Tattoos als Eigentumsstempel

Zu diesem, wie ich finde sehr wichtigen, Thema hatte ich schon einmal einen Text geschrieben. Frauen werden gebrandmarkt von ihren Menschenhändlern und Zuhältern, als Eigentum markiert. Ich habe diese „Praxis“ ständig gesehen. Hier ist mein Text dazu, den ich am „Internationalen Hurentag“ geschrieben habe:

Heute ist „Internationaler Hurentag“ – und es ist in den Medien heute sowie auch die letzte Zeit einiges an „Pro-Sexarbeit“ und Verharmlosungen zu lesen. Ich finde das traurig, deshalb schreibe ich hier nun ein paar persönliche Zeilen, um an die vielen Frauen da draußen zu erinnern, die in der Prostitution immense Ausmaße an Leid und (sexueller) Gewalt erleben.

Ich war lange in der Prostitution. Jahre.

Prostitution ist oft wie Sklaverei.

Ich bin gezeichnet. Bis heute. Über dieses Thema spreche ich nicht so gerne.

Das Tattoo, den Eigentumsstempel meines Zuhälters, der mich als sein Eigentum markieren sollte, trage ich bis heute auf dem Rücken. Es ist ein Drache, ein keltisches Kreuz und ein Totenkopf. Mein Zuhälter bestimmte das Tattoo, er war beim Stechen mit dabei, um die Kontrolle darüber zu haben. Üblich ist es auch oft, dass die Betroffenen einen Barcode oder den Namen des Zuhälters als Eigentumsstempel tätowiert bekommen.

Der Drache war sein „Markenzeichen“. Schon als ich meinen Zuhälter im Chat damals kennenlernte, war der “Drache“ Inhalt seines Chat-Namens. Ich kann mich erinnern wie er zu dem Tätowierer am Ende noch grinsend sagte, dass er den Totenkopf noch in die Mitte einfügen sollte. Der Tätowierer war scheinbar eingeweiht, ansonsten hätte er mich wohl auch mal gefragt, was ich eigentlich auf meinem Rücken haben möchte, was er aber erst gar nicht tat. Er stach mir auf den Rücken, was mein Zuhälter dirigierte.

Ein Eigentumsstempel, ob in Barcodes, Namen oder Zeichen ist im Milieu an der Tagesordnung. Er sagt:

„Du gehörst mir, du bist mein Eigentum, für immer.“

Als ich nach meinem Ausstieg an die Uni kam und es Sommer war, da war es mir peinlich in T-Shirts rumzulaufen, die zum Teil rückenfrei waren. Als meine Uni Kolleginnen das Tattoo zum ersten Mal sahen, schauten sie mich mit großen Augen an und fragten mich, was ich denn da auf dem Rücken hätte. Das würde gar nicht zu mir passen.

Ja, sie haben recht. Es ist offensichtlich, dass dieses Tattoo nicht zu mir passt. Die ersten Male war ich wie betäubt auf deren Frage. Was sollte ich da antworten? Ich dachte mir also eine Geschichte aus mit dem Tattoo, um meine Vergangenheit nicht ausbreiten zu müssen. Ich habe es dann aber letztlich meist vermieden, solche T-Shirts anzuziehen, wo man das Tattoo sehen kann. Ich habe es versteckt.

Früher hatte ich vor, das Tattoo so zu lassen, wie es ist. Als eine Art Zeichen und „Überbleibsel“, das mich immer daran erinnert, wo ich mal war und was ich in diesem Leben und in diesem System alles gesehen habe. Ein Zeichen, das mich immer wieder daran erinnert, warum ich nicht aufhören kann, gegen dieses System zu kämpfen, auch wenn ich manchmal sehr müde bin ob dieses Themas. Dennoch bleibt immer wieder dieses Gefühl der Fremdbestimmtheit, wenn ich das Tattoo im Spiegel sehe.

Ich werde mir das Tattoo nicht wegmachen, aber überstechen lassen und ihm eine selbstbestimmte Bedeutung geben. Eine Bedeutung, dass mein Leben weitergegangen ist, dass der Drache mich nicht zerstört hat und dass ich ihm nicht mehr gehöre. Dass er der Auslöser ist, warum ich den Rest meines Lebens den Rechten und der Verteidigung von Betroffenen widmen werde.

Und dann werde ich gegen euch vorgehen, ihr Zuhälter und Menschenhändler da draußen.

Nur deshalb habe ich angefangen Jura zu studieren. Nur deshalb.

Ich kenne euch, ich weiß wie ihr tickt, ich weiß, wie ihr „arbeitet“, ich kenne eure Methoden, eure Verflechtungen, eure Tricks. Ich weiß, wie schwer es ist, Menschenhandel und organisiertes Verbrechen gerichtsfest zu machen, vor allem bei den jetzt bestehenden Gesetzen. Mein „Loverboy“ war ein „Altlude“. Einer von denen, die sich auskannten mit den „Gesetzen des Milieus“, die ich selbst auf einem harten Weg lernen musste, um dort existieren zu dürfen, um nicht geschlagen zu werden, um „heile“ zu bleiben. Ich hatte irgendwann im Milieu gelernt, zu überleben. Ich hatte im Milieu gelernt, mit Leuten der organisierten Kriminalität „umzugehen“, mich in ihrem Beisein so zu verhalten, dass ich unauffällig war, nicht störend war, „milieukonform“ war. Eben so, wie sich die Prostituierten als Beiwerk der Zuhälter verhalten mussten, um nicht die Faust oder die Knarre an den Kopf zu kriegen.

Ich hatte letztlich Einsicht in sehr vieles. Ich war zu 100 % loyal, nachdem ich einmal bedroht wurde als „Schmieralte“ (das ist eine Prostituierte, die zur Polizei geht und anzeigt), zog ich danach nicht mehr in Betracht, mich der Polizei oder jemand anderem anzuvertrauen. Denn einem wird im Laufe des Lebens im Milieu klar, dass eine „Verräterin“ kein einfaches Leben mehr haben wird und dass man sie überall finden kann. Manche drohen mit sowas und machen ihre Drohungen nicht wahr. Sie dienen allein der Einschüchterung, damit die Frau besser „funktioniert“. Manche drohen damit und machen ihre Drohungen wahr. Wenn man in dieser Situation ist, will man nicht herausfinden, zu welcher Kategorie der eigene Zuhälter und seine Verbündeten gehören, ob sie mit der Drohung „nur“ einschüchtern oder ob sie ihre Drohung im Ernstfall wahr machen. Man bleibt loyal und sagt nichts, um nichts zu riskieren.

Niemand von diesen Luden und Menschenhändlern hätte wohl jemals gedacht, dass ich irgendwann meinen Mund aufmache und über all das spreche, denn ich war die kleine, eingeschüchterte junge Blondine, die schon still war, wenn man nur die Stimme erhoben hat, die schon anfing vor Angst zu zittern und der Tränen in die Augen schossen und die „bitte nicht“ flehte, wenn man nur den Finger in die Luft streckte und böse guckte. So leicht einschüchterbar war ich aufgrund der jahrelangen psychischen Unterdrückung durch meine Mutter geworden. Ein einfaches Abendmahl für Zuhälter und Menschenhändler.

Aber heute bin ich jemand anderes. Jemand ganz anderes. Die „Schule“, die ich im Milieu durchlaufen habe, die war knallhart. Sowie auch der Kampf zurück ins Leben. All das hat mich mit der Zeit „hart“ gemacht, hat mich „zäh“ gemacht. Hat mir mein Schicksal in die Hand gelegt.

Und ich schäme mich nicht mehr, das Tattoo zu zeigen und seine wahre Bedeutung zu erzählen:

Ich wurde als Eigentum gebrandmarkt, als eine Sache. Und ich wurde auch lange so behandelt.

Wo bleiben die Medienberichte über die Geschichten solcher Frauen? Es gibt viele solcher Frauen, sehr viele, man muss sich nur an die entsprechenden Vereine und Organisationen wenden, die Betroffene betreuen oder mit ihnen in Kontakt stehen. Warum macht man sich nicht die Mühe diese Betroffenen zu befragen und ihre Geschichten zu verbreiten? Will man das Leid vielleicht einfach nicht sehen?

Warum will dieses Märchen der vielen „Happy Sexworkerinnen“ so penetrant aufrecht erhalten werden?

Ich habe ca. 2 Jahre in einem Bordell in einem Kellerzimmer gelebt. Mein Zuhälter hatte mich in dieses Bordell gebracht, um für ihn Geld zu verdienen. Eine Gefängniszelle ist schöner als dieses Kellerzimmer, wo ich lebte. Ich hatte nicht mal ein Fenster da drin, es war nur ein Schacht. Auch ich war zum Schluss „freiwillig“ in der Prostitution, um mich nach meiner Ausbeutung aus diesem ganzen Schlamassel „rauszuarbeiten“ nach abgebrochener Schule, ohne Wohnung, ohne alles.

Bevor ich mein Geld aus der Prostitution für mich behalten konnte war alles, was ich besaß, „Arbeitskleidung“ in Plastiktüten. Nach Jahren Vollzeitarbeit in der Prostitution. Alles, was ich hatte, war Kleidung, um sich zu prostituieren.

Als ich mich von meinem Zuhälter immer weiter lösen konnte, wollte ich aussteigen, wusste aber nicht wie, weil ich in diesem Bordell festsaß. Sozialarbeiter kamen da nicht rein. Ich schämte mich zudem und hatte Angst, Hilfe zu suchen. Das erste, was ich mir dann also nach meiner Ausbeutung angeschafft bzw. finanziert habe per Monatsraten, war ein Auto, um überhaupt erstmal dieses Bordell, wo ich zuvor ca. 2 Jahre wohnte und mein Zuhälter zum Geld kassieren hinkam, verlassen zu können, wegfahren zu können, mobil zu sein, mich bewegen zu können, wieder Selbstbestimmtheit erlangen zu können. Der zweite Schritt war eine Wohnung. Der dritte Schritt war: Ausstieg. Traumatisiert, mit abgebrochener Schule und 6 Jahren Lücke im Lebenslauf war der Ausstieg verdammt schwer.

Ich war Deutsche. Ausländische Frauen kommen oftmals nach ihrer Ausbeutung, wenn sie denn diese überhaupt verlassen können, nicht mal zu Schritt eins oder zwei. Wie sollen sie ohne Hilfe zu Schritt drei gelangen? Wenn sie dann für sehr lange Zeit oder für immer in der Prostitution bleiben, nennt man das „freiwillig“?

Hurra hurra, „Happy Sexwork“?

Wie wäre es mal, wenn die Medien endlich mal ein realistisches Bild von dem zeichnen würden, was da in der Prostitution größtenteils passiert, anstatt immer wieder den gleichen Stimmen eine Plattform zu geben, die „happy sexwork“ schreien und Prostitution verharmlosen, aber absolut in der Minderheit sind?

Eure verzerrte Mediendarstellung der Realität in der Prostitution ist pures Gift für die (hundert)tausenden von Frauen, die an der Prostitution zugrunde gehen!