Autor: Sandra Norak

Die Verantwortung der Medien als „Vierte Gewalt“ im Bereich der Ausbeutung von Menschen in der Prostitution

Foto: Verena Müller

Nach dem Examen wollte ich 2 Wochen bis August eigentlich nichts mehr vom Thema Prostitution hören und von allem komplett Abstand nehmen und abschalten. Leider habe ich jetzt doch keine 2 Wochen Ruhe, sondern sitze an diesem Text hier, denn ich konnte nicht anders als mir die neue ZDFzoom Reportage über Prostitution* anzusehen, in der auch ein kleines Statement von mir gezeigt wurde, möglicherweise um nicht sagen zu können, dass man Kritiker/innen überhaupt nicht zu Wort kommen lässt. Da ich Teil der Reportage bin, sehe ich mich in der Verantwortung, dazu Stellung zu nehmen.

Die Essenz des Films war letztlich folgende Aussage:

durch das Prostitutionsverbot während Corona könne man ja sehen, dass das Nordische Modell keinen Erfolg haben könne.

Bereits zuvor habe ich gemerkt, dass die Autorin des Films in Richtung „Das Prostitutionsverbot während Corona zeige, dass das Nordische Modell den Frauen nur schade“ geht, daher habe ich ihr dazu zwei E-Mails geschrieben, um ihr zu sagen:

Prostitutionsverbot und Nordisches Modell sind zwei komplett verschiedene Gesetzesmodelle und komplett verschiedene Ansätze im Umgang mit Prostitution, die man überhaupt nicht vergleichen kann. Es scheint, als hätte die Autorin des Films die unterschiedlichen Modelle nicht verstanden, denn das Prostitutionsverbot während Corona ist nicht vergleichbar mit einem gut umgesetzten Nordischen Modell, denn bei einem Prostitutionsverbot sind die Frauen kriminalisiert, während sie das beim Nordischen Modell nicht sind und stattdessen Hilfs- und Unterstützungsangebote bekommen.

Es ist ein RIESENUNTERSCHIED, ob eine Frau 1000 Euro oder andere Summen an Bußgeld bezahlen muss ( = Prostitutionsverbot: Ausübung der Prostitution steht unter Strafe) oder keine Strafe und stattdessen Hilfsangebote bekommt (= Nordisches Modell: nur der Freier wird bestraft, nicht aber die sich prostituierende Person). Da kann man doch nicht einfach sagen: das Prostitutionsverbot zeige, wie es unter dem Nordischen Modell aussehen würde. Wenn ich in einen Apfel beiße, merke ich, wie eine Banane schmeckt? Ähm? Nein, natürlich nicht. Wir hatten kein Nordisches Modell während der Pandemie, also kann man auch nicht sagen, dass man ja während der Pandemie gesehen habe, dass das Nordische Modell erfolglos wäre. Diese falsche Verknüpfung haben leider viele Menschen gezogen und die beiden Gesetzesmodelle und Ansätze vermischt. Wenn jemand sagt, dass das Prostitutionsverbot unter Corona gezeigt hat, dass das Nordische Modell nicht funktioniert, zeigt das letztlich nur, dass dieser jemand nicht viel bis gar nichts über das Nordische Modell und wie es gut umgesetzt funktioniert, weiß.

Die Frauen werden sich z.B. sicher nicht der Polizei anvertrauen, wenn sie selbst Strafe fürchten müssen, wie es bei einem Prostitutionsverbot während Corona überwiegend der Fall ist. Es ist ja logisch, dass die sich dann verstecken und nicht raustrauen. Die Frauen haben nicht selten hohe Summen an Bußgeldern zahlen müssen, während sie oft noch einen Zuhälter im Rücken haben. Als Corona ausbrach, hätte es eine Entkriminalisierung der Menschen in der Prostitution gebraucht sowie flächendeckende Unterstützungs- und Ausstiegsangebote. Das gab es aber nicht, man hat die Betroffenen allein gelassen, obwohl viele andere sowie auch ich eine Entkriminalisierung und entsprechende Hilfen z.B. auf höchster Ebene gefordert haben mit einem offenen Brief an die Bundesregierung und alle Ministerpräsident/innen.

Im Film wurde nicht einmal richtig erklärt, was das Nordische Modell samt all seinen Säulen überhaupt ist:

  1. Freierbestrafung (ist nur ein Teil des Nordischen Modells)
  2. Entkriminalisierung aller Menschen in der Prostitution
  3. Kriminalisierung aller Profiteure (Bordellbetreiber, Zuhälter, etc.)/jedweden Profits aus der Prostitution anderer
  4. Ausstiegs-, Hilfs- und Unterstützungsangebote
  5. Aufklärung in der Gesellschaft

Stattdessen wurde Bordellbetreibern eine große Bühne überlassen. Kritische Stimmen bzw. Stimmen, die für ein Sexkaufverbot (das Nordische Modell) sind, kommen so gut wie gar nicht vor. Betroffene außer ich, die Prostitution kritisch sehen, kommen nicht vor. Ich hatte auch den Kontakt zu einer Frau des Netzwerk Ella vermittelt, den man scheinbar nicht wollte, vielleicht weil diese Stimme nicht zum „Alles-geht-in-den-Untergrund-und-wir-wollen-ins-Bordell-weil-dort-ist-alles-sicher-Argument“ des Films passte.

Man hat in diesem Film vielen Profiteuren eine Plattform gegeben, 4 (!) Bordellbetreiber/Wirtschafterin kamen zu Wort, während man Betroffene, die für das Nordische Modell sind, nicht über das Nordische Modell und dass sie für dieses Modell sind, sprechen ließ. Auch meine Standpunkte bzgl. Nordisches Modell wurden nicht eingearbeitet. Andere Betroffene, die für das Nordische Modell sind, hat man überhaupt gar nicht erst zu Wort kommen lassen, obwohl es die Möglichkeit dazu gab.

Das war schlechter, unreflektierter, Journalismus. Die Medien haben eine hohe Verantwortung im Bereich der Ausbeutung von Menschen in der Prostitution, der sie leider oftmals nicht gerecht werden. Die gewählte Sprache sowie die Art und Weise der Berichterstattung tragen dazu bei, ob Zuschauer/innen das System und das hohe Ausmaß an Leid und Gewalt sehen und sich eine an der Realität ausgerichtete Meinung bilden können – oder eben nicht. Es gibt zig Studien, die die hohe Gewalt und die großen Gefahren in der Prostitution belegen, aber nein, man befragt hier lieber Bordellbetreiber, die durch Tagesmieten oder prozentuale Abgaben hohe Summen dadurch kassieren, dass Frauen unzählige Male penetriert werden. Die Medien haben die Aufgabe die Bevölkerung zu informieren, auch aufzuklären. Wie sollen unbeteiligte Dritte, die nichts mit dem Thema zu tun haben, verstehen können, was das Nordische Modell ist, wenn das Nordische Modell nicht einmal richtig erklärt und dann auch noch fälschlicherweise mit einem Prostitutionsverbot verknüpft wird? Es wird im Film gesagt, 77 % der Bevölkerung seien gegen ein Prostitutionsverbot (Minute 20:22), man bezieht diese Umfrage aber auf das Nordische Modell. Ich bin mir sicher: wenn man eine Umfrage in der Bevölkerung machen würde, so wüssten die meisten Menschen nicht einmal, was das Nordische Modell überhaupt ist (woher auch?) und weshalb es von vielen favorisiert wird. Bevor man eine Umfrage macht, sollte man die Menschen erstmal über die Antworten der Umfrage aufklären. Mal davon abgesehen, dass in Schweden die Mehrzahl der Bevölkerung bei Einführung des Nordischen Modells auch dagegen war und sich dies mit der Zeit aber geändert hat.

Ich bin sprachlos über diesen naiven und undifferenzierten Film.

Umso mehr freue ich mich auf die baldigen Projekte, die kommen.

*Link zur angesprochenen Reportage hier: Das Ende der Sexarbeit? – ZDFmediathek

Studium geschafft: ich bin jetzt Diplomjuristin (Univ.)

Ab heute ist es offiziell – und ich muss es in die Welt rausschrei(b)en, weil ich mich so freue.

Ich habe das 1. Juristische Staatsexamen bestanden und damit mein Jurastudium abgeschlossen.

Ich bin nun Rechtswissenschaftlerin, Diplomjuristin (Univ.) mit dem Schwerpunktbereich „Strafrecht und Internationales“. Mein Schwerpunkt umfasst u.a.:

StPO-Vertiefung, Praxis der Strafverteidigung, Europäisches und Internationales Straf- und Strafprozessrecht, Völkerrecht AT, Internationale Organisationen, Internationaler Menschenrechtsschutz, Humanitäres Völkerrecht.

Das war ein ganz schön langer Weg bis hierher. Seit 2012 verbringe ich nun damit, Bildung nachzuholen. Erst das Abitur nachholen, das ich wegen meines Menschenhändlers abgebrochen hatte, dann das Jurastudium.

Viele Menschen denken, wenn man den Ausstieg geschafft hat, hat man alles geschafft und dieses Leben hinter sich gelassen. Diejenigen, die von Ausbeutung und Prostitution betroffen waren, die wissen, dass dem nicht so ist. Der Ausstieg bedeutet nicht das Ende dieses Lebens, in dem man war, sondern „nur“ den physischen Ausstieg. Die Erlebnisse aber bleiben, das Trauma belastet und zeigt sich in seiner ganzen Intensität meist erst nach dem Ausstieg.

Während des Jurastudiums habe ich so viele Dinge gemacht mit Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit, dass ich überhaupt nicht weiß, wie ich das alles parallel schaffen konnte. Vor allem die letzten 2 Jahre waren alles andere als einfach. Das Verfahren gegen meinen Zuhälter, viele weitere Sachen… Der plötzliche Tod von Nala an Krebs im Januar 2021 hat mir dann den absolut letzten Rest gegeben. Vom 31.12.20 auf den 01.01.21 ist sie gestorben. Ich halte sehr viel aus, aber im Januar diesen Jahres war ich am Tiefpunkt angekommen. Für das Examen im März 2021 war ich aber verbindlich angemeldet. Ich hatte 0,0 Nerven, aber Nala hätte nicht gewollt, dass ich auf den letzten Metern aufgebe. Ich habe mir erlaubt nach ihrem Tod eine Woche zu trauern und habe mich danach wieder an den Schreibtisch gesetzt von früh bis meist spät in die Nacht hinein und habe für das Examen im März gelernt, meine ganze Trauer unterdrückt. Jeder, der das Juristische Staatsexamen geschrieben hat, der weiß, was dieses Examen bedeutet und wie herausfordernd es ist. Man lernt 4/5/6 (oder noch mehr) Jahre im Studium Jura und am Ende geht es an 6 Prüfungstagen um alles oder nichts. Egal was du vorher geleistet hast in all den Jahren Studium, es zählt nichts davon. Es zählt nur, was du in diesen 6 Tagen im Staatsexamen zu Papier bringst. Hast du gerade eine schlechte Woche oder einen Blackout wegen des ganzen Drucks, interessiert das niemanden. So wie ich das gesehen habe sind knapp 30 % aller Prüfungsteilnehmer/innen in Bayern (ich habe das bayerische Examen geschrieben) aus dem Durchgang im März 2021 dieses Mal leider wieder durchgefallen. Viele werden krank durch das Studium, weil sie dieses „alles oder nichts“ am Ende nicht packen. Ich finde das nicht gut, ich finde das Studium gehört reformiert, denn nicht wenige gehen mit einem Schuldenberg ohne Abschluss aus diesem Studium raus.

Nala war jedenfalls immer bei mir, ich habe einen Teil ihrer Asche in eine (Urnen-)Kette getan und sie um meinen Hals getragen. Auch bei den Prüfungen im März jeden Tag. Ihr könnt die Kette auf dem Bild sehen. Nala fehlt mir sehr. Ihre Lebensfreude, ihre Liebe, ihre Nähe, die Zeit mit ihr, einfach alles. Sie war die treuste und beste Freundin, die ich je hatte. Ohne sie hätte ich all das, all die schweren Jahre, nie geschafft, nie durchhalten können. Sie gab mir Sicherheit und hat mir oft meine Angst genommen. Wenn ich beispielsweise nachts aufgewacht bin und gesehen habe, dass sie ruhig schläft, wusste ich, alles ist ok, niemand ist da und konnte beruhigt wieder einschlafen, denn wenn irgendjemand draußen am Gang oder vor der Türe war, war sie in Wachstellung und hat geknurrt. Zu Beginn des Studiums hatte ich noch stark mit Traumafolgen aus der Prostitution zu kämpfen. Dieses Staatsexamen habe ich vor allem auch Nala zu verdanken, da sie mir immer wieder Kraft und Liebe gab, um weiterzumachen.

Wenn ihr gerade in einer schwierigen Situation oder Lebensphase seid, gebt bitte niemals auf. Auch schwere Wege sollte man gehen, wenn sie in die richtige Richtung führen. Versprecht euch durchzuhalten. Und wenn euch jemand sagt, dass ihr es niemals schaffen werdet, dann macht es trotzdem. Und wenn ihr selbst an euch zweifelt und ihr innerlich denkt, dass ihr es nicht schaffen werdet, dann versucht es trotzdem. Letztlich habe ich in all den Jahren eine Sache gelernt:

der einzige Mensch, dem ihr wirklich vertrauen könnt, der euch wirklich langfristig aus dem Schlamassel ziehen kann, das seid ihr selbst. Durch Durchhalten, harte Arbeit, Geduld mit sich haben, immer wieder aufstehen, wenn man am Boden liegt, immer wieder weitergehen, auch wenn man das Gefühl hat keine Kraft mehr zu haben. Du selbst bist in vielerlei Hinsicht der Weg zu deinem Glück.

Wer viel Gewalt erfahren hat, muss sich oftmals selbst erst wieder finden, zu sich zurückfinden. Oder das eigene Selbst zum aller ersten Mal entdecken – wenn nämlich die Gewalt so früh begann, dass es gar kein Leben ohne Gewalt gab und sich die Persönlichkeit daher gar nicht erst in Richtung Selbst entwickeln konnte.

Nachdem ich länger in der Prostitution und schon davon traumatisiert war, hatte ich manchmal diesen Gedanken: einfacher als sich aus diesem Leben raus zu kämpfen wäre es, mich einfach weiter missbrauchen zu lassen, denn das war, was ich kannte. Das war, was ich konnte. Ja, ihr habt richtig gehört. Das war, was ich „konnte“. Ich wusste damals, dass ich gut darin bin, Schmerzen auszuhalten und diese Form des Missbrauchs über mich ergehen zu lassen. Ich hatte es gelernt. Der Schmerz – äußerlich sowie in mir drin – war mein zuhause geworden. Ich konnte es letztlich ertragen mithilfe von viel Alkohol, mithilfe von Dissoziation. Das, was man nicht sehen konnte, war das Schlimmste – dieser innere Schmerz, in einem Leben festzustecken, in das ich nie eintreten wollte, aber keinen Ausweg mehr sah. Dieser innere Schmerz zu wissen, auch wenn ich es hier jemals raus schaffen sollte in ein anderes Leben, dass es niemals ändern wird, was hier passiert ist, dass es niemals ändern wird, wer mich alles angefasst hat und es daher sowieso schon egal ist, wenn noch weitere Freier hinzukommen, weil nie mehr wegradiert werden kann, was war. Wen interessiert da noch, was kommt? Selbstmordgedanken haben viele Frauen in der Prostitution. Lohnt sich der Ausstieg mit dem Wissen, dass ich sowieso nie mehr ganz „heile“ sein werde? Warum aussteigen, warum all die Kraft aufbringen, wenn der kaputte Mensch sowieso ein kaputter Mensch bleibt? Das habe ich mich im späteren Verlauf gefragt. Wie viele Freier waren es? Ich weiß es nicht, aber es waren Unzählige. Dass ich mich an die meisten Gesichter und Zimmergänge nicht mehr erinnern kann, weil es wie Fließbandarbeit war und ich es meist im halben Delirium gemacht habe, darüber bin ich froh. Leider sind nicht alle Erinnerungen weg.

Der Weg zurück zu mir selbst, der war ein langer.

Meinem Zuhälter würde ich zum Abschluss gerne eine Sache sagen:

Wegen dir habe ich die Hölle durchlebt. Manchmal weiß ich nicht, was schlimmer war: für dich anschaffen gehen oder der (emotionale/seelische) Missbrauch, den du gezielt seit meinem 16. Lebensjahr an mir verübt hast, an einem Menschen, der dich ehrlich und aufrichtig geliebt hat. Was ich mit dir alles mitgemacht habe außer Menschenhandel und Zuhälterei, darüber habe ich noch nie geschrieben. Ist es das, was dich glücklich macht? Andere Menschen zerstören? Wie kann man so jemals seinen Frieden finden? Was geht in einem Menschen vor, dass er so sein kann? Ich habe mein Jurastudium beendet. Du warst der Auslöser dafür, dass ich jetzt Diplomjuristin mit strafrechtlichem Schwerpunkt bin, und ich werde solche wie dich künftig jagen. Das Tattoo auf meinem Rücken ist das letzte Überbleibsel von dir und kommt dieses Jahr auch noch weg. Erst dann fühle ich mich komplett frei. Frei von dir, frei von einem Psychopathen. Als Mädchen und junge Frau hast du mich auf den Boden gedrückt und mich aus dem Leben gerissen, mir meine Träume entrissen, Frauen in die Prostitution getrieben, dort ausgebeutet, und du hast nicht einmal die Courage, später zu deinen Taten zu stehen. Du hast immer von Ehre gesprochen, wenn es um deine kriminellen Freunde ging. Ehre war dir wichtig, heilig. Aber soll ich dir was sagen: du hast keine Ehre. Niemand von diesen Kriminellen hatte je Ehre. Freunde von dir haben Frauen gekauft und verkauft, für die Prostitution. Andere Freunde von dir haben Frauen in die Prostitution geschickt und sie ausgebeutet, so wie du. Früher bin ich immer erstarrt vor Angst und Ehrfurcht, wenn du von Ehre im und rund ums Milieu gesprochen hast, aber die Ehre im Milieu hat nichts mit wahrer Ehre zu tun. All diese Männer, zu denen du mich mitgenommen hast, von denen du erzählt hast, sind nur eines: erbärmliche Gestalten. Sie haben alle keine Ehre. Es ist ein verrückter Kodex, es sind Regeln, es sind Kriminelle. Ehre ist was anderes. Ihr alle beschmutzt das Wort Ehre, wenn ihr es für euch verwendet.

Ich habe Jura studiert, weil ich Gerechtigkeit und wahre Ehre wiederherstellen möchte – nämlich die Ehre von Betroffenen von Ausbeutung, die Menschenhändler und Zuhälter genommen haben. Wahre Ehre haben die betroffenen Frauen, mit denen ich in Kontakt bin sowie auch alle anderen Betroffenen. Ich bin mit Betroffenen in Kontakt, die schwerste Traumafolgen haben, die jeden Tag kämpfen und die so unglaublich stark sind. Sie haben Ehre. Ich habe Jura studiert, weil ich Gerechtigkeit für Betroffene wünsche. Ich liebe Jura. Jura ist mein zuhause geworden. Jura ist meine Antwort an und meine Waffe gegen euch Ausbeuter – für alle Betroffenen.

Ab August werde ich in meiner Eigenschaft als Diplomjuristin als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Universität bei einem Projekt mitarbeiten, das im übertragenen Sinne versucht, die Ehrenhaften aus dem Schatten zu holen, ihnen Gerechtigkeit zu verschaffen, und den Unehrenhaften jeglichen Profit zu nehmen sowie sie zur Rechenschaft zu ziehen. Mehr Informationen hierzu werden folgen.

In Gedenken an meine Nala ein Foto von ihr und ein Lied, das letztlich für jeden ist, der jemanden verloren hat, der ihm wichtig ist.

Menschenhandel und Trauma-Bonding

Ich habe in zwei Beiträgen bereits explizit über Trauma-Bonding (Trauma-Bindung/traumatische Bindung) im Bereich Menschenhandel geschrieben*, auf der Konferenz der KAS, GGMH und OSCE (ODIHR) am 24.06.2021 habe ich darüber gesprochen (das Video verlinke ich unten) und stelle den Text darüber hier online. Das Thema Trauma-Bonding muss zwingend alle Menschen erreichen, die in diesem Bereich arbeiten, die Gesetze machen, die sich um Betroffene kümmern und vor allem in der Strafverfolgung arbeiten. Hier in Deutschland wird darüber nahezu überhaupt nicht gesprochen. Das ist fatal. Bitte sprecht darüber, klärt darüber auf, nehmt euch diesem Thema an, denn es betrifft so unglaublich viele Betroffene von Menschenhandel. Um ihnen helfen zu können, ist es wichtig, dieses Thema zu verstehen.

Ein sehr wichtiger Schlüsselfaktor, den es bei den nationalen Rechtsrahmen und insbesondere deren Umsetzung zu beachten gilt, ist das Verständnis der verschiedenen Formen des Menschenhandels, der Mechanismen und die Identifizierung von Opfern, was insbesondere auch das Verständnis der individuellen Opfer-Täter-Beziehung bedeutet, die häufig existiert, aber oft nicht gesehen wird. Es gibt verschiedene Formen des Menschenhandels, aber wenn es um den Menschenhandel in Form der Loverboy-Methode geht, „Romeo-Trafficking“, wenn der Menschenhändler der Partner ist, die Familie ist, was sehr oft vorkommt, müssen wir über Trauma-Bonding sprechen.

Was Trauma-Bonding ist und dass es wichtig ist, diesen Mechanismus zu sehen und zu verstehen, damit wir Betroffenen helfen können, diesen Missbrauchskreis zu durchbrechen, wurde auch in einem neuen Bericht der OSZE mit dem Titel „Gender-Sensitive Approaches in Combating in Human Beings“ beschrieben. Dort wird beispielsweise geschrieben:

In Fällen von Menschenhandel kann die Beziehung zwischen dem Opfer und dem Menschenhändler komplex sein. Sie kann Trauma-Bindung, familiäre Bindungen und romantische Beziehungen beinhalten, aber auch Gewalt, Angst und Manipulation. Das Verständnis der Komplexität und Natur der Opfer-Täter-Beziehungen wird es den Strafverfolgungsbehörden auch erleichtern, das Verhalten eines Opfers zu verstehen, das manchmal darauf abzielt, den Menschenhändler auf eigene Kosten zu schützen… Solche Trauma-Bindungen werden verwendet, um eine Umgebung zu schaffen, in der die Opfer nach ihrem Missbrauch irgendwie belohnt und zum Bleiben ermutigt werden, indem die Täter einen Eindruck von Familie und Fürsorge schaffen. Sich dieser Zusammenhänge und der Natur der Trauma-Bindung bewusst zu sein, kann sowohl die Identifizierung der Opfer als auch die strafrechtliche Verfolgung der Menschenhändler erleichtern…Quelle: Gender-Sensitive Approaches in Combating in Human Beings

Meine ISTAC-Kollegin aus Kanada, Timea Nagy, zeigte uns ISTAC-Mitgliedern eine sehr gute Aufklärungs-Webseite, die von der Polizei in Toronto, Kanada, erstellt wurde, auf der sie z.B. Fragen beantworten, die Betroffene (aber auch andere Personen) haben können, und eine dieser Fragen lautet: Was ist eine Trauma-Bindung?

Die Antworten der Polizei auf der Webseite basieren darauf, dass sie 90 % der Aussagen von Betroffenen eingebaut haben, so Timea. Um die Fragen so beantworten zu können, dass sie verständlich sind und anderen Opfern am effektivsten helfen können zu verstehen was mit ihnen passiert, ist die Hilfe derer, die es selbst durchlebt und dann durchschaut haben, sehr wichtig – wichtig auch, um besser an Lösungen zu arbeiten, die diejenigen erreichen können, die sich noch in derselben Situation befinden.

Nachfolgend von mir übersetzte Auszüge von der Polizei-Webseite:

(Human Trafficking Survivors: Home (htsurvivors.to): A Guide for Human Trafficking Survivors):

Was ist eine Trauma-Bindung?

Eine Trauma-Bindung ist eine psychologische Reaktion auf Missbrauch. Sie tritt auf, wenn die missbrauchte Person eine ungesunde Bindung mit der Person eingeht, die sie missbraucht.

Wir wissen, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass Betroffene mit dem Versprechen einer Beziehung angelockt werden. Wenn dies geschieht, entwickelt sich die Bindung zwischen dem Opfer und dem Menschenhändler zu einer intensiven Bindung, die oft als Trauma-Bindung bezeichnet wird. Für manche könnte dies die erste Beziehung sein, in der sie Liebe und Zuneigung erfahren. Sobald eine Beziehung hergestellt ist, beginnt der Zyklus des Missbrauchs, der zwischen Liebe und Zuneigung mit Wut und Gewalt wechselt.

Das Opfer wird sich bemühen, alles zu tun, um die Beziehung wieder in die „honeymoon phase“ („Flitterwochen-Phase“) zu bringen, die es am Anfang erlebt hat. Nachdem der Menschenhändler wütend geworden ist, entschuldigt er sich und wird liebevoll und entschuldigt sich für das, was möglicherweise passiert ist. In diesen Momenten kann eine Person hoffen, dass die Dinge wieder so sind, wie sie am Anfang waren, aber dies ist leider nicht der Fall.

Dieser Teufelskreis hält ein Individuum in einem Zustand ständiger Unsicherheit und Hypervigilanz. Das Opfer findet Trost in der Beziehung, denn sie ist zwar missbräuchlich, aber auch vorhersehbar und konsequent, und das Verlassen kann schwierig und überwältigend sein.

Anzeichen einer Trauma-Bindung

Die von Menschenhandel betroffene Person kann:

• Dankbarkeit für kleinste Freundlichkeiten des Menschenhändlers empfinden.

• Fühlen sich dem Menschenhändler gegenüber loyal oder verteidigen ihn.

• Gewalt durch den Menschenhändler wird rationalisiert – die Betroffenen glauben, dass sie das Ausmaß des Missbrauchs kontrollieren können, indem sie versuchen dem Menschenhändler zu gefallen.

• Beschützende Gefühle gegenüber dem Menschenhändler haben.

• Das Gefühl haben, dass der Menschenhändler sie wirklich liebt und sich um sie kümmert.

• Das Gefühl haben, dass nur der Menschenhändler ihnen helfen oder sich um sie kümmern kann.

• Dies könnte das erste Mal sein, dass dem Opfer in seinem Leben Liebe, Zuneigung oder Schutz gezeigt wird. Das Opfer wird den Menschenhändler als jemanden betrachten, der schützend und nicht ausbeuterisch ist.

• Das Opfer wird sich konsequent bemühen, die Beziehung wieder so zu gestalten, wie sie am Anfang (honeymoon phase) war.

Warum habe ich das Gefühl, dass ich nicht gehen kann?

Zu verstehen, wie diese Bindung funktioniert, kann helfen zu erklären, warum Menschen in gewalttätigen oder missbräuchlichen Beziehungen bleiben. Die häufige, aber schädliche Frage: „Warum gehst du nicht einfach?“ berücksichtigt nicht die Komplexität einer Traumabindung und die mentale Neuprogrammierung, die erforderlich ist, um diesen Kreislauf der Trauma-Bindung zu durchbrechen.

Forscher haben eine Reihe von Gründen identifiziert, warum es so schwierig ist, eine Trauma-Bindung zu durchbrechen:

• Opfer fühlen sich möglicherweise nicht als Opfer. In einigen Fällen empfinden sie es aufgrund einer negativen Kindheitserfahrung als „normal“, sexuell ausgebeutet zu werden.

• Der Menschenhändler oder Zuhälter wird manchmal als romantischer Partner angesehen.

• In vielen Fällen hat der Menschenhändler das Opfer einer Gehirnwäsche unterzogen, so dass es glaubt, dass es ihm wirklich wichtig ist und dass es für seine Sicherheit da ist, während Strafverfolgungsbehörden und Autoritätspersonen nicht vertraut werden kann.

• Sie haben möglicherweise Angst zu gehen. Selbst wenn ihnen versichert wurde, dass der Menschenhändler ins Gefängnis kommt, haben sie möglicherweise das Gefühl, dass sie ihm immer noch nicht entkommen können.

• Sie haben möglicherweise das Gefühl, dass ihre Situation in Bezug auf Menschenhandel besser ist, als wenn sie frei wären. Möglicherweise gibt es nicht genug Unterstützung durch die Familie oder die Gemeinschaft, um es alleine zu schaffen.

• Es kann kulturell bedingt sein, dass gefordert wird „nicht darüber zu sprechen“. Sie schämen sich vielleicht zu sehr, um zu gehen und Hilfe anzunehmen, wenn es in ihrer Kultur normal ist, Missbrauch geheim zu halten.

• Viele Betroffene glauben aufgrund ihres geringen Selbstwertgefühls durch Missbrauch in der Kindheit oder durch Ausbeutung im Sexhandel, dass sie es VERDIENEN, missbraucht zu werden. Diese Traumaopfer fühlen, dass sie es nicht
wert sind, Sicherheit, Liebe und gesunde menschliche Beziehungen zu erfahren.

• Viele Betroffene fühlen sich durch ihre Erfahrungen mit Menschenhandel so verändert, dass sie nicht glauben, jemals wieder in die „reale“ Welt hineinpassen zu können. Aufgrund dieser Überzeugung haben sie das Gefühl, dass es keinen Sinn macht, vor ihrem Menschenhändler zu fliehen.“

Quelle: Human Trafficking Survivors: Survivor/Parent Questions (htsurvivors.to)

Warum schreibe und spreche ich in letzter Zeit so viel über Trauma-Bonding? Ich spreche darüber, weil ich davon betroffen war (auf mich passen nahezu alle Punkte, die oben aufgelistet worden sind) und weil ein Großteil des Menschenhandels, den ich in Deutschland gesehen habe, Menschenhandel durch die eigene Familie und durch Partner war, bei dem diese Trauma-Bindung jeden Tag präsent war und letztlich der Hauptgrund dafür war, dass die Opfer der Ausbeutung nicht entkommen konnten und sich niemandem geöffnet haben. 

Diese Frauen wollen diesem Missbrauchskreis entkommen, sie wollen gehen und dem Menschenhändler entkommen, aber sie können nicht. Sie sind in oft unsichtbaren Ketten eingeschlossen. Dass sie nicht gehen können, heißt nicht, dass sie bleiben wollen. Es bedeutet, dass sie zu schwach sind, um zu gehen und deswegen Hilfe benötigen. Um wirklich helfen zu können, braucht es Verständnis. Und das bedeutet auch, sich dieser unsichtbaren Ketten bewusst zu sein und vor allem: wie man sie durchbrechen kann.

Wenn ich also auf meine Situation des Menschenhandels (Loverboy-Methode) zurückblicke, hätte es mir sehr geholfen, wenn es Menschen/Behörden/Gesetze/Polizei/Richter/Staatsanwälte gegeben hätte, die alle Mechanismen des Menschenhandels inkl. Trauma-Bonding (und es gibt noch viele mehr) verstanden und Fähigkeiten in ihrer Hand gehabt hätten, mir zu helfen den Kreislauf dieser traumatischen Bindung zu durchbrechen und meinen Menschenhändler zur Rechenschaft zu ziehen. In Deutschland habe ich das Wort Trauma-Bonding von Autoritäten eigentlich noch nie gehört, wenn es um Menschenhandel geht, aber es ist wichtig, es zu benennen und darüber zu sprechen, weil so viele Opfer von Menschenhandel davon betroffen sind.

Wir müssen die Augen diesbezüglich offenhalten, wenn wir Gesetze machen, diese umsetzen und wenn wir mit Opfern in Kontakt kommen.

Bitte klärt darüber auf.

Im nachfolgend verlinkten Video, das einen Teil der kürzlich stattgefundenen Fachtagung von der Konrad Adenauer Stiftung, Gemeinsam gegen Menschenhandel und der OSCE (ODIHR) wiedergibt, spreche ich u.a. über das Thema Trauma-Bonding ab Minute 46:20 (in englischer Sprache). Ich erstelle nun auch einen eigenen Menüpunkt „Videos„, den ich ausbauen werde, sowie einen extra Menüpunkt „Trauma-Bonding„, denn ich wünsche mir sehr, dass diesem vernachlässigten Thema in Zukunft viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird.

*Trauma Bonding – ein Text über Täterbindungen speziell bei der Loverboy-Methode | (sandranorak.com)

Bericht der OSZE – Komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel verstehen | (sandranorak.com)

High Level Online Side Event – Championing the elimination of trafficking in human beings and the exploitation of prostitution

Heute fand eine wichtige Veranstaltung mit vielen bedeutenden Personen im Kampf gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung statt. Ich war auch dabei und konnte ein paar mir wichtige Dinge einbringen. Unten im Video könnt ihr alles anschauen.

Side event Parallel to 47th Human Rights Council & 79th CEDAW Sessions – Co-sponsored by France, Iceland & Sweden – In cooperation with OHCHR & OSCE/ODIHRIn English – French – Spanish – German

On the occasion of the 47th Regular Session of the Human Rights Council and the 79th Session of the Committee on the Elimination of Discrimination against Women in Geneva, CAP International gathers States, International organisations and Survivors leaders to highlight international human rights law and good practices to eliminate trafficking in human beings and the exploitation of prostitution. Trafficking in human beings and the exploitation of prostitution constitute a serious violation of human rights. Most identified victims are women and girls, their sexual exploitation being the purpose of trafficking is linked to organised crime in most cases. The total number of victims has grown considerably following the unprecedented increase in migration and forced displacement, due to armed conflicts, persecution, human rights violations, and the outbreak of COVID-19. 6 months after the adoption of CEDAW General recommendation No. 38 on trafficking in women and girls in the context of global migration and 2 years after France and Sweden have developed a common strategy for combating human trafficking for sexual exploitation in Europe and globally, this event aims to create a platform to share lessons learned on efforts to eliminate sexual exploitation and to improve cooperation as well as to support advocacy, initiatives and the mobilisation of additional resources.

Discouraging the demand that fosters trafficking for the purpose of sexual exploitation

Ein gibt ein sehr wichtiges neues Dokument der OSCE, das den Blick auf die Nachfrageseite richtet und sich mit verschiedenen gesetzlichen Ansätzen in Bezug auf diese Nachfrage auseinandersetzt. Hier vor allem:

  1. Criminalizing the knowing use of services of a trafficking victim
  2. Criminalizing the use of all trafficking victims (strict liability)
  3. Criminalizing all sex buying

Hier geht es zum Dokument: https://www.osce.org/cthb/489388

Ich habe nun auch einen neuen Menüpunkt „Wichtige Dokumente“ angelegt. Ich werde dort nach und nach wichtige Sachen online stellen und verlinken.

Neuigkeiten

Ich habe einen neuen Menüpunkt „Aktuelles“ geschaffen. Dort werdet ihr ab jetzt immer aktuelle Dinge zum Thema finden, seien es Veranstaltungen, Ankündigungen, wichtige Neuigkeiten, wichtige Dokumente, etc. Schaut also gerne ab und an nach, wenn ihr auf dem Laufenden bleiben möchtet. Die Webseite hier werde ich in der nächsten Zeit noch weiter ausbauen und informationsreicher gestalten.

Den ersten Beitrag unter „Aktuelles“ teile ich auch hier nochmal:

SAVE THE DATE für eine internationale und hochkarätige englisch-deutsche online Fachtagung am 24.6. und 25.6., organisiert von der Konrad Adenauer Stiftung, dem ODIHR (OSZE) und Gemeinsam gegen Menschenhandel.

Programm: Programm / Program | GGMH Fachtagung 2021

Anmeldung unter: Registration (google.com)

Dann möchte ich mich noch bei den Menschen bedanken, die hinter mir stehen und mich unterstützen. Von gestern greife ich nur mal ein paar Facebook-Kommentare auf meinen Detektiv-Beitrag hin auf:

„Es bedeutet, dass deine wertvolle Arbeit inzwischen so viel Wirkung entfaltet, dass diese Gruppe ihre Felle davon schwimmen sieht.“

„Es zeigt, wieviel Angst die Pro-Lobby vor Frauen wie dir hat! Lass dich bloß nicht einschüchtern, der Blick auf Prostitution in Politik und Bevölkerung ändert sich langsam, aber stetig und das haben Frauen wie du geschafft!“

„Das System Prostitution ist gekennzeichnet von Gewalt und ein Angriff auf eine Person aus dem Hinterhalt ist ein Akt der Gewalt. Es zeigt aber auch wieviel Angst die haben. Gegen eine starke Frau wie Dich haben sie keine Chance!“

„Jede laute Stimme provoziert Täter und Täterinnen. Aus eigener Erfahrung weiß ich wozu TäterInnen fähig sind, um solche Stimmen wie Deine zum Schweigen zu bringen, daher gib gut auf Dich acht.“

„Ich sag nur "follow the money". Eine schwerreiche Ausbeuterlobby handelt hier gemäss ihrem sonstigen ethischen Niveau.“

„Atemberaubend, was die sich alles einfallen lassen. Es wirft mal wieder kein gutes Licht auf die Proprostitutionslobby. Wie gut, dass du es öffentlich machst. Wir stehen an deiner Seite.“

Danke für eure Unterstützung ❤

Mutmaßlich Privatdetektiv auf mich angesetzt

Bild: Verena Müller

Ja, ihr lest richtig. Ich wusste erst nicht, wie ich mit dieser Info umgehen sollte, aber ich habe beschlossen, sie öffentlich zu machen.

Vielleicht sitzt also gerade, etwas zugespitzt, irgendwo hinterm Gebüsch vor meinem Haus der Detektiv der Pro-Prostitutions-Lobby, um zu enttarnen, dass ich niemals in der Prostitution war und mein Zuhälter überhaupt nie existierte?

Ich habe von Informanten erfahren, dass ein paar Leute aus dem Milieu seitens der Pro-Prostitutions-Lobby einen Privatdetektiv auf mich angesetzt hätten, um zu gucken, ob ich denn in der Prostitution war und an meiner Geschichte überhaupt was dran ist. Falls das ernsthaft stimmen sollte, die haben wahrscheinlich den aktuellen Text hier noch nicht gelesen (bis zum Schreiben dieses Textes, in dem ich auch über erlangte Beweismittel spreche, musste ich mich wegen des Ermittlungsverfahrens immer bedeckt halten – mir wurde während des Ermittlungsverfahrens von der Pro-Lobby ja vieles unterstellt, worauf ich zu dieser Zeit wegen des laufenden Verfahrens nicht reagieren konnte, was ich auch im Text berichte):

Ich habe angezeigt – Ermittlungsverfahren gegen meinen Menschenhändler nach über 2 Jahren eingestellt | (sandranorak.com)

Naja, falls die Leute, die einen Detektiv auf mich angesetzt haben, hier mitlesen: einen Namen kenne ich. Anstatt Geld zu investieren, einen Detektiv auf mich anzusetzen, sollten Sie lieber den Frauen, die in Ihren Bordellen arbeiten, die Miete erlassen, damit sie nicht ihren Arsch für Sie hinhalten müssen. Euer „geheime Plan“ ist jetzt jedenfalls nicht mehr geheim, sondern öffentlich, falls er denn wirklich stimmt und (noch) ausgeführt wird. Dieses vermeintliche Vorhaben sagt vieles über euch aus und es zeigt, wie schon lange seitens der Profiteure des Milieus versucht wird, jegliche Stimmen von Aussteigerinnen, die negativ über ihre Prostitutionserfahrung sprechen, zum Schweigen zu bringen. Ich bin eine laute Stimme, diese würden einige Profiteure gerne im Keim ersticken.

Jetzt gebe ich euch und vor allem den ganzen betroffenen Frauen, die mir folgen und an meiner Seite stehen, weil sie nämlich auch viel Leid erlebt haben, ein Versprechen:

ICH WERDE NIEMALS SCHWEIGEN.

Nun noch zum sog. „Internationalen Hurentag“ heute:

Meine Solidarität ist heute bei allen, die im Prostitutionssystem viel Leid erleben oder erlebt haben und die heute, am sog. internationalen Hurentag, betroffen und verletzt über so viele Verharmlosungen bezüglich Prostitution in den Medien sind. Meine Solidarität ist bei jenen, die ihre Geschichte erzählen und von den Profiteuren des Systems dafür angegriffen werden, weil es deren Profit schadet. Je weniger Gewalt sichtbar, je weniger Menschenhandel und Leid sichtbar, desto besser für viele Profiteure, denn sie können sagen: schaut, wir haben doch nur so wenig Ausbeutung und Gewalt und es ist doch alles kein Problem.

Dass wir in Deutschland ein großes Problem haben, das weiß jeder, der eine gewisse Erfahrung in diesem Bereich hat.

Gewalt ist allgegenwärtig in der Prostitution. Ausbeutung, Menschenhandel, Zwangsprostitution sind keine Randerscheinungen, sondern alltägliche Realitäten.

Keine von uns ist oder war eine „Hure“.

Wir sind Menschen, Frauen, mit Schicksalsschlägen. Mit Herz. Mit Verstand. Mit Geschichten, die wir niemandem wünschen. Mit dem Willen, etwas zu verändern, damit es anderen besser ergehen wird.

In letzter Zeit haben mich viele Betroffene angeschrieben. Entweder, weil sie Hilfe suchen oder weil sie einfach nur reden und Kontakt möchten. Manch ein Zuhälter sitzt im Gefängnis, die allermeisten nicht. Für viele Frauen bedeutet ihre Erfahrung in der Prostitution, in der Ausbeutung, ein „lebenslänglich“. Ein lebenslängliches Trauma, lebenslängliche Erinnerungen an Gewalt und Entwürdigung.

Und Deutschland schaut immer noch weg. Es ist besser geworden, aber es genügt noch nicht, die Taten bleiben immer noch aus.

Aber wir werden mehr. Wir werden lauter. Und wir werden nicht aufgeben. Für die, die keine Stimme haben. Für die, die in einem System voller Gewalt festsitzen. Ihr seid nicht allein.

Demand As Root Cause For Human Trafficking – Sex Trafficking & Prostitution

My testimony about demand and a few mechanisms of trafficking and prostitution at a webinar is online. The webinar was with:

Professor Michel Veuthey, Ambassador of the Sovereign Order of Malta to Monitor and Combat Trafficking in Persons

Sr. Mirjam Beike, Representative at the UN in Geneva for the Sisters of Our Lady of Charity of the Good Shepherd

Brian Iselin, Founder of Geneva-based Slave Free Trade, a nonprofit working on leveraging the might of the blockchain to rid the world of slave labor

Sr. Lea Ackermann, Founder of SOLWODI, an international association that helps women in emergency situations

Inge Bell, German human rights activist, entrepreneur and second chairperson of the women’s rights organization Terre des Femmes and the Bavarian branch of the aid organization Solwodi

Bericht der OSZE – Komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel verstehen

Es gibt einen sehr guten, kürzlich erschienenen, Report von der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa). Er handelt u.a. ebenfalls, passend zu meinem letzten Beitrag über Trauma Bonding, über komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel, die zu erkennen und zu durchdringen wichtig sind. Auf der einen Seite, um den Betroffenen da raus zu helfen, und auf der anderen Seite für eine effektive und erfolgreiche Strafverfolgung und Verurteilung.

Folgend Auszüge von diesem enorm wichtigen Bericht:

Gender and the victim/trafficker relationship


In THB cases, the relationship between the victim and the trafficker may be complex. It may involve trauma bonding, familial ties and romantic relationships, and also violence, fear and manipulation. Exploring the trafficking history and, in particular, the gender dynamics of the victim/trafficker relationship is essential for law enforcement to understand the strategies used by the trafficker to exert power and control over the victim, as well as to identify any impediments to the victim cooperating with law enforcement. This can help answer a common question that comes to mind when the criminal justice system faces a victim: “Why didn’t you just run away?” The UN Special Rapporteur on trafficking in persons has underlined that the power imbalance used by traffickers to impose exploitative conditions “has a strong gender component, as women and girls are subject to intersecting discrimination as a consequence of patriarchal social norms.” Understanding the complexity and nature of victim–perpetrator relationships will also make it easier for law enforcement to comprehend a victim’s behaviour, which is sometimes aimed at protecting their trafficker at their own expense.

Although cases involving young male victims were brought up in the context of the Study, the majority of participants discussed gender aspects in the criminal justice process from the perspective of female victims of trafficking for the purpose of sexual exploitation. According to the participants, in many instances traffickers abuse the position of vulnerability of the victims, using various forms of deceit to achieve their final aim of exploitation. The survey participants also highlighted the main elements prevalent among the gendered means used to control victims (Table 2 – siehe den Screenshot „Table 2: Gendered means of control„).

The common denominator in the expert group discussions and interviews was the topic of betrayal experienced by victims. Betrayal can happen as a result of family members being involved in the recruitment or trafficking of a victim, as well as through a bond developing between the trafficker and the victim prior to exploitation. Both the human-induced character of the crime, as well as the element of betrayal have a direct effect on the willingness of victims to co-operate with authorities or accept assistance from others, since – based on their past experience – victims are less likely to trust other people.

There are various types of relationships between traffickers and victims, and they also differ in the multitude of trafficking contexts. The Study has identified four recurring themes that link the victim–perpetrator relationship with gender: family, romance, trauma bonding and fear.

Romance


Another relationship that is used both as a recruitment technique and a means of exploitation is romance. A Study participant in Germany mentioned that the role of relationships in trafficking are different depending on the gender of the trafficker. For example “in sex trafficking, men will use sexuality in some way when they try to gain female victims”, whereas “women [traffickers] […] have been identified as using more a kind of friendship bond”. The Study highlighted several stories of girls being in what they perceived as a romantic relationship while being exploited, making it more difficult for the victim to understand that they were in fact trafficked. For example, in the United States v. Yarbrough et al. case, while the trafficker repeatedly used false promises of romantic relationships and family to target and lure victims as young as 15 years old into trafficking, one victim testified that she and other victims were “in love” with the trafficker. Victims who have a psychological bond to their traffickers through intimate relationships might have difficulties testifying in court because of that emotional bond. A police officer working with trafficking cases in the United States noted that the “boyfriend pimps” can be very successful in keeping a victim under their control during exploitation, but also in protecting the trafficker should the case be investigated by law enforcement.

Some countries have developed specific strategies to tackle this phenomenon. For example, the Netherlands has allocated resources to improve the fight against “lover boy” recruitment techniques and increased co-operation between care organizations, the police and justice authorities. Moreover, due to the increased use of the internet and social media, the “lover boy” method has evolved, therefore requiring the introduction of new measures to improve investigation and prosecution…

Trauma bonding


Family-like relationships also develop in non-family settings. Such bonds are often used to keep individuals in exploitation. Trauma bonding is a psychological response to abuse, entailing an unhealthy bond between perpetrator and victim. One form of trauma bonding is the “Stockholm Syndrome”, which occurs when a trafficker, male or female, uses repeated traumatic events and chronic abuse based on both rewards and punishments to foster a powerful emotional dependence and attachment of the victim to the trafficker. This type of relationship creates confusion and a false sense of relationship, resulting in the victim developing gratefulness, trust and loyalty to the trafficker, as well as losing a sense of self. In such cases, traffickers may take on a role of protector or caretaker to maintain control of the victim, who views them as a spousal or parental figure. Some survivors of trafficking interviewed for this Study shared recollections of bonding and family-like relationships within the collectives where they were held and exploited.

Such trauma bonds are used to create an environment in which the victims are somehow rewarded after their abuse, thus encouraging them to stay by establishing an impression of family and care. A Study participant also shared that motherly attitudes of female traffickers are used as a means to control victims and as a manipulation technique. “South-East Asian brothel owners are called mum by the victims and spend holidays together. [They] have a pretend family dynamic going on.” This motherly role is often facilitated by other vulnerability factors, such as the victims not speaking the local language, not being familiar with the local culture, and not knowing their rights.

Although trauma bonding can affect both male and female victims, research has shown differences in the impact of trauma on male and female brains, thereby suggesting the need for gender-specific trauma analysis and intervention. Being aware of these relationships and the nature of trauma bonding can facilitate both the identification of victims, as well as the prosecution of the traffickers...“

Zum Weiterlesen geht es hier zum ganzen Bericht (die von mir verwendeten Ausschnitte stammen aus den Seiten 40 ff.):

Applying Gender-Sensitive Approaches in Combating Trafficking in Human Beings

Trauma Bonding – ein Text über Täterbindungen speziell bei der Loverboy-Methode

Foto: 2019 war ich in Washington, D.C., und dort im „National Museum of Women in the Arts„. Dort ist das Bild entstanden. Der Text auf dem Bild wurde von mir eingefügt.

Wir kennen sie wahrscheinlich alle: die Geschichten von häuslicher Gewalt, in denen die betroffene Frau bei ihrem gewalttätigen Mann bleibt. Man fragt sich als Außenstehender, der nicht ins Thema eingearbeitet ist: was ist nur los mit der? Warum wehrt die sich nicht? Warum verlässt sie ihn nicht einfach?

Im Bereich der Loverboy-Methode fragen sich auch viele: warum lässt die das mit sich machen, warum gehen die Frauen denn nicht einfach, wenn sie die Möglichkeit dazu haben bzw. nicht irgendwo eingesperrt sind?

Weil es für die Betroffenen nicht so einfach ist, denn wenn es so einfach wäre, dann würden sie sich dem Täter, logischerweise, entziehen.

Warum die Frauen sich nicht befreien können, dafür kann es verschiedene Gründe geben und viele davon greifen häufig ineinander über. Ein nicht selten anzutreffender Grund neben meist weiteren Problemlagen nennt sich „Trauma Bonding“. Dieses Trauma Bonding kommt oft zwischen Menschenhändler/Zuhälter und seinem Opfer vor, meist dann, wenn die Täter die Familie oder die Partner sind. Es ist der Missbrauch von Macht, das gezielte Erzeugen einer Abhängigkeit sowie die Unterdrückung der Person, um sie in die Ausbeutung zu bringen und dort zu halten. Speziell bei unerfahrenen und sehr jungen Mädchen und Frauen ist diese Vorgehensweise „erfolgreich“.

Das Problem: diese Frauen sind häufig zu schwach, um sich zu wehren. Dafür hat der Täter gezielt und strategisch gesorgt.

Stichwort: „Trauma Bonding“

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