Trauma-Bonding

In den folgenden Beiträgen geht es um das wichtige Thema „Trauma-Bonding“ im Bereich Menschenhandel und Zwangsprostitution.


Ich habe in zwei Beiträgen bereits explizit über Trauma-Bonding (Trauma-Bindung/traumatische Bindung) im Bereich Menschenhandel geschrieben*, auf der Konferenz der KAS, GGMH und OSCE (ODIHR) am 24.06.2021 habe ich darüber gesprochen (das Video verlinke ich unten) und stelle den Text darüber hier online. Das Thema Trauma-Bonding muss zwingend alle Menschen erreichen, die in diesem Bereich arbeiten, die Gesetze machen, die sich um Betroffene kümmern und vor allem in der Strafverfolgung arbeiten. Hier in Deutschland wird darüber nahezu überhaupt nicht gesprochen. Das ist fatal. Bitte sprecht darüber, klärt darüber auf, nehmt euch diesem Thema an, denn es betrifft so unglaublich viele Betroffene von Menschenhandel. Um ihnen helfen zu können, ist es wichtig, dieses Thema zu verstehen.

Ein sehr wichtiger Schlüsselfaktor, den es bei den nationalen Rechtsrahmen und insbesondere deren Umsetzung zu beachten gilt, ist das Verständnis der verschiedenen Formen des Menschenhandels, der Mechanismen und die Identifizierung von Opfern, was insbesondere auch das Verständnis der individuellen Opfer-Täter-Beziehung bedeutet, die häufig existiert, aber oft nicht gesehen wird. Es gibt verschiedene Formen des Menschenhandels, aber wenn es um den Menschenhandel in Form der Loverboy-Methode geht, „Romeo-Trafficking“, wenn der Menschenhändler der Partner ist, die Familie ist, was sehr oft vorkommt, müssen wir über Trauma-Bonding sprechen.

Was Trauma-Bonding ist und dass es wichtig ist, diesen Mechanismus zu sehen und zu verstehen, damit wir Betroffenen helfen können, diesen Missbrauchskreis zu durchbrechen, wurde auch in einem neuen Bericht der OSZE mit dem Titel „Gender-Sensitive Approaches in Combating in Human Beings“ beschrieben. Dort wird beispielsweise geschrieben:

In Fällen von Menschenhandel kann die Beziehung zwischen dem Opfer und dem Menschenhändler komplex sein. Sie kann Trauma-Bindung, familiäre Bindungen und romantische Beziehungen beinhalten, aber auch Gewalt, Angst und Manipulation. Das Verständnis der Komplexität und Natur der Opfer-Täter-Beziehungen wird es den Strafverfolgungsbehörden auch erleichtern, das Verhalten eines Opfers zu verstehen, das manchmal darauf abzielt, den Menschenhändler auf eigene Kosten zu schützen… Solche Trauma-Bindungen werden verwendet, um eine Umgebung zu schaffen, in der die Opfer nach ihrem Missbrauch irgendwie belohnt und zum Bleiben ermutigt werden, indem die Täter einen Eindruck von Familie und Fürsorge schaffen. Sich dieser Zusammenhänge und der Natur der Trauma-Bindung bewusst zu sein, kann sowohl die Identifizierung der Opfer als auch die strafrechtliche Verfolgung der Menschenhändler erleichtern…Quelle: Gender-Sensitive Approaches in Combating in Human Beings

Meine ISTAC-Kollegin aus Kanada, Timea Nagy, zeigte uns ISTAC-Mitgliedern eine sehr gute Aufklärungs-Webseite, die von der Polizei in Toronto, Kanada, erstellt wurde, auf der sie z.B. Fragen beantworten, die Betroffene (aber auch andere Personen) haben können, und eine dieser Fragen lautet: Was ist eine Trauma-Bindung?

Die Antworten der Polizei auf der Webseite basieren darauf, dass sie 90 % der Aussagen von Betroffenen eingebaut haben, so Timea. Um die Fragen so beantworten zu können, dass sie verständlich sind und anderen Opfern am effektivsten helfen können zu verstehen was mit ihnen passiert, ist die Hilfe derer, die es selbst durchlebt und dann durchschaut haben, sehr wichtig – wichtig auch, um besser an Lösungen zu arbeiten, die diejenigen erreichen können, die sich noch in derselben Situation befinden.

Nachfolgend von mir übersetzte Auszüge von der Polizei-Webseite:

(Human Trafficking Survivors: Home (htsurvivors.to): A Guide for Human Trafficking Survivors):

Was ist eine Trauma-Bindung?

Eine Trauma-Bindung ist eine psychologische Reaktion auf Missbrauch. Sie tritt auf, wenn die missbrauchte Person eine ungesunde Bindung mit der Person eingeht, die sie missbraucht.

Wir wissen, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass Betroffene mit dem Versprechen einer Beziehung angelockt werden. Wenn dies geschieht, entwickelt sich die Bindung zwischen dem Opfer und dem Menschenhändler zu einer intensiven Bindung, die oft als Trauma-Bindung bezeichnet wird. Für manche könnte dies die erste Beziehung sein, in der sie Liebe und Zuneigung erfahren. Sobald eine Beziehung hergestellt ist, beginnt der Zyklus des Missbrauchs, der zwischen Liebe und Zuneigung mit Wut und Gewalt wechselt.

Das Opfer wird sich bemühen, alles zu tun, um die Beziehung wieder in die „honeymoon phase“ („Flitterwochen-Phase“) zu bringen, die es am Anfang erlebt hat. Nachdem der Menschenhändler wütend geworden ist, entschuldigt er sich und wird liebevoll und entschuldigt sich für das, was möglicherweise passiert ist. In diesen Momenten kann eine Person hoffen, dass die Dinge wieder so sind, wie sie am Anfang waren, aber dies ist leider nicht der Fall.

Dieser Teufelskreis hält ein Individuum in einem Zustand ständiger Unsicherheit und Hypervigilanz. Das Opfer findet Trost in der Beziehung, denn sie ist zwar missbräuchlich, aber auch vorhersehbar und konsequent, und das Verlassen kann schwierig und überwältigend sein.

Anzeichen einer Trauma-Bindung

Die von Menschenhandel betroffene Person kann:

• Dankbarkeit für kleinste Freundlichkeiten des Menschenhändlers empfinden.

• Fühlen sich dem Menschenhändler gegenüber loyal oder verteidigen ihn.

• Gewalt durch den Menschenhändler wird rationalisiert – die Betroffenen glauben, dass sie das Ausmaß des Missbrauchs kontrollieren können, indem sie versuchen dem Menschenhändler zu gefallen.

• Beschützende Gefühle gegenüber dem Menschenhändler haben.

• Das Gefühl haben, dass der Menschenhändler sie wirklich liebt und sich um sie kümmert.

• Das Gefühl haben, dass nur der Menschenhändler ihnen helfen oder sich um sie kümmern kann.

• Dies könnte das erste Mal sein, dass dem Opfer in seinem Leben Liebe, Zuneigung oder Schutz gezeigt wird. Das Opfer wird den Menschenhändler als jemanden betrachten, der schützend und nicht ausbeuterisch ist.

• Das Opfer wird sich konsequent bemühen, die Beziehung wieder so zu gestalten, wie sie am Anfang (honeymoon phase) war.

Warum habe ich das Gefühl, dass ich nicht gehen kann?

Zu verstehen, wie diese Bindung funktioniert, kann helfen zu erklären, warum Menschen in gewalttätigen oder missbräuchlichen Beziehungen bleiben. Die häufige, aber schädliche Frage: „Warum gehst du nicht einfach?“ berücksichtigt nicht die Komplexität einer Traumabindung und die mentale Neuprogrammierung, die erforderlich ist, um diesen Kreislauf der Trauma-Bindung zu durchbrechen.

Forscher haben eine Reihe von Gründen identifiziert, warum es so schwierig ist, eine Trauma-Bindung zu durchbrechen:

• Opfer fühlen sich möglicherweise nicht als Opfer. In einigen Fällen empfinden sie es aufgrund einer negativen Kindheitserfahrung als „normal“, sexuell ausgebeutet zu werden.

• Der Menschenhändler oder Zuhälter wird manchmal als romantischer Partner angesehen.

• In vielen Fällen hat der Menschenhändler das Opfer einer Gehirnwäsche unterzogen, so dass es glaubt, dass es ihm wirklich wichtig ist und dass es für seine Sicherheit da ist, während Strafverfolgungsbehörden und Autoritätspersonen nicht vertraut werden kann.

• Sie haben möglicherweise Angst zu gehen. Selbst wenn ihnen versichert wurde, dass der Menschenhändler ins Gefängnis kommt, haben sie möglicherweise das Gefühl, dass sie ihm immer noch nicht entkommen können.

• Sie haben möglicherweise das Gefühl, dass ihre Situation in Bezug auf Menschenhandel besser ist, als wenn sie frei wären. Möglicherweise gibt es nicht genug Unterstützung durch die Familie oder die Gemeinschaft, um es alleine zu schaffen.

• Es kann kulturell bedingt sein, dass gefordert wird „nicht darüber zu sprechen“. Sie schämen sich vielleicht zu sehr, um zu gehen und Hilfe anzunehmen, wenn es in ihrer Kultur normal ist, Missbrauch geheim zu halten.

• Viele Betroffene glauben aufgrund ihres geringen Selbstwertgefühls durch Missbrauch in der Kindheit oder durch Ausbeutung im Sexhandel, dass sie es VERDIENEN, missbraucht zu werden. Diese Traumaopfer fühlen, dass sie es nicht
wert sind, Sicherheit, Liebe und gesunde menschliche Beziehungen zu erfahren.

• Viele Betroffene fühlen sich durch ihre Erfahrungen mit Menschenhandel so verändert, dass sie nicht glauben, jemals wieder in die „reale“ Welt hineinpassen zu können. Aufgrund dieser Überzeugung haben sie das Gefühl, dass es keinen Sinn macht, vor ihrem Menschenhändler zu fliehen.“

Quelle: Human Trafficking Survivors: Survivor/Parent Questions (htsurvivors.to)

Warum schreibe und spreche ich in letzter Zeit so viel über Trauma-Bonding? Ich spreche darüber, weil ich davon betroffen war (auf mich passen nahezu alle Punkte, die oben aufgelistet worden sind) und weil ein Großteil des Menschenhandels, den ich in Deutschland gesehen habe, Menschenhandel durch die eigene Familie und durch Partner war, bei dem diese Trauma-Bindung jeden Tag präsent war und letztlich der Hauptgrund dafür war, dass die Opfer der Ausbeutung nicht entkommen konnten und sich niemandem geöffnet haben. 

Diese Frauen wollen diesem Missbrauchskreis entkommen, sie wollen gehen und dem Menschenhändler entkommen, aber sie können nicht. Sie sind in oft unsichtbaren Ketten eingeschlossen. Dass sie nicht gehen können, heißt nicht, dass sie bleiben wollen. Es bedeutet, dass sie zu schwach sind, um zu gehen und deswegen Hilfe benötigen. Um wirklich helfen zu können, braucht es Verständnis. Und das bedeutet auch, sich dieser unsichtbaren Ketten bewusst zu sein und vor allem: wie man sie durchbrechen kann.

Wenn ich also auf meine Situation des Menschenhandels (Loverboy-Methode) zurückblicke, hätte es mir sehr geholfen, wenn es Menschen/Behörden/Gesetze/Polizei/Richter/Staatsanwälte gegeben hätte, die alle Mechanismen des Menschenhandels inkl. Trauma-Bonding (und es gibt noch viele mehr) verstanden und Fähigkeiten in ihrer Hand gehabt hätten, mir zu helfen den Kreislauf dieser traumatischen Bindung zu durchbrechen und meinen Menschenhändler zur Rechenschaft zu ziehen. In Deutschland habe ich das Wort Trauma-Bonding von Autoritäten eigentlich noch nie gehört, wenn es um Menschenhandel geht, aber es ist wichtig, es zu benennen und darüber zu sprechen, weil so viele Opfer von Menschenhandel davon betroffen sind.

Wir müssen die Augen diesbezüglich offenhalten, wenn wir Gesetze machen, diese umsetzen und wenn wir mit Opfern in Kontakt kommen.

Bitte klärt darüber auf.

Im nachfolgend verlinkten Video, das einen Teil der kürzlich stattgefundenen Fachtagung von der Konrad Adenauer Stiftung, Gemeinsam gegen Menschenhandel und der OSCE (ODIHR) wiedergibt, spreche ich u.a. über das Thema Trauma-Bonding ab Minute 46:20 (in englischer Sprache).

*Trauma Bonding – ein Text über Täterbindungen speziell bei der Loverboy-Methode | (sandranorak.com)

Bericht der OSZE – Komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel verstehen | (sandranorak.com)


Menschenhandel und Trauma-Bonding – Bericht der OSZE

Es gibt einen sehr guten, kürzlich erschienenen, Report von der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa). Er handelt u.a. ebenfalls, passend zu meinem letzten Beitrag über Trauma Bonding, über komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel, die zu erkennen und zu durchdringen wichtig sind. Auf der einen Seite, um den Betroffenen da raus zu helfen, und auf der anderen Seite für eine effektive und erfolgreiche Strafverfolgung und Verurteilung.

Folgend Auszüge von diesem enorm wichtigen Bericht:

Gender and the victim/trafficker relationship

In THB cases, the relationship between the victim and the trafficker may be complex. It may involve trauma bonding, familial ties and romantic relationships, and also violence, fear and manipulation. Exploring the trafficking history and, in particular, the gender dynamics of the victim/trafficker relationship is essential for law enforcement to understand the strategies used by the trafficker to exert power and control over the victim, as well as to identify any impediments to the victim cooperating with law enforcement. This can help answer a common question that comes to mind when the criminal justice system faces a victim: “Why didn’t you just run away?” The UN Special Rapporteur on trafficking in persons has underlined that the power imbalance used by traffickers to impose exploitative conditions “has a strong gender component, as women and girls are subject to intersecting discrimination as a consequence of patriarchal social norms.” Understanding the complexity and nature of victim–perpetrator relationships will also make it easier for law enforcement to comprehend a victim’s behaviour, which is sometimes aimed at protecting their trafficker at their own expense.

Although cases involving young male victims were brought up in the context of the Study, the majority of participants discussed gender aspects in the criminal justice process from the perspective of female victims of trafficking for the purpose of sexual exploitation. According to the participants, in many instances traffickers abuse the position of vulnerability of the victims, using various forms of deceit to achieve their final aim of exploitation. The survey participants also highlighted the main elements prevalent among the gendered means used to control victims (Table 2 – siehe den Screenshot „Table 2: Gendered means of control„).

The common denominator in the expert group discussions and interviews was the topic of betrayal experienced by victims. Betrayal can happen as a result of family members being involved in the recruitment or trafficking of a victim, as well as through a bond developing between the trafficker and the victim prior to exploitation. Both the human-induced character of the crime, as well as the element of betrayal have a direct effect on the willingness of victims to co-operate with authorities or accept assistance from others, since – based on their past experience – victims are less likely to trust other people.

There are various types of relationships between traffickers and victims, and they also differ in the multitude of trafficking contexts. The Study has identified four recurring themes that link the victim–perpetrator relationship with gender: family, romance, trauma bonding and fear.

Romance

Another relationship that is used both as a recruitment technique and a means of exploitation is romance. A Study participant in Germany mentioned that the role of relationships in trafficking are different depending on the gender of the trafficker. For example “in sex trafficking, men will use sexuality in some way when they try to gain female victims”, whereas “women [traffickers] […] have been identified as using more a kind of friendship bond”. The Study highlighted several stories of girls being in what they perceived as a romantic relationship while being exploited, making it more difficult for the victim to understand that they were in fact trafficked. For example, in the United States v. Yarbrough et al. case, while the trafficker repeatedly used false promises of romantic relationships and family to target and lure victims as young as 15 years old into trafficking, one victim testified that she and other victims were “in love” with the trafficker. Victims who have a psychological bond to their traffickers through intimate relationships might have difficulties testifying in court because of that emotional bond. A police officer working with trafficking cases in the United States noted that the “boyfriend pimps” can be very successful in keeping a victim under their control during exploitation, but also in protecting the trafficker should the case be investigated by law enforcement.

Some countries have developed specific strategies to tackle this phenomenon. For example, the Netherlands has allocated resources to improve the fight against “lover boy” recruitment techniques and increased co-operation between care organizations, the police and justice authorities. Moreover, due to the increased use of the internet and social media, the “lover boy” method has evolved, therefore requiring the introduction of new measures to improve investigation and prosecution…

Trauma bonding

Family-like relationships also develop in non-family settings. Such bonds are often used to keep individuals in exploitation. Trauma bonding is a psychological response to abuse, entailing an unhealthy bond between perpetrator and victim. One form of trauma bonding is the “Stockholm Syndrome”, which occurs when a trafficker, male or female, uses repeated traumatic events and chronic abuse based on both rewards and punishments to foster a powerful emotional dependence and attachment of the victim to the trafficker. This type of relationship creates confusion and a false sense of relationship, resulting in the victim developing gratefulness, trust and loyalty to the trafficker, as well as losing a sense of self. In such cases, traffickers may take on a role of protector or caretaker to maintain control of the victim, who views them as a spousal or parental figure. Some survivors of trafficking interviewed for this Study shared recollections of bonding and family-like relationships within the collectives where they were held and exploited.

Such trauma bonds are used to create an environment in which the victims are somehow rewarded after their abuse, thus encouraging them to stay by establishing an impression of family and care. A Study participant also shared that motherly attitudes of female traffickers are used as a means to control victims and as a manipulation technique. “South-East Asian brothel owners are called mum by the victims and spend holidays together. [They] have a pretend family dynamic going on.” This motherly role is often facilitated by other vulnerability factors, such as the victims not speaking the local language, not being familiar with the local culture, and not knowing their rights.

Although trauma bonding can affect both male and female victims, research has shown differences in the impact of trauma on male and female brains, thereby suggesting the need for gender-specific trauma analysis and intervention. Being aware of these relationships and the nature of trauma bonding can facilitate both the identification of victims, as well as the prosecution of the traffickers...“

Zum Weiterlesen geht es hier zum ganzen Bericht (die von mir verwendeten Ausschnitte stammen aus den Seiten 40 ff.):

Applying Gender-Sensitive Approaches in Combating Trafficking in Human Beings


Menschenhandel und Trauma-Bonding – Loverboy-Methode

Foto: 2019 war ich in Washington, D.C., und dort im „National Museum of Women in the Arts„. Dort ist das Bild entstanden. Der Text auf dem Bild wurde von mir eingefügt.

Wir kennen sie wahrscheinlich alle: die Geschichten von häuslicher Gewalt, in denen die betroffene Frau bei ihrem gewalttätigen Mann bleibt. Man fragt sich als Außenstehender, der nicht ins Thema eingearbeitet ist: was ist nur los mit der? Warum wehrt die sich nicht? Warum verlässt sie ihn nicht einfach?

Im Bereich der Loverboy-Methode fragen sich auch viele: warum lässt die das mit sich machen, warum gehen die Frauen denn nicht einfach, wenn sie die Möglichkeit dazu haben bzw. nicht irgendwo eingesperrt sind?

Weil es für die Betroffenen nicht so einfach ist, denn wenn es so einfach wäre, dann würden sie sich dem Täter, logischerweise, entziehen.

Warum die Frauen sich nicht befreien können, dafür kann es verschiedene Gründe geben und viele davon greifen häufig ineinander über. Ein nicht selten anzutreffender Grund neben meist weiteren Problemlagen nennt sich „Trauma Bonding“. Dieses Trauma Bonding kommt oft zwischen Menschenhändler/Zuhälter und seinem Opfer vor, meist dann, wenn die Täter die Familie oder die Partner sind. Es ist der Missbrauch von Macht, das gezielte Erzeugen einer Abhängigkeit sowie die Unterdrückung der Person, um sie in die Ausbeutung zu bringen und dort zu halten. Speziell bei unerfahrenen und sehr jungen Mädchen und Frauen ist diese Vorgehensweise „erfolgreich“.

Das Problem: diese Frauen sind häufig zu schwach, um sich zu wehren. Dafür hat der Täter gezielt und strategisch gesorgt.

Stichwort: „Trauma Bonding“

Ich habe hierzu im Internet einen guten Artikel mit dem Titel „Traumabonding – In den Fängen eines Narzissten“[1] gefunden und möchte daraus nachfolgend ein paar Absätze zitieren. Was ich in Fettschrift in Klammern hinzufüge sind meine Anmerkungen und Einordnungen bezüglich der Loverboy-Methode. Auch wenn das sowieso klar ist: natürlich ist nicht jeder Narzisst ein Loverboy, bei letzterem geht es um Menschenhandel. Wenn es sich aber um einen Loverboy handelt, dann sind das allerdings jedenfalls grundsätzlich schon auch Menschen, „die so einen gewissen Narzissmus haben“, wie Staatsanwalt Willkomm es nennt. „Die fühlen sich ganz toll, die müssen gewisse manipulative Fähigkeiten zwingend haben, um ihre Tat umzusetzen“, sagt er weiter.[2] Mir geht es im Folgenden letztlich darum aufzuzeigen, wie so ein (emotionales) Abhängigkeitsverhältnis, das grundsätzlich in vielen verschiedenen Bereichen und nicht nur beim Menschenhandel/sexueller Ausbeutung vorkommen kann, durch Manipulation, Täuschung und eine strategische Herangehensweise von Tätern aufgebaut werden kann. Hier nun die Auszüge aus dem Artikel:

Unter Traumabonding versteht man die emotionale Abhängigkeit eines Opfers von seinem Täter. Das Wort Bonding kommt aus dem Englischen und heißt streng übersetzt “Verbindung”, was bedeutet, dass der Täter durch den schleichenden, aber systematischen Missbrauch seines Opfers eine traumatische Bindung erzeugt.

Ein Narzisst bindet sein Opfer – diese können Partner, Kinder, Freunde oder Verwandte sein – durch Idealisierung und Abwertung an sich. Zunächst schenkt er dem anderen seine übertrieben positive Zuwendung, lobt ihn, verehrt ihn und macht alles für ihn (übertragen auf die Loverboy-Methode ist das letztlich die Phase 1: der Beziehungs- und Vertrauensaufbau). Später, wenn er den anderen für sich gewinnen konnte, weil dieser sich durch die besondere Wertschätzung geschmeichelt fühlt und sich deswegen an ihn klammert, beginnt er, diejenigen Verhaltensweisen und Eigenschaften seines Opfers, die ihm nicht gefallen, abzuwerten und sein Opfer so zu konditionieren, dass es ihm einen maximalen Nutzen verschafft (übertragen auf die Loverboy-Methode ist das quasi die Phase 2: der Beginn des von vorn herein geplanten Drängens in die Prostitution und Ausbeutung – die Konditionierung, eine Prostituierte zu werden) –  wobei der Narzisst nicht vergisst, zwischenzeitlich auch mal nett zu sein und sein Opfer zu loben und zu idealisieren, damit es nicht auf die Idee kommt, er könne es nicht gut mit ihm meinen („Zuckerbrot und Peitsche“ ist auch bei der Loverboy-Methode gängig. Wenn ein Freier beispielsweise mal ganz schlimm war, wurde ich getröstet, das war das Zuckerbrot. Danach wurde mir wieder was von Geldschulden erzählt und es kam der nächste Freier).

Der Narzisst nutzt beim Traumabonding die Methode von Zuckerbrot und Peitsche. Er konditioniert sein Opfer, indem er vorgibt, was gut und schlecht ist. In einem Moment wird der andere gelobt, beschenkt und hervorgehoben und im nächsten Moment wird er kritisiert, beleidigt und entwertet. Entweder ist der andere großartig oder er ist grottenschlecht. Verhält sich sein Opfer in dem Sinne des Narzissten, wird es gelobt. Verhält es sich konträr zu den Vorstellungen des Narzissten, muss es mit Bestrafungen rechnen (bei der Loverboy-Methode sind die Bestrafungen oft emotionale Kälte, gezielter Liebesentzug, Formen psychischer Gewalt, Einschüchterungen, Drohungen, physische Gewalt). Ein Opfer lernt durch diese Behandlungsweise, dass es sich nur dann geliebt, wertvoll und sicher fühlen kann, wenn es sich dem Willen seines Peinigers unterordnet und sich ganz in seinem Sinne verhält (bei der Loverboy-Methode heißt das: (immer weiter) Geld für ihn anschaffen in der Prostitution).

Die allgegenwärtige latente Gefahr eines plötzlichen Gesinnungswechsels macht das Opfer extrem sensibel hinsichtlich des Befindens und der Bedürfnisse des Narzissten. Es will dem Narzissten unbedingt gefallen, um keine Kränkungen zu erfahren oder bestraft zu werden. Statt den Narzissten aber zu verlassen, um der Gefahr endgültig zu entkommen, bleibt es bei ihm, weil es sich durch ihn gleichfalls gestärkt fühlt: Wenn sich der Narzisst nämlich von seiner charmanten Seite präsentiert und sein Opfer wertschätzt, dann fühlt es sich großartig und ist stolz, mit so einer grandiosen Person wie dem Narzissten zusammen sein zu dürfen. Das Opfer kann sich dann als besonders erleben, was seinem Selbstwertgefühl äußerst guttut – vor allem, wenn es zuvor nur Erniedrigungen erfahren hat.

Traumabonding führt dazu, dass das Opfer irgendwann glaubt, ohne den Narzissten nicht mehr leben zu können und ihn unbedingt zu brauchen, selbst wenn dieser sein Opfer geradezu unmenschlich behandelt und dessen Selbstwertgefühl fortlaufend attackiert und destabilisiert. Ab einem gewissen Punkt ist die emotionale Abhängigkeit aber so stark geworden, dass das Opfer nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Wenn es schlecht von dem Narzissten behandelt wird, glaubt es, selbst schuld daran zu sein und es nicht besser verdient zu haben (das ist ganz häufig so bei der Loverboy-Methode, deshalb bitte, wie ich in meinem letzten Text über das Ermittlungsverfahren schrieb: sagt oder suggeriert den Betroffenen bitte NIEMALS, dass sie selbst schuld seien, denn genau damit hat ihr Täter sie lange in der Abhängigkeit und in der Ausbeutung gehalten). Und wenn es zwischenzeitlich gut von dem Narzissten behandelt wird, weil es sich in dessen Sinne verhält, dann fällt die Anspannung von ihm ab und es ist überzeugt, dass der Narzisst ein guter Mensch ist.

Betroffene können sich von dem Narzissten nicht abgrenzen und erkennen nicht dessen perfide Manipulationstaktik. Der Narzisst hat sie völlig geblendet und vereinnahmt und zudem auch noch vollständig von ihrem sozialen Umfeld isoliert (auch das geschieht meist alles bei der Loverboy-Methode). Sie bekommen nur noch seine Meinung und sein Urteil zu hören, geben ihre eigenen Überzeugungen und Werte auf und leisten keinen Widerstand. Sie nehmen alles hin, was der Narzisst sagt und tut, und neigen dazu, selbst unverzeihliches Verhalten zu verharmlosen, zu beschönigen und den Narzissten von jeglicher Schuld freizusprechen.

Traumabonding erzeugt eine ungerechtfertigte, überstarke Loyalität dem Narzissten gegenüber. Um jeglicher Gewalt zu entgehen, wird der Narzisst von seinem Opfer ausnahmslos idealisiert… (diese überstarke Loyalität zeigt sich bei der Loverboy-Methode u.a. dadurch, dass viele Betroffene ihre Täter und damit auch dessen an ihnen selbst begangenen Taten wie z.B. die Ausbeutung nach außen hin lange verteidigen).

Weil es dem Narzissten immer wieder durch geschickte Manipulation, Täuschung, Lügen, Einflüsterungen, Überreden und Rechthaberei gelingt, das Opfer an seiner eigenen Wahrnehmung zweifeln zu lassen, und sich dieses stets aufgrund der unwiderlegbaren Argumente des Narzissten dessen Meinung anschließt, geht es irgendwann davon aus, dass es sich die eigenen Emotionen größtenteils nur einbildet (bei der Loverboy-Methode z.B.: aus „so wie er mich behandelt, ist es nicht ok“ wird ein „es ist wohl doch ok wie er mich behandelt, ich werde eben was falsch gemacht haben“). Das Opfer erkennt nicht den Schwindel, sondern unterstellt sich selbst einen Irrtum. So kommt es zu der Überzeugung, dass nicht der Narzisst falschliegt, sondern dass es selbst die Realität nicht richtig erkennt (bei der Loverboy-Methode übernehmen viele Betroffene dann das, was der Täter sagt: für den Menschen, den man liebt, ist es normal, auch anschaffen zu gehen, wenn ihm das hilft. Es wird dem Drängen des Täters nachgegeben und man übernimmt, jedenfalls oft anfangs, die Ansicht, dass es ok sei und der eigene Wille, nicht für ihn in die Prostitution gehen zu wollen, egoistisch, unpassend und fehl am Platz ist. Die Betroffenen fühlen sich, nachdem der Täter länger auf sie eingeredet hat, als ob sie „falsch“ seien, wenn sie es nicht tun).

Durch diese kontinuierliche Verdrehung der Wirklichkeit wird die Bindung zum Narzissten nur umso stärker, weil der Betroffene ohne den Narzissten die Welt gar nicht mehr richtig wahrnehmen und einschätzen kann und somit scheinbar handlungsunfähig ist. Traumabonding lähmt das Opfer und macht es unselbständig und willenlos…

Die Sucht nach der liebevollen und grandiosen Seite des Narzissten sowie der Verlust des eigenen gesunden Urteilsvermögens halten den Betroffenen in einer missbräuchlichen Beziehung gefangen. Traumabonding führt dazu, dass sich das Opfer zunehmend von sich selbst entfremdet. Nach einer Trennung ist den meisten Opfern überhaupt nicht klar, wie sie sich so wundersam verhalten konnten und entgegen ihrem eigentlichen Wesen unsinnige Handlungen vornehmen und absurde Überzeugungen vertreten konnten. Opfer müssen nach einer Beziehung mit einem Narzissten lernen, sich von dessen Suggestionen, die auch nach der Trennung noch weiterwirken, zu befreien und wieder zu sich selbst zu finden (eine Suggestion des Zuhälter/Loverboy-Täters davon ist z.B. „du bist doch nur die Prostituierte, die nicht mehr wert ist, die nichts anderes verdient hat“ – aus diesen ganzen übernommenen Tätersuggestionen auch nach der Beziehung zum Täter wieder rauszukommen, ist für viele Betroffene sehr schwierig, manche schaffen es auch gar nicht mehr, weil sie all das zu sehr verinnerlicht und in ihr eigenes Ich integriert haben. Sie bleiben Prostituierte und finden nicht mehr zu sich selbst zurück.).“

Dieser Text im Artikel beschreibt das Problem wirklich gut. Wenn man in einer so missbräuchlichen Beziehung ist und die „Werte“ und Denkweisen des Täters angenommen und seine eigenen völlig aufgegeben hat, dann verliert man sich selbst. Das macht eine Lösung vom Täter und dem ganzen System, in dem man sich befindet, noch schwieriger. Dieser Mechanismus findet sich häufig zwischen Betroffenen und ihren Menschenhändlern/Zuhältern, wenn die Täter die Familie oder die Partner sind. Die erlebten Gewalterfahrungen in der Prostitution, die Demütigungen und Erniedrigungen dort schwächen die Frauen noch mehr. Wer derart schwach ist, kann sich oft noch weniger wehren. Diese Frauen befinden sich in einem toxischen Kreislauf, den sie ohne Hilfe meist nicht verlassen können. Vor allem bei minderjährigen und noch sehr jungen Frauen, die aufgrund der sog. Push-Faktoren für Menschenhandel (wie z.B. Gewalt in der Kindheit, Missbrauch, Armut, Krieg, Arbeitslosigkeit, etc.) ganz besonders vulnerabel sind, ist die Gefahr für einen derartigen Missbrauch groß, da sie in ihrer Persönlichkeit noch nicht gefestigt und unsicher sind. Das wissen und nutzen die Täter für ihre Zwecke aus. Da haben Menschenhändler und Zuhälter mit ihren Manipulationstechniken leichtes Spiel. Es kann aber natürlich auch jemanden in einem höheren Alter betreffen.

Um Menschenhandel und Zuhälterei in allen Variationen effektiv bekämpfen zu können, ist es wichtig zu verstehen, wie Betroffene sich oft fühlen und hinter welcher Manipulation sie gefangen sein können, wozu vor allem auch gehört, komplexe und für Außenstehende oft schwer nachvollziehbare Täterbindungen zu sehen und zu durchdringen.

Um Betroffenen in solchen Situationen helfen zu können, muss versucht werden, diese Täterbindung aufzulösen und die vom Täter geschaffenen unsichtbaren Gitterstäbe zu durchbrechen. Dazu gehört zu aller erst: die individuelle Täterbindung sehen und verstehen. Grundsätzlich sind sich die Betroffenen über die Täuschungen und die Manipulationstechniken, die an ihnen verübt werden, ja selbst gar nicht bewusst, das ist gerade auch eine der Schwierigkeiten an der Sache. Bei Betroffenen der Loverboy-Methode ist es daher wichtig, diesen Frauen, wenn nötig, ihre Stellung als Opfer zu verdeutlichen und sie in Bezug auf das, was da mit ihnen geschieht, zu sensibilisieren, sagt Alexander Dierselhuis, der ehemalige Staatsanwalt und Polizeipräsident aus Oberhausen.[3] Ganz wichtig dabei: Einfühlsamkeit. Danach: gemeinsam einen Weg aus dem vom Täter gebauten Gefängnis suchen. Dafür braucht es viel Verständnis, viel Unterstützung und ein großes Vertrauensverhältnis.


[1] Traumabonding – In den Fängen eines Narzissten – UMGANG mit NARZISSTEN (umgang-mit-narzissten.de)

[2] Interview mit Stefan Willkomm – Themenabend Skrupellose Loverboys – ARD | Das Erste

[3] Fachtagung gegen sexuelle Ausbeutung von Mädchen und jungen Frauen Grußwort Alexander Dierselhuis – YouTube