Autor: Sandra Norak

Save the date: Gespräch mit Liliam und mir, 30. April, 19-21:30 Uhr

Liliam und ich möchten am 30. April zu einem Gespräch (online) einladen.

Liliam Altuntas ist Betroffene von Menschenhandel und (Zwangs-)Prostitution. Sie wurde von Brasilien auch nach Deutschland in die Prostitution gezwungen. Sie wird über sich erzählen, über ihren Weg, vor allem auch über den, den sie jetzt als Aktivistin geht. Wir werden vor allem auch über Prostitutionspolitik sprechen und über die italienische sowie über die deutsche aktuelle Lage. Es wird eine Art gegenseitiges Interview werden, welches Liliam später mit italienischen Untertiteln versehen und auch in Italien nutzen möchte. Liliam setzt sich ebenfalls für das Nordische Modell ein.

Weiteres könnt ihr dem Flyer entnehmen (Zoom-Link zur Veranstaltung wird nach Anmeldung geschickt). Ich versuche auch eine Live-Übertragung zusätzlich auf Facebook, aber besser anmelden unter sandra.norak@mail.de .

Das Buch über Liliam heißt „I girasoli di Liliam: La storia vera di Liliam Altuntas da bambina schiava sessuale in Brasile al grande sogno realizzato in Italia“, ist aber momentan nur auf italienisch verfügbar. Falls jemand italienisch kann: https://www.amazon.it/girasoli-Liliam…/dp/8894947165

Aufklärungsarbeit in Schulen

Heute war ich wieder bzgl. Aufklärungsarbeit im Bereich Prostitution und Menschenhandel an einer Schule bzw. wegen Covid-19 wurde das online durchgeführt. Mittlerweile wird vermehrt über die Themen Prostitution und Menschenhandel (insbesondere auch über die Loverboy-Methode) gesprochen, aber trotzdem noch zu wenig. Diese Themen gehören aber flächendeckend in den Schulunterricht, denn es ist die Aufgabe des Staates, Kinder und Jugendliche zu schützen. Diese flächendeckende Aufklärung gibt es leider immer noch nicht.

An das erste Mal Aufklärungsarbeit in der Schule kann ich mich gut erinnern. Ich war so dermaßen nervös, dass ich kurz vorm Weglaufen war. Junge Menschen, die in dem Alter sind, in dem ich damals rekrutiert wurde. Das hat irgendwas in mir ausgelöst und tut es heute noch, wenn ich mit ihnen rede. Ich fühle eine ganz besondere Verantwortung und auch eine Art Verbundenheit, denn sie sind ein noch verletzlicher und ganz besonders zu schützender Teil unserer Gesellschaft. Auch ich gehörte damals zu diesem Teil.

Letztlich ist die Arbeit mit jungen Menschen genau das, was am aller wichtigsten ist und mir viel bedeutet. Sie sind es, die heranwachsen und die neue Generation bilden, die unsere Gesellschaft in Zukunft prägen und formen werden. Wenn jemand langfristig diese Welt verändern kann, auch in Bezug auf die Themen Prostitution und Menschenhandel, dann sind sie es.

Wenn ich mit Jugendlichen und Heranwachsenden ins Gespräch komme, dann kann ich in deren Reaktionen sehen, dass es unmittelbar, jetzt in diesem Moment, etwas bringt, was ich hier tue.

Einmal war ich in einer Klasse, in der ein Junge anfangs vor dem Gespräch sehr auffällig und nervös war. Während der Diskussion hat er sich dann gemeldet und gesagt, dass sein Vater Zuhälter und im Gefängnis war und dass er es total super findet, dass ich aus einer anderen Perspektive darüber berichte. Wie aus einem Wasserfall ist alles aus ihm herausgebrochen. Die Lehrerin schien diese Offenbarungen auch nicht erwartet zu haben. Die Gespräche dort waren sehr locker, wie eine Art Lagerfeuergespräch unter Kumpels, alles auf einer Wellenlänge. Die Schüler und Schülerinnen waren sehr interessiert und bombardierten mich regelrecht mit Fragen – wie nahezu immer, wenn ich an Schulen oder sonstigen Jugendeinrichtungen auftauche und mit diesen ins Gespräch komme.

Dann war ich auch mal ganz oben im Norden Deutschlands an einer Schule. Das hatte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt dort organisiert. Da wurden am Ende meines Vortrags Zettel ausgeteilt, auf die die Schüler und Schülerinnen Fragen schreiben konnten, die sie an mich haben. Somit war das eine Art anonyme Fragestunde, ohne dass sich jemand melden musste. Ich habe dann Zettel um Zettel aus der Box genommen und die Fragen laut vorgelesen und sie beantwortet. Eine Frage davon war, wo man sich Hilfe suchen kann, wenn man sexuell missbraucht wird. Warum solch eine Frage gestellt wird, kann man mutmaßen. Auch diese Frage habe ich laut vorgelesen und beantwortet, denn nun stand die Möglichkeit im Raum, dass ein Schüler oder eine Schülerin hier sexuell missbraucht wird, sich nicht offenbaren, aber eine professionelle Anlaufstelle suchen möchte. Auszuschließen war das jedenfalls bei so einer Fragestellung nicht. Die Lehrerin sowie auch ich waren besorgt und gaben die nötigen Hilfestellungen sowie auch Gesprächsangebote.

Man denkt es nicht, aber nahezu in jeder Schule und Einrichtung, wo ich war, gab es Schnittpunkte zum Rotlicht /Prostitution oder zu sexuellem Missbrauch. Die Teilnehmenden heute waren etwas älter als 15 Jahre, als ich zunächst dachte. Eine davon war als Minderjährige schon in der Prostitution. Dies zeigt sehr gut, dass die Aufklärung früher beginnen muss. Viele denken immer, diese Themen sind so weit weg, aber das sind sie ganz und gar nicht. Sie finden mitten unter uns statt, werden nur häufig leider totgeschwiegen, was Kindern und Jugendlichen nicht hilft, im Gegenteil.

Es braucht hier konstante und offene Gespräche über diese Themen, die auch das Thema Sexualität im Generellen beinhaltet (denn es geht auch darum, seine eigenen Grenzen setzen zu lernen und diejenigen von anderen zu respektieren, aber darüber werde ich mal einen eigenen Text schreiben, denn auch diesbezüglich gibt es breiten Aufklärungsbedarf) sowie auch das Thema sexuelle Gewalt. Dies natürlich alles mit der nötigen Sensibilität, aber sie müssen stattfinden.

Ich sage auch jedes Mal, wenn ich in Schulen oder andere Einrichtungen gehe, dass niemand im Raum bleiben muss und der Raum jederzeit verlassen werden kann (online kann ja sowieso jeder von selbst abschalten), ohne Gründe dafür anzugeben, denn es gibt leider nicht selten Kinder und Jugendliche, die vor allem im nahen Umfeld schon einmal mit sexuellem Missbrauch zu tun hatten und die es schwer triggern kann, was ich über Prostitution und Menschenhandel erzähle, da diese Themen ebenfalls das Thema sexuelle Gewalt umfassen. Dass der Raum jederzeit verlassen werden kann, ohne dies begründen zu müssen, sage ich deshalb ganz am Anfang vorneweg, damit sich niemand als Missbrauchsopfer outen muss, um aus dem Raum gehen zu dürfen. Ich nenne auch nicht den Grund, weshalb ich sage: „Ihr könnt den Raum jederzeit ohne Gründe anzugeben verlassen“, da es ja sonst letztlich ein indirektes Outing wäre, wenn ich sagen würde: „Wenn es euch triggert, was ich hier gleich erzähle, weil ihr selbst oder jemand euch nahestehendes Missbrauch erlebt habt bzw. hat, dürft ihr gerne den Raum verlassen.“ Ich sage anfangs nur, dass das Thema kein gerade angenehmes Thema ist und ich verstehen kann, wenn jemand sich das nicht bis zum Schluss anhören möchte. Sie haben vorher die Wahl, ob sie hören möchten, was ich sage, und sie haben nach Beginn die ganze Zeit die Wahl, das Klassenzimmer verlassen zu können. Wenn dann später jemand den Raum verlässt, so weiß ich sowie die dafür sensibilisierten Lehrer und Lehrerinnen, dass da auch Missbrauchserfahrungen dahinterstecken können. Dass wir das dann wissen genügt, das muss man vorher nicht vor der gesamten Klasse ausbreiten, was letztlich nur bedeuten würde, dem/der Betroffenen die Möglichkeit zu nehmen, den Raum zu verlassen – und zwar aus Angst vor Outing.

Ich werde, wenn ich mit jungen Menschen spreche, nicht mal ansatzweise so detailreich wie hier im Blog oder anderswo und weiß schon, was ich sagen kann und was nicht, sodass die Schwere des Themas nicht zu arg auf dem Magen liegt und ich versuche auch immer es mit einem gewissen Humor an manchen Stellen zu machen. Das Thema ist natürlich nicht lustig, aber ich sehe es dennoch als wichtig an, dass an bestimmten Stellen (nicht an den Falschen!) auch mal geschmunzelt oder gelacht wird, sodass der Ballast nicht zu groß wiegt, denn ich möchte diesen jungen Menschen durch Aufklärung Wissen vermitteln und ihnen damit helfen niemals in dieses Leben abzurutschen, nicht aber möchte ich sie zusätzlich belasten. Manchen kann aber auch das zu viel sein, vor allem dann, wenn sie unmittelbar oder mittelbar selbst mit Missbrauch zu tun hatten und viele Triggerpunkte bestehen, deshalb müssen sie aus dem Raum gehen dürfen ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Das auch als guten Ratschlag für diejenigen, die auch mit jungen Menschen in diesem Bereich arbeiten. Und wenn jemand den Raum verlässt, dann kann er emotional sehr aufgewühlt sein. Lasst denjenigen runterkommen, lasst ihm seine Emotionen, die man oftmals nur gegenüber sich selbst zeigen kann, die vielleicht auch zum ersten Mal oder nach langer Zeit wieder hochkommen, fragt mit hoher Sensibilität nach, ob alles ok ist, ob derjenige sprechen oder eine Hilfestellung möchte. Wenn er es verneint, dann sagt ihm, dass er dennoch jederzeit kommen kann, wenn er es sich anders überlegt. Bedrängt ihn nicht, aber habt ein Auge auf denjenigen. Feingefühl ist ganz wichtig in solchen Situationen.

Dann war ich auch mal in einem psychotherapeutischen Wohnheim der stationären Jugendhilfe. Da saßen wir alle mit Stühlen in einem Kreis zusammen und haben über die Themen Prostitution und Menschenhandel gesprochen. Da hatte ich das Gefühl, ganz besonders aufpassen zu müssen, was ich wie sage und formuliere, um keine Wunden aufzureißen oder zu verursachen. Die waren allerdings schon so „vom Leben gezeichnet“, dass die viel weniger Hemmungen hatten und mir viel direktere Fragen gestellt haben und noch viel mehr wissen wollten. Ein Mädchen stellte mir auch die Frage, wieso sie über all das, was ich erzähle, nicht in der Schule aufgeklärt werden, obwohl das so ein wichtiges Thema ist. Da habe ich ihr gesagt, dass das eine gute Frage ist und ich mich das auch ständig frage.

Auf der einen Seite betitelt man Prostitution als Dienstleistung, auf der anderen Seite möchte keiner so wirklich darüber sprechen, weil es so schambehaftet ist. Die jungen Menschen werden also zwangsläufig in unserer die Prostitution so liberal handhabenden Gesellschaft damit konfrontiert durch Zeitungen, Werbungen, Plakate, Fernsehen, aber mit ihnen reden und aufklären, das kommt viel zu kurz. Aufgeklärt wird viel zu wenig, oft nicht richtig sowie nicht flächendeckend.

Ich war in vielen weiteren Schulen und Einrichtungen und habe immer ähnliche Erfahrungen gemacht: junge Menschen, die zwar erst schüchtern sind, weil das Thema schambehaftet ist, dann allerdings, wenn der Erste anfängt zu fragen, einen mit Fragen bombardieren und gar nicht mehr aufhören möchten darüber zu diskutieren. Es besteht hier ein sehr hoher Gesprächsbedarf, der unbedingt – und das wiederhole ich seit langem – durch professionelle Fachkräfte in der gesamten Bundesrepublik abgedeckt werden muss, die das Thema Prostitution nicht verharmlosen, sondern die in Studien belegte Gewalt auf den Tisch bringen und die Kinder und Jugendlichen davor warnen. Warnen vor Menschenhandel, insbesondere der Loverboy-Methode, aber auch warnen vor der Prostitution und deren Ursachen und Folgen im Gesamten. Warum machen wir sonst Studien über das Thema, wenn wir die Ergebnisse diesbezüglich nicht weitertragen, nicht aussprechen? Und hier geht es vor allem darum, die Ergebnisse gegenüber denjenigen auszusprechen, die jung und daher als vulnerable Gruppe extrem und am meisten gefährdet sind, in dieses Leben und in diese Gewalt abzudriften.

Die meisten Frauen in der Prostitution in Deutschland kommen aus dem Ausland, meist aus Osteuropa wie Rumänien, Bulgarien, aber auch aus Afrika (hier ist der Voodoo-Schwur sehr verbreitet) und anderen Ländern. Mit der Loverboy-Methode werden viele dieser Ausländerinnen (vor allem aus Osteuropa) nach Deutschland gelockt und ausgebeutet. Dabei darf aber nicht übersehen werden: die Loverboy-Methode wird auch an vielen deutschen jungen Mädchen und Frauen angewandt, also Menschenhandel innerhalb Deutschlands. Letztere Vorgehensweise unterscheidet sich im Detail oft nochmal von der Vorgehensweise der Loverboy-Betroffenen, die vom Ausland hergelockt werden. Die Dunkelziffer ist hoch und ein Grund, warum das Thema unbedingt endlich in alle deutschen Klassenzimmer muss (natürlich auch in die Klassenzimmer in Rumänien, Bulgarien, etc.).

Bärbel Kannemann war fast 40 Jahre Kriminalbeamtin und gründete später den Verein No Loverboys e.V. Sie sagte mir einmal zu dem Zeitpunkt, wo sie das seit 8 Jahren machte, dass sich bis dahin um die 1100 Betroffenen und Eltern bei ihr gemeldet haben. Was ich damals sehr erschreckend fand war, als sie mitteilte, dass fast an jeder Schule, an der sie bisher einen Vortrag hielt, Opfer dabei waren und dass es an einer Schule sogar schon einmal 11 betroffene Mädchen waren. Das vor allem vorkommende Alter grenzte sie von ca. 12-23 Jahren ein.

Ich habe es in meinem vorletzten Text schon geschrieben: junge Menschen haben ein Recht darauf, über die Realitäten von Prostitution und Menschenhandel aufgeklärt zu werden, so dass sie gewarnt sind und sich besser schützen können. Es genügt nicht, nur Geschichte, Mathe, Englisch oder sonst was in der Schule zu lernen, wenn einem das später alles nichts bringt, weil man ins Milieu abgerutscht ist und von sexuellen Gewalterfahrungen kaputt gemacht wurde.

Diese jungen Menschen, die ich bis jetzt in meiner Aufklärungsarbeit kennenlernen durfte, möchten auch darüber sprechen. Sie sind interessiert, wissbegierig und aufmerksam. Diese Erfahrung mache ich jedes Mal erneut.

Unser Staat muss ihnen die Möglichkeit und die Chance geben, sich selbst vor Ausbeutung und Gewalt schützen zu können. Dies können sie nur, wenn sie aufgeklärt sind, die Indikatoren eines Ausbeutungsverhältnisses frühzeitig kennenlernen und daher erkennen können und wenn vor Prostitution an sich gewarnt wird, anstatt diese als „Sexarbeit“ schönzureden und damit die in Studien belegten hohen Gewalterfahrungen in der Prostitution vor den eigenen Kindern zu verschleiern.

Wie ich das immer nur wiederholen kann: diese Themen müssen in den regulären Schulunterricht integriert werden. Aufklärung über Prostitution ist in jeder Gesellschaft wichtig, aber insbesondere in einer Gesellschaft wie der unseren, in der Prostitution als mögliche Option dargestellt wird, da sie hier letztlich alle Jugendlichen anspricht und betrifft, denn die versteckte Botschaft der liberalen Prostitutionsgesetzgebung ist, dass Menschen, zum aller größten Teil Frauen, diesbezüglich grundsätzlich käuflich sind. Zudem geht es bei der Aufklärung auch nicht nur darum, die Mädchen und jungen Frauen vor dem Abrutschen ins Milieu zu warnen, sondern auch darum, Bewusstsein bei den Jungs und jungen Männern zu schaffen, dass Prostitution für die aller meisten nichts mit „Sexarbeit“, sondern mit sexuellen Gewalterfahrungen und Traumatisierung zu tun hat. Es geht hier um wichtige Gewaltprävention.

Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit – wie ich dazu kam, was diese in sich birgt und was ich mir von Menschen wünsche, die mit Aussteigerinnen und Betroffenen zum Zweck der Informationsgewinnung sprechen

Angefangen hat es bei mir mit diesem Blog. Zunächst habe ich einfach nur anonym geschrieben, denn ich liebe das Schreiben und fing das schon in sehr jungen Jahren an. Es war eine Art Ventil für mich. Dass ich mich schon früh aufgrund der Situation zuhause ins Internet geflüchtet habe, ist ja bekannt und früher habe ich dann im Internet vor allem auch viele Gedichte und Aphorismen auf einer Literaturplattform geschrieben, mich dort mit anderen Schreibenden ausgetauscht und war auch Teil einer Anthologie. Heute kann ich im Generellen aber nur ausdrücklich und mit Nachdruck davor warnen, dass Kinder und Jugendliche über ihre Probleme, wie ich damals, im Internet schreiben und darüber erzählen, sei es in Gedichten, Chaträumen, Instagram, Facebook, etc., denn leider gibt es viele, die die wunden Punkte der Kinder und Jugendlichen für ihre Zwecke zu nutzen wissen, so wie es mein Zuhälter dann tat, als ich ihn im Chat kennenlernte. Ihr könnt eure Kinder natürlich nicht dauerüberwachen, aber ihr solltet sie frühzeitig über mögliche Gefahren des Internets aufklären. Das ist zwar leider keine Garantie dafür, dass sie von den Gefahren verschont bleiben, aber jedenfalls eine wichtige und dringend nötige Warnung, so dass sie zumindest sensibilisiert sind und bestimmte Muster und Vorgehensweisen erkennen können.

Das Schreiben auf diesem Blog war anfangs vor allem eine Art Auseinandersetzung mit meinen ganzen Jahren im Milieu, denn vieles habe ich zunächst selbst überhaupt gar nicht richtig einordnen können. Dass es sehr vielen Betroffenen ähnlich geht, merke ich auch daran, dass mich immer wieder Frauen aus der Prostitution anschreiben und mir sagen, dass ihnen meine Texte helfen oder es ihnen hilft, wenn sie mich sprechen hören, um die ganzen (psychologischen) Zusammenhänge und Mechanismen und somit auch ihre eigene Geschichte in ihrer jeweils individuellen Ausprägung vollends verstehen sowie teilweise auch erst aufarbeiten zu können. Vor allem im Bereich der Loverboy-Methode. Außenstehende, die nicht in diesem Thema drin sind, können das häufig nicht nachvollziehen, da ist es mehr als gut mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten und sich austauschen zu können.

Durch diesen Blog bekam ich dann jedenfalls nach und nach Kontakte zu anderen Menschen, die in diesem Bereich aufklären und Stück für Stück habe ich meine Anonymität immer weiter aufgegeben. Das war alles ein Prozess. Ich wusste, dass es unschön werden wird, wenn ich anfange, mein Gesicht zu zeigen und aus der Anonymität heraus zu treten, aber irgendwann war ich an dem Punkt angelangt, dass ich es dennoch tat.

Und ja, es wurde sehr unschön, aber damit hatte ich gerechnet und dies in Kauf genommen.

Wenn ich heute über die Straße gehe, erkennen mich manche als diejenige, die mal „käuflich“ war, als diejenige, die auf einen Loverboy „reingefallen“ ist, sich für diesen prostituierte und dann noch für sich selbst, weil sie nach diesen Erfahrungen den Absprung nicht gleich geschafft hat. Von der Loverboy-Methode betroffen zu sein bedeutet generell häufig ein großes Stigma, die Betroffenen werden nicht selten als „dumm und naiv“, als „selbst schuld“ bezeichnet. Dass es hierbei um psychische und seelische Gewalt geht, um Menschenhandel und Zwangsprostitution, ändert an den niveaulosen Kommentaren mancher nichts. Eine körperliche Verletzung, die einem zugefügt wird, ist sichtbar. Eine seelische Verletzung und emotionale Gewalt sowie Abhängigkeit nicht. Viele Menschen glauben nur das, was sie sehen können.

Loverboy-Fälle fallen nicht grundlos unter Menschenhandel und Zwangsprostitution, aber dennoch wird oft mit dem Finger auf die Betroffenen gezeigt und ihr Erlebtes als nicht so schlimm abgetan. Sie werden nicht selten behandelt, als wären sie halt einfach dämlich gewesen. Dabei wird verkannt, dass der Täter bei der Loverboy-Methode von Anfang an besonders listig, perfide und durchdacht vorgeht, weil er gezielt oftmals viel Zeit investiert, um emotionalen Beziehungsaufbau zu betreiben, nur mit dem Ziel, die Frau später in die Prostitution zu drängen, wenn sie emotional abhängig ist, um sie dort auszubeuten. Täter, die besonders listig vorgehen und ihre Tat derart planen, die zeigen eine höhere kriminelle Energie als diejenigen, die „einfach“ spontan handeln. Dann davon zu sprechen, dass ja alles gar nicht so schlimm war und die Betroffenen als dumm zu bezeichnen und einfach einen Strich drunter zu ziehen, was ich so oft höre und lese, zeugt von wenig Verständnis für die Thematik, denn es richtet den Blick weg vom Täter und blendet das die Tat und gerade das Deliktsphänomen prägende Problem, die eingesetzte kriminelle Energie in Form der listigen Vorgehensweise, die auch eine gewisse Professionalität der Tatbegehung voraussetzt, gänzlich aus.

Ich habe lange in einem Keller im Bordell gelebt, wurde u.a. dort im Bordell ausgebeutet, habe mich von Null an alleine ohne Hilfe von außen aus dieser Situation Schritt für Schritt rausgearbeitet, mein Abitur per Fernschule nachgeholt und ein Jurastudium in Angriff genommen, nur um gegen die Missstände im Bereich von Prostitution und Menschenhandel, die ich gesehen habe, zu kämpfen. Ich verbringe seit 2012 damit, Bildung nachzuholen und zwar alles ohne Hilfe oder Unterstützung von außen. Jeden kleinen Schritt, den ich in den letzten knapp 10 Jahren gegangen bin, raus aus dem Milieu in Richtung Leben, den habe ich mir selbst und allein erarbeitet. Ich komme übrigens nicht aus einer Akademikerfamilie, niemand in meiner Familie hat Abitur, niemand hat studiert. Nichtakademiker-Kinder haben es generell, allein schon ohne dabei meine Vergangenheit zu betrachten, viel schwerer im Jurastudium[1]. So richtig angefangen zu glauben, dass ich es auch wirklich schaffen kann, habe ich erst, als ich dann in der Jura Zwischenprüfung in einer Prüfung die 17-Punkte Marke erreicht habe und in diesem Zeugnis weitere Klausuren im zweistelligen Bereich hatte. Wer sich mit Jura und diesem schrägen Punktesystem auskennt, wo man oftmals schon bei 4 Punkten Hurra schreit und den Freudentanz seines Lebens aufführt (mit 4 Punkten hat man bestanden), obwohl die Punkteskala bis zu 18 Punkten reicht (die allerdings nahezu niemals in der gesamten BRD vergeben werden), der weiß, wie selten auch 17 Punkte vergeben werden. Neben dem Jurastudium habe ich noch dazu Aufklärungsarbeit ohne Ende betrieben, die u.a. diverse Beratungen in der Politik und die Arbeit mit jungen Menschen in Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen umfasst. Nächste Woche habe ich wieder eine (online) Veranstaltung in einer Schule mit 15-/16-Jährigen, um das zu machen, was eigentlich unser Staat tun sollte und nicht ich in meiner Freizeit: aufklären und warnen vor den Gefahren des Milieus und dem Abrutschen in dieses. Die Arbeit mit Medien ist nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Vieles arbeite ich im Hintergrund ab, wovon die Öffentlichkeit überhaupt gar nichts mitbekommt.

Ihr könnt jetzt also selbst für euch beantworten, ob ihr findet, dass ich dumm bin, bei all den Sachen, die ich mache. An einen Loverboy zu geraten und von diesem ausgebeutet zu werden hat nichts mit Dummheit zu tun. Es ist seelische Gewalt, das gezielte Ausnutzen von Vulnerabilität und „emotionalen Engpässen“ von meist Minderjährigen und Heranwachsenden, es ist List und es sind die sexuellen Gewalterfahrungen, die einen kaputt machen und oft daran hindern, wieder ins normale Leben zurückzufinden. Wer nur „dumm und naiv“ sagt, der macht es sich ein bisschen zu einfach – viel zu einfach.

Was ich jedenfalls in all den Jahren Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit alles abgekriegt habe an Hassnachrichten, Beleidigungen, Beschimpfungen bis dahin, dass mein Wohnort von Profiteuren des Milieus öffentlich breitgetreten wurde, darüber spreche ich nicht oft, jedenfalls nur intern mit mir vertrauten Personen. Die positiven Rückmeldungen überwiegen zwar deutlich, aber die negativen „Botschaften“ sind dennoch viele und haben es in sich. Diese kommen meist von Profiteuren, oft von Freiern und Bordellbetreibern.

Es ist verständlich, dass ich diese störe. Die Freier wollen sich den Sex mit Prostituierten natürlich nicht verbieten lassen und Freier sitzen überall in der Gesellschaft, in allen Berufszweigen und auch in hohen Positionen. Es wird ja immer die Zahl von 1,2 Millionen pro Tag aufgeworfen, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen.[2] 1,2 Millionen, JEDEN TAG! Diese Zahl muss man sich schon einmal auf der Zunge zergehen lassen. Und das sind ja nicht immer die gleichen. Diese Freier bangen natürlich alle um „ihr Recht auf Sex(kauf)“, wenn sie über mich und meine Arbeit stolpern, die auch darin besteht, sich für das Schwedische/Nordische Modell einzusetzen. Allein dies zeigt, dass die Zahl der Menschen, die meine „Gegner“ sind, im Millionenbereich liegt – und das waren erstmal nur die Freier. Die Bordellbetreiber wiederum werden arbeitslos, wenn das Nordische Modell kommt. Zwischen arbeitslos sein und gutes Geld verdienen durch den Profit an Prostituierten liegt ein großer Unterschied. Niemand von denen möchte auf seinen Gewinn verzichten.

Dass Zuhälter und Menschenhändler mich ebenfalls nicht toll finden, liegt auf der Hand. In einem Land, in dem Sexkauf nicht erlaubt ist sowie das Profitieren an den prostituierten Menschen generell und komplett untersagt ist (keine 30, 40, 50 % und all sowas), ist es wesentlich unattraktiver und unlukrativer für sie, weil die Nachfrage und damit der Markt schrumpft und sie viel vorsichtiger sein müssen. Heute stehen die Zuhälter hier bei uns sichtbar überall rum. Unsere Gesetze sind so dermaßen schlecht, dass die sich nicht mal verstecken müssen, weil sie sich so sicher fühlen. Und das Traurige ist, sie sind sicher. Man kann viele von denen oftmals sehen, aber machen kann man meist nichts. Die deutsche Gesetzgebung geht grundsätzlich von der Freiwilligkeit der Frauen in der Prostitution aus und so wird eben gesagt: „Die wollen sich doch prostituieren, die wollen das doch so.“ Dies hilft den Kriminellen noch dazu.

Dann gibt es noch die selbsternannten „Sexarbeiterinnen“, die auch nicht gerade begeistert von mir sind, denn wenn das Nordische Modell kommt, wird natürlich die Nachfrage sinken. Als Mensch und als Frau stehe ich letzten Endes hinter jeder Frau in der Prostitution, auch wenn sie das Rotlicht verherrlicht und sagt, dass sie das alles toll findet. Wie ich das immer wieder erzähle, habe ich das nach außen hin auch gesagt, nicht weil es toll war, sondern erstens, weil ich während meiner Ausbeutung „geschult“ wurde, was ich sagen und nicht sagen darf (auch in Bezug auf andere Bereiche) und zweitens, weil ich dann nicht wollte, dass Menschen merken, wie tief ich eigentlich mittlerweile gesunken bin und wie nahe ich am Abgrund stehe. Wer gibt schon gerne nach außen hin zu, wie schlecht es einem geht. Außerdem tut es verdammt weh, wenn man sich eingesteht, dass das alles Gewalt ist, was man da jeden Tag erlebt, man für sich aber keinen Weg aus dieser Gewalt, keinen Weg zurück, sieht. Wenn man keinen Ausweg sieht, dies kann auch rein subjektiv der Fall sein während es objektiv gesehen Wege gäbe, dann ist es einfacher nach außen hin zu sagen, dass es keine Gewalt und alles super ist. Das ist eine Art Selbstschutzmechanismus und davon berichten sehr viele Frauen, die in der Prostitution waren und nun draußen sind. Aber sei es drum, ich möchte niemanden entmündigen, dies wäre übergriffig und steht mir nicht zu, daher: selbst wenn manche von diesen „Sexarbeiterinnen“ es wirklich ok finden, dann sollen sie das doch bis an ihr Lebensende machen. Niemand hält sie davon ab. Was ich allerdings mehr als unsolidarisch finde ist, dass manche von ihnen so tun, als wären sie die Masse, die Prostitution als ihren Traumberuf ansieht. Das stimmt hinten und vorne nicht und diese Beschönigungen sind einfach nur ein Hohn und bringen andere junge Mädchen und Frauen in Gefahr, die aufgrund von Verharmlosungen des Gewerbes viel einfacher in dieses abrutschen können. In den Bordellen sitzen zum größten Teil blutjunge Frauen aus dem Ausland, die oft nicht einmal die deutsche Sprache richtig können und der „Freund/Mann“, der Zuhälter, dahintersteht und kräftig abkassiert. Als Covid-19 ausbrach und die Bordelle schließen mussten, hat man gesehen, wieviel Geld die meisten Frauen haben – so gut wie nichts. Die saßen vorher Wochen, Monate und oft auch Jahre in den Bordellen und haben nicht mal eine Wohnung, in welche sie bei Schließung der Bordelle hinkonnten. Manche hatten nicht mal Geld für ein Ticket in ihr Heimatland. Dies ist die Realität, wie sie in der Masse stattfindet, die von niemandem weggeredet werden kann, nur weil sie manchen aufgrund bestimmter politischer Interessen nicht gefällt. Ich würde mich auch darüber freuen, wenn die Situation besser wäre als sie ist, aber das ist sie leider nicht. Die diversen Studien zur Gewaltbelastung in der Prostitution sind ebenfalls da und belegen das Ausmaß des großen Übels. Und mal abgesehen von meinen Erfahrungen in Bezug darauf, dass die Masse der Frauen in der Prostitution fremdbestimmt ist und von dritten Personen kontrolliert und ausgebeutet wird, was ich immer wieder erzähle, existieren unzählige andere Erfahrungsberichte darüber, die über den hohen Anteil an Menschenhandels- und Ausbeutungsfällen in der Prostitution in Deutschland berichten. Folgend nur beispielsweise ein Ausschnitt aus einem Interview mit Helmut Sporer, Kriminaloberrat a. D., ehemalige Kriminalpolizei Augsburg, weil von diesen „Sexarbeiterinnen“ auch oft immer damit argumentiert wird, dass wir ja nur 400/500 Fälle im Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung haben und Menschenhandel in Deutschland daher kein großes Problem sei sowie dass sie, die „gänzlich freiwilligen Sexarbeiterinnen“, in der absoluten Mehrheit wären, während Ausbeutung nur ganz am Rande mal vorkäme:

„Die offiziellen Zahlen des BKA zum Menschenhandel sind also nicht aussagekräftig?
Gehen wir nur mal von rund 250.000 Frauen in der Prostitution aus. Diese Zahlen beruhen auf Hochrechnungen aus Städten, in denen recht zuverlässige Zahlen vorliegen. Davon sind 95 Prozent Ausländerinnen, das wären ca. 240.000. Wenn man jetzt nur von 50 Prozent Frauen mit typischem Opferprofil ausgeht, dann ist das eine sechsstellige Zahl. Wenn ich jetzt aber ins „Lagebild Menschenhandel“ des BKA schaue, wie viele Fälle von Menschenhandel finden sich da? 400 bis 500. Zwischen diesen Zahlen klaffen Welten. Das heißt: Nur ein winziger Bruchteil der Opfer wird erkannt. Der Gesetzgeber nimmt also momentan hin, dass der größte Teil der Opfer unerkannt bleibt und die Verbrechen, die an ihnen begangen werden, nicht verfolgt werden. Der Staat wird seiner Verantwortung nicht ausreichend gerecht. Er stellt keine wirksamen Instrumentarien gegen Menschenhändler zur Verfügung. Das heißt: Das jetzige System funktioniert so nicht.“[3]

Eine sechsstellige Zahl = hier 120.000 Betroffene von Menschenhandel und Ausbeutung. Letztlich weiß jeder, der Erfahrung in diesem Bereich hat, dass die 400/500 Fälle im Lagebild nur die aller kleinste Spitze des Eisbergs darstellen, aber wenn wir einmal direkt über eine Zahl, hier von 120.000 Fällen sprechen, dann sollte das doch Anlass zu sehr großer Sorge geben, möchte man meinen. In Deutschland scheinbar nicht, da wird lieber weiter über die fröhliche Sexarbeit gesprochen, während man Menschenhandel und Ausbeutung als Randphänomen deklariert und ausblendet und dann hört man den immer wiederkehrenden Satz: „Wir haben doch schon Gesetze gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution.“ In der Tat, die haben wir, aber wenn es eine geschätzte Anzahl von 120.000 Menschenhandels- und Ausbeutungsfällen in Deutschland gibt und 400/500 Ermittlungsverfahren pro Jahr, die noch keine Verurteilungen darstellen, dann kann jetzt jeder selbst im Stillen für sich beantworten, wieviel unsere Gesetze den Betroffenen helfen. Viele, zu deren politischen Interessen es nicht passt, dass wir eine ganz gewaltig hohe Dunkelziffer haben, tun eben häufig so, als wären diese 400/500 Fälle nicht nur das Hellfeld, sondern als würde quasi kein Dunkelfeld existieren. In Deutschland wollen immer noch so viele Menschen die Augen vor diesem großen Elend verschließen, aber mittlerweile gibt es zu viele Studien, die das Elend belegen, zu viele Menschen, die über das große Ausmaß des Elends sprechen. Wer hier immer noch die Augen davor verschließt, der ist einfach nur in hohem Maße verantwortungslos. Man kann ja gerne unterschiedlicher Meinung darüber sein, welches Prostitutionsmodell und welche Regelungen nun das Beste wären, und ich tausche mich da auch gerne aus, höre mir Argumente an, diskutiere und bin offen für einen ehrlichen Austausch. Wenn hier aber seitens mancher „Sexarbeiterinnen“ ständig das Leid der unzähligen von (meist) Frauen in der Prostitution sowie deren Probleme und Ausbeutungssituation weggeredet und geschmälert wird, die riesigen Missstände ausgeblendet werden, ist keine Diskussion möglich, weil die Ausgangslage nicht stimmt, und hier hört meine Solidarität mit den „Sexarbeiterinnen“ auch auf. Mein Verständnis hört generell bei allen Menschen auf, die bei der ganzen Datenlage und unzähligen Erfahrungsberichten von Leuten aus dem Feld noch behaupten, wir hätten keine großen Probleme mit Menschenhandel, Ausbeutung und Zuhälterei in Deutschland und die das Dunkelfeld quasi ausblenden und sich auf 400/500 Fälle im Lagebild berufen.

Die Liste derjenigen, die mich also als störend empfinden, weil ich das ganze Übel sehr direkt und konstant ausspreche sowie für Gesetzesänderungen eintrete, die komplett konträr zu den politischen Interessen aller Profiteure des Prostitutionssystems sind, ist schon ziemlich lang. Es kommen weitere Personen hinzu, die unmittelbar oder mittelbar von der Prostitution profitieren.

Meine Arbeit in diesem Bereich ist daher nicht nur sehr zeitintensiv, sondern auch regelmäßig sehr anstrengend, um es milde auszudrücken. Mein bisheriger Weg hat mich aber resilient gemacht und vor allem die Rückmeldungen von so vielen Betroffenen haben mich auch immer wieder ermutigt dranzubleiben. Es ist letztlich nur noch eine Frage der Zeit, bis die Politik nicht nur redet, sondern auch macht. Da können die Profiteure noch so laut sein, es wird eine Veränderung kommen, denn so wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben und wir sind mittlerweile so enorm viele Menschen, quer durch die gesamte Bundesrepublik aus allen Berufszweigen und Schichten, die alle hochaktiv an dieser Veränderung arbeiten und es werden laufend mehr.

Einfach waren meine letzten Jahre Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit nicht, aber das ist ok, denn ich mache das nicht, weil es schön sein soll, sondern weil es mir wichtig ist. Jeder kann versuchen, aus dem, was er erlebt hat, das Beste zu machen. Genau das versuche ich. Schön ist das natürlich nicht, wenn jeder über deine persönlichsten und intimsten Dinge Bescheid weiß. Ich erzähle sie aber trotzdem, denn was ich in diesem Leben und als Person kann ist, mitzuhelfen, Veränderung in diesem Bereich zu bringen. Das denke ich jedenfalls und die letzten Jahre haben gezeigt, dass ich damit nicht ganz unrecht habe. Niemand von uns ist perfekt, jeder hat wohl seine Baustellen. Der Unterschied ist, dass ich Baustellen von mir zeige, weil ich Veränderung möchte, während andere ihre Baustellen für sich behalten. Totgeschwiegen wird in dieser Gesellschaft sowieso viel zu viel. Ich breche damit und nehme Verantwortung dort in die Hand, wo andere sie fallen lassen. Ich möchte kein Teil des Totschweigens und des Akzeptierens von schweren Menschenrechtsverletzungen inmitten unserer Gesellschaft sein. Ich sehe in meiner Arbeit einen Sinn und deswegen ist aus dem anfänglichen Blog schreiben auch mehr bzw. genau genommen eine konstante Arbeit an der Sache geworden.

Bitte unterstützt Frauen, die anfangen, öffentlich über ihre Erfahrungen zu berichten, denn es ist verdammt schwer, verdammt gefahrenbelastet für das weitere Leben (allein schon wegen des großen Stigmas), verdammt anstrengend und kräftezehrend, aber auch verdammt wichtig für die Aufklärung in diesem Bereich. Und es werden immer mehr Frauen, die über ihre traumatischen Erfahrungen in der Prostitution sprechen, um mit den Mythen aufzuräumen.

Wenn diese den Mut haben, das zu tun, so missbraucht sie bitte kein zweites Mal, indem ihr nur ihre Geschichten zeigt, denn das ist schlichte Schau- und Sensationslust. Ihre Analysen und Lösungsansätze sind wichtig. Der Grund, warum ich dies aufwerfe: ich habe anfangs leider ab und an die Erfahrung gemacht, dass insbesondere Journalisten nur einen Aufhänger brauchten, um mit meiner Geschichte etwas „auszuschmücken“. Dabei fühlt man sich ganz und gar nicht gut, denn man gibt nicht solch intime Details preis, um letztlich nur zur Schau gestellt zu werden. Ich möchte nicht, dass andere Betroffene, die anfangen zu sprechen, dieses Gefühl erfahren müssen. Es geht nicht darum, eine Schallplatte zu sein, die zum 100sten Mal das Gleiche erzählt, sondern es geht darum, Veränderungen für jene zu erreichen, die in der gleichen Situation sind wie wir es damals waren. Diese kann man vor allem auch dadurch erreichen, indem man nicht immer nur monoton die Geschichten von Betroffenen und Aussteigerinnen wiedergibt, sondern vor allem auch dadurch, dass man sich ihre Analysen und Lösungsansätze anhört, sich diese zu Herzen nimmt und sich damit auseinandersetzt.

Und wenn eine Frau aus der Prostitution überhaupt nicht über ihre persönliche Geschichte sprechen oder nur kleine Teile davon erzählen möchte, weil es einfach zu intim und zu gefährlich ist (und wenn sie das nicht möchte kann ich das mehr als verstehen, denn mein Leben bedeutet viel Stress und ist auch gefahrenbelastet aufgrund meines offenen Umgangs damit und das braucht man nach so einem Leben, wie man es in der Prostitution schon durch hat, eigentlich gerade nicht mehr, sondern das genaue Gegenteil davon), sie aber dennoch Lösungsansätze bringen kann und möchte, dann sollte man sich genauso anhören, was diese Frau zu sagen hat, denn es geht letzten Endes nicht um unsere individuellen Geschichten und dass wir diese immer und zu jeder Zeit bis ins Detail ausbreiten müssen, sondern darum, wie man anhand unserer Erfahrungen in der Prostitution mehr Schutz für Menschen in der Prostitution herstellen kann. Jemand, der nicht im Milieu war, der nicht in der Prostitution war, der nicht von Menschenhandel betroffen war, der kann zwar studieren und Bücher lesen über das Thema sowie Fortbildungen besuchen, aber das wird niemals die Einblicke geben, die Menschen geben können, die in diesem System waren und die die sehr komplexen Zusammenhänge, psychischen Vorgänge, Ausstiegsschwierigkeiten, Abhängigkeiten, Zwänge, etc. selbst erlebt und jedenfalls durch spätere Aufarbeitung auch verstanden haben.


[1] Jura-Studium: Hohe Hürden für Nichtakademiker-Kinder – Forschung & Lehre (forschung-und-lehre.de)

[2] Prostitution: 1,2 Millionen Männer am Tag – Kultur – Tagesspiegel

[3] „Es kann nur besser werden!“ | EMMA

Prostitution & Vergewaltigung

Prostitution als empowernde und problemlose „Sexarbeit“? Hierbei wird immer ausgeblendet, wie enorm hoch vor allem die sexuellen Gewalterfahrungen in der Prostitution sind, u.a. Vergewaltigungen und andere sexuelle Übergriffe. Natürlich gibt es auch diverse andere Übergriffe, aber mir geht es nachfolgend nun vor allem um sexuelle Gewalt. Ja, Profiteure der Sexindustrie (ob sie nun unmittelbar oder mittelbar profitieren) leugnen das, sie wollen die heile Glitzerwelt der Prostitution aufrecht erhalten, um ihren Profit zu schützen. Das ändert aber nichts an den hohen sexuellen Gewalterfahrungen in der Prostitution, wozu es im Übrigen auch Studien gibt, die dies belegen. Junge Menschen, vor allem Mädchen und junge Frauen, haben ein Recht darüber aufgeklärt zu werden, um gewarnt zu sein, anstatt die Schleife der ewigen Verharmlosungen und Bagatellisierungen von Prostitution zu hören!

Reden wir also Klartext: Prostitution ist der Garant dafür, schwere sexuelle Gewalterfahrungen zu machen.

Die Wahrscheinlichkeit, in der Prostitution vergewaltigt zu werden oder anderen sexuellen Übergriffen ausgesetzt zu sein, ist enorm hoch. In der Prostitution finden oft Vergewaltigungen sowie auch andere sexuelle Übergriffe gegen die Frauen statt. Hinter verschlossenen Türen. Sie bleiben meist ungeahndet. Manche Freier sowie auch andere Personen sind der Ansicht, eine prostituierte Frau könne man gar nicht vergewaltigen, man habe sie schließlich für den Geschlechtsverkehr bezahlt. Dies ist natürlich, auf gut Deutsch gesagt, totaler Quatsch. Unabhängig davon, dass Prostitution an sich für die meisten Frauen eine sexuelle Gewalterfahrung darstellt und schwer traumatisierend ist, sie die erlebte und gefühlte Gewalt aus Schutzgründen heraus aber meist leugnen müssen, sind Vergewaltigungen selbstverständlich auch in der Prostitution möglich und finden dort auch zahlreich statt. Das Problem ist allerdings: wer glaubt schon einer prostituierten Frau, die erzählt, sie sei vergewaltigt worden? Diese Frage schwebt in den Köpfen vieler der Frauen herum und ist einer der Gründe, warum viele nicht anzeigen. Sie schämen sich eh schon für ihr Leben und ihr ganzes Dasein und dann noch die mögliche Gefahr in Kauf nehmen, dass man von einer Vergewaltigung erzählt, die einem keiner glaubt? Will man das? Nein, es ist das Letzte, was man in dieser Situation braucht.

Frauen in der Prostitution wird sowieso oft eher wenig Glauben geschenkt, sie stehen am Rand der Gesellschaft und – seien wir mal ehrlich – sie gelten in vielen Augen als etwas Unwertes. Auch wenn es nicht alle so direkt aussprechen, denken tun es dennoch viele, unterschwellig schwingt es oft mit. Ich möchte hier mal ganz direkt werden, als was prostituierte Frauen häufig gesehen werden: als billige Schlampen, die es halt so wollen. Das ist es doch, wie viele über sie urteilen, während sie ignorieren, was die Frauen in der Prostitution äußerlich und innerlich durchmachen, welche Prozesse da wirken, welche Zwänge und Abhängigkeiten. Erst wenn es um die eigene Tochter gehen würde, würden sie anfangen umzudenken und den Menschen hinter der prostituierten Frau zu sehen. Alles andere ist für viele zu weit weg, um ernsthaft Empathie und Verständnis aufbringen zu können und zu wollen. Traurig, aber leider wahr.

Frauen in der Prostitution erleben häufig sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen, weil sie oft nicht in der Lage dazu sind, sich zu wehren. Sie können oft nicht richtig kommunizieren, weil sie die Sprache nicht richtig verstehen, sind nicht aufgeklärt über ihre Rechte, denken, sie müssen alles mit sich machen lassen, wenn der Freier das Geld auf den Tisch gelegt hat, sind zu geschwächt, um sich zu wehren, etc. Viele Freier nutzen die mannigfaltigen Probleme der Frauen und ihre Unsicherheiten aus, vor allem bei unerfahrenen, ausländischen jungen Frauen. Sie ziehen beim Geschlechtsverkehr beispielsweise das Kondom ab, sie machen Dinge, die vorher nicht ausgemacht waren, werden teilweise auch anderweitig gewalttätig, um „ihre höchste sexuelle Befriedigung zu finden“. Und nein, diese Frauen zeigen meist nicht an. Auch ich hatte Situationen, wo Freier meine für sie definierten Grenzen überschritten haben und ich mich in manchen Momenten nicht dagegen wehren konnte, weil derjenige stärker war als ich. Ich kann mich an dieses Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit (leider) gut erinnern, wenn einem auf einmal die Kontrolle über das Geschehen und den eigenen Körper vollkommen entzogen wird und man merkt, nichts dagegen tun zu können. Ja, Prostitution ist für die meisten per se eine sexuelle Gewalterfahrung, denn der Geschlechtsverkehr bleibt trotz Einwilligung innerlich ungewollt und ändert nichts an den eigenen Gefühlen wie Ekel, Abscheu, etc., aber eine Vergewaltigung oder einen anderen sexuellen Übergriff während der Prostitutionsausübung zu erfahren, das ist natürlich nochmal eine andere Sache.

Unter anderem dies sind der Prostitution inhärente Risiken. Gefahren, die sich jenseits der für die meisten Frauen sowieso schon traumatisierenden Prostitution an sich nicht selten realisieren, über die zwar mittlerweile vermehrt, aber immer noch zu wenig gesprochen wird. Vor allem die ausländischen jungen Frauen sind es häufig gewohnt, so behandelt zu werden und dies ständig zu ertragen. Kurzum: für sie ist es normal geworden, nicht „nur“ prostituiert zu werden, sondern häufig auch anderen sexuellen Übergriffen ausgesetzt zu sein, die oft eine Vergewaltigung darstellen.

Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt spielen allerdings nicht nur zwischen prostituierter Frau und Freier eine Rolle, sondern häufig auch zwischen prostituierter Frau und ihrem Zuhälter.

Zuhälter versuchen regelmäßig, den Willen „ihrer“ Frauen zu brechen, sodass diese zu den „freiwilligen“ Prostituierten werden, die sie haben möchten, sodass die Frauen die Prostitution und die damit verbundene und ggf. noch hinzukommende sexuelle Gewalt hinnehmen „ohne zu jammern“, still halten, am besten auch noch lächeln. Um dies zu erreichen werden die Frauen vor der Prostitution oft von ihrem Zuhälter oder ihm zugehörigen Leuten sexuell missbraucht oder vergewaltigt. Danach wehren sich die Frauen meist nicht mehr, weil sie dadurch gebrochen wurden. Sie können in der Prostitution sein, weil man sie kaputt gemacht hat, ihren Willen gebrochen hat.

Sexuelle Gewalt zu erfahren kann Menschen brechen und tut dies sehr oft. Der Wille eines Menschen kann hierbei brechen, sodass er sich nicht mehr wehrt, sodass er es eben erträgt, weil er dadurch auf einmal leer ist, traumatisiert ist, schwach ist, willenlos ist, sich dreckig und wertlos fühlt. Je mehr sexuelle Gewalt erfahren wird, desto schwieriger kann es für die Betroffenen werden, die Gewalt von sich abzuwehren. Das ist ein (von Zuhältern oft bewusst geschaffener) Teufelskreis, aus dem die Frauen allein oft nicht mehr rauskommen.

Freier, Zuhälter sowie alle anderen, die von der prostituierten Frau aufgrund ihrer Prostitution profitieren, profitieren also letztlich auch von den Mechanismen und Auswirkungen sexueller Gewalt, die die Frau erfahren hat. Sie profitieren davon, dass sie gebrochen wurde.

All dies sind Gefahren und es gibt noch weitaus mehr, über die junge, heranwachsende Menschen, vor allem Mädchen und junge Frauen als größte Betroffenengruppe, nicht aufgeklärt werden, wenn es um das Thema Prostitution geht. Vor allem junge Menschen haben aber ein Recht darauf, über die Realität und die Gefahren in der Prostitution umfassend aufgeklärt zu werden, sodass sie ausreichend gewarnt sind! Dies geschieht noch viel zu wenig, stattdessen liest man immer noch viel zu viel Verharmlosungen, obwohl es diverse Studien gibt, die die hohen, vor allem sexuellen, Gewalterfahrungen in der Prostitution belegen.

Möchte hier jemand, dass seine Tochter, Schwester, Enkelin, Nichte, Freundin oder sonst geliebte Person in dieses Gewaltsystem abrutscht und derartige sexuelle Gewalterfahrungen machen muss? Nein? Dann klärt bitte mit auf, denn es kann letztlich jeden treffen und es sollte eigentlich niemanden treffen. Es fängt schon damit an, im Freundes- und Bekanntenkreis aufzuklären und so das Thema weiterzutragen. Mittlerweile gibt es viele, viele Menschen, die darüber aufklären. Jeder weitere Mensch ist wichtig.

Hier ein Auszug der Untersuchung des Bundesfamilienministeriums zu erlebter sexueller Gewalt von Frauen in der Prostitution:

„Wenn wir die Angaben zu erlebter sexueller Gewalt auf alle befragten Frauen prozentuieren, die in der Itemnachfrage überhaupt Angaben gemacht haben, ergibt sich im Überblick, dass:

21% der von uns befragten Prostituierten Vergewaltigung im Kontext der Ausübung sexueller Dienstleistungen erlebt haben

17% versuchte Vergewaltigung

10% Zwang zu intimen Körperberührungen

17% Zwang zu anderen sexuellen Praktiken

3% Zwang zum Nachspielen von Pornographie

insgesamt 27% hatten mindestens eine dieser sexuellen Gewalthandlungen im beruflichen Kontext erlebt, die Hälfte davon ein bis zwei, die andere Hälfte drei und mehr der genannten Handlungen.

Wenn wir alle Nennungen von Gewalthandlungen sexueller und körperlicher Gewaltzusammennehmen, die von den Befragten in beiden Itemlisten im Kontext der Ausübung sexueller Dienstleistungen benannt wurden, dann ergibt sich, dass insgesamt 45 der von uns befragten 110 Frauen schon einmal sexuelle oder körperliche Übergriffe im Zusammenhang mit der Ausübung sexueller Dienstleistungen erlebt haben; das entspricht einem Anteil von 41% aller Befragten. Diese Werte zeigen ein hohes Maß an Gewaltbetroffenheit bei der Ausübung prostitutiver Tätigkeiten auf. Sie liegen jedoch deutlich unter den Werten, die in anderen Studien genannt wurden. So kam eine neuere Untersuchung von Zumbeck (2001) in Hamburg zu dem Ergebnis, dass 81% der Befragten sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren; im Zusammenhang mit der Prostitution hatten 61% der Frauen Vergewaltigungen erlebt, und 70% sind körperlich angegriffen worden. Eine weitere Studie von Farley/Barkan (1998), in der 130 weibliche, männliche und ‚transgendered‘ Prostituierte befragt wurden, ergab, dass 68% der befragten Prostituierten während der Arbeit Vergewaltigungen erlebt haben48% der Betroffenen wurden sogar mehr als fünfmal vergewaltigt (bei 46% war der Täter ein Freier). Gezwungen worden zu sein, Pornographie nachzuspielen, gaben in dieser Studie 32% der Befragten an und 88%, im Kontext der Prostitution körperlich bedroht worden zu sein. Ob diese im Vergleich zu unserer Untersuchung deutlich höheren Werte auf unterschiedliche Gewaltprävalenzen oder auf unterschiedlich stark aufgedeckte Dunkelfelder, oder aber auf Unterschiede in den Gewaltdefinitionen, Untersuchungszugängen, -methoden oder Stichprobenzusammensetzungen zurückzuführen sind, kann anhand der dazu vorliegenden Informationen nicht entschieden werden. Es ist aber davon aus-zugehen, dass die Daten wegen der sehr unterschiedlichen methodischen Grundlagen nicht direkt vergleichbar sind. Wenn wir noch einmal anhand unserer Untersuchungsergebnisse differenzierter betrachten, welche TäterInnen die befragten Frauen, die körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben, in der Kategorie „Personen aus Arbeit, Ausbildung und Schule“ konkret benannten, dann zeigt sich, dass Freier die mit Abstand am häufigsten benannte Tätergruppe bildeten: 26 Frauen gaben diese als Täter bei körperlicher und 23 als Täter bei sexueller Gewalt an, wobei diese Zahl noch ansteigt, wenn auch die Nennung Kunde/Kundin mit einbezogen würde, die vermutlich auch Freier mit umfasst. Insgesamt hatten jeweils 70% bis über 77% der Frauen, die angaben, durch TäterInnen im Arbeitskontext körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt zu haben, gewaltsame Übergriffe durch Freier erlitten.

Quelle: https://www.bmfsfj.de/resource/blob/84328/3bc38377b11cf9ebb2dcac9a8dc37b67/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf S. 69/70

Launch of ISTAC, OSCE

I am glad to announce my membership to ISTAC.

This is a milestone“, Per-Anders Sunesson said, Deputy Director-General, Ministry of Health and Social Affairs of Sweden, Division for EU and International Affairs and former Swedish Ambassador at Large for Combating Trafficking in Persons.

The OSCE Office for Democratic Institutions and Human Rights (ODIHR) today has launched the International Survivors of Trafficking Advisory Board (ISTAC), consisting of 21 leading survivors of human trafficking from across the OSCE. ISTAC will assist ODIHR’s work in combating trafficking in human beings.

I will work now together with so many inspiring individuals and especially victims of human trafficking with different stories from all over the world to try to bring more change in combating trafficking in human beings. Very important is the victim centered and trauma informed approach of ISTAC. We understand the mechanisms, the different strategies, the trauma consequences and what it needs to help (potential) victims.

To fight human trafficking, you also have to listen to those that have gone through a trafficking situation.

During the launch of ISTAC Tobias Lorentzson, Deputy Permanent Representative of Sweden to the OSCE Chair in Office (CiO), emphasized Article 9 of the Palermo Protocol (Prevention of trafficking in persons):

5. States Parties shall adopt or strengthen legislative or other measures, such as educational, social or cultural measures, including through bilateral and multilateral cooperation, to discourage the demand that fosters all forms of exploitation of persons, especially women and children, that leads to trafficking.

He took Sweden as an example of how to tackle demand.

It’s time to start to tackle demand, Germany!

All the members of ISTAC are fighting for change and a victim-centered approach and now alongside OSCE Office for Democratic Institutions and Human Rights (ODIHR).

Thank you to all the great people there! Its an honor and it gives me much hope to work with all those experts to bring change and help for those who are locked in the system and have no voice. Here you can see the full launch of ISTAC:

https://fb.watch/3eHJeaAEw1/

Klick here for more information:

https://www.osce.org/odihr/476446

https://www.state.gov/official-launch-event-for-the-international-survivors-of-trafficking-advisory-council/

Fehlendes Opferbewusstsein im Bereich der sexuellen Ausbeutung

Empathie = die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen (Duden 📒).

Empathie ist überall im Leben wichtig. Besonders wichtig ist sie auch, um Betroffenen von Prostitution und Menschenhandel helfen zu können. Sie zu verstehen ist essenziell, um sie da raus holen zu können.

Im nachfolgenden Text geht es mir besonders um ein Thema, das ich immer mal wieder angesprochen habe:

fehlendes Opferbewusstsein im Bereich der Ausbeutung in der Prostitution.

Viele betroffene Frauen von Ausbeutung durch dritte Personen sagen/schreiben mir, sie hatten auch kein Opferbewusstsein. Manche haben es heute noch nicht so richtig, obwohl ihnen die schlimmsten Dinge passiert sind. Es sei ihre Wahl gewesen, sie fühlen sich schuldig – obwohl sie ausgebeutet wurden.

Das häufig nicht vorhandene Opferbewusstsein ist ein großes Problem im Bereich des Menschenhandels und der Zwangsprostitution. Wie soll sich jemand Hilfe suchen, wenn er sich nicht als Opfer fühlt? Wie kann man einer Frau helfen, die immer wieder Hilfe von außen abweist, weil sie sich nicht als Opfer wahrnimmt? Weil sie denkt, es sei normal, was man mit ihr macht, da sie keinen guten Umgang mit sich kennt. Weil sie denkt, sie muss das alles aushalten können, etc.

Das ist ein Thema, worüber nicht so gerne gesprochen wird, weil viele es nicht verstehen und nicht nachvollziehen können, dieses „kein Opferbewusstsein haben“ im Bereich sexueller Ausbeutung. Sie haben die „Frau in Ketten“ im Kopf, die irgendwo in einem Keller sitzt und vor Freude jubeln würde, wenn die Polizei auftaucht, um sie zu retten, aber nicht jene, die sich selbst nicht als Opfer sehen, ihre Situation nicht artikulieren können.

Das betrifft aber so viele. Immer wieder schreiben mir Frauen und sagen, dass sie dieses Opferbewusstsein nicht hatten. Ich bekomme immer wieder Nachrichten, die davon handeln, dass die eigene Ausbeutung durch dritte Personen (meist durch den sog. „Freund“/ „Mann“ oder die eigene Familie) lange Zeit geleugnet wurde, dass die Polizei penetrant abgewiesen wurde, dass der/die Täter und das ganze System „Rotlichtmilieu“ energisch verteidigt wurden.

Eine Sensibilisierung diesbezüglich ist daher sehr wichtig.

Oftmals höre ich Personen, die in dem Bereich Prostitution zu tun haben, sagen:

„Ich war schon öfter im Bordell (Streetwork, Kontrollen, etc…) die Frauen dort aufsuchen und es war kein Zwang sichtbar. Die Frauen haben erzählt, dass alles ok ist, oft noch gelächelt und Witze gemacht. Die Bordellbetreiber kooperieren auch. Dort war alles ok.“

Wie sieht also die Situation aus, wenn man in ein Bordell kommt?

In den meisten Fällen, in so gut wie allen, wird man den Zwang nicht sehen. Darauf gebe ich Brief und Siegel. Man wird wenn dann nur ganz selten eine Frau sehen, die erzählt, dass sie sich für dritte Personen prostituieren muss. Sie werden nahezu alle erzählen, dass sie selbständig dort hingehen und „arbeiten“. Warum reden sie selten über Zwang?

Entweder, weil die Frau Angst hat und direkt bedroht wird, oder weil sie ein emotionales Band zum Täter hat bzw. in einer Abhängigkeit steckt und daher kein Opferbewusstsein hat, sie sich ihrer Situation nicht voll bewusst ist. Ich mag diesen nachfolgenden Satz von Harriet Tubman sehr und zitiere ihn immer wieder, da er widerspiegelt, was ich ständig während über 6 Jahren in der Prostitution gesehen habe – bei mir sowie bei anderen Frauen:

I freed a thousand slaves, I could have freed a thousand more if only they knew they were slaves.“ – Harriet Tubman –

Vielen ist nicht klar, dass sie Opfer sind. Jedenfalls oft eine ganze Zeit lang nicht.

Zu meiner Zeit in der Prostitution hatten die meisten prostituierten Frauen Bindungen zu ihren Tätern, unabhängig davon, ob die Täter die „Männer/Freunde“ waren oder wie sehr oft bei ausländischen (v.a. osteuropäischen) Frauen die Familie (sei es Mutter/Vater/Bruder/Onkel/Tante, … oder mehrere Personen davon), die sie ins Bordell geschickt hat. Sie hatten Bindungen unabhängig davon, wie sie von diesen Tätern behandelt wurden. Auch Frauen, die grün und blau geschlagen wurden, hatten meist dieses emotionale Band bzw. es bestand eine hohe (emotionale) Abhängigkeit.

Über diese Betroffenen von Zwangsprostitution, die aufgrund einer persönlichen/emotionalen Abhängigkeit den Tätern unterlegen sind, und machen was diese verlangen, wird nicht so viel gesprochen wie über jene, die bei jeder Chance, die sie hätten, weglaufen würden. Sie sind nahezu unsichtbar. Häufig hört man, diese Frauen seien selbst schuld, also seien sie gar keine Opfer, denn sie könnten ja jederzeit weglaufen. Woran liegt das?

Viele haben ein bestimmtes Bild im Kopf, wie sich ein Opfer zu verhalten hat, auch wie es auszusehen hat. Ein Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution, was sexuell ausgebeutet wird, soll sich wehren, soll weinen und schreien, soll versuchen wegzulaufen.

Natürlich gibt es diese Art von Opfern, aber es gibt auch eine andere Art. Und es ist wichtig, auch bei Letzteren die Augen sehr weit auf zu halten, da man sie nur schwer erkennt. Hier das BKA zu Betroffenen der „Loverboy“-Methode:

Die Opfer sind oft schwer zu erkennen, da sie sich häufig selbst nicht als Opfer wahrnehmen.https://www.bka.de/…/verdachtDesMenschenhandels_node.html

Die Realität in der Prostitution ist, wie ich es bei mir und vielen anderen erlebt habe, dass sehr viele Betroffene sich aufgrund einer emotionalen Bindung und psychotraumatologischer Mechanismen sowie aus Angst nicht wehren, dass sie nicht weinen (im Gegenteil oft nach außen hin lächeln!) und auch nicht versuchen wegzulaufen, sondern ihre Situation oft lange ertragen. Solange, bis es nicht mehr geht:

Es ist ja nicht so, dass eine Frau aufstreckt und sagt: «Ich bin ein Opfer von Menschenhandel.» Opfer zu identifizieren und Beweise zu finden ist mit sehr grossem Aufwand verbunden und mit viel Ermittlungsarbeit. Das sind komplexe Verfahren, die Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern. Zudem ist es den meisten Prostituierten gar nicht bewusst, dass sie Opfer sind. Sie stellen es beispielsweise nicht infrage, dass es nicht normal ist, Schulden für eine Reise von Thailand in die Schweiz von 30’000 Franken abbezahlen zu müssen. Bis sich Prostituierte selber als Opfer sehen, bis sie den Druck nicht mehr aushalten, braucht es enorm viel.“ – Simon Steger, Chef der Fachgruppe Sexualdelikte der Luzerner Kriminalpolizei – https://www.zentralplus.ch/es-braucht-enorm-viel-bis…/

Es ist deshalb wichtig über das eigene Opferverständnis nachzudenken und mit diesem Blick, wie oben dargelegt, das Thema zu betrachten und in die Bordelle rein zu gehen. Wenn man also in ein Bordell geht und keinen Zwang sehen kann, dann sollte man nicht rausgehen und schlussfolgern: „Da ist alles ok, denn ich habe keinen Zwang gesehen“, sondern man sollte sich bewusst darüber sein, dass viele Frauen dort in bestimmten Situationen sind, wo sie sich aus diversen Gründen nicht über ihre wahre Situation äußern können. Auch deshalb nicht, weil sie ihre eigene Situation oft selbst noch gar nicht richtig realisieren.

Es ist wichtig, unser Opferverständnis in diesem Bereich der Realität anzupassen, denn nur so können wir sie alle identifizieren und ihnen allen helfen. Nur wenn wir darüber vermehrt sprechen, dass es viele Opfer gibt, die sich selbst oft lange nicht als solche wahrnehmen, können wir dazu beitragen, dass sie sich durch unsere Aufklärung vermehrt als solche erkennen können, denn wenn sie selbst nur das Bild der „angeketteten Frau“ im Kopf haben und von der Gesellschaft nur dieses Bild vermittelt wird, werden sie immer sagen: „So ist das ja bei mir gar nicht, ich liege nicht in Ketten, bin nicht eingesperrt, also bin ich kein Opfer.“

Empathie: Hineinfühlen, verstehen & helfen können.

Verstehen, handeln, helfen – über Ausstiegshilfe

Wen seht ihr da unten links im Bild? Mich.

Und was seht ihr unten rechts im Bild? Ameisen! Ja, ich kümmerte mich da im Zoo bei einem unbezahlten Praktikum u.a. auch um die Ameisen 🐜🐜🐜

Das war Anfang 2013. Da war ich noch in der Prostitution (was dort im Zoo natürlich niemand wusste), jedenfalls noch so viel, um mich bis zum Ausstieg über Wasser zu halten. Zuvor fand die schrittweise Lösung von meinem Zuhälter statt. Dann kamen Versuche des Ausstiegs, aber noch nicht der finale Ausstieg. Bewerbungen, Beginn des Nachholens meines Abiturs wegen vorherigem Schulabbruch, unbezahlte Praktika, um meinen leeren Lebenslauf zu füllen und bessere Jobchancen zu haben, sodass ich komplett aussteigen kann, etc… Es ist ja schon bekannt, ich muss es hier nicht mehr ausführen. Ich hoffte, dass ich als Pflegerin von Tieren irgendwo auch ohne zunächst langwierige Ausbildung einen Job finden würde, wenn ich ein paar Erfahrungen vorweisen kann, was dann ja auch so war.

Mein Ausstieg war ein Prozess.

Natürlich kann man mir sagen: Sandra, wärst du halt irgendwo hingegangen und hättest dir Hilfe gesucht, dann hättest du nicht noch länger in der Prostitution bleiben müssen. Als außenstehende Person leicht gesagt, aber für mich war Hilfe suchen nach allem was damals passiert war keine Option. Mein Schamgefühl war zu groß und ich habe mir eingeredet, keine Hilfe zu verdienen.

Für mich sah der Plan also so aus: es entweder schrittweise irgendwie allein aus diesem verkorksten Leben raus schaffen oder es nicht zu schaffen. Aber um Hilfe bitten? Ne. Bloß keiner sollte erfahren, wo ich in den letzten Jahren war und dass ich unzählige Summen für einen Zuhälter angeschafft hatte, während ich lange Zeit im Kellerzimmer eines Bordells wohnte.

Was ich mit diesem Beitrag hier sagen möchte:

schämen tun sich viele prostituierte Frauen, was sie häufig davon abhält, Hilfe zu suchen und diese auch anzunehmen. Auch ihr Trauma sitzt oft zu tief, um sich anderen anzuvertrauen. Viele von ihnen haben denselben „Plan“ wie ich damals: es entweder nach und nach allein raus zu schaffen oder falls das nicht klappt, weiter diese Gewalt zu ertragen. Das Selbstwertgefühl und die Würde, all das ist ja eh schon weg und kommt auch nicht mehr zurück, hörte ich eine andere Betroffene einmal in einem Film sagen auf die Frage, warum sie nicht aus der Prostitution aussteige. Das höre ich so oft von verschiedenen betroffenen Frauen. Und es macht mich wahnsinnig traurig. Ich weiß, wie es sich anfühlt, dieses Gefühl und der Gedanke, nichts mehr anderes wert zu sein. Ich mache auch Aufklärungsarbeit, damit möglichst viele prostituierte Frauen wissen, dass sie sich nicht schämen müssen und dass es eine Chance gibt, physisch aber vor allem auch seelisch in ein anderes Leben zu finden. Damit sie aktiv Hilfe suchen beim Ausstieg und der Aufarbeitung ihres Erlebten und nach Ausbeutungssituationen oder auch sonst nicht noch weiter in der Prostitution bleiben, so wie viele es tun/getan haben und mir hierzu immer wieder Nachrichten schreiben und wie auch ich es damals tat.

Keine Frau in der Prostitution muss sich schämen, um Hilfe zu bitten. Keine, egal aus welchen Gründen sie in die Prostitution gerutscht ist. Kommt das Gefühl der eigenen Würde jemals wieder zurück? Kann ich je diese Fingerabdrücke auf meiner Haut wieder vergessen? Fragen um Fragen, die mir betroffene Frauen immer wieder stellen. Alle, die wir in der Prostitution waren, wissen, wie lang dieser Weg sein kann, aber auch, wie wichtig es ist, ihn zu gehen. Jeder Tag in der Prostitution ist ein Tag zu viel und macht diesen langen Weg noch viel länger – jeder Tag ist ein Tag zu viel dessen, was einen verletzt, ein Tag zu viel des sich Aussetzens einer Gefahr, auf einen gefährlichen Freier zu treffen, wo man vielleicht nicht mehr so glimpflich davon kommt wie das ein oder andere mal zuvor, als man so einen Psychopathen hatte. Escort wird immer gerne verharmlost. Ich hatte beim Escort ein paar sehr gefährliche Situationen. Man ist da allein bei jemandem, den man nicht kennt. Und was machst du, wenn du mit diesem Mann dann allein bist und der auf komische Ideen kommt bzw. sie schon für dich „vorbereitet“ hat? Einige meiner schlimmsten und gefährlichsten Erfahrungen habe ich beim Escort gemacht, aber das ist ein anderes Thema.

Wir benötigen ein großes Hilfesystem für prostituierte Frauen und vor allem keine (vom Staat geförderten) verharmlosenden Beratungsstellen mehr. Leider höre ich auch immer wieder von prostituierten Frauen, die sich von „pro-sexwork-angehauchten“-Beratungsstellen nicht verstanden fühlen, ihr innerer Schmerz und ihr Trauma klein geredet wird, wenn von Prostitution als „Arbeit“ wie jede andere gesprochen wird, und sie sich daher in ihrer Situation allein gelassen fühlen.

Wer Frauen in der Prostitution ehrlich beim Ausstieg helfen möchte, seien sie dort durch einen Zuhälter oder (später) allein, der muss sie verstehen, der muss wissen, was in ihnen vorgeht. Der muss wissen, wie Schmal die Gradwanderung zwischen Ausstieg und dem „Rückfall“ manchmal sein kann, wieder Gewalt zu ertragen, wieder in die Ausbeutungssituation zurück zu fallen, weil das Trauma, die Hoffnungslosigkeit, die Angst und der empfundene Verlust der eigenen Würde so stark sein können. Hier braucht es ein ausgeklügeltes Hilfe- und Auffangsystem.

Nur solch ein Hilfesystem kann Zuhältern, Menschenhändlern und all den Traumata die Stirn bieten. Nur wer die Mechanismen versteht, der kann wirklich nachhaltig und dauerhaft helfen.

Es liegt noch viel Arbeit vor uns.

Eigentums-Tattoos von Zuhältern – Betroffene identifizieren

Anlässlich des europäischen Tages gegen Menschenhandel am Sonntag, den 18.10.2020 – ein längerer Text, der mir aber sehr wichtig ist.

Ich möchte mit diesem Beitrag vertiefter über Eigentums-Tätowierungen von Zuhältern aufklären und schreibe ihn, damit Betroffene besser identifiziert werden können. Sie können sich oftmals lange nicht äußern, unterliegen verschiedenen Abhängigkeiten und Zwängen. Es gibt aber äußere Merkmale, an denen man erkennen kann, dass etwas nicht in Ordnung ist, etwas doch nicht so selbstbestimmt ist, wie die Frauen es meist vorgeben. Ein Merkmal davon sind diese Eigentums-Tattoos. Und die sah ich sehr oft auch bei anderen prostituierten Frauen.

(Siehe zu meinem Tattoo vor allem weiter unten noch die im Text fettgedruckten Stellen)

Ich habe so gut wie nichts mehr von damals aus der Prostitution bei oder an mir, was mich heute noch begleitet. Als ich nach meinem Ausstieg in eine neue Stadt gezogen bin, habe ich außer ein paar wichtige Dinge alles weggeschmissen. Prostitutionsklamotten, Prostitutionsschuhe, einfach alles. In dieser Hinsicht keine Spur mehr davon, dass ich je in der Prostitution war. Ich wollte alles vergessen und hinter mir lassen. Ein neues Leben bitte. Nur eine Sache habe ich zwangsläufig behalten, die (noch) da ist: Das Tattoo auf meinem Rücken.

Ich kam nie so richtig zur Ruhe nach der Prostitution, um mich um wichtige Dinge meiner Vergangenheit zu kümmern, wie z.B. um das Tattoo. Ich hatte nach meinem Ausstieg eine 6-Tage Woche, manchmal auch 7 Tage (inkl. Nachtdienst bei den Pferden), gesundheitliche Probleme, nebenbei Abitur zu Ende machen, umziehen, studieren, nochmal umziehen, wieder umziehen. Ich fühle mich ein bisschen wie eine Nomadin. Seit Jahren von einem Ort zum anderen, von einem Bordell ins andere, von einer Wohnung in die Nächste.

Nachgedacht und reflektiert habe ich in den letzten Jahren jedenfalls viel. Sehr viel. Das Tattoo bzw. die Eigentums-Tattoos im Generellen sind so eine Sache. Die Geschichte meines Rücken-Tattoos, das mein Zuhälter mir stechen ließ, um mich als sein Eigentum zu markieren, habe ich schon mehrfach erzählt. Einen Teil kann man hier nachlesen: https://sandranorak.com/tattoos-als-eigentumsstempel/

Mir geht es nun in diesem Beitrag umfassender um die Bedeutung solcher (auch meines) Tattoos und wie man sie erkennen kann.

Stellt euch vor, ihr würdet in eines der Bordelle kommen, in dem ich war, weil ihr in diesem Bereich arbeitet (aufsuchende Arbeit, Kontrollen, etc.). Die Frauen in den Bordellen (so auch ich damals) müssen ja immer halbnackt in irgendwelchen Dessous in den Bordellen rumlaufen, manchmal ganz nackt, das Tattoo war also durchgehend sichtbar für alle, die mich gesehen haben, auch für die Polizei, die während der „Arbeitszeiten“ öfter in eines der Bordelle kam und ihre Strichliste machte, wer von den Frauen alles da war. Stellt euch also vor, ihr kommt in das Bordell, ihr seht mich. Ich lächle euch an, ich sage aber nichts. Wenn ihr mich fragt, erzähle ich euch als Nicht-Milieu-Person die typische Story davon, dass es mir gut geht, dass ich diesen Job machen will. Und dann gehe ich weg, drehe euch den Rücken zu und ihr seht dieses große und markante Tattoo, was sich über meinen Rücken zieht.

Was würdet ihr euch denken? Unabhängig davon, das Tattoo komplett zu entschlüsseln, was ich weiter unten gleich tun werde. Es geht darum, ein Gespür, ein Gefühl, für solche Tätowierungen zu entwickeln, sie zu deuten, sie zu erkennen. Wer seinen Blick schult, der kann bei solchen Tattoos schnell erkennen, um was es sich da handelt und damit auch, in welcher Lage sich die Frau möglicherweise gerade befindet – unabhängig von ihrer Aussage.

Erkennbar auf meinem Rücken ist ein Drache, ein keltisches Kreuz und ein Totenkopf.

Die Bedeutung:

Das mit dem Drachen hatte ich schon öfter erklärt. Damals als ich meinen Zuhälter im Chat kennenlernte, war der „Drache“ Teil seines Chatnamens, sein Kennzeichen. Manche fragten mich nun noch nach der ganzen Bedeutung des Tattoos an sich und möchten wissen, was das Kreuz für sich genommen bedeutet, warum es da ist.

Zugegebenermaßen wusste ich das selbst länger nicht. Es war halt ein Kreuz, was man mir da zusätzlich zum Drachen auf den Rücken stach, dachte ich. Falsch gedacht. Denn das Kreuz hat es in sich. Als ich es dann verstand wurde mir klar: nur mit dem keltischen Kreuz ergibt das Tattoo auch nach außen hin den Sinn, den mein Zuhälter damit erreichen wollte, um mich sichtbar als sein Eigentum zu markieren, denn der Drache war zwar sein persönliches „Kennzeichen“, aber dass ich „im Eigentum des Drachen“ stehe, wird erst durch das Keltenkreuz so richtig deutlich gemacht:

„Ein Keltenkreuz, Hochkreuz oder irisches Kreuz ist ein Element der mittelalterlichen sakralen Kunst im keltischen Kulturraum der britischen Inseln und Irlands… Die ursprünglichen irischen Hochkreuze fanden sich nicht auf Grabstätten, sondern markierten dekorativ ein besonderes Gebiet oder heiliges Land.“ – Wikipedia zu „Keltenkreuz“ –

Ich war in dem Fall das „besondere Gebiet“, das „heilige Land“, das markiert werden sollte.

Wenn man also als Außenstehender mein Tattoo sieht und sich damit beschäftigt und nachliest, was das für ein Kreuz ist, welche Bedeutung es hat, kommt man schnell darauf, dass ich da einen Eigentumsstempel auf dem Rücken trage.

Was man genau sieht: Der Drache hält das keltische Kreuz mit seiner Hand auf der einen Seite fest – das sollte wahrscheinlich symbolischen Charakter haben: „Es gehört mir“, also „das keltische Kreuz gehört mir“, also „das „Gebiet“ gehört mir“. Also: Ich gehöre ihm, dem Drachen, also meinem Zuhälter.

Seine Passion zum Mittelalter (Keltenkreuz, irische Kunst, Kriegertruppen…) wurde durch seine Online-Spiele deutlich, die Kriegsstrategiespiele waren, wie ich schon oft erzählt habe. Ich hatte auch schon öfter erzählt, dass er sagte, ein Fremdenlegionär gewesen zu sein. Ob er es wirklich war, keine Ahnung. Jedenfalls hat er auch mit mir strategisch Krieg gespielt: erst online und dann im echten Leben.

Was der Totenkopf auf dem Tattoo bedeuten soll? Das kann sich wohl jeder denken.

Was für einen psychologischen „Schaden“ solch ein Tattoo seitens der Zuhälter bei „ihren“ Frauen bewusst anrichten soll und anrichtet, bleibt nach außen hin oft verdeckt. Das, was ich da auf dem Rücken habe und was vielen Betroffenen in verschiedenster Weise da auf die Haut tätowiert wird, ist nicht nur ein Tattoo. Es hat eine Bedeutung. Tief in die Seele gebrannt, auch wenn es „nur“ auf der Haut ist.

Krieg online, Krieg im Leben, Krieg auf der Haut, Krieg im Kopf.

Manipuliert, getäuscht, gebrochen. Gehirnwäsche at its best und bei einer instabilen jungen Frau wie mir damals nicht sonderlich schwer für jemanden, der durch und durch – online und auch ganz besonders im realen Leben – ein raffinierter Stratege war.

War ich selbst schuld an allem, was man besonders in diesen „Loverboy“-Fällen ja ständig hört? War ich schuld an meiner eigenen Ausbeutung? Eine Frage, die ich lange Zeit mit „Ja“ beantwortet habe. Dieses „Ja“ verursachte auch lange ein großes Schamgefühl in mir und hielt mich davon ab, Hilfe zu suchen, um schneller aus der Prostitution aussteigen zu können, anstatt noch weiter darin zu verharren und mir den Ausstieg Stück für Stück allein zu erarbeiten, was nach einem Schulabbruch, jahrelanger Lücke im Lebenslauf, zunächst ohne Wohnung, nur Milieukontakten und ständigen Selbstzweifeln, Angstzuständen, Atemnot und Panikattacken schwer war. Dieses „Ja“ begleitete mich auch noch eine ganze Weile nach meinem Ausstieg bis sich meine Antwort auf diese Frage änderte.

Wer die Scham und die Schuld in Richtung der Betroffenen umdreht, lässt sie allein und stellt sich vor die Ausbeuter. Frauen in der Prostitution stehen häufig unter schweren Abhängigkeiten und Zwängen zu extrem manipulativen und berechnenden Menschen, sind innerlich gefangen genommen. Das Tattoo auf meinem Rücken spricht das lautlos aus.

Ich wünsche mir, dass Betroffene als solche erkannt werden, auch wenn sie sich selbst oft noch nicht als solche erkennen können. Ich war in legalen Bordellen, im legalen Escort, auf legalen Seiten inseriert. Ich war angemeldet und ich habe sogar eine gewisse Summe an Steuern für den Zeitraum meiner kompletten Ausbeutung (nach)gezahlt. Warum? Na weil die Kontrollen und das Finanzamt dich in der Prostitution sehen und zur Kasse bittet. Wenn du nicht noch mehr Probleme willst, als du eh schon hast (Zuhälter, Gesundheit, Schwierigkeiten beim Ausstieg, etc…), zahlst du eben einen Beitrag. Also: von Freiern gefickt werden für den Staat für deinen Ausbeutungszeitraum.

Legal heißt nicht, dass die Frauen dort nicht ausgebeutet werden. Man sieht es eben nicht. Und das ist ein großes Problem (wobei: für die Profiteure ist es natürlich gut, weil sie unbeschadet massenhaft Geld mit der Ausbeutung anderer verdienen können). Viele sagen: ich sehe keine Ausbeutung, die Frauen berichten nicht über Ausbeutung, also gibt es keine Ausbeutung.

Das ist eine falsche Schlussfolgerung. Solche Aussagen muss man hinterfragen, sich mit diesen Mechanismen und der Psychologie dahinter beschäftigen. Das Rotlichtmilieu lebt davon, dass die meisten Frauen sagen, alles ist ok und sie gehen für sich selbst anschaffen, selbst dann, wenn sie ständig misshandelt werden. Zuhälter und Menschenhändler können ganz besonders gut die legale Umgebung zur Ausbeutung nutzen, so Europol. Dessen muss man sich bewusst sein und nicht auf den Schein der Legalität reinfallen.

Wenn man in ein Bordell geht, wird man als außenstehende Person meist die „heile Welt des Rotlichts“ sehen. Aber meine Erfahrungen sagen mir: gar nichts ist da die „heile Welt des Rotlichts“. Nach außen hin zwar meist immer, nach innen hin ganz und gar nicht. Der Schein trügt für Außenstehende und wird aufrecht erhalten. Er muss es auch. Sonst wäre die Ausbeutung von Menschen in der Prostitution kein so lukratives und milliardenschweres Geschäft für Kriminelle, wie es das nun mal ist. Auch in Deutschland. Vor allem in Deutschland. Es sieht aus, als sei alles ok, aber das ist es so gut wie nirgends.

Ich empfehle daher jedem, der in dem Bereich arbeitet und öfter in Bordelle geht (aufsuchende Arbeit, etc.):

schaut genau hin. Ganz genau. Hierunter fällt auch: hat die Frau ein Tattoo? Und wenn ja, was für eins? Manchmal sind die Eigentums-Tattoos auch nur ganz Kleine, oft mit einem Buchstaben oder Namen versehen. Oder markante Zeichen, Symbole, Tiere, Barcodes. Versucht, ihre Bedeutung zu lesen. Googelt auch, wenn ihr bestimmte Zeichen oder Symbole oder Anderes seht, was auffällig aussieht, ihr es aber nicht ganz versteht. Versucht, das Tattoo zu entschlüsseln. Die Eigentums-Tattoos können unterschiedlich aussehen, aber eine Sache haben sie meist alle gemeinsam:

sie sehen sehr auffällig aus und tragen, wenn man sie genau ansieht und entschlüsselt, die Message: „Dieser Mensch gehört mir“ in sich. Ich habe viele solche Tattoos gesehen und sie waren eigentlich immer erkennbar, wenn man einen geschulten Blick dafür entwickelt, weil es keine Tattoos sind, die man sich mal eben so als (meist junge) Frau auf die Haut stechen lässt. Eigentums-Tattoos sind speziell in ihrer Erscheinung. Sehr viele prostituierte Frauen sind tätowiert. Oftmals auch mehrfach, wenn sie noch eigene Tattoos haben, sodass man u.U. das Eigentums-Tattoo unter den anderen Tattoos nicht gleich sieht. Aber „Markierungen“ von Zuhältern sehen anders aus als „normale“ Tattoos, sind auffällig, sonst hätten sie auch nach außen hin nicht die Wirkung im Milieu, die sie haben sollen.

Ein Beispiel: Andrea K. wurde dieses Jahr mit einem Betonklotz in die Weser geschmissen und ermordet. Sie war in der Prostitution. Auch sie hatte ein auffälliges Tattoo. Ein Kreuz und ein Buchstabe. Ein kleines Tattoo, am Hals. Ihr Ex-Freund war Zuhälter. Neben ihm wurde ein weiterer Zuhälter verhaftet. War ihr Tattoo ein Eigentumsstempel? Ich weiß es nicht, aber so wie es aussieht, könnte es sehr gut der Fall sein. Würde ich sowas jetzt an einer prostituierten Frau sehen, würden bei mir alle Alarmglocken anfangen zu klingeln – ein Bild seht ihr im Link: https://www.n-tv.de/…/Mordfall-Andrea-K-Zuhaelter…

Seid sensibel dafür. Wer in Bordelle geht, auf Straßenstriche geht oder sonst wo prostituierte Frauen aufsucht – bitte guckt genau hin. Haltet unbedingt Ausschau nach markanten Tattoos. Wenn ihr sowas seht wie seltsame, auffällige Tattoos, bleibt da dran an den Frauen, auch wenn sie euch zunächst abwehren und erzählen, sie machen alles freiwillig und für sich, weil sie es ok finden. Das sagen die meisten, das habe ich auch lange gesagt, selbst während kompletter Ausbeutung. Das ist so im Milieu, dass die Mehrheit der Frauen das sagt und ihre Täter schützt. Sie müssen dem Milieu und den Leuten darin auch loyal sein, was man schon am Anfang lernt bzw. einem die Konsequenzen einer Verfehlung sehr deutlich aufgezeigt werden. Für viele stellen die Ausbeuter auch die Familie und die einzigen Bezugspersonen dar. Viele haben gar kein Opferbewusstsein, wie ich es immer wieder sage, und auch Leute im Feld es bestätigen:

Es ist ja nicht so, dass eine Frau aufstreckt und sagt: «Ich bin ein Opfer von Menschenhandel.» Opfer zu identifizieren und Beweise zu finden ist mit sehr grossem Aufwand verbunden und mit viel Ermittlungsarbeit. Das sind komplexe Verfahren, die Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern. Zudem ist es den meisten Prostituierten gar nicht bewusst, dass sie Opfer sind. Sie stellen es beispielsweise nicht infrage, dass es nicht normal ist, Schulden für eine Reise von Thailand in die Schweiz von 30’000 Franken abbezahlen zu müssen. Bis sich Prostituierte selber als Opfer sehen, bis sie den Druck nicht mehr aushalten, braucht es enorm viel.“ – Simon Steger, Chef der Fachgruppe Sexualdelikte der Luzerner Kriminalpolizei – https://www.zentralplus.ch/es-braucht-enorm-viel-bis-prostituierte-den-druck-nicht-mehr-aushalten-1915543/

Meist sagen die Frauen selbst dann noch nichts, wenn sie heftigste Drohungen und/oder Gewalt erleben. Angst führt auch nicht zwangsläufig dazu, sich als Opfer zu sehen, denn die Täter reden den Frauen ein, dass sie ja selbst schuld an der Gewalt, der Drohung, etc. seien, sie müssten sich eben korrekt verhalten und dann sei alles gut. Oft ist es auch ähnlich wie bei häuslicher Gewalt, wo die Betroffenen lange nicht trennen und viel mitmachen, aber ich brauche es hier nicht zu erklären. Ihr wisst denke ich, was ich meine.

Es braucht Geduld und die Frauen müssen wissen: da ist jemand, wo sie hin können, wenn sie bereit dazu sind, Hilfe anzunehmen, wenn sie das Lügengeflecht anfangen zu durchschauen und eine Hand brauchen und wollen, die stark ist und sie aus dieser Parallelwelt führt. Manche Zuhälter lassen von „ihren“ Frauen ab, wenn diese zu alt sind, zu „verbraucht“ und daher zu kaputt sind, „Abstand“ bezahlt haben, wenn sie sich „freigekauft“ haben oder „freigekauft“ wurden (wobei sie bei letzterer Alternative dann meist wieder einem Zuhälter „gehören“ oder einem Freier, wo sie dann als „Dank“ gratis Sex abliefern müssen). Ich war nach langer Ausbeutungszeit ein psychisches Wrack, nicht mehr derart einträglich, was der Anfang des Lösungsprozesses und meines Ausstiegs war (https://sandranorak.com/…/uber-trauma-uber-den-ausstieg/). Dem Zuhälter aber einfach von heute auf morgen „kündigen“ geht meist nicht. Mein „Freikauf“ fand letztlich in der Form statt, dass ich nach kompletter Ausbeutung noch eine gewisse Zeit bestimmte Summen meiner Einnahmen abzugeben und mich an bestimmte Regeln zu halten hatte – nach der „alten Schule“ des Milieus. Viele Zuhälter lassen aber auch unter keinen Umständen ab, nennen Summen und Bedingungen für den „Freikauf“ und wenn die Frauen all das erfüllen, dann wars das nicht, sondern es kommt die nächste Forderung – sie nutzen das Wort „Freikauf“, es findet aber keiner statt. Dieses System ist so krank. Allein über was man hier sprechen muss. Dass Frauen, die oft in mehrstelligen Zahlenbereichen ausgebeutet wurden, noch versuchen müssen sich durch weitere Geldabgaben freizukaufen. Die Frauen wissen letztlich nie, was sie „auf dem Weg raus“ noch alles erwartet. Es ist ungewiss und ein Spiel mit dem Feuer. Wird es gut gehen oder wird es schief gehen? Keine weiß das im Vorhinein. Sie benötigen Hilfe.

Das Rotlicht ist eine Parallelwelt, die nach außen hin so tut, als wäre sie keine, um ihren Profit zu schützen, um ihren Profit nicht zu verlieren, um weiter Teil eines Milliardengeschäfts sein zu können, das meist auf dem Rücken und durch die Ausbeutung der Schwächsten dieser Gesellschaft am Leben erhalten wird.

Fazit von diesem Beitrag:

Tattoos können Zeichen von Zwang und Ausbeutung sein. Sie sind es sehr oft. Schaut bitte genau hin. Man erkennt diese markanten Eigentumstätowierungen als solche, wenn man seinen Blick darauf schult. Bei mir haben es sogar viele Freier erkannt und mir grinsend nach der Inspektion meines Tattoos gesagt: „Ah, du gehörst bestimmt jemandem!“ Und zwar auch sehr unintelligente Freier. Wenn denen sowas auffällt, dann kann jeder andere auch lernen, das zu sehen.

Mein Tipp also: schult eure Blicke, falls sie noch nicht geschult sind.

Und klärt junge Mädchen und Frauen auf, soviel ihr könnt.

Die Arbeit mit jungen Menschen bedeutet mir am meisten, wenn ich in Schulen gehe oder in Einrichtungen mit psychisch labilen/kranken Kindern und Jugendlichen, vor allem Mädchen. Da kommt soviel Herzlichkeit, soviel Ehrlichkeit, soviel Dankbarkeit zurück. Sie löchern mich mit allen möglichen Fragen. Ich sehe in den Mädchen immer mich, als ich in ihrem Alter war. Kurz vor dem Abdriften in eine Parallelwelt und unzähligen von sexuellen Missbrauchserfahrungen. Am liebsten würde ich über sie alle eine große Schutzhülle spannen, sodass sie niemals so abdriften können.

Versuchen wir gemeinsam, sie zu schützen.

Über Trauma. Über den Ausstieg.

Über Trauma. Über den Ausstieg.

Ein sehr persönlicher Text. Auf den Bildern seht ihr zwei „Diagnosen“ während meiner Zeit in der Prostitution.

Mein Zuhälter lies nach langer Ausbeutungszeit immer weiter von mir ab, weil ich nicht mehr einträglich war: ich hatte vorher tausende von Euro monatlich gebracht und im Jahr 2011 hatte ich einen Zusammenbruch und massive Probleme in Form von Atemnot, Hyperventilation, Kreislaufproblemen bis hin zum Kollaps. Mein Körper war zu einer Marionette meiner Psyche und meines Innenlebens geworden. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Nach langer Zeit in der Prostitution und sexueller Gewalt und Ausbeutung war ich schwer traumatisiert. Ich war mehrmals in der Notaufnahme und konnte nicht mehr diese Summen bringen, die von mir verlangt wurden. Nicht mehr die Summen, die sich ausgezahlt haben. Ich bin erstmal nur noch in meinem Kellerzimmer im Bordell gelegen und habe vor mich hin vegetiert. Viele Frauen werden solange in der Prostitution ausgebeutet, bis sie kaputt sind. Das ist auch oft mit den Osteuropäerinnen so: man schickt die eine Tochter in die Prostitution und wenn sie kaputt ist, holt man sie zurück und schickt die nächste. Oder man schickt „seine Frau“ in die Prostitution und wenn sie kaputt ist, holt man sich die Nächste, etc. Mein Zusammenbruch war letztlich mein Glück. Der Lösungsprozess startete.

Was wurde mir da in den Notfallzentren gesagt? Ich hätte Panikattacken und Angstzustände, sei in einem „reduzierten Allgemeinzustand“, so steht es auf dem Zettel. Ich solle mich beruhigen. Tief ein – und ausatmen.

Aufenthalt in einer Notfallklinik: 0:52 – 4:00 Uhr. Mitten in der Nacht.

Ich kann mich an diese Nacht gut erinnern. Ich saß da auf der Krankenliege, es war eine kalte Nacht. Ich hatte so starke Atemnot, dass ich ständig das Gefühl hatte zu ersticken, gleich in Ohnmacht zu fallen. Hyperventilierend saß ich vor dieser Ärztin. Ich habe mich so einsam gefühlt und mir war zum Weinen. Aber ich weinte nicht. Ich unterdrückte es. Was ich war, eine Prostituierte, und wo ich gerade herkam, aus dem Bordell, erzählte ich ihr auch nicht. Ich hatte Angst vor Zurückweisung, Angst vor Verurteilung, Angst vor Ablehnung. Dass ich sexuelle Ausbeutung hinter mir hatte und auf dem Weg zum Ausstieg war, mich immer noch mit Freiern konfrontierte und gleich wieder zurück ins Bordell ging, habe ich ihr nicht gesagt. Die Scham war viel zu groß. Ich wollte einfach nur, dass sie mir hilft, wieder Luft zu bekommen, wieder atmen zu können.

Sie versuchte mich zu beruhigen, ich sollte langsam ein- und ausatmen, aber das klappte nicht. Dann wurde mir das „Prinzip der Rückatmung“ mittels einer Tüte erklärt, so steht es auf dem Dokument. Die nur leider auch nicht so richtig funktioniert hat. Die Ärztin wollte mir eine Beruhigungspille geben, wo ich aber noch mehr in Panik geriet und sie begründungslos ablehnte, denn ein Freier hatte mal einer Rumänin und mir eine „Pille“ gegeben. Das war irgend eine Droge, nach deren Einnahme ich eine Nacht lang dachte, dass mein letztes Stündchen geschlagen hätte. Seitdem traue ich keinem Menschen mehr, der mir eine Pille gibt, wenn ich nicht selbst die Verpackung und wo die Pille rausgenommen wird, sehe.

Ich hatte damals keine Ahnung von Trauma. Ich bekam so häufig Panikattacken, keine Luft mehr und dachte oft, ich sterbe gleich. Und manchmal wünschte ich mir auch, dass es endlich vorbei ist, mein Leben, weil ich keine Kraft mehr fühlte, weiterzumachen. Wenn nicht mal mehr Luft bekommen möglich war, wenn nicht mal mehr das Atmen möglich war, wie sollte ich da andere Sachen wie den Ausstieg schaffen? Genauso wie ich mich fühlte in diesem Leben, keine Luft mehr zum Atmen zu haben, genauso reagierte mein Körper.

In einem Befund steht, dass meine Beschwerden mit der Atemnot abends anfingen. Abends kamen die meisten Freier, abends war die schlimmste Zeit. Der „Abend“ hat mich am meisten getriggert.

Panikattacken, keine Luft zu bekommen und dieses Gefühl, oft kurz vor der Ohnmacht zu stehen, das hatte ich sehr lange, auch nach meinem Ausstieg noch bis in die ersten Uni-Semester hinein.

Alles war ein langer Weg.

Ich habe es raus geschafft in ein anderes Leben, aber viele Frauen schaffen es mit diesem liberalen System und den mangelnden professionellen Ausstiegshilfen hier in Deutschland nicht, aus diesem System auszusteigen. Das macht mich traurig und muss sich ändern – schnell.

Nie wieder schweigen

Über das Schweigen.

Ich sollte schweigen, für immer.

So viele Frauen erzählen, sie seien freiwillig in der Prostitution. Erfinden Geschichten hierfür.

Das ist Alltag. Paradoxerweise glauben viele, dass sie in gewissem Maße selbstbestimmt sind, obwohl sie von ihren Zuhältern in Gestalt ihrer „Männer“, „Freunde“ oder ihrer eigenen Familie fremdbestimmt werden, ausgebeutet werden. Fehlendes Opferbewusstsein. Resignation. Hoffnungslosigkeit. Perspektivlosigkeit. Trauma.

Sie sind zum Schweigen verdammt über die wahren Umstände. Brauchen oft Jahre, um alle Puzzle-Teile ihrer Ausbeutungszeit zusammenzufügen. Um zu verstehen, oft auch um nicht mehr zu verleugnen: der Mensch, den man liebte, dem man vertraute, ist ein Täter. Hier ein Interview: https://www.daserste.de/…/interview-staatsanwalt-stefan…

Wenn man von außen als „Nicht-Milieu-Person“ auf diese Frauen blickt, sieht ihre Prostitution freiwillig aus. Man findet das reihenweise in nahezu jedem Bordell.

Wie wenig „freiwillig“ ihre Prostitution aber wirklich ist, wie die Innenansicht ist, wie fremdbestimmt die Frauen sind und unter welchen Zwängen sie stehen, das bleibt Außenstehenden, die mit dem Milieu und den „Innengeschäften“ nichts zu tun haben, meist verborgen. Und wird dann freiwillige Prostitution genannt. Obwohl Ausbeutung dahinter steckt.

Damals habe ich geschwiegen. Damals habe ich ertragen. Damals habe ich meine Ausbeuter nach dem Umzug zu meinem Zuhälter vor der mich aufsuchenden Polizei geschützt. Erzählt, ich wäre selbstbestimmt. Weil ich geliebt habe. Weil ich manipuliert wurde. Weil ich bedroht wurde. Weil ich Angst hatte. Ein Gefühlschaos. Weil ich dachte, dass mir sowieso niemand mehr aus diesem verkorksten Leben raushelfen kann, wo ich schon lange drinsteckte. Weil ich dachte, dass ich sowieso nicht mehr wert bin als das, wozu ich von meinen Ausbeutern gemacht wurde: eine Prostituierte. Einmal Nutte, immer Nutte, so hat es mal eine andere Betroffene der „Loverboy“-Methode gesagt. Die Würde ist schon weg und kommt nicht mehr zurück. Und genau so habe ich mich gefühlt. Es gab in meinem Kopf kein Zurück, keinen Ausgang, keinen Ausweg, aus dieser Parallelwelt.

Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht selbstbestimmt.

Viele prostituierte Frauen sind nicht selbstbestimmt, obwohl es nach außen hin so aussieht, als wären sie es.

Und niemand wird mich je wieder zum Schweigen bringen über das, was ich wirklich erlebt habe.

Und wenn Reden das Letzte ist, was ich tue.