Prostitution & Trauma

Ich habe angezeigt – Ermittlungsverfahren gegen meinen Menschenhändler nach über 2 Jahren eingestellt

Dieser Text wird etwas länger. Kürzer geht einfach nicht. Ich habe dem Tag entgegen gefiebert, ihn zu schreiben. Diese Sache bzw. dass überhaupt ein Ermittlungsverfahren lief, das war bis jetzt nicht öffentlich. Es geht um ein bedeutendes Thema. Wer den Text beginnt, sollte ihn bis zum Ende lesen und bei zu wenig Zeit lieber später nochmal vorbei schauen und ihn dann komplett lesen. Es geht um ein wichtiges Kapitel meines Lebens, aber vielmehr noch geht es vor allem auch um allgemeine Dinge im Bereich der Strafverfolgung speziell im Bereich Menschenhandel und der Loverboy-Methode sowie um das Aufzeigen von komplexen Verstrickungen und Mechanismen dort und im Rotlichtmilieu, über die ich immer wieder berichte und die ich nun an meinem Fall noch konkreter und anschaulicher darlegen kann. Es geht auch um die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden und den Umgang mit Betroffenen im Bereich der Loverboy-Methode.

Ich habe die Justitia als Bild für diesen Beitrag gewählt. Warum? Dazu möchte ich den Juristen Heribert Prantl zitieren:

"Warum trägt die Justitia eine Augenbinde? Die landläufige Antwort lautet: weil sie ohne Ansehen der Person urteilen will und urteilen soll. Die Wahrheit ist eine andere. Die Justiz schämt sich, sie schämt sich dafür, wie sie mit den Opfern umgeht, sie schämt sich dafür, dass sie sich nur auf die Täter konzentriert, aber es an Fürsorge für die Opfer fehlen lässt. Das ist ein Jahrhundertfehler der Justiz, das gehört abgestellt."[1] 

In der Tat, die Justitia schämt sich sicherlich für diese Konzentration auf die Täter und die mangelnde Fürsorge für die Opfer, und ja, dieser Jahrhundertfehler, der auch in meinem Verfahren zu Tage getreten ist, gehört abgestellt.

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„Loverboy“-Methode und Sprache

Immer wieder lese ich im Internet, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode beschämt werden. Sie seien dumm, selbst schuld, naiv.

Wer das sagt, erkennt die Täterstrategie und die Gewaltmechanismen dahinter nicht und stellt sich mit dieser Sprache, wenn auch sicherlich oft unbewusst und ungewollt, auf die Seite des Täters, der den Opfern lange eingeredet hat, sie seien schuld daran, wenn ihm etwas passiert, sie seien schuld an dies und jenem. „Loverboys“ sind Menschenhändler. Das ist ein Teil der Täterstrategie: das Opfer beschämen und noch verletzlicher machen, noch mehr schwächen und zwar genau an den Punkten, wo es sowieso schon verletzlich ist.

Wer schwach ist, kann sich noch weniger wehren. Wer gebrochen ist, kann sich noch weniger wehren, was der Grund dafür ist, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode am Anfang oft, wenn der gezielte Beziehungsaufbau abgeschlossen ist (Stadium 1) und die Konfrontation, dass die Frau sich prostituieren soll (Stadium 2), anfängt, gezielt von den Tätern durch sexuelle Gewalt gebrochen werden. Das macht die Betroffenen psychologisch häufig wehrlos, denn sie fühlen sich dreckig und missbraucht und fügen sich – und die Täter wissen das. Es braucht keine 100 Freier um traumatisiert zu werden, es genügt manchmal der Erste, denn es ist ungewollter Geschlechtsverkehr und das hinterlässt tiefgreifende Spuren.

Eine (junge) Frau darf lieben. Eine (junge) Frau darf verletzlich, schwach und vulnerabel sein, denn sie sucht sich ihre Verletzlichkeit und Vulnerabilität nicht aus, sondern befindet sich in einer schwierigen Lebenssituation. Kein Mensch aber hat das Recht, nur weil er wissentlich überlegen ist, in solchen Situationen gezielt emotionale Abhängigkeiten zu erzeugen und die Vulnerabilität des Schwächeren auszunutzen.

Zu lieben ist nicht naiv.
Zu lieben ist keine Blödheit.
Zu lieben ist nicht dumm.
Menschen in Not helfen zu wollen, vor allem solchen, die man liebt, ist eine gute Charaktereigenschaft.

Wer die Liebesfähigkeit und die Hilfsbereitschaft einer solchen (jungen) Frau derart ausnutzt, um sie in die Prostitution zu treiben und auszubeuten, ist erbärmlich.

Es gibt heutzutage in dieser schnelllebigen Welt immer weniger Menschen, die ehrlich und tief lieben können, die selbstlos handeln und hilfsbereit sind, ohne dabei Eigeninteressen zu verfolgen. Wenn man über Menschen spricht, die ehrlich geliebt haben und dafür ausgebeutet wurden, sollte man sie nicht beschämen.

Betroffene der „Loverboy“-Methode, die bei ihren Tätern bleiben, oft wieder zu ihren Tätern zurückkehren, sind genauso wenig schuld an ihrer Ausbeutung wie Opfer häuslicher Gewalt nicht daran schuld sind, dass sie erneut geschlagen werden, wenn sie wieder zu ihrem Täter zurückgekehrt sind. Der Täter begeht die Straftat, nicht das Opfer. Diese Betroffenen befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, sind schwach, von ihren Tätern geschwächt, von der psychischen/seelischen/physischen Gewalt geschwächt, ihrem Wert beraubt worden. Sie fügen sich, weil der Täter gezielt ein Gefängnis in ihrem Kopf erzeugt hat. Und er weiß genau, was er machen muss, damit die unsichtbaren Ketten festgezogen bleiben. Bärbel Kannemann, ehemalige Kriminalhauptkommissarin, die den Verein „No Loverboys“ gründete und unzähligen Betroffenen half, sagte mir, dass bis zu 50 % der „Loverboy“-Betroffenen zu ihren Tätern zurückkehren. Man hilft diesen Frauen nicht, indem man sie beschämt. Man kann ihnen nur helfen, wenn man versucht, den Gewaltzyklus und ihre Verletzungen zu durchbrechen. Diese Betroffenen brauchen unbedingt stabile Hilfe von außen, weil sie es alleine meist nicht schaffen. Man muss dran bleiben, man muss Geduld haben und warmherzig sein, aber es braucht keine Beschämungen, die die Betroffenen nur weiter in ihrem Gewalt – und Ausbeutungszyklus festhalten.

Bist Du selbst betroffen? Kommst Du nicht raus aus diesem Teufelskreis?

Such Dir Hilfe. Du bist nicht alleine. Es gibt Menschen, die Dich und Deine Situation verstehen. Wenn Du nicht weißt wohin Du Dich wenden kannst, zögere nicht und schreib mich an. Ein anderes Leben ist möglich.

Du denkst, es ist zu schwierig Dich von Deinem Täter zu lösen? Du bist vielleicht gerade erst dabei anzufangen zu realisieren, dass die Person, die Dich ausbeutet, eigentlich ein Täter ist und niemand, der Dich wirklich liebt? Du hast Angst, wirst bedroht, bist hoffnungslos? Such Dir Hilfe und schäme Dich nicht. Viele haben aufgrund der engen emotionalen Bindung und Beziehung zum Täter lange kein Opferbewusstsein. Das ist typisch und war bei mir auch so.

Du fühlst Dich nach allem dreckig und denkst, Prostitution sei das Einzige, was Du noch in deinem Leben verdienst? Du denkst, Du bist nicht mehr wert? Prostitution ist nicht das, was Du verdienst, auch wenn es sich für Dich so anfühlt, weil du so viel Schmerz und Demütigung wegen der ganzen sexuellen Akte verspürst, dass Du glaubst, dass dieser Schmerz sowieso nie mehr aufhören wird, auch dann nicht, wenn Du jetzt Hilfe suchst und aussteigst, weshalb Du einen Ausstieg als sinnlos betrachtest und daher weiter in der Prostitution verharrst. Aber Dein Schmerz kann leichter werden, ich verspreche es Dir. Es ist ein langer Weg sich nach diesen Erlebnissen selbst wieder lieben und wertschätzen zu können, seinen Wert und seine Würde wiederzufinden. Es ist ein harter Weg, auf dem man viel Geduld braucht, den es sich aber lohnt zu gehen. Bitte geh ihn. Für Dich. Du verdienst es, wertgeschätzt zu werden. Du verdienst es, wirklich geliebt zu werden. Du verdienst es, würdevoll und liebevoll behandelt zu werden.

Du verdienst ein Leben ohne Gewalt. Du verdienst es, glücklich zu sein.

Meine Kontaktdaten findest du unter „Kontakt“.

Du findest mich auch hier auf Facebook: https://www.facebook.com/sandra.norak89/

Sowie auf Instagram: https://www.instagram.com/sandranorak/?hl=de

Warum Frauen ihre Ausbeutung verteidigen

 

Hände

Bild: Rosa Makstadt

Ein Text von Sandra Norak und Dr. Ingeborg Kraus, 01.12.2019

 

Es fällt uns auf, dass bei manchen Veranstaltungen zum Thema Prostitution und Nordisches Modell Profiteure des Systems auftauchen, dass u.a. ganz ungeniert Zuhälter und Bordellbetreiber auftreten und Zwischenrufe tätigen. Uns fällt auf, dass diese vermehrt mit Frauen auftauchen, die in ihren Etablissements als Prostituierte tätig waren und jetzt ebenfalls von der Prostitution anderer profitieren oder aber dass sie Frauen mitnehmen, die gerade noch in der Prostitution bei ihnen tätig sind. Der Verdacht liegt nahe, dass diese sich noch in der Prostitution befindenden Frauen als Schutzschild für die Zwecke der Profiteure missbraucht werden. Dieses Szenario ist uns sehr stark in einer Veranstaltung diese Woche in Karlsruhe aufgefallen und gab uns den Anlass zu diesem Text.

Es ist eindeutig, dass deren Ziel war, die Veranstaltung zu sprengen und das Nordische Modell ohne jegliche Argumentationskultur oder Diskussion dazu zu diskreditieren. Es schien, als hätten sich diese Menschen gezielt organisiert zu kommen, um die Veranstaltung zu sabotieren.

Ok, dass die Profiteure, wie Bordellbetreiber und Zuhälter, kommen und ihr Wirtschaftsmodell und das viele Geld, das sie damit verdienen, nicht verlieren wollen ist klar und erscheint nicht verwunderlich. Uns fällt allerdings auf, dass vermehrt auch Frauen mitgenommen werden, die noch in der Prostitution sind, um das System zu verteidigen.

Medien stürzen sich dann unreflektiert auf die Aussagen dieser Frauen, drucken es am nächsten Tag und verbreiten dadurch ein verzerrtes und unvollständiges Bild des Rotlichtmilieus. Das ist bedauerlich.

Ich (Sandra) habe mir die Frage gestellt, wie hätte ich damals reagiert, als ich noch in der Prostitution war, von einem Menschenhändler und Zuhälter ausgebeutet wurde, und von Leuten aus einem Bordell zu so einer Veranstaltung mitgenommen worden wäre. Wie hätte ich mich nach außen hin verhalten?

Ich hätte meine Ausbeuter und das System bis aufs Blut verteidigt. Ich hätte meinen Schmerz weggedrückt, ausgeblendet.

Warum? Das ist die große Frage.

Einmal aufgrund fehlenden Opferbewusstseins, das bei vielen vorherrscht. Auf der anderen Seite ist die Bindung zu einem Täter und zu einem System, das auf Ausbeutung aufgebaut ist, höchst unsicher, gefährlich, auf Druck und „Funktionieren“ aufgebaut und verlangt eine vollständige Loyalität nach außen hin. Die Maske muss aufrechterhalten werden. Die Gewalt darf nicht ausgesprochen werden. Ein Abweichen dieser Loyalität führt zu einem Bruch der Bindung, zu einem Ausschluss aus einem System, was für viele der Betroffenen in ihrem Leben den einzigen Halt zu geben scheint, weil sie trotz ihrer Ausbeutung eine Art Familien – /Zugehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Nach der Vorstellung: es ist besser einen Menschen zu haben, der an meiner Ausbeutung, an meinem Leid beteiligt ist, anstatt niemanden zu haben. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen Bindungen und viele Menschen, vor allem in vulnerablen Lebenslagen, haben große Angst davor allein zu sein.

Ein Abweichen der Loyalität nach außen hin wird auch als Verrat angesehen, also als das Schlimmste, was man im Rotlichtmilieu tun kann. Das sagt auch Manfred Paulus, 1. Kriminalhauptkommissar a.D., der jahrzehntelang im Bereich des Rotlichts und der organisierten Kriminalität gearbeitet hat und die Strukturen und eigenen Regeln des Milieus kennt. Das, was die Strukturen, die organisierte Kriminalität und das ganze Prostitutionssystem am Leben erhält, ist bedingungslose Loyalität nach außen hin. Die Konsequenzen eines Verrats dieser Loyalität, wozu auch abweichende Meinungen zählen können, sind in der Regel schwerwiegend, was bedeutet, dass Menschen, die aus dem System ausbrechen und reden, mit gravierenden Folgen rechnen müssen. Das sind die Gründe, warum das Rotlichtmilieu ein Milliardengeschäft ist und so gut funktionieren kann – weil nur wenige der Ausgebeuteten darüber sprechen. Und hinzu wird es Betroffenen auch schwer gemacht darüber zu sprechen, da aufgrund unserer Gesetzgebung das ganze Milieu normalisiert und bagatellisiert wird. Unser Gesetz zu Prostitution:

„…lügt uns an, es verleugnet die Wahrheit. Es ist Realitätsverleugnung, welche uns staatlich angeordnet wird.“ (Rosa Makstadt)

Auch das hilft, dieses gewaltbesetzte Milieu am Leben und die Opfer gefangen zu halten.

Die Ur-Oma von einer Überlebenden der Prostitution aus Amerika, Vednita Carter, war eine Sklavin. Auch zu ihrer Zeit wollten viele in der Sklaverei bleiben, weil es ihnen eine gewisse Sicherheit gab, Unterkunft und Essen. Die Freiheit hat vielen auch Angst gemacht wegen der mit ihr verbundenen Ungewissheit. Wir brauchen keine Verbesserung der Situation der Sklaven, sondern wir brauchen eine Abschaffung der Sklaverei, sagte die Ur-Oma. In Bezug auf die Prostitution, in der Carter war, sagt sie heute, dass wir eine Revolution benötigen. Eine Abschaffung des Systems, keine Verbesserung der Ausbeutung.

Es geht uns nicht darum, die Frauen in diesen Situationen anzugreifen, das sollte keiner tun, sondern es geht uns darum, die Mechanismen von in der Ausbeutung steckenden Menschen verständlich zu machen und damit die Medien, aber auch alle anderen Menschen, in die Verantwortung zu nehmen, dass sie genauer hinschauen, genauer hinhören, um ein richtiges Bild der Realität der Prostitution zu zeichnen. Sonst unterstützen und fördern sie ein System der Gewalt.

Wir wollen Menschen mit auf den Weg geben, dass die Mechanismen der Gewaltverleugnung/Gewalthinnahme der Betroffenen des Ausbeutungssystems der Prostitution vergleichbar sind mit denen, wie sie sich bei Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, äußern: auch sie lächeln einen oft noch mit einem überschminkten blauen Auge an und werden sagen, dass alles in Ordnung ist und dass ihr Mann sie liebt.

Ist deswegen alles in Ordnung?

Nie wieder Prostitution – ein Text über den physischen und psychischen Ausstieg aus der Prostitution

Never Again!

Den nachfolgenden Text habe ich schon vor einer ganzen Weile zusammen mit Dr. Ingeborg Kraus geschrieben und ich möchte ihn heute hier online stellen, da er mir sehr wichtig ist in der ganzen Prostitutionsdebatte. Hier ist der Text:

„Manchmal erscheint ein Weg für uns sehr lang, manchmal zu lang, so dass wir glauben, dass wir nicht genug Kraft haben und es nicht schaffen, ihn zu Ende gehen zu können. Der Ausstieg aus der Prostitution und damit aus einem Milieu, das meist den Körper und die Seele dieses Menschen zerstört hat, ist ein ganz besonders langer und schmerzhafter Weg, der manchmal kein Ende zu nehmen scheint und auf dem man Hürden begegnet, die sich zunächst als unüberwindbar darstellen.

Immer wieder hören und lesen wir von Aussteigerinnen, die mit den Gedanken ringen wieder in die Prostitution einzusteigen oder letztlich wirklich zurückgehen, obwohl sie ihre bereits gemachte Prostitutionserfahrung als traumatisierend ansehen und Prostitution als Gewalt bezeichnen. Dieses Verhalten stößt bei vielen Außenstehenden auf Unverständnis.

Wir möchten mit unserem Text über die Schwierigkeiten des Ausstiegs aus der Prostitution aufklären und zugleich Frauen während des Ausstiegs sowie danach Mut machen.

Wenn in unserer Gesellschaft über Prostitution gesprochen wird, so hat sich durch das ProstG aus dem Jahr 2002 bei vielen die Vorstellung eingeprägt, dass sie ein Job wie jeder andere ist. Prostitution aber hinterlässt tiefe Narben an Körper und Seele. Der Ausstieg ist nicht vergleichbar mit einem einfachen Jobwechsel. Einmal in diesem Prostitutionssystem gefangen, kommen Betroffene oft nur schwer bis gar nicht mehr raus.

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3. Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen, April 2019 in Mainz

Anfang April 2019 fand der 3. Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen an der Universität Mainz von CAP International (http://www.cap-international.org/) zusammen mit SOLWODI (https://www.solwodi.de/) und Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. (https://www.armut-gesundheit.de/) statt.

Mehr Informationen zum Kongress hier https://www.solwodi.de/seite/388513/weltkongress-2019.html und hier https://solwodiweltkongress.blogspot.com/.

Nachfolgend meine Rede (im Video bleibt leider ein paar Mal der Ton weg).

 

Gespräch mit Lisa Harmann

Lisa Harmann hat mir ein paar Fragen gestellt:

Sandra Norak* schaffte zum ersten Mal an, da war sie 18. Es sollte sechs Jahre lang dauern, bis sie sich selbst aus dem Sumpf der Prostitution befreien konnte. Heute macht sie sich für das „Nordische Modell“ stark, in dem unter anderem Freier für ihren Besuch bei Prostituierten bestraft werden – und hat dafür ihre Gründe.

Frau Norak, Sie sind Jura-Studentin, 27 Jahre alt, aber Sie sind nicht wie die anderen in Ihrem Jahrgang, denn von 2008 (Edit: 2007) bis 2014 waren Sie in der Prostitution. Wie kam es dazu?

Sandra Norak: Als Schülerin lernte ich im Internet einen „Loverboy“ kennen. Während ich zuhause große Probleme hatte, vermittelte er mir Halt und Liebe und ebnete mir den Weg in die Prostitution.

Wusste Ihre Familie davon?

Norak: Ein paar Leute fanden heraus, dass ich mich prostituierte, aber sie wussten nicht über die wirklichen Umstände Bescheid.

Selbst schuld, sagen einige, wenn man sich auf einen „Loverboy“ einlässt. Was entgegnen Sie ihnen?

Norak: „Loverboys“ sind Männer, die gezielt nach jungen Mädchen oder Frauen Ausschau halten und ihnen Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie binden sie emotional an sich und erst wenn diese Bindung besteht, kommt die Prostitution ins Spiel, wobei es verschiedene Vorgehensweisen von „Loverboys“ gibt.

Meiner war um die 20 Jahre älter als ich und ein Ex-Fremdenlegionär. Er verherrlichte das Buch „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Dieses Buch ist ein Kriegsstrategie-Klassiker. Die Autorin und Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, welches das Thema „seelische Gewalt“ behandelt, einige Male auf Sun Tsus Buch indem sie seine Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen überträgt und nennt Menschen, die beispielsweise wie mein „Loverboy“ agieren, „die Perversen“. Ihr Buch fand ich erst vor einiger Zeit. „Loverboys“ planen alles von Anfang an. Vor allem junge Menschen sind leicht manipulierbar und sehr gefährdet.

Haben Sie das Gefühl, dass jede Frau auf so einen Menschen reinfallen könnte?

Norak: Nein, es gibt „Push“ – und „Pull-Faktoren“ im Bereich des Menschenhandels, vor allem bei der Migration osteuropäischer Frauen, die in der Prostitution landen. Während Push-Faktoren Menschen in Richtung Prostitution drücken können, wie zum Beispiel Perspektivlosigkeit und Armut, (sexuelle) Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung in der Kindheit, etc., können Pull-Faktoren weiter hineinziehen, wie die „Loverboys“ mit ihren falschen Versprechen oder bei Osteuropäerinnen oftmals das Versprechen eines guten Jobs und eines besseren Lebens in Deutschland. Die „Loverboy-Methode“ ist ein komplexer, durchgeplanter und perfider Isolationsprozess. Im Rotlichtmilieu gibt es regelrechte „Schulen“, um diese Taktik beherrschen zu lernen.

Wie sah denn Ihr Tagesablauf damals aus? Gab es da Routinen?

Norak: Mich prostituieren, essen, schlafen. Ich bekam vom Leben draußen gar nichts mehr mit und verwahrloste immer mehr.

Welche Menschen kamen in diesen sechs Jahren zu Ihnen?

Norak: Alle Möglichen. Freier aus jeder Schicht, jedem Beruf, Behinderte, alte und junge Leute, Ledige, Verheiratete, Singles – wobei die meisten liiert oder verheiratet waren. Erschreckend fand ich die hohe Anzahl an Familienvätern. Ich musste feststellen, dass wir leider in einer sehr verlogenen Gesellschaft leben.

Was war das Schlimmste?

Norak: Die Prostitution an sich ist schlimm. Es gibt keine guten Freier und Escort ist genauso Prostitution und seelenraubend wie jede andere Form der Prostitution. Ich hatte viel mit Prostituierten zu tun und egal welche Form sie gerade ausübten oder welchen Freier sie gerade hatten, sie waren danach immer am Ende.

Wie haben Sie das ausgehalten?

Norak: Erst dissoziiert und dann mit viel Alkohol. Seit Beginn des Jura-Studiums beschäftige ich mich auch sehr viel mit der Psychotraumatologie im Hinblick auf die Prostitution und es ist essenziell, dass Menschen darüber Bescheid wissen, wenn sie über Prostitution sprechen. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Gehirns, eine Abspaltung des Empfindens. Wenn, wie hier, sexuelle Handlungen der Freier unerträglich werden und man physisch nicht weg kann, lässt die Dissoziation einen abschalten. Bewusstsein und Wahrnehmung werden getrübt, man befindet sich in einer Art Trance-Zustand und ist depersonalisiert.

Welche Folgen hatte das?

Norak: Auch wenn Sie dissoziieren, erleben Sie die Situationen natürlich trotzdem. Wenn Sie nun nach den Zimmergängen mit bestimmten Schlüsselreizen wie zum Beispiel dem Parfum des Freiers in Berührung kommen, kann das Flashbacks auslösen. Sie erleben dann vergangene Situationen oder Gefühlszustände wieder und zwar in extremer Stärke. Ich hatte viel mit Panikattacken zu kämpfen. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was mit mir los war. Im Bordell und leider auch in den meisten Beratungsstellen sitzen keine spezialisierten Fachkräfte aus diesem Bereich.

Hatten Sie Hilfe in dieser Zeit?

Norak: Nein, aber ich habe mich auch verschlossen. Das ist ein großes Problem: Die wenigsten Prostituierten trauen sich überhaupt Hilfe zu suchen, weil sie wissen, dass sie so tief unten sind, dass richtige und ernsthafte Hilfe raus aus diesem elendigen Leben leider in unserem Land so gut wie nicht existiert.

Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?

Norak: Nach ein paar Jahren in der Prostitution habe ich angefangen im Bordell mein abgebrochenes Abitur per Fernstudium nachzuholen, machte unbezahlte Praktika um meinen Lebenslauf zu füllen, bekam einen Minijob und letztlich dann einen Vollzeitjob, der mir den kompletten Ausstieg ermöglichte.

Wie ging es Ihnen danach?

Norak: Nicht gut. Ich hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen und wusste sehr lange Zeit nicht, was da überhaupt mit mir los war.

Sie sagen, im Grunde prostituiert sich niemand freiwillig, wie meinen Sie das genau?

Norak: Ich habe keine Frau gesehen, die in der Prostitution sein wollte. Nun wird oft angebracht, es gäbe ja auch Menschen, die nicht gerne putzen wollen und trotzdem putzen gehen. Das kann man nur ganz und gar nicht vergleichen. Wenn erfahrene Traumatherapeutinnen und Traumatherapeuten über die Folgen von Prostitution sprechen, dann berichten sie von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, die sich nur nach schweren Traumatisierungen entwickeln können. Beim Putzen bekommt man die sicher nicht. In der Literatur über Trauma und Prostitution findet man auch Studien darüber, dass die überwiegende Anzahl an Frauen, die sich freiwillig prostituieren, bereits in ihrer Kindheit diverse Formen von Gewalt erlebten und die Gewalt, wie sie sie dann auch weiter in der Prostitution erfahren, einzig durch die bereits entwickelten Schutzmechanismen aushalten können und dabei aber weiter traumatisiert werden. Hier von Freiwilligkeit zu sprechen ist zynisch. Es geht auch nicht darum, Prostituierte zu pathologisieren, sondern darum zu verstehen, dass Prostitution ein in sich geschlossenes Gewaltsystem ist.

Sie schreiben das Blog „Die Wahrheit über das Leben in der Prostitution“ und gehen mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Warum?

Norak: Ich mag nicht mehr einfach zusehen wie Menschen in der Prostitution jeden Tag systematisch zerstört werden und will das Leid, was ich gesehen habe, nicht mit verantworten. Nichts tun, obwohl man etwas tun kann, bedeutet mit verantworten. Wir haben in unserer Gesellschaft schon viel zu viel Gleichgültigkeitsempfinden in Bezug auf so viele Dinge.

Heute kämpfen Sie für die Abschaffung der Prostitution. Wie engagieren Sie sich?

Norak: Ich schreibe, um zu versuchen, das Thema verständlicher zu machen und bin Mitglied bei „Sisters e.V.“. Ich unterstütze die Kampagne „Rotlichtaus“, denn wir brauchen in Deutschland und noch in vielen anderen Ländern das „Nordische Modell“. Auch das Europäische Parlament hat sich 2014 dafür ausgesprochen. Erfahrungen zufolge ist es zudem das effektivste Mittel gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Bereits viele Menschen und Organisationen, auch auf internationaler Ebene, stellen sich schon seit einigen Jahren unermüdlich dem Kampf gegen Prostitution und Menschenhandel. Einfach ist dieser Weg nicht, aber es ist ein Weg, den es lohnt zu gehen. Und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen anfangen ihn zu beschreiten.

*Sandra Norak ist der Name, mit dem sich die Interviewte der Öffentlichkeit stellt. Es ist nicht ihr richtiger Name.

Quelle:

Dre. Muriel Salmona über Prostitution

Gerade habe ich einen Artikel von Dre. Muriel Salmona

(présidente de l’association Mémoire Traumatique et Victimologie)

gelesen (über Prostitution) und möchte einen Auszug daraus posten.

Es geht u.a. auch um Prostitution und Dissoziation. Ich habe dieses Thema zwar schon mal aufgegriffen, aber ich finde diese nachfolgenden Zeilen so grandios formuliert, dass ich sie hier online stellen möchte.

Vor allem der letzte Absatz ist Gold wert – viele sollten sich das zu Herzen und vor allem zu Verstand nehmen, wenn sie auf sogenannte „freiwillige“ Prostituierte treffen und von deren „Freiwilligkeit“ überzeugt sind.

Hier der Auszug:

„Faced with extreme violence, a person is going to end up as detached,
emotionally anesthetized with a feeling of emptiness, unreality
and depersonalization, as if she were foreign to the events; she can even smile
automatically in a discordant way, or even laugh, disconnected from her
body which seems to be a foreign body, a dead body, insensitive
(Trinquart, 2002).
The lack of reaction, emotion and pain felt is convenient for all players in
the prostitutional system, this will allow customers to exert the worst
humiliations and sexual assaults without emotional hindrance, the
prostitute will remain docile and smiling… This dissociation is very
dangerous for prostitutes, it makes them bear the unbearable and it
worsens the total absence of customer empathy.“

Deutsche Übersetzung:

„Konfrontiert mit extremer Gewalt endet eine Person abgetrennt von sich selbst, emotional betäubt mit einem Gefühl der Leere, der Unwirklichkeit und der Depersonalisation, als ob sie eine Fremde in den Geschehnissen wäre; sie kann automatisch lächeln oder sogar lachen, während sie abgekoppelt von ihrem Körper ist, welcher ein fremder Körper zu sein scheint, ein toter Körper, empfindungslos.

 Dieser Mangel an Reaktion, an Emotion und an gefühltem Schmerz kommt allen Beteiligten in diesem Prostitutionssystem sehr gelegen, es ermöglicht den Freiern die schlimmsten Demütigungen/Erniedrigungen und sexuellen Übergriffe auszuüben ohne emotionalen Widerstand, die Prostituierte bleibt fügsam und lächelt weiter… Diese Dissoziation ist sehr gefährlich für Prostituierte, denn es lässt sie das Unerträgliche ertragen und es verschlimmert die vollständige Abwesenheit der Empathie der Freier.“

Hier die komplette englische Version des Artikels.

Prostitution und Dissoziation – ein tückischer Mechanismus

Ich möchte heute die Dissoziation innerhalb der Prostitution näher erläutern – wie sie entstehen kann, wie sie sich äußern kann – anhand meiner Erfahrungen.

Ich möchte veranschaulichen, warum viele Frauen sagen, dass sie freiwillig arbeiten, dass sie es aushalten können – obwohl es nicht so ist und sie dabei sind, immer weiter kaputt zu gehen.

Wer sich ein Video von mir zum Thema Dissoziation ansehen möchte oder noch tiefer einsteigen möchte als dieser Beitrag hier ist, den verweise ich gleich auf meinen englischen Vortrag und Text:

https://digitalcommons.uri.edu/dignity/vol4/iss4/6/

Was also ist diese Dissoziation?

Was sie aus wissenschaftlicher Sicht ist, dazu habe ich ein paar Beiträge weiter unten Frau Dr. Ingeborg Kraus Vortrag geteilt, in dem erklärt wird, was sich dabei im menschlichen Gehirn abspielt: Hier klicken.

Grob zusammengefasst ist die Dissoziation ein Mechanismus, der Frauen u.a. in der Prostitution dabei hilft, all die grausamen Dinge, die sie erleben, auszuhalten, sie erträglich zu machen. Wenn der Stress und der Schmerz in der konkreten Situation zu stark werden und diese Situationen öfter erlebt werden, arbeiten bestimmte Funktionen im Gehirn nicht mehr so, wie sie eigentlich funktionieren sollten, und man kommt in eine Art Trance-Zustand. Man ist wach, aber wie betäubt. Man empfindet weniger, fühlt weniger Schmerz, nimmt weniger wahr, etc… Es kann sich unterschiedlich äußern. Eindrücke, die das Gehirn bekommt, werden anders verarbeitet und man empfindet zum Beispiel Schmerzen als weniger intensiv. Wenn der Mann beispielsweise schnell und grob eindringt und es normalerweise extrem schmerzhaft wäre, ist es während dieses „Abschaltens“ durch den Mechanismus der Dissoziation „nur“ gedämpft schmerzhaft, manchmal, wenn die Dissoziation sehr stark ist und oftmals noch Alkohol und/oder Drogen mitwirken, überhaupt nicht schmerzhaft.

Prostituierte wissen natürlich nicht, dass dieses „weniger Schmerz empfinden“ daraus resultiert, dass Gehirnfunktionen außer Kontrolle sind. Woher sollte man das als Laie auch wissen oder sich überhaupt Gedanken darüber machen?

Daher denken zunächst viele, dass das, was man erlebt, nicht derart schlimm sein kann, dass man daran kaputt geht.

Und genau das ist das Problematische. Genau das ist auch der Grund, warum man Frauen, die in der Prostitution sind und sich für diese aussprechen, keine Vorwürfe machen sollte – denn sie empfinden es, jedenfalls anfangs, oft wirklich als „in Ordnung“, als nicht so schmerzhaft. Sie haben aufgrund der Dissoziation und dieser „Abschalt-Funktion“ diese falsche Wahrnehmung von der Situation und sich selbst. Es erreichen sie Momente des Bewusstwerdens, was bedeutet, Momente, in denen der ganze Schmerz hochkommt, die dann aber wieder dissoziiert werden, um die Situation weiter aushalten zu können. Wenn die Dissoziation nicht oder nicht genügend klappt, kommen Alkohol und/oder Drogen ins Spiel. Fast alle Frauen, die ich während meiner Zeit in der Prostitution kennenlernte, haben, je länger sie in der Prostitution waren, immer mehr Alkohol und/oder Drogen genommen.

Wenn man bedenkt, dass ich zum Beispiel bis zu 20 Männer pro Tag im Flat-Rate-Club „bedient“ habe – jeden Tag, sieben Tage die Woche, vier Wochen lang, fragt man sich schon, wie das möglich im Sinne von aushaltbar ist. Physisch wie psychisch.

Größtenteils widerliche, stinkende Kerle, oft über 70/80 Jahre alt, die mir dann auch noch mit „Dirty Talk“ den Kopf gefickt haben als ob der eigentliche Akt an sich nicht schon genügen würde. Dann Männer mit sehr großen oder schiefen Geschlechtsteilen, die noch mehr schmerzen… als die „Arbeit“ in den Clubs nach der Arbeitszeit immer zu Ende war, habe ich meist in einem der Zimmer geschlafen, in denen ich auch gearbeitet habe und war komplett wund. Wenn es dann den nächsten Tag weiterging, wurde es dementsprechend nicht besser.

Früher habe ich mich nicht gefragt, wie ich das alles aushalte, es war einfach so. Ich hatte auch keine Zeit, um mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was ich da eigentlich tat.

Ich tat es – in der Hoffnung, jemandem zu helfen seine Schulden zu bezahlen, in der Hoffnung dadurch geliebt zu werden, in der Hoffnung von zuhause wegzukommen.

Ich tat es, weil ich eine falsche Wahrnehmung hatte.

Um zu verdeutlichen, was ich damit meine, möchte ich kurz ein paar Zeilen zu meiner Erfahrung mit Magersucht schreiben, denn in der Magersucht ist diese falsche Wahrnehmung ähnlich wie die in der Prostitution. Zu beachten ist allerdings, dass die falsche Wahrnehmung bei der Magersucht eine Körperschemastörung ist und die Dissoziation in der Prostitution, die unerträgliche Gewalt erträglich macht, aufgrund von schweren Gewalterlebnissen einsetzt, also ein Schutzmechanismus des Gehirns ist. Magersucht und Dissoziation sind also zwei ganz unterschiedliche Dinge. Ich ziehe hier nachfolgend demnach einen Vergleich, der eigentlich nicht so ganz passt, der aber (allein) bildlich gesehen dem besseren Verständnis von Dissoziation dienen soll:

„Das Problem an Magersucht ist, dass man eine komplett falsche Wahrnehmung von sich selbst hat/bekommt. Man nennt das eine „Körperschemastörung“. Deswegen ist es oft nicht möglich eine Heilung im Hinblick auf diese Krankheit zu erzielen, da die Betroffenen es selbst nicht sehen und deshalb keine Einsicht zeigen (können).

Es ist nicht so, dass mir Knochen gefallen hätten – ich habe nur leider ernsthaft nicht im Spiegel gesehen, dass ich derart dünn bin. Um zu verdeutlichen, was ich meine, hier ein Bild:

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Man blickt in den Spiegel und sieht überall Kilos, die überhaupt nicht vorhanden sind.

Verstanden habe ich diese falsche Wahrnehmung in Form einer Körperschemastörung erst Jahre nach der Magersucht, als ich Bilder von mir sah. Das war schon erschreckend. Da sah ich zum ersten Mal, wie dünn ich wirklich war. Das ist auch das Heimtückische und Gefährliche an der Magersucht. Man sieht seinen Körper während der Sucht oft nicht so, wie er eigentlich ist.

Diese falsche Wahrnehmung des Körpers während der Sucht ist vergleichbar mit der falschen Wahrnehmung des eigenen Erlebens in der Prostitution, während der Mechanismus der Dissoziation wirkt – denn in der Prostitution steht man auch vor diesem Spiegel (metaphorisch gesehen) und blickt hinein. Der Unterschied zur Magersucht besteht darin, dass man im Spiegel nicht aufgrund einer Körperschemastörung diesen dicken Körper sieht, der eigentlich dürr ist (wie bei der Magersucht), sondern man sieht wegen der Dissoziation (und dann oft auch Drogen/Alkohol) eine Person, die die ganze Gewalt aushalten kann, die freiwillig und selbstbestimmt als Prostituierte arbeitet – während die wahre Identität, die reale Situation, das reale Ich außerhalb des Spiegelbildes, genau das Gegenteil davon ist. Und langsam immer weiter zerbricht.

Ich habe in der Prostitution in diesem Spiegelbild zunächst eine junge Frau gesehen, die freiwillig in der Prostitution ist, um für einen Menschen, den sie liebt, Schulden zu bezahlen. Ich habe oft, anfangs, in diesem Spiegelbild gesehen, dass mich die Prostitution physisch und seelisch nicht zerstören kann. Dass ich stark genug bin, um das auszuhalten, denn Prostitution sei ja nur ein „Job“, so wie es in unserer Gesellschaft vermittelt wird und diese damit zu dem falschen Spiegelbild beiträgt.

Davon profitieren Menschenhändler – sie profitieren davon, dass Frauen kein Opferbewusstsein haben.

Relativ spät habe ich begriffen  – ich wurde zerstört.

Jeder einzelne Freier hat sich ein Stück meiner Seele genommen.

Es waren tausende von Männern in 6 Jahren.

Diesen Bruch, den man da erlebt, kann man nicht rückgängig machen, deshalb muss man verhindern, dass einem Menschen diese Art von Gewalt passieren kann – und das erreicht man nicht dadurch, dass Sexkauf legal ist.

Aber wie äußert sich nun dieses „Abschalten“, diese Dissoziation, eigentlich?

Kann das jeder, kann man es beeinflussen? Ist doch eigentlich praktisch?

Geht das wieder weg?

Fragen über Fragen.

Ich bin niemand vom Fach, ich kann nur sagen, wie es sich bei mir bemerkbar gemacht hat.

Bis vor einem Jahr wusste ich nicht mal, was Dissoziation überhaupt ist.

Was mit mir all die Jahre los war, auch meine großen Probleme nach der Prostitution (dazu gleich noch), habe ich erst durch diverse Beiträge auf der informativen Seite Trauma and Prostitution herausgefunden, indem ich meine Erlebnisse unter die wissenschaftlichen Erkenntnisse quasi subsumiert habe.

Zuerst einmal habe ich verstanden, wie es mir möglich war, diesen Ekel, diese Wut, diese Verachtung, all diese negativen Gefühle jahrelang während des Zimmergangs von mir fernzuhalten – zumindest so fernzuhalten, dass ich die Zimmergänge ausführen konnte.

Ich habe verstanden, wie ich die letzten Jahre funktioniert habe und dafür bin ich allen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich auf diesem Gebiet engagieren, sehr dankbar. Es ist unglaublich wertvoll, wenn man an einem Punkt angekommen ist, an dem man all die schweren Jahre seines Lebens begreift und die ganzen verstrickten Verknüpfungen versteht.

Schien es doch vorher alles so chaotisch und wirr…

In der Prostitution habe ich diesen Dissoziationsmechanismus nie so richtig wahrgenommen – er war hilfreich, er lies mich abschalten. Warum sollte ich also groß darüber nachdenken, warum ich beispielsweise bei Unterhaltungen mit Freiern den Gesprächsinhalt nicht mehr richtig wusste, da ich in Gedanken ganz woanders war. Ich dachte einfach, es ist normal. Wenn einen etwas nicht interessiert, hört man nicht hin und weiß dementsprechend auch meist nicht mehr, was der gegenüber gesagt hat.

Schwierig wird das nur, wenn man 12 Stunden am Tag mit Freiern verbringt, einen alles belastet und alles nicht interessiert und man eigentlich den ganzen Tag überhaupt nicht mehr richtig „da“ ist, weil man ständig in Gedanken abschweift. Über Jahre hinweg. Und sich diesen Mechanismus des „ich-geh-weg-aus-diesem-Moment-hier“ quasi unbewusst „antrainiert“ hat bzw. das Gehirn einem diesen Mechanismus verpasst hat. Alkohol und/Drogen helfen den Frauen neben diesem Mechanismus, das Unerträgliche auszuhalten, sich zu betäuben, aus dem Moment zu fliehen.

Er geht leider irgendwann auch nicht einfach so wieder weg.

Als ich nach dem Ausstieg aus der Prostitution mitten in den Bergen als Pferdepflegerin gearbeitet habe, ist mir diese Dissoziation zum allerersten Mal störend aufgefallen – ich wusste aber natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es der Dissoziationsmechanismus war.

Wie ist mir damals aufgefallen, dass etwas nicht stimmte?

Irgendwann habe ich bemerkt, dass ich keinem Gespräch richtig folgen konnte. Zu anfangs habe ich das gar nicht wirklich wahrgenommen, aber je weiter die Prostitution zurücklag, je mehr ich in diesem normalen Leben verankert war, je mehr ich nicht mehr abschalten wollte, weil mein Leben ja jetzt eigentlich besser war, desto mehr fiel mir auf, dass ich es trotzdem tat.

Wenn mir jemand auch nur 5 Minuten etwas erzählte, war ich sofort in Gedanken woanders und nicht mehr im Gespräch. Das hatte zur Folge, dass ich von den meisten Gesprächen nichts mitbekam, keine Ahnung hatte was mein Gegenüber erzählt hat, obwohl ich an der Unterhaltung eigentlich beteiligt war.

Jetzt weiß ich – in der Prostitution hatte mein Gehirn diesen Mechanismus entwickelt – dort war es hilfreich, dieses Abschalten. Dieses „nicht aufnehmen von unnötigen, mich belastenden und widerlichen Informationen durch die Freier“.

Als ich diese knappen 2 1/2 Jahre in einem Nachtclub gelebt und gearbeitet habe, war es Standard sich vor dem Zimmergang zu unterhalten in diversen Séparées. Teilweise haben sich die Freier mit mir 2/3/4 Stunden unterhalten. Eigentlich kann man es nicht Unterhaltung nennen, denn sie haben meist die ganze Zeit nur allein geredet  – meist über die „böse Ehefrau“, die nicht so will, wie sie es gerne hätten. Dann kamen noch einige Stammfreier dazu, die sich in mich verliebten (das sagten sie immer; in was sie eigentlich verliebt waren, war mein Körper) und ich mir immer wieder dieselben Geschichten anhören musste; die gleichen Schleimereien, die falschen Komplimente… das hält man irgendwann nicht mehr aus. Manchmal hätte ich mir gewünscht auch kein Deutsch zu verstehen.

Jedenfalls hat da dieses Abschalten begonnen, zumindest habe ich da zum ersten Mal gemerkt, dass ich ständig in Gedanken weg war. Die Freier konnten reden und reden, ich habe ab und zu geantwortet, sie redeten weiter und ich floh in Gedanken zurück in meine Traumwelt. So wusste ich dementsprechend meist auch nicht mehr sehr viel von Gesprächen. Manchmal waren sie dann beleidigt, wenn ich eine ihrer tollen Geschichten nicht mehr auf dem Schirm hatte, Namen vergessen habe, auch Gesichter vergessen habe… doch das war mir egal, ich machte mir auch keine Gedanken darüber.

Dann im normalen Leben aber, nach der Prostitution, war es leider sehr störend nicht richtig aufpassen zu können – und das Problem:

es ging nicht weg.

Und ich wusste auch nicht was mit mir los war.

Nach einem Gespräch mit jemandem ist mir immer aufgefallen, dass ich schon wieder abgeschalten hatte. Das merkte ich meist dann, wenn ich von dem Gespräch nichts mehr wusste. Ich konnte aber dieses Abschalten nicht verhindern, es war wie bereits erwähnt eine Art Automatismus.

Zudem hatte ich enorme Sprachschwierigkeiten entwickelt. Ich konnte keine Unterhaltung ohne Stottern oder Wörterkauderwelsch sprechen.

Je mehr ich das alles wahrnahm, desto suspekter wurde es mir. Ich hatte ja keine Ahnung davon, was mein Gehirn in der Prostitution für Schutzmechanismen entwickelt hatte, mit welchen ich nun zu kämpfen hatte.

Es war mir unheimlich und ich war allein damit.

Ich dachte ernsthaft an Alzheimer erkrankt zu sein, weil ich so oft von Gesprächen nichts mehr wusste, mich nicht erinnern konnte, mich nicht konzentrieren konnte, diese Probleme mit dem Sprechen hatte.

Jetzt weiß ich, dass es natürlich kein Alzheimer war – es war der Mechanismus der Dissoziation, den ich nicht loswurde.

Diese Erfahrung, in der ich wahrgenommen habe „nicht richtig im Hier und Jetzt bleiben zu können“, war erschreckend für mich.

Aber ich hatte es ganz einfach verlernt.

In der Prostitution hatte ich verlernt im Augenblick zu sein.

Ich bin geflohen – in den Gesprächen mit den Freiern sowie auch in den Zimmergängen mit ihnen.

Dieser Mechanismus hatte mir dabei geholfen alles auszuhalten.

Leider lies er mich nach meinem Ausstieg ca. 1 1/2 Jahre nicht los.

Es war sehr kräftezehrend.

Zum einen, weil ich selbst nicht wusste, was mit mir los war (ich habe nie eine Therapie gemacht, in der mir jemand erklärt hätte, was in mir vorgeht – wobei ich bezweifle, dass die meisten gewusst hätten, was mit mir los ist – es fehlt oft einfach an der Spezialisierung und dem Wissen um die Thematik und Problematik in der Prostitution)

Zum anderen, weil ich ständig versucht habe immer neue Strategien zu entwickeln um diese Probleme, die ich an mir bemerkt habe, zu beseitigen. Und ich musste irgendwelche Strategien entwickeln, denn es war die Zeit, in der ich mein Abitur schrieb – mündliche Prüfungen anstanden, in denen ich nicht stottern oder die Fragen der Prüfer vergessen wollte. Ich musste ihnen folgen können, ich musste es irgendwie hinkriegen, denn dieses Abitur war mein Schlüssel in ein neues Leben. Ich stand sehr unter Druck.

Bzgl. den Sprachschwierigkeiten habe ich geübt, bevor ich angefangen habe zu sprechen, mir einen Satz im Kopf auszudenken und in Gedanken zuerst aufzusagen bevor ich ihn laut ausspreche – selbst das hat oft nicht funktioniert. Und ihr könnt euch vorstellen, wenn man normal an einem Gespräch beteiligt ist, kann man für einen einzigen Satz nicht einfach mal eine Minute brauchen.

Da redet man halt – war aber zu der Zeit einfacher gesagt als getan.

Bzgl. dem „Nichtfolgenkönnen“ meines Gesprächspartners habe ich irgendwann angefangen mich extrem auf die Unterhaltung zu konzentrieren. Richtig zu konzentrieren, nicht abzuschweifen, meine Gedanken am Boden zu lassen.

Immer wieder, bei jedem Gespräch habe ich das geübt. Mich gezwungen, „da“ zu bleiben.

Das klingt einfach – war es allerdings ganz und gar nicht!

Und ich war richtig verzweifelt.

Ich hatte das Gefühl, dass es immer schlimmer wurde.

Dort in den Bergen war ich während der Arbeitszeit zwar meist der einzige Mensch auf der Anlage.

Dennoch war ich nicht allein.

Es waren jene Lebewesen da, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.
Pferde.

Bereits vor meinem Ausstieg habe ich mich tiefgründig mit ihnen befasst, gelesen über den Umgang mit ihnen, habe eine 1-jährige Weiterbildung in der Tierpsychologie für Pferde besucht, war auf verschiedenen Seminaren, habe mich auch mit dem Thema „Persönlichkeitsentwicklung/Wachstum und Transformation des Bewusstseins“ mithilfe von Pferden beschäftigt. Ich liebte Pferde schon zu diesem Zeitpunkt, aber dieses Transformationszeugs war schon irgendwie Hokuspokus für mich. Ich bin ein eher rational denkender Mensch, dennoch wurde ich eines besseren belehrt.

Die Arbeit mit den Pferden nach der Prostitution hat diesen Mechanismus der Dissoziation, dieses Abschalten, in mir vernichtet. Ich war hilflos und verzweifelt wie ein kleines Kind. Die Pferde haben mich „an die Hand genommen“ und mir gezeigt, was es bedeutet, den Augenblick zu leben – was es bedeutet, im Augenblick zu sein, ihn zu genießen anstatt Angst vor ihm haben zu müssen und fliehen zu wollen. Pferde haben mich zu dieser stabilen Persönlichkeit geformt, die ich heute bin –  sie haben mir den Weg dafür geebnet, dass ich nun den Weg gehe, der mich so unglaublich erfüllt – sie waren die besten Lehrer, die ich jemals hatte.

Dazu möchte ich eine Passage aus einem anderen Artikel meines Blogs abdrucken, die ich ein bisschen abgeändert habe:

„Durch Pferde habe ich gelernt authentisch zu sein, denn sie haben mich in der Arbeit mit ihnen regelrecht dazu aufgefordert. Pferde sind Fluchttiere. Sie nehmen jede kleine Regung des Körpers und Schwingungen wahr. In der Natur brauchen sie das um zu überleben, um im Notfall rechtzeitig fliehen zu können.

Wenn ich also traurig war und meine Traurigkeit unterdrückt habe, funktionierte die Arbeit mit den Pferden nicht. Das Longieren, die Bodenarbeit: alles wirkte steif und wenig harmonisch. Egal welche Gefühle ich unterdrückt habe, sobald ich sie unterdrückte, merkten die Pferde, dass etwas nicht stimmte. Ob sie genau die Gefühle wahrnehmen können, die gerade in uns sind, weiß ich nicht, aber aufgrund ihres Fluchtinstinktes wissen sie, wenn man sich verstellt und versucht etwas in einem zu unterdrücken, wenn man probiert, nach außen hin etwas darzustellen, was man innen aber gerade nicht ist; beispielsweise lacht man nach außen hin, währenddessen man tieftraurig ist. Dadurch werden Pferde misstrauisch, denn sie wissen nicht woran sie sind, ob sie fliehen müssen oder ob man keine Gefahr darstellt. Ich dachte immer ich dürfe im Umgang mit ihnen weder meine Trauer, meine Angst noch meine Wut zeigen. Doch was ich im Laufe der Zeit im Umgang mit Pferden gelernt habe, berührt mich noch heute und trotz meiner ganzen Weiterbildungen war es reiner Zufall, dass ich es entdeckt habe.

Hier diese kleine Geschichte:

Ab und zu war ich allein auf Arbeit in einer großen Halle mit einem einzigen Pferd.

Allein, mit dem Pferd, der Musik und meinen Erinnerungen an die Vergangenheit.

Es war an einem Tag, an dem ich sehr traurig war. Meine Oma war zu dieser Zeit gestorben. Ich hörte ein sehr melancholisches Lied im Radio und war den Tränen nahe. Ich musste auch über alles Vergangene nachdenken. Das Pferd führte ich neben mir im Schritt. Ich versuchte meine Trauer zu unterdrücken, da ich es arbeiten und bewegen musste. Irgendwelche Gefühle waren hier fehl am Platz, dachte ich. Ich wollte meine Stimmung nicht an ihm auslassen.

Ich begann es zu longieren, in Gedanken war ich aber nicht wirklich bei der Sache. Nichts funktionierte. Das Pferd lief nicht wie ich wollte, wurde nicht locker, dehnte sich nicht, war richtig stur. Ich wurde wütend, weil nichts klappte an diesem Tag. Die Wut führte dazu, dass ich meine Tränen nicht mehr unterdrücken konnte. Ich blieb stehen und schmiss die Longe auf den Boden.

Da stand ich nun in der Halle, bin auf das Pferd zugegangen, habe mich an das Pferd gelehnt, es umarmt und aus tiefstem Herzen geweint. Den Schmerz ausgedrückt, den ich schon so lange mit mir rumgetragen hatte, den ich aber nie mit jemandem geteilt hatte. Mir fiel es immer schwer mich anderen Menschen zu öffnen.

Da standen wir nun beide. Ich heulend, schluchzend, traurig – aber ehrlich und authentisch. Es war mir möglich mich komplett fallen zu lassen. Ich spürte in diesem Augenblick eine Verbundenheit. Es gab mir das Gefühl, dass es nur dann bereit dazu war mit mir zu sein, wenn ich keine Maske trage.

Als ich mich beruhigt hatte, war mir nicht mehr nach alltäglichem Longieren oder irgendwelchen Gymnastikübungen. Ich ließ es vom Kappzaum los, es sollte machen, was es wollte. Es sollte lebendig sein können, laufen können, Spaß haben können, es sollte genau die Freude fühlen können, die ich dadurch empfunden hatte, dass es mich „angenommen“ hatte. Ich war glücklich in diesem Moment. Ich war Hier, keine versteckten Gefühle. Das hat das Pferd gemerkt. Es wusste in diesem Moment, dass ich authentisch bin, es konnte mich jetzt einschätzen und wusste, dass ich keine Gefahr darstellte.

Nie zuvor hatte ich mit ihm Freiarbeit gemacht, an diesem Tag war es das erste Mal. Ich bewegte mich nun zuerst durch die ganze Halle, es folgte mir aufmerksam, achtete auf mich, meine Bewegungen, meine Körpersprache. Ich war in diesem Moment so im Hier und Jetzt verwurzelt, so echt, dass ich mit dem Pferd mental verbunden war. Ohne es je zuvor geübt zu haben, fing ich an es ohne alles im Zirkel zu longieren, frei, nichts in der Hand. Es hätte machen können, was es wollte, aber es folgte mir, mithilfe nur kleinster Bewegungen meines Körpers, mithilfe meiner Gedanken. Es blieb bei mir im Schritt, Trab und im Galopp. Nur durch kleinste Zeichen wechselte es sauber die Gangarten. Vom Schritt sofort in den Galopp, vom Traben sofort zum Stehen, vom Stehen sofort in den Trab. Nur durch die Anwendung meiner eigenen Energie konnte ich das Tempo der jeweiligen Gangart des Pferdes beschleunigen oder verlangsamen. Es wurde locker. Es trabte nicht nur, sondern es war voller Anmut, harmonisch und mächtig im Ausdruck, gewaltig in seinen Schritten, einfach wunderschön zu beobachten. Es schwebte mit einer Leichtigkeit durch die Halle. Genau mit derselben Leichtigkeit, die ich in diesem Moment empfand.

Ich war da, im Augenblick, im Jetzt.

Ich war eins mit dem Pferd. Eins mit einem Wesen, was doch eigentlich so verschieden ist.

Dieses Gefühl war unglaublich, einfach unbeschreiblich. Es war absolut magisch.

Von da an verstand ich, dass ich in Gegenwart der Pferde weinen kann, wenn ich traurig war, wütend sein kann, wenn ich Wut empfand, und so weiter… ich konnte alles sein, solange ich das auslebte, was ich fühlte und das Pferd mich somit als authentisch einordnen konnte.

Ich musste im Umgang mit ihnen mein wirkliches Ich entdecken, dieses im Hier und Jetzt zulassen und ausleben. Durch dieses authentische Auftreten bin ich mit dem Pferd gedanklich verschmolzen – und das verursachte das schönste Gefühl in mir, was man sich nur vorstellen kann.

Einssein, unendliche Freiheit bei gleichzeitiger Liebe und Lebendigkeit, Akzeptanz im Jetzt durch die Person, die man wirklich ist.

Es ist dieser unglaublich wundervolle Moment des Zusammenseins, der so wahnsinnig intensiv ist, weil er ECHT ist.

Pferde waren es, die mich dazu aufgefordert haben, echt zu sein, ich selbst zu sein und mich dafür in ihre Welt gelassen haben, mir vertraut haben, bereit dazu waren mit mir zu verschmelzen.

 Sie zeigten mir, dass es wunderschön sein kann, einen Moment gemeinsam zu leben.

Sie haben viele Momente geschaffen, in denen ich nicht fliehen wollte, in denen ich keine Angst hatte – sondern in denen ich einfach nur tiefstes Glück und das höchste Ausmaß an innerster Zufriedenheit empfunden habe.

Sie haben mich gelehrt authentisch sein zu dürfen, Gefühle zeigen und zulassen zu müssen, um akzeptiert und angenommen zu werden.“

So habe ich also durch sie gelernt, im Augenblick zu bleiben. Nicht ständig abzuschweifen oder abzuschalten. Ich konnte irgendwann dieses „im Augenblick bleiben“ während der Arbeit mit den Pferden auf ein „im Augenblick bleiben“ bei den Menschen übertragen. So wurde es besser mit meiner Sprache und den zwischenmenschlichen Unterhaltungen. In den mündlichen Abiturprüfungen habe ich richtig gut abgeschnitten. Seitdem wurde es immer besser.

Seit nun ca. 1 ½ Jahren habe ich weder Sprachschwierigkeiten noch dieses „Nichtfolgenkönnen-Problem“. Es ist alles weg – und ich bin unglaublich froh darüber!

Einfach in der Vorlesung sitzen zu können, mich melden und mitdiskutieren zu können, dabei bleiben zu können. Eos macht richtig Spaß!

Pferde haben mich verändert, positiv verändert.

Für manchen mag es irrsinnig klingen, aber sie haben mir gezeigt, was echte Akzeptanz und Verbundenheit bedeuten.

Diese Gefühle waren mir bis dahin eigentlich fremd.

Ab und zu werde ich gefragt: warum hast du keinen Mann an deiner Seite, warum bist du so oft irgendwo allein unterwegs? Gefällt dir keiner?

Das erste, was mir dazu einfällt ist: weil ich genau diese tiefe, geistige Verbundenheit, die ich durch die Arbeit mit den Pferden erlebt habe, bei einem Menschen bis jetzt nicht hatte und für mich deshalb jeder uninteressant ist, egal wie er aussieht.

Zum anderen frage ich mich: warum überhaupt einen Mann?

Warum steht es meist fest, dass man sich als Frau einen Mann aussuchen soll?

Ein Mann kann doch genauso gut mit einem Mann zusammen sein wie eine Frau auch mit einer Frau zusammen sein kann – wenn sie dabei glücklich sind, ist doch alles gut.

Jeder Tag, mit seinen Höhen und Tiefen, ist mittlerweile ein Geschenk für mich – ich habe angefangen das Leben zu genießen, das Studium erfüllt mich, ist spannend. Nicht nur die Liebe zu einem Menschen, sondern auch die Liebe zum Leben selbst kann einen unheimlich glücklich machen.

Ich weiß, wer ich bin, was ich möchte und wofür ich einstehe – ein ganz bedeutender Punkt hier ist das Ende der Prostitution.

Dafür werde ich mich einsetzen, komme, was wolle.

Ganz einfach deshalb, weil ich weiß, wie es ist, weil ich weiß, wie man sich fühlt, weil ich weiß, dass man sich selbst verloren hat und hilflos ist.

Weil ich weiß, dass es einen letztlich zerstört und weil ich weiß, wie unglaublich schwer es ist ins Leben zurückzufinden. Wie eben erläutert nicht nur durch den Ausstieg an sich, sondern auch durch Dinge, die man nicht einfach im Rotlichtmilieu lassen kann, wenn man geht, wie zum Beispiel Erfahrungen, Erlebnisse oder solche Mechanismen wie oben erklärt, die sich entwickelt haben.