Eigentums-Tattoos von Zuhältern – Betroffene identifizieren

Anlässlich des europäischen Tages gegen Menschenhandel am Sonntag, den 18.10.2020 – ein längerer Text, der mir aber sehr wichtig ist.

Ich möchte mit diesem Beitrag vertiefter über Eigentums-Tätowierungen von Zuhältern aufklären und schreibe ihn, damit Betroffene besser identifiziert werden können. Sie können sich oftmals lange nicht äußern, unterliegen verschiedenen Abhängigkeiten und Zwängen. Es gibt aber äußere Merkmale, an denen man erkennen kann, dass etwas nicht in Ordnung ist, etwas doch nicht so selbstbestimmt ist, wie die Frauen es meist vorgeben. Ein Merkmal davon sind diese Eigentums-Tattoos. Und die sah ich sehr oft auch bei anderen prostituierten Frauen.

(Siehe zu meinem Tattoo vor allem weiter unten noch die im Text fettgedruckten Stellen)

Ich habe so gut wie nichts mehr von damals aus der Prostitution bei oder an mir, was mich heute noch begleitet. Als ich nach meinem Ausstieg in eine neue Stadt gezogen bin, habe ich außer ein paar wichtige Dinge alles weggeschmissen. Prostitutionsklamotten, Prostitutionsschuhe, einfach alles. In dieser Hinsicht keine Spur mehr davon, dass ich je in der Prostitution war. Ich wollte alles vergessen und hinter mir lassen. Ein neues Leben bitte. Nur eine Sache habe ich zwangsläufig behalten, die (noch) da ist: Das Tattoo auf meinem Rücken.

Ich kam nie so richtig zur Ruhe nach der Prostitution, um mich um wichtige Dinge meiner Vergangenheit zu kümmern, wie z.B. um das Tattoo. Ich hatte nach meinem Ausstieg eine 6-Tage Woche, manchmal auch 7 Tage (inkl. Nachtdienst bei den Pferden), gesundheitliche Probleme, nebenbei Abitur zu Ende machen, umziehen, studieren, nochmal umziehen, wieder umziehen. Ich fühle mich ein bisschen wie eine Nomadin. Seit Jahren von einem Ort zum anderen, von einem Bordell ins andere, von einer Wohnung in die Nächste.

Nachgedacht und reflektiert habe ich in den letzten Jahren jedenfalls viel. Sehr viel. Das Tattoo bzw. die Eigentums-Tattoos im Generellen sind so eine Sache. Die Geschichte meines Rücken-Tattoos, das mein Zuhälter mir stechen ließ, um mich als sein Eigentum zu markieren, habe ich schon mehrfach erzählt. Einen Teil kann man hier nachlesen: https://sandranorak.com/tattoos-als-eigentumsstempel/

Mir geht es nun in diesem Beitrag umfassender um die Bedeutung solcher (auch meines) Tattoos und wie man sie erkennen kann.

Stellt euch vor, ihr würdet in eines der Bordelle kommen, in dem ich war, weil ihr in diesem Bereich arbeitet (aufsuchende Arbeit, Kontrollen, etc.). Die Frauen in den Bordellen (so auch ich damals) müssen ja immer halbnackt in irgendwelchen Dessous in den Bordellen rumlaufen, manchmal ganz nackt, das Tattoo war also durchgehend sichtbar für alle, die mich gesehen haben, auch für die Polizei, die während der „Arbeitszeiten“ öfter in eines der Bordelle kam und ihre Strichliste machte, wer von den Frauen alles da war. Stellt euch also vor, ihr kommt in das Bordell, ihr seht mich. Ich lächle euch an, ich sage aber nichts. Wenn ihr mich fragt, erzähle ich euch als Nicht-Milieu-Person die typische Story davon, dass es mir gut geht, dass ich diesen Job machen will. Und dann gehe ich weg, drehe euch den Rücken zu und ihr seht dieses große und markante Tattoo, was sich über meinen Rücken zieht.

Was würdet ihr euch denken? Unabhängig davon, das Tattoo komplett zu entschlüsseln, was ich weiter unten gleich tun werde. Es geht darum, ein Gespür, ein Gefühl, für solche Tätowierungen zu entwickeln, sie zu deuten, sie zu erkennen. Wer seinen Blick schult, der kann bei solchen Tattoos schnell erkennen, um was es sich da handelt und damit auch, in welcher Lage sich die Frau möglicherweise gerade befindet – unabhängig von ihrer Aussage.

Erkennbar auf meinem Rücken ist ein Drache, ein keltisches Kreuz und ein Totenkopf.

Die Bedeutung:

Das mit dem Drachen hatte ich schon öfter erklärt. Damals als ich meinen Zuhälter im Chat kennenlernte, war der „Drache“ Teil seines Chatnamens, sein Kennzeichen. Manche fragten mich nun noch nach der ganzen Bedeutung des Tattoos an sich und möchten wissen, was das Kreuz für sich genommen bedeutet, warum es da ist.

Zugegebenermaßen wusste ich das selbst länger nicht. Es war halt ein Kreuz, was man mir da zusätzlich zum Drachen auf den Rücken stach, dachte ich. Falsch gedacht. Denn das Kreuz hat es in sich. Als ich es dann verstand wurde mir klar: nur mit dem keltischen Kreuz ergibt das Tattoo auch nach außen hin den Sinn, den mein Zuhälter damit erreichen wollte, um mich sichtbar als sein Eigentum zu markieren, denn der Drache war zwar sein persönliches „Kennzeichen“, aber dass ich „im Eigentum des Drachen“ stehe, wird erst durch das Keltenkreuz so richtig deutlich gemacht:

„Ein Keltenkreuz, Hochkreuz oder irisches Kreuz ist ein Element der mittelalterlichen sakralen Kunst im keltischen Kulturraum der britischen Inseln und Irlands… Die ursprünglichen irischen Hochkreuze fanden sich nicht auf Grabstätten, sondern markierten dekorativ ein besonderes Gebiet oder heiliges Land.“ – Wikipedia zu „Keltenkreuz“ –

Ich war in dem Fall das „besondere Gebiet“, das „heilige Land“, das markiert werden sollte.

Wenn man also als Außenstehender mein Tattoo sieht und sich damit beschäftigt und nachliest, was das für ein Kreuz ist, welche Bedeutung es hat, kommt man schnell darauf, dass ich da einen Eigentumsstempel auf dem Rücken trage.

Was man genau sieht: Der Drache hält das keltische Kreuz mit seiner Hand auf der einen Seite fest – das sollte wahrscheinlich symbolischen Charakter haben: „Es gehört mir“, also „das keltische Kreuz gehört mir“, also „das „Gebiet“ gehört mir“. Also: Ich gehöre ihm, dem Drachen, also meinem Zuhälter.

Seine Passion zum Mittelalter (Keltenkreuz, irische Kunst, Kriegertruppen…) wurde durch seine Online-Spiele deutlich, die Kriegsstrategiespiele waren, wie ich schon oft erzählt habe. Ich hatte auch schon öfter erzählt, dass er sagte, ein Fremdenlegionär gewesen zu sein. Ob er es wirklich war, keine Ahnung. Jedenfalls hat er auch mit mir strategisch Krieg gespielt: erst online und dann im echten Leben.

Was der Totenkopf auf dem Tattoo bedeuten soll? Das kann sich wohl jeder denken.

Was für einen psychologischen „Schaden“ solch ein Tattoo seitens der Zuhälter bei „ihren“ Frauen bewusst anrichten soll und anrichtet, bleibt nach außen hin oft verdeckt. Das, was ich da auf dem Rücken habe und was vielen Betroffenen in verschiedenster Weise da auf die Haut tätowiert wird, ist nicht nur ein Tattoo. Es hat eine Bedeutung. Tief in die Seele gebrannt, auch wenn es „nur“ auf der Haut ist.

Krieg online, Krieg im Leben, Krieg auf der Haut, Krieg im Kopf.

Manipuliert, getäuscht, gebrochen. Gehirnwäsche at its best und bei einer instabilen jungen Frau wie mir damals nicht sonderlich schwer für jemanden, der durch und durch – online und auch ganz besonders im realen Leben – ein raffinierter Stratege war.

War ich selbst schuld an allem, was man besonders in diesen „Loverboy“-Fällen ja ständig hört? War ich schuld an meiner eigenen Ausbeutung? Eine Frage, die ich lange Zeit mit „Ja“ beantwortet habe. Dieses „Ja“ verursachte auch lange ein großes Schamgefühl in mir und hielt mich davon ab, Hilfe zu suchen, um schneller aus der Prostitution aussteigen zu können, anstatt noch weiter darin zu verharren und mir den Ausstieg Stück für Stück allein zu erarbeiten, was nach einem Schulabbruch, jahrelanger Lücke im Lebenslauf, zunächst ohne Wohnung, nur Milieukontakten und ständigen Selbstzweifeln, Angstzuständen, Atemnot und Panikattacken schwer war. Dieses „Ja“ begleitete mich auch noch eine ganze Weile nach meinem Ausstieg bis sich meine Antwort auf diese Frage änderte.

Wer die Scham und die Schuld in Richtung der Betroffenen umdreht, lässt sie allein und stellt sich vor die Ausbeuter. Frauen in der Prostitution stehen häufig unter schweren Abhängigkeiten und Zwängen zu extrem manipulativen und berechnenden Menschen, sind innerlich gefangen genommen. Das Tattoo auf meinem Rücken spricht das lautlos aus.

Ich wünsche mir, dass Betroffene als solche erkannt werden, auch wenn sie sich selbst oft noch nicht als solche erkennen können. Ich war in legalen Bordellen, im legalen Escort, auf legalen Seiten inseriert. Ich war angemeldet und ich habe sogar eine gewisse Summe an Steuern für den Zeitraum meiner kompletten Ausbeutung (nach)gezahlt. Warum? Na weil die Kontrollen und das Finanzamt dich in der Prostitution sehen und zur Kasse bittet. Wenn du nicht noch mehr Probleme willst, als du eh schon hast (Zuhälter, Gesundheit, Schwierigkeiten beim Ausstieg, etc…), zahlst du eben einen Beitrag. Also: von Freiern gefickt werden für den Staat für deinen Ausbeutungszeitraum.

Legal heißt nicht, dass die Frauen dort nicht ausgebeutet werden. Man sieht es eben nicht. Und das ist ein großes Problem (wobei: für die Profiteure ist es natürlich gut, weil sie unbeschadet massenhaft Geld mit der Ausbeutung anderer verdienen können). Viele sagen: ich sehe keine Ausbeutung, die Frauen berichten nicht über Ausbeutung, also gibt es keine Ausbeutung.

Das ist eine falsche Schlussfolgerung. Solche Aussagen muss man hinterfragen, sich mit diesen Mechanismen und der Psychologie dahinter beschäftigen. Das Rotlichtmilieu lebt davon, dass die meisten Frauen sagen, alles ist ok und sie gehen für sich selbst anschaffen, selbst dann, wenn sie ständig misshandelt werden. Zuhälter und Menschenhändler können ganz besonders gut die legale Umgebung zur Ausbeutung nutzen, so Europol. Dessen muss man sich bewusst sein und nicht auf den Schein der Legalität reinfallen.

Wenn man in ein Bordell geht, wird man als außenstehende Person meist die „heile Welt des Rotlichts“ sehen. Aber meine Erfahrungen sagen mir: gar nichts ist da die „heile Welt des Rotlichts“. Nach außen hin zwar meist immer, nach innen hin ganz und gar nicht. Der Schein trügt für Außenstehende und wird aufrecht erhalten. Er muss es auch. Sonst wäre die Ausbeutung von Menschen in der Prostitution kein so lukratives und milliardenschweres Geschäft für Kriminelle, wie es das nun mal ist. Auch in Deutschland. Vor allem in Deutschland. Es sieht aus, als sei alles ok, aber das ist es so gut wie nirgends.

Ich empfehle daher jedem, der in dem Bereich arbeitet und öfter in Bordelle geht (aufsuchende Arbeit, etc.):

schaut genau hin. Ganz genau. Hierunter fällt auch: hat die Frau ein Tattoo? Und wenn ja, was für eins? Manchmal sind die Eigentums-Tattoos auch nur ganz Kleine, oft mit einem Buchstaben oder Namen versehen. Oder markante Zeichen, Symbole, Tiere, Barcodes. Versucht, ihre Bedeutung zu lesen. Googelt auch, wenn ihr bestimmte Zeichen oder Symbole oder Anderes seht, was auffällig aussieht, ihr es aber nicht ganz versteht. Versucht, das Tattoo zu entschlüsseln. Die Eigentums-Tattoos können unterschiedlich aussehen, aber eine Sache haben sie meist alle gemeinsam:

sie sehen sehr auffällig aus und tragen, wenn man sie genau ansieht und entschlüsselt, die Message: „Dieser Mensch gehört mir“ in sich. Ich habe viele solche Tattoos gesehen und sie waren eigentlich immer erkennbar, wenn man einen geschulten Blick dafür entwickelt, weil es keine Tattoos sind, die man sich mal eben so als (meist junge) Frau auf die Haut stechen lässt. Eigentums-Tattoos sind speziell in ihrer Erscheinung. Sehr viele prostituierte Frauen sind tätowiert. Oftmals auch mehrfach, wenn sie noch eigene Tattoos haben, sodass man u.U. das Eigentums-Tattoo unter den anderen Tattoos nicht gleich sieht. Aber „Markierungen“ von Zuhältern sehen anders aus als „normale“ Tattoos, sind auffällig, sonst hätten sie auch nach außen hin nicht die Wirkung im Milieu, die sie haben sollen.

Ein Beispiel: Andrea K. wurde dieses Jahr mit einem Betonklotz in die Weser geschmissen und ermordet. Sie war in der Prostitution. Auch sie hatte ein auffälliges Tattoo. Ein Kreuz und ein Buchstabe. Ein kleines Tattoo, am Hals. Ihr Ex-Freund war Zuhälter. Neben ihm wurde ein weiterer Zuhälter verhaftet. War ihr Tattoo ein Eigentumsstempel? Ich weiß es nicht, aber so wie es aussieht, könnte es sehr gut der Fall sein. Würde ich sowas jetzt an einer prostituierten Frau sehen, würden bei mir alle Alarmglocken anfangen zu klingeln – ein Bild seht ihr im Link: https://www.n-tv.de/…/Mordfall-Andrea-K-Zuhaelter…

Seid sensibel dafür. Wer in Bordelle geht, auf Straßenstriche geht oder sonst wo prostituierte Frauen aufsucht – bitte guckt genau hin. Haltet unbedingt Ausschau nach markanten Tattoos. Wenn ihr sowas seht wie seltsame, auffällige Tattoos, bleibt da dran an den Frauen, auch wenn sie euch zunächst abwehren und erzählen, sie machen alles freiwillig und für sich, weil sie es ok finden. Das sagen die meisten, das habe ich auch lange gesagt, selbst während kompletter Ausbeutung. Das ist so im Milieu, dass die Mehrheit der Frauen das sagt und ihre Täter schützt. Sie müssen dem Milieu und den Leuten darin auch loyal sein, was man schon am Anfang lernt bzw. einem die Konsequenzen einer Verfehlung sehr deutlich aufgezeigt werden. Für viele stellen die Ausbeuter auch die Familie und die einzigen Bezugspersonen dar. Viele haben gar kein Opferbewusstsein, wie ich es immer wieder sage, und auch Leute im Feld es bestätigen:

Es ist ja nicht so, dass eine Frau aufstreckt und sagt: «Ich bin ein Opfer von Menschenhandel.» Opfer zu identifizieren und Beweise zu finden ist mit sehr grossem Aufwand verbunden und mit viel Ermittlungsarbeit. Das sind komplexe Verfahren, die Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern. Zudem ist es den meisten Prostituierten gar nicht bewusst, dass sie Opfer sind. Sie stellen es beispielsweise nicht infrage, dass es nicht normal ist, Schulden für eine Reise von Thailand in die Schweiz von 30’000 Franken abbezahlen zu müssen. Bis sich Prostituierte selber als Opfer sehen, bis sie den Druck nicht mehr aushalten, braucht es enorm viel.“ – Simon Steger, Chef der Fachgruppe Sexualdelikte der Luzerner Kriminalpolizei – https://www.zentralplus.ch/es-braucht-enorm-viel-bis-prostituierte-den-druck-nicht-mehr-aushalten-1915543/

Meist sagen die Frauen selbst dann noch nichts, wenn sie heftigste Drohungen und/oder Gewalt erleben. Angst führt auch nicht zwangsläufig dazu, sich als Opfer zu sehen, denn die Täter reden den Frauen ein, dass sie ja selbst schuld an der Gewalt, der Drohung, etc. seien, sie müssten sich eben korrekt verhalten und dann sei alles gut. Oft ist es auch ähnlich wie bei häuslicher Gewalt, wo die Betroffenen lange nicht trennen und viel mitmachen, aber ich brauche es hier nicht zu erklären. Ihr wisst denke ich, was ich meine.

Es braucht Geduld und die Frauen müssen wissen: da ist jemand, wo sie hin können, wenn sie bereit dazu sind, Hilfe anzunehmen, wenn sie das Lügengeflecht anfangen zu durchschauen und eine Hand brauchen und wollen, die stark ist und sie aus dieser Parallelwelt führt. Manche Zuhälter lassen von „ihren“ Frauen ab, wenn diese zu alt sind, zu „verbraucht“ und daher zu kaputt sind, „Abstand“ bezahlt haben, wenn sie sich „freigekauft“ haben oder „freigekauft“ wurden (wobei sie bei letzterer Alternative dann meist wieder einem Zuhälter „gehören“ oder einem Freier, wo sie dann als „Dank“ gratis Sex abliefern müssen). Ich war nach langer Ausbeutungszeit ein psychisches Wrack, nicht mehr derart einträglich, was der Anfang des Lösungsprozesses und meines Ausstiegs war (https://sandranorak.com/…/uber-trauma-uber-den-ausstieg/). Dem Zuhälter aber einfach von heute auf morgen „kündigen“ geht meist nicht. Mein „Freikauf“ fand letztlich in der Form statt, dass ich nach kompletter Ausbeutung noch eine gewisse Zeit bestimmte Summen meiner Einnahmen abzugeben und mich an bestimmte Regeln zu halten hatte – nach der „alten Schule“ des Milieus. Viele Zuhälter lassen aber auch unter keinen Umständen ab, nennen Summen und Bedingungen für den „Freikauf“ und wenn die Frauen all das erfüllen, dann wars das nicht, sondern es kommt die nächste Forderung – sie nutzen das Wort „Freikauf“, es findet aber keiner statt. Dieses System ist so krank. Allein über was man hier sprechen muss. Dass Frauen, die oft in mehrstelligen Zahlenbereichen ausgebeutet wurden, noch versuchen müssen sich durch weitere Geldabgaben freizukaufen. Die Frauen wissen letztlich nie, was sie „auf dem Weg raus“ noch alles erwartet. Es ist ungewiss und ein Spiel mit dem Feuer. Wird es gut gehen oder wird es schief gehen? Keine weiß das im Vorhinein. Sie benötigen Hilfe.

Das Rotlicht ist eine Parallelwelt, die nach außen hin so tut, als wäre sie keine, um ihren Profit zu schützen, um ihren Profit nicht zu verlieren, um weiter Teil eines Milliardengeschäfts sein zu können, das meist auf dem Rücken und durch die Ausbeutung der Schwächsten dieser Gesellschaft am Leben erhalten wird.

Fazit von diesem Beitrag:

Tattoos können Zeichen von Zwang und Ausbeutung sein. Sie sind es sehr oft. Schaut bitte genau hin. Man erkennt diese markanten Eigentumstätowierungen als solche, wenn man seinen Blick darauf schult. Bei mir haben es sogar viele Freier erkannt und mir grinsend nach der Inspektion meines Tattoos gesagt: „Ah, du gehörst bestimmt jemandem!“ Und zwar auch sehr unintelligente Freier. Wenn denen sowas auffällt, dann kann jeder andere auch lernen, das zu sehen.

Mein Tipp also: schult eure Blicke, falls sie noch nicht geschult sind.

Und klärt junge Mädchen und Frauen auf, soviel ihr könnt.

Die Arbeit mit jungen Menschen bedeutet mir am meisten, wenn ich in Schulen gehe oder in Einrichtungen mit psychisch labilen/kranken Kindern und Jugendlichen, vor allem Mädchen. Da kommt soviel Herzlichkeit, soviel Ehrlichkeit, soviel Dankbarkeit zurück. Sie löchern mich mit allen möglichen Fragen. Ich sehe in den Mädchen immer mich, als ich in ihrem Alter war. Kurz vor dem Abdriften in eine Parallelwelt und unzähligen von sexuellen Missbrauchserfahrungen. Am liebsten würde ich über sie alle eine große Schutzhülle spannen, sodass sie niemals so abdriften können.

Versuchen wir gemeinsam, sie zu schützen.

Über Trauma. Über den Ausstieg.

Über Trauma. Über den Ausstieg.

Ein sehr persönlicher Text. Auf den Bildern seht ihr zwei „Diagnosen“ während meiner Zeit in der Prostitution.

Mein Zuhälter lies nach langer Ausbeutungszeit immer weiter von mir ab, weil ich nicht mehr einträglich war: ich hatte vorher tausende von Euro monatlich gebracht und im Jahr 2011 hatte ich einen Zusammenbruch und massive Probleme in Form von Atemnot, Hyperventilation, Kreislaufproblemen bis hin zum Kollaps. Mein Körper war zu einer Marionette meiner Psyche und meines Innenlebens geworden. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Nach langer Zeit in der Prostitution und sexueller Gewalt und Ausbeutung war ich schwer traumatisiert. Ich war mehrmals in der Notaufnahme und konnte nicht mehr diese Summen bringen, die von mir verlangt wurden. Nicht mehr die Summen, die sich ausgezahlt haben. Ich bin erstmal nur noch in meinem Kellerzimmer im Bordell gelegen und habe vor mich hin vegetiert. Viele Frauen werden solange in der Prostitution ausgebeutet, bis sie kaputt sind. Das ist auch oft mit den Osteuropäerinnen so: man schickt die eine Tochter in die Prostitution und wenn sie kaputt ist, holt man sie zurück und schickt die nächste. Oder man schickt „seine Frau“ in die Prostitution und wenn sie kaputt ist, holt man sich die Nächste, etc. Mein Zusammenbruch war letztlich mein Glück. Der Lösungsprozess startete.

Was wurde mir da in den Notfallzentren gesagt? Ich hätte Panikattacken und Angstzustände, sei in einem „reduzierten Allgemeinzustand“, so steht es auf dem Zettel. Ich solle mich beruhigen. Tief ein – und ausatmen.

Aufenthalt in einer Notfallklinik: 0:52 – 4:00 Uhr. Mitten in der Nacht.

Ich kann mich an diese Nacht gut erinnern. Ich saß da auf der Krankenliege, es war eine kalte Nacht. Ich hatte so starke Atemnot, dass ich ständig das Gefühl hatte zu ersticken, gleich in Ohnmacht zu fallen. Hyperventilierend saß ich vor dieser Ärztin. Ich habe mich so einsam gefühlt und mir war zum Weinen. Aber ich weinte nicht. Ich unterdrückte es. Was ich war, eine Prostituierte, und wo ich gerade herkam, aus dem Bordell, erzählte ich ihr auch nicht. Ich hatte Angst vor Zurückweisung, Angst vor Verurteilung, Angst vor Ablehnung. Dass ich sexuelle Ausbeutung hinter mir hatte und auf dem Weg zum Ausstieg war, mich immer noch mit Freiern konfrontierte und gleich wieder zurück ins Bordell ging, habe ich ihr nicht gesagt. Die Scham war viel zu groß. Ich wollte einfach nur, dass sie mir hilft, wieder Luft zu bekommen, wieder atmen zu können.

Sie versuchte mich zu beruhigen, ich sollte langsam ein- und ausatmen, aber das klappte nicht. Dann wurde mir das „Prinzip der Rückatmung“ mittels einer Tüte erklärt, so steht es auf dem Dokument. Die nur leider auch nicht so richtig funktioniert hat. Die Ärztin wollte mir eine Beruhigungspille geben, wo ich aber noch mehr in Panik geriet und sie begründungslos ablehnte, denn ein Freier hatte mal einer Rumänin und mir eine „Pille“ gegeben. Das war irgend eine Droge, nach deren Einnahme ich eine Nacht lang dachte, dass mein letztes Stündchen geschlagen hätte. Seitdem traue ich keinem Menschen mehr, der mir eine Pille gibt, wenn ich nicht selbst die Verpackung und wo die Pille rausgenommen wird, sehe.

Ich hatte damals keine Ahnung von Trauma. Ich bekam so häufig Panikattacken, keine Luft mehr und dachte oft, ich sterbe gleich. Und manchmal wünschte ich mir auch, dass es endlich vorbei ist, mein Leben, weil ich keine Kraft mehr fühlte, weiterzumachen. Wenn nicht mal mehr Luft bekommen möglich war, wenn nicht mal mehr das Atmen möglich war, wie sollte ich da andere Sachen wie den Ausstieg schaffen? Genauso wie ich mich fühlte in diesem Leben, keine Luft mehr zum Atmen zu haben, genauso reagierte mein Körper.

In einem Befund steht, dass meine Beschwerden mit der Atemnot abends anfingen. Abends kamen die meisten Freier, abends war die schlimmste Zeit. Der „Abend“ hat mich am meisten getriggert.

Panikattacken, keine Luft zu bekommen und dieses Gefühl, oft kurz vor der Ohnmacht zu stehen, das hatte ich sehr lange, auch nach meinem Ausstieg noch bis in die ersten Uni-Semester hinein.

Alles war ein langer Weg.

Ich habe es raus geschafft in ein anderes Leben, aber viele Frauen schaffen es mit diesem liberalen System und den mangelnden professionellen Ausstiegshilfen hier in Deutschland nicht, aus diesem System auszusteigen. Das macht mich traurig und muss sich ändern – schnell.

Nie wieder schweigen

Über das Schweigen.

Ich sollte schweigen, für immer.

So viele Frauen erzählen, sie seien freiwillig in der Prostitution. Erfinden Geschichten hierfür.

Das ist Alltag. Paradoxerweise glauben viele, dass sie in gewissem Maße selbstbestimmt sind, obwohl sie von ihren Zuhältern in Gestalt ihrer „Männer“, „Freunde“ oder ihrer eigenen Familie fremdbestimmt werden, ausgebeutet werden. Fehlendes Opferbewusstsein. Resignation. Hoffnungslosigkeit. Perspektivlosigkeit. Trauma.

Sie sind zum Schweigen verdammt über die wahren Umstände. Brauchen oft Jahre, um alle Puzzle-Teile ihrer Ausbeutungszeit zusammenzufügen. Um zu verstehen, oft auch um nicht mehr zu verleugnen: der Mensch, den man liebte, dem man vertraute, ist ein Täter. Hier ein Interview: https://www.daserste.de/…/interview-staatsanwalt-stefan…

Wenn man von außen als „Nicht-Milieu-Person“ auf diese Frauen blickt, sieht ihre Prostitution freiwillig aus. Man findet das reihenweise in nahezu jedem Bordell.

Wie wenig „freiwillig“ ihre Prostitution aber wirklich ist, wie die Innenansicht ist, wie fremdbestimmt die Frauen sind und unter welchen Zwängen sie stehen, das bleibt Außenstehenden, die mit dem Milieu und den „Innengeschäften“ nichts zu tun haben, meist verborgen. Und wird dann freiwillige Prostitution genannt. Obwohl Ausbeutung dahinter steckt.

Damals habe ich geschwiegen. Damals habe ich ertragen. Damals habe ich meine Ausbeuter nach dem Umzug zu meinem Zuhälter vor der mich aufsuchenden Polizei geschützt. Erzählt, ich wäre selbstbestimmt. Weil ich geliebt habe. Weil ich manipuliert wurde. Weil ich bedroht wurde. Weil ich Angst hatte. Ein Gefühlschaos. Weil ich dachte, dass mir sowieso niemand mehr aus diesem verkorksten Leben raushelfen kann, wo ich schon lange drinsteckte. Weil ich dachte, dass ich sowieso nicht mehr wert bin als das, wozu ich von meinen Ausbeutern gemacht wurde: eine Prostituierte. Einmal Nutte, immer Nutte, so hat es mal eine andere Betroffene der „Loverboy“-Methode gesagt. Die Würde ist schon weg und kommt nicht mehr zurück. Und genau so habe ich mich gefühlt. Es gab in meinem Kopf kein Zurück, keinen Ausgang, keinen Ausweg, aus dieser Parallelwelt.

Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht selbstbestimmt.

Viele prostituierte Frauen sind nicht selbstbestimmt, obwohl es nach außen hin so aussieht, als wären sie es.

Und niemand wird mich je wieder zum Schweigen bringen über das, was ich wirklich erlebt habe.

Und wenn Reden das Letzte ist, was ich tue.

Ein paar Zeilen. An ein paar Männer.

Ein paar Zeilen. Für ein paar Männer (ausgenommen die, die bereits respektvoll mit Frauen umgehen).

Ein rotes Tuch: Männer, die mich irgendwo (Internet/Zeitung/Fernsehen) gesehen haben und mir niveaulose Facebook Nachrichten oder anderswo Annäherungsversuche schreiben, mich treffen wollen, mich „kennenlernen“ wollen. Sätze wie z.B. die letzten Tage wieder:

„Guten Morgen Schönheit“ oder man schreibt gleich direkt die Telefon-Nummer rein, wo ich mich zum Kennenlernen melden soll.

Es ist primitiv und respektlos.

An solche Männer da draußen, ihr seid auf einem Profil, wo eine Frau, ich, über erlebte sexuelle Gewalt und Ausbeutung DURCH MÄNNER spricht. Ihr seid hier NICHT auf einer Single – oder Kontaktbörsenseite. Ich bin an der Öffentlichkeit, um über Gewalt und Ausbeutungsverhältnisse aufzuklären, um diese Dinge zu verhindern, um vor allem junge vulnerable Mädchen und Frauen zu schützen, und nicht, um mich Annäherungsversuchen durch irgendwelche Männer auszusetzen, die meinen, ihren nicht vorhandenen Charme versprühen zu müssen. Im Übrigen: es wird bei mir nie wieder eine Beziehung mit einem Mann geben. Ich verrate euch jetzt mal einen meiner größten Wünsche für die Zeit, die ich noch auf dieser Erde bin: ich möchte nie wieder ein männliches Geschlechtsteil sehen.

Das heißt nicht, dass ich eine „Männerhasserin“ bin. Ich kenne sehr nette Männer, die sich auch engagieren und die ich menschlich sehr mag. Ich schätze ehrenvolle Männer sehr, die sich wie normale Menschen und nicht wie triebgesteuerte Affen verhalten.

Bitte mehr davon.

Leider wollen manche Männer im Jahr 2020 immer noch nicht verstehen, dass sie keine Affen sind. So oft höre ich: „Aber mein Trieb, der ist biologisch bedingt, aber wenn ich keinen Sex habe, dann tut mir mein „Sack“ weh…“ Oh bitte… ich kann es nicht mehr hören. Ihr seid doch keine Tiere. Wenn dem so sein sollte, benutzt eure Hand oder was auch immer. Ihr seid doch erwachsene Menschen, die allerlei Möglichkeiten haben. Ihr habt aber kein Recht, eine Frau als euer „Selbstbefriedigungswerkzeug“ anzusehen und sie als solches zu benutzen, nur weil ihr eure Sexualität nicht im Griff habt oder haben wollt oder denkt, jemand anderes müsse dafür herhalten.

Und ich sage das vor allem auch aus diesem Grund:

ich habe mit so vielen Frauen gesprochen, die nicht in der Prostitution waren, aber mit Männern in Beziehungen waren und so viele erzählten mir, dass es sich oft wie Prostitution anfühle, denn oft wollten sie keinen Sex, sie würden sich eben hinlegen und die paar Minuten über sich ergehen lassen, damit der Partner aufhört zu drängeln und zufrieden ist, damit er hat, was er möchte. Das habe ich nicht einmal gehört, sondern ständig. Darüber spricht bei uns in der Gesellschaft keiner so richtig. Es gibt keinen Anspruch auf Sex. Auch nicht in einer Beziehung. Es braucht immer Konsens. Wenn eure Partnerin nicht möchte, dann möchte sie nicht. Wer es dennoch tut, um seinen Trieb zu befriedigen, der hat eine Vergewaltigerdenke verinnerlicht, ob er es wahrhaben möchte oder nicht. Sex ist nicht zu trennen von Körper und Seele. Ungewollter Sex macht immer etwas mit einem Menschen. Auch in einer Beziehung. Auch in einer Beziehung ist ungewollter Sex Missbrauch. Denn nur weil man zusammen ist, heißt das nicht, dass man zu jeder Zeit einen Anspruch auf den Körper des anderen hat. Der Körper gehört immer noch dem anderen Partner. Es braucht bei jedem Akt Konsens. Ist dieser nicht da, ist es schlicht und einfach Missbrauch.

In vielen Beziehungen herrscht dieser Missbrauch, weil die Frauen es gewohnt sind, sich eben „hinzulegen“, die Augen zuzumachen und zu warten, bis es vorbei ist. Für viele ist das die tägliche, wöchentliche oder monatliche „Routine“. Viele erkennen es nicht mal mehr als Missbrauch, weil die Leute oft sagen „In der Beziehung macht man das halt, da muss ja der Druck irgendwie abgelassen werden“. Der BGH war ja damals auch sehr komisch drauf und schrieb, dass die Ehepartner den Geschlechtsverkehr nicht „nur“ teilnahmslos über sich ergehen lassen sollen, sondern sie sollten quasi auch so tun, als ob es ihnen gefällt und die Ehe verbiete es, beim Sex „Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen.“ (BGH, 02.11.1966 – IV ZR 239/65). Das war 1966. Wir sind jetzt im Jahr 2020 und so ein Urteil würde heute ganz bestimmt nicht mehr ergehen. Im Familienrecht sagen manche Stimmen zwar sogar heute noch, dass es eine Pflicht zum Geschlechtsverkehr in der Ehe gibt. Das kann allerdings nicht vollstreckt werden (*Ironie off). Darüber überhaupt sprechen zu müssen ist so absurd, denn es geht hier nicht darum, den Frühstückstisch zu decken, Staub zu saugen, Wäsche zu machen oder um sonstige „Aufgaben“ in einer Ehe, sondern um ungewollten Geschlechtsverkehr. Und der ist immer Missbrauch und kann niemals eine „Aufgabe“ oder „Pflicht“ sein. Wenn eure Partnerin weniger Sex haben möchte als ihr oder auch keinen Sex, dann akzeptiert das und wenn es nicht in euer „Lebenskonzept“ passt, weil ihr anstatt zu lieben und den anderen in seinen Wünschen und Gefühlen zu respektieren lieber eure regelmäßige „Triebabfuhr“ wünscht, dann trennt euch am besten, aber begeht keinen Missbrauch.

Dieser fängt auch oft schon visuell oder verbal auf der Straße an: sexualisierte Blicke, sexualisierte Sprüche und sexualisierte Anekdoten. Das ist auch eine Form von Gewalt.

Ich empfehle diese Seite: https://www.acalltomen.org/ Ich habe Ted Bunch schon live gehört und sowas bräuchte es auch dringend in Deutschland. Männer können und sollten Teil der Lösung sein, wenn es darum geht, Gewalt gegen Frauen zu stoppen: https://www.acalltomen.org/resources/a-call-to-men-the-next-generation-of-manhood/

„I founded A Call To Men with Ted Bunch almost 20 years ago. Since that time, our organization has been educating men all over the world to better understand how their collective socialization shapes their views on manhood, women, and girls. Nearly all men are socialized to view women as property, objects, and as having less value than men. That collective socialization lays the foundation for all forms of violence and discrimination to persist… We are asking men to step forward—to move beyond their fear and uncertainty—and become part of the solution to end widespread violence and discrimination against all women and girls.“ https://qz.com/work/1415245/this-ceo-makes-a-strong-case-for-how-feminism-liberates-men/?fbclid=IwAR0NhNOJctKhwGf0bAxBXUgYJVNyR5MQopB4W9ZbBEG9aY1ysLDhxf6OVj4

Foto: Leif Piechowski

Über Geld und Freiheit

Heute möchte ich etwas über Geld schreiben.

Meine Beziehung zu Geld ist ziemlich angekratzt, um es mal so zu formulieren. Das hat mit meiner Prostitutionserfahrung zu tun. Von manchen Anhängern der Pro-Lobby, denen mein Aktivismus nicht passt (weil sie um ihren Profit fürchten) und die „Sexarbeit ist Arbeit“ promoten, habe ich schon gelesen, dass ich die Öffentlichkeitsarbeit nur machen würde, um damit Geld zu verdienen. Das ist schon sehr amüsant und ich habe darauf noch nie öffentlich geantwortet, weil es mir einfach zu blöd ist, mich mit solchen Leuten zu unterhalten, aber da ich das Thema heute aufgreife, muss ich mal was dazu sagen: bis auf wenige Ausnahmen habe ich seit Jahren alles umsonst gemacht. Und sogar oft noch draufgezahlt bei meinem Aktivismus.

Dann sagen mir einige Leute (die es gut mit mir meinen und die ich auch sehr schätze) immer und immer wieder: Sandra, nimm doch bitte das Geld an. Nimm doch bitte dieses Geschenk an. Nimm doch bitte unsere Unterstützung an. Und was macht Sandra? Sandra denkt sich: Nein, ich mache Aufklärungsarbeit aus meiner tiefen Überzeugung heraus, ich kann doch dafür kein Geld nehmen.

Wenn mir jemand Geld anbietet, dann lehne ich meist ab. Ich sollte es nicht ablehnen und es wird auch nach und nach (nach Jahren) besser, aber das steckt ziemlich tief in mir drin. Woher kommt das?

Geld anzunehmen, da fühle ich mich oft gekauft. Wie damals, bei Freiern. Wenn das Geld auf dem Tisch lag, dann musste ich tun, was ausgemacht war. Ich war unfrei und konnte nicht mehr über meinen Körper bestimmen, obwohl ich anwesend war, denn der Geldschein hatte vorher festgelegt, was der Mann mit mir machen und nicht machen darf, egal wie es mir dabei ging (und viele haben sich an das „nicht machen darf“ nicht gehalten und es in der Situation dann einfach trotzdem getan). Eine Stunde mit ausgemachtem „Service“ bezahlt, eine Stunde war zu liefern. Und wenn es mir zum Heulen war, ich hatte zu lächeln und mein Schauspiel abzuziehen.

Wenn ich heute Geld annehme, dann fühle ich mich oft nicht mehr frei. Ich fühle mich dann oft unfrei, so wie früher bei Freiern. Auch mein Zuhälter hat mir damals die Zugtickets zu sich bezahlt, als ich ihn kennenlernte und ihn am Anfang an den Wochenenden besuchen fuhr, denn ich war Schülerin und hatte kein Geld, ich lebte zuhause in armen Verhältnissen. Nur so konnte er mich weiter in seine Abhängigkeit bringen. Auch das machte mich unfrei. Ich war ihm etwas schuldig, obwohl er die Zugtickets zunächst als Geschenk deklarierte, um mich sehen zu können, weil er mich ja liebe. Welche „Leistung“ ich dann letztlich für ihn und seine vorgeblichen „Schulden“, womit er mich erpresste, später zu erbringen hatte, das erfuhr ich erst später.

Wenn ich heute Geld annehme, dann fühlt es sich für mich oft so an, dass ich bestimmte Erwartungen erfüllen muss, nicht mehr das machen kann, was mir wichtig ist, weil jemand mich bezahlt hat. Soviel Geld wie ich schon abgelehnt habe im Rahmen meines Aktivismus… manche zeigen mir den Vogel, denn sie sagen, dass ich ja auch von was leben muss, wenn ich schon so viel Zeit in die Aufklärungsarbeit stecke. Sie haben ja recht und objektiv gesehen weiß ich das auch. Denn Geld annehmen bedeutet ja nicht, sich wie damals kaufen zu lassen, sondern ist vor allem eine Wertschätzung und Honorierung der Arbeit, die man leistet – ohne dass man dafür seine Freiheit aufgeben muss.

Aber für mich fühlt sich Geld annehmen oft immer noch wie ein Freiheitsverlust an, auch wenn es nur um simple Essenseinladungen geht.

Ich habe auch einmal, als ich in der Prostitution war, einige Geldscheine zerrissen. Obwohl ich sie eigentlich gebraucht hätte. Da hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Daran kann ich mich gut erinnern. Ich saß in dem Bordell in meinem Kellerzimmer, sah das Geld an, mein über mir zusammengebrochenes Leben und dachte mir nur: das scheiß Geld hat dein Leben zerstört. Und indem ich es zerrissen habe, habe ich mich frei gefühlt. Geholfen hat mir das natürlich nicht. Im Gegenteil.

Aber ja: nicht das Geld hat mein Leben zerstört, sondern meine Ausbeuter, die Geld mit mir machen wollten und es auch getan haben. Nicht das Geld hat mein Leben zerstört, sondern Menschen, die mir Liebe und Zuneigung nur vorgespielt haben, um mit mir Geld zu machen – mein Zuhälter.

Ich habe mir Liebe gewünscht, Ruhe, Frieden, ich habe mir einfach nur etwas ganz Simples gewünscht: endlich „anzukommen“ und geliebt zu werden. Meine Ausbeuter wünschten sich aber Geld. Geld war ihnen wichtiger als jegliche Menschlichkeit. Geld ging über alles.

Ich war nur so viel wert, wie ich Geld brachte.

Es fällt mir schwer, Menschen zu vertrauen, Menschen in mein privates Leben zu lassen. Wenn ich welchen begegne, frage ich mich immer: schätzen sie wirklich mich als Mensch oder wollen sie nur wieder irgendeinen Profit rausschlagen?

Wir alle brauchen Geld zum Leben. Bei mir hinterlässt Geld aber noch heute einen faden Beigeschmack.

„Loverboy“-Methode und Sprache

Immer wieder lese ich im Internet, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode beschämt werden. Sie seien dumm, selbst schuld, naiv.

Wer das sagt, erkennt die Täterstrategie und die Gewaltmechanismen dahinter nicht und stellt sich mit dieser Sprache, wenn auch sicherlich oft unbewusst und ungewollt, auf die Seite des Täters, der den Opfern lange eingeredet hat, sie seien schuld daran, wenn ihm etwas passiert, sie seien schuld an dies und jenem. „Loverboys“ sind Menschenhändler. Das ist ein Teil der Täterstrategie: das Opfer beschämen und noch verletzlicher machen, noch mehr schwächen und zwar genau an den Punkten, wo es sowieso schon verletzlich ist.

Wer schwach ist, kann sich noch weniger wehren. Wer gebrochen ist, kann sich noch weniger wehren, was der Grund dafür ist, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode am Anfang oft, wenn der gezielte Beziehungsaufbau abgeschlossen ist (Stadium 1) und die Konfrontation, dass die Frau sich prostituieren soll (Stadium 2), anfängt, gezielt von den Tätern durch sexuelle Gewalt gebrochen werden. Das macht die Betroffenen psychologisch häufig wehrlos, denn sie fühlen sich dreckig und missbraucht und fügen sich – und die Täter wissen das. Es braucht keine 100 Freier um traumatisiert zu werden, es genügt manchmal der Erste, denn es ist ungewollter Geschlechtsverkehr und das hinterlässt tiefgreifende Spuren.

Eine (junge) Frau darf lieben. Eine (junge) Frau darf verletzlich, schwach und vulnerabel sein, denn sie sucht sich ihre Verletzlichkeit und Vulnerabilität nicht aus, sondern befindet sich in einer schwierigen Lebenssituation. Kein Mensch aber hat das Recht, nur weil er wissentlich überlegen ist, in solchen Situationen gezielt emotionale Abhängigkeiten zu erzeugen und die Vulnerabilität des Schwächeren auszunutzen.

Zu lieben ist nicht naiv.
Zu lieben ist keine Blödheit.
Zu lieben ist nicht dumm.
Menschen in Not helfen zu wollen, vor allem solchen, die man liebt, ist eine gute Charaktereigenschaft.

Wer die Liebesfähigkeit und die Hilfsbereitschaft einer solchen (jungen) Frau derart ausnutzt, um sie in die Prostitution zu treiben und auszubeuten, ist erbärmlich.

Es gibt heutzutage in dieser schnelllebigen Welt immer weniger Menschen, die ehrlich und tief lieben können, die selbstlos handeln und hilfsbereit sind, ohne dabei Eigeninteressen zu verfolgen. Wenn man über Menschen spricht, die ehrlich geliebt haben und dafür ausgebeutet wurden, sollte man sie nicht beschämen.

Betroffene der „Loverboy“-Methode, die bei ihren Tätern bleiben, oft wieder zu ihren Tätern zurückkehren, sind genauso wenig schuld an ihrer Ausbeutung wie Opfer häuslicher Gewalt nicht daran schuld sind, dass sie erneut geschlagen werden, wenn sie wieder zu ihrem Täter zurückgekehrt sind. Der Täter begeht die Straftat, nicht das Opfer. Diese Betroffenen befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, sind schwach, von ihren Tätern geschwächt, von der psychischen/seelischen/physischen Gewalt geschwächt, ihrem Wert beraubt worden. Sie fügen sich, weil der Täter gezielt ein Gefängnis in ihrem Kopf erzeugt hat. Und er weiß genau, was er machen muss, damit die unsichtbaren Ketten festgezogen bleiben. Bärbel Kannemann, ehemalige Kriminalhauptkommissarin, die den Verein „No Loverboys“ gründete und unzähligen Betroffenen half, sagte mir, dass bis zu 50 % der „Loverboy“-Betroffenen zu ihren Tätern zurückkehren. Man hilft diesen Frauen nicht, indem man sie beschämt. Man kann ihnen nur helfen, wenn man versucht, den Gewaltzyklus und ihre Verletzungen zu durchbrechen. Diese Betroffenen brauchen unbedingt stabile Hilfe von außen, weil sie es alleine meist nicht schaffen. Man muss dran bleiben, man muss Geduld haben und warmherzig sein, aber es braucht keine Beschämungen, die die Betroffenen nur weiter in ihrem Gewalt – und Ausbeutungszyklus festhalten.

Bist Du selbst betroffen? Kommst Du nicht raus aus diesem Teufelskreis?

Such Dir Hilfe. Du bist nicht alleine. Es gibt Menschen, die Dich und Deine Situation verstehen. Wenn Du nicht weißt wohin Du Dich wenden kannst, zögere nicht und schreib mich an. Ein anderes Leben ist möglich.

Du denkst, es ist zu schwierig Dich von Deinem Täter zu lösen? Du bist vielleicht gerade erst dabei anzufangen zu realisieren, dass die Person, die Dich ausbeutet, eigentlich ein Täter ist und niemand, der Dich wirklich liebt? Du hast Angst, wirst bedroht, bist hoffnungslos? Such Dir Hilfe und schäme Dich nicht. Viele haben aufgrund der engen emotionalen Bindung und Beziehung zum Täter lange kein Opferbewusstsein. Das ist typisch und war bei mir auch so.

Du fühlst Dich nach allem dreckig und denkst, Prostitution sei das Einzige, was Du noch in deinem Leben verdienst? Du denkst, Du bist nicht mehr wert? Prostitution ist nicht das, was Du verdienst, auch wenn es sich für Dich so anfühlt, weil du so viel Schmerz und Demütigung wegen der ganzen sexuellen Akte verspürst, dass Du glaubst, dass dieser Schmerz sowieso nie mehr aufhören wird, auch dann nicht, wenn Du jetzt Hilfe suchst und aussteigst, weshalb Du einen Ausstieg als sinnlos betrachtest und daher weiter in der Prostitution verharrst. Aber Dein Schmerz kann leichter werden, ich verspreche es Dir. Es ist ein langer Weg sich nach diesen Erlebnissen selbst wieder lieben und wertschätzen zu können, seinen Wert und seine Würde wiederzufinden. Es ist ein harter Weg, auf dem man viel Geduld braucht, den es sich aber lohnt zu gehen. Bitte geh ihn. Für Dich. Du verdienst es, wertgeschätzt zu werden. Du verdienst es, wirklich geliebt zu werden. Du verdienst es, würdevoll und liebevoll behandelt zu werden.

Du verdienst ein Leben ohne Gewalt. Du verdienst es, glücklich zu sein.

Meine Kontaktdaten findest du unter „Kontakt“.

Du findest mich auch hier auf Facebook: https://www.facebook.com/sandra.norak89/

Sowie auf Instagram: https://www.instagram.com/sandranorak/?hl=de

Warum nenne ich mich „Sandra Norak“?

Anmerkung:

Wie ihr bestimmt gemerkt habt, schreibe ich hier momentan wenig. Wer mehr lesen möchte, der kann mir auf facebook folgen: https://www.facebook.com/sandra.norak89/

Und hier ein Programmhinweis für nächste Woche Dienstag, 22:15 Uhr, ZDF, zum Thema „Loverboys“: https://www.presseportal.de/pm/7840/4671786

 

Manche fragen mich, wie ich auf den Namen „Sandra Norak“ gekommen bin. Hier die Geschichte:

Dass das nicht mein echter Name ist, wurde schon oft gesagt, obwohl: Sandra ist tatsächlich mein echter Vorname. Den Nachnamen „Norak“ habe ich mir ausgesucht. Er geht auf eine Frau zurück, eine Prostituierte, die ich in einem ziemlich üblen Flat-Rate-Bordell traf. Ihr Name war Carolina, sie kam aus Ungarn und war einer der herzlichsten Menschen mir gegenüber, die ich jemals kennengelernt habe, trotz der mehr als traurigen und prekären Umstände damals in diesem Club. In diesem Flat-Rate Bordell, in das mich mein Zuhälter in den Schulferien einquartierte, haben wir bis zu 20 Freier pro Tag „bedient“. Es lag abseits im Gewerbegebiet; als wir dort waren, haben wir nichts anderes außer Freier gesehen. Und nachts in den Zimmern geschlafen, in denen wir tagsüber die Freier „bedienten“. Der Bordellbetreiber und seine Frau waren der blanke Horror. Sie haben die ganze Zeit nur darauf geschaut, dass es den Freiern gut geht und alles nach deren Wunsch abläuft. Als ich einmal einen Freier ablehnen wollte, kam die Frau des Betreibers und hat mich im Gang angeschrien, wie ich es wagen könne, nicht mit dem Freier auf Zimmer zu gehen. Ich habe in meinen über 6 Jahren Prostitution echt viel gesehen und erlebt, aber dieses Flat-Rate-Bordell, dafür kann ich kaum Worte aufbringen, die diese Zustände da drin beschreiben würden. Eine Wurst, ein Bier und eine Frau, alles inklusive, und wehe dem, dass du „nein“ zu einem Freier gesagt hast. Dann kam die Frau und hat durch Brüllen aus deinem „nein“ ein „ja“ gemacht, denn der Pauschalpreis, den der Freier dem Bordellbetreiber am Anfang beim Eingang zahlte, umfasste automatisch alle anwesenden Prostituierten (sowie die „Wurst und das Bier“). Der Freier durfte also mit allen Frauen auf Zimmer, wenn er das wollte.

Ich denke oft an Carolina und frage mich, wo sie ist. Bei einigen Frauen, die ich kannte, ist die erste Frage, die ich mir stelle, wenn ich an sie denke, ob sie noch am Leben sind, in welchem Zustand sie heute sind, wegen den Drogen, ihren Zuhältern, den Freiern, dem Alkohol…

Ich weiß nicht, was aus Carolina geworden ist und ob sie es raus aus diesem dunklen Tunnel geschafft hat.

Zurück zu meinem Namen:

„Norak“ bedeutet von hinten gelesen „Karo“ (ohne das „n“), was eine Abkürzung für Carolina sein soll. Das „N“ habe ich letztlich noch vorne drangehängt, um einen vollen Namen draus zu machen.

Carolina war eine total liebe Frau, eine Seele von Mensch, und eine von vielen „Namenlosen“, deren Geschichte und Schicksal ungehört blieb.

Manchmal frage ich mich, warum ich das alles mache, diese ganze Öffentlichkeitsarbeit, diese ständige Konfrontation, dieser ständige Kampf. Und dann denke ich an Frauen wie Carolina und an viele andere und weiß, dass dieser Kampf wichtig ist und ich weitermachen muss, denn ich weiß für wen ich es tue.

KaroN

Warum Frauen ihre Ausbeutung verteidigen

 

Hände

Bild: Rosa Makstadt

Ein Text von Sandra Norak und Dr. Ingeborg Kraus, 01.12.2019

 

Es fällt uns auf, dass bei manchen Veranstaltungen zum Thema Prostitution und Nordisches Modell Profiteure des Systems auftauchen, dass u.a. ganz ungeniert Zuhälter und Bordellbetreiber auftreten und Zwischenrufe tätigen. Uns fällt auf, dass diese vermehrt mit Frauen auftauchen, die in ihren Etablissements als Prostituierte tätig waren und jetzt ebenfalls von der Prostitution anderer profitieren oder aber dass sie Frauen mitnehmen, die gerade noch in der Prostitution bei ihnen tätig sind. Der Verdacht liegt nahe, dass diese sich noch in der Prostitution befindenden Frauen als Schutzschild für die Zwecke der Profiteure missbraucht werden. Dieses Szenario ist uns sehr stark in einer Veranstaltung diese Woche in Karlsruhe aufgefallen und gab uns den Anlass zu diesem Text.

Es ist eindeutig, dass deren Ziel war, die Veranstaltung zu sprengen und das Nordische Modell ohne jegliche Argumentationskultur oder Diskussion dazu zu diskreditieren. Es schien, als hätten sich diese Menschen gezielt organisiert zu kommen, um die Veranstaltung zu sabotieren.

Ok, dass die Profiteure, wie Bordellbetreiber und Zuhälter, kommen und ihr Wirtschaftsmodell und das viele Geld, das sie damit verdienen, nicht verlieren wollen ist klar und erscheint nicht verwunderlich. Uns fällt allerdings auf, dass vermehrt auch Frauen mitgenommen werden, die noch in der Prostitution sind, um das System zu verteidigen.

Medien stürzen sich dann unreflektiert auf die Aussagen dieser Frauen, drucken es am nächsten Tag und verbreiten dadurch ein verzerrtes und unvollständiges Bild des Rotlichtmilieus. Das ist bedauerlich.

Ich (Sandra) habe mir die Frage gestellt, wie hätte ich damals reagiert, als ich noch in der Prostitution war, von einem Menschenhändler und Zuhälter ausgebeutet wurde, und von Leuten aus einem Bordell zu so einer Veranstaltung mitgenommen worden wäre. Wie hätte ich mich nach außen hin verhalten?

Ich hätte meine Ausbeuter und das System bis aufs Blut verteidigt. Ich hätte meinen Schmerz weggedrückt, ausgeblendet.

Warum? Das ist die große Frage.

Einmal aufgrund fehlenden Opferbewusstseins, das bei vielen vorherrscht. Auf der anderen Seite ist die Bindung zu einem Täter und zu einem System, das auf Ausbeutung aufgebaut ist, höchst unsicher, gefährlich, auf Druck und „Funktionieren“ aufgebaut und verlangt eine vollständige Loyalität nach außen hin. Die Maske muss aufrechterhalten werden. Die Gewalt darf nicht ausgesprochen werden. Ein Abweichen dieser Loyalität führt zu einem Bruch der Bindung, zu einem Ausschluss aus einem System, was für viele der Betroffenen in ihrem Leben den einzigen Halt zu geben scheint, weil sie trotz ihrer Ausbeutung eine Art Familien – /Zugehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Nach der Vorstellung: es ist besser einen Menschen zu haben, der an meiner Ausbeutung, an meinem Leid beteiligt ist, anstatt niemanden zu haben. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen Bindungen und viele Menschen, vor allem in vulnerablen Lebenslagen, haben große Angst davor allein zu sein.

Ein Abweichen der Loyalität nach außen hin wird auch als Verrat angesehen, also als das Schlimmste, was man im Rotlichtmilieu tun kann. Das sagt auch Manfred Paulus, 1. Kriminalhauptkommissar a.D., der jahrzehntelang im Bereich des Rotlichts und der organisierten Kriminalität gearbeitet hat und die Strukturen und eigenen Regeln des Milieus kennt. Das, was die Strukturen, die organisierte Kriminalität und das ganze Prostitutionssystem am Leben erhält, ist bedingungslose Loyalität nach außen hin. Die Konsequenzen eines Verrats dieser Loyalität, wozu auch abweichende Meinungen zählen können, sind in der Regel schwerwiegend, was bedeutet, dass Menschen, die aus dem System ausbrechen und reden, mit gravierenden Folgen rechnen müssen. Das sind die Gründe, warum das Rotlichtmilieu ein Milliardengeschäft ist und so gut funktionieren kann – weil nur wenige der Ausgebeuteten darüber sprechen. Und hinzu wird es Betroffenen auch schwer gemacht darüber zu sprechen, da aufgrund unserer Gesetzgebung das ganze Milieu normalisiert und bagatellisiert wird. Unser Gesetz zu Prostitution:

„…lügt uns an, es verleugnet die Wahrheit. Es ist Realitätsverleugnung, welche uns staatlich angeordnet wird.“ (Rosa Makstadt)

Auch das hilft, dieses gewaltbesetzte Milieu am Leben und die Opfer gefangen zu halten.

Die Ur-Oma von einer Überlebenden der Prostitution aus Amerika, Vednita Carter, war eine Sklavin. Auch zu ihrer Zeit wollten viele in der Sklaverei bleiben, weil es ihnen eine gewisse Sicherheit gab, Unterkunft und Essen. Die Freiheit hat vielen auch Angst gemacht wegen der mit ihr verbundenen Ungewissheit. Wir brauchen keine Verbesserung der Situation der Sklaven, sondern wir brauchen eine Abschaffung der Sklaverei, sagte die Ur-Oma. In Bezug auf die Prostitution, in der Carter war, sagt sie heute, dass wir eine Revolution benötigen. Eine Abschaffung des Systems, keine Verbesserung der Ausbeutung.

Es geht uns nicht darum, die Frauen in diesen Situationen anzugreifen, das sollte keiner tun, sondern es geht uns darum, die Mechanismen von in der Ausbeutung steckenden Menschen verständlich zu machen und damit die Medien, aber auch alle anderen Menschen, in die Verantwortung zu nehmen, dass sie genauer hinschauen, genauer hinhören, um ein richtiges Bild der Realität der Prostitution zu zeichnen. Sonst unterstützen und fördern sie ein System der Gewalt.

Wir wollen Menschen mit auf den Weg geben, dass die Mechanismen der Gewaltverleugnung/Gewalthinnahme der Betroffenen des Ausbeutungssystems der Prostitution vergleichbar sind mit denen, wie sie sich bei Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, äußern: auch sie lächeln einen oft noch mit einem überschminkten blauen Auge an und werden sagen, dass alles in Ordnung ist und dass ihr Mann sie liebt.

Ist deswegen alles in Ordnung?

Nie wieder Prostitution – ein Text über den physischen und psychischen Ausstieg aus der Prostitution

 

Never Again!

Den nachfolgenden Text habe ich schon vor einer ganzen Weile zusammen mit Dr. Ingeborg Kraus geschrieben und ich möchte ihn heute hier online stellen, da er mir sehr wichtig ist in der ganzen Prostitutionsdebatte. Hier ist der Text:

„Manchmal erscheint ein Weg für uns sehr lang, manchmal zu lang, so dass wir glauben, dass wir nicht genug Kraft haben und es nicht schaffen, ihn zu Ende gehen zu können. Der Ausstieg aus der Prostitution und damit aus einem Milieu, das meist den Körper und die Seele dieses Menschen zerstört hat, ist ein ganz besonders langer und schmerzhafter Weg, der manchmal kein Ende zu nehmen scheint und auf dem man Hürden begegnet, die sich zunächst als unüberwindbar darstellen.

Immer wieder hören und lesen wir von Aussteigerinnen, die mit den Gedanken ringen wieder in die Prostitution einzusteigen oder letztlich wirklich zurückgehen, obwohl sie ihre bereits gemachte Prostitutionserfahrung als traumatisierend ansehen und Prostitution als Gewalt bezeichnen. Dieses Verhalten stößt bei vielen Außenstehenden auf Unverständnis.

Wir möchten mit unserem Text über die Schwierigkeiten des Ausstiegs aus der Prostitution aufklären und zugleich Frauen während des Ausstiegs sowie danach Mut machen.

Wenn in unserer Gesellschaft über Prostitution gesprochen wird, so hat sich durch das ProstG aus dem Jahr 2002 bei vielen die Vorstellung eingeprägt, dass sie ein Job wie jeder andere ist. Prostitution aber hinterlässt tiefe Narben an Körper und Seele. Der Ausstieg ist nicht vergleichbar mit einem einfachen Jobwechsel. Einmal in diesem Prostitutionssystem gefangen, kommen Betroffene oft nur schwer bis gar nicht mehr raus.

Ein physischer Ausstieg aus der Prostitution, also der körperliche Schritt raus ins „Leben“, kann bei vorhandenen Möglichkeiten relativ schnell vollzogen werden. Der physische Ausstieg bedeutet aber nicht gleich den psychischen Ausstieg. In der Prostitution erleben Betroffene die tiefsten Abgründe unserer Gesellschaft: ein unermessliches und unvorstellbares Ausmaß an Gewalt, Demütigungen, Lügen und den größten Unmenschlichkeiten. Man kann physisch aus diesem Leben fliehen, aber psychisch hängen viele noch lange mittendrin – in den Erinnerungen, dem Schmerz und oftmals der aufgrund ihrer Erfahrungen tiefen Überzeugung, nichts wert zu sein, nichts schaffen zu können, nichts anderes zu verdienen. Der physische Ausstieg ist schwer, der psychische Ausstieg noch schwerer, denn er dauert oft Jahre/Jahrzehnte und beinhaltet das Durchbrechen von Schmerz und Trauma. Er ist das langsame Abstand nehmen von diesem früheren Leben voller Gewalt. Dieser psychische Ausstieg ist äußerst wichtig und es geht dabei nicht darum, Erlebtes zu vergessen – es geht darum, die nicht mehr wegzuradierende Vergangenheit anzunehmen, sie in das Leben zu integrieren und sich dennoch von der Parallelwelt Prostitution zu lösen.

Häufig ist den Betroffenen nicht sofort klar, wie sich ihre Verletzungen aus der Prostitution im Alltag äußern können, was den Ausstieg zusätzlich erschwert. Einige Hürden auf dem Weg in ein neues Leben möchten wir folgend erläutern.

Um überhaupt in der Prostitution sein zu können und unzählige Penetrationen von Fremden ertragen zu können, sind zunächst einmal Einstellungen notwendig, die diese Gewalt gewissermaßen verharmlosen: dass all das machbar und/oder nicht so schlimm sei. Wie kommt man zu so einer Haltung?

Wenn sehr früh in der Kindheit der Körper und/oder die Seele missbraucht und verletzt wurden, dann kann sich bei dem betroffenen Menschen die Vorstellung einprägen, dass eine Misshandlung, die an ihm vorgenommen wird, nicht so schwerwiegend oder sogar verdient oder normal ist. In der Psychotraumatologie bezeichnet man das als Täterintrojekte. Täterintrojekte sind Überlebensstrategien, um Gewalt besser ertragen zu können. Kann die gegenwärtige, unerträgliche Situation nicht ausgehalten und auch nicht verändert werden, so nehmen Betroffene häufig die Ansichten des Täters an, denn wenn sie funktionieren wie der Täter es haben möchte, wird das Überleben wahrscheinlicher. „Wenn ich genau mache, was sie mir sagen, werden sie mich vielleicht in Ruhe lassen, wird es vielleicht weniger schlimm.“ Aus einem „Du bist nichts wert“ kann ein „Ich bin nichts wert“ werden. Aus einem „Du wirst es niemals schaffen“ ein „Ich werde es niemals schaffen“.

Diese Verinnerlichung und Übernahme von Tätergedanken aus Schutzgründen heraus manifestiert sich oft bis ins Erwachsenenalter hinein und prägt den Alltag nicht nur in Form eines negativen Selbstbildes, sondern auch in Form von mangelndem Selbstschutz und mangelnder Selbstfürsorge. Wer als Überlebensstrategie zeitig lernen musste, Gewalt zu ertragen, der kann sich später oft nicht davor schützen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Eigene Bedürfnisse und vor allem Grenzen werden nicht wahrgenommen, da sich die Opfer von früh an auf die Bedürfnisse des Täters eingestellt haben und zugleich permanent Grenzverletzungen erleben mussten.

Wenn dann auch noch in einer Gesellschaft und in einem Staat sexualisierte Gewalt in Form von Prostitution nicht als solche benannt, sondern diese verharmlosend als machbare Dienstleistung bezeichnet wird, werden diese Täterintrojekte nicht aufgelöst, sondern verstärkt. Prostituierten Menschen wird durch die Legalität von Sexkauf vermittelt, dass die Gewalt, die sie durch die Prostitution erleben, keine richtige Gewalt ist, da legal ist, dass sie zur sexuellen Benutzung gekauft werden können. Der Staat signalisiert mit seiner liberalen Gesetzgebung: „Prostitution ist keine Gewalt, sondern ein Job“. Diese Ansicht wird übernommen, im Übrigen auch von vielen Beratungsstellen. Das ist gefährlich, denn sie verleitet Menschen auch, überhaupt erst in die Prostitution einzusteigen ohne sie über die immense Gewalt aufzuklären, die sie dort erwartet.

Als mich (Sandra) mein Zuhälter damals bei der Rekrutierung als Heranwachsende das erste Mal in ein Bordell schleppte, hatte ich ein sehr schlechtes Bauchgefühl und wollte am liebsten fliehen. Ich war jung, instabil und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte und auch nicht, in welch gefährlicher Situation ich mich befand. Er brachte mich zur Prostitution, drängte mich, ich solle mich nicht so anstellen, es sei ja alles ganz normal. Ich erinnerte mich an die Ansicht unseres Staates, dass Prostitution in unserem Land als Job angesehen wird und Zuhälter sowie Bordellbetreiber in „seriösen“ Talkshows auftreten und als Geschäftsleute betitelt werden anstatt als Kriminelle. Ich erinnerte mich daran, dass dieses Milieu überwiegend als nicht so schlimm beschrieben wird. Genau dieses Bild von der Normalität des Prostitutionsmilieus vermittelt also auch unser Staat durch seine Gesetzgebung und so konnte ich noch weniger sehen, dass ich auf dem Weg war, mitten in ein kriminelles Gewaltmilieu abzurutschen. Es wurde nicht als solches benannt und wird weiterhin nicht als solches benannt. Doch unser Staat hat eine Verantwortung in Form einer Vorbild- und Orientierungsfunktion vor allem für junge und vulnerable Menschen. Hätte er damals in Form eines Sexkaufverbots laut zu mir gesagt: „Prostitution ist Gewalt und eine Menschenwürdeverletzung“, hätte dieser Menschenhändler es viel schwerer gehabt, mich in die Prostitution zu bringen. Die traurige Wahrheit aber ist: unser Staat hat verinnerlicht, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen normal ist, denn nichts anderes bedeutet seine liberale Prostitutionsgesetzgebung. Und daran orientieren sich die Menschen, so wachsen Kinder in Deutschland auf – in dem Glauben, dass es keine Gewalt ist, wenn Menschen in der Prostitution tagtäglich penetriert und ihrer Würde beraubt werden.

Aber es ist Gewalt und diese traumatischen Erfahrungen in der Prostitution führen häufig zu posttraumatischen Belastungsstörungen, deren Symptome die Wiedereingliederung in ein Leben abseits der Prostitution enorm erschweren können, da sie existieren, aber für Außenstehende oft nicht sichtbar sind und aufgrund von Ablehnungsängsten auch häufig versteckt werden. Diverse Situationen können nach Prostitutionserfahrungen triggern (nicht nur Tätermerkmale, sondern auch Stress, eine Jahreszeit, Geräusche,…) und Ängste auslösen, was mit heftigen körperlichen Reaktionen einhergehen und daher den Einstieg in ein anderes Leben sowie die Aufnahme neuer sozialer Kontakte stark behindern kann. Extreme Gefühle, die während der Prostitution dissoziiert waren, können im Alltag der Ausgestiegenen durch Kleinigkeiten hervorgerufen werden und den Kontakt zu neuen Bekanntschaften verunsichern, was sich zu einem Teufelskreis formen kann, da es das Gefühl allein zu sein verstärkt und man sich weiterhin fremd und oft nur von bekannten Personen aus dem Rotlichtmilieu verstanden fühlt. Das erhöht die Gefahr, dass Aussteigerinnen erneut in die Prostitution abrutschen. Häufige Symptome sind beispielsweise auch Panikattacken und dissoziative Phänomene. In manchen Fällen führen diese Symptome dazu, dass die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit so stark eingeschränkt ist, dass das Dasein zur einzigen Qual wird. Neben den Traumata sind auch körperliche Erkrankungen sehr häufig.

Ein weiteres Problem beim Ausstieg ist, dass ein Leben in der Prostitution isoliert. Diese Isolation stellt auch eine gezielte Täterstrategie dar, um Betroffene intensiver an sich zu binden. Einsame Menschen sind leichter in der Spur zu halten als solche, die Kontakte zu anderen pflegen. Viele sich prostituierende Menschen sind bei ihrem Ausstieg komplett allein, müssen von null anfangen, da nur die Kontakte ins Rotlichtmilieu bestehen. Viele sind bereits in jungen Jahren in die Prostitution eingestiegen und konnten somit keine Schul- und/oder Berufsausbildung abschließen. Sie kommen aus der Prostitution und sehen keine Perspektive für sich. Um diese verloren gegangene Zeit und das, was einem in der Prostitution gestohlen wurde, nachzuholen, persönlich wie beruflich, benötigt es teilweise Jahre und verlangt von den Betroffenen neben der Aufarbeitung ihrer schmerzhaften Vergangenheit ein großes Ausmaß an Geduld und einen festen Glauben an sich selbst, der nach einer Prostitutionserfahrung leider oft tief erschüttert ist.

In der Prostitution regiert die Gewalt – dennoch haben viele das Gefühl, als hätten sie dort wenigstens einen Platz. Das Leben außerhalb erscheint fremd, als ob sie in dieser neuen Welt niemals akzeptiert und niemals willkommen sein werden. Eine uns bekannte ehemalige Prostituierte suchte nach ihrem Ausstieg aus der Prostitution einen Job und versuchte es mit Ehrlichkeit. Sie erzählte ihrem potentiellen Arbeitgeber, dass sie Prostituierte war und einen Ausweg suche. Sie bekam folgende Antwort: „Meine Frau hat ein Problem damit, wenn Sie hier arbeiten und Prostituierte waren, aber wenn Sie wollen, dann können wir beide uns heute Abend privat im Hotel treffen. Ich zahle auch gut.“ Für die Aussteigerin war diese Begegnung tief demütigend. Sie wollte sich aus dem Prostitutionssystem, in dem sie objektiviert und zu einer Ware degradiert wurde, herauskämpfen. Anstatt einer Unterstützung bekam sie erneut den Stempelaufdruck: „Du bist nichts anderes wert als sexuell benutzt zu werden.“ Genauso fühlen sich Menschen in der Prostitution. Wenn sie dann während der Ausstiegsphase solch eine Erfahrung machen, ist es wahrscheinlich, dass sie die Hoffnung verlieren und wieder ins System zurückfallen. Wenn sonst niemand sie will, wenn sie sonst nichts wert sind, wenn sie sonst nichts können, so die Gedankengänge, so gehen sie wieder an ihren alten Platz zurück. Für die Betroffenen ist es sehr schwer, diesem Kreislauf zu entkommen.

Eine Sache ist sicher: Der Ausstieg aus der Prostitution ist extrem schwierig, ein steiniger Weg, oft geprägt von hoffnungslosen Situationen und scheinbaren Ausweglosigkeiten. Ein Wiedereinstieg in die Prostitution ist aber keine hilfreiche Stufe auf dem Weg aus der Misere, sondern eine weitere Hürde. Die Rückkehr in die Prostitution ist nicht ein Teil des Weges, der nach draußen und damit langsam zur Freiheit führt, wie manche annehmen und vielleicht deshalb wieder einzusteigen überlegen, sondern bringt einen Menschen auf einen ganz anderen Weg zurück – auf einen Weg der kompletten Zerstörung von Körper, Geist und Seele, den er einst genau aus diesem Grund verlassen hat.

Der Wiedereinstieg gleicht einer Form der Verharmlosung der schwerwiegenden Traumatisierung gegenüber sich selbst, die nicht nur durch sichtbare körperliche Symptome einhergeht, sondern die Fortsetzung der Zerstörung des Selbstwertgefühls, des Selbstvertrauens und der Selbstliebe bedeutet. Viele wichtige Fähigkeiten wie diese wurden vielleicht erst gar nicht entwickelt, wenn der Einstieg in die Prostitution sehr früh stattfand, oder gehen in der Prostitution verloren. Wurde nach einem Ausstieg angefangen, diese Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten, so verblassen sie mit einem Wiedereinstieg erneut. Es ist als würde man auf eine Löschtaste drücken. Die Rückkehr in die Prostitution ist keine vorübergehende Lösung und niemals ein Vorankommen.

Nichtsdestotrotz: Prostitution ist sexuelle Gewalt und hier herrschen Gewaltmechanismen, die Betroffene zurücktreiben und fern jeder Logik liegen können, die Unbeteiligte zu verstehen vermögen. Auch wenn man aufgeklärt ist und Bescheid weiß über das System und seine Mechanismen, über die Gewalt, über die Ursachen und die Folgen, so können gerade in der Festigungsphase des Ausstiegs nicht nur die nicht ausreichend vorhandenen Hilfen, sondern innere verletzte Anteile aktiv werden und dafür sorgen, Betroffene in die Prostitution zurückzudrängen und ihren Ausstieg zu sabotieren. Einen Vorwurf auf persönlicher Ebene kann und darf man Menschen, die wieder einsteigen, deshalb auf gar keinen Fall machen.

Eine Rückkehr in die Prostitution sollte jedoch öffentlich niemals als eine Lösung dargestellt werden. Hier setzt der Abolitionismus an, der Menschen aus dem System herausholen möchte, selbst dann, wenn die Prostitution in Deutschland noch als normale Dienstleistung bezeichnet wird und sich das „nordische Modell“ noch nicht durchsetzen konnte. Denn er weiß: Eine Rückkehr in die Prostitution ist kein Weg hinaus, sondern eine fortdauernde permanente Grenzverletzung, die immer etwas mit einem Menschen macht, die einen Menschen immer weiter zerstört anstatt ihn vorwärts zu bringen. Sie lässt die Wunden nicht verheilen, sondern reißt sie immer wieder auf.

Was wichtig ist, ist ein vermehrter und einfacherer Zugang zur Traumatherapie, um die schweren Hürden nach der Prostitution besser bewältigen zu können und den Ausstieg zu festigen. Sie kann helfen, Grenzen oft erst kennenzulernen, sie dann setzen und sich von gewalttätigen Beziehungen und/oder Lebensweisen lösen zu können. Nur wer versteht, was passiert, kann, wenn er das möchte, nach Lösungen suchen und einen Ausweg finden. Die Überwindung der Traumafolgen ist von enormer Bedeutung, aber nicht möglich, wenn man jene Tätigkeit weiterhin ausübt, die das Trauma verursacht hat oder mit der man andere Traumata reinszeniert.

Manchmal erscheint dieser Weg des Ausstiegs zu lang, so dass man aufgeben will, weil man denkt, dass man nicht genügend Kraft hat und das Ende des Tunnels niemals erreichen wird, aber man sollte für sich selbst weitergehen bis man sein Ziel erreicht hat.

Auch für mich (Sandra) war der Weg aus der Prostitution ein langer und schwieriger. Allein der physische Ausstieg und das Nachholen einer Schulausbildung bis an die Universität hin zu einem Studium schienen kaum machbar. 2012 fing ich im Bordell an mein Abitur nachzuholen. Ich wurde belächelt: „Die wird es niemals schaffen“. Diesen Satz trug ich lange mit mir herum, ich hatte ihn verinnerlicht, doch irgendwann fing ich an, mich dagegen zu wehren. Ich wollte es schaffen. Ich wollte da raus. Ich wollte ein Leben. 2014 konnte ich aus der Prostitution aussteigen und habe das Abitur beendet. Heute, im Jahr 2018, neigt sich mein Studium langsam dem Ende zu. Seit 6 Jahren bin ich nun am Lernen, um Bildung nachzuholen, die mir durch die Prostitution gestohlen wurde. Ich wusste: Bildung ist der Schlüssel aus dem Elend. Die Prostitution verlassen zu wollen und sie letztlich zu verlassen bedeutet, die große Herausforderung anzunehmen, sich ins Leben zurück zu kämpfen, was einen zeitweise verzweifeln lassen kann.

Das Trauma kann sich auch im Körper verankern und auf unterschiedliche Weise äußern. Nach meinem Ausstieg traten Traumafolgestörungen nicht nur in Form von Panikattacken auf, die mir den neuen Alltag mit Atemnot und einem stetigen Gefühl von Bewusstseinsverlust unerträglich machten. Sie äußerten sich auch an meinem Bewegungsapparat, der so schwach wurde, dass ich kaum mehr gehen konnte. Gewalt ertragen zu müssen, schwächt Körper und Seele. Gewalt ertragen zu müssen, die nicht als Gewalt anerkannt wird (so wie in Deutschland nicht anerkannt wird, dass Sexkauf Gewalt ist), schwächt Körper und Seele noch mehr, denn zum einen redet man sich zunächst ein, dass alles nicht so schlimm sein kann und erwartet von sich selbst, aushalten zu müssen, was nicht auszuhalten ist.

Später habe ich mir die Frage gestellt, wie ich es dennoch 6 Jahre aushalten konnte. Nicht nur die Betäubung mit Alkohol half dabei, sondern vor allem, was mir erst später klar wurde, die Dissoziation. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Körpers, der Empfindungen vom Bewusstsein trennt, um nicht aushaltbare Gewalt ertragen zu können. Es hat Jahre gebraucht bis ich überhaupt verstanden habe, was Dissoziation ist, wie sie funktioniert und in welcher Art und Weise sie mir geholfen hatte. Sie kann sich in vielen verschiedenen Formen äußern: Bei mir war es dieses Gefühl, nicht richtig da zu sein und alle Sinne gedämpft wahrzunehmen, wie in Watte. Ich habe mich und das Leben wie hinter einer schalldichten Glaswand erlebt, wie durch einen Tunnel bin ich durchs Leben gelaufen. So spürt man natürlich weniger seelischen und körperlichen Schmerz – das ist das Ziel der Dissoziation. Ich war permanent in einer Art Trance-Zustand und es hat lange gedauert, diesen bereits zum Automatismus erstarkten Schutzmechanismus nach der Prostitution aufzulösen und mich und das Leben um mich herum wieder richtig spüren zu können. Lange wusste ich nicht, was mit mir los war und das daraus entstehende Vermeidungsverhalten und der Rückzug trieben mich noch mehr in die Isolation.

Heute bin ich ein anderer Mensch. Damals geschwächt von den Traumafolgen kann ich jetzt Berge besteigen und habe ein unerschütterliches Selbstvertrauen entwickelt, so dass ich zu 100 % weiß, dass ich alles schaffen kann, was ich mir vornehme und wofür ich hart kämpfe. Ich genieße jedes kleine Detail. Seit ich aus der Prostitution ausgestiegen bin, entdecke ich die Welt neu. Ich bin stark geworden und nichts kann mich mehr erschüttern. Eines ist klar: Die Prostitution werde ich niemals vergessen, aber ich bin physisch und psychisch ausgestiegen. Für immer!

Das ProstG von 2002 gilt seit Jahren als gescheitert. Öfter wurde angebracht, dass prostituierte Menschen sich selbst organisieren und für ihre Rechte eintreten sollten, aber das ist schwierig bis unmöglich, weil sie in der Prostitution zugrunde gehen und zwar nicht nach Jahren, sondern sofort. Bei mir war die Überwindungsgrenze mich mit dem ersten Freier einzulassen sehr hoch. Gefühle wie Ekel, Abscheu, Scham, Trauer und Angst machten es mir nahezu unmöglich, diesen Akt durchzuführen. Ich war kurz davor zu schreien, zu weinen. Als der Akt vorbei war, war etwas in mir kaputt gegangen. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht mehr. Ich wollte weinen, aber ich konnte es nicht mehr. Was ich fühlte, war betäubt und abgetötet. Die Fähigkeit sich zu wehren und Widerstand zu leisten geht bei jedem Freier mehr verloren, weil durch diesen Akt der ungewollten Penetration nicht nur die Dissoziation den Körper beherrscht, sondern auch die Persönlichkeit immer weiter gebrochen wird. Dieser Akt der Penetration bedeutet eine permanente Demütigung und Degradierung zu einem Objekt sexueller Benutzung. Die Menschenwürde wird entzogen. Man hört auf, sich als fühlender Mensch wahrzunehmen. Das ist einer der Gründe, warum viele Menschenhandelsopfer auch später, wenn der Täter auf Abstand gerückt ist, in der Prostitution bleiben. Ihre Persönlichkeit, ihr Wille, ihre Identität, wurde gebrochen. Es ist absurd anzunehmen, dass genau jene Menschen dann Widerstand leisten und für ihre Rechte kämpfen sollen. Der Staat ist es, der hier die Aufgabe hat, diese Menschen zu schützen! Deswegen ist es auch skandalös von den Grünen, die das ProstG 2002 auf den Weg gebracht haben, dass sie auf ihrem kürzlich veranstalteten feministischen Zukunftskongress am 7. und 8. September keine kritischen Stimmen zur Prostitution gehört haben, sondern weiterhin ungeniert an ihrer liberalen Prostitutionsgesetzgebung festhalten.

Die Prostitution hinter sich zu lassen ist ein Kampf für einen selbst gegen alle Hindernisse und (Selbst-) Zweifel, gegen einen Staat, der diese Gewalt normalisiert, indem er sie legitimiert anstatt ihr einen Riegel vor zu setzen. Unsere Gesellschaft sollte endlich begreifen, dass Prostitution Gewalt ist und der Ausstieg aufgrund der ganzen Umstände auch in Deutschland sehr schwierig ist. Sie sollte Arme und Tore öffnen anstatt sie zu schließen. Der Ausbau von Ausstiegshilfen ist enorm wichtig, denn wir haben in Deutschland viel zu wenig davon.

Für Aussteigerinnen ist es wichtig, trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten an das Gute zu glauben, an respektvolle Beziehungen, an die Liebe, an echte Freundschaften. Geduld ist der Schlüssel. Hoffnung und Vertrauen (in sich selbst), dass der Ausstieg klappen wird, dass es besser werden und man den Weg hinaus dauerhaft finden wird.

Ein wichtiger Punkt ist dieser innere Prozess des psychischen Ausstiegs. Ein innerer Prozess der tiefen Überzeugung, dass Prostitution aufgrund der Gewalt, die dort passiert, nie wieder eine Option sein kann. Ein innerer Prozess, dass man sich nie wieder demütigen lassen wird, weil man etwas wert ist und eine Würde hat, die unverletzbar ist. Ein innerer Prozess, dass man seine Selbstliebe nie wieder so aufgibt, dass Freier die Macht bekommen, einen derart verletzen und traumatisieren zu können. Deutschland muss endlich aufwachen und diejenigen bestrafen, die Gewalt antun – die Freier. Aber wir hoffen und wollen mit diesem Text bezwecken, dass bis der deutsche Staat seine Schutzpflichtaufgabe verstanden hat, Aussteigerinnen sich dennoch nicht aufgeben, indem sie wieder in die Prostitution zurückkehren. Deswegen ist unsere Botschaft an alle Frauen, die Wiedereinstiegsgedanken haben:

NIE WIEDER PROSTITUTION!“

 

Ersterscheinung: https://www.trauma-and-prostitution.eu/2018/12/28/nie-wieder-prostitution/