Monat: September 2020

Über Geld und Freiheit

Heute möchte ich etwas über Geld schreiben.

Meine Beziehung zu Geld ist ziemlich angekratzt, um es mal so zu formulieren. Das hat mit meiner Prostitutionserfahrung zu tun. Von manchen Anhängern der Pro-Lobby, denen mein Aktivismus nicht passt (weil sie um ihren Profit fürchten) und die „Sexarbeit ist Arbeit“ promoten, habe ich schon gelesen, dass ich die Öffentlichkeitsarbeit nur machen würde, um damit Geld zu verdienen. Das ist schon sehr amüsant und ich habe darauf noch nie öffentlich geantwortet, weil es mir einfach zu blöd ist, mich mit solchen Leuten zu unterhalten, aber da ich das Thema heute aufgreife, muss ich mal was dazu sagen: bis auf wenige Ausnahmen habe ich seit Jahren alles umsonst gemacht. Und sogar oft noch draufgezahlt bei meinem Aktivismus.

Dann sagen mir einige Leute (die es gut mit mir meinen und die ich auch sehr schätze) immer und immer wieder: Sandra, nimm doch bitte das Geld an. Nimm doch bitte dieses Geschenk an. Nimm doch bitte unsere Unterstützung an. Und was macht Sandra? Sandra denkt sich: Nein, ich mache Aufklärungsarbeit aus meiner tiefen Überzeugung heraus, ich kann doch dafür kein Geld nehmen.

Wenn mir jemand Geld anbietet, dann lehne ich meist ab. Ich sollte es nicht ablehnen und es wird auch nach und nach (nach Jahren) besser, aber das steckt ziemlich tief in mir drin. Woher kommt das?

Geld anzunehmen, da fühle ich mich oft gekauft. Wie damals, bei Freiern. Wenn das Geld auf dem Tisch lag, dann musste ich tun, was ausgemacht war. Ich war unfrei und konnte nicht mehr über meinen Körper bestimmen, obwohl ich anwesend war, denn der Geldschein hatte vorher festgelegt, was der Mann mit mir machen und nicht machen darf, egal wie es mir dabei ging (und viele haben sich an das „nicht machen darf“ nicht gehalten und es in der Situation dann einfach trotzdem getan). Eine Stunde mit ausgemachtem „Service“ bezahlt, eine Stunde war zu liefern. Und wenn es mir zum Heulen war, ich hatte zu lächeln und mein Schauspiel abzuziehen.

Wenn ich heute Geld annehme, dann fühle ich mich oft nicht mehr frei. Ich fühle mich dann oft unfrei, so wie früher bei Freiern. Auch mein Zuhälter hat mir damals die Zugtickets zu sich bezahlt, als ich ihn kennenlernte und ihn am Anfang an den Wochenenden besuchen fuhr, denn ich war Schülerin und hatte kein Geld, ich lebte zuhause in armen Verhältnissen. Nur so konnte er mich weiter in seine Abhängigkeit bringen. Auch das machte mich unfrei. Ich war ihm etwas schuldig, obwohl er die Zugtickets zunächst als Geschenk deklarierte, um mich sehen zu können, weil er mich ja liebe. Welche „Leistung“ ich dann letztlich für ihn und seine vorgeblichen „Schulden“, womit er mich erpresste, später zu erbringen hatte, das erfuhr ich erst später.

Wenn ich heute Geld annehme, dann fühlt es sich für mich oft so an, dass ich bestimmte Erwartungen erfüllen muss, nicht mehr das machen kann, was mir wichtig ist, weil jemand mich bezahlt hat. Soviel Geld wie ich schon abgelehnt habe im Rahmen meines Aktivismus… manche zeigen mir den Vogel, denn sie sagen, dass ich ja auch von was leben muss, wenn ich schon so viel Zeit in die Aufklärungsarbeit stecke. Sie haben ja recht und objektiv gesehen weiß ich das auch. Denn Geld annehmen bedeutet ja nicht, sich wie damals kaufen zu lassen, sondern ist vor allem eine Wertschätzung und Honorierung der Arbeit, die man leistet – ohne dass man dafür seine Freiheit aufgeben muss.

Aber für mich fühlt sich Geld annehmen oft immer noch wie ein Freiheitsverlust an, auch wenn es nur um simple Essenseinladungen geht.

Ich habe auch einmal, als ich in der Prostitution war, einige Geldscheine zerrissen. Obwohl ich sie eigentlich gebraucht hätte. Da hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Daran kann ich mich gut erinnern. Ich saß in dem Bordell in meinem Kellerzimmer, sah das Geld an, mein über mir zusammengebrochenes Leben und dachte mir nur: das scheiß Geld hat dein Leben zerstört. Und indem ich es zerrissen habe, habe ich mich frei gefühlt. Geholfen hat mir das natürlich nicht. Im Gegenteil.

Aber ja: nicht das Geld hat mein Leben zerstört, sondern meine Ausbeuter, die Geld mit mir machen wollten und es auch getan haben. Nicht das Geld hat mein Leben zerstört, sondern Menschen, die mir Liebe und Zuneigung nur vorgespielt haben, um mit mir Geld zu machen – mein Zuhälter.

Ich habe mir Liebe gewünscht, Ruhe, Frieden, ich habe mir einfach nur etwas ganz Simples gewünscht: endlich „anzukommen“ und geliebt zu werden. Meine Ausbeuter wünschten sich aber Geld. Geld war ihnen wichtiger als jegliche Menschlichkeit. Geld ging über alles.

Ich war nur so viel wert, wie ich Geld brachte.

Es fällt mir schwer, Menschen zu vertrauen, Menschen in mein privates Leben zu lassen. Wenn ich welchen begegne, frage ich mich immer: schätzen sie wirklich mich als Mensch oder wollen sie nur wieder irgendeinen Profit rausschlagen?

Wir alle brauchen Geld zum Leben. Bei mir hinterlässt Geld aber noch heute einen faden Beigeschmack.

„Loverboy“-Methode und Sprache

Immer wieder lese ich im Internet, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode beschämt werden. Sie seien dumm, selbst schuld, naiv.

Wer das sagt, erkennt die Täterstrategie und die Gewaltmechanismen dahinter nicht und stellt sich mit dieser Sprache, wenn auch sicherlich oft unbewusst und ungewollt, auf die Seite des Täters, der den Opfern lange eingeredet hat, sie seien schuld daran, wenn ihm etwas passiert, sie seien schuld an dies und jenem. „Loverboys“ sind Menschenhändler. Das ist ein Teil der Täterstrategie: das Opfer beschämen und noch verletzlicher machen, noch mehr schwächen und zwar genau an den Punkten, wo es sowieso schon verletzlich ist.

Wer schwach ist, kann sich noch weniger wehren. Wer gebrochen ist, kann sich noch weniger wehren, was der Grund dafür ist, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode am Anfang oft, wenn der gezielte Beziehungsaufbau abgeschlossen ist (Stadium 1) und die Konfrontation, dass die Frau sich prostituieren soll (Stadium 2), anfängt, gezielt von den Tätern durch sexuelle Gewalt gebrochen werden. Das macht die Betroffenen psychologisch häufig wehrlos, denn sie fühlen sich dreckig und missbraucht und fügen sich – und die Täter wissen das. Es braucht keine 100 Freier um traumatisiert zu werden, es genügt manchmal der Erste, denn es ist ungewollter Geschlechtsverkehr und das hinterlässt tiefgreifende Spuren.

Eine (junge) Frau darf lieben. Eine (junge) Frau darf verletzlich, schwach und vulnerabel sein, denn sie sucht sich ihre Verletzlichkeit und Vulnerabilität nicht aus, sondern befindet sich in einer schwierigen Lebenssituation. Kein Mensch aber hat das Recht, nur weil er wissentlich überlegen ist, in solchen Situationen gezielt emotionale Abhängigkeiten zu erzeugen und die Vulnerabilität des Schwächeren auszunutzen.

Zu lieben ist nicht naiv.
Zu lieben ist keine Blödheit.
Zu lieben ist nicht dumm.
Menschen in Not helfen zu wollen, vor allem solchen, die man liebt, ist eine gute Charaktereigenschaft.

Wer die Liebesfähigkeit und die Hilfsbereitschaft einer solchen (jungen) Frau derart ausnutzt, um sie in die Prostitution zu treiben und auszubeuten, ist erbärmlich.

Es gibt heutzutage in dieser schnelllebigen Welt immer weniger Menschen, die ehrlich und tief lieben können, die selbstlos handeln und hilfsbereit sind, ohne dabei Eigeninteressen zu verfolgen. Wenn man über Menschen spricht, die ehrlich geliebt haben und dafür ausgebeutet wurden, sollte man sie nicht beschämen.

Betroffene der „Loverboy“-Methode, die bei ihren Tätern bleiben, oft wieder zu ihren Tätern zurückkehren, sind genauso wenig schuld an ihrer Ausbeutung wie Opfer häuslicher Gewalt nicht daran schuld sind, dass sie erneut geschlagen werden, wenn sie wieder zu ihrem Täter zurückgekehrt sind. Der Täter begeht die Straftat, nicht das Opfer. Diese Betroffenen befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, sind schwach, von ihren Tätern geschwächt, von der psychischen/seelischen/physischen Gewalt geschwächt, ihrem Wert beraubt worden. Sie fügen sich, weil der Täter gezielt ein Gefängnis in ihrem Kopf erzeugt hat. Und er weiß genau, was er machen muss, damit die unsichtbaren Ketten festgezogen bleiben. Bärbel Kannemann, ehemalige Kriminalhauptkommissarin, die den Verein „No Loverboys“ gründete und unzähligen Betroffenen half, sagte mir, dass bis zu 50 % der „Loverboy“-Betroffenen zu ihren Tätern zurückkehren. Man hilft diesen Frauen nicht, indem man sie beschämt. Man kann ihnen nur helfen, wenn man versucht, den Gewaltzyklus und ihre Verletzungen zu durchbrechen. Diese Betroffenen brauchen unbedingt stabile Hilfe von außen, weil sie es alleine meist nicht schaffen. Man muss dran bleiben, man muss Geduld haben und warmherzig sein, aber es braucht keine Beschämungen, die die Betroffenen nur weiter in ihrem Gewalt – und Ausbeutungszyklus festhalten.

Bist Du selbst betroffen? Kommst Du nicht raus aus diesem Teufelskreis?

Such Dir Hilfe. Du bist nicht alleine. Es gibt Menschen, die Dich und Deine Situation verstehen. Wenn Du nicht weißt wohin Du Dich wenden kannst, zögere nicht und schreib mich an. Ein anderes Leben ist möglich.

Du denkst, es ist zu schwierig Dich von Deinem Täter zu lösen? Du bist vielleicht gerade erst dabei anzufangen zu realisieren, dass die Person, die Dich ausbeutet, eigentlich ein Täter ist und niemand, der Dich wirklich liebt? Du hast Angst, wirst bedroht, bist hoffnungslos? Such Dir Hilfe und schäme Dich nicht. Viele haben aufgrund der engen emotionalen Bindung und Beziehung zum Täter lange kein Opferbewusstsein. Das ist typisch und war bei mir auch so.

Du fühlst Dich nach allem dreckig und denkst, Prostitution sei das Einzige, was Du noch in deinem Leben verdienst? Du denkst, Du bist nicht mehr wert? Prostitution ist nicht das, was Du verdienst, auch wenn es sich für Dich so anfühlt, weil du so viel Schmerz und Demütigung wegen der ganzen sexuellen Akte verspürst, dass Du glaubst, dass dieser Schmerz sowieso nie mehr aufhören wird, auch dann nicht, wenn Du jetzt Hilfe suchst und aussteigst, weshalb Du einen Ausstieg als sinnlos betrachtest und daher weiter in der Prostitution verharrst. Aber Dein Schmerz kann leichter werden, ich verspreche es Dir. Es ist ein langer Weg sich nach diesen Erlebnissen selbst wieder lieben und wertschätzen zu können, seinen Wert und seine Würde wiederzufinden. Es ist ein harter Weg, auf dem man viel Geduld braucht, den es sich aber lohnt zu gehen. Bitte geh ihn. Für Dich. Du verdienst es, wertgeschätzt zu werden. Du verdienst es, wirklich geliebt zu werden. Du verdienst es, würdevoll und liebevoll behandelt zu werden.

Du verdienst ein Leben ohne Gewalt. Du verdienst es, glücklich zu sein.

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