Ausstiegshilfe

Verstehen, handeln, helfen – über Ausstiegshilfe

Wen seht ihr da unten links im Bild? Mich.

Und was seht ihr unten rechts im Bild? Ameisen! Ja, ich kümmerte mich da im Zoo bei einem unbezahlten Praktikum u.a. auch um die Ameisen 🐜🐜🐜

Das war Anfang 2013. Da war ich noch in der Prostitution (was dort im Zoo natürlich niemand wusste), jedenfalls noch so viel, um mich bis zum Ausstieg über Wasser zu halten. Zuvor fand die schrittweise Lösung von meinem Zuhälter statt. Dann kamen Versuche des Ausstiegs, aber noch nicht der finale Ausstieg. Bewerbungen, Beginn des Nachholens meines Abiturs wegen vorherigem Schulabbruch, unbezahlte Praktika, um meinen leeren Lebenslauf zu füllen und bessere Jobchancen zu haben, sodass ich komplett aussteigen kann, etc… Es ist ja schon bekannt, ich muss es hier nicht mehr ausführen. Ich hoffte, dass ich als Pflegerin von Tieren irgendwo auch ohne zunächst langwierige Ausbildung einen Job finden würde, wenn ich ein paar Erfahrungen vorweisen kann, was dann ja auch so war.

Mein Ausstieg war ein Prozess.

Natürlich kann man mir sagen: Sandra, wärst du halt irgendwo hingegangen und hättest dir Hilfe gesucht, dann hättest du nicht noch länger in der Prostitution bleiben müssen. Als außenstehende Person leicht gesagt, aber für mich war Hilfe suchen nach allem was damals passiert war keine Option. Mein Schamgefühl war zu groß und ich habe mir eingeredet, keine Hilfe zu verdienen.

Für mich sah der Plan also so aus: es entweder schrittweise irgendwie allein aus diesem verkorksten Leben raus schaffen oder es nicht zu schaffen. Aber um Hilfe bitten? Ne. Bloß keiner sollte erfahren, wo ich in den letzten Jahren war und dass ich unzählige Summen für einen Zuhälter angeschafft hatte, während ich lange Zeit im Kellerzimmer eines Bordells wohnte.

Was ich mit diesem Beitrag hier sagen möchte:

schämen tun sich viele prostituierte Frauen, was sie häufig davon abhält, Hilfe zu suchen und diese auch anzunehmen. Auch ihr Trauma sitzt oft zu tief, um sich anderen anzuvertrauen. Viele von ihnen haben denselben „Plan“ wie ich damals: es entweder nach und nach allein raus zu schaffen oder falls das nicht klappt, weiter diese Gewalt zu ertragen. Das Selbstwertgefühl und die Würde, all das ist ja eh schon weg und kommt auch nicht mehr zurück, hörte ich eine andere Betroffene einmal in einem Film sagen auf die Frage, warum sie nicht aus der Prostitution aussteige. Das höre ich so oft von verschiedenen betroffenen Frauen. Und es macht mich wahnsinnig traurig. Ich weiß, wie es sich anfühlt, dieses Gefühl und der Gedanke, nichts mehr anderes wert zu sein. Ich mache auch Aufklärungsarbeit, damit möglichst viele prostituierte Frauen wissen, dass sie sich nicht schämen müssen und dass es eine Chance gibt, physisch aber vor allem auch seelisch in ein anderes Leben zu finden. Damit sie aktiv Hilfe suchen beim Ausstieg und der Aufarbeitung ihres Erlebten und nach Ausbeutungssituationen oder auch sonst nicht noch weiter in der Prostitution bleiben, so wie viele es tun/getan haben und mir hierzu immer wieder Nachrichten schreiben und wie auch ich es damals tat.

Keine Frau in der Prostitution muss sich schämen, um Hilfe zu bitten. Keine, egal aus welchen Gründen sie in die Prostitution gerutscht ist. Kommt das Gefühl der eigenen Würde jemals wieder zurück? Kann ich je diese Fingerabdrücke auf meiner Haut wieder vergessen? Fragen um Fragen, die mir betroffene Frauen immer wieder stellen. Alle, die wir in der Prostitution waren, wissen, wie lang dieser Weg sein kann, aber auch, wie wichtig es ist, ihn zu gehen. Jeder Tag in der Prostitution ist ein Tag zu viel und macht diesen langen Weg noch viel länger – jeder Tag ist ein Tag zu viel dessen, was einen verletzt, ein Tag zu viel des sich Aussetzens einer Gefahr, auf einen gefährlichen Freier zu treffen, wo man vielleicht nicht mehr so glimpflich davon kommt wie das ein oder andere mal zuvor, als man so einen Psychopathen hatte. Escort wird immer gerne verharmlost. Ich hatte beim Escort ein paar sehr gefährliche Situationen. Man ist da allein bei jemandem, den man nicht kennt. Und was machst du, wenn du mit diesem Mann dann allein bist und der auf komische Ideen kommt bzw. sie schon für dich „vorbereitet“ hat? Einige meiner schlimmsten und gefährlichsten Erfahrungen habe ich beim Escort gemacht, aber das ist ein anderes Thema.

Wir benötigen ein großes Hilfesystem für prostituierte Frauen und vor allem keine (vom Staat geförderten) verharmlosenden Beratungsstellen mehr. Leider höre ich auch immer wieder von prostituierten Frauen, die sich von „pro-sexwork-angehauchten“-Beratungsstellen nicht verstanden fühlen, ihr innerer Schmerz und ihr Trauma klein geredet wird, wenn von Prostitution als „Arbeit“ wie jede andere gesprochen wird, und sie sich daher in ihrer Situation allein gelassen fühlen.

Wer Frauen in der Prostitution ehrlich beim Ausstieg helfen möchte, seien sie dort durch einen Zuhälter oder (später) allein, der muss sie verstehen, der muss wissen, was in ihnen vorgeht. Der muss wissen, wie Schmal die Gradwanderung zwischen Ausstieg und dem „Rückfall“ manchmal sein kann, wieder Gewalt zu ertragen, wieder in die Ausbeutungssituation zurück zu fallen, weil das Trauma, die Hoffnungslosigkeit, die Angst und der empfundene Verlust der eigenen Würde so stark sein können. Hier braucht es ein ausgeklügeltes Hilfe- und Auffangsystem.

Nur solch ein Hilfesystem kann Zuhältern, Menschenhändlern und all den Traumata die Stirn bieten. Nur wer die Mechanismen versteht, der kann wirklich nachhaltig und dauerhaft helfen.

Es liegt noch viel Arbeit vor uns.