Erfahrungen

Menschenhandel und Trauma-Bonding

Ich habe in zwei Beiträgen bereits explizit über Trauma-Bonding (Trauma-Bindung/traumatische Bindung) im Bereich Menschenhandel geschrieben*, auf der Konferenz der KAS, GGMH und OSCE (ODIHR) am 24.06.2021 habe ich darüber gesprochen (das Video verlinke ich unten) und stelle den Text darüber hier online. Das Thema Trauma-Bonding muss zwingend alle Menschen erreichen, die in diesem Bereich arbeiten, die Gesetze machen, die sich um Betroffene kümmern und vor allem in der Strafverfolgung arbeiten. Hier in Deutschland wird darüber nahezu überhaupt nicht gesprochen. Das ist fatal. Bitte sprecht darüber, klärt darüber auf, nehmt euch diesem Thema an, denn es betrifft so unglaublich viele Betroffene von Menschenhandel. Um ihnen helfen zu können, ist es wichtig, dieses Thema zu verstehen.

Ein sehr wichtiger Schlüsselfaktor, den es bei den nationalen Rechtsrahmen und insbesondere deren Umsetzung zu beachten gilt, ist das Verständnis der verschiedenen Formen des Menschenhandels, der Mechanismen und die Identifizierung von Opfern, was insbesondere auch das Verständnis der individuellen Opfer-Täter-Beziehung bedeutet, die häufig existiert, aber oft nicht gesehen wird. Es gibt verschiedene Formen des Menschenhandels, aber wenn es um den Menschenhandel in Form der Loverboy-Methode geht, „Romeo-Trafficking“, wenn der Menschenhändler der Partner ist, die Familie ist, was sehr oft vorkommt, müssen wir über Trauma-Bonding sprechen.

Was Trauma-Bonding ist und dass es wichtig ist, diesen Mechanismus zu sehen und zu verstehen, damit wir Betroffenen helfen können, diesen Missbrauchskreis zu durchbrechen, wurde auch in einem neuen Bericht der OSZE mit dem Titel „Gender-Sensitive Approaches in Combating in Human Beings“ beschrieben. Dort wird beispielsweise geschrieben:

In Fällen von Menschenhandel kann die Beziehung zwischen dem Opfer und dem Menschenhändler komplex sein. Sie kann Trauma-Bindung, familiäre Bindungen und romantische Beziehungen beinhalten, aber auch Gewalt, Angst und Manipulation. Das Verständnis der Komplexität und Natur der Opfer-Täter-Beziehungen wird es den Strafverfolgungsbehörden auch erleichtern, das Verhalten eines Opfers zu verstehen, das manchmal darauf abzielt, den Menschenhändler auf eigene Kosten zu schützen… Solche Trauma-Bindungen werden verwendet, um eine Umgebung zu schaffen, in der die Opfer nach ihrem Missbrauch irgendwie belohnt und zum Bleiben ermutigt werden, indem die Täter einen Eindruck von Familie und Fürsorge schaffen. Sich dieser Zusammenhänge und der Natur der Trauma-Bindung bewusst zu sein, kann sowohl die Identifizierung der Opfer als auch die strafrechtliche Verfolgung der Menschenhändler erleichtern…Quelle: Gender-Sensitive Approaches in Combating in Human Beings

Meine ISTAC-Kollegin aus Kanada, Timea Nagy, zeigte uns ISTAC-Mitgliedern eine sehr gute Aufklärungs-Webseite, die von der Polizei in Toronto, Kanada, erstellt wurde, auf der sie z.B. Fragen beantworten, die Betroffene (aber auch andere Personen) haben können, und eine dieser Fragen lautet: Was ist eine Trauma-Bindung?

Die Antworten der Polizei auf der Webseite basieren darauf, dass sie 90 % der Aussagen von Betroffenen eingebaut haben, so Timea. Um die Fragen so beantworten zu können, dass sie verständlich sind und anderen Opfern am effektivsten helfen können zu verstehen was mit ihnen passiert, ist die Hilfe derer, die es selbst durchlebt und dann durchschaut haben, sehr wichtig – wichtig auch, um besser an Lösungen zu arbeiten, die diejenigen erreichen können, die sich noch in derselben Situation befinden.

Nachfolgend von mir übersetzte Auszüge von der Polizei-Webseite:

(Human Trafficking Survivors: Home (htsurvivors.to): A Guide for Human Trafficking Survivors):

Was ist eine Trauma-Bindung?

Eine Trauma-Bindung ist eine psychologische Reaktion auf Missbrauch. Sie tritt auf, wenn die missbrauchte Person eine ungesunde Bindung mit der Person eingeht, die sie missbraucht.

Wir wissen, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass Betroffene mit dem Versprechen einer Beziehung angelockt werden. Wenn dies geschieht, entwickelt sich die Bindung zwischen dem Opfer und dem Menschenhändler zu einer intensiven Bindung, die oft als Trauma-Bindung bezeichnet wird. Für manche könnte dies die erste Beziehung sein, in der sie Liebe und Zuneigung erfahren. Sobald eine Beziehung hergestellt ist, beginnt der Zyklus des Missbrauchs, der zwischen Liebe und Zuneigung mit Wut und Gewalt wechselt.

Das Opfer wird sich bemühen, alles zu tun, um die Beziehung wieder in die „honeymoon phase“ („Flitterwochen-Phase“) zu bringen, die es am Anfang erlebt hat. Nachdem der Menschenhändler wütend geworden ist, entschuldigt er sich und wird liebevoll und entschuldigt sich für das, was möglicherweise passiert ist. In diesen Momenten kann eine Person hoffen, dass die Dinge wieder so sind, wie sie am Anfang waren, aber dies ist leider nicht der Fall.

Dieser Teufelskreis hält ein Individuum in einem Zustand ständiger Unsicherheit und Hypervigilanz. Das Opfer findet Trost in der Beziehung, denn sie ist zwar missbräuchlich, aber auch vorhersehbar und konsequent, und das Verlassen kann schwierig und überwältigend sein.

Anzeichen einer Trauma-Bindung

Die von Menschenhandel betroffene Person kann:

• Dankbarkeit für kleinste Freundlichkeiten des Menschenhändlers empfinden.

• Fühlen sich dem Menschenhändler gegenüber loyal oder verteidigen ihn.

• Gewalt durch den Menschenhändler wird rationalisiert – die Betroffenen glauben, dass sie das Ausmaß des Missbrauchs kontrollieren können, indem sie versuchen dem Menschenhändler zu gefallen.

• Beschützende Gefühle gegenüber dem Menschenhändler haben.

• Das Gefühl haben, dass der Menschenhändler sie wirklich liebt und sich um sie kümmert.

• Das Gefühl haben, dass nur der Menschenhändler ihnen helfen oder sich um sie kümmern kann.

• Dies könnte das erste Mal sein, dass dem Opfer in seinem Leben Liebe, Zuneigung oder Schutz gezeigt wird. Das Opfer wird den Menschenhändler als jemanden betrachten, der schützend und nicht ausbeuterisch ist.

• Das Opfer wird sich konsequent bemühen, die Beziehung wieder so zu gestalten, wie sie am Anfang (honeymoon phase) war.

Warum habe ich das Gefühl, dass ich nicht gehen kann?

Zu verstehen, wie diese Bindung funktioniert, kann helfen zu erklären, warum Menschen in gewalttätigen oder missbräuchlichen Beziehungen bleiben. Die häufige, aber schädliche Frage: „Warum gehst du nicht einfach?“ berücksichtigt nicht die Komplexität einer Traumabindung und die mentale Neuprogrammierung, die erforderlich ist, um diesen Kreislauf der Trauma-Bindung zu durchbrechen.

Forscher haben eine Reihe von Gründen identifiziert, warum es so schwierig ist, eine Trauma-Bindung zu durchbrechen:

• Opfer fühlen sich möglicherweise nicht als Opfer. In einigen Fällen empfinden sie es aufgrund einer negativen Kindheitserfahrung als „normal“, sexuell ausgebeutet zu werden.

• Der Menschenhändler oder Zuhälter wird manchmal als romantischer Partner angesehen.

• In vielen Fällen hat der Menschenhändler das Opfer einer Gehirnwäsche unterzogen, so dass es glaubt, dass es ihm wirklich wichtig ist und dass es für seine Sicherheit da ist, während Strafverfolgungsbehörden und Autoritätspersonen nicht vertraut werden kann.

• Sie haben möglicherweise Angst zu gehen. Selbst wenn ihnen versichert wurde, dass der Menschenhändler ins Gefängnis kommt, haben sie möglicherweise das Gefühl, dass sie ihm immer noch nicht entkommen können.

• Sie haben möglicherweise das Gefühl, dass ihre Situation in Bezug auf Menschenhandel besser ist, als wenn sie frei wären. Möglicherweise gibt es nicht genug Unterstützung durch die Familie oder die Gemeinschaft, um es alleine zu schaffen.

• Es kann kulturell bedingt sein, dass gefordert wird „nicht darüber zu sprechen“. Sie schämen sich vielleicht zu sehr, um zu gehen und Hilfe anzunehmen, wenn es in ihrer Kultur normal ist, Missbrauch geheim zu halten.

• Viele Betroffene glauben aufgrund ihres geringen Selbstwertgefühls durch Missbrauch in der Kindheit oder durch Ausbeutung im Sexhandel, dass sie es VERDIENEN, missbraucht zu werden. Diese Traumaopfer fühlen, dass sie es nicht
wert sind, Sicherheit, Liebe und gesunde menschliche Beziehungen zu erfahren.

• Viele Betroffene fühlen sich durch ihre Erfahrungen mit Menschenhandel so verändert, dass sie nicht glauben, jemals wieder in die „reale“ Welt hineinpassen zu können. Aufgrund dieser Überzeugung haben sie das Gefühl, dass es keinen Sinn macht, vor ihrem Menschenhändler zu fliehen.“

Quelle: Human Trafficking Survivors: Survivor/Parent Questions (htsurvivors.to)

Warum schreibe und spreche ich in letzter Zeit so viel über Trauma-Bonding? Ich spreche darüber, weil ich davon betroffen war (auf mich passen nahezu alle Punkte, die oben aufgelistet worden sind) und weil ein Großteil des Menschenhandels, den ich in Deutschland gesehen habe, Menschenhandel durch die eigene Familie und durch Partner war, bei dem diese Trauma-Bindung jeden Tag präsent war und letztlich der Hauptgrund dafür war, dass die Opfer der Ausbeutung nicht entkommen konnten und sich niemandem geöffnet haben. 

Diese Frauen wollen diesem Missbrauchskreis entkommen, sie wollen gehen und dem Menschenhändler entkommen, aber sie können nicht. Sie sind in oft unsichtbaren Ketten eingeschlossen. Dass sie nicht gehen können, heißt nicht, dass sie bleiben wollen. Es bedeutet, dass sie zu schwach sind, um zu gehen und deswegen Hilfe benötigen. Um wirklich helfen zu können, braucht es Verständnis. Und das bedeutet auch, sich dieser unsichtbaren Ketten bewusst zu sein und vor allem: wie man sie durchbrechen kann.

Wenn ich also auf meine Situation des Menschenhandels (Loverboy-Methode) zurückblicke, hätte es mir sehr geholfen, wenn es Menschen/Behörden/Gesetze/Polizei/Richter/Staatsanwälte gegeben hätte, die alle Mechanismen des Menschenhandels inkl. Trauma-Bonding (und es gibt noch viele mehr) verstanden und Fähigkeiten in ihrer Hand gehabt hätten, mir zu helfen den Kreislauf dieser traumatischen Bindung zu durchbrechen und meinen Menschenhändler zur Rechenschaft zu ziehen. In Deutschland habe ich das Wort Trauma-Bonding von Autoritäten eigentlich noch nie gehört, wenn es um Menschenhandel geht, aber es ist wichtig, es zu benennen und darüber zu sprechen, weil so viele Opfer von Menschenhandel davon betroffen sind.

Wir müssen die Augen diesbezüglich offenhalten, wenn wir Gesetze machen, diese umsetzen und wenn wir mit Opfern in Kontakt kommen.

Bitte klärt darüber auf.

Im nachfolgend verlinkten Video, das einen Teil der kürzlich stattgefundenen Fachtagung von der Konrad Adenauer Stiftung, Gemeinsam gegen Menschenhandel und der OSCE (ODIHR) wiedergibt, spreche ich u.a. über das Thema Trauma-Bonding ab Minute 46:20 (in englischer Sprache). Ich erstelle nun auch einen eigenen Menüpunkt „Videos„, den ich ausbauen werde, sowie einen extra Menüpunkt „Trauma-Bonding„, denn ich wünsche mir sehr, dass diesem vernachlässigten Thema in Zukunft viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird.

*Trauma Bonding – ein Text über Täterbindungen speziell bei der Loverboy-Methode | (sandranorak.com)

Bericht der OSZE – Komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel verstehen | (sandranorak.com)

Mutmaßlich Privatdetektiv auf mich angesetzt

Bild: Verena Müller

Ja, ihr lest richtig. Ich wusste erst nicht, wie ich mit dieser Info umgehen sollte, aber ich habe beschlossen, sie öffentlich zu machen.

Vielleicht sitzt also gerade, etwas zugespitzt, irgendwo hinterm Gebüsch vor meinem Haus der Detektiv der Pro-Prostitutions-Lobby, um zu enttarnen, dass ich niemals in der Prostitution war und mein Zuhälter überhaupt nie existierte?

Ich habe von Informanten erfahren, dass ein paar Leute aus dem Milieu seitens der Pro-Prostitutions-Lobby einen Privatdetektiv auf mich angesetzt hätten, um zu gucken, ob ich denn in der Prostitution war und an meiner Geschichte überhaupt was dran ist. Falls das ernsthaft stimmen sollte, die haben wahrscheinlich den aktuellen Text hier noch nicht gelesen (bis zum Schreiben dieses Textes, in dem ich auch über erlangte Beweismittel spreche, musste ich mich wegen des Ermittlungsverfahrens immer bedeckt halten – mir wurde während des Ermittlungsverfahrens von der Pro-Lobby ja vieles unterstellt, worauf ich zu dieser Zeit wegen des laufenden Verfahrens nicht reagieren konnte, was ich auch im Text berichte):

Ich habe angezeigt – Ermittlungsverfahren gegen meinen Menschenhändler nach über 2 Jahren eingestellt | (sandranorak.com)

Naja, falls die Leute, die einen Detektiv auf mich angesetzt haben, hier mitlesen: einen Namen kenne ich. Anstatt Geld zu investieren, einen Detektiv auf mich anzusetzen, sollten Sie lieber den Frauen, die in Ihren Bordellen arbeiten, die Miete erlassen, damit sie nicht ihren Arsch für Sie hinhalten müssen. Euer „geheime Plan“ ist jetzt jedenfalls nicht mehr geheim, sondern öffentlich, falls er denn wirklich stimmt und (noch) ausgeführt wird. Dieses vermeintliche Vorhaben sagt vieles über euch aus und es zeigt, wie schon lange seitens der Profiteure des Milieus versucht wird, jegliche Stimmen von Aussteigerinnen, die negativ über ihre Prostitutionserfahrung sprechen, zum Schweigen zu bringen. Ich bin eine laute Stimme, diese würden einige Profiteure gerne im Keim ersticken.

Jetzt gebe ich euch und vor allem den ganzen betroffenen Frauen, die mir folgen und an meiner Seite stehen, weil sie nämlich auch viel Leid erlebt haben, ein Versprechen:

ICH WERDE NIEMALS SCHWEIGEN.

Nun noch zum sog. „Internationalen Hurentag“ heute:

Meine Solidarität ist heute bei allen, die im Prostitutionssystem viel Leid erleben oder erlebt haben und die heute, am sog. internationalen Hurentag, betroffen und verletzt über so viele Verharmlosungen bezüglich Prostitution in den Medien sind. Meine Solidarität ist bei jenen, die ihre Geschichte erzählen und von den Profiteuren des Systems dafür angegriffen werden, weil es deren Profit schadet. Je weniger Gewalt sichtbar, je weniger Menschenhandel und Leid sichtbar, desto besser für viele Profiteure, denn sie können sagen: schaut, wir haben doch nur so wenig Ausbeutung und Gewalt und es ist doch alles kein Problem.

Dass wir in Deutschland ein großes Problem haben, das weiß jeder, der eine gewisse Erfahrung in diesem Bereich hat.

Gewalt ist allgegenwärtig in der Prostitution. Ausbeutung, Menschenhandel, Zwangsprostitution sind keine Randerscheinungen, sondern alltägliche Realitäten.

Keine von uns ist oder war eine „Hure“.

Wir sind Menschen, Frauen, mit Schicksalsschlägen. Mit Herz. Mit Verstand. Mit Geschichten, die wir niemandem wünschen. Mit dem Willen, etwas zu verändern, damit es anderen besser ergehen wird.

In letzter Zeit haben mich viele Betroffene angeschrieben. Entweder, weil sie Hilfe suchen oder weil sie einfach nur reden und Kontakt möchten. Manch ein Zuhälter sitzt im Gefängnis, die allermeisten nicht. Für viele Frauen bedeutet ihre Erfahrung in der Prostitution, in der Ausbeutung, ein „lebenslänglich“. Ein lebenslängliches Trauma, lebenslängliche Erinnerungen an Gewalt und Entwürdigung.

Und Deutschland schaut immer noch weg. Es ist besser geworden, aber es genügt noch nicht, die Taten bleiben immer noch aus.

Aber wir werden mehr. Wir werden lauter. Und wir werden nicht aufgeben. Für die, die keine Stimme haben. Für die, die in einem System voller Gewalt festsitzen. Ihr seid nicht allein.

Demand As Root Cause For Human Trafficking – Sex Trafficking & Prostitution

My testimony about demand and a few mechanisms of trafficking and prostitution at a webinar is online. The webinar was with:

Professor Michel Veuthey, Ambassador of the Sovereign Order of Malta to Monitor and Combat Trafficking in Persons

Sr. Mirjam Beike, Representative at the UN in Geneva for the Sisters of Our Lady of Charity of the Good Shepherd

Brian Iselin, Founder of Geneva-based Slave Free Trade, a nonprofit working on leveraging the might of the blockchain to rid the world of slave labor

Sr. Lea Ackermann, Founder of SOLWODI, an international association that helps women in emergency situations

Inge Bell, German human rights activist, entrepreneur and second chairperson of the women’s rights organization Terre des Femmes and the Bavarian branch of the aid organization Solwodi

Trauma Bonding – ein Text über Täterbindungen speziell bei der Loverboy-Methode

Foto: 2019 war ich in Washington, D.C., und dort im „National Museum of Women in the Arts„. Dort ist das Bild entstanden. Der Text auf dem Bild wurde von mir eingefügt.

Wir kennen sie wahrscheinlich alle: die Geschichten von häuslicher Gewalt, in denen die betroffene Frau bei ihrem gewalttätigen Mann bleibt. Man fragt sich als Außenstehender, der nicht ins Thema eingearbeitet ist: was ist nur los mit der? Warum wehrt die sich nicht? Warum verlässt sie ihn nicht einfach?

Im Bereich der Loverboy-Methode fragen sich auch viele: warum lässt die das mit sich machen, warum gehen die Frauen denn nicht einfach, wenn sie die Möglichkeit dazu haben bzw. nicht irgendwo eingesperrt sind?

Weil es für die Betroffenen nicht so einfach ist, denn wenn es so einfach wäre, dann würden sie sich dem Täter, logischerweise, entziehen.

Warum die Frauen sich nicht befreien können, dafür kann es verschiedene Gründe geben und viele davon greifen häufig ineinander über. Ein nicht selten anzutreffender Grund neben meist weiteren Problemlagen nennt sich „Trauma Bonding“. Dieses Trauma Bonding kommt oft zwischen Menschenhändler/Zuhälter und seinem Opfer vor, meist dann, wenn die Täter die Familie oder die Partner sind. Es ist der Missbrauch von Macht, das gezielte Erzeugen einer Abhängigkeit sowie die Unterdrückung der Person, um sie in die Ausbeutung zu bringen und dort zu halten. Speziell bei unerfahrenen und sehr jungen Mädchen und Frauen ist diese Vorgehensweise „erfolgreich“.

Das Problem: diese Frauen sind häufig zu schwach, um sich zu wehren. Dafür hat der Täter gezielt und strategisch gesorgt.

Stichwort: „Trauma Bonding“

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Ich habe angezeigt – Ermittlungsverfahren gegen meinen Menschenhändler nach über 2 Jahren eingestellt

Dieser Text wird etwas länger. Kürzer geht einfach nicht. Ich habe dem Tag entgegen gefiebert, ihn zu schreiben. Diese Sache bzw. dass überhaupt ein Ermittlungsverfahren lief, das war bis jetzt nicht öffentlich. Es geht um ein bedeutendes Thema. Wer den Text beginnt, sollte ihn bis zum Ende lesen und bei zu wenig Zeit lieber später nochmal vorbei schauen und ihn dann komplett lesen. Es geht um ein wichtiges Kapitel meines Lebens, aber vielmehr noch geht es vor allem auch um allgemeine Dinge im Bereich der Strafverfolgung speziell im Bereich Menschenhandel und der Loverboy-Methode sowie um das Aufzeigen von komplexen Verstrickungen und Mechanismen dort und im Rotlichtmilieu, über die ich immer wieder berichte und die ich nun an meinem Fall noch konkreter und anschaulicher darlegen kann. Es geht auch um die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden und den Umgang mit Betroffenen im Bereich der Loverboy-Methode.

Ich habe die Justitia als Bild für diesen Beitrag gewählt. Warum? Dazu möchte ich den Juristen Heribert Prantl zitieren:

"Warum trägt die Justitia eine Augenbinde? Die landläufige Antwort lautet: weil sie ohne Ansehen der Person urteilen will und urteilen soll. Die Wahrheit ist eine andere. Die Justiz schämt sich, sie schämt sich dafür, wie sie mit den Opfern umgeht, sie schämt sich dafür, dass sie sich nur auf die Täter konzentriert, aber es an Fürsorge für die Opfer fehlen lässt. Das ist ein Jahrhundertfehler der Justiz, das gehört abgestellt."[1] 

In der Tat, die Justitia schämt sich sicherlich für diese Konzentration auf die Täter und die mangelnde Fürsorge für die Opfer, und ja, dieser Jahrhundertfehler, der auch in meinem Verfahren zu Tage getreten ist, gehört abgestellt.

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Gespräch und Diskussion mit Liliam Altuntas

Am Freitag, den 30.04.2021, hat Liliam Altuntas zum ersten Mal öffentlich in Deutschland gesprochen und uns ihre Geschichte erzählt.

Bereits im Alter von 6 Jahren wurde Liliam von ihrem Onkel sexuell missbraucht und geriet danach in die Fänge von Menschenhändlern. Im Alter von 14 Jahren wurde sie von Brasilien nach Deutschland in die Prostitution gezwungen.

Das Video geht fast 3 Stunden. Bitte nehmt euch die Zeit und hört ihr zu. Sie ist eine ganz starke, warmherzige, liebenswürdige und tolle Frau. Liliam hat uns zum Weinen, aber auch zum Lächeln gebracht.

Edit:

Das Gespräch ist jetzt auf YouTube, die anfänglichen 10 Minuten mit Warten und Technikproblemen konnte ich rausschneiden.

Ein Text über die Sexualität von Frauen

Für dieses Thema bin ich eigentlich die falsche Ansprechpartnerin, dachte ich anfangs. In gewisser Weise schon, aber letztlich auch wieder nicht, denn ich habe einiges erlebt, gesehen und gehört. Meine Geschichte und der Umgang damit ist der Grund, weshalb mich immer wieder Frauen ansprechen, die Rat suchen und mit mir über dieses Thema reden möchten. Über ein spezielles Thema: es ist das Thema Sexualität von Frauen im Generellen oder eher: warum mit ihrem Partner diesbezüglich alles schiefläuft.

Dieses Thema ist sehr schambehaftet und daher wird es häufig unter den Teppich gekehrt. Deshalb mache ich es nun einmal publik und fasse in diesem Text die wichtigsten Punkte zusammen, die ich immer wieder höre, denn es betrifft sehr viele Frauen.

Das Thema Sexualität von Frauen ist ein Thema, welches auch, aber nicht nur etwas mit der Prostitution zu tun hat. Mit der Prostitution hat es nur insofern etwas zu tun, als dass die Prostitutionsausübung rein gar nichts mit der Sexualität von Frauen zu tun hat.

Frauen in der Prostitution prostituieren sich nicht, weil sie Lust auf Sex haben, sondern sie tun es für Geld, wobei die Gründe dafür divers sein können: Ausbeutung durch Dritte, Trauma, Armut, eine Kombination aus allem, etc. Natürlich müssen sie sagen, dass sie das alles toll finden und auch so tun, das gehört zum „Geschäft“ dazu, zur Illusion, die man für den Freier schaffen muss, dafür wird man bezahlt – die Wahrheit ist es allerdings nicht. Dort, wo Sexualität gekauft wird, kann logischerweise keine Lust entstehen. Im Gegenteil. Es fühlt sich an wie Missbrauch. Eine Aussteigerin sagte mal, es ist wie ein Vertrag, den man unterschreibt, vergewaltigt zu werden. Ich stimme ihr vollends zu, so ähnlich fühlt es sich an. Man hat seine Einwilligung „in den Akt“ zwar abgegeben, aber das Gefühl, missbraucht zu werden, das verschwindet dadurch nicht.

Wer spricht heutzutage schon offen über die Sexualität von Frauen? Viele schauen Pornos und dort wird quasi verkauft, dass die dort ausgeübte Sexualität das sei, was Männer und Frauen wollen. Es findet dadurch auch eine Art Sozialisation statt, wie Sex auszusehen hat. Dass Männer das oftmals wollen, weiß ich leider durch das, was ich in der Prostitution gesehen habe. Was in Pornos stattfindet, ist allerdings nicht das, was Frauen schön finden. Pornografie ist letztlich nur gefilmte Prostitution. Das, was die allermeisten Frauen nicht wollen, ist mit der Pornografie daher in den Haushalten von vielen heterosexuellen Beziehungen angekommen – und wird als Basis für sexuelle Handlungen verwendet. Das entfremdet die Frauen meist vollständig von ihrer eigenen Sexualität. Viele werden auch taub in Bezug auf ihre eigenen Empfindungen.

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Aufklärungsarbeit in Schulen

Heute war ich wieder bzgl. Aufklärungsarbeit im Bereich Prostitution und Menschenhandel an einer Schule bzw. wegen Covid-19 wurde das online durchgeführt. Mittlerweile wird vermehrt über die Themen Prostitution und Menschenhandel (insbesondere auch über die Loverboy-Methode) gesprochen, aber trotzdem noch zu wenig. Diese Themen gehören aber flächendeckend in den Schulunterricht, denn es ist die Aufgabe des Staates, Kinder und Jugendliche zu schützen. Diese flächendeckende Aufklärung gibt es leider immer noch nicht.

An das erste Mal Aufklärungsarbeit in der Schule kann ich mich gut erinnern. Ich war so dermaßen nervös, dass ich kurz vorm Weglaufen war. Junge Menschen, die in dem Alter sind, in dem ich damals rekrutiert wurde. Das hat irgendwas in mir ausgelöst und tut es heute noch, wenn ich mit ihnen rede. Ich fühle eine ganz besondere Verantwortung und auch eine Art Verbundenheit, denn sie sind ein noch verletzlicher und ganz besonders zu schützender Teil unserer Gesellschaft. Auch ich gehörte damals zu diesem Teil.

Letztlich ist die Arbeit mit jungen Menschen genau das, was am aller wichtigsten ist und mir viel bedeutet. Sie sind es, die heranwachsen und die neue Generation bilden, die unsere Gesellschaft in Zukunft prägen und formen werden. Wenn jemand langfristig diese Welt verändern kann, auch in Bezug auf die Themen Prostitution und Menschenhandel, dann sind sie es.

Wenn ich mit Jugendlichen und Heranwachsenden ins Gespräch komme, dann kann ich in deren Reaktionen sehen, dass es unmittelbar, jetzt in diesem Moment, etwas bringt, was ich hier tue.

Einmal war ich in einer Klasse, in der ein Junge anfangs vor dem Gespräch sehr auffällig und nervös war. Während der Diskussion hat er sich dann gemeldet und gesagt, dass sein Vater Zuhälter und im Gefängnis war und dass er es total super findet, dass ich aus einer anderen Perspektive darüber berichte. Wie aus einem Wasserfall ist alles aus ihm herausgebrochen. Die Lehrerin schien diese Offenbarungen auch nicht erwartet zu haben. Die Gespräche dort waren sehr locker, wie eine Art Lagerfeuergespräch unter Kumpels, alles auf einer Wellenlänge. Die Schüler und Schülerinnen waren sehr interessiert und bombardierten mich regelrecht mit Fragen – wie nahezu immer, wenn ich an Schulen oder sonstigen Jugendeinrichtungen auftauche und mit diesen ins Gespräch komme.

Dann war ich auch mal ganz oben im Norden Deutschlands an einer Schule. Das hatte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt dort organisiert. Da wurden am Ende meines Vortrags Zettel ausgeteilt, auf die die Schüler und Schülerinnen Fragen schreiben konnten, die sie an mich haben. Somit war das eine Art anonyme Fragestunde, ohne dass sich jemand melden musste. Ich habe dann Zettel um Zettel aus der Box genommen und die Fragen laut vorgelesen und sie beantwortet. Eine Frage davon war, wo man sich Hilfe suchen kann, wenn man sexuell missbraucht wird. Warum solch eine Frage gestellt wird, kann man mutmaßen. Auch diese Frage habe ich laut vorgelesen und beantwortet, denn nun stand die Möglichkeit im Raum, dass ein Schüler oder eine Schülerin hier sexuell missbraucht wird, sich nicht offenbaren, aber eine professionelle Anlaufstelle suchen möchte. Auszuschließen war das jedenfalls bei so einer Fragestellung nicht. Die Lehrerin sowie auch ich waren besorgt und gaben die nötigen Hilfestellungen sowie auch Gesprächsangebote.

Man denkt es nicht, aber nahezu in jeder Schule und Einrichtung, wo ich war, gab es Schnittpunkte zum Rotlicht /Prostitution oder zu sexuellem Missbrauch. Die Teilnehmenden heute waren etwas älter als 15 Jahre, als ich zunächst dachte. Eine davon war als Minderjährige schon in der Prostitution. Dies zeigt sehr gut, dass die Aufklärung früher beginnen muss. Viele denken immer, diese Themen sind so weit weg, aber das sind sie ganz und gar nicht. Sie finden mitten unter uns statt, werden nur häufig leider totgeschwiegen, was Kindern und Jugendlichen nicht hilft, im Gegenteil.

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Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit – wie ich dazu kam, was diese in sich birgt und was ich mir von Menschen wünsche, die mit Aussteigerinnen und Betroffenen zum Zweck der Informationsgewinnung sprechen

Angefangen hat es bei mir mit diesem Blog. Zunächst habe ich einfach nur anonym geschrieben, denn ich liebe das Schreiben und fing das schon in sehr jungen Jahren an. Es war eine Art Ventil für mich. Dass ich mich schon früh aufgrund der Situation zuhause ins Internet geflüchtet habe, ist ja bekannt und früher habe ich dann im Internet vor allem auch viele Gedichte und Aphorismen auf einer Literaturplattform geschrieben, mich dort mit anderen Schreibenden ausgetauscht und war auch Teil einer Anthologie. Heute kann ich im Generellen aber nur ausdrücklich und mit Nachdruck davor warnen, dass Kinder und Jugendliche über ihre Probleme, wie ich damals, im Internet schreiben und darüber erzählen, sei es in Gedichten, Chaträumen, Instagram, Facebook, etc., denn leider gibt es viele, die die wunden Punkte der Kinder und Jugendlichen für ihre Zwecke zu nutzen wissen, so wie es mein Zuhälter dann tat, als ich ihn im Chat kennenlernte. Ihr könnt eure Kinder natürlich nicht dauerüberwachen, aber ihr solltet sie frühzeitig über mögliche Gefahren des Internets aufklären. Das ist zwar leider keine Garantie dafür, dass sie von den Gefahren verschont bleiben, aber jedenfalls eine wichtige und dringend nötige Warnung, so dass sie zumindest sensibilisiert sind und bestimmte Muster und Vorgehensweisen erkennen können.

Das Schreiben auf diesem Blog war anfangs vor allem eine Art Auseinandersetzung mit meinen ganzen Jahren im Milieu, denn vieles habe ich zunächst selbst überhaupt gar nicht richtig einordnen können. Dass es sehr vielen Betroffenen ähnlich geht, merke ich auch daran, dass mich immer wieder Frauen aus der Prostitution anschreiben und mir sagen, dass ihnen meine Texte helfen oder es ihnen hilft, wenn sie mich sprechen hören, um die ganzen (psychologischen) Zusammenhänge und Mechanismen und somit auch ihre eigene Geschichte in ihrer jeweils individuellen Ausprägung vollends verstehen sowie teilweise auch erst aufarbeiten zu können. Vor allem im Bereich der Loverboy-Methode. Außenstehende, die nicht in diesem Thema drin sind, können das häufig nicht nachvollziehen, da ist es mehr als gut mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten und sich austauschen zu können.

Durch diesen Blog bekam ich dann jedenfalls nach und nach Kontakte zu anderen Menschen, die in diesem Bereich aufklären und Stück für Stück habe ich meine Anonymität immer weiter aufgegeben. Das war alles ein Prozess. Ich wusste, dass es unschön werden wird, wenn ich anfange, mein Gesicht zu zeigen und aus der Anonymität heraus zu treten, aber irgendwann war ich an dem Punkt angelangt, dass ich es dennoch tat.

Und ja, es wurde sehr unschön, aber damit hatte ich gerechnet und dies in Kauf genommen.

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Prostitution & Vergewaltigung

Prostitution als empowernde und problemlose „Sexarbeit“? Hierbei wird immer ausgeblendet, wie enorm hoch vor allem die sexuellen Gewalterfahrungen in der Prostitution sind, u.a. Vergewaltigungen und andere sexuelle Übergriffe. Natürlich gibt es auch diverse andere Übergriffe, aber mir geht es nachfolgend nun vor allem um sexuelle Gewalt. Ja, Profiteure der Sexindustrie (ob sie nun unmittelbar oder mittelbar profitieren) leugnen das, sie wollen die heile Glitzerwelt der Prostitution aufrecht erhalten, um ihren Profit zu schützen. Das ändert aber nichts an den hohen sexuellen Gewalterfahrungen in der Prostitution, wozu es im Übrigen auch Studien gibt, die dies belegen. Junge Menschen, vor allem Mädchen und junge Frauen, haben ein Recht darüber aufgeklärt zu werden, um gewarnt zu sein, anstatt die Schleife der ewigen Verharmlosungen und Bagatellisierungen von Prostitution zu hören!

Reden wir also Klartext: Prostitution ist der Garant dafür, schwere sexuelle Gewalterfahrungen zu machen.

Die Wahrscheinlichkeit, in der Prostitution vergewaltigt zu werden oder anderen sexuellen Übergriffen ausgesetzt zu sein, ist enorm hoch. In der Prostitution finden oft Vergewaltigungen sowie auch andere sexuelle Übergriffe gegen die Frauen statt. Hinter verschlossenen Türen. Sie bleiben meist ungeahndet. Manche Freier sowie auch andere Personen sind der Ansicht, eine prostituierte Frau könne man gar nicht vergewaltigen, man habe sie schließlich für den Geschlechtsverkehr bezahlt. Dies ist natürlich, auf gut Deutsch gesagt, totaler Quatsch. Unabhängig davon, dass Prostitution an sich für die meisten Frauen eine sexuelle Gewalterfahrung darstellt und schwer traumatisierend ist, sie die erlebte und gefühlte Gewalt aus Schutzgründen heraus aber meist leugnen müssen, sind Vergewaltigungen selbstverständlich auch in der Prostitution möglich und finden dort auch zahlreich statt. Das Problem ist allerdings: wer glaubt schon einer prostituierten Frau, die erzählt, sie sei vergewaltigt worden? Diese Frage schwebt in den Köpfen vieler der Frauen herum und ist einer der Gründe, warum viele nicht anzeigen. Sie schämen sich eh schon für ihr Leben und ihr ganzes Dasein und dann noch die mögliche Gefahr in Kauf nehmen, dass man von einer Vergewaltigung erzählt, die einem keiner glaubt? Will man das? Nein, es ist das Letzte, was man in dieser Situation braucht.

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