SpiegelOnline

Über Freier, Zynismus und das Umdenken

 

Wie ich gesehen habe, wurde nach dem Spiegel Artikel in einem Freier Forum über mich bzw. das Thema diskutiert:

https://www.freiermagazin.com/freier-forum/threads/die-wahrheit-%C3%BCber-das-leben-in-der-prostitution.48226/

Zum Beispiel wurde hier geschrieben:

„Ich finde das alles ganz prima was die da so schreiben, es bleibt allein die Frage wie man das Geschlechtsleben der Männer in den Griff kriegen will. Vielleicht mit Brom, Hormonen oder einem Eingriff?“

Herr XY,

ich hoffe, Ihnen ist klar, dass Sie sich selbst mit diesem Satz auf ihr Geschlechtsteil reduzieren und sich kleiner und verstandloser machen als Sie wahrscheinlich sind. Wir sind alle durch die Evolution gegangen – der „Trieb“ mag da sein, aber mit der Vorgabe ihn nicht unter Kontrolle haben zu können, ihm hilflos ausgeliefert zu sein, stellen Sie sich dar als hätten Sie keine Wahl, als wären sie unfähig ihren Verstand einzuschalten und ihr Handeln zu kontrollieren. Sie machen sich mit Ihrer Aussage selbst zu einer armseligen Kreatur, die nicht selbstständig entscheiden kann. Sie zeichnen hier ein sehr trauriges Männerbild und es tut mir leid für diejenigen Männer, die nicht so sind, die Sie aber automatisch in Ihre Aussage durch den Begriff „der Männer“ miteinbeziehen.

Weiter:

„Ansonsten ist das die Wahrheit über deren Prostitution und nicht über die Prostitution. Ich kenne tatsächlich berufsbedingt hunderte von Frauen, die alle ihre Probleme haben, aber ganz anders leben als die Wahrheitsbestimmerin hier. Wenn Du denen, jeder einzelnen(!), einen Job anbieten würdest, der ihren Fähigkeiten entspricht, würde keine diesen annehmen.“

Ich nehme an, Sie meinen hier, dass Sie hunderte von Prostituierten kennen? Wenn dem so ist, frage ich mich wie Sie hunderte von Prostituierte BERUFSBEDINGT kennen können, die dann auch angeblich noch alle Prostituierte sein wollen, selbst wenn man ihnen einen anderen Job anbieten würde. Sind Sie vielleicht ein Bordellbetreiber/Zuhälter oder woher kennen Sie BERUFSBEDINGT hunderte von angeblich zufriedenen Prostituierten? Stellen Sie mir diese „hunderte von Prostituierten“ doch gerne mal vor, ich möchte Sie allesamt kennenlernen.

Ich bin keine „Wahrheitsbestimmerin“, sondern ich gebe lediglich das Elend wieder, was ich in 6 Jahren in diversen Bordellen gesehen habe. Und diese Zustände sind nun mal die Wahrheit, wenn sie auch manchen nicht gefällt oder nicht ins Bild passt, weil sie es lieber verdrängen/nicht wahrhaben wollen/nicht sehen können, etc…

Weiter:

„Man müsste der Dame in ihrem Blog mal die richtigen Fragen stellen: z.B:
Recht hast Du, brave Streiterin. Aber wie soll das gehen, wenn es armen Frauen nicht mehr erlaubt ist so Geld zu verdienen? Von was sollen diese dann leben? Wer bezahl deren Unterhalt? Wer versorgt die Familien daheim in Rumänien, Bulgarien usw?…

Was machen die Mädchen, die arbeiten wollen? Von was leben, die die nichts anderes können?“

Erstens verbietet das „schwedische/nordische Modell“ den Frauen nicht sich zu prostituieren. Und zweitens ist es zynisch, Menschen der Prostitution auszusetzen mit dem Argument, sie können sowieso nichts anderes. Oder zu sagen, dass Prostitution ok ist, weil es keine anderen legalen Alternativen für diese Menschen gibt. Was sind das für Argumente? Das sind für mich keine Argumente, sondern ein Zynismus, der nicht mehr zu übertreffen ist.

Eine Studie von Dr. Melissa Farley (mit 854 Menschen aus 9 Ländern, die zu diesem Zeitpunkt entweder noch in der Prostitution waren oder sie kurz davor verlassen hatten) besagt folgendes:

We found that prostitution was multitraumatic: 71 % were physically assaulted in prostitution; 63 % were raped; 89 % of these respondents wanted to escape prostitution, but did not have other options for survival. A total of 75 % had been homeless at some point in their lives; 68% met criteria for PTSD (Post Traumatic Stress Disorder)

Quelle: Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Post Traumatic Stress Disorder

Als Staat, der es sich zur Aufgabe macht sich für Menschenrechte einzusetzen, ist es seine Aufgabe Hilfe und Alternativen zu schaffen um Menschen aus diesem Sumpf zu befreien. 89 % wollen sich der Studie nach gar nicht prostituieren. Sie haben tagtäglich Geschlechtsverkehr gegen ihren eigentlichen Willen. Warum schafft man zum Beispiel für ausländische Prostituierte keine Deutschkurse, Aus – und Weiterbildungen, INTEGRATION, wie wir sie zum Beispiel für Flüchtlinge haben, aber nicht bzw. nicht ausreichend für Menschen, die in der Prostitution im eigenen Land bereits seit Jahren elendigen Zuständen ausgesetzt sind? Dass das viel Geld kostet ist mir klar, aber wenn man als menschenrechtsliebendes Land kein Geld dafür ausgeben will, dass unzählige Menschenwürdeverletzungen aufhören und stattdessen die sexuelle Integrität, der persönlichste Bereich der Intimsphäre, geschützt wird, wofür dann?

Dieser Auszug von Dr. Farley sollte zum Nachdenken anregen:

Some pimps, some sex buyers and some governments have made the decision that it is reasonable to expect certain women to tolerate sexual exploitation and sexual assault in order to survive. Those women most often are poor and most often are ethnically or racially marginalised. The men who buy them or rape them have greater social power and more resources than the women. For example, a Canadian prostitution tourist commented a bout women in Thai prostitution, “These girls gotta eat, don’t they? I’m putting bread on their plate. I’m making a contribution. They’d starve to death unless they whored.” [2] This self-congratulatory Darwinism avoids the question: do women have the right to live without the sexual harassment or sexual exploitation of prostitution – or is that right reserved only for those who have sex, race or class privilege? “You get what you pay for without the ‘no,’” a sex buyer explained.[3] Non – prostituting women have the right to say “no.” We have legal protection from sexual harassment and sexual exploitation. But tolerating sexual abuse is the job description for prostitution.

Quelle: Very inconvenient truths: sex buyers, sexual coercion, and prostitution-harm-denial

Ich habe in den letzten zwei Wochen auch erstaunlich viele positive Freier-Feedbacks erhalten.

Das hier schrieb heute ein ehemaliger Freier namens Marc unter meinem „Update“-Beitrag:

Hallo,
zunächst möchte ich sagen, dass ich heute das Nordische Modell vollkommen unterstütze und sofort dafür unterschreiben würde.

Ich lese diesen Blog mit hohem Interesse. Ich bin oder besser war ein Freier, der für viele Jahre zu Prostituierten gegangen ist. Seit 2 Jahren bin ich nicht mehr gegangen und hoffe, dass ich es nie wieder tun werde.

Ich möchte mich bedanken für die Artikel hier und die Wiedergabe, was wirklich in den Frauen vorgeht. In einigen Artikeln und Kommentaren habe ich dieselben Argumente gefunden, die ich auch Jahrelang verwendet habe, um mein eigenes Verhalten zu rechtfertigen. Heute weiß ich wie selbstbelügend diese Argumente sind. Ich bin nun überzeugt, dass keine Frau wirklich freiwillig ihren Körper – und wie hier sehr gut dargelegt, die Seele – für Geld verkauft. Sei dies nun als Prostituierte oder Pornodarstellerin. Es gibt sicher kein 12 jähriges Mädchen, dass dies als Berufswunsch angibt. So glaube ich auch, dass selbst bei denjenigen, die Behaupten sie tuen dies völlig freiwillig, irgendein Problem dahinter liegt. Im Prinzip genauso, wie bei Frauen, die bei häuslicher Gewalt immer noch bei ihrem Partner bleiben und sich einreden es wäre ja nicht so schlimm.

Für mehr als 20 Jahre habe ich bei Prostituierten etwas gesucht, was es einfach für Geld nicht zu kaufen gibt. Und ich bin heute überzeugt, dass dies bei allen Freiern so ist in der einen oder anderen Form. Leider ist es so, dass unsere Gesellschaft und unsere Vater oder andere Vorbilder uns vorgaukeln, dass sowas normal ist und man darüber etwas bekommt, was man braucht. Heute weiß ich was für ein Blödsinn das ist. Sex ist etwas Schönes und intimes zwischen zwei Menschen in den richtigen Umstanden, aber Geld oder andere Form der Bezahlung gehört sicher nicht dazu. Im Gengenteil durch mein Verhalten habe ich mich immer mehr davon entfernt worauf es wirklich ankommt und so ist es bei allen aktiven Freiern.
Aber es ist hart sich der Wahrheit zu stellen. Die Wahrheit ist unbequem und absolut schrecklich. Ich habe lange gebraucht mich dieser zu stellen. Und obwohl ich nie etwas illegales getan habe und mich sogar auch für einen „netten Freier“ (Danke für den Artikel, der das klar ebenfalls klar stellt) gehalten habe, muss ich mich doch dem stellen, dass ich am Mord von so vielen Seelen mitgewirkt habe. Ich hoffe ebenfalls, dass diese Seelen nicht für immer zerstört sind und dass es irgendeinen Weg gibt zumindest eine kleine Wiedergutmachung zu leisten. Nichtsdestotrotz werde ich diese Schuld mit ins Grab nehmen.

Da wir ein gesellschaftliches Umdenken brauchen unterstütze ich dieses Gesetz voll und ganz, da es das richtige Signal geben würde. Die Erfolge des Nordischen Modell sprechen für sich. Auch denke ich dass viele Freier dann erst erkennen werden, dass sie ebenfalls ein wirkliches Problem haben und letztendlich vielleicht Hilfe suchen. Denn genauso wie bei häuslicher Gewalt ist natürlich oberste Priorität der Schutz der Opfer, aber die Täter benötigen ebenfalls Hilfe, das sie oft keinen anderen Weg kennen. Leider können und wollen viele Freier sich nicht als Täter sehen und das muss sich ändern, nicht nur für die Frauen, aber auch für die Männer selbst.

Ich werde weiterhin diesen und andere Blogs verfolgen, denn sie helfen mir mich immer wieder zu erinnern und nicht wieder irgendwelchen Trugschlüssen zu erliegen.

Alles Gute

Ich danke diesem Mann für seine Ehrlichkeit, seine Courage und sein Umdenken. Und den vielen anderen Ex-Freiern oder solchen Männern, die darüber nachdachten zu Prostituierten zu gehen, und mir nachdenkliche E-Mails geschrieben und um Rat gefragt haben (deren Mails ich leider noch immer nicht alle beantworten konnte). Vielleicht wäre es hilfreich, wenn ihr euch alle untereinander zusammenschließt, über eure Erfahrungen, Eindrücke, etc… sprecht/schreibt und gemeinsam anfangt aktiv gegen das „System Prostitution“ zu werden. Eine weitere Bewegung wie Zéromacho wäre in Deutschland sehr wichtig. Vernetzt euch doch. Evtl. lege ich bald einen Facebook-Account an und könnte dann eine Gruppe erstellen, wo ihr euch austauschen könnt oder ihr macht das am besten selbst und gebt mir Bescheid, dann mache ich hier darauf aufmerksam.

Jeder kann etwas verändern. Und Marc: ich glaube, nicht immer muss man eine Schuld mit in das Grab nehmen, wenn man bereit ist umzukehren, einen anderen Weg einzuschlagen, und das dann auch tut. Das macht Vergangenes zwar nicht wieder gut, aber durch jeden Menschen, der endlich hinsieht und der Gewalt den Kampf ansagt, kann die Zukunft positiv verändert werden. Das ist, was jetzt zählt.

Und es braucht jede einzelne Hilfe für ein noch größeres Umdenken in unserer Gesellschaft.

Zum Schluss möchte ich nochmal Dr. Melissa Farley zu Wort kommen lassen:

1) The truth about prostitution is often concealed behind the lies, manipulations and distortions of sex trade pimps, managers and others who profit from the business. The deeper truths about prostitution are revealed in survivors’ testimonies, as well as in research on the psychosocial and psychobiological realities of prostitution.

2) At the root of prostitution, just like other coercive systems, are dehumanization, objectification, sexism, racism, misogyny, lack of empathy/pathological entitlement (pimps and johns), domination, exploitation, and a level of chronic exposure to violence and degradation that destroys the personality and the spirit.

3) Prostitution cannot be made safe by legalizing or decriminalizing it. Prostitution needs to be completely abolished.

4) Prostitution is more like being chronically sexually harassed, endangered, and raped, than working in a fast food restaurant. Most women in prostitution suffer from severe PTSD and want to get out.

5) Sex buyers are predators; they often engage in coercive behavior, lack empathy and have sexist attitudes that justify abuse of women.

6) A solution exists. It is called the Swedish model and it has been adopted by a number of countries including Sweden, Norway, Iceland, and Northern Ireland (mittlerweile auch Kanada, Frankreich und Irland – Israel ist aktuell auf dem Weg). The essence of the solution is: criminalization for johns ad pimps; decriminalization for women, and the provision of resources, alternatives, safe houses, rehabilitation.

7) Prostitution affects all of us, not just those in it.

Quelle: Very inconvenient truths: sex buyers, sexual coercion, and prostitution-harm-denial

Update

Es gibt viel Resonanz, Fragen, Vorschläge, Anregungen, etc… Wer noch keine Antwort auf seine E-Mail/Kommentar hat, wird noch eine bekommen.

Die vielen Kommentare und E-Mails (auch die Negativen) geben mir den Anlass dazu, diese Seite hier demnächst weiter auszubauen, um noch mehr Aufklärung sowie eine bessere Kommunikation zu ermöglichen. Niveauvoll. Ich werde auch Aktuelles zum Thema posten. Wer helfen möchte, der kann die Kampagne #Rotlichtaus und/oder den Verein Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution unterstützen, wo ich auch Mitglied bin.

Hier gibt es laufend Infos/News:

Stop Sexkauf – Netzwerk für ein Sexkaufverbot / Facebookseite

Abolition 2014 – Für eine Welt ohne Prostitution / Facebookseite

Stop Sexkauf – Homepage

Abolition 2014 – Homepage

Und weil ich seit gestern immer wieder von Leuten gelesen habe, dass Prostitution an sich ja eigentlich ein ganz normaler Job sei, wenn man ihn denn „freiwillig“ macht, dem empfehle ich den unten verlinkten Beitrag von VICE über Freierforen zu lesen, bei dem ich mitgewirkt habe (Sandra, 27 Jahre). Und nein, was ihr hier lesen könnt sind keine Ausnahmen, sondern Alltagsstandard in deutschen Bordellen. Ein weiterer Aspekt, warum wir das „nordische Modell“ benötigen – oder sieht man im Folgenden noch irgend etwas von der Bewahrung der Würde des Menschen?

„Stiftung Hurentest“ – Im Tripadvisor der deutschen Freier

 

 

Spiegel Online Artikel

 

Ok. Eigentlich hatte ich gar nicht vor zu dem SpiegelOnline-Artikel was zu schreiben, jetzt muss ich aber doch.

Ich habe mit Geneviève Hesse für Spiegel Online gesprochen. Vor ein paar Stunden ist der Artikel erschienen. Mein Blog hier wurde dort verlinkt und ich habe mittlerweile ca. 30.000 Aufrufe, Nachrichten ohne Ende und weiß gar nicht mehr, wem ich zuerst Antworten soll. Da hier ja jetzt eh alle mitlesen, möchte ich etwas wichtiges loswerden, weil ich die Facebook – Kommentare auf Spiegel Online über mich gelesen habe und ich muss zugeben, ich habe mich auf sowas eingestellt. Dass man nicht die gleiche Meinung hat in Bezug auf ein Thema, ist in Ordnung, aber manche Dinge sind schon sehr unterirdisch.

Hier mal nur zwei Kommentare:

1.Kommentar

„Interessant, dass mal wieder ausschließlich eine Diskussion um das Für und Wider von Prostitution gestartet wird, aber die Naivität unserer jungen Frauen unkritisch-verständnisvoll hingenommen wird. Es tut mir nur jeder Mann leid, der sich später unwissend so ein Früchtchen anlacht, welches nun als Femizicke all das auf- und abarbeiten will, was sie früher durch ihre eigene Naivität verbockt hat.“

Unwissend ein Früchtchen anlacht? Dieser Mann war 20 Jahre älter als ich und ein Altlude, der bereits einige Prostituierte vor mir gestellt hat. Er suchte gezielt im Internet und wusste ganz genau was er da tat. Und ich werde noch deutlicher: wir sprechen hier von einer Straftat und KommentatorInnen haben scheinbar nichts Besseres zu tun als eine Täter-Opfer-Umkehr vorzunehmen. Zudem empfehle ich für alle Menschen, die kommentierten, dass man Zwangsprostitution unterbinden müsse, aber die Prostitution an sich sonst in Ordnung sei, in Freierforen zu lesen und die Literatur u.a. auf www.trauma-and-prostitution.eu zu studieren um sich über die Mechanismen von Dissoziation und Trauma im Hinblick auf die Prostitution bewusst zu werden. Und nein, es bedeutet nicht, Frauen zu „pathologisieren“. Es bedeutet, zu verstehen, dass Prostitution ein Gewaltsystem ist, das in der großen Mehrheit auf Gewalt aufbaut und aus Gewalt besteht.

2.Kommentar

„Oder ihre eigene Dummheit…. Mit Sicherheit genoss sie den Luxus ihres loverboys…. Vorher Kopf einschalten…..“

Ich genoss den Luxus meines Loverboys? Mein Loverboy besaß keinen Luxus, sondern lebte in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung mit 2 weiteren Ex-Prostituierten (eine davon übrigens aus Tschechien nach Deutschland verkauft zur Prostitution – mein Zuhälter hatte sie dann in Deutschland abgekauft, sie schaffte aber nicht mehr an). Ich lebte nicht im Luxus, sondern sehr lange Zeit aus Koffern und Tüten, während mein verdientes Geld ausgegeben wurde. Vielleicht sollten einige Leute, wenn mein Blog schon verlinkt ist, auch darin lesen bevor sie kommentieren.

Ich möchte diejenigen, die auf der Facebook-Seite oder sonst wo unterirdische Kommentare abgeben, mal behutsam darauf aufmerksam machen, dass auch Loverboys Menschenhändler sind. Ich war letztens auf einer Veranstaltung und dort sprach ein Kriminalhauptkommissar – und er sagte, die Norm sind 90-95% ausländische Prostituierte, unter verschiedenen Zwängen arbeitend. Die selbstbewusste deutsche Prostituierte, die man oft im Fernsehen sieht, gehört nicht zur Norm. Das ist nicht meine Aussage, sondern die Aussage von mittlerweile den meisten Polizeistellen.

Von diesen 90-95% hört man aber meistens nichts und soll ich euch sagen, warum in diesem Land so viele Frauen schweigen? Zum Beispiel wegen solcher Kommentare wie hier auf der Facebook-Seite, die ihnen ihren Opferstatus aberkennen und versuchen sie zu Täterinnen zu machen. Ihre Erlebnisse abtun und sie für schuldig bekennen. Sie damit einschüchtern.

Wenn jemand, der mit organisierter Kriminalität zu tun hatte, aussagt, dann muss er Angst haben. Er sagt gegen ein Milliardengeschäft aus, gegen organisierte Strukturen, die Kontakte nach überall hin haben. Sie müssen Angst haben um ihre Zukunft, Angst um ihr Leben. Genau deswegen sieht man solche Menschen nicht in der Öffentlichkeit. Wenn von 10 % „freiwillig“ (und das ist viel, denn so viel habe ich nicht annähernd gesehen) „Arbeitenden“ nun 100 Frauen öffentlich sprechen und von den anderen 90% nur 10, dann sehen die 100 aus als wären sie in der Mehrheit – das sind sie aber nicht.

Im Übrigen: Hass-Mails oder Hass-Kommentare bringen mich nicht zum Schweigen. Ich weiß, was ich erlebt habe und noch wichtiger – ich weiß, was unzählige andere Frauen erlebt haben. Wäre es nur mein Einzelschicksal, würde ich damit leben und es ad acta legen. Aber so war es leider nicht und das ist der Grund, warum ich rede und damit auch nicht aufhören werde.

Und noch etwas zu einem Kommentar:

„sexarbeit zu kriminalisieren und die frauen zu pathologisieren einschließlich der stigmatisierung hat nie in der geschichte der menschheit geholfen.“

Zu dem „pathologisieren“ sagte ich ja schon etwas. Und ich bin nicht dafür „Sexarbeit“ oder Prostituierte zu kriminalisieren. Wenn man den Spiegel Artikel genau gelesen hätte, dann würde man erkennen, dass da steht: Freier bestrafen. Ich bin für das sog. „nordische Modell“, was eine Freierbestrafung und Ausstiegshilfen vorsieht und keine Bestrafung der Prostituierten. Auch Deutschland sollte sich mit internationalen Empfehlungen im Hinblick zur Prostitutionsthematik auseinandersetzen.

Hier möchte ich zum Abschluss aus einem Brief von Save Rahab e.V. zitieren:

„Wir möchten nochmals darlegen, wie die internationale Politik und unzählige Menschenrechtsorganisationen zu dem Problem der Prostitution und den damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen stehen:

  1. Vereinte Nationen, 1949

Resolution der Vereinten Nationen vom 02.12.1949:

„Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution sind mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person unvereinbar […].“

Klicke, um auf ar317-iv.pdf zuzugreifen

  1. Vereinte Nationen, 1985

Resolution der Vereinten Nationen vom 13.12.1985″Prevention of Prostitution

„Considering that the surpression of the traffic in persons and of the exploitation of the prostitution of others require a three-fold concerted effort, involving prevention […].

http://www.un.org/en/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/RES/40/103

  1. European Women Lobby, 2012

„Together with a dozen MEP’s representing all political grounds in the European Parliament and several Ministers, the NGO’s explained why prostitution is a form of violence, an obstacle to equality, a violation of human dignity, and of human rights.“

http://www.womenlobby.org/200-civil-society-organisations-launch-European-debate-on-abolition-of?lang=en

  1. Europarat, 2014

Resolution 1983 des Europarates vom 08.04.2014

Der Europarat sieht das „Sexkaufverbot“ nach schwedischem Modell als das wirksamste Mittel gegen Menschenhandel.

„It is estimated that 84 % of trafficking victims in Europe are forced into prostitution; similarly, victims of trafficking represent a large share of sex workers.“

http://assembly.coe.int/nw/xml/XRef/Xref-DocDetails-en.asp?FileID=20559&lang=en

  1. Europaparlament, 2014

„Statt der Legalisierung, die in den Niederlanden und Deutschland zu einem Desaster geführt hat [damit einhergehend die Situation in Frankfurt am Main], brauchen wir einen nuancierten Ansatz, der die Männer bestraft, die die Körper der Frauen als Gebrauchsgegenstand behandeln, ohne dabei diejenigen zu bestrafen, die in die Sexarbeit abgeglitten sind.“

http://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20140221IPR36644/die-freier-bestrafen-nicht-die-prostituierten-fordert-das-parlament

  1. New Yorker UN- Frauenkonferenz im Zusammenschluss mit 98 Organisationen, 2015

“Denn wie so oft auf internationalem Parkett herrschte auch jetzt in New York wieder einmal große Irritation darüber, dass Deutschland in Sachen Prostitution nicht etwa als Gewalt gegen Frauen sowie Ausdruck und Verstärkung des Machtgefälles zwischen Männern und Frauen versteht, […].”

http://www.emma.de/artikel/prostitution-un-konferenz-98-organisationen-ruegen-merkel

http://www.emma.de/artikel/liebe-kanzlerin-merkel-318625

(Quelle: Abolition 2014)

Und zu allerletzt empfehle ich noch das hier:

https://drive.google.com/file/d/0B32GA6EHrvdTakx1aU1OSFhHVkk/view

Zum Schluss möchte ich noch danke sagen für die anderen netten und aufbauenden Worte. Ich habe auch nachdenkliche Mails von Freiern bekommen und ich werde jedem einzelnen von euch noch antworten, weil der Diskurs hier wichtig ist.

Ich bin seit diesem Jahr Mitglied bei

Sisters e.V. – für den Ausstieg aus der Prostitution

Wer mitmachen möchte, kann sich gerne melden.