Zwangsprostitution

Nürnberg: 1-stündiger Podcast mit mir – über die Frauentormauer, Freier und Freiwilligkeit

Ich habe bei einem Podcast aus Nürnberg mitgemacht, der unter dem Dach des Verlags Nürnberger Presse entsteht, zu dem auch die Nürnberger Nachrichten und nordbayern.de gehören. Über 1 Stunde Platz wurde mir da eingeräumt. Am Anfang hatte ich Zweifel, ob ich zu diesem Podcast zusagen soll. Diese Stadt bereitet mir auch heute noch Bauchschmerzen. Gerade deswegen war mir das Gespräch aber auch wichtig. Menschen sollen vermehrt hören und sehen, was unter anderem auf öffentlichen Straßen an der Nürnberger Frauentormauer geschieht:

Verbrechen an Menschen, an Frauen, an den schwächsten und vulnerabelsten dieser Gesellschaft.

Ich bin müde es immer und immer wieder wiederholen zu müssen, aber was ist meine Müdigkeit gegen das, was die Frauen da durchmachen müssen (auch wenn sie es selbst meist noch nicht äußern können, weil sie es nicht äußern dürfen)? Nichts. Ich muss hier auf die Repeat-Taste drücken, ich sehe mich in der Verantwortung. Wenn nicht diejenigen reden, die wissen, was dort stattfindet, wer dann? Ich möchte, dass die Lichter des Rotlichts an diesem Ort irgendwann ausgehen – ich möchte natürlich, dass sie überall ausgehen, nicht nur in Nürnberg und den umliegenden Städten, in denen ich war. Und wenn die Lichter ausgehen, wünsche ich mir, dass die Frauentormauer ein Denkmal wird und zwar ein Denkmal der Grausamkeit von Menschen und ein Denkmal davon, wie viele Frauen hier Gewalt erfahren und ihre Seele verloren haben und dabei noch ganz legal in Fenstern zur Schau gestellt wurden. Ein Denkmal, das daran erinnern wird, es nie wieder zuzulassen. Danke an das Podcast-Team, das mir mit dieser Podcast-Folge die Möglichkeit gegeben hat, auch das sichtbarer zu machen, was viele nicht sehen können oder auch nicht sehen wollen.

Aus dem Zeitungsartikel zum Podcast:

In unserem Podcast „heiß & innig“ erzählt Sandra in bewegenden Worten von ihrem Schicksal. Im Gespräch geht es diesmal weder heiß noch innig zu. Sandras Worte bedrücken vielmehr, rütteln aber gleichermaßen auf, denn diese Frau hat zwar Fürchterliches erlebt, aber ganz klare Ziele.

Sandra Norak hat das Abitur nachgeholt, seit einem Jahr das Jurastudium abgeschlossen und will nun Anwältin werden, um ihr Engagement gegen Zwangsprostitution auszuweiten. Sie will aufklären, um zu verhindern, dass es anderen jungen Frauen wie ihr ergehen könnte.

Für Sandra Norak steht fest: Prostitution macht Frauen kaputt, sie lehnt daher den in ihren Augen beschönigenden Begriff „Sexarbeit“ ab. „Das ist nichts, was man menschenwürdig ausüben kann“, sagt sie.

Schuldig machen sich ihr zufolge nicht nur Bordelle und Zuhälter, die die Notlage von Frauen ausnutzen, schuldig mache sich auch der Gesetzgeber mit viel zu laxen Vorgaben. Aber auch an Freier richtet sie im Podcast Worte, die nichts an Deutlichkeit vermissen lassen.

Und was passiert, wenn sie endlich Anwältin ist? „Dann“, sagt Sandra Norak, „werde ich klagen, klagen, klagen.“

Schon jetzt hat sie einen Verbund gegründet, in dem sich Betroffene von Menschenhandel und Ausbeutung organisieren: ge-stac.com

Quelle:

https://www.nordbayern.de/ratgeber/sie-musste-in-nurnberg-anschaffen-heute-kampft-sandra-norak-gegen-zwangsprostitution-1.12072863

https://www.nn.de/leben/sie-musste-in-nurnberg-anschaffen-heute-kampft-sandra-norak-gegen-zwangsprostitution-1.12072863

https://www.fein-raus.de/sie-musste-in-nuernberg-anschaffen-heute-kaempft-sandra-norak-gegen-zwangsprostitution-1c2c2519-08cc-4af2-b10a-42bfa09436e5

Nachfolgend der Podcast auf YouTube zum Anhören (auch in den Zeitungsartikeln ist das Audio zu hören sowie auch bei Spotify):

Frauentormauer Nürnberg: Eine Unterwelt in einer öffentlichen Straße

…und niemand spricht öffentlich so wirklich darüber. 

Den folgenden Text habe ich heute Nacht geschrieben:

„Es ist jetzt 2 Uhr nachts, ich liege gerade im Bett und kann nicht schlafen. Ich liege nicht in meinem Bett, sondern in einem B&B Hotel nahe des Hauptbahnhofs in Nürnberg.

Mir ist kalt, ich habe keinen warmen Pullover dabei, weil der Besuch in Nürnberg wegen eines Termins sehr kurzfristig und ich vorher woanders war. Und ich weiß gar nicht, ob ich diesen Text am Ende veröffentlichen werde, aber meine Gedanken muss ich zunächst runterschreiben.

Ich kann diese Hotels hier um den Bahnhof herum nur schwer ertragen. Dass sich das bis heute nicht geändert hat, spüre ich jetzt gerade sehr stark. Es erinnert mich an die Zeit mit Freiern im Hotel in der Region und auch hier im Bahnhofsbereich. Wäre es nicht so kalt würde ich lieber im Freien anstatt in einem Hotel hier schlafen. Mein Termin morgen ist nahe dem Bahnhof. Diese Umgebung des Bahnhofs und der Mauer, wenn es Nacht wird, das habe ich vorher wieder gespürt… Überall laufen gruselig aussehende Männer rum, die einen anreden, anstarren, anmachen. Ich bin innerlich ständig in Alarmbereitschaft, wenn ich die Gegend des Bahnhofs entlang der Mauer ablaufe. So viele Erinnerungen. So viele ungeahndete Schicksale. Und es läuft weiter. Alles staut sich in mir, ich fühle mich in die Zeit von früher zurückversetzt. Ich kann das „Damals“ spüren als wäre es das „Heute“. Ich habe ganz komische Gefühle, ein Gefühl ist das von erstickter Panik, ich ertappe mich dabei beim Gehen entlang der Mauer die Luft anzuhalten und erinnere mich daran wieder Luft holen zu müssen.

Um ca. 22:30 Uhr, als ich auf Facebook und Instagram den Artikel und das Bild der ermordeten prostituierten Frau online gestellt habe, in deren Fall die Polizei nach Zeugen und Zeuginnen sucht (helft bitte mit: Klick hier), saß ich auf einem Stein am Jakobstor, Eingang Engelhardsgasse (mit FFP2 Maske und halb vermummt, damit meine Identität nicht sichtbar ist). Das ist ein Eingang zur Frauentormauer. Es standen dort rumänische Frauen, die telefonierten und sprachen. Ich blieb kurz (ca. 20 Minuten) dort, setzte mich auf den Stein und damit es weniger auffiel, was ich hier mache, habe ich auf meinem Handy rumgetippt und dann den Artikel gefunden.

Bevor ich mich dort hingesetzt habe bin ich (auch „verschleiert“ mit FFP2 Maske) durch das Tor gelaufen, durch die Engelhardsgasse. Wenn man das Tor hindurchgeht sind in der Querstraße viele Laufhäuser und auch „Milieu“ Kneipen.

Mir rutschte schon mein Herz in die Hose, als ich an der „Herz Dame“ vorbeigehe. Die hieß früher zu meiner Zeit im Milieu anders. Ich fühle mich wie gelähmt und gehe und gehe weiter wie ein Roboter, nehme Gesichter wahr, düstere Gestalten, meine Erinnerungen und meine Angst wird stärker, ich frage mich innerlich, was in aller Welt ich hier eigentlich mache, nachts um halb 11. Nicht nur mich dort aufzuhalten, um etwas zu suchen, sondern auch Fotos zu machen. Fotos zu machen ist nicht gerne gesehen, wenn das jemand sieht.

Naja, dann saß ich da noch auf dem Stein beim Jakobstor und habe gemerkt, dass ich insbesondere von 2 Männern beobachtet werde. Das waren keine Freier. 

Einer, bei dem es aussah als ob er dort „patrouillierte“, kam immer näher. Es war eine Körpersprache wie „du bist ein milieuexterner Fremdkörper, was willst du hier, du störst hier“. Wenn man einmal tief im Milieu war, nimmt man die Gestik und Körpersprache von Menschen im Bereich des Rotlichts besonders sensibel wahr. Man kennt es von früher. Andere zu lesen und, wo nötig und möglich, zu deeskalieren bevor es eskaliert, habe ich jahrelang gelernt. Das brauchte ich, um heile zu bleiben. Ich habe das bis heute in mir drin. Bzgl. dieses Mannes habe ich auf meinem Handy weitergetippt und so getan als ob ich ihn nicht sehe.

Dann kam er direkt zu mir, sprach mich an und fragte:

„Warten Sie auf wen?“

Es war kein deutscher Mann. Muskulös.

Ich: „Warum?“

Er: „Weil Sie hier sitzen?“ (Der Ton vermittelte: Das gefiel ihm nicht so. Manche aus dem Milieu verhalten sich auch als sei eine öffentliche Straße ihre Straße, denn Leute im Milieu markieren gern ihr „Revier“. Seien das Frauen oder Orte oder auch Straßen…)

Ich: „Ich warte auf meine Freundin.“ (Habe ich natürlich nicht, weil ich alleine dort war, aber ich musste ihn ja irgendwie wieder loswerden)

Er hackt nach, obwohl ich sehr deutlich „Freundin“ sagte:

„Auf einen Freund oder eine Freundin?“ (Alle anschaffenden Frauen mit Zuhältern „warten“ an der Mauer auf ihre „Freunde“ = Zuhälter. Ich hätte ihm beinahe gesagt, dass ich den „Freund“ = Zuhälter schon hinter mir habe und ich mir das für alle Frauen hier wünsche, aber ich hielt meinen Mund und sagte nur erneut „auf eine Freundin“).

Er sah mich skeptisch an (denn da sitzt normalerweise nachts keine Frau, die nichts mit dem Milieu zu tun hat und auf ihre Freundin wartet) und ging wieder das Jakobstor hindurch in Richtung Laufhäuser.

Ich habe Gründe, wenn ich dort hingehe. Macht das bitte NICHT nach, da nachts hinzugehen. Auch nicht „vermummt“ und mit FFP2 Maske im Gesicht.

An der Frauentormauer ist die Kriminalität hoch. Als ich damals im Milieu war, war die Frauentormauer milieuintern bekannt als mitunter der schlimmste Ort  für die Frauen in der Prostitution (meist Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution) in der Gegend. Ich habe damals schon kriminelle Leute dort agieren sehen mit denen sich mein Zuhälter traf und ich dabei war. 

Dass die Frauentormauer auch heute noch von Kriminalität und auch Gruppierungen, die ich von damals dort schon kannte, geprägt ist, kann man als Außenstehender u.a. auch in Freierforen nachlesen (Beispiele siehe unten) und ein Zeitungsartikel von letztem Jahr verrät ebenso Einblicke, der über einen versuchten Totschlag durch 3 Hells Angels Mitglieder im Bucuresti (Engelhardsgasse – auch gleich dort am Jakobstor bei der Frauentormauer – direkt bei den Laufhäusern) und von schweren Drohungen durch die drei HAMC Mitglieder an einer weiteren Person berichtet:

Die drei Männer werden mit Fußfesseln in den Saal geführt – die Sicherheit wird groß geschrieben, soll es sich bei den Angeklagten doch um Mitglieder des Motorradclubs Hells Angels handeln…

Der Geschädigte erlitt mehrere Schnittverletzungen, an den Scherben riss er sich die Hüfte auf und zog sich eine 15 Zentimeter lange Wunde zu, dazu kam ein Beckenbruch. Die Glasscherben bohrten sich in einen Hüftknochen und trennten seinen Oberschenkelmuskel vom Hüftknochen. Er wurde gerade noch rechtzeitig in die Notaufnahme gebracht, ohne Hilfe wäre er verblutet…

Die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth ist überzeugt, dass die drei Männer bereits zwei Tage vorher einen anderen Mann in Angst und Schrecken versetzten – von ihm wollten sie 10.000 Euro erpressen, zahlbar innerhalb einer Woche.

Es ging dabei nicht um Schulden, vielmehr hatten sie auf die Summe „keinen Anspruch“, wie es der Ankläger formuliert.

Doch die Drohungen waren fürchterlich: Sollte er nicht zahlen, werde man seine Frau als Prostituierte auf den Strich schicken, dem Mann werde man die Leber mit einem Messer herausschneiden, und auch seiner Familie in Rumänien wolle man etwas antun. Völlig eingeschüchtert von seinen Landsleuten wandte sich der Mann an die Polizei.“ Quelle: Kneipenschlägerei in Nürnberg: Rocker sollen Gast fast totgeprügelt haben

Hier noch 3 Freierberichte über die Frauentormauer (die ich schon mal verlinkt hatte; es gibt aber weitaus mehr…):

Schlimm sind diese ganzen Zuhältertypen, die sich gegenüber von den Schaufenstern postieren und gaffen. Der ein oder andere Typ steht noch an der selben Stelle, nachdem ich ein Mädel gefickt habe und mich wieder vom Acker mache.“ https://huren-test-forum.lusthaus.cc/showthread.php?t=201689&page=12

Die SDL [Sexdienstleisterin] gestern Abend erwähnte die Problematik, dass bei vielen in der FTM [Frauentormauer] im Hintergrund ein Kerl profitiert. Nur halt nicht so offensichtlich.“ https://huren-test-forum.lusthaus.cc/showthread.php?t=201689&page=11

Sie zieht ihren Slip aus und ist überall blutverschmiert, sie hat wohl heftig ihre Tage. Außerdem kommen jetzt etliche üble blaue Flecken an Po und vor allem den Schenkelinnenseiten zum Vorschein. Bäh! Da hat sie irgendeiner ziemlich übel misshandelt… Als ich zum Eindringen ihre Beine etwas spreizen und leicht nach hinten drücken will, ich bin sicher nicht grob dabei, protestiert sie und drückt mich weg. Ich sehe trotzdem kurz das Ausmaß der Sauerei, die sie verbergen wollte. Mir vergeht es fast, aber ich bin noch ziemlich geil vom Anwichsen. Bitte um Säuberung, denn so geht das ja wirklich gar nicht. Die Fortsetzung bzw. den Beginn des Aktes will ich dann auch in der Doggy, um es schnell mit wenig Körperkontakt abzuschliessen. Doch sie nimmt dabei eine Körperhaltung ein, in der man(n) praktisch nicht in sie eindringen kann. Meine Versuche ihr klar zu machen, dass das so nicht geht, werden mit: „Gel?“ beantwortet. Meinetwegen… Das wird jetzt auf meinem Gummi aufgetragen, aber nicht an ihrer Muschi. Wieder versuche ich vergeblich vorsichtig in sie einzudringen, doch sie zieht immer weg, bevor ich sie überhaupt berühre... Verlange ziemlich aufgebracht 20 Euro zurück, denn Blasen hat sie noch erfüllt (= 30 Euro), Ficken erfolgreich verhindert. Sie dann ziemlich eingeschüchtert, weil ich wirklich richtig sauer wurde… Dem Bodybuilder Security Typ am Eingangskabuff interessiert das Ganze gar nicht, lässt den völlig kalt. Ich hätte den auch nicht angesprochen (wozu auch?), das hat die blöde Kuh gemacht, die sich die Bezahlungskürzung außerhalb des Zimmers nicht mehr gefallen lassen wollte – finde, ich war dabei echt noch fair für das was sie da abgeliefert hat und ohne dass ich ein Finish hatte. Parteiisch war der Typ auch nicht, was mich eher verwunderte. Glaube, dass sie dann erst recht verärgert war, dass ich mit ihm wirklich null Problem hatte. Er meinte nach meiner Schilderung, was überhaupt los ist, nur: „Blutverschmiert? Ist ja ne Sauerei. Aber die ist vom Fenster, keine Stammbelegschaft, da kann ich nichts machen. Macht das untereinander aus, aber bitte nicht hier im Eingangsbereich…„. https://huren-test-forum.lusthaus.cc/showthread.php?t=172842

Die Frauentormauer in Nürnberg ist von Gewalt und Kriminalität geprägt. Das Rotlichtviertel dort ist eine Unterwelt auf öffentlichen Straßen. Das gehört an- und ausgesprochen und verboten. Nicht nur in Nürnberg.“

Text von heute Nacht zu Ende.

Es ist jetzt ca. 16:30 Uhr, ich bin fertig mit meinem Termin und verlasse Nürnberg und seine Bahnhofsregion inkl. Mauer nun wieder.

Das Gute wird gewinnen. Leider erst nach unzähligen schweren Menschenrechtsverletzungen, weil nicht genügend zugehört, nicht genügend hingesehen wird, dass sich zügig etwas ändern muss. Die Menschen wachen immer mehr auf, aber das geht zu langsam. Wir haben hier keine Zeit. Irgendwann wird die Mauer bzw. die Bordelle dort geschlossen sein und eine Bewusstseinsänderung stattgefunden haben. Es wird noch viel mehr Menschen geben, die es schockierend finden werden, dass etwas so lange unter dem Deckmantel der Legalität nach unseren Gesetzen existieren durfte. Bis dahin ist es noch viel Arbeit, aber diese ist es wert und wir werden immer mehr Menschen im Kampf gegen dieses System. Deutschlandweit, europaweit, weltweit.

Die Loverboy-Methode – Vortrag im Rahmen einer Fortbildung – LAG Mädchen S-H (zoom), 24.03.22

Vor kurzem gab es einen online Fachtag (zoom) zum Thema Loverboy-Methode bei der LAG Mädchen Schleswig Holstein. Mein Vortrag wurde aufgenommen. Wenn euch das Thema „Loverboy“-Methode interessiert, könnt ihr ihn euch gerne im folgenden Video angucken.

Ge-STAC Eröffnungsveranstaltung

Am 26.03.22 fand die Eröffnungsveranstaltung von Ge-STAC online via zoom mit Simultanübersetzung ins Englische statt und hat viel Anklang gefunden.

7 Betroffene aus verschiedenen Ländern (Deutschland/Schweiz/Italien/Rumänien/Irland) kamen zu Wort und es wurde auch darüber gesprochen, wie eine sinnvolle Inklusion von Betroffenen aussehen kann.

Vielen Dank allen Teilnehmenden, die da waren, und an alle Menschen, die unsere Arbeit unterstützen. Es war teilweise sehr emotional, aber authentisch.

Viele von euch haben nach einer Aufzeichnung der Veranstaltung gefragt. Wir haben aufgezeichnet, um diesen Abend nie zu vergessen 🙂

Im Video unten könnt ihr euch die Veranstaltung ansehen (das Programm habe ich unter dem Video noch einmal eingefügt).

QR-Code für Informationen und Hilfe zum Thema Menschenhandel / Ukraine

Zusätzlich zu den Flyern haben wir von Ge-STAC nun auch diesen QR-Code erstellt, der vieles an manchen Stellen noch einmal einfacher macht und noch mehr Chancen gibt.

Wenn man mit dem Handy diesen QR-Code einscannt, kommt man auf die Ukraine Hilfeseite von Ge-STAC (die auch auf dem Flyer abgedruckt ist) mit Informationen und Kontaktnummern: https://ge-stac.com/help/

Die Ge-STAC Webseite hat auch die Option, u.a. auf ukrainische Sprache umgestellt zu werden (sodass Betroffene es auch lesen können) – ganz oben auf der Seite bei den Sprachbuttons.

Einen QR-Code Scanner haben viele auf dem Handy. Wenn ihr eine Einrichtung seid, die mit Flüchtlingen arbeitet/in Kontakt kommt, könnt ihr diesen QR-Code zum Beispiel irgendwo platzieren, wo er gut sichtbar ist, beispielweise mit dem Verweis „Informationen und Hilfe zum Thema Menschenhandel“ („Інформація та допомога з питань торгівлі людьми“). Man kann den QR-Code als Bild einfach abspeichern und beliebig verwenden.

Film über meine Arbeit in der ARD Mediathek

Foto: Max Kronawitter/IKARUS-Filmproduktion

Wer den Film von Max Kronawitter über meine Arbeit nachgucken möchte, kann das in der ARD Mediathek tun:

https://www.ardmediathek.de/video/echtes-leben/vom-bordell-ins-jurastudium/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2VjaHRlcyBsZWJlbi9lNzM4NTJiZC1mYmQwLTRhNGItODU0MC1kMjc4M2M3ODZkZjM

Ab Herbst kann der Film für Schulen und Bildungsveranstaltungen inkl. von mir erstelltem Material dazu geordert werden. Infos dazu kommen noch.

Gruß nach Passau

Ich habe meinen Studienort geheim gehalten, solange ich am Studieren war. Jetzt ist es aber raus:

Ich habe in Passau Jura studiert und aufgrund des Films von Max Kronawitter über meine Arbeit, der am 8.3.22 um 23:40 Uhr bei ARD ausgestrahlt wird, hat mich die PNP (Passauer Neue Presse) angeschrieben für ein Interview. Dieses erschien gestern in der Samstagsausgabe.

Als ich in Passau an der Uni war, las ich immer wieder Artikel über Prostitution in der Region. Auch über das Eroscenter Platin in Passau, das ein sog. Gütesiegel vom BSD bekommen hat.

Ein Ausschnitt aus dem Artikel der PNP lautet:

Heute besucht Sandra Norak Schulen in ganz Deutschland und klärt über die Gefahren der Prostitution auf. „Es ist ganz wichtig, über Methoden von Menschenhändlern aufzuklären. Es hätte mir damals geholfen, wenn ich von der ,Loverboy‘-Methode gewusst hätte, also dass es Männer gibt, die gezielt nach jungen Mädchen und Frauen suchen, Liebe vortäuschen, eine emotionale Abhängigkeit erzeugen und von Anfang an den Vorsatz haben, die Frau damit in die Prostitution zu treiben und auszubeuten. Als junger Mensch kommt man nicht darauf, dass es so etwas geben könnte.“… Sandra Norak ist sich aus ihren Erfahrungen im Rotlichtmilieu sicher: Die meisten Prostituierten sind Opfer von Menschenhändlern oder Zuhältern. „Manche Frauen werden auch eingesperrt, andere haben keine Zuhälter, aber eine Traumatisierung, wurden zum Beispiel in ihrer Kindheit sexuell missbraucht und kennen es nicht anders. Der Begriff der Freiwilligkeit ist hier ein fragwürdiges Konstrukt, wenn ein Mensch einfach nicht weiß, wie ein Leben ohne Gewalt aussieht.“ Die meisten Freier würden diese Umstände  auch durchaus sehen, nehmen sie aber – wortwörtlich – in Kauf.
Sandra Norak kennt auch die Regeln des Milieus, weiß, wie die Frauen dazu gebracht werden nach außen hin zu vermitteln, dass sie glücklich sind und freiwillig als Prostituierte arbeiten…
Ein großes Anliegen ist der 32-Jährigen, dass  Bordellbetreiber künftig nicht mehr so viel in der Öffentlichkeit zu Wort kommen.  Sie seien Teil der „Ausbeutungsmaschinerie“. Nach Noraks Erfahrungen ist es in den meisten Fällen nicht möglich, dass ein Bordellbetreiber überhaupt genug Frauen für seine Einrichtung findet, ohne dabei auf Kontakte ins Milieu, zu Menschenhändlern und Co. zurückzugreifen. Auch warnt sie davor, den Gütesiegeln für Bordelle zu vertrauen, die vorgeben, die Frauen würden selbstbestimmt und freiwillig in der Prostitution arbeiten. „Keiner außer die Frauen selbst weiß genau,  was die Frauen bewegt, wer oder was dahinter steckt.“  
Die ARD-Dokumentation „Echtes Leben: Vom Bordell ins Jurastudium“  ist am Dienstag, 8. März, um 23.40 Uhr im Ersten zu sehen. Weitere Informationen gibt es unter  www.sandranorak.com bzw. https://ge-stac.com/

Hier geht es zum ganzen Artikel in der PNP:

https://www.pnp.de/lokales/stadt-und-landkreis-passau/passau-stadt/Frueher-Zwangsprostituierte-heute-Juristin-Niederbayerin-berichtet-4251922.html

Ich freue mich über jegliche Menschen in Passau (und natürlich auch woanders), die das Thema nun auch verstärkter in den Blick nehmen.

Wer mal lesen möchte, was Passau für „tolle“ Freier hat, die einfach so über „lustlose“ Frauen drüber rutschen (wobei lustlos ein sehr sichtbares äußerliches Anzeichen davon ist, dass sie – trotz dessen, was sie sagen (muss) – sehr wahrscheinlich nicht möchte, was hier gerade stattfindet, und sie gar vielleicht unter Druck/Zwang steht, was aber im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass Frauen, die gut schauspielern und lächeln – weil sie es müssen – generell ok sind oder ohne Druck/Zwang arbeiten), der lese z.B. das hier:

Wenn Freier sich und/oder anderen Menschen einreden möchten, dass sie die „respektvollen“ und „guten“ Freier sind

Ich habe heute den Kommentar eines Freiers gefunden und möchte euch einen Auszug davon zeigen:

Ich weiß, dass u.a. viele Freier hier auf meiner Seite lesen, denn ich sehe immer wieder Verlinkungen aus Freierforen auf meine Seite, zum Beispiel diese hier: https://huren-test-forum.lusthaus.cc/showthread.php?t=290565

Was haben wir oben im Text also für ein „Freierexemplar“?

Einen jener Freier, die über andere Freier schimpfen und sich selbst als die Tollen darstellen, weil sie sich – zum Beispiel wie der Freier oben – zuvor geduscht haben und den ausgemachten „Service“ einhalten.

Dann ist dieser Freier oben im Text ja wirklich noch so vermeintlich überzeugt von sich und denkt, er könne einer Frau, die er dafür bezahlt, dass sie sich von ihm penetrieren lassen muss, „ein Lächeln ins Gesicht zaubern“.

Nun, gelächelt habe ich damals auch oft. Allerdings, weil ich es musste und nicht, weil das Lächeln echt war. Zu lächeln und so zu tun, als ob es einem gut geht, ist Teil des „Geschäfts“. Viele Frauen versuchen es zumindest, müssen es versuchen. Man versucht zu lächeln und freundlich zu sein, während man innerlich gerade stirbt. Manche Frauen, die „neu“ in das Milieu kamen, tranken wenig bis gar keinen Alkohol zuvor (wie ich anfangs) und man konnte die Tage zählen, bis sie massenhaft Alkohol tranken, denn ohne Alkohol und/oder Drogen ist es – jedenfalls auf Dauer – nicht möglich, freundlich zu sein und zu lächeln, während man fühlt, sexuell missbraucht zu werden. Und das bis zu 10 – 20 Mal am Tag. Von anderen kenne ich noch höhere Zahlen.

In der Prostitution wird nicht nur von einem erwartet, dass man es aushält und über sich ergehen lässt, sondern es wird darüber hinaus erwartet, dass man Freiern „ein Lächeln“ schenkt, was diese dann so interpretieren können wie der Freier oben im Textausschnitt, nämlich dass sie den Frauen „ein Lächeln ins Gesicht zaubern“.

Dass dieses Lächeln nicht echt ist, wissen die allermeisten Freier, denn es gibt immer Momente, in denen der Gesichtszug aufgrund von unerträglichen Schmerzen und des Nachlassens der Wirkung des Alkohols entgleitet. Das habe ich auch im Hinblick auf andere Frauen beobachten können, wenn ein Freier zwei Frauen haben wollte und ich mit einer anderen Frau und diesem Freier auf Zimmer war. In manchen Momenten, wenn ich gerade nicht „an der Reihe war“, konnte ich die Freier und das, was da gerade zwischen dem Freier und der Frau geschah sowie Augen, Mimik und Gesichtsausdrücke besonders gut beobachten, was mir das Herz zerbrochen hat, denn MAN SIEHT DIE GEWALT, auch dann, wenn die Frau versucht, es nicht als solche aussehen zu lassen. Viele Freier erregt es auch, wenn sie merken, dass man Schmerzen hat und sie sehen, dass man damit kämpft, sich das Weinen zu verkneifen, oder es ist ihnen schlicht einfach egal, ob man lacht oder weint, man wird als lebende Puppe behandelt, die die ausgemachte Zeit herzuhalten hat. Dass es einem schlecht geht, wird von Freiern entweder toll gefunden, als Teil der Machtausübung und Erniedrigung, oder es wird ignoriert. Sie sehen es, aber sie wollen ihren Spaß, sie wollen das, wofür sie bezahlt haben. Momente, in denen der Schmerz mehr als sichtbar wird, blenden sie aus, erwähnen ihn nicht und erzählen dann lieber – ähnlich zum Freier oben – nur von dem „Lächeln“ der Frau, dessen Aufgesetztheit im Übrigen jeder halbwegs normale Mensch mit auch nur ein bisschen Empathie spüren kann.

Der Freier oben sagt, dass er sich duscht und den „Service“ einhält.

Dadurch entsteht aber dennoch kein sexueller Konsens auf Seiten der prostituierten Frau, wirklich mit diesem Menschen intim werden zu wollen. Da kann er sich 20 Mal duschen und schrubben und sich das teuerste Parfum draufsprühen und die Frau in ein 5 Sterne Hotel mit Rosen auf dem Bett empfangen: Eine gefühlte Vergewaltigung, ein gefühlter Missbrauch, ändert sich nicht dadurch, dass jemand nicht stinkt, den „Service“ einhält und dich im Luxushotel empfängt. Ein abwegiger Gedanke, eine ungewollte Nähe und Penetration würde dadurch „nett“, „respektvoll“ oder was auch immer, weil die äußeren Umstände „gut“ sind. Missbrauch ändert sich nicht dadurch, dass man die äußeren Umstände um ihn herum „schön“ gestaltet und versucht, ihn damit „respektvoll“ auszuüben, was im Übrigen auch gar nicht geht. Schmerz ist Schmerz, seelisches Leid ist seelisches Leid, egal ob in einem Keller auf einer schäbigen Matratze oder im Himmelbett mit Champagner und Erdbeeren neben dran, egal ob ein Mensch geduscht oder ungeduscht ist.

Schlimmer geht natürlich immer. Zum Beispiel wenn Freier Drogen genommen haben und handgreiflich werden. Steigerungen von Missbrauch und Gewalt gibt es immer. Dass es immer schlimmer geht, bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass duschen und vermeintliches gut riechen sowie „Service“ einhalten dazu führt, dass es nicht schlimm ist. Viele meiner Freier hatten Parfum dran, wo andere sagen würden: Das riecht doch gut. Nach meinem Ausstieg bekam ich Flashbacks, wenn ich die Parfums meiner damaligen Freier irgendwo an anderen Männern oder in Geschäften gerochen habe. Da es sehr viele Freier und daher sehr viele Parfums waren, war das keine Seltenheit.

Missbräuchliches Verhalten ist und bleibt missbräuchliches Verhalten und man kann es nicht dadurch ausschalten, dass man gut riecht oder sich duscht. Im Gegenteil: Der Geruch wird Teil des Missbrauchs und dann oft zum Triggerpunkt als Traumafolge.

Dass viele meiner Freier sich geduscht und den „Service“ eingehalten haben, hat übrigens an der Tatsache, dass ich von Menschenhandel und Zuhälterei betroffen war und lange Zeit nahezu alles abgeben musste, nichts geändert. Meine Zwangsprostitution ist durch die Dusche und das Parfum eines Freiers nicht schöner geworden.

Gehobener Escort muss auch nicht immer Selbstbestimmtheit heißen, denn Zuhältern ist es natürlich auch lieber, wenn sie pro Stunde mehr kassieren können als in irgend einem Bordell. Als ich im Flat-Rate-Bordell war, musste ich erstmal 15-20 Freier machen, bis mein Zuhälter am Ende des Tages zwischen 150-200 Euro in der Hand hatte, je nachdem wieviel eine Frau pro Freier bekam (was davon abhing wie oft ein Freier mit seiner an den Betreiber gezahlten Pauschale auf Zimmer ging). Durch den Escort und die Haus- und Hotelbesuche bekam ich das oder mehr in 1 Stunde.

Nicht vom Schein trügen lassen:

Nur weil etwas nach außen hin wie Selbstbestimmtheit aussieht, muss noch lange keine dahinter stecken. Nur weil eine prostituierte Frau lächelt, weil sie es – aus unterschiedlichen Gründen – muss, ist dieses Lächeln nicht echt. Nur weil eine prostituierte Frau sagt, dass es ihr gut geht und alles ok ist, weil sie es – aus unterschiedlichen Gründen – muss, heißt das noch lange nicht, dass es auch so ist.

Ich hatte viele Freier, die so geredet haben wie der Freier oben im Textausschnitt – und sie haben mich ganz besonders angewidert, weil sie den von ihnen begangenen Missbrauch verleugnet haben. Die Leugnung von Missbrauch und das Verdrehen von Dingen (z.B. als wäre der Missbrauch etwas „Nettes“), kann auf der emotionalen Ebene noch schwieriger zu ertragen sein.

Die „freiwillige“ Prostitution als Folge von sexueller Gewalt & Zwangsprostitution

Foto: Max Kovalenko

Ich kenne viele Geschichten von Frauen, die nach dem an ihnen verübten Menschenhandel und der Zwangsprostitution „freiwillig“ in der Prostitution blieben oder später in die „freiwillige“ Prostitution gegangen sind. Auch meine Geschichte ist durch eine Phase solch einer Freiwilligkeit geprägt.

Oft fragen sich die Menschen, warum man denn noch freiwillig da bleibt oder wieder zurück geht, wenn alles so schlimm war und man endlich gehen könnte, wenn man da nie wieder sein müsste.

Der Hauptgrund ist: Die Frauen bleiben oder gehen oft zurück, weil sie keine Perspektive sehen, keinen Ausweg sehen, keinen Lebensmut mehr haben und dieses Leben während der Ausbeutung zwischen Missbrauch und Gewalt in der Prostitution derart prägend und traumatisierend war, dass sie fühlen, durch die ganzen Freier ihre Würde verloren zu haben, am Rande der Gesellschaft zu stehen, nirgends mehr hinzugehören. Nirgends, außer in die Prostitution. Oft ist die spätere freiwillige Prostitution auch Teil des Versuchs, die Kontrolle über den eigenen Körper zurückzugewinnen. Wo vorher die Täter Geld mit dem Körper der Frauen verdient haben, wird von diesen später versucht, das nun selbst zu tun. In dem Glauben, so bekämen sie ihre Selbstbestimmung zurück. In der Hoffnung, die Ausbeutung wäre dann nicht mehr ganz so schlimm, weil man nun auch etwas „davon hat“. Dann kommt auch häufig irgendwann der nächste Zuhälter oder wieder der alte Zuhälter und die Ausbeutung geht weiter. Nicht selten folgt daraufhin ein Teufelskreis, der die Frauen über Jahre oder auch Jahrzehnte weiter in diesem System festhält – ohne dass sie jemals dorthin wollten.

Umgedreht ist es mit Missbrauchsopfern in der Kindheit, die später „freiwillig“ in die Prostitution einsteigen. Hier gibt es vielleicht nicht immer einen Täter beim Einstieg in die Prostitution. Der Täter, der der Frau ihre Würde geraubt hat, war aber schon in der Kindheit da.

In all diesen Varianten der „freiwilligen“ Prostitution gab es zuvor Täter, die schwere Straftaten an den Frauen begangen haben, und zwar solche, die einen Menschen in seiner Persönlichkeit brechen können. Diese Frauen sind in Bezug auf eine Reviktimisierung hoch gefährdet. Ein gebrochener Mensch wehrt sich oft nicht mehr. Er nimmt hin. Er erträgt. Er funktioniert. Er hat sich mit der Gewalt abgefunden. (Sexuelle) Gewalt auszuhalten ist für diesen Menschen normal geworden.

Wir haben also fortan die freiwillige Prostituierte.

Und Teile unserer Gesellschaft jubeln den Spruch der Profiteure:

„Sexarbeit ist Arbeit“

…ohne zu wissen, was bei den Allermeisten hinter dieser „Arbeit“ steckt und wie viel (sexuelle) Gewalt ein Mensch ertragen musste, damit er das irgendwann „freiwillig“ tut.

Die vielfältigen Traumatisierungen von Betroffenen von Gewalt in diesem Bereich sind mit der einfach menschlichen Logik „wenn es Gewalt ist, geh‘ doch nicht mehr hin“ nicht zu erfassen. Wer sehr viele Frauen im System Prostitution verstehen möchte, der muss verstehen lernen, wie sich Gewalt – vor allem sexuelle Gewalt (durch Freier, Zuhälter, etc.), geprägt von den mitunter schlimmsten menschlichen Erniedrigungen und Demütigungen, die das Intimste eines Menschen betreffen – auswirken kann. Wer diese Frauen verstehen möchte, muss verstehen lernen, wie sich komplexe Traumatisierungen auswirken und zu Tage treten können – ohne die Betroffenen zu pathologisieren. Nur wer versteht, der kann auch helfen.

Menschenhandel und seine Spätfolgen – und wie jeder von euch helfen kann

Bild: In der Laserklinik nach der 1. Sitzung

Ich war das ganze Wochenende über sehr traurig. Der Grund, warum ich das mit euch teile, ist themenbezogen. Es geht darum, dass der Menschenhandel für die Betroffenen nicht aufhört, nur weil die Tat beendet ist. Das kann sich verschieden äußern. Körperliche Folgen, Traumafolgen, die Liste ist lang.

Heute wurde begonnen das Tattoo, das mein Zuhälter mir damals stechen ließ, um mich als sein Eigentum zu markieren, wegzulasern. Falls ihr neu hier seid und nicht wisst, um was es geht, hier findet ihr es: Tattoos als Eigentumsstempel. Es werden bei mir wohl mindestens 10 Sitzungen werden.

Gestern überlegte ich noch, ob ich alle Lasertermine absagen soll. Heute früh auch noch, denn am Wochenende brachte ich in Erfahrung, dass beim Weglasern von größeren Tattoos krebserregende Stoffe und andere toxische Spaltprodukte im Körper freigesetzt werden können, da die Farbteile des Tattoos mit dem Laser in unzählige kleine Teile zersprengt werden, von denen wohl viele im Körper verbleiben und sich im Lymphsystem und möglicherweise auch woanders im Körper ansiedeln. Alles noch zu wenig erforscht, um sicher sagen zu können, was das wirklich im Körper macht. Warnungen gibt es aber zahlreich.

Das Weglasern ist schmerzhafter als das Tätowieren selbst, es fühlt sich an, als würde man eine Nadel nehmen und diese im Millisekundentakt über deinen Rücken jagen. Zum Glück dauert eine Sitzung nicht so lange. Normalerweise schmiert man sich vorher eine Betäubungssalbe drüber, ich habe das nicht, weil ich es erstmal so ausprobieren wollte. Die Prozedur ist mit 10 Sitzungen oder noch mehr langwierig. Nach jedem Lasertermin braucht es 4 – 8 Wochen, damit die Haut zur Ruhe kommt, bevor man weiter lasern kann, daher wird die Zeit, bis das Tattoo weg ist, auf 1-3 Jahre angesetzt. Dazu bestehen Risiken. Und dann ist es noch nicht mal ganz sicher, dass das Tattoo auch wirklich ganz weggehen wird. Der Arzt meinte, dass es oft so ist, dass man nach der 3 oder 4 Sitzung die ersten richtig sichtbaren Ergebnisse sieht.

Die letzten 3 Tage habe ich mich damit beschäftigt, ob ich das alles wirklich möchte oder nicht doch lieber absagen soll. Der Grund, warum ich so arg zweifelte da heute hinzugehen und warum ich so traurig war ist, weil ich nicht mehr möchte, dass mein Körper aufgrund meiner Vergangenheit noch einmal leidet. Er hat so viel Schaden erlitten damals, es ist genug. Mein Körper hat mich durch all den Horror mit den Freiern getragen, unzählige und höllische Schmerzen durch die ganzen Penetrationen ausgehalten, hat mich durch den hohen Alkoholkonsum, in den schlimmsten Zeiten durch 2-3 Schachteln Zigaretten am Tag, durch meine Selbstverletzungen, durch katastrophale Ernährung und Magersucht getragen und sich bis heute wacker geschlagen. Viele Frauen, die in der Prostitution waren, hassen ihren Körper danach. Ich tue das nicht. Ich liebe meinen Körper, denn ich bin meinem Körper so extrem dankbar. Dankbar dafür, dass er noch atmet, läuft, fühlt. Dankbar, dass er nicht schlapp gemacht hat, obwohl er jahrelang mit Füßen getreten und missbraucht wurde. Wer hält sowas aus, ohne kaputt zu gehen? Mein Körper hat es ausgehalten, er ist mir heilig. Und jetzt, nachdem er das alles ausgehalten und mich da durchgetragen hat, soll ich ihm nun 1 bis 3 Jahre in monatlichen Abständen die nächsten Schmerzen und ungewissen Nebenwirkungen zufügen – wieder wegen dieser Vergangenheit? Jetzt, wo er endlich zur Ruhe gekommen ist?

Ich war traurig, weil ich diese Tattoo-Entfernung für mich persönlich durchführen muss, was bedeutet, meinen Körper erneut zu verletzen. Ich möchte mit diesem Tattoo nicht auf Dauer leben, ich möchte diese Markierung nicht mehr sehen. Ich bin niemandes Eigentum. Auch wenn ich dem Tattoo eine andere Bedeutung geben kann und das die letzten Jahre auch getan habe, so hat es trotzdem die ursprüngliche Bedeutung, die es hat. Im Sommer war ich beispielsweise Freitauchen und habe auf 5 Meter Tiefe am Boden ein paar Übungen gemacht (wie Flossen aus- und wieder anziehen), die meine Freundin mit der GoPro Kamera aufgenommen hat. Als ich die Videos sah, sah ich wieder dieses Tattoo, wieder die Vergangenheit in meiner Gegenwart, wieder die Erinnerung, dass dieser Mann mich als seinen Besitz markierte und mir sagte, das Tattoo wird dies immer zeigen, egal wo, egal wann, egal was passiere. Auf ewig seins. Das Symbol auf meinem Rücken ist ein Zeichen von Herrschaft über einen Menschen, von Machtausübung, von Fremdbestimmtheit, von Unfreiheit – um mich innerhalb des Gewaltsystems Prostitution sexuell auszubeuten. Ich möchte es nicht mehr sehen. Die Vergangenheit kann ich nicht weglasern, aber das sichtbare Zeichen meiner Unfreiheit schon.

Es tut mir leid, meinen Körper mit dem Lasereinsatz nun wieder verletzen zu müssen. Wieder wegen diesem Zuhälter. 10 Jahre später. Aber das Tattoo muss weg. Ich vertraue meinem Körper – er wird das schaffen. Und meine Seele, die sich so derart über diese Tattoo-Entfernung freut und hochglücklich darüber ist, wird ihm die nötige Kraft und Energie geben. Jede einzelne Betroffene, die solch eine Markierung von ihrem Zuhälter hat, muss für sich selbst entscheiden, wie sie damit umgeht. Dass ich es weglasern lasse, heißt auch nicht, dass ich das jedem rate, es auch zu tun. Es kommt auf eine individuelle Abwägungsentscheidung an. Wenn man sich dafür entscheidet, dann sollte man sich spezialisierte Ärzte und Ärztinnen suchen. Ich lasse die Tattoo-Entfernung in einer Laserspezialklinik von einem Arzt vornehmen. Ihr könnt euch gerne bei mir melden, wenn ihr nähere Infos haben möchtet und auch überlegt, das Tattoo eures Zuhälters weglasern zu lassen.

Das Leben, das ich heute führe, fühlt sich oft an, als stünde ich auf einem Schlachtfeld. Schlachtfeld auf der Haut, Schlachtfeld im realen Leben. Es ist ein Kampf gegen ein Milliardengeschäft, gegen dessen Manipulationen und Verharmlosungen, das allermeist Mädchen und Frauen ausbeutet. Ich bin eine Zielscheibe vieler Profiteure, denn durch mein jahrelanges Leben in der Prostitution und im Milieu weiß ich, was sie tun und was wirklich abläuft – und das wissen sie und stören sich an dem, was ich sage und „aufdecke“ sowie an meiner Reichweite, die ich mittlerweile habe. Dass ich eine Zielscheibe bin, äußert sich verschieden, Beispiele sind zahlreich vorhanden und hören nicht auf, sich anzusammeln. Manchmal habe ich Angst um meine Sicherheit. Viele Menschen verstehen nicht, dass die Prostitution in weiten Teilen von einem kriminellen Milieu geprägt ist und meine Aufklärungsarbeit über und gegen dieses Milieu nicht unbedenklich im Sinne von Gefahren für mich ist.

2016 habe ich angefangen, diesen Blog zu schreiben. Nun haben wir 2022. 6 Jahre, die oft schwierig waren. Die Gesellschaft ist in großen Teilen blind in Bezug auf das Thema Prostitution und glaubt nicht selten lieber Mythen. Das Sehen und Verstehen und Umdenken in der Gesellschaft ist in den letzten Jahren allerdings schon viel besser geworden, nach und nach, aber es ist ein schwieriger Prozess. Wer möchte auch sehen, dass beispielsweise in der schönen Nürnberger Altstadt in einer öffentlichen Straße (Frauentormauer) Frauen täglich gedemütigt, erniedrigt, ausgebeutet und ihrer Menschenwürde beraubt werden? Es passt nicht zum Stadtbild, nicht zum gefeierten „Kulturviertel“ in Nürnberg, wenn jemand ausspricht, was da wirklich stattfindet und womit der Staat am Ende auch noch Geld verdient.

Ich fühle mich oft machtlos und allein, gegen solche Verharmlosungen anzugehen, aber ich bin weder machtlos noch alleine. Der Wind dreht sich. 2022 wird ein anstrengendes Jahr, aber auch ein Kämpferisches. Ein paar Sachen und Projekte bzgl. dieses Themas hier werden richtig toll – stay tuned :=)

Ich wünsche mir für dieses Jahr, dass sich noch mehr Menschen mit vielen anderen und mir auf dieses Schlachtfeld stellen und kämpfen. Für das Richtige. Es ist nie zu spät, das Richtige zu tun, auch wenn es manchmal schwer und unbequem ist. Auszusprechen, was Prostitution in der Masse wirklich ist, wie gefährlich und gewaltbelastet dieses Milieu wirklich ist, ist nicht immer leicht und nicht selten mit Unannehmlichkeiten verbunden, mit Anfeindungen durch die Sexindustrie, die den Verlust ihres Profits fürchtet, und durch die Leute, die auf deren Lügen und Manipulationen hereinfallen.

Ich wünsche mir für dieses Jahr noch mehr Menschen, die dort Widerstand leisten, wo wir ihn benötigen. Die dort helfen zu verändern, wo sie es können. Sei das im privaten oder im beruflichen Alltag oder im ehrenamtlichen Engagement. Jede und jeder von uns kann etwas tun und aufklären. Ich wünsche mir Menschen, die aussprechen, dass Prostitution gefährlich, kriminalitäts- und gewaltbelastet ist, dass sie nur in einer sehr geringen Minderheit selbstbestimmt stattfindet, wobei die Zwänge vielfältig und auch subtil sein können.

Ich wünsche mir Menschen, die stark genug sind, diese Wahrheiten auszusprechen und auch zu verteidigen, anstatt zu sagen: hier ist alles ok.

Danke an dieser Stelle auch an Sabine Constabel und Sisters e.V., die mir die Last, wieder wegen meines Zuhälters leiden zu müssen und das 10 Jahre nach der Ausbeutung, wenigstens in finanzieller Hinsicht abnehmen und die Kosten der Tattoo-Entfernung übernehmen. Wenn ihr etwas Gutes tun möchtet, spendet gerne an Sisters e.V., bei denen ich auch Mitglied bin. Sie unterstützen viele betroffene Frauen und helfen mir auch, betroffene Frauen zu unterstützen, wenn diese sich an mich wenden. Es gibt wenige selbstlose Menschen, die einfach nur helfen, weil es ihnen vom Herzen her wichtig ist. Sabine ist so ein Mensch. Danke Sabine, dass du kontinuierlich und schon so lange für uns alle da bist und gemeinsam mit uns auf diesem Schlachtfeld stehst.

Es ist schön, um Menschen zu wissen, die mit und neben einem für diese gute Sache kämpfen.