Monat: März 2021

Aufklärungsarbeit in Schulen

Heute war ich wieder bzgl. Aufklärungsarbeit im Bereich Prostitution und Menschenhandel an einer Schule bzw. wegen Covid-19 wurde das online durchgeführt. Mittlerweile wird vermehrt über die Themen Prostitution und Menschenhandel (insbesondere auch über die Loverboy-Methode) gesprochen, aber trotzdem noch zu wenig. Diese Themen gehören aber flächendeckend in den Schulunterricht, denn es ist die Aufgabe des Staates, Kinder und Jugendliche zu schützen. Diese flächendeckende Aufklärung gibt es leider immer noch nicht.

An das erste Mal Aufklärungsarbeit in der Schule kann ich mich gut erinnern. Ich war so dermaßen nervös, dass ich kurz vorm Weglaufen war. Junge Menschen, die in dem Alter sind, in dem ich damals rekrutiert wurde. Das hat irgendwas in mir ausgelöst und tut es heute noch, wenn ich mit ihnen rede. Ich fühle eine ganz besondere Verantwortung und auch eine Art Verbundenheit, denn sie sind ein noch verletzlicher und ganz besonders zu schützender Teil unserer Gesellschaft. Auch ich gehörte damals zu diesem Teil.

Letztlich ist die Arbeit mit jungen Menschen genau das, was am aller wichtigsten ist und mir viel bedeutet. Sie sind es, die heranwachsen und die neue Generation bilden, die unsere Gesellschaft in Zukunft prägen und formen werden. Wenn jemand langfristig diese Welt verändern kann, auch in Bezug auf die Themen Prostitution und Menschenhandel, dann sind sie es.

Wenn ich mit Jugendlichen und Heranwachsenden ins Gespräch komme, dann kann ich in deren Reaktionen sehen, dass es unmittelbar, jetzt in diesem Moment, etwas bringt, was ich hier tue.

Einmal war ich in einer Klasse, in der ein Junge anfangs vor dem Gespräch sehr auffällig und nervös war. Während der Diskussion hat er sich dann gemeldet und gesagt, dass sein Vater Zuhälter und im Gefängnis war und dass er es total super findet, dass ich aus einer anderen Perspektive darüber berichte. Wie aus einem Wasserfall ist alles aus ihm herausgebrochen. Die Lehrerin schien diese Offenbarungen auch nicht erwartet zu haben. Die Gespräche dort waren sehr locker, wie eine Art Lagerfeuergespräch unter Kumpels, alles auf einer Wellenlänge. Die Schüler und Schülerinnen waren sehr interessiert und bombardierten mich regelrecht mit Fragen – wie nahezu immer, wenn ich an Schulen oder sonstigen Jugendeinrichtungen auftauche und mit diesen ins Gespräch komme.

Dann war ich auch mal ganz oben im Norden Deutschlands an einer Schule. Das hatte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt dort organisiert. Da wurden am Ende meines Vortrags Zettel ausgeteilt, auf die die Schüler und Schülerinnen Fragen schreiben konnten, die sie an mich haben. Somit war das eine Art anonyme Fragestunde, ohne dass sich jemand melden musste. Ich habe dann Zettel um Zettel aus der Box genommen und die Fragen laut vorgelesen und sie beantwortet. Eine Frage davon war, wo man sich Hilfe suchen kann, wenn man sexuell missbraucht wird. Warum solch eine Frage gestellt wird, kann man mutmaßen. Auch diese Frage habe ich laut vorgelesen und beantwortet, denn nun stand die Möglichkeit im Raum, dass ein Schüler oder eine Schülerin hier sexuell missbraucht wird, sich nicht offenbaren, aber eine professionelle Anlaufstelle suchen möchte. Auszuschließen war das jedenfalls bei so einer Fragestellung nicht. Die Lehrerin sowie auch ich waren besorgt und gaben die nötigen Hilfestellungen sowie auch Gesprächsangebote.

Man denkt es nicht, aber nahezu in jeder Schule und Einrichtung, wo ich war, gab es Schnittpunkte zum Rotlicht /Prostitution oder zu sexuellem Missbrauch. Die Teilnehmenden heute waren etwas älter als 15 Jahre, als ich zunächst dachte. Eine davon war als Minderjährige schon in der Prostitution. Dies zeigt sehr gut, dass die Aufklärung früher beginnen muss. Viele denken immer, diese Themen sind so weit weg, aber das sind sie ganz und gar nicht. Sie finden mitten unter uns statt, werden nur häufig leider totgeschwiegen, was Kindern und Jugendlichen nicht hilft, im Gegenteil.

Es braucht hier konstante und offene Gespräche über diese Themen, die auch das Thema Sexualität im Generellen beinhaltet (denn es geht auch darum, seine eigenen Grenzen setzen zu lernen und diejenigen von anderen zu respektieren, aber darüber werde ich mal einen eigenen Text schreiben, denn auch diesbezüglich gibt es breiten Aufklärungsbedarf) sowie auch das Thema sexuelle Gewalt. Dies natürlich alles mit der nötigen Sensibilität, aber sie müssen stattfinden.

Ich sage auch jedes Mal, wenn ich in Schulen oder andere Einrichtungen gehe, dass niemand im Raum bleiben muss und der Raum jederzeit verlassen werden kann (online kann ja sowieso jeder von selbst abschalten), ohne Gründe dafür anzugeben, denn es gibt leider nicht selten Kinder und Jugendliche, die vor allem im nahen Umfeld schon einmal mit sexuellem Missbrauch zu tun hatten und die es schwer triggern kann, was ich über Prostitution und Menschenhandel erzähle, da diese Themen ebenfalls das Thema sexuelle Gewalt umfassen. Dass der Raum jederzeit verlassen werden kann, ohne dies begründen zu müssen, sage ich deshalb ganz am Anfang vorneweg, damit sich niemand als Missbrauchsopfer outen muss, um aus dem Raum gehen zu dürfen. Ich nenne auch nicht den Grund, weshalb ich sage: „Ihr könnt den Raum jederzeit ohne Gründe anzugeben verlassen“, da es ja sonst letztlich ein indirektes Outing wäre, wenn ich sagen würde: „Wenn es euch triggert, was ich hier gleich erzähle, weil ihr selbst oder jemand euch nahestehendes Missbrauch erlebt habt bzw. hat, dürft ihr gerne den Raum verlassen.“ Ich sage anfangs nur, dass das Thema kein gerade angenehmes Thema ist und ich verstehen kann, wenn jemand sich das nicht bis zum Schluss anhören möchte. Sie haben vorher die Wahl, ob sie hören möchten, was ich sage, und sie haben nach Beginn die ganze Zeit die Wahl, das Klassenzimmer verlassen zu können. Wenn dann später jemand den Raum verlässt, so weiß ich sowie die dafür sensibilisierten Lehrer und Lehrerinnen, dass da auch Missbrauchserfahrungen dahinterstecken können. Dass wir das dann wissen genügt, das muss man vorher nicht vor der gesamten Klasse ausbreiten, was letztlich nur bedeuten würde, dem/der Betroffenen die Möglichkeit zu nehmen, den Raum zu verlassen – und zwar aus Angst vor Outing.

Ich werde, wenn ich mit jungen Menschen spreche, nicht mal ansatzweise so detailreich wie hier im Blog oder anderswo und weiß schon, was ich sagen kann und was nicht, sodass die Schwere des Themas nicht zu arg auf dem Magen liegt und ich versuche auch immer es mit einem gewissen Humor an manchen Stellen zu machen. Das Thema ist natürlich nicht lustig, aber ich sehe es dennoch als wichtig an, dass an bestimmten Stellen (nicht an den Falschen!) auch mal geschmunzelt oder gelacht wird, sodass der Ballast nicht zu groß wiegt, denn ich möchte diesen jungen Menschen durch Aufklärung Wissen vermitteln und ihnen damit helfen niemals in dieses Leben abzurutschen, nicht aber möchte ich sie zusätzlich belasten. Manchen kann aber auch das zu viel sein, vor allem dann, wenn sie unmittelbar oder mittelbar selbst mit Missbrauch zu tun hatten und viele Triggerpunkte bestehen, deshalb müssen sie aus dem Raum gehen dürfen ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Das auch als guten Ratschlag für diejenigen, die auch mit jungen Menschen in diesem Bereich arbeiten. Und wenn jemand den Raum verlässt, dann kann er emotional sehr aufgewühlt sein. Lasst denjenigen runterkommen, lasst ihm seine Emotionen, die man oftmals nur gegenüber sich selbst zeigen kann, die vielleicht auch zum ersten Mal oder nach langer Zeit wieder hochkommen, fragt mit hoher Sensibilität nach, ob alles ok ist, ob derjenige sprechen oder eine Hilfestellung möchte. Wenn er es verneint, dann sagt ihm, dass er dennoch jederzeit kommen kann, wenn er es sich anders überlegt. Bedrängt ihn nicht, aber habt ein Auge auf denjenigen. Feingefühl ist ganz wichtig in solchen Situationen.

Dann war ich auch mal in einem psychotherapeutischen Wohnheim der stationären Jugendhilfe. Da saßen wir alle mit Stühlen in einem Kreis zusammen und haben über die Themen Prostitution und Menschenhandel gesprochen. Da hatte ich das Gefühl, ganz besonders aufpassen zu müssen, was ich wie sage und formuliere, um keine Wunden aufzureißen oder zu verursachen. Die waren allerdings schon so „vom Leben gezeichnet“, dass die viel weniger Hemmungen hatten und mir viel direktere Fragen gestellt haben und noch viel mehr wissen wollten. Ein Mädchen stellte mir auch die Frage, wieso sie über all das, was ich erzähle, nicht in der Schule aufgeklärt werden, obwohl das so ein wichtiges Thema ist. Da habe ich ihr gesagt, dass das eine gute Frage ist und ich mich das auch ständig frage.

Auf der einen Seite betitelt man Prostitution als Dienstleistung, auf der anderen Seite möchte keiner so wirklich darüber sprechen, weil es so schambehaftet ist. Die jungen Menschen werden also zwangsläufig in unserer die Prostitution so liberal handhabenden Gesellschaft damit konfrontiert durch Zeitungen, Werbungen, Plakate, Fernsehen, aber mit ihnen reden und aufklären, das kommt viel zu kurz. Aufgeklärt wird viel zu wenig, oft nicht richtig sowie nicht flächendeckend.

Ich war in vielen weiteren Schulen und Einrichtungen und habe immer ähnliche Erfahrungen gemacht: junge Menschen, die zwar erst schüchtern sind, weil das Thema schambehaftet ist, dann allerdings, wenn der Erste anfängt zu fragen, einen mit Fragen bombardieren und gar nicht mehr aufhören möchten darüber zu diskutieren. Es besteht hier ein sehr hoher Gesprächsbedarf, der unbedingt – und das wiederhole ich seit langem – durch professionelle Fachkräfte in der gesamten Bundesrepublik abgedeckt werden muss, die das Thema Prostitution nicht verharmlosen, sondern die in Studien belegte Gewalt auf den Tisch bringen und die Kinder und Jugendlichen davor warnen. Warnen vor Menschenhandel, insbesondere der Loverboy-Methode, aber auch warnen vor der Prostitution und deren Ursachen und Folgen im Gesamten. Warum machen wir sonst Studien über das Thema, wenn wir die Ergebnisse diesbezüglich nicht weitertragen, nicht aussprechen? Und hier geht es vor allem darum, die Ergebnisse gegenüber denjenigen auszusprechen, die jung und daher als vulnerable Gruppe extrem und am meisten gefährdet sind, in dieses Leben und in diese Gewalt abzudriften.

Die meisten Frauen in der Prostitution in Deutschland kommen aus dem Ausland, meist aus Osteuropa wie Rumänien, Bulgarien, aber auch aus Afrika (hier ist der Voodoo-Schwur sehr verbreitet) und anderen Ländern. Mit der Loverboy-Methode werden viele dieser Ausländerinnen (vor allem aus Osteuropa) nach Deutschland gelockt und ausgebeutet. Dabei darf aber nicht übersehen werden: die Loverboy-Methode wird auch an vielen deutschen jungen Mädchen und Frauen angewandt, also Menschenhandel innerhalb Deutschlands. Letztere Vorgehensweise unterscheidet sich im Detail oft nochmal von der Vorgehensweise der Loverboy-Betroffenen, die vom Ausland hergelockt werden. Die Dunkelziffer ist hoch und ein Grund, warum das Thema unbedingt endlich in alle deutschen Klassenzimmer muss (natürlich auch in die Klassenzimmer in Rumänien, Bulgarien, etc.).

Bärbel Kannemann war fast 40 Jahre Kriminalbeamtin und gründete später den Verein No Loverboys e.V. Sie sagte mir einmal zu dem Zeitpunkt, wo sie das seit 8 Jahren machte, dass sich bis dahin um die 1100 Betroffenen und Eltern bei ihr gemeldet haben. Was ich damals sehr erschreckend fand war, als sie mitteilte, dass fast an jeder Schule, an der sie bisher einen Vortrag hielt, Opfer dabei waren und dass es an einer Schule sogar schon einmal 11 betroffene Mädchen waren. Das vor allem vorkommende Alter grenzte sie von ca. 12-23 Jahren ein.

Ich habe es in meinem vorletzten Text schon geschrieben: junge Menschen haben ein Recht darauf, über die Realitäten von Prostitution und Menschenhandel aufgeklärt zu werden, so dass sie gewarnt sind und sich besser schützen können. Es genügt nicht, nur Geschichte, Mathe, Englisch oder sonst was in der Schule zu lernen, wenn einem das später alles nichts bringt, weil man ins Milieu abgerutscht ist und von sexuellen Gewalterfahrungen kaputt gemacht wurde.

Diese jungen Menschen, die ich bis jetzt in meiner Aufklärungsarbeit kennenlernen durfte, möchten auch darüber sprechen. Sie sind interessiert, wissbegierig und aufmerksam. Diese Erfahrung mache ich jedes Mal erneut.

Unser Staat muss ihnen die Möglichkeit und die Chance geben, sich selbst vor Ausbeutung und Gewalt schützen zu können. Dies können sie nur, wenn sie aufgeklärt sind, die Indikatoren eines Ausbeutungsverhältnisses frühzeitig kennenlernen und daher erkennen können und wenn vor Prostitution an sich gewarnt wird, anstatt diese als „Sexarbeit“ schönzureden und damit die in Studien belegten hohen Gewalterfahrungen in der Prostitution vor den eigenen Kindern zu verschleiern.

Wie ich das immer nur wiederholen kann: diese Themen müssen in den regulären Schulunterricht integriert werden. Aufklärung über Prostitution ist in jeder Gesellschaft wichtig, aber insbesondere in einer Gesellschaft wie der unseren, in der Prostitution als mögliche Option dargestellt wird, da sie hier letztlich alle Jugendlichen anspricht und betrifft, denn die versteckte Botschaft der liberalen Prostitutionsgesetzgebung ist, dass Menschen, zum aller größten Teil Frauen, diesbezüglich grundsätzlich käuflich sind. Zudem geht es bei der Aufklärung auch nicht nur darum, die Mädchen und jungen Frauen vor dem Abrutschen ins Milieu zu warnen, sondern auch darum, Bewusstsein bei den Jungs und jungen Männern zu schaffen, dass Prostitution für die aller meisten nichts mit „Sexarbeit“, sondern mit sexuellen Gewalterfahrungen und Traumatisierung zu tun hat. Es geht hier um wichtige Gewaltprävention.

Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit – wie ich dazu kam, was diese in sich birgt und was ich mir von Menschen wünsche, die mit Aussteigerinnen und Betroffenen zum Zweck der Informationsgewinnung sprechen

Angefangen hat es bei mir mit diesem Blog. Zunächst habe ich einfach nur anonym geschrieben, denn ich liebe das Schreiben und fing das schon in sehr jungen Jahren an. Es war eine Art Ventil für mich. Dass ich mich schon früh aufgrund der Situation zuhause ins Internet geflüchtet habe, ist ja bekannt und früher habe ich dann im Internet vor allem auch viele Gedichte und Aphorismen auf einer Literaturplattform geschrieben, mich dort mit anderen Schreibenden ausgetauscht und war auch Teil einer Anthologie. Heute kann ich im Generellen aber nur ausdrücklich und mit Nachdruck davor warnen, dass Kinder und Jugendliche über ihre Probleme, wie ich damals, im Internet schreiben und darüber erzählen, sei es in Gedichten, Chaträumen, Instagram, Facebook, etc., denn leider gibt es viele, die die wunden Punkte der Kinder und Jugendlichen für ihre Zwecke zu nutzen wissen, so wie es mein Zuhälter dann tat, als ich ihn im Chat kennenlernte. Ihr könnt eure Kinder natürlich nicht dauerüberwachen, aber ihr solltet sie frühzeitig über mögliche Gefahren des Internets aufklären. Das ist zwar leider keine Garantie dafür, dass sie von den Gefahren verschont bleiben, aber jedenfalls eine wichtige und dringend nötige Warnung, so dass sie zumindest sensibilisiert sind und bestimmte Muster und Vorgehensweisen erkennen können.

Das Schreiben auf diesem Blog war anfangs vor allem eine Art Auseinandersetzung mit meinen ganzen Jahren im Milieu, denn vieles habe ich zunächst selbst überhaupt gar nicht richtig einordnen können. Dass es sehr vielen Betroffenen ähnlich geht, merke ich auch daran, dass mich immer wieder Frauen aus der Prostitution anschreiben und mir sagen, dass ihnen meine Texte helfen oder es ihnen hilft, wenn sie mich sprechen hören, um die ganzen (psychologischen) Zusammenhänge und Mechanismen und somit auch ihre eigene Geschichte in ihrer jeweils individuellen Ausprägung vollends verstehen sowie teilweise auch erst aufarbeiten zu können. Vor allem im Bereich der Loverboy-Methode. Außenstehende, die nicht in diesem Thema drin sind, können das häufig nicht nachvollziehen, da ist es mehr als gut mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten und sich austauschen zu können.

Durch diesen Blog bekam ich dann jedenfalls nach und nach Kontakte zu anderen Menschen, die in diesem Bereich aufklären und Stück für Stück habe ich meine Anonymität immer weiter aufgegeben. Das war alles ein Prozess. Ich wusste, dass es unschön werden wird, wenn ich anfange, mein Gesicht zu zeigen und aus der Anonymität heraus zu treten, aber irgendwann war ich an dem Punkt angelangt, dass ich es dennoch tat.

Und ja, es wurde sehr unschön, aber damit hatte ich gerechnet und dies in Kauf genommen.

Wenn ich heute über die Straße gehe, erkennen mich manche als diejenige, die mal „käuflich“ war, als diejenige, die auf einen Loverboy „reingefallen“ ist, sich für diesen prostituierte und dann noch für sich selbst, weil sie nach diesen Erfahrungen den Absprung nicht gleich geschafft hat. Von der Loverboy-Methode betroffen zu sein bedeutet generell häufig ein großes Stigma, die Betroffenen werden nicht selten als „dumm und naiv“, als „selbst schuld“ bezeichnet. Dass es hierbei um psychische und seelische Gewalt geht, um Menschenhandel und Zwangsprostitution, ändert an den niveaulosen Kommentaren mancher nichts. Eine körperliche Verletzung, die einem zugefügt wird, ist sichtbar. Eine seelische Verletzung und emotionale Gewalt sowie Abhängigkeit nicht. Viele Menschen glauben nur das, was sie sehen können.

Loverboy-Fälle fallen nicht grundlos unter Menschenhandel und Zwangsprostitution, aber dennoch wird oft mit dem Finger auf die Betroffenen gezeigt und ihr Erlebtes als nicht so schlimm abgetan. Sie werden nicht selten behandelt, als wären sie halt einfach dämlich gewesen. Dabei wird verkannt, dass der Täter bei der Loverboy-Methode von Anfang an besonders listig, perfide und durchdacht vorgeht, weil er gezielt oftmals viel Zeit investiert, um emotionalen Beziehungsaufbau zu betreiben, nur mit dem Ziel, die Frau später in die Prostitution zu drängen, wenn sie emotional abhängig ist, um sie dort auszubeuten. Täter, die besonders listig vorgehen und ihre Tat derart planen, die zeigen eine höhere kriminelle Energie als diejenigen, die „einfach“ spontan handeln. Dann davon zu sprechen, dass ja alles gar nicht so schlimm war und die Betroffenen als dumm zu bezeichnen und einfach einen Strich drunter zu ziehen, was ich so oft höre und lese, zeugt von wenig Verständnis für die Thematik, denn es richtet den Blick weg vom Täter und blendet das die Tat und gerade das Deliktsphänomen prägende Problem, die eingesetzte kriminelle Energie in Form der listigen Vorgehensweise, die auch eine gewisse Professionalität der Tatbegehung voraussetzt, gänzlich aus.

Ich habe lange in einem Keller im Bordell gelebt, wurde u.a. dort im Bordell ausgebeutet, habe mich von Null an alleine ohne Hilfe von außen aus dieser Situation Schritt für Schritt rausgearbeitet, mein Abitur per Fernschule nachgeholt und ein Jurastudium in Angriff genommen, nur um gegen die Missstände im Bereich von Prostitution und Menschenhandel, die ich gesehen habe, zu kämpfen. Ich verbringe seit 2012 damit, Bildung nachzuholen und zwar alles ohne Hilfe oder Unterstützung von außen. Jeden kleinen Schritt, den ich in den letzten knapp 10 Jahren gegangen bin, raus aus dem Milieu in Richtung Leben, den habe ich mir selbst und allein erarbeitet. Ich komme übrigens nicht aus einer Akademikerfamilie, niemand in meiner Familie hat Abitur, niemand hat studiert. Nichtakademiker-Kinder haben es generell, allein schon ohne dabei meine Vergangenheit zu betrachten, viel schwerer im Jurastudium[1]. So richtig angefangen zu glauben, dass ich es auch wirklich schaffen kann, habe ich erst, als ich dann in der Jura Zwischenprüfung in einer Prüfung die 17-Punkte Marke erreicht habe und in diesem Zeugnis weitere Klausuren im zweistelligen Bereich hatte. Wer sich mit Jura und diesem schrägen Punktesystem auskennt, wo man oftmals schon bei 4 Punkten Hurra schreit und den Freudentanz seines Lebens aufführt (mit 4 Punkten hat man bestanden), obwohl die Punkteskala bis zu 18 Punkten reicht (die allerdings nahezu niemals in der gesamten BRD vergeben werden), der weiß, wie selten auch 17 Punkte vergeben werden. Neben dem Jurastudium habe ich noch dazu Aufklärungsarbeit ohne Ende betrieben, die u.a. diverse Beratungen in der Politik und die Arbeit mit jungen Menschen in Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen umfasst. Nächste Woche habe ich wieder eine (online) Veranstaltung in einer Schule mit 15-/16-Jährigen, um das zu machen, was eigentlich unser Staat tun sollte und nicht ich in meiner Freizeit: aufklären und warnen vor den Gefahren des Milieus und dem Abrutschen in dieses. Die Arbeit mit Medien ist nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Vieles arbeite ich im Hintergrund ab, wovon die Öffentlichkeit überhaupt gar nichts mitbekommt.

Ihr könnt jetzt also selbst für euch beantworten, ob ihr findet, dass ich dumm bin, bei all den Sachen, die ich mache. An einen Loverboy zu geraten und von diesem ausgebeutet zu werden hat nichts mit Dummheit zu tun. Es ist seelische Gewalt, das gezielte Ausnutzen von Vulnerabilität und „emotionalen Engpässen“ von meist Minderjährigen und Heranwachsenden, es ist List und es sind die sexuellen Gewalterfahrungen, die einen kaputt machen und oft daran hindern, wieder ins normale Leben zurückzufinden. Wer nur „dumm und naiv“ sagt, der macht es sich ein bisschen zu einfach – viel zu einfach.

Was ich jedenfalls in all den Jahren Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit alles abgekriegt habe an Hassnachrichten, Beleidigungen, Beschimpfungen bis dahin, dass mein Wohnort von Profiteuren des Milieus öffentlich breitgetreten wurde, darüber spreche ich nicht oft, jedenfalls nur intern mit mir vertrauten Personen. Die positiven Rückmeldungen überwiegen zwar deutlich, aber die negativen „Botschaften“ sind dennoch viele und haben es in sich. Diese kommen meist von Profiteuren, oft von Freiern und Bordellbetreibern.

Es ist verständlich, dass ich diese störe. Die Freier wollen sich den Sex mit Prostituierten natürlich nicht verbieten lassen und Freier sitzen überall in der Gesellschaft, in allen Berufszweigen und auch in hohen Positionen. Es wird ja immer die Zahl von 1,2 Millionen pro Tag aufgeworfen, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen.[2] 1,2 Millionen, JEDEN TAG! Diese Zahl muss man sich schon einmal auf der Zunge zergehen lassen. Und das sind ja nicht immer die gleichen. Diese Freier bangen natürlich alle um „ihr Recht auf Sex(kauf)“, wenn sie über mich und meine Arbeit stolpern, die auch darin besteht, sich für das Schwedische/Nordische Modell einzusetzen. Allein dies zeigt, dass die Zahl der Menschen, die meine „Gegner“ sind, im Millionenbereich liegt – und das waren erstmal nur die Freier. Die Bordellbetreiber wiederum werden arbeitslos, wenn das Nordische Modell kommt. Zwischen arbeitslos sein und gutes Geld verdienen durch den Profit an Prostituierten liegt ein großer Unterschied. Niemand von denen möchte auf seinen Gewinn verzichten.

Dass Zuhälter und Menschenhändler mich ebenfalls nicht toll finden, liegt auf der Hand. In einem Land, in dem Sexkauf nicht erlaubt ist sowie das Profitieren an den prostituierten Menschen generell und komplett untersagt ist (keine 30, 40, 50 % und all sowas), ist es wesentlich unattraktiver und unlukrativer für sie, weil die Nachfrage und damit der Markt schrumpft und sie viel vorsichtiger sein müssen. Heute stehen die Zuhälter hier bei uns sichtbar überall rum. Unsere Gesetze sind so dermaßen schlecht, dass die sich nicht mal verstecken müssen, weil sie sich so sicher fühlen. Und das Traurige ist, sie sind sicher. Man kann viele von denen oftmals sehen, aber machen kann man meist nichts. Die deutsche Gesetzgebung geht grundsätzlich von der Freiwilligkeit der Frauen in der Prostitution aus und so wird eben gesagt: „Die wollen sich doch prostituieren, die wollen das doch so.“ Dies hilft den Kriminellen noch dazu.

Dann gibt es noch die selbsternannten „Sexarbeiterinnen“, die auch nicht gerade begeistert von mir sind, denn wenn das Nordische Modell kommt, wird natürlich die Nachfrage sinken. Als Mensch und als Frau stehe ich letzten Endes hinter jeder Frau in der Prostitution, auch wenn sie das Rotlicht verherrlicht und sagt, dass sie das alles toll findet. Wie ich das immer wieder erzähle, habe ich das nach außen hin auch gesagt, nicht weil es toll war, sondern erstens, weil ich während meiner Ausbeutung „geschult“ wurde, was ich sagen und nicht sagen darf (auch in Bezug auf andere Bereiche) und zweitens, weil ich dann nicht wollte, dass Menschen merken, wie tief ich eigentlich mittlerweile gesunken bin und wie nahe ich am Abgrund stehe. Wer gibt schon gerne nach außen hin zu, wie schlecht es einem geht. Außerdem tut es verdammt weh, wenn man sich eingesteht, dass das alles Gewalt ist, was man da jeden Tag erlebt, man für sich aber keinen Weg aus dieser Gewalt, keinen Weg zurück, sieht. Wenn man keinen Ausweg sieht, dies kann auch rein subjektiv der Fall sein während es objektiv gesehen Wege gäbe, dann ist es einfacher nach außen hin zu sagen, dass es keine Gewalt und alles super ist. Das ist eine Art Selbstschutzmechanismus und davon berichten sehr viele Frauen, die in der Prostitution waren und nun draußen sind. Aber sei es drum, ich möchte niemanden entmündigen, dies wäre übergriffig und steht mir nicht zu, daher: selbst wenn manche von diesen „Sexarbeiterinnen“ es wirklich ok finden, dann sollen sie das doch bis an ihr Lebensende machen. Niemand hält sie davon ab. Was ich allerdings mehr als unsolidarisch finde ist, dass manche von ihnen so tun, als wären sie die Masse, die Prostitution als ihren Traumberuf ansieht. Das stimmt hinten und vorne nicht und diese Beschönigungen sind einfach nur ein Hohn und bringen andere junge Mädchen und Frauen in Gefahr, die aufgrund von Verharmlosungen des Gewerbes viel einfacher in dieses abrutschen können. In den Bordellen sitzen zum größten Teil blutjunge Frauen aus dem Ausland, die oft nicht einmal die deutsche Sprache richtig können und der „Freund/Mann“, der Zuhälter, dahintersteht und kräftig abkassiert. Als Covid-19 ausbrach und die Bordelle schließen mussten, hat man gesehen, wieviel Geld die meisten Frauen haben – so gut wie nichts. Die saßen vorher Wochen, Monate und oft auch Jahre in den Bordellen und haben nicht mal eine Wohnung, in welche sie bei Schließung der Bordelle hinkonnten. Manche hatten nicht mal Geld für ein Ticket in ihr Heimatland. Dies ist die Realität, wie sie in der Masse stattfindet, die von niemandem weggeredet werden kann, nur weil sie manchen aufgrund bestimmter politischer Interessen nicht gefällt. Ich würde mich auch darüber freuen, wenn die Situation besser wäre als sie ist, aber das ist sie leider nicht. Die diversen Studien zur Gewaltbelastung in der Prostitution sind ebenfalls da und belegen das Ausmaß des großen Übels. Und mal abgesehen von meinen Erfahrungen in Bezug darauf, dass die Masse der Frauen in der Prostitution fremdbestimmt ist und von dritten Personen kontrolliert und ausgebeutet wird, was ich immer wieder erzähle, existieren unzählige andere Erfahrungsberichte darüber, die über den hohen Anteil an Menschenhandels- und Ausbeutungsfällen in der Prostitution in Deutschland berichten. Folgend nur beispielsweise ein Ausschnitt aus einem Interview mit Helmut Sporer, Kriminaloberrat a. D., ehemalige Kriminalpolizei Augsburg, weil von diesen „Sexarbeiterinnen“ auch oft immer damit argumentiert wird, dass wir ja nur 400/500 Fälle im Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung haben und Menschenhandel in Deutschland daher kein großes Problem sei sowie dass sie, die „gänzlich freiwilligen Sexarbeiterinnen“, in der absoluten Mehrheit wären, während Ausbeutung nur ganz am Rande mal vorkäme:

„Die offiziellen Zahlen des BKA zum Menschenhandel sind also nicht aussagekräftig?
Gehen wir nur mal von rund 250.000 Frauen in der Prostitution aus. Diese Zahlen beruhen auf Hochrechnungen aus Städten, in denen recht zuverlässige Zahlen vorliegen. Davon sind 95 Prozent Ausländerinnen, das wären ca. 240.000. Wenn man jetzt nur von 50 Prozent Frauen mit typischem Opferprofil ausgeht, dann ist das eine sechsstellige Zahl. Wenn ich jetzt aber ins „Lagebild Menschenhandel“ des BKA schaue, wie viele Fälle von Menschenhandel finden sich da? 400 bis 500. Zwischen diesen Zahlen klaffen Welten. Das heißt: Nur ein winziger Bruchteil der Opfer wird erkannt. Der Gesetzgeber nimmt also momentan hin, dass der größte Teil der Opfer unerkannt bleibt und die Verbrechen, die an ihnen begangen werden, nicht verfolgt werden. Der Staat wird seiner Verantwortung nicht ausreichend gerecht. Er stellt keine wirksamen Instrumentarien gegen Menschenhändler zur Verfügung. Das heißt: Das jetzige System funktioniert so nicht.“[3]

Eine sechsstellige Zahl = hier 120.000 Betroffene von Menschenhandel und Ausbeutung. Letztlich weiß jeder, der Erfahrung in diesem Bereich hat, dass die 400/500 Fälle im Lagebild nur die aller kleinste Spitze des Eisbergs darstellen, aber wenn wir einmal direkt über eine Zahl, hier von 120.000 Fällen sprechen, dann sollte das doch Anlass zu sehr großer Sorge geben, möchte man meinen. In Deutschland scheinbar nicht, da wird lieber weiter über die fröhliche Sexarbeit gesprochen, während man Menschenhandel und Ausbeutung als Randphänomen deklariert und ausblendet und dann hört man den immer wiederkehrenden Satz: „Wir haben doch schon Gesetze gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution.“ In der Tat, die haben wir, aber wenn es eine geschätzte Anzahl von 120.000 Menschenhandels- und Ausbeutungsfällen in Deutschland gibt und 400/500 Ermittlungsverfahren pro Jahr, die noch keine Verurteilungen darstellen, dann kann jetzt jeder selbst im Stillen für sich beantworten, wieviel unsere Gesetze den Betroffenen helfen. Viele, zu deren politischen Interessen es nicht passt, dass wir eine ganz gewaltig hohe Dunkelziffer haben, tun eben häufig so, als wären diese 400/500 Fälle nicht nur das Hellfeld, sondern als würde quasi kein Dunkelfeld existieren. In Deutschland wollen immer noch so viele Menschen die Augen vor diesem großen Elend verschließen, aber mittlerweile gibt es zu viele Studien, die das Elend belegen, zu viele Menschen, die über das große Ausmaß des Elends sprechen. Wer hier immer noch die Augen davor verschließt, der ist einfach nur in hohem Maße verantwortungslos. Man kann ja gerne unterschiedlicher Meinung darüber sein, welches Prostitutionsmodell und welche Regelungen nun das Beste wären, und ich tausche mich da auch gerne aus, höre mir Argumente an, diskutiere und bin offen für einen ehrlichen Austausch. Wenn hier aber seitens mancher „Sexarbeiterinnen“ ständig das Leid der unzähligen von (meist) Frauen in der Prostitution sowie deren Probleme und Ausbeutungssituation weggeredet und geschmälert wird, die riesigen Missstände ausgeblendet werden, ist keine Diskussion möglich, weil die Ausgangslage nicht stimmt, und hier hört meine Solidarität mit den „Sexarbeiterinnen“ auch auf. Mein Verständnis hört generell bei allen Menschen auf, die bei der ganzen Datenlage und unzähligen Erfahrungsberichten von Leuten aus dem Feld noch behaupten, wir hätten keine großen Probleme mit Menschenhandel, Ausbeutung und Zuhälterei in Deutschland und die das Dunkelfeld quasi ausblenden und sich auf 400/500 Fälle im Lagebild berufen.

Die Liste derjenigen, die mich also als störend empfinden, weil ich das ganze Übel sehr direkt und konstant ausspreche sowie für Gesetzesänderungen eintrete, die komplett konträr zu den politischen Interessen aller Profiteure des Prostitutionssystems sind, ist schon ziemlich lang. Es kommen weitere Personen hinzu, die unmittelbar oder mittelbar von der Prostitution profitieren.

Meine Arbeit in diesem Bereich ist daher nicht nur sehr zeitintensiv, sondern auch regelmäßig sehr anstrengend, um es milde auszudrücken. Mein bisheriger Weg hat mich aber resilient gemacht und vor allem die Rückmeldungen von so vielen Betroffenen haben mich auch immer wieder ermutigt dranzubleiben. Es ist letztlich nur noch eine Frage der Zeit, bis die Politik nicht nur redet, sondern auch macht. Da können die Profiteure noch so laut sein, es wird eine Veränderung kommen, denn so wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben und wir sind mittlerweile so enorm viele Menschen, quer durch die gesamte Bundesrepublik aus allen Berufszweigen und Schichten, die alle hochaktiv an dieser Veränderung arbeiten und es werden laufend mehr.

Einfach waren meine letzten Jahre Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit nicht, aber das ist ok, denn ich mache das nicht, weil es schön sein soll, sondern weil es mir wichtig ist. Jeder kann versuchen, aus dem, was er erlebt hat, das Beste zu machen. Genau das versuche ich. Schön ist das natürlich nicht, wenn jeder über deine persönlichsten und intimsten Dinge Bescheid weiß. Ich erzähle sie aber trotzdem, denn was ich in diesem Leben und als Person kann ist, mitzuhelfen, Veränderung in diesem Bereich zu bringen. Das denke ich jedenfalls und die letzten Jahre haben gezeigt, dass ich damit nicht ganz unrecht habe. Niemand von uns ist perfekt, jeder hat wohl seine Baustellen. Der Unterschied ist, dass ich Baustellen von mir zeige, weil ich Veränderung möchte, während andere ihre Baustellen für sich behalten. Totgeschwiegen wird in dieser Gesellschaft sowieso viel zu viel. Ich breche damit und nehme Verantwortung dort in die Hand, wo andere sie fallen lassen. Ich möchte kein Teil des Totschweigens und des Akzeptierens von schweren Menschenrechtsverletzungen inmitten unserer Gesellschaft sein. Ich sehe in meiner Arbeit einen Sinn und deswegen ist aus dem anfänglichen Blog schreiben auch mehr bzw. genau genommen eine konstante Arbeit an der Sache geworden.

Bitte unterstützt Frauen, die anfangen, öffentlich über ihre Erfahrungen zu berichten, denn es ist verdammt schwer, verdammt gefahrenbelastet für das weitere Leben (allein schon wegen des großen Stigmas), verdammt anstrengend und kräftezehrend, aber auch verdammt wichtig für die Aufklärung in diesem Bereich. Und es werden immer mehr Frauen, die über ihre traumatischen Erfahrungen in der Prostitution sprechen, um mit den Mythen aufzuräumen.

Wenn diese den Mut haben, das zu tun, so missbraucht sie bitte kein zweites Mal, indem ihr nur ihre Geschichten zeigt, denn das ist schlichte Schau- und Sensationslust. Ihre Analysen und Lösungsansätze sind wichtig. Der Grund, warum ich dies aufwerfe: ich habe anfangs leider ab und an die Erfahrung gemacht, dass insbesondere Journalisten nur einen Aufhänger brauchten, um mit meiner Geschichte etwas „auszuschmücken“. Dabei fühlt man sich ganz und gar nicht gut, denn man gibt nicht solch intime Details preis, um letztlich nur zur Schau gestellt zu werden. Ich möchte nicht, dass andere Betroffene, die anfangen zu sprechen, dieses Gefühl erfahren müssen. Es geht nicht darum, eine Schallplatte zu sein, die zum 100sten Mal das Gleiche erzählt, sondern es geht darum, Veränderungen für jene zu erreichen, die in der gleichen Situation sind wie wir es damals waren. Diese kann man vor allem auch dadurch erreichen, indem man nicht immer nur monoton die Geschichten von Betroffenen und Aussteigerinnen wiedergibt, sondern vor allem auch dadurch, dass man sich ihre Analysen und Lösungsansätze anhört, sich diese zu Herzen nimmt und sich damit auseinandersetzt.

Und wenn eine Frau aus der Prostitution überhaupt nicht über ihre persönliche Geschichte sprechen oder nur kleine Teile davon erzählen möchte, weil es einfach zu intim und zu gefährlich ist (und wenn sie das nicht möchte kann ich das mehr als verstehen, denn mein Leben bedeutet viel Stress und ist auch gefahrenbelastet aufgrund meines offenen Umgangs damit und das braucht man nach so einem Leben, wie man es in der Prostitution schon durch hat, eigentlich gerade nicht mehr, sondern das genaue Gegenteil davon), sie aber dennoch Lösungsansätze bringen kann und möchte, dann sollte man sich genauso anhören, was diese Frau zu sagen hat, denn es geht letzten Endes nicht um unsere individuellen Geschichten und dass wir diese immer und zu jeder Zeit bis ins Detail ausbreiten müssen, sondern darum, wie man anhand unserer Erfahrungen in der Prostitution mehr Schutz für Menschen in der Prostitution herstellen kann. Jemand, der nicht im Milieu war, der nicht in der Prostitution war, der nicht von Menschenhandel betroffen war, der kann zwar studieren und Bücher lesen über das Thema sowie Fortbildungen besuchen, aber das wird niemals die Einblicke geben, die Menschen geben können, die in diesem System waren und die die sehr komplexen Zusammenhänge, psychischen Vorgänge, Ausstiegsschwierigkeiten, Abhängigkeiten, Zwänge, etc. selbst erlebt und jedenfalls durch spätere Aufarbeitung auch verstanden haben.


[1] Jura-Studium: Hohe Hürden für Nichtakademiker-Kinder – Forschung & Lehre (forschung-und-lehre.de)

[2] Prostitution: 1,2 Millionen Männer am Tag – Kultur – Tagesspiegel

[3] „Es kann nur besser werden!“ | EMMA

Prostitution & Vergewaltigung

Prostitution als empowernde und problemlose „Sexarbeit“? Hierbei wird immer ausgeblendet, wie enorm hoch vor allem die sexuellen Gewalterfahrungen in der Prostitution sind, u.a. Vergewaltigungen und andere sexuelle Übergriffe. Natürlich gibt es auch diverse andere Übergriffe, aber mir geht es nachfolgend nun vor allem um sexuelle Gewalt. Ja, Profiteure der Sexindustrie (ob sie nun unmittelbar oder mittelbar profitieren) leugnen das, sie wollen die heile Glitzerwelt der Prostitution aufrecht erhalten, um ihren Profit zu schützen. Das ändert aber nichts an den hohen sexuellen Gewalterfahrungen in der Prostitution, wozu es im Übrigen auch Studien gibt, die dies belegen. Junge Menschen, vor allem Mädchen und junge Frauen, haben ein Recht darüber aufgeklärt zu werden, um gewarnt zu sein, anstatt die Schleife der ewigen Verharmlosungen und Bagatellisierungen von Prostitution zu hören!

Reden wir also Klartext: Prostitution ist der Garant dafür, schwere sexuelle Gewalterfahrungen zu machen.

Die Wahrscheinlichkeit, in der Prostitution vergewaltigt zu werden oder anderen sexuellen Übergriffen ausgesetzt zu sein, ist enorm hoch. In der Prostitution finden oft Vergewaltigungen sowie auch andere sexuelle Übergriffe gegen die Frauen statt. Hinter verschlossenen Türen. Sie bleiben meist ungeahndet. Manche Freier sowie auch andere Personen sind der Ansicht, eine prostituierte Frau könne man gar nicht vergewaltigen, man habe sie schließlich für den Geschlechtsverkehr bezahlt. Dies ist natürlich, auf gut Deutsch gesagt, totaler Quatsch. Unabhängig davon, dass Prostitution an sich für die meisten Frauen eine sexuelle Gewalterfahrung darstellt und schwer traumatisierend ist, sie die erlebte und gefühlte Gewalt aus Schutzgründen heraus aber meist leugnen müssen, sind Vergewaltigungen selbstverständlich auch in der Prostitution möglich und finden dort auch zahlreich statt. Das Problem ist allerdings: wer glaubt schon einer prostituierten Frau, die erzählt, sie sei vergewaltigt worden? Diese Frage schwebt in den Köpfen vieler der Frauen herum und ist einer der Gründe, warum viele nicht anzeigen. Sie schämen sich eh schon für ihr Leben und ihr ganzes Dasein und dann noch die mögliche Gefahr in Kauf nehmen, dass man von einer Vergewaltigung erzählt, die einem keiner glaubt? Will man das? Nein, es ist das Letzte, was man in dieser Situation braucht.

Frauen in der Prostitution wird sowieso oft eher wenig Glauben geschenkt, sie stehen am Rand der Gesellschaft und – seien wir mal ehrlich – sie gelten in vielen Augen als etwas Unwertes. Auch wenn es nicht alle so direkt aussprechen, denken tun es dennoch viele, unterschwellig schwingt es oft mit. Ich möchte hier mal ganz direkt werden, als was prostituierte Frauen häufig gesehen werden: als billige Schlampen, die es halt so wollen. Das ist es doch, wie viele über sie urteilen, während sie ignorieren, was die Frauen in der Prostitution äußerlich und innerlich durchmachen, welche Prozesse da wirken, welche Zwänge und Abhängigkeiten. Erst wenn es um die eigene Tochter gehen würde, würden sie anfangen umzudenken und den Menschen hinter der prostituierten Frau zu sehen. Alles andere ist für viele zu weit weg, um ernsthaft Empathie und Verständnis aufbringen zu können und zu wollen. Traurig, aber leider wahr.

Frauen in der Prostitution erleben häufig sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen, weil sie oft nicht in der Lage dazu sind, sich zu wehren. Sie können oft nicht richtig kommunizieren, weil sie die Sprache nicht richtig verstehen, sind nicht aufgeklärt über ihre Rechte, denken, sie müssen alles mit sich machen lassen, wenn der Freier das Geld auf den Tisch gelegt hat, sind zu geschwächt, um sich zu wehren, etc. Viele Freier nutzen die mannigfaltigen Probleme der Frauen und ihre Unsicherheiten aus, vor allem bei unerfahrenen, ausländischen jungen Frauen. Sie ziehen beim Geschlechtsverkehr beispielsweise das Kondom ab, sie machen Dinge, die vorher nicht ausgemacht waren, werden teilweise auch anderweitig gewalttätig, um „ihre höchste sexuelle Befriedigung zu finden“. Und nein, diese Frauen zeigen meist nicht an. Auch ich hatte Situationen, wo Freier meine für sie definierten Grenzen überschritten haben und ich mich in manchen Momenten nicht dagegen wehren konnte, weil derjenige stärker war als ich. Ich kann mich an dieses Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit (leider) gut erinnern, wenn einem auf einmal die Kontrolle über das Geschehen und den eigenen Körper vollkommen entzogen wird und man merkt, nichts dagegen tun zu können. Ja, Prostitution ist für die meisten per se eine sexuelle Gewalterfahrung, denn der Geschlechtsverkehr bleibt trotz Einwilligung innerlich ungewollt und ändert nichts an den eigenen Gefühlen wie Ekel, Abscheu, etc., aber eine Vergewaltigung oder einen anderen sexuellen Übergriff während der Prostitutionsausübung zu erfahren, das ist natürlich nochmal eine andere Sache.

Unter anderem dies sind der Prostitution inhärente Risiken. Gefahren, die sich jenseits der für die meisten Frauen sowieso schon traumatisierenden Prostitution an sich nicht selten realisieren, über die zwar mittlerweile vermehrt, aber immer noch zu wenig gesprochen wird. Vor allem die ausländischen jungen Frauen sind es häufig gewohnt, so behandelt zu werden und dies ständig zu ertragen. Kurzum: für sie ist es normal geworden, nicht „nur“ prostituiert zu werden, sondern häufig auch anderen sexuellen Übergriffen ausgesetzt zu sein, die oft eine Vergewaltigung darstellen.

Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt spielen allerdings nicht nur zwischen prostituierter Frau und Freier eine Rolle, sondern häufig auch zwischen prostituierter Frau und ihrem Zuhälter.

Zuhälter versuchen regelmäßig, den Willen „ihrer“ Frauen zu brechen, sodass diese zu den „freiwilligen“ Prostituierten werden, die sie haben möchten, sodass die Frauen die Prostitution und die damit verbundene und ggf. noch hinzukommende sexuelle Gewalt hinnehmen „ohne zu jammern“, still halten, am besten auch noch lächeln. Um dies zu erreichen werden die Frauen vor der Prostitution oft von ihrem Zuhälter oder ihm zugehörigen Leuten sexuell missbraucht oder vergewaltigt. Danach wehren sich die Frauen meist nicht mehr, weil sie dadurch gebrochen wurden. Sie können in der Prostitution sein, weil man sie kaputt gemacht hat, ihren Willen gebrochen hat.

Sexuelle Gewalt zu erfahren kann Menschen brechen und tut dies sehr oft. Der Wille eines Menschen kann hierbei brechen, sodass er sich nicht mehr wehrt, sodass er es eben erträgt, weil er dadurch auf einmal leer ist, traumatisiert ist, schwach ist, willenlos ist, sich dreckig und wertlos fühlt. Je mehr sexuelle Gewalt erfahren wird, desto schwieriger kann es für die Betroffenen werden, die Gewalt von sich abzuwehren. Das ist ein (von Zuhältern oft bewusst geschaffener) Teufelskreis, aus dem die Frauen allein oft nicht mehr rauskommen.

Freier, Zuhälter sowie alle anderen, die von der prostituierten Frau aufgrund ihrer Prostitution profitieren, profitieren also letztlich auch von den Mechanismen und Auswirkungen sexueller Gewalt, die die Frau erfahren hat. Sie profitieren davon, dass sie gebrochen wurde.

All dies sind Gefahren und es gibt noch weitaus mehr, über die junge, heranwachsende Menschen, vor allem Mädchen und junge Frauen als größte Betroffenengruppe, nicht aufgeklärt werden, wenn es um das Thema Prostitution geht. Vor allem junge Menschen haben aber ein Recht darauf, über die Realität und die Gefahren in der Prostitution umfassend aufgeklärt zu werden, sodass sie ausreichend gewarnt sind! Dies geschieht noch viel zu wenig, stattdessen liest man immer noch viel zu viel Verharmlosungen, obwohl es diverse Studien gibt, die die hohen, vor allem sexuellen, Gewalterfahrungen in der Prostitution belegen.

Möchte hier jemand, dass seine Tochter, Schwester, Enkelin, Nichte, Freundin oder sonst geliebte Person in dieses Gewaltsystem abrutscht und derartige sexuelle Gewalterfahrungen machen muss? Nein? Dann klärt bitte mit auf, denn es kann letztlich jeden treffen und es sollte eigentlich niemanden treffen. Es fängt schon damit an, im Freundes- und Bekanntenkreis aufzuklären und so das Thema weiterzutragen. Mittlerweile gibt es viele, viele Menschen, die darüber aufklären. Jeder weitere Mensch ist wichtig.

Hier ein Auszug der Untersuchung des Bundesfamilienministeriums zu erlebter sexueller Gewalt von Frauen in der Prostitution:

„Wenn wir die Angaben zu erlebter sexueller Gewalt auf alle befragten Frauen prozentuieren, die in der Itemnachfrage überhaupt Angaben gemacht haben, ergibt sich im Überblick, dass:

21% der von uns befragten Prostituierten Vergewaltigung im Kontext der Ausübung sexueller Dienstleistungen erlebt haben

17% versuchte Vergewaltigung

10% Zwang zu intimen Körperberührungen

17% Zwang zu anderen sexuellen Praktiken

3% Zwang zum Nachspielen von Pornographie

insgesamt 27% hatten mindestens eine dieser sexuellen Gewalthandlungen im beruflichen Kontext erlebt, die Hälfte davon ein bis zwei, die andere Hälfte drei und mehr der genannten Handlungen.

Wenn wir alle Nennungen von Gewalthandlungen sexueller und körperlicher Gewaltzusammennehmen, die von den Befragten in beiden Itemlisten im Kontext der Ausübung sexueller Dienstleistungen benannt wurden, dann ergibt sich, dass insgesamt 45 der von uns befragten 110 Frauen schon einmal sexuelle oder körperliche Übergriffe im Zusammenhang mit der Ausübung sexueller Dienstleistungen erlebt haben; das entspricht einem Anteil von 41% aller Befragten. Diese Werte zeigen ein hohes Maß an Gewaltbetroffenheit bei der Ausübung prostitutiver Tätigkeiten auf. Sie liegen jedoch deutlich unter den Werten, die in anderen Studien genannt wurden. So kam eine neuere Untersuchung von Zumbeck (2001) in Hamburg zu dem Ergebnis, dass 81% der Befragten sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren; im Zusammenhang mit der Prostitution hatten 61% der Frauen Vergewaltigungen erlebt, und 70% sind körperlich angegriffen worden. Eine weitere Studie von Farley/Barkan (1998), in der 130 weibliche, männliche und ‚transgendered‘ Prostituierte befragt wurden, ergab, dass 68% der befragten Prostituierten während der Arbeit Vergewaltigungen erlebt haben48% der Betroffenen wurden sogar mehr als fünfmal vergewaltigt (bei 46% war der Täter ein Freier). Gezwungen worden zu sein, Pornographie nachzuspielen, gaben in dieser Studie 32% der Befragten an und 88%, im Kontext der Prostitution körperlich bedroht worden zu sein. Ob diese im Vergleich zu unserer Untersuchung deutlich höheren Werte auf unterschiedliche Gewaltprävalenzen oder auf unterschiedlich stark aufgedeckte Dunkelfelder, oder aber auf Unterschiede in den Gewaltdefinitionen, Untersuchungszugängen, -methoden oder Stichprobenzusammensetzungen zurückzuführen sind, kann anhand der dazu vorliegenden Informationen nicht entschieden werden. Es ist aber davon aus-zugehen, dass die Daten wegen der sehr unterschiedlichen methodischen Grundlagen nicht direkt vergleichbar sind. Wenn wir noch einmal anhand unserer Untersuchungsergebnisse differenzierter betrachten, welche TäterInnen die befragten Frauen, die körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben, in der Kategorie „Personen aus Arbeit, Ausbildung und Schule“ konkret benannten, dann zeigt sich, dass Freier die mit Abstand am häufigsten benannte Tätergruppe bildeten: 26 Frauen gaben diese als Täter bei körperlicher und 23 als Täter bei sexueller Gewalt an, wobei diese Zahl noch ansteigt, wenn auch die Nennung Kunde/Kundin mit einbezogen würde, die vermutlich auch Freier mit umfasst. Insgesamt hatten jeweils 70% bis über 77% der Frauen, die angaben, durch TäterInnen im Arbeitskontext körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt zu haben, gewaltsame Übergriffe durch Freier erlitten.

Quelle: https://www.bmfsfj.de/resource/blob/84328/3bc38377b11cf9ebb2dcac9a8dc37b67/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf S. 69/70