Menschenhandel und seine Spätfolgen – und wie jeder von euch helfen kann

Bild: In der Laserklinik nach der 1. Sitzung

Ich war das ganze Wochenende über sehr traurig. Der Grund, warum ich das mit euch teile, ist themenbezogen. Es geht darum, dass der Menschenhandel für die Betroffenen nicht aufhört, nur weil die Tat beendet ist. Das kann sich verschieden äußern. Körperliche Folgen, Traumafolgen, die Liste ist lang.

Heute wurde begonnen das Tattoo, das mein Zuhälter mir damals stechen ließ, um mich als sein Eigentum zu markieren, wegzulasern. Falls ihr neu hier seid und nicht wisst, um was es geht, hier findet ihr es: Tattoos als Eigentumsstempel. Es werden bei mir wohl mindestens 10 Sitzungen werden.

Gestern überlegte ich noch, ob ich alle Lasertermine absagen soll. Heute früh auch noch, denn am Wochenende brachte ich in Erfahrung, dass beim Weglasern von größeren Tattoos krebserregende Stoffe und andere toxische Spaltprodukte im Körper freigesetzt werden können, da die Farbteile des Tattoos mit dem Laser in unzählige kleine Teile zersprengt werden, von denen wohl viele im Körper verbleiben und sich im Lymphsystem und möglicherweise auch woanders im Körper ansiedeln. Alles noch zu wenig erforscht, um sicher sagen zu können, was das wirklich im Körper macht. Warnungen gibt es aber zahlreich.

Das Weglasern ist schmerzhafter als das Tätowieren selbst, es fühlt sich an, als würde man eine Nadel nehmen und diese im Millisekundentakt über deinen Rücken jagen. Zum Glück dauert eine Sitzung nicht so lange. Normalerweise schmiert man sich vorher eine Betäubungssalbe drüber, ich habe das nicht, weil ich es erstmal so ausprobieren wollte. Die Prozedur ist mit 10 Sitzungen oder noch mehr langwierig. Nach jedem Lasertermin braucht es 4 – 8 Wochen, damit die Haut zur Ruhe kommt, bevor man weiter lasern kann, daher wird die Zeit, bis das Tattoo weg ist, auf 1-3 Jahre angesetzt. Dazu bestehen Risiken. Und dann ist es noch nicht mal ganz sicher, dass das Tattoo auch wirklich ganz weggehen wird. Der Arzt meinte, dass es oft so ist, dass man nach der 3 oder 4 Sitzung die ersten richtig sichtbaren Ergebnisse sieht.

Die letzten 3 Tage habe ich mich damit beschäftigt, ob ich das alles wirklich möchte oder nicht doch lieber absagen soll. Der Grund, warum ich so arg zweifelte da heute hinzugehen und warum ich so traurig war ist, weil ich nicht mehr möchte, dass mein Körper aufgrund meiner Vergangenheit noch einmal leidet. Er hat so viel Schaden erlitten damals, es ist genug. Mein Körper hat mich durch all den Horror mit den Freiern getragen, unzählige und höllische Schmerzen durch die ganzen Penetrationen ausgehalten, hat mich durch den hohen Alkoholkonsum, in den schlimmsten Zeiten durch 2-3 Schachteln Zigaretten am Tag, durch meine Selbstverletzungen, durch katastrophale Ernährung und Magersucht getragen und sich bis heute wacker geschlagen. Viele Frauen, die in der Prostitution waren, hassen ihren Körper danach. Ich tue das nicht. Ich liebe meinen Körper, denn ich bin meinem Körper so extrem dankbar. Dankbar dafür, dass er noch atmet, läuft, fühlt. Dankbar, dass er nicht schlapp gemacht hat, obwohl er jahrelang mit Füßen getreten und missbraucht wurde. Wer hält sowas aus, ohne kaputt zu gehen? Mein Körper hat es ausgehalten, er ist mir heilig. Und jetzt, nachdem er das alles ausgehalten und mich da durchgetragen hat, soll ich ihm nun 1 bis 3 Jahre in monatlichen Abständen die nächsten Schmerzen und ungewissen Nebenwirkungen zufügen – wieder wegen dieser Vergangenheit? Jetzt, wo er endlich zur Ruhe gekommen ist?

Ich war traurig, weil ich diese Tattoo-Entfernung für mich persönlich durchführen muss, was bedeutet, meinen Körper erneut zu verletzen. Ich möchte mit diesem Tattoo nicht auf Dauer leben, ich möchte diese Markierung nicht mehr sehen. Ich bin niemandes Eigentum. Auch wenn ich dem Tattoo eine andere Bedeutung geben kann und das die letzten Jahre auch getan habe, so hat es trotzdem die ursprüngliche Bedeutung, die es hat. Im Sommer war ich beispielsweise Freitauchen und habe auf 5 Meter Tiefe am Boden ein paar Übungen gemacht (wie Flossen aus- und wieder anziehen), die meine Freundin mit der GoPro Kamera aufgenommen hat. Als ich die Videos sah, sah ich wieder dieses Tattoo, wieder die Vergangenheit in meiner Gegenwart, wieder die Erinnerung, dass dieser Mann mich als seinen Besitz markierte und mir sagte, das Tattoo wird dies immer zeigen, egal wo, egal wann, egal was passiere. Auf ewig seins. Das Symbol auf meinem Rücken ist ein Zeichen von Herrschaft über einen Menschen, von Machtausübung, von Fremdbestimmtheit, von Unfreiheit – um mich innerhalb des Gewaltsystems Prostitution sexuell auszubeuten. Ich möchte es nicht mehr sehen. Die Vergangenheit kann ich nicht weglasern, aber das sichtbare Zeichen meiner Unfreiheit schon.

Es tut mir leid, meinen Körper mit dem Lasereinsatz nun wieder verletzen zu müssen. Wieder wegen diesem Zuhälter. 10 Jahre später. Aber das Tattoo muss weg. Ich vertraue meinem Körper – er wird das schaffen. Und meine Seele, die sich so derart über diese Tattoo-Entfernung freut und hochglücklich darüber ist, wird ihm die nötige Kraft und Energie geben. Jede einzelne Betroffene, die solch eine Markierung von ihrem Zuhälter hat, muss für sich selbst entscheiden, wie sie damit umgeht. Dass ich es weglasern lasse, heißt auch nicht, dass ich das jedem rate, es auch zu tun. Es kommt auf eine individuelle Abwägungsentscheidung an. Wenn man sich dafür entscheidet, dann sollte man sich spezialisierte Ärzte und Ärztinnen suchen. Ich lasse die Tattoo-Entfernung in einer Laserspezialklinik von einem Arzt vornehmen. Ihr könnt euch gerne bei mir melden, wenn ihr nähere Infos haben möchtet und auch überlegt, das Tattoo eures Zuhälters weglasern zu lassen.

Das Leben, das ich heute führe, fühlt sich oft an, als stünde ich auf einem Schlachtfeld. Schlachtfeld auf der Haut, Schlachtfeld im realen Leben. Es ist ein Kampf gegen ein Milliardengeschäft, gegen dessen Manipulationen und Verharmlosungen, das allermeist Mädchen und Frauen ausbeutet. Ich bin eine Zielscheibe vieler Profiteure, denn durch mein jahrelanges Leben in der Prostitution und im Milieu weiß ich, was sie tun und was wirklich abläuft – und das wissen sie und stören sich an dem, was ich sage und „aufdecke“ sowie an meiner Reichweite, die ich mittlerweile habe. Dass ich eine Zielscheibe bin, äußert sich verschieden, Beispiele sind zahlreich vorhanden und hören nicht auf, sich anzusammeln. Manchmal habe ich Angst um meine Sicherheit. Viele Menschen verstehen nicht, dass die Prostitution in weiten Teilen von einem kriminellen Milieu geprägt ist und meine Aufklärungsarbeit über und gegen dieses Milieu nicht unbedenklich im Sinne von Gefahren für mich ist.

2016 habe ich angefangen, diesen Blog zu schreiben. Nun haben wir 2022. 6 Jahre, die oft schwierig waren. Die Gesellschaft ist in großen Teilen blind in Bezug auf das Thema Prostitution und glaubt nicht selten lieber Mythen. Das Sehen und Verstehen und Umdenken in der Gesellschaft ist in den letzten Jahren allerdings schon viel besser geworden, nach und nach, aber es ist ein schwieriger Prozess. Wer möchte auch sehen, dass beispielsweise in der schönen Nürnberger Altstadt in einer öffentlichen Straße (Frauentormauer) Frauen täglich gedemütigt, erniedrigt, ausgebeutet und ihrer Menschenwürde beraubt werden? Es passt nicht zum Stadtbild, nicht zum gefeierten „Kulturviertel“ in Nürnberg, wenn jemand ausspricht, was da wirklich stattfindet und womit der Staat am Ende auch noch Geld verdient.

Ich fühle mich oft machtlos und allein, gegen solche Verharmlosungen anzugehen, aber ich bin weder machtlos noch alleine. Der Wind dreht sich. 2022 wird ein anstrengendes Jahr, aber auch ein Kämpferisches. Ein paar Sachen und Projekte bzgl. dieses Themas hier werden richtig toll – stay tuned :=)

Ich wünsche mir für dieses Jahr, dass sich noch mehr Menschen mit vielen anderen und mir auf dieses Schlachtfeld stellen und kämpfen. Für das Richtige. Es ist nie zu spät, das Richtige zu tun, auch wenn es manchmal schwer und unbequem ist. Auszusprechen, was Prostitution in der Masse wirklich ist, wie gefährlich und gewaltbelastet dieses Milieu wirklich ist, ist nicht immer leicht und nicht selten mit Unannehmlichkeiten verbunden, mit Anfeindungen durch die Sexindustrie, die den Verlust ihres Profits fürchtet, und durch die Leute, die auf deren Lügen und Manipulationen hereinfallen.

Ich wünsche mir für dieses Jahr noch mehr Menschen, die dort Widerstand leisten, wo wir ihn benötigen. Die dort helfen zu verändern, wo sie es können. Sei das im privaten oder im beruflichen Alltag oder im ehrenamtlichen Engagement. Jede und jeder von uns kann etwas tun und aufklären. Ich wünsche mir Menschen, die aussprechen, dass Prostitution gefährlich, kriminalitäts- und gewaltbelastet ist, dass sie nur in einer sehr geringen Minderheit selbstbestimmt stattfindet, wobei die Zwänge vielfältig und auch subtil sein können.

Ich wünsche mir Menschen, die stark genug sind, diese Wahrheiten auszusprechen und auch zu verteidigen, anstatt zu sagen: hier ist alles ok.

Danke an dieser Stelle auch an Sabine Constabel und Sisters e.V., die mir die Last, wieder wegen meines Zuhälters leiden zu müssen und das 10 Jahre nach der Ausbeutung, wenigstens in finanzieller Hinsicht abnehmen und die Kosten der Tattoo-Entfernung übernehmen. Wenn ihr etwas Gutes tun möchtet, spendet gerne an Sisters e.V., bei denen ich auch Mitglied bin. Sie unterstützen viele betroffene Frauen und helfen mir auch, betroffene Frauen zu unterstützen, wenn diese sich an mich wenden. Es gibt wenige selbstlose Menschen, die einfach nur helfen, weil es ihnen vom Herzen her wichtig ist. Sabine ist so ein Mensch. Danke Sabine, dass du kontinuierlich und schon so lange für uns alle da bist und gemeinsam mit uns auf diesem Schlachtfeld stehst.

Es ist schön, um Menschen zu wissen, die mit und neben einem für diese gute Sache kämpfen.

Wichtige Information – Bitte lesen

Wichtige Info und ein paar Worte, die mir auf dem Herzen liegen:

Ich bitte davon abzusehen, mir (journalistische) Anfragen zu senden, die nur darauf aus sind, wieder hauptsächlich nur meine Geschichte im Fernsehen oder in der Zeitung oder sonst wo zu zeigen („Only-Story-Telling“).

1. Meine Geschichte (bzw. Ausschnitte davon) lief schon mehrere Male im TV sowie in diversen Zeitungen. Ich bin keine Schallplatte. Ich bin auch nicht an der Öffentlichkeit, um nur meine Geschichte jeden Monat hoch- und runter zu erzählen. Meine Geschichte gehört zu mir und ist mein Antrieb, aber sie ist nicht mehr meine ausschließliche Gegenwart. Meine Gegenwart ist meine Arbeit gegen ein menschenverachtendes und ausbeuterisches System und diese Arbeit beinhaltet weitaus mehr als ständig nur auf die „Repeat-Taste“ zu drücken.

2. Ein generelles Problem, das Betroffene auf nationaler und internationaler Ebene haben: sie werden oftmals allein auf ihre Geschichte reduziert. Als wären sie ihre Geschichte. Vor allem dann, wenn sie keine (akademische) Ausbildung haben. Sie sollten und dürfen aber nicht nur auf ihre Geschichte reduziert werden. Sie SIND NICHT ihre Geschichte, sondern sie HABEN eine Geschichte, wobei diese der Grund ist, weshalb sie aufklären möchten. Diesen großen Unterschied verstehen manche nicht oder wollen ihn nicht verstehen – aus Sensationslust vielleicht – und definieren Betroffene häufig allein anhand ihrer Geschichte. „Gib mir den Horror-Part deiner Geschichte, alles andere was du zu sagen hast ist schlechter für die Zuschauerquoten und Geldeinnahmen, brauchen wir also nicht.“ So ähnlich ist es leider oft. Ich arbeite nun schon Jahre in diesem Bereich, mit vielen Medien und Menschen, mit vielen Betroffenen, und die Wahrheit ist, sie werden nicht selten einer absolut unguten und auch gefährlichen Sensationslust ausgesetzt, was zu einer Retraumatisierung führen kann (ich kenne solche Geschichten mittlerweile).

Im Englischen gibt es ein bedeutendes Wort im Rahmen von Menschenhandel und Ausbeutung: „Re-Exploitation“ (die „Wieder-Ausbeutung“ nach der Ausbeutung). Im Hinblick auf das Engagement von Betroffenen, die über die Missstände nach ihrer Ausbeutungszeit aufklären möchten, bedeutet „Re-Exploitation“ das Phänomen und Problem, dass es (nicht wenige) Menschen gibt, die mittels der Geschichten und Aussagen und der Arbeit von Betroffenen, die den Mut fassen aufzuklären, versuchen sich selbst eine Karriere aufzubauen und/oder Geld zu machen und die Betroffenen, die nicht selten noch instabil und vulnerabel sind, dafür ausnutzen. Eine richtig miese Nummer. Leider fahren manchmal auch solche Menschen, die nach außen hin für die Rechte von Betroffenen kämpfen, diese Schiene. Das ist dann besonders traurig. Da ich mittlerweile auch viel international vernetzt bin, kann ich sagen: ein weltweit verbreitetes großes Problem.

Hier möchte ich auch gleich noch eine Sache ansprechen, die gerade dazu passt: meine Gedanken, Analysen und Lösungsansätze, über die ich spreche, aber auch hier kostenlos für jedermann zum Lesen niederschreibe, beruhen auf über 6 Jahren eines Kreislaufs aus Missbrauch und Gewalt, in dem ich war, und jahrelanger, oft nervenaufreibender, Aufarbeitung danach. Wer meine Inhalte einfach nimmt und als seine Inhalte deklariert, verletzt nicht nur das Urheberrecht, was im Übrigen eine Straftat ist, sondern es ist einfach nur respektlos. Dieses Problem kenne ich von mehreren Betroffenen, daher: es ist normalerweise das Selbstverständlichste der Welt fremden Content als solchen zu kennzeichnen. Macht das doch bitte anstatt zu plagiieren. Betroffene von Ausbeutung haben genug Ausbeutung erlebt, man muss ihnen nicht auch noch ihr geistiges Eigentum stehlen, das sie aus der Erfahrung ihres Missbrauchs geschaffen haben. Jeder, der das tut, missbraucht sie in einer ganz üblen, anderen, Form ein weiteres Mal. Jeder, der das tut, sollte auch nicht über Ausbeutung aufklären, denn er beutet die bereits Ausgebeuteten selbst in einer bestimmten Form aus. Das muss ich leider so deutlich sagen, denn ich habe die Nase voll von Menschen, die auf dem Rücken von Betroffenen und deren Leid eine Karriere und/oder „Fame“ anstreben. Es ist so dermaßen geschmacklos und unterirdisch.

Nun weiter: Betroffene haben vor allem eines aufgrund ihrer eigenen Erfahrung: Wissen. Wissen, wo die Probleme liegen, was verbessert werden muss, wo man anpacken kann, wie man anderen am besten helfen kann, usw.

Als Betroffene von Menschenhandel und (Zwangs-)Prostitution habe ich vor meinem Jurastudium auch über 6 Jahre das Leben im Rotlicht und dessen Akteure „studiert“. Ich habe viel zu erzählen jenseits des „Only-Story-Telling“ und tue das auch. Ich möchte helfen, anderen zu ersparen, was mir selbst passiert ist. Das kann ich am effektivsten dadurch, dass ich mein Wissen weitergebe, das ich im Laufe meiner Zeit im Rotlicht und nachfolgender jahrelanger Reflexion und Aufarbeitung erlangt habe, und nun als Juristin (Univ.) noch auf ganz anderer Ebene einordnen kann. Nur ein Bruchteil von dem, was ich mache, bekommt die Öffentlichkeit auch mit. Ich beschäftige mich mit diversen Problemen, Analysen und Lösungsansätzen und gebe diese weiter.

Mit welchen Anfragen könnt ihr euch also an mich wenden? Ich habe zwar gerade sehr wenig Zeit, da ich an ein paar wichtigen Baustellen arbeite, und entschuldige mich für jede (bisher) unbeantwortete E-Mail, aber grundsätzlich könnt ihr euch melden, wenn es um folgende Dinge geht, für die ich aufgeschlossen und in denen ich erfahren bin und die ich auch die letzten Jahre oft gemacht habe, weil genau das etwas bringt und dabei hilft langfristig zu einer Veränderung beizutragen:

1. Bildungsangebote, Schulungen und Fachvorträge zum Thema Menschenhandel und (Zwangs-)Prostitution für Fachkräfte und Ehrenamtliche aus allen Bereichen (ich habe beispielsweise Mitte November einen halben Tag lang Fachkräfte aus den Bereichen Jugendarbeit, Sozialarbeit und Polizei zum Thema „Loverboys“ geschult: Prävention, Identifikation von Opfern und Strafverfolgung, psycho(trauma)logische Mechanismen, Täterbindungen, usw.)

2. Bildungsangebote speziell auch für Kinder, Jugendliche und Heranwachsende – Prävention, Sensibilisierung je nach Altersklasse und psychischer Konstitution, Aufklärung in Schulen, Kinder- Jugend- und Sozialeinrichtungen für Kinder und Jugendliche (hier ein Text von mir darüber, den ich nach einer meiner Aufklärungsveranstaltungen in diesem Bereich geschrieben habe: https://sandranorak.com/2021/03/25/aufklarungsarbeit-in-schulen/)

3. Rechtliche Fragen zu den Themen Prostitution, Zwangsprostitution und Menschenhandel („Loverboys“)

4. Fragen zum Nordischen Modell

5. Beratung im Hinblick auf das gesamte Themengebiet

Die äußerliche „Unsichtbarkeit“ der Kriminalität im Rotlichtmilieu – am Beispiel der Frauentormauer in Nürnberg

Bild von mir: Eingang zur Frauentormauer, Nürnberg, 09.12.2021

Heute ist Tag der Menschenrechte und Gedenktag zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Ich bin momentan sehr still hier auf Social Media. Nicht weil ich inaktiv bin, sondern weil ich soviel Arbeit habe, dass mir keine Zeit für Social Media bleibt. Auch für die Menschenrechte vieler in Afghanistan nach dem Einmarsch der Taliban habe ich die letzten 3 Monate viel gearbeitet, Details möchte ich zum Schutz der Arbeit und der Betroffenen aber nicht schreiben.

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren„, lautet der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. In der Prostitution kann man davon nichts sehen.

Gestern war ich in Nürnberg für ein Projekt zum Thema. Unter anderem war ich an der Frauentormauer, einem sehr alten Rotlichtviertel. Wenn man als Außenstehender Menschen aus dem Milieu fragt, ob es in deren Milieu-Gegend Menschenhandel, Zuhälterei, Ausbeutung und Gewalt gibt, so antworten nahezu alle mit „nein“.

Das Milieu versteht es, nach außen hin ein sauberes, gewalt- und zwangsloses Bild zu zeichnen. Ein Bild, das keinerlei Menschenrechtsverletzungen erkennen lässt.

Glamour, blinkende Lichter, ansprechende Werbung, freundliche Gesichter, die ewige Propaganda der willigen Prostituierten, Freiwilligkeit überall, „bei uns gibt es keinen Menschenhandel und keine Zuhälterei“. Alles erfunden. Alles Märchen. Alles Mittelalter. Hier doch nicht. Alles von den bösen Medien erfunden.

Die Leute aus dem Milieu können sehr überzeugend sein, wenn es darum geht, dieses scheinbar saubere Image zu verbreiten. Man nehme als Beispiel nur den Bordellbetreiber Jürgen Rudloff, der jahrelang in Talkshows saß und das Bild der sauberen und ausschließlich freiwilligen Prostitution in seinem Bordell propagierte. Ist doch nur ein netter älterer Mann, der Prostituierten mit seinem Wellness-Tempel ein besseres Leben ermöglicht? Herr Rudloff konnte sehr gut reden und die Dinge schön aussehen lassen – und das können die meisten Leute im Milieu. Denn: es ist ihr Kapital. Menschenhandel und Zuhälterei? Gibt es hier nicht. Dann wurde Jürgen Rudloff Jahre später nach aufwendigen Ermittlungen und einem langen Prozess u.a. wegen Beihilfe zum Menschenhandel verurteilt, weil er mit Menschenhändlern kooperierte, damit er sein Bordell mit Frauen vollbekommt.

Auch die Frauentormauer wird oft nach außen hin als ein toller Platz zum Arbeiten mit selbstbestimmten Prostituierten verkauft.

Menschen wie ich, die das Milieu kennen, die kennen auch die Fassade, die das Milieu und alle seine dazugehörigen Akteure (und es sind viele) wegen der hohen Summen an Profit aufrechtzuerhalten versucht. Für Außenstehende ist es oft schwer zu sehen, was wirklich abläuft.

Anhand von Freierberichten können aber auch Außenstehende sehen, was jenseits der „Happy Sexwork“-Propaganda geschieht. Hier nur mal 3 Zitate aus Freierforen über Freier-Besuche an der Frauentormauer:

Schlimm sind diese ganzen Zuhältertypen, die sich gegenüber von den Schaufenstern postieren und gaffen. Der ein oder andere Typ steht noch an der selben Stelle, nachdem ich ein Mädel gefickt habe und mich wieder vom Acker mache.https://huren-test-forum.lusthaus.cc/showthread.php?t=201689&page=12

Die SDL [Sexdienstleisterin] gestern Abend erwähnte die Problematik, dass bei vielen in der FTM [Frauentormauer] im Hintergrund ein Kerl profitiert. Nur halt nicht so offensichtlich.https://huren-test-forum.lusthaus.cc/showthread.php?t=201689&page=11

Sie zieht ihren Slip aus und ist überall blutverschmiert, sie hat wohl heftig ihre Tage. Außerdem kommen jetzt etliche üble blaue Flecken an Po und vor allem den Schenkelinnenseiten zum Vorschein. Bäh! Da hat sie irgendeiner ziemlich übel misshandelt… Als ich zum Eindringen ihre Beine etwas spreizen und leicht nach hinten drücken will, ich bin sicher nicht grob dabei, protestiert sie und drückt mich weg. Ich sehe trotzdem kurz das Ausmaß der Sauerei, die sie verbergen wollte. Mir vergeht es fast, aber ich bin noch ziemlich geil vom Anwichsen. Bitte um Säuberung, denn so geht das ja wirklich gar nicht. Die Fortsetzung bzw. den Beginn des Aktes will ich dann auch in der Doggy, um es schnell mit wenig Körperkontakt abzuschliessen. Doch sie nimmt dabei eine Körperhaltung ein, in der man(n) praktisch nicht in sie eindringen kann. Meine Versuche ihr klar zu machen, dass das so nicht geht, werden mit: „Gel?“ beantwortet. Meinetwegen… Das wird jetzt auf meinem Gummi aufgetragen, aber nicht an ihrer Muschi. Wieder versuche ich vergeblich vorsichtig in sie einzudringen, doch sie zieht immer weg, bevor ich sie überhaupt berühre... Verlange ziemlich aufgebracht 20 Euro zurück, denn Blasen hat sie noch erfüllt (= 30 Euro), Ficken erfolgreich verhindert. Sie dann ziemlich eingeschüchtert, weil ich wirklich richtig sauer wurde… Dem Bodybuilder Security Typ am Eingangskabuff interessiert das Ganze gar nicht, lässt den völlig kalt. Ich hätte den auch nicht angesprochen (wozu auch?), das hat die blöde Kuh gemacht, die sich die Bezahlungskürzung außerhalb des Zimmers nicht mehr gefallen lassen wollte – finde, ich war dabei echt noch fair für das was sie da abgeliefert hat und ohne dass ich ein Finish hatte. Parteiisch war der Typ auch nicht, was mich eher verwunderte. Glaube, dass sie dann erst recht verärgert war, dass ich mit ihm wirklich null Problem hatte. Er meinte nach meiner Schilderung, was überhaupt los ist, nur: „Blutverschmiert? Ist ja ne Sauerei. Aber die ist vom Fenster, keine Stammbelegschaft, da kann ich nichts machen. Macht das untereinander aus, aber bitte nicht hier im Eingangsbereich…„. https://huren-test-forum.lusthaus.cc/showthread.php?t=172842

Ich könnte fortfahren, aber diese 3 Zitate genügen, um zu verdeutlichen, was ich meine:

Das Milieu schafft einen schönen Schein nach außen hin, um seinen Milliarden-Profit zu wahren (auch die sich prostituierenden Frauen, die in diesem System feststecken, müssen beim Erhalt des schönen Scheins mitmachen – wohl keine Frau würde jemandem erzählen, was da wirklich abläuft, solange sie noch im Milieu ist), aber die Realität ist eine ganz andere. Die Realität ist, dass Ausbeutung, Zuhälterei, Menschenhandel und Gewalt auf der Tagesordnung stehen – und damit schwere Menschenrechtsverletzungen an den Frauen. Es ist eine Parallelwelt, in der alle Beteiligten, die von der Prostitution der Frauen profitieren, Rechte haben, nur die Frauen selbst haben keine Rechte. Daran ändern auch das ProstG sowie das ProstSchG nichts, denn das Milieu hat eigene Gesetze.

Das linke Schild ist das „Eingangsschild“ bei der Frauentormauer. Das rechte Schild ist meine Kreation. Das ist noch viel Arbeit, bis dorthin, aber wir werden es schaffen.

Grooming – Strategien von Menschenhändlern

„Romeo“-Trafficking, „Loverboy“-Methode, Grooming:

„Menschenhändler arbeiten vorsichtig und methodisch daran, das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen, eine Abhängigkeit zu erzeugen und subtil die Idee zu fördern, dass es normal, akzeptabel und notwendig sei, sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen. Letzten Endes hat erfolgreiches „Grooming“ zur Folge, dass vulnerable Menschen in ihre eigene Ausbeutung und in ihren eigenen Missbrauch einwilligen – und zwar in dem Glauben, es sei ihre eigene selbstbestimmte Wahl gewesen.“

Kurz und knapp. Besser kann man es nicht beschreiben. Timea Nagy ist großartig:

https://www.timeanagy.com/

„Aber es gibt ja auch gute Hells Angels…“

Diesen Satz „Aber es gibt ja auch gute Hells Angels…“ oder ähnliche Sätze höre ich manchmal, was mich dazu veranlasst, heute etwas Kurzes dazu zu schreiben.

Ein Hells Angel, der erzählt, er sei nur ein lieber Junge, der ab und zu auch mal gerne Motorrad fährt, der muss sich die Frage gefallen lassen, warum er das gerade in dieser Gruppierung tut, die in vielen Teilen kriminell und verboten sowie für ihre Rotlicht- als auch Drogen – und Waffenkriminalität bekannt ist.

Wenn ich einfach nur den Charme so einer Zusammenkunft von Menschen genießen möchte, warum suche ich mir dann ausgerechnet die Hells Angels aus? Warum die Bandidos? Warum die United Tribuns? Warum Gremium? Es gibt noch mehr „namenhafte“ Gruppierungen, die vor allem immer wieder im Bereich der Rotlicht, – Drogen, – und Waffenkriminalität, im Bereich der organisierten Kriminalität, auffallen. Und nicht selten behaupten einige von ihnen, sie seien „gute Jungs“, oder werden auch von anderen so dargestellt.

Warum gehe ich nicht woanders hin oder gründe gar meine eigene Gruppe, wenn ich mit dieser Kriminalität so überhaupt nichts zu tun haben möchte? Warum steige ich in Gruppierungen ein, in ein Milieu ein, das für seine Kriminalitätsbereiche bekannt ist, wenn ich ganz sicher niemals Teil dieser Kriminalität sein will?

Warum bleibe ich in einer solchen Gruppierung oder habe sonst mit Menschen dieser Gruppierungen zu tun, in der „Kumpels“ als Mitglieder oder andere Mitglieder sind, die nicht selten Frauen- und Drogenhandel betreiben als auch in Waffenkriminalität involviert sind, ja sogar für diese Verbrechen bekannt sind, wenn ich diese Form von Kriminalität strikt und vollends ablehne?

Um es einmal „soft“ zu formulieren:

Einen „guten“ Hells Angel gibt es zumindest unter jenem Gesichtspunkt nicht: wenn ich mich für eine Gruppierung entscheide, die in vielen Städten und großen Teilen von sehr schwerer (!) Kriminalität geprägt ist und von deren Mitgliedern immer wieder und zwar sehr häufig gezielt und organisiert schwerste Menschenrechtsverletzungen verübt werden, dann sagt nur derjenige wirklich nein zu dieser Kriminalität und kann in diesem Sinne als „gut“ bezeichnet werden, der sich von dieser Gruppierung distanziert.

Der jetzt vielleicht folgende Kommentar wie „schwarze Schafe gibt es überall“, der passt hier absolut nicht, denn diese speziellen Formen der Kriminalität (Frauenhandel, Drogenhandel, Waffenkriminalität) kommen bei den besagten Gruppierungen in großen Teilen oft vor und sind in großen Teilen organisiert und der „Kern ihrer Existenz“.

Ich könnte hier noch mehr schreiben, tue es aber nicht. Ich denke, die Intention dieses Beitrags hier ist klar.

Bitte um Spenden

Hallo da draußen im www, wer immer hier auch mitliest. Ich werde dieses Posting löschen, sobald es nicht mehr gebraucht wird, was allerdings (leider) dauern wird. Jetzt möchte ich diesen Aufruf starten.

Wenn ihr einigen afghanischen Frauen aufgrund der aktuellen Lage helfen möchtet (mehrere Beiträge aus Sicherheitsgründen gelöscht), dann spendet bitte hier an diese Anwältin, mit der ich wegen dieser Sache in Kontakt stehe und die mithilft, Betroffenen zu helfen.

Es sind so schlimme Schicksale und ihr könnt jetzt aktiv helfen, Leben zu retten. Es ist ein Kampf gegen die Zeit. Wenn ihr könnt, helft bitte durch Spenden an die Anwältin mit, denn es ist alles sehr aufwendig.

Danke euch!

Hier direkt der Pay Pal Link:

http://www.paypal.com/donate/?hosted_button_id=AZ3N2UGMZ6G6Y

„Kannst du dir noch einmal eine Beziehung mit einem Mann vorstellen?“ Ein Text über mein „Outing“ und warum Prostitution alle Frauen betrifft.

Ich habe gerade sehr viel Arbeit (für das Thema Prostitution) und dann bekam ich wieder folgende Frage:

„Kannst du dir noch einmal eine Beziehung mit einem Mann vorstellen?“

Diese Frage ist ein Dauerbrenner und ich bekomme sie sehr oft, genau genommen seit Jahren. Ich möchte nun kurz in diesem Text einmal darauf antworten, denn es geht hier vor allem auch um zwei grundsätzliche Dinge, die nicht nur mich persönlich, sondern viele andere betreffen.

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Welttag gegen Menschenhandel

Heute ist Welttag gegen Menschenhandel.

Ich möchte heute keinen langen Text darüber schreiben, dass es an ausreichenden Hilfen und Maßnahmen für Betroffene fehlt, denn darüber schreibe und spreche ich ständig.

Heute möchte ich daran erinnern, dass es wichtig ist, nicht nur an diesem einen Tag an Menschenhandel zu erinnern, sondern dass es wichtig ist, jeden Tag daran zu arbeiten, damit es weniger Leid gibt, weniger Betroffene gibt und den Betroffenen besser geholfen werden kann.

Oftmals sieht man in den Betroffenen nur die Betroffenen, nicht den Menschen hinter seiner Geschichte. Es sind meist Menschen, die nicht nur unvorstellbares Leid erlebt haben, sondern auch (Lebens-)Träume hatten, deren Träume durch die Ausbeuter zerstört wurden.

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Die Verantwortung der Medien als „Vierte Gewalt“ im Bereich der Ausbeutung von Menschen in der Prostitution

Foto: Verena Müller

Nach dem Examen wollte ich 2 Wochen bis August eigentlich nichts mehr vom Thema Prostitution hören und von allem komplett Abstand nehmen und abschalten. Leider habe ich jetzt doch keine 2 Wochen Ruhe, sondern sitze an diesem Text hier, denn ich konnte nicht anders als mir die neue ZDFzoom Reportage über Prostitution* anzusehen, in der auch ein kleines Statement von mir gezeigt wurde, möglicherweise um nicht sagen zu können, dass man Kritiker/innen überhaupt nicht zu Wort kommen lässt. Da ich Teil der Reportage bin, sehe ich mich in der Verantwortung, dazu Stellung zu nehmen.

Die Essenz des Films war letztlich folgende Aussage:

durch das Prostitutionsverbot während Corona könne man ja sehen, dass das Nordische Modell keinen Erfolg haben könne.

Bereits zuvor habe ich gemerkt, dass die Autorin des Films in Richtung „Das Prostitutionsverbot während Corona zeige, dass das Nordische Modell den Frauen nur schade“ geht, daher habe ich ihr dazu zwei E-Mails geschrieben, um ihr zu sagen:

Prostitutionsverbot und Nordisches Modell sind zwei komplett verschiedene Gesetzesmodelle und komplett verschiedene Ansätze im Umgang mit Prostitution, die man überhaupt nicht vergleichen kann. Es scheint, als hätte die Autorin des Films die unterschiedlichen Modelle nicht verstanden, denn das Prostitutionsverbot während Corona ist nicht vergleichbar mit einem gut umgesetzten Nordischen Modell, denn bei einem Prostitutionsverbot sind die Frauen kriminalisiert, während sie das beim Nordischen Modell nicht sind und stattdessen Hilfs- und Unterstützungsangebote bekommen.

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