt habe an Hassnachrichten, Beleidigungen, Beschimpfungen bis dahin, dass mein Wohnort von Profiteuren des Milieus öffentlich breitgetreten wurde, darüber spreche ich nicht oft, jedenfalls nur intern mit mir vertrauten Personen. Die positiven Rückmeldungen überwiegen zwar deutlich, aber die negativen „Botschaften“ sind dennoch viele und haben es in sich. Diese kommen meist von Profiteuren, oft von Freiern und Bordellbetreibern.

Es ist verständlich, dass ich diese störe. Die Freier wollen sich den Sex mit Prostituierten natürlich nicht verbieten lassen und Freier sitzen überall in der Gesellschaft, in allen Berufszweigen und auch in hohen Positionen. Es wird ja immer die Zahl von 1,2 Millionen pro Tag aufgeworfen, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen.[2] 1,2 Millionen, JEDEN TAG! Diese Zahl muss man sich schon einmal auf der Zunge zergehen lassen. Und das sind ja nicht immer die gleichen. Diese Freier bangen natürlich alle um „ihr Recht auf Sex(kauf)“, wenn sie über mich und meine Arbeit stolpern, die auch darin besteht, sich für das Schwedische/Nordische Modell einzusetzen. Allein dies zeigt, dass die Zahl der Menschen, die meine „Gegner“ sind, im Millionenbereich liegt – und das waren erstmal nur die Freier. Die Bordellbetreiber wiederum werden arbeitslos, wenn das Nordische Modell kommt. Zwischen arbeitslos sein und gutes Geld verdienen durch den Profit an Prostituierten liegt ein großer Unterschied. Niemand von denen möchte auf seinen Gewinn verzichten.

Dass Zuhälter und Menschenhändler mich ebenfalls nicht toll finden, liegt auf der Hand. In einem Land, in dem Sexkauf nicht erlaubt ist sowie das Profitieren an den prostituierten Menschen generell und komplett untersagt ist (keine 30, 40, 50 % und all sowas), ist es wesentlich unattraktiver und unlukrativer für sie, weil die Nachfrage und damit der Markt schrumpft und sie viel vorsichtiger sein müssen. Heute stehen die Zuhälter hier bei uns sichtbar überall rum. Unsere Gesetze sind so dermaßen schlecht, dass die sich nicht mal verstecken müssen, weil sie sich so sicher fühlen. Und das Traurige ist, sie sind sicher. Man kann viele von denen oftmals sehen, aber machen kann man meist nichts. Die deutsche Gesetzgebung geht grundsätzlich von der Freiwilligkeit der Frauen in der Prostitution aus und so wird eben gesagt: „Die wollen sich doch prostituieren, die wollen das doch so.“ Dies hilft den Kriminellen noch dazu.

Dann gibt es noch die selbsternannten „Sexarbeiterinnen“, die auch nicht gerade begeistert von mir sind, denn wenn das Nordische Modell kommt, wird natürlich die Nachfrage sinken. Als Mensch und als Frau stehe ich letzten Endes hinter jeder Frau in der Prostitution, auch wenn sie das Rotlicht verherrlicht und sagt, dass sie das alles toll findet. Wie ich das immer wieder erzähle, habe ich das nach außen hin auch gesagt, nicht weil es toll war, sondern erstens, weil ich während meiner Ausbeutung „geschult“ wurde, was ich sagen und nicht sagen darf (auch in Bezug auf andere Bereiche) und zweitens, weil ich dann nicht wollte, dass Menschen merken, wie tief ich eigentlich mittlerweile gesunken bin und wie nahe ich am Abgrund stehe. Wer gibt schon gerne nach außen hin zu, wie schlecht es einem geht. Außerdem tut es verdammt weh, wenn man sich eingesteht, dass das alles Gewalt ist, was man da jeden Tag erlebt, man für sich aber keinen Weg aus dieser Gewalt, keinen Weg zurück, sieht. Wenn man keinen Ausweg sieht, dies kann auch rein subjektiv der Fall sein während es objektiv gesehen Wege gäbe, dann ist es einfacher nach außen hin zu sagen, dass es keine Gewalt und alles super ist. Das ist eine Art Selbstschutzmechanismus und davon berichten sehr viele Frauen, die in der Prostitution waren und nun draußen sind. Aber sei es drum, ich möchte niemanden entmündigen, dies wäre übergriffig und steht mir nicht zu, daher: selbst wenn manche von diesen „Sexarbeiterinnen“ es wirklich ok finden, dann sollen sie das doch bis an ihr Lebensende machen. Niemand hält sie davon ab. Was ich allerdings mehr als unsolidarisch finde ist, dass manche von ihnen so tun, als wären sie die Masse, die Prostitution als ihren Traumberuf ansieht. Das stimmt hinten und vorne nicht und diese Beschönigungen sind einfach nur ein Hohn und bringen andere junge Mädchen und Frauen in Gefahr, die aufgrund von Verharmlosungen des Gewerbes viel einfacher in dieses abrutschen können. In den Bordellen sitzen zum größten Teil blutjunge Frauen aus dem Ausland, die oft nicht einmal die deutsche Sprache richtig können und der „Freund/Mann“, der Zuhälter, dahintersteht und kräftig abkassiert. Als Covid-19 ausbrach und die Bordelle schließen mussten, hat man gesehen, wieviel Geld die meisten Frauen haben – so gut wie nichts. Die saßen vorher Wochen, Monate und oft auch Jahre in den Bordellen und haben nicht mal eine Wohnung, in welche sie bei Schließung der Bordelle hinkonnten. Manche hatten nicht mal Geld für ein Ticket in ihr Heimatland. Dies ist die Realität, wie sie in der Masse stattfindet, die von niemandem weggeredet werden kann, nur weil sie manchen aufgrund bestimmter politischer Interessen nicht gefällt. Ich würde mich auch darüber freuen, wenn die Situation besser wäre als sie ist, aber das ist sie leider nicht. Die diversen Studien zur Gewaltbelastung in der Prostitution sind ebenfalls da und belegen das Ausmaß des großen Übels. Und mal abgesehen von meinen Erfahrungen in Bezug darauf, dass die Masse der Frauen in der Prostitution fremdbestimmt ist und von dritten Personen kontrolliert und ausgebeutet wird, was ich immer wieder erzähle, existieren unzählige andere Erfahrungsberichte darüber, die über den hohen Anteil an Menschenhandels- und Ausbeutungsfällen in der Prostitution in Deutschland berichten. Folgend nur beispielsweise ein Ausschnitt aus einem Interview mit Helmut Sporer, Kriminaloberrat a. D., ehemalige Kriminalpolizei Augsburg, weil von diesen „Sexarbeiterinnen“ auch oft immer damit argumentiert wird, dass wir ja nur 400/500 Fälle im Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung haben und Menschenhandel in Deutschland daher kein großes Problem sei sowie dass sie, die „gänzlich freiwilligen Sexarbeiterinnen“, in der absoluten Mehrheit wären, während Ausbeutung nur ganz am Rande mal vorkäme:

„Die offiziellen Zahlen des BKA zum Menschenhandel sind also nicht aussagekräftig?
Gehen wir nur mal von rund 250.000 Frauen in der Prostitution aus. Diese Zahlen beruhen auf Hochrechnungen aus Städten, in denen recht zuverlässige Zahlen vorliegen. Davon sind 95 Prozent Ausländerinnen, das wären ca. 240.000. Wenn man jetzt nur von 50 Prozent Frauen mit typischem Opferprofil ausgeht, dann ist das eine sechsstellige Zahl. Wenn ich jetzt aber ins „Lagebild Menschenhandel“ des BKA schaue, wie viele Fälle von Menschenhandel finden sich da? 400 bis 500. Zwischen diesen Zahlen klaffen Welten. Das heißt: Nur ein winziger Bruchteil der Opfer wird erkannt. Der Gesetzgeber nimmt also momentan hin, dass der größte Teil der Opfer unerkannt bleibt und die Verbrechen, die an ihnen begangen werden, nicht verfolgt werden. Der Staat wird seiner Verantwortung nicht ausreichend gerecht. Er stellt keine wirksamen Instrumentarien gegen Menschenhändler zur Verfügung. Das heißt: Das jetzige System funktioniert so nicht.“[3]

Eine sechsstellige Zahl = hier 120.000 Betroffene von Menschenhandel und Ausbeutung. Letztlich weiß jeder, der Erfahrung in diesem Bereich hat, dass die 400/500 Fälle im Lagebild nur die aller kleinste Spitze des Eisbergs darstellen, aber wenn wir einmal direkt über eine Zahl, hier von 120.000 Fällen sprechen, dann sollte das doch Anlass zu sehr großer Sorge geben, möchte man meinen. In Deutschland scheinbar nicht, da wird lieber weiter über die fröhliche Sexarbeit gesprochen, während man Menschenhandel und Ausbeutung als Randphänomen deklariert und ausblendet und dann hört man den immer wiederkehrenden Satz: „Wir haben doch schon Gesetze gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution.“ In der Tat, die haben wir, aber wenn es eine geschätzte Anzahl von 120.000 Menschenhandels- und Ausbeutungsfällen in Deutschland gibt und 400/500 Ermittlungsverfahren pro Jahr, die noch keine Verurteilungen darstellen, dann kann jetzt jeder selbst im Stillen für sich beantworten, wieviel unsere Gesetze den Betroffenen helfen. Viele, zu deren politischen Interessen es nicht passt, dass wir eine ganz gewaltig hohe Dunkelziffer haben, tun eben häufig so, als wären diese 400/500 Fälle nicht nur das Hellfeld, sondern als würde quasi kein Dunkelfeld existieren. In Deutschland wollen immer noch so viele Menschen die Augen vor diesem großen Elend verschließen, aber mittlerweile gibt es zu viele Studien, die das Elend belegen, zu viele Menschen, die über das große Ausmaß des Elends sprechen. Wer hier immer noch die Augen davor verschließt, der ist einfach nur in hohem Maße verantwortungslos. Man kann ja gerne unterschiedlicher Meinung darüber sein, welches Prostitutionsmodell und welche Regelungen nun das Beste wären, und ich tausche mich da auch gerne aus, höre mir Argumente an, diskutiere und bin offen für einen ehrlichen Austausch. Wenn hier aber seitens mancher „Sexarbeiterinnen“ ständig das Leid der unzähligen von (meist) Frauen in der Prostitution sowie deren Probleme und Ausbeutungssituation weggeredet und geschmälert wird, die riesigen Missstände ausgeblendet werden, ist keine Diskussion möglich, weil die Ausgangslage nicht stimmt, und hier hört meine Solidarität mit den „Sexarbeiterinnen“ auch auf. Mein Verständnis hört generell bei allen Menschen auf, die bei der ganzen Datenlage und unzähligen Erfahrungsberichten von Leuten aus dem Feld noch behaupten, wir hätten keine großen Probleme mit Menschenhandel, Ausbeutung und Zuhälterei in Deutschland und die das Dunkelfeld quasi ausblenden und sich auf 400/500 Fälle im Lagebild berufen.

Die Liste derjenigen, die mich also als störend empfinden, weil ich das ganze Übel sehr direkt und konstant ausspreche sowie für Gesetzesänderungen eintrete, die komplett konträr zu den politischen Interessen aller Profiteure des Prostitutionssystems sind, ist schon ziemlich lang. Es kommen weitere Personen hinzu, die unmittelbar oder mittelbar von der Prostitution profitieren.

Meine Arbeit in diesem Bereich ist daher nicht nur sehr zeitintensiv, sondern auch regelmäßig sehr anstrengend, um es milde auszudrücken. Mein bisheriger Weg hat mich aber resilient gemacht und vor allem die Rückmeldungen von so vielen Betroffenen haben mich auch immer wieder ermutigt dranzubleiben. Es ist letztlich nur noch eine Frage der Zeit, bis die Politik nicht nur redet, sondern auch macht. Da können die Profiteure noch so laut sein, es wird eine Veränderung kommen, denn so wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben und wir sind mittlerweile so enorm viele Menschen, quer durch die gesamte Bundesrepublik aus allen Berufszweigen und Schichten, die alle hochaktiv an dieser Veränderung arbeiten und es werden laufend mehr.

Einfach waren meine letzten Jahre Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit nicht, aber das ist ok, denn ich mache das nicht, weil es schön sein soll, sondern weil es mir wichtig ist. Jeder kann versuchen, aus dem, was er erlebt hat, das Beste zu machen. Genau das versuche ich. Schön ist das natürlich nicht, wenn jeder über deine persönlichsten und intimsten Dinge Bescheid weiß. Ich erzähle sie aber trotzdem, denn was ich in diesem Leben und als Person kann ist, mitzuhelfen, Veränderung in diesem Bereich zu bringen. Das denke ich jedenfalls und die letzten Jahre haben gezeigt, dass ich damit nicht ganz unrecht habe. Niemand von uns ist perfekt, jeder hat wohl seine Baustellen. Der Unterschied ist, dass ich Baustellen von mir zeige, weil ich Veränderung möchte, während andere ihre Baustellen für sich behalten. Totgeschwiegen wird in dieser Gesellschaft sowieso viel zu viel. Ich breche damit und nehme Verantwortung dort in die Hand, wo andere sie fallen lassen. Ich möchte kein Teil des Totschweigens und des Akzeptierens von schweren Menschenrechtsverletzungen inmitten unserer Gesellschaft sein. Ich sehe in meiner Arbeit einen Sinn und deswegen ist aus dem anfänglichen Blog schreiben auch mehr bzw. genau genommen eine konstante Arbeit an der Sache geworden.

Bitte unterstützt Frauen, die anfangen, öffentlich über ihre Erfahrungen zu berichten, denn es ist verdammt schwer, verdammt gefahrenbelastet für das weitere Leben (allein schon wegen des großen Stigmas), verdammt anstrengend und kräftezehrend, aber auch verdammt wichtig für die Aufklärung in diesem Bereich. Und es werden immer mehr Frauen, die über ihre traumatischen Erfahrungen in der Prostitution sprechen, um mit den Mythen aufzuräumen.

Wenn diese den Mut haben, das zu tun, so missbraucht sie bitte kein zweites Mal, indem ihr nur ihre Geschichten zeigt, denn das ist schlichte Schau- und Sensationslust. Ihre Analysen und Lösungsansätze sind wichtig. Der Grund, warum ich dies aufwerfe: ich habe anfangs leider ab und an die Erfahrung gemacht, dass insbesondere Journalisten nur einen Aufhänger brauchten, um mit meiner Geschichte etwas „auszuschmücken“. Dabei fühlt man sich ganz und gar nicht gut, denn man gibt nicht solch intime Details preis, um letztlich nur zur Schau gestellt zu werden. Ich möchte nicht, dass andere Betroffene, die anfangen zu sprechen, dieses Gefühl erfahren müssen. Es geht nicht darum, eine Schallplatte zu sein, die zum 100sten Mal das Gleiche erzählt, sondern es geht darum, Veränderungen für jene zu erreichen, die in der gleichen Situation sind wie wir es damals waren. Diese kann man vor allem auch dadurch erreichen, indem man nicht immer nur monoton die Geschichten von Betroffenen und Aussteigerinnen wiedergibt, sondern vor allem auch dadurch, dass man sich ihre Analysen und Lösungsansätze anhört, sich diese zu Herzen nimmt und sich damit auseinandersetzt.

Und wenn eine Frau aus der Prostitution überhaupt nicht über ihre persönliche Geschichte sprechen oder nur kleine Teile davon erzählen möchte, weil es einfach zu intim und zu gefährlich ist (und wenn sie das nicht möchte kann ich das mehr als verstehen, denn mein Leben bedeutet viel Stress und ist auch gefahrenbelastet aufgrund meines offenen Umgangs damit und das braucht man nach so einem Leben, wie man es in der Prostitution schon durch hat, eigentlich gerade nicht mehr, sondern das genaue Gegenteil davon), sie aber dennoch Lösungsansätze bringen kann und möchte, dann sollte man sich genauso anhören, was diese Frau zu sagen hat, denn es geht letzten Endes nicht um unsere individuellen Geschichten und dass wir diese immer und zu jeder Zeit bis ins Detail ausbreiten müssen, sondern darum, wie man anhand unserer Erfahrungen in der Prostitution mehr Schutz für Menschen in der Prostitution herstellen kann. Jemand, der nicht im Milieu war, der nicht in der Prostitution war, der nicht von Menschenhandel betroffen war, der kann zwar studieren und Bücher lesen über das Thema sowie Fortbildungen besuchen, aber das wird niemals die Einblicke geben, die Menschen geben können, die in diesem System waren und die die sehr komplexen Zusammenhänge, psychischen Vorgänge, Ausstiegsschwierigkeiten, Abhängigkeiten, Zwänge, etc. selbst erlebt und jedenfalls durch spätere Aufarbeitung auch verstanden haben.


[1] Jura-Studium: Hohe Hürden für Nichtakademiker-Kinder – Forschung & Lehre (forschung-und-lehre.de)

[2] Prostitution: 1,2 Millionen Männer am Tag – Kultur – Tagesspiegel

[3] „Es kann nur besser werden!“ | EMMA

„Loverboy“-Methode und Sprache

Immer wieder lese ich im Internet, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode beschämt werden. Sie seien dumm, selbst schuld, naiv.

Wer das sagt, erkennt die Täterstrategie und die Gewaltmechanismen dahinter nicht und stellt sich mit dieser Sprache, wenn auch sicherlich oft unbewusst und ungewollt, auf die Seite des Täters, der den Opfern lange eingeredet hat, sie seien schuld daran, wenn ihm etwas passiert, sie seien schuld an dies und jenem. „Loverboys“ sind Menschenhändler. Das ist ein Teil der Täterstrategie: das Opfer beschämen und noch verletzlicher machen, noch mehr schwächen und zwar genau an den Punkten, wo es sowieso schon verletzlich ist.

Wer schwach ist, kann sich noch weniger wehren. Wer gebrochen ist, kann sich noch weniger wehren, was der Grund dafür ist, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode am Anfang oft, wenn der gezielte Beziehungsaufbau abgeschlossen ist (Stadium 1) und die Konfrontation, dass die Frau sich prostituieren soll (Stadium 2), anfängt, gezielt von den Tätern durch sexuelle Gewalt gebrochen werden. Das macht die Betroffenen psychologisch häufig wehrlos, denn sie fühlen sich dreckig und missbraucht und fügen sich – und die Täter wissen das. Es braucht keine 100 Freier um traumatisiert zu werden, es genügt manchmal der Erste, denn es ist ungewollter Geschlechtsverkehr und das hinterlässt tiefgreifende Spuren.

Eine (junge) Frau darf lieben. Eine (junge) Frau darf verletzlich, schwach und vulnerabel sein, denn sie sucht sich ihre Verletzlichkeit und Vulnerabilität nicht aus, sondern befindet sich in einer schwierigen Lebenssituation. Kein Mensch aber hat das Recht, nur weil er wissentlich überlegen ist, in solchen Situationen gezielt emotionale Abhängigkeiten zu erzeugen und die Vulnerabilität des Schwächeren auszunutzen.

Zu lieben ist nicht naiv.
Zu lieben ist keine Blödheit.
Zu lieben ist nicht dumm.
Menschen in Not helfen zu wollen, vor allem solchen, die man liebt, ist eine gute Charaktereigenschaft.

Wer die Liebesfähigkeit und die Hilfsbereitschaft einer solchen (jungen) Frau derart ausnutzt, um sie in die Prostitution zu treiben und auszubeuten, ist erbärmlich.

Es gibt heutzutage in dieser schnelllebigen Welt immer weniger Menschen, die ehrlich und tief lieben können, die selbstlos handeln und hilfsbereit sind, ohne dabei Eigeninteressen zu verfolgen. Wenn man über Menschen spricht, die ehrlich geliebt haben und dafür ausgebeutet wurden, sollte man sie nicht beschämen.

Betroffene der „Loverboy“-Methode, die bei ihren Tätern bleiben, oft wieder zu ihren Tätern zurückkehren, sind genauso wenig schuld an ihrer Ausbeutung wie Opfer häuslicher Gewalt nicht daran schuld sind, dass sie erneut geschlagen werden, wenn sie wieder zu ihrem Täter zurückgekehrt sind. Der Täter begeht die Straftat, nicht das Opfer. Diese Betroffenen befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, sind schwach, von ihren Tätern geschwächt, von der psychischen/seelischen/physischen Gewalt geschwächt, ihrem Wert beraubt worden. Sie fügen sich, weil der Täter gezielt ein Gefängnis in ihrem Kopf erzeugt hat. Und er weiß genau, was er machen muss, damit die unsichtbaren Ketten festgezogen bleiben. Bärbel Kannemann, ehemalige Kriminalhauptkommissarin, die den Verein „No Loverboys“ gründete und unzähligen Betroffenen half, sagte mir, dass bis zu 50 % der „Loverboy“-Betroffenen zu ihren Tätern zurückkehren. Man hilft diesen Frauen nicht, indem man sie beschämt. Man kann ihnen nur helfen, wenn man versucht, den Gewaltzyklus und ihre Verletzungen zu durchbrechen. Diese Betroffenen brauchen unbedingt stabile Hilfe von außen, weil sie es alleine meist nicht schaffen. Man muss dran bleiben, man muss Geduld haben und warmherzig sein, aber es braucht keine Beschämungen, die die Betroffenen nur weiter in ihrem Gewalt – und Ausbeutungszyklus festhalten.

Bist Du selbst betroffen? Kommst Du nicht raus aus diesem Teufelskreis?

Such Dir Hilfe. Du bist nicht alleine. Es gibt Menschen, die Dich und Deine Situation verstehen. Wenn Du nicht weißt wohin Du Dich wenden kannst, zögere nicht und schreib mich an. Ein anderes Leben ist möglich.

Du denkst, es ist zu schwierig Dich von Deinem Täter zu lösen? Du bist vielleicht gerade erst dabei anzufangen zu realisieren, dass die Person, die Dich ausbeutet, eigentlich ein Täter ist und niemand, der Dich wirklich liebt? Du hast Angst, wirst bedroht, bist hoffnungslos? Such Dir Hilfe und schäme Dich nicht. Viele haben aufgrund der engen emotionalen Bindung und Beziehung zum Täter lange kein Opferbewusstsein. Das ist typisch und war bei mir auch so.

Du fühlst Dich nach allem dreckig und denkst, Prostitution sei das Einzige, was Du noch in deinem Leben verdienst? Du denkst, Du bist nicht mehr wert? Prostitution ist nicht das, was Du verdienst, auch wenn es sich für Dich so anfühlt, weil du so viel Schmerz und Demütigung wegen der ganzen sexuellen Akte verspürst, dass Du glaubst, dass dieser Schmerz sowieso nie mehr aufhören wird, auch dann nicht, wenn Du jetzt Hilfe suchst und aussteigst, weshalb Du einen Ausstieg als sinnlos betrachtest und daher weiter in der Prostitution verharrst. Aber Dein Schmerz kann leichter werden, ich verspreche es Dir. Es ist ein langer Weg sich nach diesen Erlebnissen selbst wieder lieben und wertschätzen zu können, seinen Wert und seine Würde wiederzufinden. Es ist ein harter Weg, auf dem man viel Geduld braucht, den es sich aber lohnt zu gehen. Bitte geh ihn. Für Dich. Du verdienst es, wertgeschätzt zu werden. Du verdienst es, wirklich geliebt zu werden. Du verdienst es, würdevoll und liebevoll behandelt zu werden.

Du verdienst ein Leben ohne Gewalt. Du verdienst es, glücklich zu sein.

Meine Kontaktdaten findest du unter „Kontakt“.

Du findest mich auch hier auf Facebook: https://www.facebook.com/sandra.norak89/

Sowie auf Instagram: https://www.instagram.com/sandranorak/?hl=de

Warum nenne ich mich „Sandra Norak“?

Anmerkung:

Wie ihr bestimmt gemerkt habt, schreibe ich hier momentan wenig. Wer mehr lesen möchte, der kann mir auf facebook folgen: https://www.facebook.com/sandra.norak89/

Und hier ein Programmhinweis für nächste Woche Dienstag, 22:15 Uhr, ZDF, zum Thema „Loverboys“: https://www.presseportal.de/pm/7840/4671786

 

Manche fragen mich, wie ich auf den Namen „Sandra Norak“ gekommen bin. Hier die Geschichte:

Dass das nicht mein echter Name ist, wurde schon oft gesagt, obwohl: Sandra ist tatsächlich mein echter Vorname. Den Nachnamen „Norak“ habe ich mir ausgesucht. Er geht auf eine Frau zurück, eine Prostituierte, die ich in einem ziemlich üblen Flat-Rate-Bordell traf. Ihr Name war Carolina, sie kam aus Ungarn und war einer der herzlichsten Menschen mir gegenüber, die ich jemals kennengelernt habe, trotz der mehr als traurigen und prekären Umstände damals in diesem Club. In diesem Flat-Rate Bordell, in das mich mein Zuhälter in den Schulferien einquartierte, haben wir bis zu 20 Freier pro Tag „bedient“. Es lag abseits im Gewerbegebiet; als wir dort waren, haben wir nichts anderes außer Freier gesehen. Und nachts in den Zimmern geschlafen, in denen wir tagsüber die Freier „bedienten“. Der Bordellbetreiber und seine Frau waren der blanke Horror. Sie haben die ganze Zeit nur darauf geschaut, dass es den Freiern gut geht und alles nach deren Wunsch abläuft. Als ich einmal einen Freier ablehnen wollte, kam die Frau des Betreibers und hat mich im Gang angeschrien, wie ich es wagen könne, nicht mit dem Freier auf Zimmer zu gehen. Ich habe in meinen über 6 Jahren Prostitution echt viel gesehen und erlebt, aber dieses Flat-Rate-Bordell, dafür kann ich kaum Worte aufbringen, die diese Zustände da drin beschreiben würden. Eine Wurst, ein Bier und eine Frau, alles inklusive, und wehe dem, dass du „nein“ zu einem Freier gesagt hast. Dann kam die Frau und hat durch Brüllen aus deinem „nein“ ein „ja“ gemacht, denn der Pauschalpreis, den der Freier dem Bordellbetreiber am Anfang beim Eingang zahlte, umfasste automatisch alle anwesenden Prostituierten (sowie die „Wurst und das Bier“). Der Freier durfte also mit allen Frauen auf Zimmer, wenn er das wollte.

Ich denke oft an Carolina und frage mich, wo sie ist. Bei einigen Frauen, die ich kannte, ist die erste Frage, die ich mir stelle, wenn ich an sie denke, ob sie noch am Leben sind, in welchem Zustand sie heute sind, wegen den Drogen, ihren Zuhältern, den Freiern, dem Alkohol…

Ich weiß nicht, was aus Carolina geworden ist und ob sie es raus aus diesem dunklen Tunnel geschafft hat.

Zurück zu meinem Namen:

„Norak“ bedeutet von hinten gelesen „Karo“ (ohne das „n“), was eine Abkürzung für Carolina sein soll. Das „N“ habe ich letztlich noch vorne drangehängt, um einen vollen Namen draus zu machen.

Carolina war eine total liebe Frau, eine Seele von Mensch, und eine von vielen „Namenlosen“, deren Geschichte und Schicksal ungehört blieb.

Manchmal frage ich mich, warum ich das alles mache, diese ganze Öffentlichkeitsarbeit, diese ständige Konfrontation, dieser ständige Kampf. Und dann denke ich an Frauen wie Carolina und an viele andere und weiß, dass dieser Kampf wichtig ist und ich weitermachen muss, denn ich weiß für wen ich es tue.

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Parlamentarischer Abend, Berlin, 16.01.2019 – Prostitution ist unvereinbar mit der Menschenwürde

 

Nachfolgend meine Rede vom parlamentarischen Abend in der französischen Botschaft in Berlin vom 16.01.2019, veranstaltet von Sisters e.V. und Gemeinsam gegen Menschenhandel.

 

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Sehr geehrte Bundestagsabgeordnete,

Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundestages,

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

es ist schön, dass dieser Abend heute stattfindet und dass vermehrt über das Thema Prostitution gesprochen wird, vor allem auch von Seiten der Politik.

Während wir hier in Deutschland eine sehr liberale Gesetzgebung haben und Prostitution als sexuelle Dienstleistung angesehen wird, hat unser Nachbarland Frankreich im Jahr 2016 einen komplett anderen Weg beschritten und das sog. Nordische Modell eingeführt, wie auch schon andere Länder vor ihm.

Das Europäische Parlament hat bereits 2014 in einer Resolution die Meinung vertreten, dass Prostitution, auch die freiwillige Prostitution, nicht mit der Menschenwürde vereinbar ist, dass Prostitution und sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen Formen der Gewalt sind und somit Hindernisse, die der Gleichstellung von Frauen und Männern entgegenstehen, denn nahezu alle Personen, die sexuelle Dienstleistungen kaufen, sind Männer. Diejenigen, die gekauft werden, sind meist Mädchen und Frauen. Die Ausbeutung in der Sexindustrie, so heißt es weiter, ist sowohl Ursache als auch Folge der Ungleichbehandlung der Geschlechter und zementiert die Auffassung, dass die Körper von Frauen und Mädchen käuflich sind. Zugleich wird festgestellt, dass immer mehr Beweise vorliegen, dass mithilfe des Nordischen Modells die Prostitution und der Menschenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können.[1]

2016 hat das Europäische Parlament in einer Entschließung bzgl. der Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels seine Aufforderung, dem Nordischen Modell zu folgen, wiederholt, indem es die Kommission und die Mitgliedstaaten aufforderte, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach skandinavischem Vorbild vorzulegen.[2]

Auch der Europarat nahm 2014 Stellung und legte dar, dass er die Kriminalisierung des Kaufs von sexuellen Diensten, basierend auf dem schwedischen Modell, als das wirksamste Instrument zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels ansieht.[3]

Deutschland hingegen geht weiter seinen liberalen Weg und versucht der Prostitution und ihren Auswüchsen mit dem Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) zu begegnen.

Ich spreche hier heute als jemand, der die Prostitution durchlebt hat. Immer wieder, wenn ich über meine Geschichte spreche, ist das eine sehr persönliche Angelegenheit. Das ist es für jede Betroffene. Und es ist auch der Grund, warum ich zu Ihnen heute nicht nur in Ihrer Funktion als Bundestagsabgeordnete sprechen möchte, sondern ich möchte zu Ihnen vor allem auch in Ihrer Funktion als Mensch sprechen. Sie alle sind Tochter oder Sohn von jemandem, vielleicht eine Mutter oder ein Vater, vielleicht Großvater oder Großmutter. Prostitution ist ein Thema, bei dem es sehr viel um Menschlichkeit geht oder, ich muss es so formulieren, um verloren gegangene Menschlichkeit.

Als ich meinen Vortrag für heute vorbereitet habe, habe ich mich gefragt, was aus meinen 6 Jahren in der Prostitution, was aus meinen ganzen nachfolgenden Recherchen und Erkenntnissen ich Ihnen in dieser kurzen Zeit erzählen soll, damit Sie nachvollziehen und vielleicht auch ein wenig fühlen können, was in Deutschland jeden Tag passiert. Was kann ich Ihnen erzählen, damit Sie gegen das Unrecht aufstehen und helfen, einen Richtungswechsel in Deutschland möglich zu machen?

Und mit Richtungswechsel meine ich nicht weitere Regulierungen, sondern ein radikales Umdenken und einen Richtungswechsel, der nicht zwischen den Begriffen Zwangsprostitution und freiwilliger Prostitution unterscheidet, wenn es darum geht, Menschen kaufen oder nicht kaufen zu dürfen, denn kein Mensch darf zur sexuellen Benutzung käuflich sein. Es verstößt gegen die Menschenwürde und ich möchte es mit den Worten des Europäischen Parlaments aus seiner Resolution von 2014 ausdrücken: „Prostitution ist eine sehr offensichtliche und besonders verabscheuenswürdige Verletzung der Menschenwürde.“ Und eigentlich wissen wir das alle oder können es uns alle denken. Die Profiteure der Sexindustrie sind nur leider sehr stark, wenn es darum geht zu versuchen, eine „große heile Welt der Prostitution“ zu erschaffen und zu erhalten. In 6 Jahren habe ich diese heile Welt kein einziges Mal gesehen und 6 Jahre sind eine verdammt lange Zeit.

Auch wenn Sie heute Ausschnitte meiner Geschichte erfahren geht es hier nicht um mich, nicht um einzelne individuelle Schicksale, sondern um unzählige andere Menschen, aufgrund der überwiegenden Anzahl hauptsächlich um junge Mädchen und Frauen, die genau das erlebt haben und jeden Tag in Deutschland weiter erleben, was auch ich erlebt habe oder noch schlimmeres erleben. Die Anzahl der Menschen, die in der Prostitution sind, kennt keiner so genau. Die groben Zahlen reichen von meist 200.000 – 1.000.000. Meine Geschichte ist also nur ein Beispiel, nur ein Sandkorn in einer riesigen Wüste voller Elend und Leid.

Kennen Sie das, wenn Sie in Kinderaugen blicken und dieses Strahlen sehen, wenn Kinder von dem erzählen, woran sie glauben oder was sie sich wünschen? Sie gehen durch die Welt und träumen.

Auch ich habe als Kind geträumt. Sicherlich nicht von der Prostitution, sondern vom Prinzessinnensein und davon, geliebt anstatt wie ein Gebrauchsgegenstand zwischen Männern hin – und hergeschoben und benutzt zu werden. Seitdem ich als kleines Kind „Free Willy“ im Fernsehen sah, träumte ich davon Meeresbiologin zu werden. Nach der Grundschule kam ich zunächst auf die Hauptschule und konnte danach auf das Gymnasium wechseln und meinen Traum weiter verfolgen.

Ein paar Jahre später bin ich als noch Minderjährige an einen „Loverboy“ geraten, brach das Gymnasium in der 13. Klasse ab und habe mein Leben bis zum 24. Lebensjahr in der Prostitution verbracht. Vorbei war der Kindheitstraum mit der Meeresbiologie.

 „Loverboys“ sind Männer, die Mädchen/Frauen zunächst gezielt Liebe vorspielen mit dem Ziel sie in die Prostitution zu drängen und dort auszubeuten. Zuerst wird eine emotionale Bindung aufgebaut, um eine Abhängigkeit zu erzeugen, und dann beginnt die Tortur. Die Loverboy-Methode fällt, was viele nicht wissen (da alles oft nach außen hin erstmal selbstbestimmt aussieht und die Betroffenen häufig auch erstmal denken, es wäre so), unter Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Laut Bundeslagebild Menschenhandel 2017 wurde bei über einem Viertel der Opfer von Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung (127 Opfer; 26,0 %) die sog. „Loverboy-Methode“ bei der Kontaktanbahnung angewendet.[4]

Als ich in der Prostitution war, habe ich aufgehört zu träumen, aufgehört zu leben, aufgehört zu fühlen. An viele Dinge kann ich mich erinnern, wenn ich gedanklich zurückgehe, und dann bin ich froh, dass ich wieder aufhören kann mich zu erinnern.

Mittlerweile bin ich 29, bewege mich langsam in Richtung Ende eines Jura-Studiums, welches ich aufgrund der ganzen Vorgeschichte erst in 2015 anfangen konnte. Die Meeresbiologie habe ich aufgegeben. Allerdings nicht deshalb, weil sie mich nicht mehr interessiert, sondern weil ich nach allem Erlebten besonders eines möchte und zwar Gerechtigkeit für Opfer sexueller Gewalt und Ausbeutung. Wenn eine Sache klar ist, dann dass die Polizei und die Justiz in zahlreichen Fällen, die ich gesehen habe (auch in meinem), gescheitert sind. Und allen voran hat unser Staat versagt, der der Polizei und der Justiz zu wenig Möglichkeiten zum Handeln gibt, das Prostitutionsgesetz von 2002 zugelassen hat und der Prostitution den Stempelaufdruck eines normalen Jobs geben wollte. Das hatte u.a. zur Folge, dass Bordellbetreiber bis heute als seriöse Geschäftsmänner auftreten können.

Jeder Bordellbetreiber, den ich kannte, der wusste, wer die Frauen in seinen Laden bringt, um diesen zu füllen und damit den Freiern genügend Auswahl zu geben. Sie wussten um den Menschenhandel oder haben es zumindest billigend in Kauf genommen, dass sie gerade Beihilfe zum Menschenhandel leisten, wenn sie nicht sogar an der Haupttat beteiligt waren.

Bordellbetreiber haben vom Menschenhandel profitiert. In der Mehrheit brauchen sie ihn, denn Freier wollen am besten die jüngsten Frauen und wenn es geht, bitte ständig was Neues.

In Stuttgart läuft seit längerem ein Prozess gegen u.a. Jürgen Rudloff, einen Bordellbetreiber der Paradise-Kette. Der Ex-Geschäftsführer des Paradise hatte im Dezember ausgesagt und ist wegen Beihilfe zum Menschenhandel verurteilt worden. Das Verfahren um Herrn Jürgen Rudloff, der zuvor in etlichen Talkshows aufgetreten ist und als seriöser Geschäftsmann große Reden über die saubere Prostitution in seinen Bordellen geschwungen hat, geht weiter.

Wenn in den Medien oder in der Politik über Prostitution gesprochen wird, versuchen viele Menschen zwanghaft Prostitution und Menschenhandel zu trennen. In der großen Mehrheit sind Prostitution und Menschenhandel aber nicht zu trennen. Ich sah keinen Club ohne Menschenhandel, keinen ohne Zuhälterei, keinen ohne Zwangsprostitution. Diese Sachen haben bei weitem überwogen. Was ich in den Bordellen hingegen nicht sah war diese zahlreiche freiwillige und selbstbestimmte Prostitution, die von den (vor allem hier in Berlin ansässigen) Lobbyverbänden und leider auch vielen Beratungsstellen für Prostitution propagiert wird, die dann teilweise sogar Einstiegsberatung anbieten.

Letztes Jahr war ich auf einer Veranstaltung von Soroptimist Aalen zum Thema Prostitution und Menschenhandel. Manfred Paulus, ehemaliger Kriminalhauptkommissar, der zahlreiche Bücher zum Rotlichtmilieu und der organisierten Kriminalität geschrieben hat, betonte, dass viele Beratungsstellen für Prostitution nicht nur die Zustände sehr verharmlosen, sondern auch einige von den Profiteuren eingenommen sind oder mit diesen zusammengearbeitet wird.

Man muss vorsichtig sein, wen man fragt, wenn man wissen möchte, was das Beste für prostituierte Menschen ist. Denn von Profiteuren oder solchen, die mit diesen agieren, werden Sie natürlich immer hören: „Sexarbeit ist Arbeit. Prostitution ist eine Dienstleistung wie jede andere.“

Frau Stefanie Klee vom BSD, Bundesverband sexuelle Dienstleistungen (hier in Berlin ansässig), die schon öfter vom Bundestag zum Thema Prostitution und Rechte für Prostituierte angehört wurde, vertritt die Auffassung, dass beispielsweise die Paragraphen der Zuhälterei und der Ausbeutung von Prostituierten abgeschafft werden sollten, wie sie im Abschlussbericht der Reformkommission zum Sexualstrafrecht auf Seite 1063 und 1064 verlauten lässt, denn sie sagt u.a.:

die Paragraphen sind nicht mehr zeitgemäß, die Gesellschaft hat sich verändert und ist offener geworden.“[5]

Offener in Bezug darauf, dass man Ausbeutung lockerer sieht oder sie nicht mehr als Ausbeutung betrachtet oder was ist damit genau gemeint? Es gäbe andere Strafvorschriften, meint sie, die ausreichen würden.

Richtigerweise wird in dem Bericht dann von anderen festgestellt, dass die Forderung nach der pauschalen Abschaffung des § 180a StGB (Ausbeutung von Prostituierten) und des § 181a StGB (Zuhälterei) insbesondere im Hinblick auf die Ausbeutung der Prostituierten problematisch ist, denn die dort aufgeführten Straftatbestände würden in der Regel nicht von anderen Strafvorschriften erfasst.[6]

Ich finde es befremdlich, wenn jemand, der sich angeblich für meine Rechte einsetzt, Gesetze abschaffen möchte, die mich in manchen Situationen besser schützen sollen.

Des Weiteren heißt es:

Nach Auskunft des BSD sei der Grund für die Aufnahme der Prostitution nicht in desolaten Verhältnissen der Prostituierten zu sehen. Die Motive hierfür seien vielfältig und wurzelten z. B. auch in sexueller Neugierde oder Abenteuerlust.“

Auch ohne sich in der Prostitution gut auszukennen, hätten wahrscheinlich die wenigsten von Ihnen geglaubt, dass von geschätzten 200.000 – 1.000.000 Prostituierten in Deutschland eine große Masse sich aus sexueller Neugierde oder Abenteuerlust prostituiert.

Ein Blick auf nachfolgende Zahlen entzieht dieser These der sexuellen Neugierde oder Abenteuerlust ganz klar den Boden:

Eine Studie von Melissa Farley, amerikanische Psychologin, mit 854 Menschen aus 9 Ländern, die zu diesem Zeitpunkt entweder noch in der Prostitution waren oder sie kurz davor verlassen hatten besagt, dass Prostitution hochtraumatisch ist. 71 % wurden körperlich angegriffen, 63 % wurden vergewaltigt, 89 % wollten aussteigen, hatten aber keine andere Möglichkeit, um zu überleben. Insgesamt waren 75 % in manchen Lebensabschnitten obdachlos. 68 % wiesen Kriterien für eine PTBS auf.[7]

Frau Dr. Ingeborg Kraus, Psychotraumatologin, die einen Appell der TraumatherapeutInnen gegen Prostitution startete, spricht in ihren Vorträgen auch darüber, dass Prostitution die Fortsetzung von Gewalterfahrungen in der Vergangenheit sein kann. Auch eine Studie des Bundesfamilienministeriums von 2004 belegt diese hohen Gewaltzahlen. 92% aller befragten Prostituierten hatten sexuelle Belästigung erlebt, 82% psychische Gewalt, 87% körperliche Gewalt und 59% sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr.[8]

 „In einer Untersuchung von Farley/Barkan (1998) gaben 75% der befragten 130 Prostituierten an, bereits als Kind sexuelle Angriffe erlebt zu haben. Als Erwachsene erlebten nach eigenen Angaben 82% der Befragten tätliche Angriffe und Gewalt. Farley/Barkan beziehen sich in dieser Arbeit auf weitere sieben Forschungsarbeiten, die ähnliche Ergebnisse vorwiesen:„most people working as prostitutes have a history of childhood physical and sexual abuse“ (ebda. S. 38). Die im Jahre 2000 von Phoenix im British Journal of Criminology veröffentlichte Studie zur besonderen Konstruktion einer „Prostituierten-Identität“ bestätigt die Herkunft ihrer befragten Frauen durchgängig aus instabilen und prekären Familiensituationen, in denen Missbrauch und Vernachlässigung dominierten. Alle Befragten verfügten außerdem über Erfahrungen mit gewaltsamer Ausbeutung durch Zuhälter. Eine neuere Untersuchung zur Posttraumatischen Belastungsstörung und Dissoziation bei Prostituierten (Zumbeck 2001) im deutschen Sprachraum bestätigt die o.g. Ergebnisse. Zumbeck hebt hervor, dass 98% ihrer Interviewten zumindest ein Trauma erlebt hatten und die meisten mehrfach viktimisiert waren. 70% der Befragten hatten körperliche Angriffe erlebt, 68% Vergewaltigungen und 61% erlebten Vergewaltigungen während der „Sex-Arbeit“. Bei 59% der befragten Prostituierten wurde eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.“[9]

In dem Bericht der Reformkommission zum Sexualstrafrecht heißt es auch, dass Frau Klee vorgibt, sich für die Vermittlung eines realistischen Bildes der Branche zu engagieren. Für mich sehen ihre Verharmlosungen nicht einmal im Ansatz realistisch aus im Vergleich zu den wahren Verhältnissen, wie man hier gut sehen kann, was auch der Grund ist, warum ich das hier alles ansprechen muss. Dass wir hier in Deutschland ein so verzerrtes Bild von Prostitution haben, beruht auch auf dieser Form der Lobbyarbeit.

Ich könnte Ihnen noch eine ganze Liste aufsagen, was es alles für Verharmlosungen seitens verschiedener Lobby-Akteure gibt, angefangen von der öffentlichen Verharmlosung des Straßenstrichs bis hin zu Gütesiegeln für Bordelle, die den Schein der Ordnungsgemäßheit vermitteln sollen, wo man aber, wenn man tiefer blickt, in Freierforen sehen kann, wie es wirklich abläuft.

Es schockiert mich, dass solche Leute von der Politik immer wieder angehört werden, um die Interessen von Prostituierten zu vertreten. Wer vertritt denn die Interessen der abertausenden von Menschen, für die Prostitution eine schwere Form von körperlicher, sexueller und seelischer Gewalt ist? Wer hört ihnen zu, wer hilft ihnen, wer verschließt nicht die Augen aus Angst, dass es vielleicht zu grausam sein könnte, was in diesem Land wirklich vor sich geht?

Wir haben Statistiken von Menschenhandel und Zwangsprostitution in Deutschland, die mit der Realität nichts zu tun haben. Den realen Zahlen kann man u.a. auch deshalb in den Statistiken nicht näher kommen, weil alles legal ist und damit unsichtbar gemacht wird. Die Täter verstecken sich hinter legalen Strukturen und der Schein der Selbstständigkeit der Prostituierten wird immer mehr ausgenutzt, so die Europäische Kommission in einem Bericht aus dem Jahr 2016.[10]

Das Argument, mit dem Nordischen Modell würde alles in den Untergrund gedrängt werden, ist also nicht richtig, bestätigt auch Simon Häggström, Polizeikommissar in Schweden, der an der Umsetzung des Sexkaufverbotes in Schweden beteiligt ist. Hier in Deutschland findet bereits sehr vieles im Untergrund statt, was nur keiner mitbekommt, denn mit dem deutschen Modell fallen das meiste Elend und die Kriminalität aufgrund der legalen Strukturen selten bis gar nicht erst auf. Das bedeutet aber nicht, dass all das nicht da ist.

Indem die Menschenhändler den Schein der Selbstständigkeit der Prostituierten ausnutzen, entgehen sie am besten der Strafverfolgung. Schon Helmut Sporer von der Kriminalpolizei Augsburg sagte beispielsweise zu dem Phänomen der Loverboy-Masche, dass diese Täter die schlaueren Täter als die physisch Gewalttätigen sind und den einfachsten Weg zu gehen versuchen: wer sich aus Liebe anfängt zu prostituieren, das sieht doch erstmal ganz selbstbestimmt aus. Die Opfer reden nicht oder können zunächst nicht sehen, was ihnen passiert (durch List, Manipulation, Täuschung). Die Täter haben freie Bahn.

Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass nach der Einführung eines Sexkaufverbotes in Deutschland, zumindest wenn es gut umgesetzt wird, die Menschenhandelsstatistiken ansteigen werden und die Gewalt des Milieus präsenter ist, allerdings nicht, weil all das mehr wird, sondern weil es sichtbarer und verfolgbarer gemacht würde.

Doch gehen wir einmal weg von gesetzlich geregeltem Menschenhandel und der Zwangsprostitution. Viele setzen sich gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel ein und sehen sonst die Prostitution als einen normalen Beruf an. Die freiwillige Prostitution wird nicht hinterfragt. Aber kann Prostitution jemals ein Beruf sein? Kann man sie wirklich als eine sexuelle Dienstleistung bezeichnen und behandeln? Was ist eigentlich Prostitution?

Der Begriff der sexuellen Dienstleistung, wie es im ProstSchG heißt, ist eine schlimme Verharmlosung, der die Gewalt des sexuellen Aktes zwischen Freier und Prostituierter verschleiert.

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mit einer Kamera mein Leben in der Prostitution festhalten können. Jeden einzelnen Tag. Alle Zimmergänge, auch die, die ich mit anderen Frauen zusammen durchlebt habe. Dann hätten Sie sehen können, wovon ich spreche.

Prostitution ist nicht wie jede andere Dienstleistung. Bei normalen Dienstleistungen spielt nicht der Mensch an sich, sondern die Dienstleistung eine Rolle. Eine Putzfrau beispielsweise tut etwas mit ihrem Körper, sie wischt vielleicht den Boden. An der Aldi-Kasse sitzt jemand an der Kasse und tut auch etwas mit seinem Körper. Die Dienstleistung besteht darin, die Kasse zu bedienen. Bei beidem bleibt der Mensch an sich, der Körper an sich, von Dritten unberührt. Bei der Prostitution besteht die „Dienstleistung“ darin, dass der Körper eines Menschen von Dritten benutzt wird. Das ist keine Dienstleistung, sondern ein Konsumieren von Menschen. Der Begriff der „Dienstleistung“ versucht genau das zu verschleiern.

Für die Frauen, die ich persönlich in der Prostitution kennenlernte, und es waren Hunderte, war die Prostitution an sich ein Gewaltakt. Es macht etwas mit einem und den meisten wurden durch die Akte mit den Freiern die Eigenschaft, ein Mensch mit Wünschen, Bedürfnissen, Emotionen zu sein, genommen, denn wenn man all das immer ausschalten muss, um irgendwie das Leben überstehen zu können, in dem man sich gerade befindet, bleibt es irgendwann automatisch ausgeschaltet, weil es so weniger weh tut.

In diesem Zustand kann man auch nicht einfach in ein normales Leben wechseln als wäre nichts passiert, denn man trägt diesen Verlust von Würde und Seele in sich, man ist psychisch in dieser Welt gefangen. Die Demütigungen, die Kommodifizierung, die Überzeugung, nichts wert zu sein, die Zweifel, dass man es nach all diesen Erfahrungen, nach so einer Vergangenheit sowieso nicht schaffen wird ein Leben zu haben, welches auch ein Leben ist und in dem man von der Gesellschaft akzeptiert wird.

Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie freiwillige Prostitution aussehen kann, wenn keine dritten Personen dahinter stehen, sondern zum Beispiel Mütter für ihre Kinder anschaffen gehen, Frauen aus Armut anschaffen gehen, und meistens aber alle gemeinsam haben, wie auch die o.g. Studien belegen, dass sie bereits früh Gewalt und Missbrauch erlebten. Einige Beratungsstellen für Prostituierte hört man dazu sagen: das ist zwar kein toller Beruf dann, aber immerhin noch besser, als wie wenn sie nichts zu essen haben.

Wie zynisch ist das? Was ist das für ein menschenverachtendes Denken? Ich frage Sie: Wenn dort eine Frau, vollgepumpt mit Alkohol und oft auch weiteren Drogen, um das ertragen zu können, leblos auf dem Bett liegt und sich zur Verfügung stellt, sich gewaltvoll penetrieren und demütigen lässt, weil sie sich bereits aufgegeben hat und der Freier sich oft noch an seiner Machtstellung ergötzt, ist das etwas, was man als Gesellschaft zulassen kann? Ist das vereinbar mit unserer im Grundgesetz verankerten Menschenwürde?

Bei einem Sexkaufverbot geht es nicht darum, den Frauen zu verbieten, sich zu prostituieren. Es geht darum, als Staat seine Schutzpflichtaufgabe zu erkennen und zu erfüllen.

Menschen vor etwas zu schützen und anderen Menschen deshalb nicht zu erlauben, etwas mit ihnen zu tun, egal ob sie einwilligen oder nicht, das gibt es bereits in unserem Rechtssystem. Dieser Gedanke, einen Menschen trotz seiner Einwilligung in eine Handlung eines anderen schützen zu müssen resultiert aus der Menschenwürde. Es gibt Dinge, die die Menschenwürde derart verletzen, dass ein Mensch in sie nicht einwilligen kann, weil wir als Gesellschaft diese Verletzung der Integrität unter keinen Umständen zulassen möchten. Schon das VG Neustadt schrieb in seinem Beschluss von 1992 zum Zwergenweitwurf:

Die Würde des Menschen ist ein unverfügbarer Wert, auf dessen Beachtung der einzelne nicht wirksam verzichten kann.“[11]

Eine Prostituierte wird wie eine Gummipuppe behandelt und zum Gegenstand der Volkstriebabfuhr verwendet. Wie die Sozialarbeiterin Sabine Constabel sagte: Prostitution ist Selbstbefriedigung am lebenden Objekt. Genau das ist Prostitution. Es ist kein Miteinander, kein Wertschätzen einer Dienstleistung geschweige denn einer Person. Es ist das zur Verfügung stellen eines Körpers, damit andere ihn penetrieren können.

Prostitution, egal ob sie freiwillig stattfindet oder nicht, ist eine Menschenwürdeverletzung, denn es gibt etwas, was sich trotz der Freiwilligkeit der Prostituierten nicht ändert: sie wird vom Freier zu einem Objekt degradiert, zu einem Gegenstand sexueller Benutzung. Gehen Sie in Freierforen und lesen Sie sich die menschenverachtenden Berichte durch, wenn Sie es denn ertragen können.

Das ProstSchG ist keine Lösung, denn es legitimiert weiterhin die Gewalt, die in den Zimmern stattfindet, und versucht aus dieser Gewalt eine bessere Gewalt zu machen, in dem versucht wird die Abläufe zu regeln, das „Außen rum“ sicherer zu gestalten. Aber die eigentliche Verachtung, die Behandlung eines Menschen als Konsumgut, das kann man nicht besser machen. Diese Entmenschlichung bleibt eine Entmenschlichung, egal wie sehr manche Akteure versuchen, diesen Standpunkt weg – oder schönzureden, weil sie Angst um ihre hohen Geldbeträge haben, die ihnen die Prostitution bzw. die Ausbeutung der Menschen darin liefert.

Nur wenige reden über die Nachfrageseite, die Freier. Es ist aber wichtig, sich auf die Freier zu fokussieren, denn letztlich sind sie es, die die Prostituierten im Zimmer brechen und ihnen ihre Würde entziehen. Die Zuhälter und Menschhändler stellen die Frauen auf. Aber es sind unsere Mitbürger, Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen und Familienangehörigen, die sich an der täglichen Zerstörung an tausenden, hunderttausenden von Menschen in der Prostitution schuldig machen.

Und das bedeutet, wir müssen anfangen über sie zu sprechen.

Freier gehören zu den Profiteuren, die aus jedem Gesellschaftsteil unseres Landes kommen und oftmals hohe Positionen innehaben. Sie werden nicht helfen, gegen das System vorzugehen. Die meiste Zeit haben sie gesehen, dass ich und andere Frauen Schmerzen hatten, dass es uns nicht gut ging, dass wir es im Zimmer nur mit Literweise Alkohol ertragen haben. Es hat den Großteil nicht interessiert, viele hat unser Leid sogar angeturnt. Und wer möchte sich schon den „Spaß“ mit einer Prostituierten nehmen lassen und für ein Sexkaufverbot plädieren?

Die Einführung des Sexkaufverbotes ist ein Schritt gegen breite Massen unserer Bevölkerung, nämlich gegen diejenigen, die jeden Tag sexuelle „Dienstleistungen“ in Anspruch nehmen, meistens bewusst das Elend ausnutzen und davon profitieren.

Es gibt nur eine Lösung und die heißt in den drei Hauptpunkten 1) Entkriminalisierung von prostituierten Menschen in jeder Hinsicht, 2) ein Sexkaufverbot und 3) Ausstiegshilfen.

Ich bin noch im Studium. Ich habe kein Geld, keine Zeit und keine Position, in der ich auch nur ansatzweise Macht habe, Gesetze verändern zu können. Ich besitze nicht viel, ich gefährde mich und meine Zukunft, um der Öffentlichkeit zu erzählen, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich habe eigentlich nichts und doch habe ich etwas, was mich antreibt und was der einzige Grund ist, warum ich all das hier mache: eine tiefe Überzeugung, die Leidenschaft und den Willen dafür zu kämpfen, dass sich bei diesem Thema etwas ändern muss, denn ich habe gesehen und weiß, wie das Gesicht der Prostitution in Wahrheit aussieht. Den Sexkauf zu verbieten mag auch eine moralische Frage sein, aber hauptsächlich ist es eine rein menschenrechtliche Frage.

Letztes Jahr war ich in Frankreich. Wenn jemand so wie ich in der Prostitution war, so kann man den Sieg der Gerechtigkeit in der Luft spüren, wenn man durch Frankreichs Straßen läuft. Ich konnte aufatmen, ich hatte mehr Raum, Sicherheit und Freiheit als irgendwo anders bisher. Menschen, die nie in der Prostitution waren, können wahrscheinlich nicht nachempfinden, was es für Menschen wie mich bedeutet, in einem Land wie Frankreich zu sein, in dem genau das verboten ist, von dem ich gesehen habe, dass es unzählige Menschen kaputt gemacht hat und von dem ich weiß, dass es jeden Tag weitere tausende kaputt macht.

Frankreichs Weg ist wie Balsam auf der Seele und für alle Opfer des Ausbeutungssystems der Prostitution eine Hilfe auf dem Weg der Heilung. Ihre Erfahrung und ihr Leid werden anerkannt. Anerkennung von Gewalt ist ein wichtiger Schritt zur Heilung sowie ein unerlässlicher Schritt in Sachen Gewaltprävention.

Viele engagierte Menschen haben für Frankreichs Richtungswechsel gekämpft und es wird ein Kampf bleiben, weil die Sex-Industrie und dessen Profiteure alles tun werden, um diesen Sieg der Gerechtigkeit wieder zu kippen. Die Einführung des Nordischen Modells ist nur der Anfang. Es umzusetzen und es zu halten, so dass alles wirklich funktionieren kann, sind weitere unerlässliche Schritte auf dem Kampf gegen das Prostitutionssystem.

Niemand sagt, dass ein solcher Richtungswechsel einfach werden wird. Der Schritt, den Frankreich mit dem Nordischen Modell gewählt hat, ist kein leichter, sondern eine knallharte Aufgabe, wenn es darum geht, ein Sexkaufverbot und ein neues Gesellschaftsbewusstsein vor allem in der Praxis umzusetzen. Wer aber die Fähigkeit nicht besitzt an bahnbrechende Veränderungen glauben zu können, der sollte nicht Politik machen, denn der Glaube daran, dass es möglich werden kann, ist eine Vorrausetzung, um den Kampf zu gewinnen.

Ich hoffe sehr, dass Frankreich durchhält und dass Deutschland sich anschließen wird.

Ich bitte Sie hier heute aus tiefstem Herzen um Hilfe, denn um dieses organisierte Milliardengeschäft zu bekämpfen, die Menschenwürdeverletzung Prostitution zu beenden, braucht es jede Hand. Es braucht jeden Menschen, der sich engagiert, es braucht so viele von uns, die zusammenhalten und dagegen aufstehen, die sich nicht von einzelnen Akteuren oder Profiteuren blenden lassen. Es braucht Menschlichkeit und den Willen, die Augen nicht zu verschließen, was der bequemere Weg wäre.

Ich bitte Sie anzufangen oder weiterzumachen etwas zu tun und Prostitution einen anderen Namen zu geben, nämlich den Namen, den sie verdient: sexuelle Ausbeutung von Menschen. Sie ist immer sexuelle Ausbeutung, sie ist immer der Handel mit Menschen und ihren Körpern. Sie ist immer eine Objektivierung von Menschen. Ihr Kern ist die Zerstörung der Menschenwürde, auf die jeder Mensch ein Recht hat.

Ich wünsche mir von Herzen, dass Sie hier heute Abend nicht rausgehen und eben einen Vortrag gehört haben, sondern dass Sie nachdenken und das Thema nicht in die Ablage tun, sondern daran arbeiten. Die Menschen da draußen haben keine Zeit zu warten. Sie sind auf Sie angewiesen.

Ich weiß nicht, in welcher Gesellschaft Sie leben möchten, aber ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Kinderträume (wie damals auch meiner) nicht dadurch zerstört werden, dass sie auf dem Strich landen und aufwachsen als wären sie nur dazu da, sexuelle Bedürfnisse anderer befriedigen zu können. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der junge Männer mit dem Bild von Frauen aufwachsen, dass sie jederzeit für 10 Euro verfügbar sind, dass man sie kaufen, benutzen und danach wegwerfen kann. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die Gewalt benennt und ein Vorbild für junge Menschen ist, wie ich damals einer von ihnen war. Ich hätte einen Staat gebraucht, an dem ich mich hätte orientieren können, der mich geschützt hätte, zu einer Zeit, wo ich selbst nicht in der Lage war mich zu schützen. Bei mir ist es vorbei, meine Geschichte ist geschrieben, aber Deutschland kann für andere junge Menschen ein Vorbild werden, wenn es seine Richtung ändert und anfängt einen Weg zu beschreiten, der Respekt gegenüber Menschen, vor allem gegenüber Frauen, vermittelt, anstatt durch Liberalität an der falschen Stelle mit Gesetzen Missachtung und Gewalt zuzulassen und dadurch sogar noch zu bestätigen und zu verstärken.

Ich kann Frau Dr. Ingeborg Kraus nur Recht geben, wenn sie in einer ihrer Reden sagt:

Das deutsche Modell produziert die Hölle auf Erden.“[12]

Ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen und zugehört haben, dass Sie heute überhaupt gekommen sind und ich danke allen, die diesen Abend möglich gemacht haben.

 

 

[1]

http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FTEXT+REPORT+A7-2014-0071+0+DOC+XML+V0%2F%2FDE, https://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P7-TA-2014-0162+0+DOC+XML+V0//EN

[2]

http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FNONSGML+TA+P8-TA-2016-0227+0+DOC+PDF+V0%2F%2FDE.

[3]

http://semantic-pace.net/tools/pdf.aspx?doc=aHR0cDovL2Fzc2VtYmx5LmNvZS5pbnQvbncveG1sL1hSZWYvWDJILURXLWV4dHIuYXNwP2ZpbGVpZD0yMDcxNiZsYW5nPUVO&xsl=aHR0cDovL3NlbWFudGljcGFjZS5uZXQvWHNsdC9QZGYvWFJlZi1XRC1BVC1YTUwyUERGLnhzbA==&xsltparams=ZmlsZWlkPTIwNzE2.

[4]

https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Menschenhandel/menschenhandelBundeslagebild2017.html, S. 9.

[5]

https://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Service/StudienUntersuchungenFachbuecher/Abschlussbericht_Reformkommission_Sexualstrafrecht.pdf;jsessionid=3E7DBC04F3802D21B4C590E9A3A62217.2_cid334?__blob=publicationFile&v=1, S. 1063, 1064.

[6]

https://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Service/StudienUntersuchungenFachbuecher/Abschlussbericht_Reformkommission_Sexualstrafrecht.pdf;jsessionid=3E7DBC04F3802D21B4C590E9A3A62217.2_cid334?__blob=publicationFile&v=1 , S. 488.

[7]

www.prostitutionresearch.com/pdf/Prostitutionin9Countries.pdf.

[8]

https://www.bmfsfj.de/blob/84328/0c83aab6e685eeddc01712109bcb02b0/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf Teilpopulation 2, Erhebung bei Prostituierten, S. 85.

[9]

https://www.bmfsfj.de/blob/84328/0c83aab6e685eeddc01712109bcb02b0/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf Teilpopulation 2, Erhebung bei Prostituierten, S. 7.

[10]

https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52016DC0267&from=DE.

[11]

http://www.saarheim.de/Entscheidungen/VG%20Neustadt%20-%207%20L%201271aus92.htm, para. 11.

[12]

https://www.trauma-and-prostitution.eu/2017/01/03/das-deutsche-modell-produziert-die-hoelle-auf-erden/

Fachtagung „Die Loverboy-Methode“ + Beitrag von Nadine

 

Grenzüberschreitende Fachtagung von Hadassah an der Universität Saarbrücken zum Thema Loverboys am 14.4. ab 10:30 Uhr

Redner/innen:

Prof. Dr. Jens Vogelgesang, Kommunikationswissenschaften der Universität Stuttgart, Deutschland

Linda Terpstra, Leiterin des Schutzhauses fier, Niederlande

Karin Werkmann, Mitarbeiterin von fier, Niederlande

Viviane Wagner, Verantwortliche der Delegation Mouvement du Nid-Moselle, Frankreich

Inge Hauschildt-Schön, Bürgerinitiative Marburg, Deutschland

– Und ich bin auch dabei!

 

Hadasah

Hadasah2

Mehr dazu hier:

http://hadassah.website/


 

Und im Folgenden findet ihr noch einen kleinen Beitrag von Nadine. Sie war Prostituierte und ihr jetziger Freund half ihr aus der Prostitution raus. Sie hat ihre Geschichte in kurzen Abschnitten aufgeschrieben und möchte sie hier teilen. Ich drücke ihr die Daumen für ihr neues Leben – drückt mit! 🙂

 

Prostitution – Ein Job wie jeder andere!? (by Nadine)

Du hattest doch eine schöne Kindheit, nicht!? Du hattest doch alles! Jedes Spielzeug. Du durftest dich immer mit Freunden verabreden. In der Schule hattest du immer die besten Noten.

Ja. Bis zur weiterführenden Schule stimmt das auch irgendwie. Subjektiv betrachtet. Aber ich war einsam. Du hast mir nie gesagt, dass du mich liebst oder hast mich in den Arm genommen.

Du hast gesagt, du willst von zu Hause raus. Das kostet viel Geld Mädchen. Du liegst mir echt am Herzen, aber ich kann mich doch nicht um alles kümmern. Unser neues Leben kostet viel Geld. Du musst schon was machen. Prostitution. Hm? Na los!

Warum muss ich dir so viel Geld geben? Wofür? Ich weiß, dass du mich manipulierst. Du bist so viel älter als ich. Aber ich brauche dich so sehr. Ich habe doch niemand anderen. Bitte verlass‘ mich nicht!

Wieviel kostest du? Warum machst du es nicht ohne? Eigentlich müsstest du für mich bezahlen! Es ist mir egal, ob es dir weh tut – ich habe schließlich bezahlt. Du bist doch nur eine Nutte!

Schämst du dich nicht für dein Verhalten? Ich bin doch trotzdem ein Mensch! Aber irgendwie auch nicht. Ein Stück Fleisch, welches man benutzt. Ich darf keine Empfindungen haben, sonst gehe ich hier kaputt. Irgendwie wäre es egal. Ich bin mir egal.

Du bist so ein wunderbarer Mensch, das habe ich gleich bemerkt. Du kannst das schaffen! Ich helfe dir dabei. Ich liebe dich! Aufrichtig!

Du bist ein toller Mann. Einer von der Sorte, die ich bislang noch nicht kennen gelernt habe. Ich liebe dich auch! Ich fange an wieder Gutes zu fühlen. Aber dadurch fällt mir der Job nur noch schwerer. Ich kann nun nicht mehr ein totes Stück Fleisch sein.

Wie ist Ihr bisheriger beruflicher Werdegang? Was sind Ihre Stärken? Welches Ihre Schwächen? Aha. Prostitution!? Es tut uns sehr leid, aber das können wir als seriöses Unternehmen leider nicht vertreten. Vielen Dank für Ihre Bewerbung.

Das ist nicht fair! Ich habe Abitur. Ich bin hoch empathisch. Ich bin sehr zielstrebig und gut organisiert. Ich kann mich gut durchsetzen und besitze eine persönliche Reife von der andere träumen. Aber ich bin für unsere Gesellschaft nicht mehr tragbar. Eine ewige Hure also!?

 

Kommentar zu Nadines Text:

Hierzu fällt mir vor allem eine Sache für alle Arbeitgeber/innen ein: ein Opfer von sexueller Gewalt durch die Prostitution sollte man nicht ein zweites Mal zu einem Opfer machen, in dem man es für die Gewalt, die es erlebt hat, beschämt und ausschließt. Denkt mal darüber nach und werdet aktiv! Auch ihr könnt als Unternehmer/innen aktiv werden, in dem ihr euch über die Mechanismen der Prostitution informiert und Integrationsprogramme schafft, bei denen ihr beispielsweise genau für solche Betroffenen Praktika oder Arbeitsplätze anbietet. Unsere Gesellschaft, und damit meine ich ALLE, sollte dabei helfen, diese Menschen, die man damals im Stich gelassen hat, wieder zurück ins Leben zu holen!

Interview zu „Loverboy-Fällen“ mit Staatsanwalt Stefan Willkomm

 

Nachfolgend stelle ich ein gutes Interview mit Staatsanwalt Stefan Willkomm ein. Wir brauchen in Deutschland mehr Spezialkräfte wie ihn in Bezug auf die Verfolgung von Menschenhandelsfällen. Nur wer Bescheid weiß, wie Menschenhandel funktioniert, welche Formen es gibt, auf was man achten muss, etc… kann in diesem Bereich den Opfern helfen. Leider wissen viele aus Polizei und Justiz nicht Bescheid. Herr Willkomm ist hier ein Hoffnungsschimmer und hoffentlich ein Anreiz für andere, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir brauchen mehr spezialisierte Fachkräfte wie ihn, dann sähe unsere Statistik zu Menschenhandel auch ganz anders aus.

Hier das Interview:

„Stefan Willkomm führt seit dem 17. Juli die Anklage gegen einen mutmaßlichen Loverboy vor dem Landgericht Düsseldorf. Es ist der vierte Loverboy-Prozess in Düsseldorf innerhalb von zwei Jahren.

Was wissen Sie über die Vorgehensweise von Loverboys?

Stefan Willkomm: In unseren Verfahren haben wir die Erfahrung gemacht, dass Loverboys sich auf eine besondere Art junger Frauen konzentrieren. Sie versuchen, die ausfindig zu machen und über das Internet, soziale Medien oder Telefonchats Kontakt aufzunehmen. Dann probieren sie, bei den Frauen Interesse zu wecken und so zu tun, als würden sie diese Frau lieben. Wenn es dann zu einer Beziehung kommt, versucht der Loverboy, das Opfer vom Umfeld zu isolieren. Sie soll sich auf ihn fixieren. Im nächsten Schritt versucht er dem Mädchen immer wieder den Gedanken und die finanziellen Vorteile der Prostitution einzupflanzen, um sie dann irgendwann so weit zu bringen, dass sie der Prostitution nachgeht.

Welche Art von Mädchen ist interessant für Loverboys?

Mein Eindruck ist, dass sich Loverboys Mädchen suchen, die haltlos sind, die nach jemanden suchen, der ihnen diesen Halt im Leben gibt. Es gibt unterschiedlichste Geschichten, immer wieder Streit im Elternhaus und eine problematische Jugend. In dieser Situation wird das fehlende Selbstbewusstsein der Mädchen ausgenutzt, um so zu tun, als sei man der Halt in dieser Beziehung.

Wie haben sich die Opfer in den bisherigen Prozessen verhalten?

Also in den Verfahren, die wir hier in den letzten Jahren geführt haben, gab es das ganze Spektrum an Reaktionen von Opfern. Das beginnt damit, dass die Mädchen nicht glauben können, dass sie auf eine Masche reingefallen sind. Man muss sich vorstellen, dass die vorher Jahre in dieser geschaffenen Welt leben und das nicht einfach ist, wenn die Polizei und Staatsanwaltschaft sagen: stimmt so gar nicht, was dir da vorgespielt worden ist. Da gibt es teilweise auch eine Verweigerungshaltung. Die Mädchen wollen einfach nicht glauben, dass das so ist. Auch wenn man versucht, es ihnen mit objektiven Beweismitteln klar zu machen. Teilweise bricht dann die Welt für sie zusammen. Was für uns aber gut ist, weil sie dann kooperieren und uns ihre Seite der Geschichte erzählen. Teilweise herrscht auch eine gewisse Selbstverleugnung bei Opfern, weil sie sich nicht eingestehen wollen, dass sie auf sowas reingefallen sind.

Kommen Loverboys auch davon, wenn Geschädigte nicht aussagen?

Das passiert wahrscheinlich zigfach. Verfahren im Bereich Menschenhandel haben die höchsten Einstellungs- und Freispruchquoten von allen Deliktsfeldern. Es gibt einen hohen Anteil an Verfahren, die erst gar nicht angeklagt werden können, weil die Beweismittel nicht reichen und somit später auch nicht zu einer Verurteilung führen.

Und dann noch die Fälle, in denen gar nicht erst ermittelt wird, weil es keinen Anhaltspunkt dafür gibt. Wenn sie von außen auf ein Verhältnis zwischen Opfer und Täter blicken, ist für sie ja gar nicht unbedingt erkennbar, was dahinter an Manipulation und Täuschung steckt. Also ich glaube, dass unheimlich viele dieser tatsächlich vorkommenden Fälle niemals bei den Strafverfolgungsbehörden landen. Wenn wir dann doch Verfahren führen können, ist es oft so, dass das Opfer herausgefunden hat, dass es noch andere Frauen parallel gibt. Und sie dann zur Polizei geht, ihren Loverboy anzeigt und eine Aussage macht. Wir ermitteln dann und stellen fest, dass es weitere Geschädigte gibt. Ansonsten ist es extrem schwierig, ohne Opferaussagen die Verfahren so zu führen, dass man das, was wirklich passiert ist, nachweisen kann.

Was für Typen sind die Loverboys, gegen die Sie verhandelt haben?

Das sind extrem selbstbewusste Männer, die so einen gewissen Narzissmus haben. Die fühlen sich ganz toll, die müssen gewisse manipulative Fähigkeiten zwingend haben, um ihre Tat umzusetzen. Und durch dieses selbstbewusste Auftreten schaffen sie es auch, den Frauen ein Stück weit zu imponieren. Viele wollen diesen starken Partner, an den sie sich anlehnen können.

Und vom Bildungsgrad her?

Wir haben noch keine Verfahren gegen Beschuldigte geführt mit Hochschulabschluss oder Hochschulreife. Die kamen vom Bildungsgrad her eher aus dem mittleren, unteren Bereich. Wobei ich glaube, dass das in vielen Fällen durchaus intelligente Täter sind. Die müssen ja eine Beziehung zu vier Mädchen gleichzeitig verstehen, durchdenken und auch planen können. Ich würde keinen von den Loverboys, gegen die wir hier ermittelt haben, als unintelligent beschreiben.

Wir hatten einen Täter, der die Frauen in anonymen Telefonchats angesprochen hat. Auf eine ganz dreiste und direkte Art. Wenn die jungen Frauen sich nicht dagegen zur Wehr gesetzt haben, waren sie interessant für ihn. Der hatte einen Riecher dafür, welche Frau für ihn empfänglich sein könnte. An Frauen, die selbstbewusst dagegen gehalten haben, hatte er kein Interesse, weil er sofort erkannt hat, dass die für ihn nicht als Opfer taugen.

Sie sind als Staatsanwalt auf Menschenhandel spezialisiert. Hilft Ihnen das zu erkennen, ob es sich um eine Loverboy-Methode handelt?

Absolut. Wir bekommen ja keine fertigen Ermittlungsakten, sondern die Verfahren kann man nur führen, wenn man als Staatsanwaltschaft schon von Anfang an dabei ist. Quasi ab der ersten Aussage. Wenn die Geschädigten ihre Aussagen machen, klingen die erst mal so, als sei da keine Form von direktem Zwang angewendet worden. Da braucht man auch viel Psychologie, um die Tricks, die Einwirkungen und die Manipulation zu erkennen, denn die sieht man den Aussagen auf den ersten Blick oft nicht direkt an. Man muss sich dafür interessieren, sich weiterbilden, bis man hinter den Aussagen dieses Delikts-Phänomen erkennt.

Also einem Staatsanwalt, der sich nicht damit auskennt, kann das entgehen?

Es gibt bestimmt die Gefahr. Wie oft es in der Praxis passiert, weiß ich nicht. Aber wenn man da nicht geschult ist und das nicht erkennt, diese Tricks und die Manipulation die dahinter stehen, kann es dazu führen, dass ein Staatsanwalt das Verfahren nicht führt oder relativ früh einstellt.

Wie hoch waren die Haftstrafen in Ihren Prozessen?

Ich fang mal mit dem ersten Verfahren an, das ich geführt habe und das mich veranlasst hat, mich intensiver mit dem Thema auseinander zu setzen. Da ist es so gewesen, dass keine Verurteilung erfolgt ist, weil das Opfer nicht mehr zur Verfügung stand. Ich würde bestimmte Teile heute anders würdigen und wahrnehmen. Ab da habe ich mich tiefer in das Loverboy-Phänomen eingearbeitet. Es ist danach zu weiteren Verfahren gekommen mit Verurteilungen in Höhe von vier bis zu zehn Jahren.

Wie aufwändig ist es für einen Staatsanwalt, sich auf Loverboys zu spezialisieren?

Wenn man in dem Bereich arbeitet sollte man Fortbildungen zu dem Thema besuchen. Dann halte ich es für extrem wichtig eine Vernetzung mit den Leuten herzustellen, die den Bereich von anderen Seiten aus bearbeiten: mit Polizeibeamten, die sich auf das Loverboy-Phänomen spezialisiert haben. Und da mit den Leuten darüber sprechen, um zu verstehen, wie dieser Bereich funktioniert.

In Düsseldorf vier Loverboy-Prozesse in zwei Jahren – ist das viel?

Ja, wenn man die Statistik betrachtet und sagt: vier zur Anklage gebrachte Fälle in zwei Jahren an einem Landgericht, dann dürfte das deutlich überdurchschnittlich sein. Aber ich glaube nicht, dass in Düsseldorf die Situation im Bereich der Prostitution schlimmer ist als in anderen Städten. Es ist eher so, dass auch bei anderen Staatsanwaltschaften auffällt: Da, wo sich bestimmte Kollegen engagieren, können mehr Verfahren durchgeführt werden.

Worauf basiert die Anklage bei dem aktuellen Prozess, den Sie seit dem 17. Juli am Landgericht gegen einen mutmaßlichen Loverboy führen?

Die Anklage lautet: verschiedene Fälle von Menschenhandel zur ausbeuterischen Zuhälterei, dann eine Reihe von Körperverletzungsdelikten. Als Besonderheit in dem Verfahren gibt es noch eine Anstiftung zum Schwangerschaftsabbruch in einem Fall. Das sind die Haupt-Anklagevorwürfe gegen den Angeklagten.

Wie viele Opfer sind betroffen und wie viele Opfer sagen aus?

In dem Verfahren sind vier Opfer bekannt geworden, und ich gehe davon aus, dass alle vier auch in der Hauptverhandlung Aussagen machen werden. Alle vier haben gegenüber der Polizei und der Staatsanwaltschaft im Ermittlungsverfahren Aussagen gemacht.

Wie ist das Ganze aufgeflogen?

Das Ermittlungsverfahren, das zu der Hauptverhandlung geführt hat, hat durch die Aussage einer Geschädigten seinen Anfang genommen. Sie hat ihn verlassen, sich an die Polizei gewandt und hat da ihre Geschichte erzählt, was ihr in den Jahren davor passiert ist. Und dann hat man, an diese Aussage anschließend, begonnen zu ermitteln, was in der Vergangenheit passiert ist. Die Zeugin hatte da schon Angaben zu potentiellen weiteren Geschädigten gemacht. Was dann die Möglichkeit gibt, nicht nur in die Vergangenheit ermitteln zu müssen, sondern laufende Straftaten zu beobachten und zu dokumentieren.

Wird es in Zukunft mehr Prozesse gegen Loverboys geben?

Ich glaube, dass der Fokus der Polizei stärker drauf liegt und dass es in Zukunft noch eine ganze Reihe von Verfahren aus diesem Bereich geben wird, die zu führen sind.“

Quelle: http://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-loverboys/hintergrund/interview-staatsanwalt-stefan-willkomm-104~_seite-1.html

 

Präventionsarbeit zum Schutz vor „Loverboys“

 

Am 2.1.18 war ich mit Tabita von http://www.freethem.de/ in einer Jugendhilfeeinrichtung für Mädchen. Wir haben dort präventive Arbeit in Form von Aufklärung über „Loverboys“ geleistet und mit den Mädchen über Prostitution und Menschenhandel gesprochen, wie man sich am besten vor „Loverboys“ schützen kann, wie man sie erkennt, was ihre Methoden sind, etc… Tabita hatte die Mädchen im Rahmen ihres Projektes bereits vorher mit dem Thema vertraut gemacht. Danke Tabita und auch Carina von Freethem!

Diese Präventionsarbeit liegt mir sehr am Herzen. Wer in diesem Bereich Infos/Hilfe möchte (LehrerInnen, ErzieherInnen, SozialpädagogInnen, Hilfeeinrichtungen, etc…) kann sich gerne bei mir melden. Zusammen können wir ein Konzept erstellen, behutsam aufklären, vor allem die Risikogruppen, und damit versuchen besser zu verhindern, dass es Opfer in dem großen Ausmaß gibt. Es ist wichtig, junge Menschen vor so etwas zu warnen und zu schützen!

Mit freundlicher Erlaubnis von Tabita unten ein Foto von uns beiden. Meine liebe Hündin war auch mit dabei, die Mädchen haben sich sehr darüber gefreut und die Atmosphäre wurde dadurch noch entspannter. Tiere können eine sehr schöne Wirkung auf die verschiedensten Typen von Menschen haben. Wir konnten auch viel lachen, das ist wichtig, damit das Thema bei den Mädels nicht zu schwer im Magen liegt.

Ein glückliches und gesundes neues Jahr euch allen!

 

Tabita und Sandra 2 (2)

Rechts: Tabita; Links: Ich

Aktion „RotlichtAus“ in Marburg! – und die seelische Gewalt als Werkzeug der „Loverboys“

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Am 30.09.2017 fand eine Veranstaltung in Marburg statt. Auch ich war dort und habe einen Vortrag gehalten, den ihr weiter unten finden werdet.

Mit dem Vorspann (1.), der Zusammenfassung zur Veranstaltung (2.) und meinem Vortrag (3.) ist das hier ein ziemlich langer Blog-Eintrag – ich habe überlegt ihn zu kürzen, aber ich habe beschlossen, dass ich das nicht möchte, denn es ist alles wichtig und wer wirklich Interesse hat, vor allem etwas über „Loverboys“ und ihr gefährliches Hilfsmittel der seelischen Gewalt zu erfahren (und das Interesse sollte bestehen, denn es kann jedes Mädchen/(junge) Frau treffen!), wird sich die Zeit nehmen.

Wer also anfängt zu lesen, sollte ein bisschen Zeit haben oder lieber wann anders lesen.

1.Vorspann:

Der Veranstaltung vom 30.09. ging eine RotlichtAus-Plakataktion voraus:

„Zu verkaufen: Körper Freiheit Würde“ steht dort. Und weiter unten: „Bezahlsex zerstört Leben. Sag NEIN zu Prostitution.“ Dass diese Botschaft nun knapp zwei Wochen lang an 15 Marburger Plakatwänden die BürgerInnen erreicht, ist der „BI gegen Bordell“ zu verdanken… Sie sind Teil der Kampagne „RotlichtAus“. Das Konzept: Kommunen oder Initiativen, die ein Zeichen gegen die Verharmlosung des Handels mit der Ware Frau setzen und dabei besonders diejenigen ansprechen wollen, die mit ihrer „Nachfrage“ den Markt überhaupt erst schaffen – nämlich die Freier! – können die Motive anfordern. Da die Kampagnen-Motive schon entwickelt sind, halten sich die Kosten in Grenzen. 4.000 Euro hat Marburg investiert: Das SPD-geführte Stadtparlament beschloss, die Kampagne zu finanzieren…(Quelle: Aktion „RotlichtAus!“ in Marburg)

Hier ist die offizielle Pressemitteilung der Universitätsstadt Marburg:

Information und Diskussion „Prostitution: ein Beruf wie jeder andere?“

2.Zur Veranstaltung

Sabine Constabel hielt einen tollen Vortrag über die Wirklichkeit der Prostitution. Sie arbeitet seit über 2 Jahrzehnten als Sozialarbeiterin mit Prostituierten und kennt das menschenunwürdige System. Sie hat sehr viel über die Frauen, die meist sehr jungen Frauen aus Osteuropa erzählt, die auf diesem Markt verelenden. Sie hat die Mechanismen beschrieben, wie viele von ihnen hier landen. Oftmals werden sie aus dem Kinderheim geholt/gekauft und ihnen dann erzählt, dass die Prostitution nun ihr Teil ist, den sie als „Wiedergutmachung“ leisten/beitragen müssen. Sie hat von Familien erzählt, die ihre eigenen Kinder opfern und sie in die Prostitution schicken um die restlichen Familienmitglieder zu finanzieren – egal ob der Verluste und Risiken. Sie erzählte von den „Begleitern“, den Zuhältern, und räumt auf mit den Märchen über Prostitution.

Ich bin sehr froh, dass es Menschen gibt, die das System durchschauen können – und das kann Sabine Constabel. Sie gibt jenen unzähligen Menschen eine Stimme, die keine haben und immer noch im System festhängen. Das ist wertvoll und ich hoffe sehr, dass immer mehr Leute anfangen dieses System durchschauen zu können.

Wir sahen als nächstes eine tolle Filmzusammenfassung von Klaus Wölfle, TV-Redakteur beim bayerischen Rundfunk und Filmautor, mit dem Titel: „Verkauft, verschleppt, missbraucht“ – im Film gab es tolle Ausführungen von Michaela Huber, Psychotraumatologin und Psychotherapeutin, und Lutz Besser, Zentrum für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachsen.

Nach meinem Vortrag stellte dann Karen Ehlers noch die #RotlichtAus-Kampagne vor und erklärte, wie die Kampagne funktioniert, was sie bezwecken soll und sprach über weitere Kampagnenmotive. Hier gibt es eine tolle Präsentation: http://rotlichtaus.de/wp-content/uploads/2017/04/Praesentation-RotlichtAus.pdf

Bevor ich nun zu meinem Vortrag weiterleite, muss ich hier mal etwas ganz groß schreiben:

DANKE AN DIE GROßARTIGE STADT MARBURG, DIE DAS ALLES UNTERSTÜTZT HAT! DANKE AN FRAU INGE-HAUSCHILDT SCHÖN UND DER GANZEN BÜRGERINITIATIVE GEGEN BORDELL, DANKE AN DAS GANZE ROTLICHTAUS-TEAM UND DESSEN UNTERSTÜTZER UND UNTERSTÜTZERINNEN UND ALLEN MENSCHEN, DIE GEKOMMEN SIND UND SICH MIT DEM THEMA BESCHÄFTIGEN.

Welche Stadt möchte als nächstes diesen aufrüttelnden Schritt tun und ein Zeichen setzen?

3.Vortrag

(weil ich meine Redezeit einhalten wollte, hatte ich in Marburg das zweite Zitat von Manfred Paulus, das letzte Zitat von Sun Tsu und die Kommentierung dazu, ein Zitat vom Bundeskriminalamt sowie die Stellungnahme des Europarats und einen kleinen Teil des Europäischen Parlaments ausgelassen – hier ist nun alles komplett):

Ich möchte Ihnen heute ein paar Einblicke ins Innere des Prostitutionssystems geben und hierbei vor allem vom klassischen Menschenhandelsbereich auf eine andere Form des Menschenhandels zu sprechen kommen – es geht um die sog. „Loverboy“- Fälle.

Ich werde im Folgenden erstmal auf den Begriff des „Loverboys“ an sich eingehen, die eigentliche Problematik dieses Themas ansprechen, die „Loverboy“-Fälle dann strafrechtlich zuordnen und zum Schluss werde ich noch auf die Prostitution im Allgemeinen eingehen.

„Loverboys“ sind Zuhälter, die (jungen) Mädchen/Frauen gezielt Liebe vorspielen mit dem Ziel sie in die Prostitution zu treiben und in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie suchen gezielt und haben von Anfang an den Vorsatz den ins Auge gefassten Menschen mithilfe der Liebe zu ködern um ihn in die Prostitution zu führen, wo er ausgebeutet werden soll.

In letzter Zeit bin ich öfter der Frage begegnet: wie kann so etwas passieren? Am Anfang steht die vermeintliche Liebe und am Ende die Prostitution? In vielen und auch in meinem Fall war der Beginn der Prostitution daran gekoppelt, dem „Loverboy“ zu helfen, weil er vorgibt in Not zu sein und die Prostitution die einzige Chance sei das Geld aufzutreiben, ihn zu retten, er von einer gemeinsamen Zukunft spricht und sagt, dass alles besser werden würde. Es gibt aber hier verschiedene Vorgehensweisen.

Oftmals suchen diese Zuhälter gezielt an Schulen oder im Internet, weil das Plätze sind, an denen man sehr vulnerable Menschen antreffen kann – und vulnerable Menschen sind leichte Beute.

Bärbel Kannemann vom Verein „No Loverboys e.V.“, die in dem kürzlich ausgestrahlten, über „Loverboys“ handelnden ARD-Film „Ich gehöre ihm“ mitgewirkt hat, war 40 Jahre Kriminalbeamtin, setzt sich jetzt für Betroffene ein und macht Aufklärungsarbeit. Sie sagte mir, dass sie das jetzt seit ca. 8 Jahren macht und sich um die 1100 Betroffenen und Eltern gemeldet haben. Was ich sehr erschreckend fand war, als sie mitteilte, dass fast an jeder Schule, an der sie bisher einen Vortrag hielt, Opfer dabei waren und dass es an einer Schule sogar schon einmal 11 betroffene Mädchen waren. Das Alter geht von ca. 12-23 Jahren.

Ein Opfer erzählt folgendes:

„Er sprach mich vor der Schule an, nahm mich im Auto mit. Er hatte schöne Augen, schenkte mir CDs und schicke Sachen. Wir gingen aus. Immer nur nachmittags, damit ich zu Hause keinen Ärger bekam. Ich war verknallt in ihn.
Dann der erste Sex auf seiner Bude. Kurz danach kamen andere Jungen ins Zimmer, die mich streichelten. Es sei normal, dass seine besten Freunde auch Sex mit mir haben, sagte er. Heimlich wurde fotografiert. Bald zeigte er mir die Bilder und ich hatte Angst, dass meine Eltern sie sehen.“ [1]

Oftmals können dann Erpressungen wie diese in die Prostitution führen. „Wenn du nicht tust, was ich dir sage (sich zu prostituieren), zeige ich jemandem die Bilder/Videos“, etc…

Weiter heißt es: „Bald nach dem ersten Sex tischen „Loverboys“ z.B. die Geschichte mit den Schulden auf, die sie nur abzahlen könnten, wenn das Mädchen ein paar Mal mit Männern ins Bett geht. Aus ein paar Mal wird täglich, schließlich mehrmals täglich.“ [2]

Bärbel Kannemann sagt in einem Interview:

 „Die Masche funktioniert über emotionale Abhängigkeit“. „Die erste Kontaktaufnahme geschieht häufig auf dem Schulhof, vor Fastfood-Restaurants, aber mittlerweile in den meisten Fällen über soziale Netzwerke wie Facebook oder Badoo“. „Der Loverboy drängt sich Schritt für Schritt zwischen das Mädchen und dessen soziales Umfeld. Die Bindung an ihn wird immer enger, während Freundschaften und Kontakte zur Familie nach und nach zerbrechen. Diese soziale Isolierung läuft so lange, bis das Mädchen das Gefühl hat, dass ihr neuer Freund der Einzige ist, der es versteht.“ [3]

Es wird erst Vertrauen aufgebaut und danach kommt der Druck und zum Beispiel Sprüche wie:

„Ich habe Schulden und werde umgebracht, wenn ich sie nicht zurückzahle. Aber wenn du dich bereit erklären würdest, für mich mit einem Freund zu schlafen, werden mir die Schulden erlassen“. [4]

Auch Mädchen aus gutem Elternhaus sind betroffen. Dazu meint Kannemann:

„Grundsätzlich ist es schon so, dass Mädchen mit geringem Selbstwertgefühl stärker gefährdet sind und gezielt Mädchen kontaktiert werden, die ganz besonders nach Bestätigung, Aufmerksamkeit und Zuneigung suchen“. „Dass wie häufig angenommen vorwiegend Mädchen aus zerrütteten Familien zum Opfer werden, kann man allerdings nicht sagen. Im Gegenteil werden immer mehr Mädchen aus behütetem Elternhaus ausgesucht, die leicht erpressbar sind, weil man ihnen droht, der Familie etwas anzutun. Das wollen die Mädchen natürlich um jeden Preis vermeiden.“ „Es sind nicht mehr fast ausschließlich junge Männer mit Migrationshintergrund, die als Loverboy unterwegs sind, sondern immer häufiger deutsche Täter bzw. Täter aus allen möglichen Ländern.“  [5]

Ich selbst lernte meinen Zuhälter damals im Internet kennen. Ich hatte schwierige Verhältnisse zuhause und das Internet war eine Art Flucht aus der Realität. Wenn ich von der Schule kam stellte ich sofort den PC an und verbrachte sehr viel Zeit in verschiedenen Chatrooms. Irgendwann war er online und ich fing an mit ihm zu schreiben. Wir schrieben immer öfter, irgendwann jeden Tag, er wartete auf mich bis ich online kam und gab mir damit das Gefühl für mich da zu sein. Ich sprach mit ihm vermehrt über meine Probleme und er vermittelte mir Halt und Beständigkeit.

Es kam dann zu den ersten realen Treffen, wo er mich zum Essen eingeladen hat – er war um die 20 Jahre älter als ich und meine erste Liebe sowie der erste Mensch, mit dem ich dann auch Geschlechtsverkehr hatte.

Das mit der Prostitution fing erst ab da langsam an, wo er wusste, dass ich emotional an ihm hänge und er meine einzige Bezugsperson war. Am Wochenende fuhr ich vermehrt mit dem Zug in seine Stadt. Er begann mich auf seine Escort-Touren mitzunehmen, wo er eine Prostituierte zu einem Freier gefahren und draußen im Auto auf sie und sein Geld gewartet hat. Weiter nahm er mich in Bordelle seiner Freunde mit und wollte dann auch, dass ich anschaffen gehe.

Als ich mich davon distanzierte, weil ich es nicht wollte, war er schlagartig kalt, ein ganz anderer Mensch und begann mir nach und nach zu erzählen, er hätte große Schulden und stecke in Schwierigkeiten – ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mitbekommen, dass er mit sehr unspaßigen Leuten wie Hells Angels Mitgliedern zu tun hatte. Damals wusste ich nicht viel über seine Umstände, ich wusste nicht viel über das Rotlichtmilieu und seine genauen Kontakte, aber ich hatte Angst um ihn und Angst ihn zu verlieren.

Um das Ganze ein wenig abzukürzen – ich fing an für ihn anzuschaffen. Ich erinnere mich gut an eine Situation in einem Bordell mit Nachtbetrieb, wo eine Althure mich einarbeiten sollte. Ich wusste nicht, wie man ein Kondom benutzt. Das Bild habe ich genau vor Augen. Sie saß links von mir und demonstrierte an einem Freier, wie man das Kondom drüberzieht. Der Freier sah, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte sowie sexuell null Erfahrung – und er fand es toll, es hat ihn angemacht. Dazu muss ich sagen, dass ich zu dieser Zeit um sehr viel jünger aussah als ich eigentlich war. In der 12. Klasse des Gymnasiums brachte mich mein Zuhälter dann in den Oster – und Pfingstferien in einen Flat-Rate-Club eines Bekannten von ihm, wo ich mich für ihn prostituierte sowie ihm das Geld zum Abbezahlen seiner Schulden gab. In diesen 4-Ferienwochen hatte ich mit ca. 400 – 500 Männern Geschlechtsverkehr. Allein in 4 Wochen. Ich zog nach Ende der 12. Klasse zu ihm, auch weil ich von zuhause weg wollte – allerdings dachte ich nicht, dass ich mich weiter für ihn prostituieren würde. Als ich dort dann wohnte, wurde mir gesagt, ich könne natürlich nicht umsonst da wohnen, müsse arbeiten, es kamen unglaubliche Ausmaße von weiteren Schulden ins Spiel. Er sprach immer davon, dass nur noch dies und jenes bezahlt werden müsse und danach alles gut werde, aber es nahm nie ein Ende, es kam weiterer Druck hinzu, etc…

Ich wurde Vollzeitprostituierte und brach die Schule ab, weil ich dieses Doppelleben nicht führen konnte. Dass einen dann irgendwann nicht mehr die Liebe, sondern viele Abhängigkeiten, Verzweiflung und Ängste in der Prostitution halten, darauf werde ich später noch eingehen.

Die Frage ist aber erstmal: wie funktioniert dieser Anfang? Der Anfang, einen Menschen in die Prostitution zu bringen mit dem Druckmittel der Liebe. Was steckt hinter diesem ganz weit verbreiteten „Loverboy“-Phänomen, welches nicht nur ausländische, sondern auch viele deutsche junge Mädchen und Frauen betrifft?

Es ist eine Problematik, die sehr viel mit den Mechanismen von psychischer/seelischer Gewalt zu tun hat. Und dieses Thema, was ich gleich vertieft ansprechen werde, weil die „Loverboy“-Methode nur aufgrund der Ausübung von seelischer Gewalt Erfolg haben kann, ist ein sehr schwieriges Thema, weil diese Form von Gewalt nicht sichtbar ist und man oftmals Dinge, die man nicht sehen kann, nicht versteht und Gefahr läuft sie als nicht existent zu deklarieren. Wenn Ihr Kind beispielsweise von einem Zuhälter verprügelt wird, sehen Sie die blauen Flecken und wissen, dass etwas nicht stimmen kann. Wenn so ein Zuhälter aber anstatt auf physische Gewalt auf seelische Gewalt setzt und sich, wie es in diesen „Loverboy“-Fällen üblich ist, darum bemüht, dass nach außen hin nichts auffällt, dass im Falle von Schülerinnen diese weiter zur Schule gehen, die Hausaufgaben machen, sich normal verhalten sollen, etc… dann können Sie das zunächst nicht sehen, es bleibt unsichtbar. Erstmal. Die seelische Gewalt ist aber trotzdem da und wird gezielt eingesetzt um immer einen Schritt weiter zu gehen bis man den Menschen so destabilisiert hat, dass man ihn dort hinbekommt, wo man ihn von Anfang an haben wollte. In der Prostitution.

Es ist wichtig, dieses „Loverboy“-Thema noch mehr unter die Menschen zu bringen, was vor allem bedeutet, über genau das zu sprechen, woran sich diese „Loverboy“-Zuhälter bedienen: viele sagen sie bedienen sich lediglich der Naivität und Dummheit der Mädchen, aber das ist so nicht richtig. Sie bedienen sich seelischer Gewalt. Das ist ein großer Unterschied und das muss an – und ausgesprochen werden, denn um die Menschen, die sich in dieser Spirale befinden, erreichen zu können und um ihnen da raus zu helfen, ist es unbedingt nötig zu sehen, was da eigentlich passiert.

Deshalb möchte ich jetzt versuchen Ihnen die Ausmaße und das Verständnis von seelischer Gewalt vor allem hier im Hinblick auf die Prostitution und die „Loverboy“-Fälle etwas näher zu bringen.

Es gibt ein sehr gutes Buch von der französischen Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen. Es heißt „Die Masken der Niedertracht“ und behandelt das Thema seelische Gewalt auf mehreren Ebenen sehr intensiv und anschaulich. Ich bin auf dieses Buch durch eine etwas kuriose Art und Weise aufmerksam geworden.

Mein Zuhälter war auch ein ehemaliger Fremdenlegionär, also ein Krieger, ein Stratege. Es gibt ein sehr altes Buch über Kriegsstrategie, ein absoluter Klassiker. Es heißt „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Ich habe damals durch ihn von diesem Buch erfahren, weil er es aufgrund seiner Vergangenheit vergöttert hat, aber gelesen habe ich es erst nach meinem Ausstieg. Ich wollte wissen, warum er es so hochgepriesen hatte. Nachdem ich dann im Internet den Namen des Buchs gegoogelt habe, fand ich auch den Namen und das Werk dieser Psychotherapeutin, denn sie greift in ihrem Buch mehrmals Sun Tsus Aussagen auf und überträgt einige seiner Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Menschen. Es steckt in diesem Kriegsbuch unglaublich viel an psychologischen Taktiken und Vorgehensweisen, den Gegner in die Knie zu zwingen. Sehr interessant ist hier das „wie“. Ein Spruch von Sun Tsu ist folgender: Die größte Leistung besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen. Und er veranschaulicht in seinem Buch sehr gut, wie man das tun kann. Manchmal direkt, manchmal zwischen den Zeilen.

Ich möchte Ihnen einen Auszug aus Marie-France Hirigoyens Buch vorlesen, in dem sie erst einen Satz von Sun Tsu aufgreift und diesen dann kommentiert:

„Sucht siegreich zu sein, ohne Schlachten zu liefern (…). Bevor sie kämpften, versuchten sie (die Ahnen), die Zuversicht des Feindes zu schwächen, indem sie ihn demütigten, indem sie ihn kränkten, indem sie seine Kräfte schweren Prüfungen unterzogen (…). Bestecht all das, was das Beste bei ihm ist, durch Angebote, Geschenke, Versprechungen, untergrabt sein Selbstvertrauen, indem ihr seine tüchtigsten Männer zu schändlichen und gemeinen taten anspornt, und versäumt nicht, das unter die Leute zu bringen.“

 Bei einer perversen Aggression geht es um den Versuch, den anderen zu erschüttern, ihn zweifeln zu lassen an seinen Überzeugungen, seinen Empfindungen. Das Opfer verliert dabei das Bewusstsein seiner Identität. Es kann nicht denken, nicht verstehen. Das Ziel ist es, es zu negieren und dabei zugleich zu lähmen, damit das Auftreten eines Konflikts vermieden wird. Man kann es angreifen, ohne es zu verlieren. Es bleibt zur Verfügung. Dies geschieht unter doppeltem Druck: Etwas wird gesagt auf verbaler Ebene, und das Gegenteil wird ausgedrückt auf der nichtverbalen Ebene. Die paradoxe Äußerung besteht aus einer ausdrücklichen Botschaft und einem Hintergedanken, dessen Existenz der Aggressor abstreitet. Ein äußerst wirkungsvolles Mittel, den anderen zu destabilisieren! [6]

Auch der „Loverboy“ versucht die Mädchen/Frauen von ihren eigentlichen Empfindungen und Gefühlen zu spalten und wenn man sich die Kommunikationsebenen zwischen „Loverboys“ und ihren Opfern ansieht, dann ist es genau das, was die Autorin hier aufschlüsselt. Denn sehr oft ist es so, dass der „Loverboy“, nachdem er angefangen hat das Prostitutionsthema aufzuwerfen und sie zu drängen, sie solle sich prostituieren, zum Beispiel danach auf verbaler Ebene sagt, dass er ihr aber nicht zu viel zumuten möchte, er sie so stark liebt, eigentlich nicht teilen will mit anderen Männern, und er ihr aber gleichzeitig mit dem vorher Gesagten, seiner Miene und der nonverbalen Kommunikation, die hier gezielt manipulativ eingesetzt wird, vermittelt: „Wenn du dich nicht prostituierst, dann lässt du mich im Stich und bist Schuld daran, wenn (mir) etwas passiert.“ So werden bewusst Schuldgefühle im Mädchen geweckt, in dem Wissen, dass sie letztlich anfängt sich gegen ihren Willen zu prostituieren und das ist genau der Moment, von dem auch Sun Tsu spricht. Der Widerstand des Feindes (hier der Widerstand des Menschen, der sich eigentlich nicht prostituieren will, der aber in der Prostitution ausgebeutet werden soll) wird ohne einen Kampf gebrochen, ohne physische Gewalt – allein auf der Ebene von „perverser Kommunikation“, wie Marie-France Hirigoyen es nennt.

Viele Zuhälter, die ich kannte, waren Meister dieser Art von Kommunikation/Manipulation und sie geben diese Taktiken untereinander weiter.

Wichtig ist ebenfalls zu verstehen, wie der Zuhälter seine Beziehung zu dem Mädchen/der Frau aufbaut. Die Autorin des oben genannten Buches schreibt auch über die sog. „perverse Verführung“. Sie spricht von einer Vorbereitungsphase, während der das Opfer destabilisiert wird und zunehmend sein Selbstvertrauen einbüßt.

Ein Zitat hieraus:

„Es geht darum, es zunächst zu verführen, dann zu beeinflussen, schließlich der eigenen Macht zu unterwerfen und ihm dann jegliche Freiheit zu nehmen…“ [7] „Mit Wahn wie bei der verliebten Idealisierung, wo man sich, um die Liebe zu bewahren, weigert, die Fehler oder Schwächen des anderen zu sehen, hat das alles nichts zu tun, es ist Einverleibung – mit dem Ziel zu zerstören… [8] „Beherrschender Einfluss oder Dominanz: das ist die geistige oder seelische Bevormundung in einem Abhängigkeitsverhältnis. Die Macht verführt den anderen, er wird hilflos, er kann gar nicht anders als einwilligen und zustimmen. Dies erfordert unter Umständen verschleierte Drohungen oder Einschüchterungen, denn er muss geschwächt werden, um ihm die eigenen Ansichten aufzwingen zu können.“ [9]

„Das Opfer ist in einem Spinnennetz gefangen, zur Verfügung gehalten, psychologisch gefesselt, betäubt. Ihm ist oft nicht einmal bewusst, dass ein Übergriff stattgefunden hat… Weil er die Wünsche des anderen ausschaltet und all seine Eigentümlichkeit beseitigt, hat der beherrschende Einfluß diese unleugbar zerstörerische Komponente. Nach und nach findet das Opfer seine Widerstandskraft und seine Widerspruchsmöglichkeiten aufgerieben…“ [10]

Übertragen auf die „Loverboy“-Fälle läuft das auch so ab.

Der „Loverboy“ ist meist älter als das Mädchen oder die Frau, es besteht ein großes Machtgefälle, nachdem er Vertrauen hergestellt hat besitzt er beherrschenden Einfluss und setzt sie unter Druck, gibt zum Beispiel Schulden vor.

Wenn es das erfordert, kommen Drohungen oder Einschüchterungen ins Spiel, sie kann auch mit Bildern oder Sonstigem erpresst werden. Sie wird durch verschiedene Vorgehensweisen geschwächt und gefügig gemacht. Sie wird psychologisch gefesselt.

Das ist die Anfangsstrategie. Am Anfang also wird die Liebe benutzt um die Mädchen und Frauen in die Prostitution zu bringen. Doch was geschieht dann? Die Autorin schreibt einen wichtigen Satz in ihrem Buch:

„Zunächst gehorchen sie, um ihrem Partner Freude zu bereiten oder um ihn aufzurichten, weil er unglücklich aussieht. Später werden sie gehorchen, weil sie Angst haben.“ [11]

Wenn das Mädchen/die Frau den „Loverboy“ kennenlernt, hat sie allein Gefühle der Liebe, was sich dann mit der Prostitution ändert.

Dem Gefühl der Liebe folgen Gefühle wie Verzweiflung, Ungewissheit und Angst. Nach dem Umzug zu meinem „Loverboy“ rutschte ich vom alltäglichen Schulleben in die Milieu-Kriminalität, hatte mit Hells Angels und weiteren zu tun.

Sie bekommen mit diesen Menschen innerhalb des Milieus keine Probleme, solange sie sich an die Regeln halten. Und diese Regeln haben nichts gemeinsam mit normalgesellschaftlichen Regeln. Manfred Paulus, Ex-Kriminalhauptkommissar, drückt es so aus:

Diese Milieugesetze sind von größter Bedeutung. In der Parallelgesellschaft Rotlichtmilieu finden die Spielregeln und Normen der Allgemeinheit und ihre Gerichtsbarkeit keine Anerkennung. Das Milieu hat eigene Wertvorstellungen, eigene Spielregeln, eigene Gesetze. Es hat eigene Ermittler, eigene Richter und wenn erforderlich auch eigene Henker.“ [12]

Diese Aussage kann ich zu 100 % bestätigen.

Was ich häufig bei Prostituierten gesehen habe ist, dass sie funktionieren, weil sie wissen, was in diesen Kreisen mit Menschen passieren kann, wenn sie nicht funktionieren, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Auch hier haben wir seelische Gewalt, denn es werden oft gezielt Anspielungen auf mögliche Konsequenzen gemacht. Es ist ein Ertragen der Situation aus Angst vor der Ungewissheit, was ansonsten passiert. Und diese Kreise von denen ich spreche, um es auf den Punkt zu bringen, ist die organisierte Kriminalität. Und sie kommt nicht nur vereinzelt vor, ich habe sie überall gesehen, sie steuert das komplette Milieu. Manfred Paulus sagt dazu:

Frauenhandel mit dem Ziel der Sexsklaverei ist seit jeher, spätestens jedoch seit den Grenzöffnungen nach Osten hin, ein Betätigungsfeld von Tätergruppierungen, die dem Organisierten Verbrechen zuzuordnen sind. Und Deutschland lädt diese viel beschriebenen und zurecht gefürchteten OK-Gruppierungen durch seine zentrale geografische Lage, seine wirtschaftlichen Gegebenheiten, seine hohe Nachfrage nach illegalen Gütern (so auch nach den Opfern dieses Marktes) und nicht zuletzt durch seine anhaltend täterfreundlichen (gesetzlichen) Bedingungen geradezu ein. Und diese Gruppierungen nehmen die Einladung seit Jahren dankend und in hohem Maße an.“ [13]

Um auf das Thema seelische Gewalt zurückzukommen und es zum Abschluss zu bringen, hier noch ein Zitat aus Sun Tsus Buch, welches im Hinblick auf die Prostitution den Nagel auf den Kopf trifft:

„Bringe deine Soldaten in Positionen, aus denen es keinen Fluchtweg gibt, und sie werden den Tod der Flucht vorziehen. Wenn sie den Tod vor sich sehen, gibt es nichts, was sie nicht erreichen können. Wenn es keinen Fluchtweg gibt, bleiben sie standhaft… Wenn sie keine Hilfe erwarten, werden sie hart kämpfen. So bleiben die Soldaten, ohne Befehle zu erwarten, ständig wachsam, und sie tun, was du willst, ohne angeleitet zu werden; sie werden ohne Vorbehalte treu sein; du kannst ihnen trauen, ohne Befehle geben zu müssen.“

Das ist ein sehr bedenkliches Zitat, aber es passt „übersetzt“ leider wie angegossen auf die Situation vieler Prostituierter: Prostituierte werden in eine Position gebracht, aus der sie keinen Ausweg mehr sehen (sie haben also keinen Fluchtweg). Wenn sie keinen Fluchtweg sehen, können sie logischerweise nicht fliehen, sitzen fest und müssen ertragen, was da mit ihnen passiert. Sie müssen jeden Tag ertragen von fremden Menschen penetriert und gedemütigt zu werden. Weil sie den Ausweg nicht finden, bleiben sie standhaft… denn sie haben keine andere Wahl. Sie erwarten keine Hilfe und werden deswegen hart kämpfen um zu überleben. Ohne diesen Fluchtweg zu haben bleiben sie gezwungenermaßen wachsam und tun, was von ihnen gewollt wird, ohne angeleitet zu werden; sie werden ohne Vorbehalte treu sein; man kann ihnen trauen, ohne Befehle geben zu müssen.

Die Ausmaße von seelischer Gewalt können enorm sein. Zum Abschluss möchte ich die Autorin nochmal zu Wort kommen lassen:

„Auch wenn sie nonverbal, versteckt, unterdrückt bleibt, die Gewalt ist dennoch da: im Unausgesprochenen, in den Anspielungen, in den absichtlichen Auslassungen, und dadurch überträgt und erzeugt sie Angst.“ [14]

Wenn mir heute so jemand unter die Augen treten würde, hätte derjenige keine Chance, aber viele vor allem junge Menschen haben diese Widerstandskraft noch nicht entwickelt, sind leicht zu manipulieren, und es ist wichtig zu versuchen sie davor zu bewahren und zu versuchen, diejenigen, die betroffen sind, da rauszuholen. Das schafft man aber nicht, wenn man sagt sie seien aufgrund von Naivität und Dummheit selbst schuld daran in der Prostitution gelandet zu sein.

Von den „Loverboys“ bekommen sie vermittelt: „Wenn mir etwas passiert, weil du dich nicht prostituierst, bist du Schuld.“ Wenn dann noch von Stimmen aus unserer Gesellschaft kommt: „Du bist selbst schuld, wenn du darauf reinfällst, wenn du das machst“, dann ist das ein doppelter Schuldzuspruch und der Schuldzuspruch der Gesellschaft kommt den Zuhältern/Menschenhändlern zu Gute – sie nutzen ihn für sich, weil er, wenn auch unbewusst, bewirkt, dass sich die Betroffenen dann komplett in ihrer Schuld gefangen fühlen und eher in dem System verharren als gäbe es eine Gesellschaft, die sich klar positioniert und sagt: „Nein, du bist nicht schuld, wir reichen dir die Hand ohne dir Vorwürfe zu machen.“

Das Projekt „Liebe ohne Zwang“ [15] beinhaltet einen Workshop, der an Schulen durchgeführt werden kann und versucht, junge Menschen für diese „Loverboy“-Thematik zu sensibilisieren. Es braucht mehr von solchen Initiativen. Im Alltag erfahre ich leider von vielen jungen Leuten, dass auch sie nicht wissen, wo es im Bezug auf Liebe eine Grenze zu setzen gilt und dass ein Mensch, der sie liebt, niemals verlangen würde Dinge zu tun, die ihre Grenzen überschreiten. Ihnen dieses Gespür und die Selbstsicherheit dafür zu vermitteln, nicht über die eigenen persönlichen Grenzen für jemand anderen hinausgehen zu müssen, ist essenziell.

Nun möchte ich auf den nächsten Punkt eingehen und damit das Strafrecht ins Spiel bringen. „Loverboy“-Delikte werden strafrechtlich geahndet. Das Bundeskriminalamt listet sie im Bereich des Menschenhandels auf:

„Häufige Tatbegehungsform durch die Täter ist die „Loverboy-Methode“. Betroffene hiervon sind oft minderjährige Mädchen und junge Frauen aus allen Gesellschaftsschichten. Sie werden von „Loverboys“ angesprochen und zunächst vorgegaukelt, die Männer seien in sie verliebt. Die „Loverboys“ geben ihnen Aufmerksamkeit, Komplimente, Zuneigung und oft auch Geschenke. Gleichzeitig machen sie die Opfer emotional abhängig und entfremden sie ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis. Später verleiten oder zwingen sie sie zur Prostitution. Oft gaukeln sie ihren Opfern vor, das so verdiente Geld zum Aufbau einer gemeinsamen Zukunft verwenden zu wollen. Die Opfer sind oft schwer zu erkennen, da sie sich häufig selbst nicht als Opfer wahrnehmen.“ [16]

Wie im klassischen Menschenhandelsbereich gibt es auch hier nur selten Prozesse, von den Verurteilungen ganz zu schweigen.

Warum gibt es so viele Zuhälter/Menschenhändler, die sich vermehrt so verhalten? Die Frage ist relativ einfach zu beantworten. Sie benutzen die „Loverboy“-Methode, weil es der sicherste und wahrscheinlichste Weg ist eine Strafbarkeit zu umgehen, weil sie so am Unsichtbarsten bleiben können und sich hinter der vermeintlichen Freiwilligkeit der Prostituierten verstecken können.

Helmut Sporer von der Kriminalpolizei Augsburg, der in dem Bereich tätig ist, sagt folgendes:

Der Loverboy-Zuhälter ist denke ich der Intelligentere als der brutale Zuhälter, der eben physische Gewalt ausübt, weil er auch schwieriger zu fassen ist und weil die Beweisführung schwieriger ist – die Abgrenzung zwischen Freiwilligkeit, was macht das Mädchen aus eigenem Antrieb, oder nur weil es ihr Freund, den sie liebt und der sie täuscht, sie dazu manipuliert, das ist ganz ganz schwierig rauszuarbeiten bei Verfahren, bei Vernehmungen.“ [17]

Wie sind „Loverboy“-Fälle gesetzlich genau zuzuordnen? Ich möchte hier kurz auf den aktuellen Menschenhandelsparagraphen eingehen (und hier ist besonders auf das Tatbestandsmerkmal der „List“ zu achten, denn bei Anwendung dieses Tatmittels werden auch Personen ab 21 Jahren geschützt – unter 21 Jahren braucht es ein solches Tatmittel gar nicht und ein „anwerben, befördern, weitergeben, beherbergen oder aufnehmen“ genügt).

In § 232 StGB heißt es in Abs. 1:

„Mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer eine andere Person unter Ausnutzung ihrer persönlichen oder wirtschaftlichen Zwangslage oder ihrer Hilflosigkeit, die mit dem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist, oder wer eine andere Person unter einundzwanzig Jahren anwirbt, befördert, weitergibt, beherbergt oder aufnimmt, wenn

  1. diese Person ausgebeutet werden soll

          a) bei der Ausübung der Prostitution…“

In Abs. 2 heißt es:

Mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren wird bestraft, wer eine andere Person, die in der in Absatz 1 Satz 1 Nummer 1 bis 3 bezeichneten Weise ausgebeutet werden soll,

  1. mit Gewalt, durch Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List anwirbt, befördert, weitergibt, beherbergt oder aufnimmt oder“

Mit dem Änderungsgesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Menschenhandels vom Oktober 2016 steht im § 232a StGB die Zwangsprostitution und in § 232a Abs. 3 StGB findet man auch das Tatbestandsmerkmal der „List“:

„Mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren wird bestraft, wer eine andere Person mit Gewalt, durch Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List zu der Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution oder den in Absatz 1 Nummer 2 bezeichneten sexuellen Handlungen veranlasst.“

In der Gesetzesbegründung zu § 232a StGB wird ausdrücklich bemerkt, dass die Rechtsprechung bei den sog. „Loverboy“-Fällen das Tatbestandsmerkmal der List angenommen hat (BT-Drs. 18/9095, 34). [18]

In der Gesetzesbegründung heißt es: „Dazu ist auf Rechtsprechung hinzuweisen, die das Tatbestandsmerkmal der List bejaht, wenn der Täter mit Hilfe der „Loverboy“-Masche (vgl. zu dieser Fallgestaltung die Begründung zu § 232 Absatz 2 Nummer 1) günstigere Voraussetzungen dafür schafft, das Opfer in die Prostitution zu bringen. Entscheidend sind danach das gezielte Vorgehen und die Einflussnahme im Vorfeld der Prostitutionsaufnahme. So werden häufig Mädchen und Frauen umworben, die aus prekären familiären, sozialen und finanziellen Situationen kommen. Wenn der Täter durch Geschenke, Einladungen und dem Vorspielen einer Liebesbeziehung bis hin zu dem Versprechen einer gemeinsamen Zukunft das Opfer aus der familiären Bindung löst oder zum Abbruch einer Ausbildung oder zur Aufgabe einer Berufstätigkeit bringt, oder auf sonstige Weise seinen Einfluss mehrt, dann schafft er damit zunächst eine günstige Situation zur Aufnahme der Prostitution, danach erfolgt die Ansprache des Täters, dass das Opfer für eine gemeinsame Zukunft Geld verdienen müsse und dies mit Prostitution gut zu verdienen sei.“ [19]

Oftmals liegt dann auch ausbeuterische Zuhälterei vor, wenn der „Loverboy“ das Mädchen/die Frau nicht allein zum Obigen veranlasst, sondern sie dann eben noch selbst in der Prostitution ausbeutet.

Da diese Veranstaltung aber nicht „LoverboyAus“, sondern „RotlichtAus“ heißt, möchte ich zum Abschluss auch noch etwas Generelles über Prostitution sagen und mich hier ganz klar für ein Sexkaufverbot nach dem sog. „Nordischen Modell“ positionieren. Warum das?

In 6 Jahren Prostitution und Rotlichtmilieu habe ich sehr viel erlebt und gesehen. Keinen Club ohne Menschenhandel, keinen Club ohne Zuhälterei, keinen ohne Zwangsprostitution und keinen ohne Gewalt. Warum gibt es all das in dem Ausmaß, wie wir es hier in Deutschland haben? Aufgrund der Legalität von Sexkauf gibt es eine extrem hohe Nachfrage, unzählige an Menschen, die Sex kaufen, weil sie Sex kaufen können. Diese immense Nachfrage gilt es zu decken und das ist ein absolut lukratives Geschäft für Menschenhändler. Je mehr Nachfrage besteht, desto mehr Geld können sie verdienen.

Das Europäische Parlament spricht in seiner Entschließung bzgl. der Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels vom 12. Mai 2016 auch diese Nachfrage an:

„in der Erwägung, dass die Nachfrage nach Frauen, Mädchen, Männern und Jungen im Prostitutionsgewerbe ein entscheidender Sogfaktor für Menschenhandel zwecks sexueller Ausbeutung ist;…

 in der Erwägung, dass die Arten von Prostitution, bei denen Opfer von Menschenhandel am ehesten zu finden sind, wie etwa die Straßenprostitution, in Ländern, die den Kauf von Sex sowie Aktivitäten, die der Erzielung von Gewinnen aus der Prostitution anderer dienen, unter Strafe gestellt haben, zurückgegangen sind;…

in der Erwägung, dass der Menschenhandel mit Frauen, Mädchen, Männern und Jungen zu Zwecken der sexuellen Ausbeutung in den Ländern, in denen die Nachfrage, einschließlich Zuhälterei und des Erwerbs sexueller Dienstleistungen, inzwischen strafrechtlich verfolgt wird, zurückgegangen ist;…

stellt fest, dass ein gemeinsames Verständnis der Mitgliedstaaten im Hinblick darauf fehlt, was die Nachfrage nach Ausbeutung ausmacht, und fordert die Kommission und die Mitgliedstaaten auf, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach skandinavischem Vorbild vorzulegen und gleichzeitig die Sensibilisierung für alle Formen des Menschenhandels, insbesondere sexuelle Ausbeutung, zu erhöhen…

weist auf die Daten hin, die die abschreckende Wirkung der Kriminalisierung des Kaufs sexueller Dienstleistungen in Schweden belegen; betont die normative Wirkung dieses Regulierungsmodells und sein Potenzial, die Haltung der Gesellschaft zu ändern, um die Nachfrage nach Dienstleistungen der Opfer des Menschenhandels insgesamt zu verringern;…“ [20]

Es ist denklogisch nachzuvollziehen, dass das System bei Reduktion der Nachfrage verkleinert werden kann. Wäre es für meinen Zuhälter nicht so lukrativ und so offensichtlich einfach gewesen mit mir Geld zu verdienen, hätte er das nicht getan. Natürlich wird es immer Menschen geben, die es trotzdem versuchen und tun, aber die Anzahl derer würde mit einem Sexkaufverbot niedriger.

Das Europäische Parlament hat in einem Bericht von 2014, dem sich eine Resolution angeschlossen hat, auch folgendes geschrieben:

„Prostitution ist eine sehr offensichtliche und besonders verabscheuenswürdige Verletzung der Menschenwürde. Da die Menschenwürde in der Charta der Grundrechte ausdrücklich erwähnt wird, ist das Europäische Parlament verpflichtet, über die Prostitution in der EU zu berichten und zu prüfen, auf welche Weise die Gleichstellung der Geschlechter und die Menschenrechte in dieser Hinsicht gestärkt werden können… Es liegen immer mehr Beweise dafür vor, dass mithilfe des „Nordischen Modells“ die Prostitution und der Frauen- und Mädchenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können.

Unterdessen sehen sich die Länder, in denen die Zuhälterei legal ist, nach wie vor mit Problemen konfrontiert, die den Menschenhandel und das organisierte Verbrechen im Zusammenhang mit der Prostitution betreffen. Deshalb wird in diesem Bericht das „Nordische Modell“ unterstützt, und die Regierungen der Mitgliedstaaten, die beim Umgang mit der Prostitution einen anderen Ansatz verfolgen, werden aufgefordert, ihre Rechtsvorschriften vor dem Hintergrund der Erfolge in Schweden und in den anderen Ländern, die dieses Modell angenommen haben, zu überprüfen. Auf diese Weise könnten erhebliche Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter in der Europäischen Union erzielt werden.“ [21]

Und etwas, was ganz wichtig ist, erwähnt das EU-Parlament hier auch noch, weil seitens der Prostitutionslobby immer argumentiert wird, man würde Prostituierte mit einem Sexkaufverbot stigmatisieren. Nein, das ist falsch:

Dieser Bericht ist nicht gegen Frauen gerichtet, die als Prostituierte arbeiten. In dem Bericht wird gegen die Prostitution, aber zugunsten der Prostituierten argumentiert. Mit der Empfehlung, dass der Käufer – d. h. der Mann, der Sex kauft – als der Schuldige betrachtet wird, und nicht die Prostituierte, stellt dieser Bericht einen weiteren Schritt auf dem Weg zur vollständigen Gleichstellung der Geschlechter in der gesamten Europäischen Union dar.“ [22]

Auch der Europarat nimmt 2014 in einer Resolution Stellung:

„consider criminalising the purchase of sexual services, based on the Swedish model, as the most effective tool for preventing and combating trafficking in human beings;… (zu deutsch: betrachtet die Kriminalisierung des Kaufs von sexuellen Diensten, basierend auf dem schwedischen Modell, als das wirksamste Instrument zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels;…)

if they have legalised prostitution:

raise general public awareness of the need to change attitudes towards the purchase of sexual services and to reduce the demand… (zu deutsch: wenn Prostitution legal ist, schärfen sie das Bewusstsein der Menschen, die Einstellung im Hinblick auf den Kauf von sexuellen Dienstleistungen zu ändern und die Nachfrage zu reduzieren…) “ [23]

Warum die Freier bestrafen und nicht die Prostituierten? Sie sind in der Lage zu entscheiden, sie haben immer die Wahl zu kaufen oder zu gehen. Sie sind immer frei, während der Großteil der Prostituierten diese Wahl, zu gehen oder sich zu prostituieren, nicht hat.

Wenige reden über Freier, darüber, wie Prostitution, egal ob gezwungen oder freiwillig, in der größten Mehrheit stattfindet. Es ist aber wichtig, sich auch auf die Freier zu fokussieren, denn letztlich sind sie es, die die Prostituierten im Zimmer brechen.

Ich habe sehr lange in einem Bordell mit Nachtbetrieb als einzige Deutsche gewohnt, weil ich dort als Prostituierte tätig war, und habe auch viele Zimmergänge mit Freiern und anderen Prostituierten zusammen ausgeführt, auch mit welchen, die keinen Zuhälter hinter sich stehen hatten und wie viele sagen würden, es freiwillig getan haben. Und glauben Sie mir, wenn ich von dem weg gehe was ich selbst am eigenen Körper erlebt habe, werde ich diese Bilder von Verachtung, von Gewalt, von Brutalität der Freier gegenüber den anderen Prostituierten niemals vergessen. Und ich frage Sie: wenn dort eine Frau, zu gepumpt mit Alkohol und oft auch weiteren Drogen, um das ertragen zu können, leblos auf dem Bett liegt und sich zur Verfügung stellt, sich gewaltvoll penetrieren und demütigen lässt, weil sie sich bereits aufgegeben hat und dabei innerlich immer weiter zerbricht, ist das etwas, was man als Gesellschaft zulassen kann, zulassen möchte? Ist das Freiwilligkeit, die man mit Reglementierungen in den Griff kriegt? Ist das vereinbar mit der Menschenwürde?

Bei all der Gewalt, die ich durch Freier erlebt habe, denke ich auch, dass es für viele von ihnen ein Hilfsmittel sein kann, eine Vorgabe vom Gesetzgeber zu haben, dass es nicht in Ordnung ist Sex zu kaufen, denn glauben Sie nicht, dass alle nach so manch einer Gewalttat immer glücklich nachhause gegangen sind. Die meisten Freier haben sich zwar nicht für das Leid der Prostituierten interessiert, es war ihnen schlicht egal und manche von ihnen ergötzten sich noch daran. Allerdings gab es auch solche, die sich nach dem Akt vor dem Spiegel anzogen, hineinblickten und davor erschraken, zu was sie eigentlich fähig sind und was sie hier eigentlich tun. Spiegel Online hat im August einen Artikel über mich veröffentlicht und danach bekam ich viele Mails von Freiern und es gab auch einige Diskussionen. In einigen Beiträgen davon habe ich genau die Art von Freiern wieder erkannt, die damals vor diesem Spiegel standen. In den Kommentaren und Mails schrieben sie mir, dass es ihnen leid tut und dass sie eigentlich immer im Gefühl hatten, dass viele Prostituierte, bei denen sie waren, schrecklich darunter gelitten hätten, sie es als Freier aber nicht wahr haben wollten, sie es sich schön geredet haben, weil überall verkauft wird, dass Prostitution doch ein ganz normaler Beruf sei.

Ich glaube, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft wissen oder ahnen, dass Prostitution in der großen Mehrheit nicht das ist, was ihnen oft verkauft wird. Und ich würde mir wünschen, dass sie das nicht nur im Stillen denken, sondern aufstehen und wie hier in Marburg etwas tun.

Deshalb möchte ich danke sagen an Marburg und allen, die diese Veranstaltung und die Plakataktion ins Leben gerufen und organisiert haben. Vor der Veranstaltung haben wir uns die ganzen RotlichtAus Plakate in der Stadt angesehen und das war wirklich überwältigend, denn diese Plakate sind nicht nur ein Zeichen an unsere Gesellschaft und an die Freier, dass in diesem Bereich eben doch nicht alles in Ordnung ist, sondern sie sind auch ein Zeichen für die sich noch prostituierenden Menschen, die unerträgliches an Leid erleben, dass da draußen jemand ist, der um ihr Leid Bescheid weiß, der sie versteht und versucht, etwas zu verändern, etwas zu verbessern, der hinsieht anstatt wegzusehen, der sie nicht allein lässt – und das gibt Hoffnung!

Unbenannt

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Fußnoten:

[1] http://www.no-loverboys.de/loverboys/wer-ist-ein-loverboy/

[2] siehe Fußnote 1

[3] https://www.polizei-dein-partner.de/nc/themen/internet-mobil/detailansicht-internet-mobil/artikel/die-loverboy-methode.html

[4] siehe Fußnote 3

[5] https://www.polizei-dein-partner.de/nc/themen/internet-mobil/detailansicht-internet-mobil/artikel/die-loverboy-methode.html?tx_ttnews[sViewPointer]=1

[6] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 132/133

[7] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 115

[8] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 116

[9] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 117

[10] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 117/118

[11] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 118

[12] https://www.kriminalpolizei.de/ausgaben/2011/juni/detailansicht-juni/artikel/rotlicht-und-organisierte-kriminalitaet.html

[13] siehe Fußnote 12

[14] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 121

[15] https://liebe-ohne-zwang.de/

[16] https://www.bka.de/DE/IhreSicherheit/RichtigesVerhalten/VerdachtDesMenschenhandels/verdachtDesMenschenhandels_node.html

[17] Verliebt, verführt, verkauft /Reportage & Doku/ https://www.youtube.com/watch?v=HeYSSyeAujc

[18] BeckOK StGB/Valerius, 35. Ed. 1.8.2017, StGB § 232 Rn. 41-45

[19] http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/090/1809095.pdf

[20] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FNONSGML+TA+P8-TA-2016-0227+0+DOC+PDF+V0%2F%2FDE

[21] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FTEXT+REPORT+A7-2014-0071+0+DOC+XML+V0%2F%2FDE, https://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P7-TA-2014-0162+0+DOC+XML+V0//EN

[22] siehe Fußnote 21

[23] http://semantic-pace.net/tools/pdf.aspx?doc=aHR0cDovL2Fzc2VtYmx5LmNvZS5pbnQvbncveG1sL1hSZWYvWDJILURXLWV4dHIuYXNwP2ZpbGVpZD0yMDcxNiZsYW5nPUVO&xsl=aHR0cDovL3NlbWFudGljcGFjZS5uZXQvWHNsdC9QZGYvWFJlZi1XRC1BVC1YTUwyUERGLnhzbA==&xsltparams=ZmlsZWlkPTIwNzE2