Monat: Oktober 2020

Eigentums-Tattoos von Zuhältern – Betroffene identifizieren

Anlässlich des europäischen Tages gegen Menschenhandel am Sonntag, den 18.10.2020 – ein längerer Text, der mir aber sehr wichtig ist.

Ich möchte mit diesem Beitrag vertiefter über Eigentums-Tätowierungen von Zuhältern aufklären und schreibe ihn, damit Betroffene besser identifiziert werden können. Sie können sich oftmals lange nicht äußern, unterliegen verschiedenen Abhängigkeiten und Zwängen. Es gibt aber äußere Merkmale, an denen man erkennen kann, dass etwas nicht in Ordnung ist, etwas doch nicht so selbstbestimmt ist, wie die Frauen es meist vorgeben. Ein Merkmal davon sind diese Eigentums-Tattoos. Und die sah ich sehr oft auch bei anderen prostituierten Frauen.

(Siehe zu meinem Tattoo vor allem weiter unten noch die im Text fettgedruckten Stellen)

Ich habe so gut wie nichts mehr von damals aus der Prostitution bei oder an mir, was mich heute noch begleitet. Als ich nach meinem Ausstieg in eine neue Stadt gezogen bin, habe ich außer ein paar wichtige Dinge alles weggeschmissen. Prostitutionsklamotten, Prostitutionsschuhe, einfach alles. In dieser Hinsicht keine Spur mehr davon, dass ich je in der Prostitution war. Ich wollte alles vergessen und hinter mir lassen. Ein neues Leben bitte. Nur eine Sache habe ich zwangsläufig behalten, die (noch) da ist: Das Tattoo auf meinem Rücken.

Ich kam nie so richtig zur Ruhe nach der Prostitution, um mich um wichtige Dinge meiner Vergangenheit zu kümmern, wie z.B. um das Tattoo. Ich hatte nach meinem Ausstieg eine 6-Tage Woche, manchmal auch 7 Tage (inkl. Nachtdienst bei den Pferden), gesundheitliche Probleme, nebenbei Abitur zu Ende machen, umziehen, studieren, nochmal umziehen, wieder umziehen. Ich fühle mich ein bisschen wie eine Nomadin. Seit Jahren von einem Ort zum anderen, von einem Bordell ins andere, von einer Wohnung in die Nächste.

Nachgedacht und reflektiert habe ich in den letzten Jahren jedenfalls viel. Sehr viel. Das Tattoo bzw. die Eigentums-Tattoos im Generellen sind so eine Sache. Die Geschichte meines Rücken-Tattoos, das mein Zuhälter mir stechen ließ, um mich als sein Eigentum zu markieren, habe ich schon mehrfach erzählt. Einen Teil kann man hier nachlesen: https://sandranorak.com/tattoos-als-eigentumsstempel/

Mir geht es nun in diesem Beitrag umfassender um die Bedeutung solcher (auch meines) Tattoos und wie man sie erkennen kann.

Stellt euch vor, ihr würdet in eines der Bordelle kommen, in dem ich war, weil ihr in diesem Bereich arbeitet (aufsuchende Arbeit, Kontrollen, etc.). Die Frauen in den Bordellen (so auch ich damals) müssen ja immer halbnackt in irgendwelchen Dessous in den Bordellen rumlaufen, manchmal ganz nackt, das Tattoo war also durchgehend sichtbar für alle, die mich gesehen haben, auch für die Polizei, die während der „Arbeitszeiten“ öfter in eines der Bordelle kam und ihre Strichliste machte, wer von den Frauen alles da war. Stellt euch also vor, ihr kommt in das Bordell, ihr seht mich. Ich lächle euch an, ich sage aber nichts. Wenn ihr mich fragt, erzähle ich euch als Nicht-Milieu-Person die typische Story davon, dass es mir gut geht, dass ich diesen Job machen will. Und dann gehe ich weg, drehe euch den Rücken zu und ihr seht dieses große und markante Tattoo, was sich über meinen Rücken zieht.

Was würdet ihr euch denken? Unabhängig davon, das Tattoo komplett zu entschlüsseln, was ich weiter unten gleich tun werde. Es geht darum, ein Gespür, ein Gefühl, für solche Tätowierungen zu entwickeln, sie zu deuten, sie zu erkennen. Wer seinen Blick schult, der kann bei solchen Tattoos schnell erkennen, um was es sich da handelt und damit auch, in welcher Lage sich die Frau möglicherweise gerade befindet – unabhängig von ihrer Aussage.

Erkennbar auf meinem Rücken ist ein Drache, ein keltisches Kreuz und ein Totenkopf.

Die Bedeutung:

Das mit dem Drachen hatte ich schon öfter erklärt. Damals als ich meinen Zuhälter im Chat kennenlernte, war der „Drache“ Teil seines Chatnamens, sein Kennzeichen. Manche fragten mich nun noch nach der ganzen Bedeutung des Tattoos an sich und möchten wissen, was das Kreuz für sich genommen bedeutet, warum es da ist.

Zugegebenermaßen wusste ich das selbst länger nicht. Es war halt ein Kreuz, was man mir da zusätzlich zum Drachen auf den Rücken stach, dachte ich. Falsch gedacht. Denn das Kreuz hat es in sich. Als ich es dann verstand wurde mir klar: nur mit dem keltischen Kreuz ergibt das Tattoo auch nach außen hin den Sinn, den mein Zuhälter damit erreichen wollte, um mich sichtbar als sein Eigentum zu markieren, denn der Drache war zwar sein persönliches „Kennzeichen“, aber dass ich „im Eigentum des Drachen“ stehe, wird erst durch das Keltenkreuz so richtig deutlich gemacht:

„Ein Keltenkreuz, Hochkreuz oder irisches Kreuz ist ein Element der mittelalterlichen sakralen Kunst im keltischen Kulturraum der britischen Inseln und Irlands… Die ursprünglichen irischen Hochkreuze fanden sich nicht auf Grabstätten, sondern markierten dekorativ ein besonderes Gebiet oder heiliges Land.“ – Wikipedia zu „Keltenkreuz“ –

Ich war in dem Fall das „besondere Gebiet“, das „heilige Land“, das markiert werden sollte.

Wenn man also als Außenstehender mein Tattoo sieht und sich damit beschäftigt und nachliest, was das für ein Kreuz ist, welche Bedeutung es hat, kommt man schnell darauf, dass ich da einen Eigentumsstempel auf dem Rücken trage.

Was man genau sieht: Der Drache hält das keltische Kreuz mit seiner Hand auf der einen Seite fest – das sollte wahrscheinlich symbolischen Charakter haben: „Es gehört mir“, also „das keltische Kreuz gehört mir“, also „das „Gebiet“ gehört mir“. Also: Ich gehöre ihm, dem Drachen, also meinem Zuhälter.

Seine Passion zum Mittelalter (Keltenkreuz, irische Kunst, Kriegertruppen…) wurde durch seine Online-Spiele deutlich, die Kriegsstrategiespiele waren, wie ich schon oft erzählt habe. Ich hatte auch schon öfter erzählt, dass er sagte, ein Fremdenlegionär gewesen zu sein. Ob er es wirklich war, keine Ahnung. Jedenfalls hat er auch mit mir strategisch Krieg gespielt: erst online und dann im echten Leben.

Was der Totenkopf auf dem Tattoo bedeuten soll? Das kann sich wohl jeder denken.

Was für einen psychologischen „Schaden“ solch ein Tattoo seitens der Zuhälter bei „ihren“ Frauen bewusst anrichten soll und anrichtet, bleibt nach außen hin oft verdeckt. Das, was ich da auf dem Rücken habe und was vielen Betroffenen in verschiedenster Weise da auf die Haut tätowiert wird, ist nicht nur ein Tattoo. Es hat eine Bedeutung. Tief in die Seele gebrannt, auch wenn es „nur“ auf der Haut ist.

Krieg online, Krieg im Leben, Krieg auf der Haut, Krieg im Kopf.

Manipuliert, getäuscht, gebrochen. Gehirnwäsche at its best und bei einer instabilen jungen Frau wie mir damals nicht sonderlich schwer für jemanden, der durch und durch – online und auch ganz besonders im realen Leben – ein raffinierter Stratege war.

War ich selbst schuld an allem, was man besonders in diesen „Loverboy“-Fällen ja ständig hört? War ich schuld an meiner eigenen Ausbeutung? Eine Frage, die ich lange Zeit mit „Ja“ beantwortet habe. Dieses „Ja“ verursachte auch lange ein großes Schamgefühl in mir und hielt mich davon ab, Hilfe zu suchen, um schneller aus der Prostitution aussteigen zu können, anstatt noch weiter darin zu verharren und mir den Ausstieg Stück für Stück allein zu erarbeiten, was nach einem Schulabbruch, jahrelanger Lücke im Lebenslauf, zunächst ohne Wohnung, nur Milieukontakten und ständigen Selbstzweifeln, Angstzuständen, Atemnot und Panikattacken schwer war. Dieses „Ja“ begleitete mich auch noch eine ganze Weile nach meinem Ausstieg bis sich meine Antwort auf diese Frage änderte.

Wer die Scham und die Schuld in Richtung der Betroffenen umdreht, lässt sie allein und stellt sich vor die Ausbeuter. Frauen in der Prostitution stehen häufig unter schweren Abhängigkeiten und Zwängen zu extrem manipulativen und berechnenden Menschen, sind innerlich gefangen genommen. Das Tattoo auf meinem Rücken spricht das lautlos aus.

Ich wünsche mir, dass Betroffene als solche erkannt werden, auch wenn sie sich selbst oft noch nicht als solche erkennen können. Ich war in legalen Bordellen, im legalen Escort, auf legalen Seiten inseriert. Ich war angemeldet und ich habe sogar eine gewisse Summe an Steuern für den Zeitraum meiner kompletten Ausbeutung (nach)gezahlt. Warum? Na weil die Kontrollen und das Finanzamt dich in der Prostitution sehen und zur Kasse bittet. Wenn du nicht noch mehr Probleme willst, als du eh schon hast (Zuhälter, Gesundheit, Schwierigkeiten beim Ausstieg, etc…), zahlst du eben einen Beitrag. Also: von Freiern gefickt werden für den Staat für deinen Ausbeutungszeitraum.

Legal heißt nicht, dass die Frauen dort nicht ausgebeutet werden. Man sieht es eben nicht. Und das ist ein großes Problem (wobei: für die Profiteure ist es natürlich gut, weil sie unbeschadet massenhaft Geld mit der Ausbeutung anderer verdienen können). Viele sagen: ich sehe keine Ausbeutung, die Frauen berichten nicht über Ausbeutung, also gibt es keine Ausbeutung.

Das ist eine falsche Schlussfolgerung. Solche Aussagen muss man hinterfragen, sich mit diesen Mechanismen und der Psychologie dahinter beschäftigen. Das Rotlichtmilieu lebt davon, dass die meisten Frauen sagen, alles ist ok und sie gehen für sich selbst anschaffen, selbst dann, wenn sie ständig misshandelt werden. Zuhälter und Menschenhändler können ganz besonders gut die legale Umgebung zur Ausbeutung nutzen, so Europol. Dessen muss man sich bewusst sein und nicht auf den Schein der Legalität reinfallen.

Wenn man in ein Bordell geht, wird man als außenstehende Person meist die „heile Welt des Rotlichts“ sehen. Aber meine Erfahrungen sagen mir: gar nichts ist da die „heile Welt des Rotlichts“. Nach außen hin zwar meist immer, nach innen hin ganz und gar nicht. Der Schein trügt für Außenstehende und wird aufrecht erhalten. Er muss es auch. Sonst wäre die Ausbeutung von Menschen in der Prostitution kein so lukratives und milliardenschweres Geschäft für Kriminelle, wie es das nun mal ist. Auch in Deutschland. Vor allem in Deutschland. Es sieht aus, als sei alles ok, aber das ist es so gut wie nirgends.

Ich empfehle daher jedem, der in dem Bereich arbeitet und öfter in Bordelle geht (aufsuchende Arbeit, etc.):

schaut genau hin. Ganz genau. Hierunter fällt auch: hat die Frau ein Tattoo? Und wenn ja, was für eins? Manchmal sind die Eigentums-Tattoos auch nur ganz Kleine, oft mit einem Buchstaben oder Namen versehen. Oder markante Zeichen, Symbole, Tiere, Barcodes. Versucht, ihre Bedeutung zu lesen. Googelt auch, wenn ihr bestimmte Zeichen oder Symbole oder Anderes seht, was auffällig aussieht, ihr es aber nicht ganz versteht. Versucht, das Tattoo zu entschlüsseln. Die Eigentums-Tattoos können unterschiedlich aussehen, aber eine Sache haben sie meist alle gemeinsam:

sie sehen sehr auffällig aus und tragen, wenn man sie genau ansieht und entschlüsselt, die Message: „Dieser Mensch gehört mir“ in sich. Ich habe viele solche Tattoos gesehen und sie waren eigentlich immer erkennbar, wenn man einen geschulten Blick dafür entwickelt, weil es keine Tattoos sind, die man sich mal eben so als (meist junge) Frau auf die Haut stechen lässt. Eigentums-Tattoos sind speziell in ihrer Erscheinung. Sehr viele prostituierte Frauen sind tätowiert. Oftmals auch mehrfach, wenn sie noch eigene Tattoos haben, sodass man u.U. das Eigentums-Tattoo unter den anderen Tattoos nicht gleich sieht. Aber „Markierungen“ von Zuhältern sehen anders aus als „normale“ Tattoos, sind auffällig, sonst hätten sie auch nach außen hin nicht die Wirkung im Milieu, die sie haben sollen.

Ein Beispiel: Andrea K. wurde dieses Jahr mit einem Betonklotz in die Weser geschmissen und ermordet. Sie war in der Prostitution. Auch sie hatte ein auffälliges Tattoo. Ein Kreuz und ein Buchstabe. Ein kleines Tattoo, am Hals. Ihr Ex-Freund war Zuhälter. Neben ihm wurde ein weiterer Zuhälter verhaftet. War ihr Tattoo ein Eigentumsstempel? Ich weiß es nicht, aber so wie es aussieht, könnte es sehr gut der Fall sein. Würde ich sowas jetzt an einer prostituierten Frau sehen, würden bei mir alle Alarmglocken anfangen zu klingeln – ein Bild seht ihr im Link: https://www.n-tv.de/…/Mordfall-Andrea-K-Zuhaelter…

Seid sensibel dafür. Wer in Bordelle geht, auf Straßenstriche geht oder sonst wo prostituierte Frauen aufsucht – bitte guckt genau hin. Haltet unbedingt Ausschau nach markanten Tattoos. Wenn ihr sowas seht wie seltsame, auffällige Tattoos, bleibt da dran an den Frauen, auch wenn sie euch zunächst abwehren und erzählen, sie machen alles freiwillig und für sich, weil sie es ok finden. Das sagen die meisten, das habe ich auch lange gesagt, selbst während kompletter Ausbeutung. Das ist so im Milieu, dass die Mehrheit der Frauen das sagt und ihre Täter schützt. Sie müssen dem Milieu und den Leuten darin auch loyal sein, was man schon am Anfang lernt bzw. einem die Konsequenzen einer Verfehlung sehr deutlich aufgezeigt werden. Für viele stellen die Ausbeuter auch die Familie und die einzigen Bezugspersonen dar. Viele haben gar kein Opferbewusstsein, wie ich es immer wieder sage, und auch Leute im Feld es bestätigen:

Es ist ja nicht so, dass eine Frau aufstreckt und sagt: «Ich bin ein Opfer von Menschenhandel.» Opfer zu identifizieren und Beweise zu finden ist mit sehr grossem Aufwand verbunden und mit viel Ermittlungsarbeit. Das sind komplexe Verfahren, die Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern. Zudem ist es den meisten Prostituierten gar nicht bewusst, dass sie Opfer sind. Sie stellen es beispielsweise nicht infrage, dass es nicht normal ist, Schulden für eine Reise von Thailand in die Schweiz von 30’000 Franken abbezahlen zu müssen. Bis sich Prostituierte selber als Opfer sehen, bis sie den Druck nicht mehr aushalten, braucht es enorm viel.“ – Simon Steger, Chef der Fachgruppe Sexualdelikte der Luzerner Kriminalpolizei – https://www.zentralplus.ch/es-braucht-enorm-viel-bis-prostituierte-den-druck-nicht-mehr-aushalten-1915543/

Meist sagen die Frauen selbst dann noch nichts, wenn sie heftigste Drohungen und/oder Gewalt erleben. Angst führt auch nicht zwangsläufig dazu, sich als Opfer zu sehen, denn die Täter reden den Frauen ein, dass sie ja selbst schuld an der Gewalt, der Drohung, etc. seien, sie müssten sich eben korrekt verhalten und dann sei alles gut. Oft ist es auch ähnlich wie bei häuslicher Gewalt, wo die Betroffenen lange nicht trennen und viel mitmachen, aber ich brauche es hier nicht zu erklären. Ihr wisst denke ich, was ich meine.

Es braucht Geduld und die Frauen müssen wissen: da ist jemand, wo sie hin können, wenn sie bereit dazu sind, Hilfe anzunehmen, wenn sie das Lügengeflecht anfangen zu durchschauen und eine Hand brauchen und wollen, die stark ist und sie aus dieser Parallelwelt führt. Manche Zuhälter lassen von „ihren“ Frauen ab, wenn diese zu alt sind, zu „verbraucht“ und daher zu kaputt sind, „Abstand“ bezahlt haben, wenn sie sich „freigekauft“ haben oder „freigekauft“ wurden (wobei sie bei letzterer Alternative dann meist wieder einem Zuhälter „gehören“ oder einem Freier, wo sie dann als „Dank“ gratis Sex abliefern müssen). Ich war nach langer Ausbeutungszeit ein psychisches Wrack, nicht mehr derart einträglich, was der Anfang des Lösungsprozesses und meines Ausstiegs war (https://sandranorak.com/…/uber-trauma-uber-den-ausstieg/). Dem Zuhälter aber einfach von heute auf morgen „kündigen“ geht meist nicht. Mein „Freikauf“ fand letztlich in der Form statt, dass ich nach kompletter Ausbeutung noch eine gewisse Zeit bestimmte Summen meiner Einnahmen abzugeben und mich an bestimmte Regeln zu halten hatte – nach der „alten Schule“ des Milieus. Viele Zuhälter lassen aber auch unter keinen Umständen ab, nennen Summen und Bedingungen für den „Freikauf“ und wenn die Frauen all das erfüllen, dann wars das nicht, sondern es kommt die nächste Forderung – sie nutzen das Wort „Freikauf“, es findet aber keiner statt. Dieses System ist so krank. Allein über was man hier sprechen muss. Dass Frauen, die oft in mehrstelligen Zahlenbereichen ausgebeutet wurden, noch versuchen müssen sich durch weitere Geldabgaben freizukaufen. Die Frauen wissen letztlich nie, was sie „auf dem Weg raus“ noch alles erwartet. Es ist ungewiss und ein Spiel mit dem Feuer. Wird es gut gehen oder wird es schief gehen? Keine weiß das im Vorhinein. Sie benötigen Hilfe.

Das Rotlicht ist eine Parallelwelt, die nach außen hin so tut, als wäre sie keine, um ihren Profit zu schützen, um ihren Profit nicht zu verlieren, um weiter Teil eines Milliardengeschäfts sein zu können, das meist auf dem Rücken und durch die Ausbeutung der Schwächsten dieser Gesellschaft am Leben erhalten wird.

Fazit von diesem Beitrag:

Tattoos können Zeichen von Zwang und Ausbeutung sein. Sie sind es sehr oft. Schaut bitte genau hin. Man erkennt diese markanten Eigentumstätowierungen als solche, wenn man seinen Blick darauf schult. Bei mir haben es sogar viele Freier erkannt und mir grinsend nach der Inspektion meines Tattoos gesagt: „Ah, du gehörst bestimmt jemandem!“ Und zwar auch sehr unintelligente Freier. Wenn denen sowas auffällt, dann kann jeder andere auch lernen, das zu sehen.

Mein Tipp also: schult eure Blicke, falls sie noch nicht geschult sind.

Und klärt junge Mädchen und Frauen auf, soviel ihr könnt.

Die Arbeit mit jungen Menschen bedeutet mir am meisten, wenn ich in Schulen gehe oder in Einrichtungen mit psychisch labilen/kranken Kindern und Jugendlichen, vor allem Mädchen. Da kommt soviel Herzlichkeit, soviel Ehrlichkeit, soviel Dankbarkeit zurück. Sie löchern mich mit allen möglichen Fragen. Ich sehe in den Mädchen immer mich, als ich in ihrem Alter war. Kurz vor dem Abdriften in eine Parallelwelt und unzähligen von sexuellen Missbrauchserfahrungen. Am liebsten würde ich über sie alle eine große Schutzhülle spannen, sodass sie niemals so abdriften können.

Versuchen wir gemeinsam, sie zu schützen.

Über Trauma. Über den Ausstieg.

Über Trauma. Über den Ausstieg.

Ein sehr persönlicher Text. Auf den Bildern seht ihr zwei „Diagnosen“ während meiner Zeit in der Prostitution.

Mein Zuhälter lies nach langer Ausbeutungszeit immer weiter von mir ab, weil ich nicht mehr einträglich war: ich hatte vorher tausende von Euro monatlich gebracht und im Jahr 2011 hatte ich einen Zusammenbruch und massive Probleme in Form von Atemnot, Hyperventilation, Kreislaufproblemen bis hin zum Kollaps. Mein Körper war zu einer Marionette meiner Psyche und meines Innenlebens geworden. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Nach langer Zeit in der Prostitution und sexueller Gewalt und Ausbeutung war ich schwer traumatisiert. Ich war mehrmals in der Notaufnahme und konnte nicht mehr diese Summen bringen, die von mir verlangt wurden. Nicht mehr die Summen, die sich ausgezahlt haben. Ich bin erstmal nur noch in meinem Kellerzimmer im Bordell gelegen und habe vor mich hin vegetiert. Viele Frauen werden solange in der Prostitution ausgebeutet, bis sie kaputt sind. Das ist auch oft mit den Osteuropäerinnen so: man schickt die eine Tochter in die Prostitution und wenn sie kaputt ist, holt man sie zurück und schickt die nächste. Oder man schickt „seine Frau“ in die Prostitution und wenn sie kaputt ist, holt man sich die Nächste, etc. Mein Zusammenbruch war letztlich mein Glück. Der Lösungsprozess startete.

Was wurde mir da in den Notfallzentren gesagt? Ich hätte Panikattacken und Angstzustände, sei in einem „reduzierten Allgemeinzustand“, so steht es auf dem Zettel. Ich solle mich beruhigen. Tief ein – und ausatmen.

Aufenthalt in einer Notfallklinik: 0:52 – 4:00 Uhr. Mitten in der Nacht.

Ich kann mich an diese Nacht gut erinnern. Ich saß da auf der Krankenliege, es war eine kalte Nacht. Ich hatte so starke Atemnot, dass ich ständig das Gefühl hatte zu ersticken, gleich in Ohnmacht zu fallen. Hyperventilierend saß ich vor dieser Ärztin. Ich habe mich so einsam gefühlt und mir war zum Weinen. Aber ich weinte nicht. Ich unterdrückte es. Was ich war, eine Prostituierte, und wo ich gerade herkam, aus dem Bordell, erzählte ich ihr auch nicht. Ich hatte Angst vor Zurückweisung, Angst vor Verurteilung, Angst vor Ablehnung. Dass ich sexuelle Ausbeutung hinter mir hatte und auf dem Weg zum Ausstieg war, mich immer noch mit Freiern konfrontierte und gleich wieder zurück ins Bordell ging, habe ich ihr nicht gesagt. Die Scham war viel zu groß. Ich wollte einfach nur, dass sie mir hilft, wieder Luft zu bekommen, wieder atmen zu können.

Sie versuchte mich zu beruhigen, ich sollte langsam ein- und ausatmen, aber das klappte nicht. Dann wurde mir das „Prinzip der Rückatmung“ mittels einer Tüte erklärt, so steht es auf dem Dokument. Die nur leider auch nicht so richtig funktioniert hat. Die Ärztin wollte mir eine Beruhigungspille geben, wo ich aber noch mehr in Panik geriet und sie begründungslos ablehnte, denn ein Freier hatte mal einer Rumänin und mir eine „Pille“ gegeben. Das war irgend eine Droge, nach deren Einnahme ich eine Nacht lang dachte, dass mein letztes Stündchen geschlagen hätte. Seitdem traue ich keinem Menschen mehr, der mir eine Pille gibt, wenn ich nicht selbst die Verpackung und wo die Pille rausgenommen wird, sehe.

Ich hatte damals keine Ahnung von Trauma. Ich bekam so häufig Panikattacken, keine Luft mehr und dachte oft, ich sterbe gleich. Und manchmal wünschte ich mir auch, dass es endlich vorbei ist, mein Leben, weil ich keine Kraft mehr fühlte, weiterzumachen. Wenn nicht mal mehr Luft bekommen möglich war, wenn nicht mal mehr das Atmen möglich war, wie sollte ich da andere Sachen wie den Ausstieg schaffen? Genauso wie ich mich fühlte in diesem Leben, keine Luft mehr zum Atmen zu haben, genauso reagierte mein Körper.

In einem Befund steht, dass meine Beschwerden mit der Atemnot abends anfingen. Abends kamen die meisten Freier, abends war die schlimmste Zeit. Der „Abend“ hat mich am meisten getriggert.

Panikattacken, keine Luft zu bekommen und dieses Gefühl, oft kurz vor der Ohnmacht zu stehen, das hatte ich sehr lange, auch nach meinem Ausstieg noch bis in die ersten Uni-Semester hinein.

Alles war ein langer Weg.

Ich habe es raus geschafft in ein anderes Leben, aber viele Frauen schaffen es mit diesem liberalen System und den mangelnden professionellen Ausstiegshilfen hier in Deutschland nicht, aus diesem System auszusteigen. Das macht mich traurig und muss sich ändern – schnell.

Nie wieder schweigen

Über das Schweigen.

Ich sollte schweigen, für immer.

So viele Frauen erzählen, sie seien freiwillig in der Prostitution. Erfinden Geschichten hierfür.

Das ist Alltag. Paradoxerweise glauben viele, dass sie in gewissem Maße selbstbestimmt sind, obwohl sie von ihren Zuhältern in Gestalt ihrer „Männer“, „Freunde“ oder ihrer eigenen Familie fremdbestimmt werden, ausgebeutet werden. Fehlendes Opferbewusstsein. Resignation. Hoffnungslosigkeit. Perspektivlosigkeit. Trauma.

Sie sind zum Schweigen verdammt über die wahren Umstände. Brauchen oft Jahre, um alle Puzzle-Teile ihrer Ausbeutungszeit zusammenzufügen. Um zu verstehen, oft auch um nicht mehr zu verleugnen: der Mensch, den man liebte, dem man vertraute, ist ein Täter. Hier ein Interview: https://www.daserste.de/…/interview-staatsanwalt-stefan…

Wenn man von außen als „Nicht-Milieu-Person“ auf diese Frauen blickt, sieht ihre Prostitution freiwillig aus. Man findet das reihenweise in nahezu jedem Bordell.

Wie wenig „freiwillig“ ihre Prostitution aber wirklich ist, wie die Innenansicht ist, wie fremdbestimmt die Frauen sind und unter welchen Zwängen sie stehen, das bleibt Außenstehenden, die mit dem Milieu und den „Innengeschäften“ nichts zu tun haben, meist verborgen. Und wird dann freiwillige Prostitution genannt. Obwohl Ausbeutung dahinter steckt.

Damals habe ich geschwiegen. Damals habe ich ertragen. Damals habe ich meine Ausbeuter nach dem Umzug zu meinem Zuhälter vor der mich aufsuchenden Polizei geschützt. Erzählt, ich wäre selbstbestimmt. Weil ich geliebt habe. Weil ich manipuliert wurde. Weil ich bedroht wurde. Weil ich Angst hatte. Ein Gefühlschaos. Weil ich dachte, dass mir sowieso niemand mehr aus diesem verkorksten Leben raushelfen kann, wo ich schon lange drinsteckte. Weil ich dachte, dass ich sowieso nicht mehr wert bin als das, wozu ich von meinen Ausbeutern gemacht wurde: eine Prostituierte. Einmal Nutte, immer Nutte, so hat es mal eine andere Betroffene der „Loverboy“-Methode gesagt. Die Würde ist schon weg und kommt nicht mehr zurück. Und genau so habe ich mich gefühlt. Es gab in meinem Kopf kein Zurück, keinen Ausgang, keinen Ausweg, aus dieser Parallelwelt.

Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht selbstbestimmt.

Viele prostituierte Frauen sind nicht selbstbestimmt, obwohl es nach außen hin so aussieht, als wären sie es.

Und niemand wird mich je wieder zum Schweigen bringen über das, was ich wirklich erlebt habe.

Und wenn Reden das Letzte ist, was ich tue.

Ein paar Zeilen. An ein paar Männer.

Ein paar Zeilen. Für ein paar Männer (ausgenommen die, die bereits respektvoll mit Frauen umgehen).

Ein rotes Tuch: Männer, die mich irgendwo (Internet/Zeitung/Fernsehen) gesehen haben und mir niveaulose Facebook Nachrichten oder anderswo Annäherungsversuche schreiben, mich treffen wollen, mich „kennenlernen“ wollen. Sätze wie z.B. die letzten Tage wieder:

„Guten Morgen Schönheit“ oder man schreibt gleich direkt die Telefon-Nummer rein, wo ich mich zum Kennenlernen melden soll.

Es ist primitiv und respektlos.

An solche Männer da draußen, ihr seid auf einem Profil, wo eine Frau, ich, über erlebte sexuelle Gewalt und Ausbeutung DURCH MÄNNER spricht. Ihr seid hier NICHT auf einer Single – oder Kontaktbörsenseite. Ich bin an der Öffentlichkeit, um über Gewalt und Ausbeutungsverhältnisse aufzuklären, um diese Dinge zu verhindern, um vor allem junge vulnerable Mädchen und Frauen zu schützen, und nicht, um mich Annäherungsversuchen durch irgendwelche Männer auszusetzen, die meinen, ihren nicht vorhandenen Charme versprühen zu müssen. Im Übrigen: es wird bei mir nie wieder eine Beziehung mit einem Mann geben. Ich verrate euch jetzt mal einen meiner größten Wünsche für die Zeit, die ich noch auf dieser Erde bin: ich möchte nie wieder ein männliches Geschlechtsteil sehen.

Das heißt nicht, dass ich eine „Männerhasserin“ bin. Ich kenne sehr nette Männer, die sich auch engagieren und die ich menschlich sehr mag. Ich schätze ehrenvolle Männer sehr, die sich wie normale Menschen und nicht wie triebgesteuerte Affen verhalten.

Bitte mehr davon.

Leider wollen manche Männer im Jahr 2020 immer noch nicht verstehen, dass sie keine Affen sind. So oft höre ich: „Aber mein Trieb, der ist biologisch bedingt, aber wenn ich keinen Sex habe, dann tut mir mein „Sack“ weh…“ Oh bitte… ich kann es nicht mehr hören. Ihr seid doch keine Tiere. Wenn dem so sein sollte, benutzt eure Hand oder was auch immer. Ihr seid doch erwachsene Menschen, die allerlei Möglichkeiten haben. Ihr habt aber kein Recht, eine Frau als euer „Selbstbefriedigungswerkzeug“ anzusehen und sie als solches zu benutzen, nur weil ihr eure Sexualität nicht im Griff habt oder haben wollt oder denkt, jemand anderes müsse dafür herhalten.

Und ich sage das vor allem auch aus diesem Grund:

ich habe mit so vielen Frauen gesprochen, die nicht in der Prostitution waren, aber mit Männern in Beziehungen waren und so viele erzählten mir, dass es sich oft wie Prostitution anfühle, denn oft wollten sie keinen Sex, sie würden sich eben hinlegen und die paar Minuten über sich ergehen lassen, damit der Partner aufhört zu drängeln und zufrieden ist, damit er hat, was er möchte. Das habe ich nicht einmal gehört, sondern ständig. Darüber spricht bei uns in der Gesellschaft keiner so richtig. Es gibt keinen Anspruch auf Sex. Auch nicht in einer Beziehung. Es braucht immer Konsens. Wenn eure Partnerin nicht möchte, dann möchte sie nicht. Wer es dennoch tut, um seinen Trieb zu befriedigen, der hat eine Vergewaltigerdenke verinnerlicht, ob er es wahrhaben möchte oder nicht. Sex ist nicht zu trennen von Körper und Seele. Ungewollter Sex macht immer etwas mit einem Menschen. Auch in einer Beziehung. Auch in einer Beziehung ist ungewollter Sex Missbrauch. Denn nur weil man zusammen ist, heißt das nicht, dass man zu jeder Zeit einen Anspruch auf den Körper des anderen hat. Der Körper gehört immer noch dem anderen Partner. Es braucht bei jedem Akt Konsens. Ist dieser nicht da, ist es schlicht und einfach Missbrauch.

In vielen Beziehungen herrscht dieser Missbrauch, weil die Frauen es gewohnt sind, sich eben „hinzulegen“, die Augen zuzumachen und zu warten, bis es vorbei ist. Für viele ist das die tägliche, wöchentliche oder monatliche „Routine“. Viele erkennen es nicht mal mehr als Missbrauch, weil die Leute oft sagen „In der Beziehung macht man das halt, da muss ja der Druck irgendwie abgelassen werden“. Der BGH war ja damals auch sehr komisch drauf und schrieb, dass die Ehepartner den Geschlechtsverkehr nicht „nur“ teilnahmslos über sich ergehen lassen sollen, sondern sie sollten quasi auch so tun, als ob es ihnen gefällt und die Ehe verbiete es, beim Sex „Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen.“ (BGH, 02.11.1966 – IV ZR 239/65). Das war 1966. Wir sind jetzt im Jahr 2020 und so ein Urteil würde heute ganz bestimmt nicht mehr ergehen. Im Familienrecht sagen manche Stimmen zwar sogar heute noch, dass es eine Pflicht zum Geschlechtsverkehr in der Ehe gibt. Das kann allerdings nicht vollstreckt werden (*Ironie off). Darüber überhaupt sprechen zu müssen ist so absurd, denn es geht hier nicht darum, den Frühstückstisch zu decken, Staub zu saugen, Wäsche zu machen oder um sonstige „Aufgaben“ in einer Ehe, sondern um ungewollten Geschlechtsverkehr. Und der ist immer Missbrauch und kann niemals eine „Aufgabe“ oder „Pflicht“ sein. Wenn eure Partnerin weniger Sex haben möchte als ihr oder auch keinen Sex, dann akzeptiert das und wenn es nicht in euer „Lebenskonzept“ passt, weil ihr anstatt zu lieben und den anderen in seinen Wünschen und Gefühlen zu respektieren lieber eure regelmäßige „Triebabfuhr“ wünscht, dann trennt euch am besten, aber begeht keinen Missbrauch.

Dieser fängt auch oft schon visuell oder verbal auf der Straße an: sexualisierte Blicke, sexualisierte Sprüche und sexualisierte Anekdoten. Das ist auch eine Form von Gewalt.

Ich empfehle diese Seite: https://www.acalltomen.org/ Ich habe Ted Bunch schon live gehört und sowas bräuchte es auch dringend in Deutschland. Männer können und sollten Teil der Lösung sein, wenn es darum geht, Gewalt gegen Frauen zu stoppen: https://www.acalltomen.org/resources/a-call-to-men-the-next-generation-of-manhood/

„I founded A Call To Men with Ted Bunch almost 20 years ago. Since that time, our organization has been educating men all over the world to better understand how their collective socialization shapes their views on manhood, women, and girls. Nearly all men are socialized to view women as property, objects, and as having less value than men. That collective socialization lays the foundation for all forms of violence and discrimination to persist… We are asking men to step forward—to move beyond their fear and uncertainty—and become part of the solution to end widespread violence and discrimination against all women and girls.“ https://qz.com/work/1415245/this-ceo-makes-a-strong-case-for-how-feminism-liberates-men/?fbclid=IwAR0NhNOJctKhwGf0bAxBXUgYJVNyR5MQopB4W9ZbBEG9aY1ysLDhxf6OVj4

Foto: Leif Piechowski