Loverboys

Bericht der OSZE – Komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel verstehen

Es gibt einen sehr guten, kürzlich erschienenen, Report von der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa). Er handelt u.a. ebenfalls, passend zu meinem letzten Beitrag über Trauma Bonding, über komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel, die zu erkennen und zu durchdringen wichtig sind. Auf der einen Seite, um den Betroffenen da raus zu helfen, und auf der anderen Seite für eine effektive und erfolgreiche Strafverfolgung und Verurteilung.

Folgend Auszüge von diesem enorm wichtigen Bericht:

Gender and the victim/trafficker relationship


In THB cases, the relationship between the victim and the trafficker may be complex. It may involve trauma bonding, familial ties and romantic relationships, and also violence, fear and manipulation. Exploring the trafficking history and, in particular, the gender dynamics of the victim/trafficker relationship is essential for law enforcement to understand the strategies used by the trafficker to exert power and control over the victim, as well as to identify any impediments to the victim cooperating with law enforcement. This can help answer a common question that comes to mind when the criminal justice system faces a victim: “Why didn’t you just run away?” The UN Special Rapporteur on trafficking in persons has underlined that the power imbalance used by traffickers to impose exploitative conditions “has a strong gender component, as women and girls are subject to intersecting discrimination as a consequence of patriarchal social norms.” Understanding the complexity and nature of victim–perpetrator relationships will also make it easier for law enforcement to comprehend a victim’s behaviour, which is sometimes aimed at protecting their trafficker at their own expense.

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Trauma Bonding – ein Text über Täterbindungen speziell bei der Loverboy-Methode

Foto: 2019 war ich in Washington, D.C., und dort im „National Museum of Women in the Arts„. Dort ist das Bild entstanden. Der Text auf dem Bild wurde von mir eingefügt.

Wir kennen sie wahrscheinlich alle: die Geschichten von häuslicher Gewalt, in denen die betroffene Frau bei ihrem gewalttätigen Mann bleibt. Man fragt sich als Außenstehender, der nicht ins Thema eingearbeitet ist: was ist nur los mit der? Warum wehrt die sich nicht? Warum verlässt sie ihn nicht einfach?

Im Bereich der Loverboy-Methode fragen sich auch viele: warum lässt die das mit sich machen, warum gehen die Frauen denn nicht einfach, wenn sie die Möglichkeit dazu haben bzw. nicht irgendwo eingesperrt sind?

Weil es für die Betroffenen nicht so einfach ist, denn wenn es so einfach wäre, dann würden sie sich dem Täter, logischerweise, entziehen.

Warum die Frauen sich nicht befreien können, dafür kann es verschiedene Gründe geben und viele davon greifen häufig ineinander über. Ein nicht selten anzutreffender Grund neben meist weiteren Problemlagen nennt sich „Trauma Bonding“. Dieses Trauma Bonding kommt oft zwischen Menschenhändler/Zuhälter und seinem Opfer vor, meist dann, wenn die Täter die Familie oder die Partner sind. Es ist der Missbrauch von Macht, das gezielte Erzeugen einer Abhängigkeit sowie die Unterdrückung der Person, um sie in die Ausbeutung zu bringen und dort zu halten. Speziell bei unerfahrenen und sehr jungen Mädchen und Frauen ist diese Vorgehensweise „erfolgreich“.

Das Problem: diese Frauen sind häufig zu schwach, um sich zu wehren. Dafür hat der Täter gezielt und strategisch gesorgt.

Stichwort: „Trauma Bonding“

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Ich habe angezeigt – Ermittlungsverfahren gegen meinen Menschenhändler nach über 2 Jahren eingestellt

Dieser Text wird etwas länger. Kürzer geht einfach nicht. Ich habe dem Tag entgegen gefiebert, ihn zu schreiben. Diese Sache bzw. dass überhaupt ein Ermittlungsverfahren lief, das war bis jetzt nicht öffentlich. Es geht um ein bedeutendes Thema. Wer den Text beginnt, sollte ihn bis zum Ende lesen und bei zu wenig Zeit lieber später nochmal vorbei schauen und ihn dann komplett lesen. Es geht um ein wichtiges Kapitel meines Lebens, aber vielmehr noch geht es vor allem auch um allgemeine Dinge im Bereich der Strafverfolgung speziell im Bereich Menschenhandel und der Loverboy-Methode sowie um das Aufzeigen von komplexen Verstrickungen und Mechanismen dort und im Rotlichtmilieu, über die ich immer wieder berichte und die ich nun an meinem Fall noch konkreter und anschaulicher darlegen kann. Es geht auch um die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden und den Umgang mit Betroffenen im Bereich der Loverboy-Methode.

Ich habe die Justitia als Bild für diesen Beitrag gewählt. Warum? Dazu möchte ich den Juristen Heribert Prantl zitieren:

"Warum trägt die Justitia eine Augenbinde? Die landläufige Antwort lautet: weil sie ohne Ansehen der Person urteilen will und urteilen soll. Die Wahrheit ist eine andere. Die Justiz schämt sich, sie schämt sich dafür, wie sie mit den Opfern umgeht, sie schämt sich dafür, dass sie sich nur auf die Täter konzentriert, aber es an Fürsorge für die Opfer fehlen lässt. Das ist ein Jahrhundertfehler der Justiz, das gehört abgestellt."[1] 

In der Tat, die Justitia schämt sich sicherlich für diese Konzentration auf die Täter und die mangelnde Fürsorge für die Opfer, und ja, dieser Jahrhundertfehler, der auch in meinem Verfahren zu Tage getreten ist, gehört abgestellt.

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Aufklärungsarbeit in Schulen

Heute war ich wieder bzgl. Aufklärungsarbeit im Bereich Prostitution und Menschenhandel an einer Schule bzw. wegen Covid-19 wurde das online durchgeführt. Mittlerweile wird vermehrt über die Themen Prostitution und Menschenhandel (insbesondere auch über die Loverboy-Methode) gesprochen, aber trotzdem noch zu wenig. Diese Themen gehören aber flächendeckend in den Schulunterricht, denn es ist die Aufgabe des Staates, Kinder und Jugendliche zu schützen. Diese flächendeckende Aufklärung gibt es leider immer noch nicht.

An das erste Mal Aufklärungsarbeit in der Schule kann ich mich gut erinnern. Ich war so dermaßen nervös, dass ich kurz vorm Weglaufen war. Junge Menschen, die in dem Alter sind, in dem ich damals rekrutiert wurde. Das hat irgendwas in mir ausgelöst und tut es heute noch, wenn ich mit ihnen rede. Ich fühle eine ganz besondere Verantwortung und auch eine Art Verbundenheit, denn sie sind ein noch verletzlicher und ganz besonders zu schützender Teil unserer Gesellschaft. Auch ich gehörte damals zu diesem Teil.

Letztlich ist die Arbeit mit jungen Menschen genau das, was am aller wichtigsten ist und mir viel bedeutet. Sie sind es, die heranwachsen und die neue Generation bilden, die unsere Gesellschaft in Zukunft prägen und formen werden. Wenn jemand langfristig diese Welt verändern kann, auch in Bezug auf die Themen Prostitution und Menschenhandel, dann sind sie es.

Wenn ich mit Jugendlichen und Heranwachsenden ins Gespräch komme, dann kann ich in deren Reaktionen sehen, dass es unmittelbar, jetzt in diesem Moment, etwas bringt, was ich hier tue.

Einmal war ich in einer Klasse, in der ein Junge anfangs vor dem Gespräch sehr auffällig und nervös war. Während der Diskussion hat er sich dann gemeldet und gesagt, dass sein Vater Zuhälter und im Gefängnis war und dass er es total super findet, dass ich aus einer anderen Perspektive darüber berichte. Wie aus einem Wasserfall ist alles aus ihm herausgebrochen. Die Lehrerin schien diese Offenbarungen auch nicht erwartet zu haben. Die Gespräche dort waren sehr locker, wie eine Art Lagerfeuergespräch unter Kumpels, alles auf einer Wellenlänge. Die Schüler und Schülerinnen waren sehr interessiert und bombardierten mich regelrecht mit Fragen – wie nahezu immer, wenn ich an Schulen oder sonstigen Jugendeinrichtungen auftauche und mit diesen ins Gespräch komme.

Dann war ich auch mal ganz oben im Norden Deutschlands an einer Schule. Das hatte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt dort organisiert. Da wurden am Ende meines Vortrags Zettel ausgeteilt, auf die die Schüler und Schülerinnen Fragen schreiben konnten, die sie an mich haben. Somit war das eine Art anonyme Fragestunde, ohne dass sich jemand melden musste. Ich habe dann Zettel um Zettel aus der Box genommen und die Fragen laut vorgelesen und sie beantwortet. Eine Frage davon war, wo man sich Hilfe suchen kann, wenn man sexuell missbraucht wird. Warum solch eine Frage gestellt wird, kann man mutmaßen. Auch diese Frage habe ich laut vorgelesen und beantwortet, denn nun stand die Möglichkeit im Raum, dass ein Schüler oder eine Schülerin hier sexuell missbraucht wird, sich nicht offenbaren, aber eine professionelle Anlaufstelle suchen möchte. Auszuschließen war das jedenfalls bei so einer Fragestellung nicht. Die Lehrerin sowie auch ich waren besorgt und gaben die nötigen Hilfestellungen sowie auch Gesprächsangebote.

Man denkt es nicht, aber nahezu in jeder Schule und Einrichtung, wo ich war, gab es Schnittpunkte zum Rotlicht /Prostitution oder zu sexuellem Missbrauch. Die Teilnehmenden heute waren etwas älter als 15 Jahre, als ich zunächst dachte. Eine davon war als Minderjährige schon in der Prostitution. Dies zeigt sehr gut, dass die Aufklärung früher beginnen muss. Viele denken immer, diese Themen sind so weit weg, aber das sind sie ganz und gar nicht. Sie finden mitten unter uns statt, werden nur häufig leider totgeschwiegen, was Kindern und Jugendlichen nicht hilft, im Gegenteil.

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Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit – wie ich dazu kam, was diese in sich birgt und was ich mir von Menschen wünsche, die mit Aussteigerinnen und Betroffenen zum Zweck der Informationsgewinnung sprechen

Angefangen hat es bei mir mit diesem Blog. Zunächst habe ich einfach nur anonym geschrieben, denn ich liebe das Schreiben und fing das schon in sehr jungen Jahren an. Es war eine Art Ventil für mich. Dass ich mich schon früh aufgrund der Situation zuhause ins Internet geflüchtet habe, ist ja bekannt und früher habe ich dann im Internet vor allem auch viele Gedichte und Aphorismen auf einer Literaturplattform geschrieben, mich dort mit anderen Schreibenden ausgetauscht und war auch Teil einer Anthologie. Heute kann ich im Generellen aber nur ausdrücklich und mit Nachdruck davor warnen, dass Kinder und Jugendliche über ihre Probleme, wie ich damals, im Internet schreiben und darüber erzählen, sei es in Gedichten, Chaträumen, Instagram, Facebook, etc., denn leider gibt es viele, die die wunden Punkte der Kinder und Jugendlichen für ihre Zwecke zu nutzen wissen, so wie es mein Zuhälter dann tat, als ich ihn im Chat kennenlernte. Ihr könnt eure Kinder natürlich nicht dauerüberwachen, aber ihr solltet sie frühzeitig über mögliche Gefahren des Internets aufklären. Das ist zwar leider keine Garantie dafür, dass sie von den Gefahren verschont bleiben, aber jedenfalls eine wichtige und dringend nötige Warnung, so dass sie zumindest sensibilisiert sind und bestimmte Muster und Vorgehensweisen erkennen können.

Das Schreiben auf diesem Blog war anfangs vor allem eine Art Auseinandersetzung mit meinen ganzen Jahren im Milieu, denn vieles habe ich zunächst selbst überhaupt gar nicht richtig einordnen können. Dass es sehr vielen Betroffenen ähnlich geht, merke ich auch daran, dass mich immer wieder Frauen aus der Prostitution anschreiben und mir sagen, dass ihnen meine Texte helfen oder es ihnen hilft, wenn sie mich sprechen hören, um die ganzen (psychologischen) Zusammenhänge und Mechanismen und somit auch ihre eigene Geschichte in ihrer jeweils individuellen Ausprägung vollends verstehen sowie teilweise auch erst aufarbeiten zu können. Vor allem im Bereich der Loverboy-Methode. Außenstehende, die nicht in diesem Thema drin sind, können das häufig nicht nachvollziehen, da ist es mehr als gut mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten und sich austauschen zu können.

Durch diesen Blog bekam ich dann jedenfalls nach und nach Kontakte zu anderen Menschen, die in diesem Bereich aufklären und Stück für Stück habe ich meine Anonymität immer weiter aufgegeben. Das war alles ein Prozess. Ich wusste, dass es unschön werden wird, wenn ich anfange, mein Gesicht zu zeigen und aus der Anonymität heraus zu treten, aber irgendwann war ich an dem Punkt angelangt, dass ich es dennoch tat.

Und ja, es wurde sehr unschön, aber damit hatte ich gerechnet und dies in Kauf genommen.

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Fehlendes Opferbewusstsein im Bereich der sexuellen Ausbeutung

Empathie = die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen (Duden 📒).

Empathie ist überall im Leben wichtig. Besonders wichtig ist sie auch, um Betroffenen von Prostitution und Menschenhandel helfen zu können. Sie zu verstehen ist essenziell, um sie da raus holen zu können.

Im nachfolgenden Text geht es mir besonders um ein Thema, das ich immer mal wieder angesprochen habe:

fehlendes Opferbewusstsein im Bereich der Ausbeutung in der Prostitution.

Viele betroffene Frauen von Ausbeutung durch dritte Personen sagen/schreiben mir, sie hatten auch kein Opferbewusstsein in Bezug auf Menschenhandel und Zwangsprostitution. Manche haben es heute noch nicht so richtig, obwohl ihnen die schlimmsten Dinge passiert sind. Es sei ihre Wahl gewesen, sie fühlen sich schuldig – obwohl sie ausgebeutet wurden.

Das häufig nicht vorhandene Opferbewusstsein, vor allem im Bereich der sog. Loverboy-Methode, ist ein großes Problem im Bereich des Menschenhandels und der Zwangsprostitution. Wie soll sich jemand Hilfe suchen, wenn er sich nicht als Opfer fühlt? Wie kann man einer Frau helfen, die immer wieder Hilfe von außen abweist, weil sie sich nicht als Opfer wahrnimmt? Weil sie denkt, es sei normal, was man mit ihr macht, da sie keinen guten Umgang mit sich kennt. Weil sie denkt, sie muss das alles aushalten können, etc.

Das ist ein Thema, worüber nicht so gerne gesprochen wird, weil viele es nicht verstehen und nicht nachvollziehen können, dieses „kein Opferbewusstsein haben“ im Bereich sexueller Ausbeutung. Sie haben die „Frau in Ketten“ im Kopf, die irgendwo in einem Keller sitzt und vor Freude jubeln würde, wenn die Polizei auftaucht, um sie zu retten, aber nicht jene, die sich selbst nicht als Opfer sehen, ihre Situation nicht artikulieren können.

Das betrifft aber so viele. Immer wieder schreiben mir Frauen und sagen, dass sie dieses Opferbewusstsein nicht hatten. Ich bekomme immer wieder Nachrichten, die davon handeln, dass die eigene Ausbeutung durch dritte Personen (meist durch den sog. „Freund“/ „Mann“ oder die eigene Familie) lange Zeit geleugnet wurde, dass die Polizei penetrant abgewiesen wurde, dass der/die Täter und das ganze System „Rotlichtmilieu“ energisch verteidigt wurden.

Eine Sensibilisierung diesbezüglich ist daher sehr wichtig.

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Präventionsarbeit zum Schutz vor „Loverboys“

 

Am 2.1.18 war ich mit Tabita von http://www.freethem.de/ in einer Jugendhilfeeinrichtung für Mädchen. Wir haben dort präventive Arbeit in Form von Aufklärung über „Loverboys“ geleistet und mit den Mädchen über Prostitution und Menschenhandel gesprochen, wie man sich am besten vor „Loverboys“ schützen kann, wie man sie erkennt, was ihre Methoden sind, etc… Tabita hatte die Mädchen im Rahmen ihres Projektes bereits vorher mit dem Thema vertraut gemacht. Danke Tabita und auch Carina von Freethem!

Diese Präventionsarbeit liegt mir sehr am Herzen. Wer in diesem Bereich Infos/Hilfe möchte (LehrerInnen, ErzieherInnen, SozialpädagogInnen, Hilfeeinrichtungen, etc…) kann sich gerne bei mir melden. Zusammen können wir ein Konzept erstellen, behutsam aufklären, vor allem die Risikogruppen, und damit versuchen besser zu verhindern, dass es Opfer in dem großen Ausmaß gibt. Es ist wichtig, junge Menschen vor so etwas zu warnen und zu schützen!

Mit freundlicher Erlaubnis von Tabita unten ein Foto von uns beiden. Meine liebe Hündin war auch mit dabei, die Mädchen haben sich sehr darüber gefreut und die Atmosphäre wurde dadurch noch entspannter. Tiere können eine sehr schöne Wirkung auf die verschiedensten Typen von Menschen haben. Wir konnten auch viel lachen, das ist wichtig, damit das Thema bei den Mädels nicht zu schwer im Magen liegt.

Ein glückliches und gesundes neues Jahr euch allen!

 

Tabita und Sandra 2 (2)

Rechts: Tabita; Links: Ich

Aktion „RotlichtAus“ in Marburg! – und die seelische Gewalt als Werkzeug der „Loverboys“

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Am 30.09.2017 fand eine Veranstaltung in Marburg statt. Auch ich war dort und habe einen Vortrag gehalten, den ihr weiter unten finden werdet.

Mit dem Vorspann (1.), der Zusammenfassung zur Veranstaltung (2.) und meinem Vortrag (3.) ist das hier ein ziemlich langer Blog-Eintrag – ich habe überlegt ihn zu kürzen, aber ich habe beschlossen, dass ich das nicht möchte, denn es ist alles wichtig und wer wirklich Interesse hat, vor allem etwas über „Loverboys“ und ihr gefährliches Hilfsmittel der seelischen Gewalt zu erfahren (und das Interesse sollte bestehen, denn es kann jedes Mädchen/(junge) Frau treffen!), wird sich die Zeit nehmen.

Wer also anfängt zu lesen, sollte ein bisschen Zeit haben oder lieber wann anders lesen.

1.Vorspann:

Der Veranstaltung vom 30.09. ging eine RotlichtAus-Plakataktion voraus:

„Zu verkaufen: Körper Freiheit Würde“ steht dort. Und weiter unten: „Bezahlsex zerstört Leben. Sag NEIN zu Prostitution.“ Dass diese Botschaft nun knapp zwei Wochen lang an 15 Marburger Plakatwänden die BürgerInnen erreicht, ist der „BI gegen Bordell“ zu verdanken… Sie sind Teil der Kampagne „RotlichtAus“. Das Konzept: Kommunen oder Initiativen, die ein Zeichen gegen die Verharmlosung des Handels mit der Ware Frau setzen und dabei besonders diejenigen ansprechen wollen, die mit ihrer „Nachfrage“ den Markt überhaupt erst schaffen – nämlich die Freier! – können die Motive anfordern. Da die Kampagnen-Motive schon entwickelt sind, halten sich die Kosten in Grenzen. 4.000 Euro hat Marburg investiert: Das SPD-geführte Stadtparlament beschloss, die Kampagne zu finanzieren…(Quelle: Aktion „RotlichtAus!“ in Marburg)

Hier ist die offizielle Pressemitteilung der Universitätsstadt Marburg:

Information und Diskussion „Prostitution: ein Beruf wie jeder andere?“

2.Zur Veranstaltung

Sabine Constabel hielt einen tollen Vortrag über die Wirklichkeit der Prostitution. Sie arbeitet seit über 2 Jahrzehnten als Sozialarbeiterin mit Prostituierten und kennt das menschenunwürdige System. Sie hat sehr viel über die Frauen, die meist sehr jungen Frauen aus Osteuropa erzählt, die auf diesem Markt verelenden. Sie hat die Mechanismen beschrieben, wie viele von ihnen hier landen. Oftmals werden sie aus dem Kinderheim geholt/gekauft und ihnen dann erzählt, dass die Prostitution nun ihr Teil ist, den sie als „Wiedergutmachung“ leisten/beitragen müssen. Sie hat von Familien erzählt, die ihre eigenen Kinder opfern und sie in die Prostitution schicken um die restlichen Familienmitglieder zu finanzieren – egal ob der Verluste und Risiken. Sie erzählte von den „Begleitern“, den Zuhältern, und räumt auf mit den Märchen über Prostitution.

Ich bin sehr froh, dass es Menschen gibt, die das System durchschauen können – und das kann Sabine Constabel. Sie gibt jenen unzähligen Menschen eine Stimme, die keine haben und immer noch im System festhängen. Das ist wertvoll und ich hoffe sehr, dass immer mehr Leute anfangen dieses System durchschauen zu können.

Wir sahen als nächstes eine tolle Filmzusammenfassung von Klaus Wölfle, TV-Redakteur beim bayerischen Rundfunk und Filmautor, mit dem Titel: „Verkauft, verschleppt, missbraucht“ – im Film gab es tolle Ausführungen von Michaela Huber, Psychotraumatologin und Psychotherapeutin, und Lutz Besser, Zentrum für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachsen.

Nach meinem Vortrag stellte dann Karen Ehlers noch die #RotlichtAus-Kampagne vor und erklärte, wie die Kampagne funktioniert, was sie bezwecken soll und sprach über weitere Kampagnenmotive. Hier gibt es eine tolle Präsentation: http://rotlichtaus.de/wp-content/uploads/2017/04/Praesentation-RotlichtAus.pdf

Bevor ich nun zu meinem Vortrag weiterleite, muss ich hier mal etwas ganz groß schreiben:

DANKE AN DIE GROßARTIGE STADT MARBURG, DIE DAS ALLES UNTERSTÜTZT HAT! DANKE AN FRAU INGE-HAUSCHILDT SCHÖN UND DER GANZEN BÜRGERINITIATIVE GEGEN BORDELL, DANKE AN DAS GANZE ROTLICHTAUS-TEAM UND DESSEN UNTERSTÜTZER UND UNTERSTÜTZERINNEN UND ALLEN MENSCHEN, DIE GEKOMMEN SIND UND SICH MIT DEM THEMA BESCHÄFTIGEN.

Welche Stadt möchte als nächstes diesen aufrüttelnden Schritt tun und ein Zeichen setzen?

3.Vortrag

(weil ich meine Redezeit einhalten wollte, hatte ich in Marburg das zweite Zitat von Manfred Paulus, das letzte Zitat von Sun Tsu und die Kommentierung dazu, ein Zitat vom Bundeskriminalamt sowie die Stellungnahme des Europarats und einen kleinen Teil des Europäischen Parlaments ausgelassen – hier ist nun alles komplett):

Ich möchte Ihnen heute ein paar Einblicke ins Innere des Prostitutionssystems geben und hierbei vor allem von dem, was manche als klassischen Menschenhandel bezeichnen, auf eine andere Form des Menschenhandels zu sprechen kommen – es geht um die sog. „Loverboy“- Fälle.

Ich werde im Folgenden erstmal auf den Begriff des „Loverboys“ an sich eingehen, die eigentliche Problematik dieses Themas ansprechen, die „Loverboy“-Fälle dann strafrechtlich zuordnen und zum Schluss werde ich noch auf die Prostitution im Allgemeinen eingehen.

„Loverboys“ sind Menschenhändler, die (jungen) Mädchen/Frauen gezielt Liebe vorspielen mit dem Ziel sie in die Prostitution zu treiben und in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie suchen gezielt und haben von Anfang an den Vorsatz den ins Auge gefassten Menschen mithilfe der Liebe zu ködern um ihn in die Prostitution zu führen, wo er ausgebeutet werden soll.

In letzter Zeit bin ich öfter der Frage begegnet: wie kann so etwas passieren? Am Anfang steht die vermeintliche Liebe und am Ende die Prostitution? In vielen und auch in meinem Fall war der Beginn der Prostitution daran gekoppelt, dem „Loverboy“ zu helfen, weil er vorgibt in Not zu sein und die Prostitution die einzige Chance sei das Geld aufzutreiben, ihn zu retten, er von einer gemeinsamen Zukunft spricht und sagt, dass alles besser werden würde. Es gibt aber hier verschiedene Vorgehensweisen.

Oftmals suchen diese Zuhälter gezielt an Schulen oder im Internet, weil das Plätze sind, an denen man sehr vulnerable Menschen antreffen kann – und vulnerable Menschen sind leichte Beute.

Bärbel Kannemann vom Verein „No Loverboys e.V.“, die in dem kürzlich ausgestrahlten, über „Loverboys“ handelnden ARD-Film „Ich gehöre ihm“ mitgewirkt hat, war 40 Jahre Kriminalbeamtin, setzt sich jetzt für Betroffene ein und macht Aufklärungsarbeit. Sie sagte mir, dass sie das jetzt seit ca. 8 Jahren macht und sich um die 1100 Betroffenen und Eltern gemeldet haben. Was ich sehr erschreckend fand war, als sie mitteilte, dass fast an jeder Schule, an der sie bisher einen Vortrag hielt, Opfer dabei waren und dass es an einer Schule sogar schon einmal 11 betroffene Mädchen waren. Das Alter geht von ca. 12-23 Jahren.

Ein Opfer erzählt folgendes:

„Er sprach mich vor der Schule an, nahm mich im Auto mit. Er hatte schöne Augen, schenkte mir CDs und schicke Sachen. Wir gingen aus. Immer nur nachmittags, damit ich zu Hause keinen Ärger bekam. Ich war verknallt in ihn.
Dann der erste Sex auf seiner Bude. Kurz danach kamen andere Jungen ins Zimmer, die mich streichelten. Es sei normal, dass seine besten Freunde auch Sex mit mir haben, sagte er. Heimlich wurde fotografiert. Bald zeigte er mir die Bilder und ich hatte Angst, dass meine Eltern sie sehen.“ [1]

Oftmals können dann Erpressungen wie diese in die Prostitution führen. „Wenn du nicht tust, was ich dir sage (sich zu prostituieren), zeige ich jemandem die Bilder/Videos“, etc…

Weiter heißt es: „Bald nach dem ersten Sex tischen „Loverboys“ z.B. die Geschichte mit den Schulden auf, die sie nur abzahlen könnten, wenn das Mädchen ein paar Mal mit Männern ins Bett geht. Aus ein paar Mal wird täglich, schließlich mehrmals täglich.“ [2]

Bärbel Kannemann sagt in einem Interview:

 „Die Masche funktioniert über emotionale Abhängigkeit“. „Die erste Kontaktaufnahme geschieht häufig auf dem Schulhof, vor Fastfood-Restaurants, aber mittlerweile in den meisten Fällen über soziale Netzwerke wie Facebook oder Badoo“. „Der Loverboy drängt sich Schritt für Schritt zwischen das Mädchen und dessen soziales Umfeld. Die Bindung an ihn wird immer enger, während Freundschaften und Kontakte zur Familie nach und nach zerbrechen. Diese soziale Isolierung läuft so lange, bis das Mädchen das Gefühl hat, dass ihr neuer Freund der Einzige ist, der es versteht.“ [3]

Es wird erst Vertrauen aufgebaut und danach kommt der Druck und zum Beispiel Sprüche wie:

„Ich habe Schulden und werde umgebracht, wenn ich sie nicht zurückzahle. Aber wenn du dich bereit erklären würdest, für mich mit einem Freund zu schlafen, werden mir die Schulden erlassen“. [4]

Auch Mädchen aus gutem Elternhaus sind betroffen. Dazu meint Kannemann:

„Grundsätzlich ist es schon so, dass Mädchen mit geringem Selbstwertgefühl stärker gefährdet sind und gezielt Mädchen kontaktiert werden, die ganz besonders nach Bestätigung, Aufmerksamkeit und Zuneigung suchen“. „Dass wie häufig angenommen vorwiegend Mädchen aus zerrütteten Familien zum Opfer werden, kann man allerdings nicht sagen. Im Gegenteil werden immer mehr Mädchen aus behütetem Elternhaus ausgesucht, die leicht erpressbar sind, weil man ihnen droht, der Familie etwas anzutun. Das wollen die Mädchen natürlich um jeden Preis vermeiden.“ „Es sind nicht mehr fast ausschließlich junge Männer mit Migrationshintergrund, die als Loverboy unterwegs sind, sondern immer häufiger deutsche Täter bzw. Täter aus allen möglichen Ländern.“  [5]

Ich selbst lernte meinen Zuhälter damals im Internet kennen. Ich hatte schwierige Verhältnisse zuhause und das Internet war eine Art Flucht aus der Realität. Wenn ich von der Schule kam stellte ich sofort den PC an und verbrachte sehr viel Zeit in verschiedenen Chatrooms. Irgendwann war er online und ich fing an mit ihm zu schreiben. Wir schrieben immer öfter, irgendwann jeden Tag, er wartete auf mich bis ich online kam und gab mir damit das Gefühl für mich da zu sein. Ich sprach mit ihm vermehrt über meine Probleme und er vermittelte mir Halt und Beständigkeit.

Es kam dann zu den ersten realen Treffen, wo er mich zum Essen eingeladen hat – er war um die 20 Jahre älter als ich und meine erste Liebe sowie der erste Mensch, mit dem ich dann auch Geschlechtsverkehr hatte.

Das mit der Prostitution fing erst ab da langsam an, wo er wusste, dass ich emotional an ihm hänge und er meine einzige Bezugsperson war. Am Wochenende fuhr ich vermehrt mit dem Zug in seine Stadt. Er begann mich auf seine Escort-Touren mitzunehmen, wo er eine Prostituierte zu einem Freier gefahren und draußen im Auto auf sie und sein Geld gewartet hat. Weiter nahm er mich in Bordelle seiner Freunde mit und wollte dann auch, dass ich anschaffen gehe.

Als ich mich davon distanzierte, weil ich es nicht wollte, war er schlagartig kalt, ein ganz anderer Mensch und begann mir nach und nach zu erzählen, er hätte große Schulden und stecke in Schwierigkeiten – ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mitbekommen, dass er mit sehr unspaßigen Leuten wie Hells Angels Mitgliedern zu tun hatte. Damals wusste ich nicht viel über seine Umstände, ich wusste nicht viel über das Rotlichtmilieu und seine genauen Kontakte, aber ich hatte Angst um ihn und Angst ihn zu verlieren.

Um das Ganze ein wenig abzukürzen – ich fing an für ihn anzuschaffen. Ich erinnere mich gut an eine Situation in einem Bordell mit Nachtbetrieb, wo eine Althure mich einarbeiten sollte. Ich wusste nicht, wie man ein Kondom benutzt. Das Bild habe ich genau vor Augen. Sie saß links von mir und demonstrierte an einem Freier, wie man das Kondom drüberzieht. Der Freier sah, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte sowie sexuell null Erfahrung – und er fand es toll, es hat ihn angemacht. Dazu muss ich sagen, dass ich zu dieser Zeit um sehr viel jünger aussah als ich eigentlich war. In der 12. Klasse des Gymnasiums brachte mich mein Zuhälter dann in den Oster – und Pfingstferien in einen Flat-Rate-Club eines Bekannten von ihm, wo ich mich für ihn prostituierte sowie ihm das Geld zum Abbezahlen seiner Schulden gab. In diesen 4-Ferienwochen hatte ich mit ca. 400 – 500 Männern Geschlechtsverkehr. Allein in 4 Wochen. Ich zog nach Ende der 12. Klasse zu ihm, auch weil ich von zuhause weg wollte – allerdings dachte ich nicht, dass ich mich weiter für ihn prostituieren würde. Als ich dort dann wohnte, wurde mir gesagt, ich könne natürlich nicht umsonst da wohnen, müsse arbeiten, es kamen unglaubliche Ausmaße von weiteren Schulden ins Spiel. Er sprach immer davon, dass nur noch dies und jenes bezahlt werden müsse und danach alles gut werde, aber es nahm nie ein Ende, es kam weiterer Druck hinzu, etc…

Ich wurde Vollzeitprostituierte und brach die Schule ab, weil ich dieses Doppelleben nicht führen konnte. Dass einen dann irgendwann nicht mehr die Liebe, sondern viele Abhängigkeiten, Verzweiflung und Ängste in der Prostitution halten, darauf werde ich später noch eingehen.

Die Frage ist aber erstmal: wie funktioniert dieser Anfang? Der Anfang, einen Menschen in die Prostitution zu bringen mit dem Druckmittel der Liebe. Was steckt hinter diesem ganz weit verbreiteten „Loverboy“-Phänomen, welches nicht nur ausländische, sondern auch viele deutsche junge Mädchen und Frauen betrifft?

Es ist eine Problematik, die sehr viel mit den Mechanismen von psychischer/seelischer Gewalt zu tun hat. Und dieses Thema, was ich gleich vertieft ansprechen werde, weil die „Loverboy“-Methode nur aufgrund der Ausübung von seelischer Gewalt Erfolg haben kann, ist ein sehr schwieriges Thema, weil diese Form von Gewalt nicht sichtbar ist und man oftmals Dinge, die man nicht sehen kann, nicht versteht und Gefahr läuft sie als nicht existent zu deklarieren. Wenn Ihr Kind beispielsweise von einem Zuhälter verprügelt wird, sehen Sie die blauen Flecken und wissen, dass etwas nicht stimmen kann. Wenn so ein Zuhälter aber anstatt auf physische Gewalt auf seelische Gewalt setzt und sich, wie es in diesen „Loverboy“-Fällen üblich ist, darum bemüht, dass nach außen hin nichts auffällt, dass im Falle von Schülerinnen diese weiter zur Schule gehen, die Hausaufgaben machen, sich normal verhalten sollen, etc… dann können Sie das zunächst nicht sehen, es bleibt unsichtbar. Erstmal. Die seelische Gewalt ist aber trotzdem da und wird gezielt eingesetzt um immer einen Schritt weiter zu gehen bis man den Menschen so destabilisiert hat, dass man ihn dort hinbekommt, wo man ihn von Anfang an haben wollte. In der Prostitution.

Es ist wichtig, dieses „Loverboy“-Thema noch mehr unter die Menschen zu bringen, was vor allem bedeutet, über genau das zu sprechen, woran sich diese „Loverboy“-Zuhälter bedienen: viele sagen sie bedienen sich lediglich der Naivität und Dummheit der Mädchen, aber das ist so nicht richtig. Sie bedienen sich seelischer Gewalt. Das ist ein großer Unterschied und das muss an – und ausgesprochen werden, denn um die Menschen, die sich in dieser Spirale befinden, erreichen zu können und um ihnen da raus zu helfen, ist es unbedingt nötig zu sehen, was da eigentlich passiert.

Deshalb möchte ich jetzt versuchen Ihnen die Ausmaße und das Verständnis von seelischer Gewalt vor allem hier im Hinblick auf die Prostitution und die „Loverboy“-Fälle etwas näher zu bringen.

Es gibt ein sehr gutes Buch von der französischen Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen. Es heißt „Die Masken der Niedertracht“ und behandelt das Thema seelische Gewalt auf mehreren Ebenen sehr intensiv und anschaulich. Ich bin auf dieses Buch durch eine etwas kuriose Art und Weise aufmerksam geworden.

Mein Zuhälter war auch ein ehemaliger Fremdenlegionär (das sagte er mir zumindest), also ein Krieger, ein Stratege. Es gibt ein sehr altes Buch über Kriegsstrategie, ein absoluter Klassiker. Es heißt „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Ich habe damals durch ihn von diesem Buch erfahren, weil er es aufgrund seiner Vergangenheit vergöttert hat, aber gelesen habe ich es erst nach meinem Ausstieg. Ich wollte wissen, warum er es so hochgepriesen hatte. Nachdem ich dann im Internet den Namen des Buchs gegoogelt habe, fand ich auch den Namen und das Werk dieser Psychotherapeutin, denn sie greift in ihrem Buch mehrmals Sun Tsus Aussagen auf und überträgt einige seiner Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Menschen. Es steckt in diesem Kriegsbuch unglaublich viel an psychologischen Taktiken und Vorgehensweisen, den Gegner in die Knie zu zwingen. Sehr interessant ist hier das „wie“. Ein Spruch von Sun Tsu ist folgender: Die größte Leistung besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen. Und er veranschaulicht in seinem Buch sehr gut, wie man das tun kann. Manchmal direkt, manchmal zwischen den Zeilen.

Ich möchte Ihnen einen Auszug aus Marie-France Hirigoyens Buch vorlesen, in dem sie erst einen Satz von Sun Tsu aufgreift und diesen dann kommentiert:

„Sucht siegreich zu sein, ohne Schlachten zu liefern (…). Bevor sie kämpften, versuchten sie (die Ahnen), die Zuversicht des Feindes zu schwächen, indem sie ihn demütigten, indem sie ihn kränkten, indem sie seine Kräfte schweren Prüfungen unterzogen (…). Bestecht all das, was das Beste bei ihm ist, durch Angebote, Geschenke, Versprechungen, untergrabt sein Selbstvertrauen, indem ihr seine tüchtigsten Männer zu schändlichen und gemeinen taten anspornt, und versäumt nicht, das unter die Leute zu bringen.“

 Bei einer perversen Aggression geht es um den Versuch, den anderen zu erschüttern, ihn zweifeln zu lassen an seinen Überzeugungen, seinen Empfindungen. Das Opfer verliert dabei das Bewusstsein seiner Identität. Es kann nicht denken, nicht verstehen. Das Ziel ist es, es zu negieren und dabei zugleich zu lähmen, damit das Auftreten eines Konflikts vermieden wird. Man kann es angreifen, ohne es zu verlieren. Es bleibt zur Verfügung. Dies geschieht unter doppeltem Druck: Etwas wird gesagt auf verbaler Ebene, und das Gegenteil wird ausgedrückt auf der nichtverbalen Ebene. Die paradoxe Äußerung besteht aus einer ausdrücklichen Botschaft und einem Hintergedanken, dessen Existenz der Aggressor abstreitet. Ein äußerst wirkungsvolles Mittel, den anderen zu destabilisieren! [6]

Auch der „Loverboy“ versucht die Mädchen/Frauen von ihren eigentlichen Empfindungen und Gefühlen zu spalten und wenn man sich die Kommunikationsebenen zwischen „Loverboys“ und ihren Opfern ansieht, dann ist es genau das, was die Autorin hier aufschlüsselt. Denn sehr oft ist es so, dass der „Loverboy“, nachdem er angefangen hat das Prostitutionsthema aufzuwerfen und sie zu drängen, sie solle sich prostituieren, zum Beispiel danach auf verbaler Ebene sagt, dass er ihr aber nicht zu viel zumuten möchte, er sie so stark liebt, eigentlich nicht teilen will mit anderen Männern, und er ihr aber gleichzeitig mit dem vorher Gesagten, seiner Miene und der nonverbalen Kommunikation, die hier gezielt manipulativ eingesetzt wird, vermittelt: „Wenn du dich nicht prostituierst, dann lässt du mich im Stich und bist Schuld daran, wenn (mir) etwas passiert.“ So werden bewusst Schuldgefühle im Mädchen geweckt, in dem Wissen, dass sie letztlich anfängt sich gegen ihren Willen zu prostituieren und das ist genau der Moment, von dem auch Sun Tsu spricht. Der Widerstand des Feindes (hier der Widerstand des Menschen, der sich eigentlich nicht prostituieren will, der aber in der Prostitution ausgebeutet werden soll) wird ohne einen Kampf gebrochen, ohne physische Gewalt – allein auf der Ebene von „perverser Kommunikation“, wie Marie-France Hirigoyen es nennt.

Viele Zuhälter, die ich kannte, waren Meister dieser Art von Kommunikation/Manipulation und sie geben diese Taktiken untereinander weiter.

Wichtig ist ebenfalls zu verstehen, wie der Zuhälter seine Beziehung zu dem Mädchen/der Frau aufbaut. Die Autorin des oben genannten Buches schreibt auch über die sog. „perverse Verführung“. Sie spricht von einer Vorbereitungsphase, während der das Opfer destabilisiert wird und zunehmend sein Selbstvertrauen einbüßt.

Ein Zitat hieraus:

„Es geht darum, es zunächst zu verführen, dann zu beeinflussen, schließlich der eigenen Macht zu unterwerfen und ihm dann jegliche Freiheit zu nehmen…“ [7] „Mit Wahn wie bei der verliebten Idealisierung, wo man sich, um die Liebe zu bewahren, weigert, die Fehler oder Schwächen des anderen zu sehen, hat das alles nichts zu tun, es ist Einverleibung – mit dem Ziel zu zerstören… [8] „Beherrschender Einfluss oder Dominanz: das ist die geistige oder seelische Bevormundung in einem Abhängigkeitsverhältnis. Die Macht verführt den anderen, er wird hilflos, er kann gar nicht anders als einwilligen und zustimmen. Dies erfordert unter Umständen verschleierte Drohungen oder Einschüchterungen, denn er muss geschwächt werden, um ihm die eigenen Ansichten aufzwingen zu können.“ [9]

„Das Opfer ist in einem Spinnennetz gefangen, zur Verfügung gehalten, psychologisch gefesselt, betäubt. Ihm ist oft nicht einmal bewusst, dass ein Übergriff stattgefunden hat… Weil er die Wünsche des anderen ausschaltet und all seine Eigentümlichkeit beseitigt, hat der beherrschende Einfluß diese unleugbar zerstörerische Komponente. Nach und nach findet das Opfer seine Widerstandskraft und seine Widerspruchsmöglichkeiten aufgerieben…“ [10]

Übertragen auf die „Loverboy“-Fälle läuft das auch so ab.

Der „Loverboy“ ist meist älter als das Mädchen oder die Frau, es besteht ein großes Machtgefälle, nachdem er Vertrauen hergestellt hat besitzt er beherrschenden Einfluss und setzt sie unter Druck, gibt zum Beispiel Schulden vor.

Wenn es das erfordert, kommen Drohungen oder Einschüchterungen ins Spiel, sie kann auch mit Bildern oder Sonstigem erpresst werden. Sie wird durch verschiedene Vorgehensweisen geschwächt und gefügig gemacht. Sie wird psychologisch gefesselt.

Das ist die Anfangsstrategie. Am Anfang also wird die Liebe benutzt um die Mädchen und Frauen in die Prostitution zu bringen. Doch was geschieht dann? Die Autorin schreibt einen wichtigen Satz in ihrem Buch:

„Zunächst gehorchen sie, um ihrem Partner Freude zu bereiten oder um ihn aufzurichten, weil er unglücklich aussieht. Später werden sie gehorchen, weil sie Angst haben.“ [11]

Wenn das Mädchen/die Frau den „Loverboy“ kennenlernt, hat sie allein Gefühle der Liebe, was sich dann mit der Prostitution ändert.

Dem Gefühl der Liebe folgen Gefühle wie Verzweiflung, Ungewissheit und Angst. Nach dem Umzug zu meinem „Loverboy“ rutschte ich vom alltäglichen Schulleben in die Milieu-Kriminalität, hatte mit Hells Angels und weiteren zu tun.

Sie bekommen mit diesen Menschen innerhalb des Milieus keine Probleme, solange sie sich an die Regeln halten. Und diese Regeln haben nichts gemeinsam mit normalgesellschaftlichen Regeln. Manfred Paulus, Ex-Kriminalhauptkommissar, drückt es so aus:

Diese Milieugesetze sind von größter Bedeutung. In der Parallelgesellschaft Rotlichtmilieu finden die Spielregeln und Normen der Allgemeinheit und ihre Gerichtsbarkeit keine Anerkennung. Das Milieu hat eigene Wertvorstellungen, eigene Spielregeln, eigene Gesetze. Es hat eigene Ermittler, eigene Richter und wenn erforderlich auch eigene Henker.“ [12]

Diese Aussage kann ich zu 100 % bestätigen.

Was ich häufig bei Prostituierten gesehen habe ist, dass sie funktionieren, weil sie wissen, was in diesen Kreisen mit Menschen passieren kann, wenn sie nicht funktionieren, wenn sie sich nicht an die Regeln halten. Auch hier haben wir seelische Gewalt, denn es werden oft gezielt Anspielungen auf mögliche Konsequenzen gemacht. Es ist ein Ertragen der Situation aus Angst vor der Ungewissheit, was ansonsten passiert. Und diese Kreise von denen ich spreche, um es auf den Punkt zu bringen, ist die organisierte Kriminalität. Und sie kommt nicht nur vereinzelt vor, ich habe sie überall gesehen, sie steuert das komplette Milieu. Manfred Paulus sagt dazu:

Frauenhandel mit dem Ziel der Sexsklaverei ist seit jeher, spätestens jedoch seit den Grenzöffnungen nach Osten hin, ein Betätigungsfeld von Tätergruppierungen, die dem Organisierten Verbrechen zuzuordnen sind. Und Deutschland lädt diese viel beschriebenen und zurecht gefürchteten OK-Gruppierungen durch seine zentrale geografische Lage, seine wirtschaftlichen Gegebenheiten, seine hohe Nachfrage nach illegalen Gütern (so auch nach den Opfern dieses Marktes) und nicht zuletzt durch seine anhaltend täterfreundlichen (gesetzlichen) Bedingungen geradezu ein. Und diese Gruppierungen nehmen die Einladung seit Jahren dankend und in hohem Maße an.“ [13]

Um auf das Thema seelische Gewalt zurückzukommen und es zum Abschluss zu bringen, hier noch ein Zitat aus Sun Tsus Buch, welches im Hinblick auf die Prostitution den Nagel auf den Kopf trifft:

„Bringe deine Soldaten in Positionen, aus denen es keinen Fluchtweg gibt, und sie werden den Tod der Flucht vorziehen. Wenn sie den Tod vor sich sehen, gibt es nichts, was sie nicht erreichen können. Wenn es keinen Fluchtweg gibt, bleiben sie standhaft… Wenn sie keine Hilfe erwarten, werden sie hart kämpfen. So bleiben die Soldaten, ohne Befehle zu erwarten, ständig wachsam, und sie tun, was du willst, ohne angeleitet zu werden; sie werden ohne Vorbehalte treu sein; du kannst ihnen trauen, ohne Befehle geben zu müssen.“

Das ist ein sehr bedenkliches Zitat, aber es passt „übersetzt“ leider wie angegossen auf die Situation vieler Prostituierter: Prostituierte werden in eine Position gebracht, aus der sie keinen Ausweg mehr sehen (sie haben also keinen Fluchtweg). Wenn sie keinen Fluchtweg sehen, können sie logischerweise nicht fliehen, sitzen fest und müssen ertragen, was da mit ihnen passiert. Sie müssen jeden Tag ertragen von fremden Menschen penetriert und gedemütigt zu werden. Weil sie den Ausweg nicht finden, bleiben sie standhaft… denn sie haben keine andere Wahl. Sie erwarten keine Hilfe und werden deswegen hart kämpfen, um zu überleben. Ohne diesen Fluchtweg zu haben bleiben sie gezwungenermaßen wachsam und tun, was von ihnen gewollt wird, ohne angeleitet zu werden; sie werden ohne Vorbehalte treu sein; man kann ihnen trauen, ohne Befehle geben zu müssen.

Die Ausmaße von seelischer Gewalt können enorm sein. Zum Abschluss möchte ich die Autorin nochmal zu Wort kommen lassen:

„Auch wenn sie nonverbal, versteckt, unterdrückt bleibt, die Gewalt ist dennoch da: im Unausgesprochenen, in den Anspielungen, in den absichtlichen Auslassungen, und dadurch überträgt und erzeugt sie Angst.“ [14]

Wenn mir heute so jemand unter die Augen treten würde, hätte derjenige keine Chance, aber viele vor allem junge Menschen, meist Mädchen und Frauen, haben diese Widerstandskraft noch nicht entwickelt, sind leicht zu manipulieren, und es ist wichtig zu versuchen sie davor zu bewahren und zu versuchen, diejenigen, die betroffen sind, da rauszuholen. Das schafft man aber nicht, wenn man sagt sie seien aufgrund von Naivität und Dummheit selbst schuld daran in der Prostitution gelandet zu sein.

Von den „Loverboys“ bekommen sie vermittelt: „Wenn mir etwas passiert, weil du dich nicht prostituierst, bist du Schuld.“ Wenn dann noch von Stimmen aus unserer Gesellschaft kommt: „Du bist selbst schuld, wenn du darauf reinfällst, wenn du das machst“, dann ist das ein doppelter Schuldzuspruch und der Schuldzuspruch der Gesellschaft kommt den Zuhältern/Menschenhändlern zu Gute – sie nutzen ihn für sich, weil er, wenn auch unbewusst, bewirkt, dass sich die Betroffenen dann komplett in ihrer Schuld gefangen fühlen und eher in dem System verharren als gäbe es eine Gesellschaft, die sich klar positioniert und sagt: „Nein, du bist nicht schuld, wir reichen dir die Hand ohne dir Vorwürfe zu machen.“

Das Projekt „Liebe ohne Zwang“ [15] beinhaltet einen Workshop, der an Schulen durchgeführt werden kann und versucht, junge Menschen für diese „Loverboy“-Thematik zu sensibilisieren. Es braucht mehr von solchen Initiativen. Im Alltag erfahre ich leider von vielen jungen Leuten, dass auch sie nicht wissen, wo es im Bezug auf Liebe eine Grenze zu setzen gilt und dass ein Mensch, der sie liebt, niemals verlangen würde Dinge zu tun, die ihre Grenzen überschreiten. Ihnen dieses Gespür und die Selbstsicherheit dafür zu vermitteln, nicht über die eigenen persönlichen Grenzen für jemand anderen hinausgehen zu müssen, ist essenziell.

Nun möchte ich auf den nächsten Punkt eingehen und damit das Strafrecht ins Spiel bringen. „Loverboy“-Delikte werden strafrechtlich geahndet. Das Bundeskriminalamt listet sie im Bereich des Menschenhandels auf:

„Häufige Tatbegehungsform durch die Täter ist die „Loverboy-Methode“. Betroffene hiervon sind oft minderjährige Mädchen und junge Frauen aus allen Gesellschaftsschichten. Sie werden von „Loverboys“ angesprochen und zunächst vorgegaukelt, die Männer seien in sie verliebt. Die „Loverboys“ geben ihnen Aufmerksamkeit, Komplimente, Zuneigung und oft auch Geschenke. Gleichzeitig machen sie die Opfer emotional abhängig und entfremden sie ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis. Später verleiten oder zwingen sie sie zur Prostitution. Oft gaukeln sie ihren Opfern vor, das so verdiente Geld zum Aufbau einer gemeinsamen Zukunft verwenden zu wollen. Die Opfer sind oft schwer zu erkennen, da sie sich häufig selbst nicht als Opfer wahrnehmen.“ [16]

Wie im klassischen Menschenhandelsbereich gibt es auch hier nur selten Prozesse, von den Verurteilungen ganz zu schweigen.

Warum gibt es so viele Zuhälter/Menschenhändler, die sich vermehrt so verhalten? Die Frage ist relativ einfach zu beantworten. Sie benutzen die „Loverboy“-Methode, weil es der sicherste und wahrscheinlichste Weg ist eine Strafbarkeit zu umgehen, weil sie so am Unsichtbarsten bleiben können und sich hinter der vermeintlichen Freiwilligkeit der Prostituierten verstecken können.

Helmut Sporer von der Kriminalpolizei Augsburg, der in dem Bereich tätig ist, sagt folgendes:

Der Loverboy-Zuhälter ist denke ich der Intelligentere als der brutale Zuhälter, der eben physische Gewalt ausübt, weil er auch schwieriger zu fassen ist und weil die Beweisführung schwieriger ist – die Abgrenzung zwischen Freiwilligkeit, was macht das Mädchen aus eigenem Antrieb, oder nur weil es ihr Freund, den sie liebt und der sie täuscht, sie dazu manipuliert, das ist ganz ganz schwierig rauszuarbeiten bei Verfahren, bei Vernehmungen.“ [17]

Wie sind „Loverboy“-Fälle gesetzlich genau zuzuordnen? Ich möchte hier kurz auf den aktuellen Menschenhandelsparagraphen eingehen (und hier ist besonders auf das Tatbestandsmerkmal der „List“ zu achten, denn bei Anwendung dieses Tatmittels können auch Personen ab 21 Jahren geschützt werden – unter 21 Jahren braucht es ein solches Tatmittel gar nicht und ein „anwerben, befördern, weitergeben, beherbergen oder aufnehmen“ genügt).

In § 232 StGB heißt es in Abs. 1:

„Mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer eine andere Person unter Ausnutzung ihrer persönlichen oder wirtschaftlichen Zwangslage oder ihrer Hilflosigkeit, die mit dem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist, oder wer eine andere Person unter einundzwanzig Jahren anwirbt, befördert, weitergibt, beherbergt oder aufnimmt, wenn

  1. diese Person ausgebeutet werden soll

          a) bei der Ausübung der Prostitution…“

In Abs. 2 heißt es:

Mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren wird bestraft, wer eine andere Person, die in der in Absatz 1 Satz 1 Nummer 1 bis 3 bezeichneten Weise ausgebeutet werden soll,

  1. mit Gewalt, durch Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List anwirbt, befördert, weitergibt, beherbergt oder aufnimmt oder“

Mit dem Änderungsgesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Menschenhandels vom Oktober 2016 steht im § 232a StGB die Zwangsprostitution und in § 232a Abs. 3 StGB findet man auch das Tatbestandsmerkmal der „List“:

„Mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren wird bestraft, wer eine andere Person mit Gewalt, durch Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List zu der Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution oder den in Absatz 1 Nummer 2 bezeichneten sexuellen Handlungen veranlasst.“

In der Gesetzesbegründung zu § 232a StGB wird ausdrücklich bemerkt, dass die Rechtsprechung bei den sog. „Loverboy“-Fällen das Tatbestandsmerkmal der List angenommen hat (BT-Drs. 18/9095, 34). [18]

In der Gesetzesbegründung heißt es: „Dazu ist auf Rechtsprechung hinzuweisen, die das Tatbestandsmerkmal der List bejaht, wenn der Täter mit Hilfe der „Loverboy“-Masche (vgl. zu dieser Fallgestaltung die Begründung zu § 232 Absatz 2 Nummer 1) günstigere Voraussetzungen dafür schafft, das Opfer in die Prostitution zu bringen. Entscheidend sind danach das gezielte Vorgehen und die Einflussnahme im Vorfeld der Prostitutionsaufnahme. So werden häufig Mädchen und Frauen umworben, die aus prekären familiären, sozialen und finanziellen Situationen kommen. Wenn der Täter durch Geschenke, Einladungen und dem Vorspielen einer Liebesbeziehung bis hin zu dem Versprechen einer gemeinsamen Zukunft das Opfer aus der familiären Bindung löst oder zum Abbruch einer Ausbildung oder zur Aufgabe einer Berufstätigkeit bringt, oder auf sonstige Weise seinen Einfluss mehrt, dann schafft er damit zunächst eine günstige Situation zur Aufnahme der Prostitution, danach erfolgt die Ansprache des Täters, dass das Opfer für eine gemeinsame Zukunft Geld verdienen müsse und dies mit Prostitution gut zu verdienen sei.“ [19]

Oftmals liegt dann auch ausbeuterische Zuhälterei vor, wenn der „Loverboy“ das Mädchen/die Frau nicht allein zum Obigen veranlasst, sondern sie dann eben noch selbst in der Prostitution ausbeutet.

Da diese Veranstaltung aber nicht „LoverboyAus“, sondern „RotlichtAus“ heißt, möchte ich zum Abschluss auch noch etwas Generelles über Prostitution sagen und mich hier ganz klar für ein Sexkaufverbot nach dem sog. „Nordischen Modell“ positionieren. Warum das?

In 6 Jahren Prostitution und Rotlichtmilieu habe ich sehr viel erlebt und gesehen. Keinen Club ohne Menschenhandel, keinen Club ohne Zuhälterei, keinen ohne Zwangsprostitution und keinen ohne Gewalt. Warum gibt es all das in dem Ausmaß, wie wir es hier in Deutschland haben? Aufgrund der Legalität von Sexkauf gibt es eine extrem hohe Nachfrage, unzählige an Menschen, die Sex kaufen, weil sie Sex kaufen können. Diese immense Nachfrage gilt es zu decken und das ist ein absolut lukratives Geschäft für Menschenhändler. Je mehr Nachfrage besteht, desto mehr Geld können sie verdienen.

Das Europäische Parlament spricht in seiner Entschließung bzgl. der Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels vom 12. Mai 2016 auch diese Nachfrage an:

„in der Erwägung, dass die Nachfrage nach Frauen, Mädchen, Männern und Jungen im Prostitutionsgewerbe ein entscheidender Sogfaktor für Menschenhandel zwecks sexueller Ausbeutung ist;…

 in der Erwägung, dass die Arten von Prostitution, bei denen Opfer von Menschenhandel am ehesten zu finden sind, wie etwa die Straßenprostitution, in Ländern, die den Kauf von Sex sowie Aktivitäten, die der Erzielung von Gewinnen aus der Prostitution anderer dienen, unter Strafe gestellt haben, zurückgegangen sind;…

in der Erwägung, dass der Menschenhandel mit Frauen, Mädchen, Männern und Jungen zu Zwecken der sexuellen Ausbeutung in den Ländern, in denen die Nachfrage, einschließlich Zuhälterei und des Erwerbs sexueller Dienstleistungen, inzwischen strafrechtlich verfolgt wird, zurückgegangen ist;…

stellt fest, dass ein gemeinsames Verständnis der Mitgliedstaaten im Hinblick darauf fehlt, was die Nachfrage nach Ausbeutung ausmacht, und fordert die Kommission und die Mitgliedstaaten auf, Leitlinien zur Bestrafung der Kunden nach skandinavischem Vorbild vorzulegen und gleichzeitig die Sensibilisierung für alle Formen des Menschenhandels, insbesondere sexuelle Ausbeutung, zu erhöhen…

weist auf die Daten hin, die die abschreckende Wirkung der Kriminalisierung des Kaufs sexueller Dienstleistungen in Schweden belegen; betont die normative Wirkung dieses Regulierungsmodells und sein Potenzial, die Haltung der Gesellschaft zu ändern, um die Nachfrage nach Dienstleistungen der Opfer des Menschenhandels insgesamt zu verringern;…“ [20]

Es ist denklogisch nachzuvollziehen, dass das System bei Reduktion der Nachfrage verkleinert werden kann. Wäre es für meinen Zuhälter nicht so lukrativ und so offensichtlich einfach gewesen mit mir Geld zu verdienen, hätte er das nicht getan. Natürlich wird es immer Menschen geben, die es trotzdem versuchen und tun, aber die Anzahl derer würde mit einem Sexkaufverbot niedriger.

Das Europäische Parlament hat in einem Bericht von 2014, dem sich eine Resolution angeschlossen hat, auch folgendes geschrieben:

„Prostitution ist eine sehr offensichtliche und besonders verabscheuenswürdige Verletzung der Menschenwürde. Da die Menschenwürde in der Charta der Grundrechte ausdrücklich erwähnt wird, ist das Europäische Parlament verpflichtet, über die Prostitution in der EU zu berichten und zu prüfen, auf welche Weise die Gleichstellung der Geschlechter und die Menschenrechte in dieser Hinsicht gestärkt werden können… Es liegen immer mehr Beweise dafür vor, dass mithilfe des „Nordischen Modells“ die Prostitution und der Frauen- und Mädchenhandel wirksam verringert und die Gleichstellung der Geschlechter gefördert werden können.

Unterdessen sehen sich die Länder, in denen die Zuhälterei legal ist, nach wie vor mit Problemen konfrontiert, die den Menschenhandel und das organisierte Verbrechen im Zusammenhang mit der Prostitution betreffen. Deshalb wird in diesem Bericht das „Nordische Modell“ unterstützt, und die Regierungen der Mitgliedstaaten, die beim Umgang mit der Prostitution einen anderen Ansatz verfolgen, werden aufgefordert, ihre Rechtsvorschriften vor dem Hintergrund der Erfolge in Schweden und in den anderen Ländern, die dieses Modell angenommen haben, zu überprüfen. Auf diese Weise könnten erhebliche Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter in der Europäischen Union erzielt werden.“ [21]

Und etwas, was ganz wichtig ist, erwähnt das EU-Parlament hier auch noch, weil seitens der Prostitutionslobby immer argumentiert wird, man würde Prostituierte mit einem Sexkaufverbot stigmatisieren. Nein, das ist falsch:

Dieser Bericht ist nicht gegen Frauen gerichtet, die als Prostituierte arbeiten. In dem Bericht wird gegen die Prostitution, aber zugunsten der Prostituierten argumentiert. Mit der Empfehlung, dass der Käufer – d. h. der Mann, der Sex kauft – als der Schuldige betrachtet wird, und nicht die Prostituierte, stellt dieser Bericht einen weiteren Schritt auf dem Weg zur vollständigen Gleichstellung der Geschlechter in der gesamten Europäischen Union dar.“ [22]

Auch der Europarat nimmt 2014 in einer Resolution Stellung:

„consider criminalising the purchase of sexual services, based on the Swedish model, as the most effective tool for preventing and combating trafficking in human beings;… (zu deutsch: betrachtet die Kriminalisierung des Kaufs von sexuellen Diensten, basierend auf dem schwedischen Modell, als das wirksamste Instrument zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels;…)

if they have legalised prostitution:

raise general public awareness of the need to change attitudes towards the purchase of sexual services and to reduce the demand… (zu deutsch: wenn Prostitution legal ist, schärfen sie das Bewusstsein der Menschen, die Einstellung im Hinblick auf den Kauf von sexuellen Dienstleistungen zu ändern und die Nachfrage zu reduzieren…) “ [23]

Warum die Freier bestrafen und nicht die Prostituierten? Sie sind in der Lage zu entscheiden, sie haben immer die Wahl zu kaufen oder zu gehen. Sie sind immer frei, während der Großteil der Prostituierten diese Wahl, zu gehen oder sich zu prostituieren, nicht hat.

Wenige reden über Freier, darüber, wie Prostitution, egal ob gezwungen oder freiwillig, in der größten Mehrheit stattfindet. Es ist aber wichtig, sich auch auf die Freier zu fokussieren, denn letztlich sind sie es, die die Prostituierten im Zimmer brechen.

Ich habe sehr lange in einem Bordell mit Nachtbetrieb als einzige Deutsche gewohnt, weil ich dort als Prostituierte tätig war, und habe auch viele Zimmergänge mit Freiern und anderen Prostituierten zusammen ausgeführt, auch mit welchen, die keinen Zuhälter hinter sich stehen hatten und wie viele sagen würden, es freiwillig getan haben. Und glauben Sie mir, wenn ich von dem weg gehe was ich selbst am eigenen Körper erlebt habe, werde ich diese Bilder von Verachtung, von Gewalt, von Brutalität der Freier gegenüber den anderen Prostituierten niemals vergessen. Und ich frage Sie: wenn dort eine Frau, zu gepumpt mit Alkohol und oft auch weiteren Drogen, um das ertragen zu können, leblos auf dem Bett liegt und sich zur Verfügung stellt, sich gewaltvoll penetrieren und demütigen lässt, weil sie sich bereits aufgegeben hat und dabei innerlich immer weiter zerbricht, ist das etwas, was man als Gesellschaft zulassen kann, zulassen möchte? Ist das Freiwilligkeit, die man mit Reglementierungen in den Griff kriegt? Ist das vereinbar mit der Menschenwürde?

Bei all der Gewalt, die ich durch Freier erlebt habe, denke ich auch, dass es für viele von ihnen ein Hilfsmittel sein kann, eine Vorgabe vom Gesetzgeber zu haben, dass es nicht in Ordnung ist Sex zu kaufen, denn glauben Sie nicht, dass alle nach so manch einer Gewalttat immer glücklich nachhause gegangen sind. Die meisten Freier haben sich zwar nicht für das Leid der Prostituierten interessiert, es war ihnen schlicht egal und manche von ihnen ergötzten sich noch daran. Allerdings gab es auch solche, die sich nach dem Akt vor dem Spiegel anzogen, hineinblickten und davor erschraken, zu was sie eigentlich fähig sind und was sie hier eigentlich tun. Spiegel Online hat im August einen Artikel über mich veröffentlicht und danach bekam ich viele Mails von Freiern und es gab auch einige Diskussionen. In einigen Beiträgen davon habe ich genau die Art von Freiern wieder erkannt, die damals vor diesem Spiegel standen. In den Kommentaren und Mails schrieben sie mir, dass es ihnen leid tut und dass sie eigentlich immer im Gefühl hatten, dass viele Prostituierte, bei denen sie waren, schrecklich darunter gelitten hätten, sie es als Freier aber nicht wahr haben wollten, sie es sich schön geredet haben, weil überall verkauft wird, dass Prostitution doch ein ganz normaler Beruf sei.

Ich glaube, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft wissen oder ahnen, dass Prostitution in der großen Mehrheit nicht das ist, was ihnen oft verkauft wird. Und ich würde mir wünschen, dass sie das nicht nur im Stillen denken, sondern aufstehen und wie hier in Marburg etwas tun.

Deshalb möchte ich danke sagen an Marburg und allen, die diese Veranstaltung und die Plakataktion ins Leben gerufen und organisiert haben. Vor der Veranstaltung haben wir uns die ganzen RotlichtAus Plakate in der Stadt angesehen und das war wirklich überwältigend, denn diese Plakate sind nicht nur ein Zeichen an unsere Gesellschaft und an die Freier, dass in diesem Bereich eben doch nicht alles in Ordnung ist, sondern sie sind auch ein Zeichen für die sich noch prostituierenden Menschen, die unerträgliches an Leid erleben, dass da draußen jemand ist, der um ihr Leid Bescheid weiß, der sie versteht und versucht, etwas zu verändern, etwas zu verbessern, der hinsieht anstatt wegzusehen, der sie nicht allein lässt – und das gibt Hoffnung!

Unbenannt

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Fußnoten:

[1] http://www.no-loverboys.de/loverboys/wer-ist-ein-loverboy/

[2] siehe Fußnote 1

[3] https://www.polizei-dein-partner.de/nc/themen/internet-mobil/detailansicht-internet-mobil/artikel/die-loverboy-methode.html

[4] siehe Fußnote 3

[5] https://www.polizei-dein-partner.de/nc/themen/internet-mobil/detailansicht-internet-mobil/artikel/die-loverboy-methode.html?tx_ttnews[sViewPointer]=1

[6] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 132/133

[7] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 115

[8] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 116

[9] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 117

[10] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 117/118

[11] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 118

[12] https://www.kriminalpolizei.de/ausgaben/2011/juni/detailansicht-juni/artikel/rotlicht-und-organisierte-kriminalitaet.html

[13] siehe Fußnote 12

[14] Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht, dtv, 17. Auflage 2016, S. 121

[15] https://liebe-ohne-zwang.de/

[16] https://www.bka.de/DE/IhreSicherheit/RichtigesVerhalten/VerdachtDesMenschenhandels/verdachtDesMenschenhandels_node.html

[17] Verliebt, verführt, verkauft /Reportage & Doku/ https://www.youtube.com/watch?v=HeYSSyeAujc

[18] BeckOK StGB/Valerius, 35. Ed. 1.8.2017, StGB § 232 Rn. 41-45

[19] http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/090/1809095.pdf

[20] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FNONSGML+TA+P8-TA-2016-0227+0+DOC+PDF+V0%2F%2FDE

[21] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2F%2FEP%2F%2FTEXT+REPORT+A7-2014-0071+0+DOC+XML+V0%2F%2FDE, https://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P7-TA-2014-0162+0+DOC+XML+V0//EN

[22] siehe Fußnote 21

[23] http://semantic-pace.net/tools/pdf.aspx?doc=aHR0cDovL2Fzc2VtYmx5LmNvZS5pbnQvbncveG1sL1hSZWYvWDJILURXLWV4dHIuYXNwP2ZpbGVpZD0yMDcxNiZsYW5nPUVO&xsl=aHR0cDovL3NlbWFudGljcGFjZS5uZXQvWHNsdC9QZGYvWFJlZi1XRC1BVC1YTUwyUERGLnhzbA==&xsltparams=ZmlsZWlkPTIwNzE2

Warum Aufklärung so wichtig ist

Sehr oft sind junge Menschen besonders gefährdet, wenn es darum geht, in die Prostitution abzurutschen. Häufig sind es junge Frauen, die ihre erste Liebe in einem Zuhälter finden – so wie ich es auch tat – und dieser sie dann in die Prostitution führt.

Und hier stellen sich für diese (manchmal nicht nur) jungen Menschen Fragen: wie weit sollte man für Liebe gehen? Was muss man für Liebe opfern? Ist es normal, für die (gedachte) Liebe seines Lebens alles in seiner Macht Stehende zu tun, weil es sonst ein Verrat an dieser Liebe wäre? Und was passiert, wenn Menschen einem glaubhaft machen möchten, dass es normal ist, sich für die Liebe zu ihnen aufzuopfern – es sei schließlich normal Menschen zu helfen, die in Not sind und die man liebt – gehört das zur Liebe dazu?

Wo lernen vor allem junge Menschen diesbezüglich die Grenzen kennen, wenn sie keine Vorbilder haben? Wie weit kann man gehen? Wie weit sollte man für Liebe gehen?

„Es ist doch selbstverständlich, wo die Grenzen liegen und was man für Liebe sicher nicht tut!?“ – Nein, es ist eben nicht selbstverständlich.

Wer sich nicht in einer Umgebung aufhält, die es einem vorlebt – woher soll man es denn wissen?

Und wo im Alltag lernen diese jungen Menschen mit der Thematik umzugehen?

In der Schule? Wahrscheinlich leider eher nicht.

Es ist ein Thema, was mich beschäftigt.

Nicht nur wegen meiner eigenen Geschichte, sondern weil ich es im Alltag erlebe. Ein junges Mädchen aus meinem Bekanntenkreis kam letztens auf mich zu und sagte mir, ihr Freund wolle einen Schritt weiter gehen (= er wollte Geschlechtsverkehr) und als sie gesagt habe, dass sie dazu nicht bereit sei, habe er sich nicht mehr gemeldet und sie noch beschimpft als sie nachhakte, was sie falsch gemacht hätte. Sie fragte mich daraufhin, ob sie es tun müsse. Ob sie diesen Schritt, den er verlange, gehen müsse. Ob es NORMAL SEI, dass man sowas tut. Dem anderen zuliebe. Sie dachte, dass sie etwas falsch gemacht hätte, indem sie ihm mitteilte: Nein, ich bin noch nicht soweit.

Natürlich habe ich ihr gesagt, dass sie das nicht tun muss und genau richtig reagiert hat. Was nun, wenn sie jemanden gefragt hätte, der sie nicht in ihrer Absage unterstützt sondern Verständnis für den Jungen geäußert hätte? Was, wenn sie mehrere Menschen getroffen hätte, die Verständnis für den Wunsch des Jungen aufgebracht hätten? So wie ich es von vielen Jugendlichen in Bezug auf dieses Thema her kenne, weil ihnen selbst vermittelt worden ist, dass es normal sei. Wäre sie labil gewesen, hätte sie vielleicht mit dem Jungen geschlafen, weil sie gedacht hätte, dass ihr Wille, es noch nicht tun zu wollen, nicht normal sei. Wäre es dann für sie Alltag geworden gegen ihren eigentlichen Willen mit diesem Jungen Geschlechtsverkehr zu haben? Und wie weit ist das entfernt davon auch andere Dinge gegen seinen eigentlichen Willen zu tun, zum Beispiel sich zu prostituieren, weil einem eingetrichtert wird, dass es normal sei das für Menschen zu tun, die man liebt, die in Geldnot sind?

Es ist überhaupt nicht weit voneinander entfernt – sondern eine gefährlich nahe Parallele.

Nachdem ich einige Zeit lang meinen damaligen Zuhälter im Internet als „normalen“, soliden Mann kennen– und liebenlernte, er zu meiner einzigen Bezugsperson geworden war, fing er irgendwann an mir langsam zu vermitteln, dass es normal sei sich zu prostituieren. Je mehr ich mich verliebte, desto mehr Druck übte er aus. Ich hatte auch mein erstes Mal mit ihm. V.a. nachdem ich in den Schulferien in einem Flat-Rate-Club, den er vermittelte, angeschafft und ihm das ganze Geld gegeben hatte, konnte er sich relativ sicher sein, dass ich ein guter Fang war. Ich hatte große Probleme zuhause, von denen er wusste. Ich zog zu ihm (und übrigens auch seinen 2 weiteren Frauen) in der Absicht von zuhause endlich wegzukommen, in dem Glauben, dass er mich liebte, allerdings dachte ich nicht daran, dass das Ganze mit der Prostitution dann ausarten würde – dass ich nur noch anschaffen ging für ihn und seine Schulden. Das hatte ich nicht im Blick, aber es entwickelte sich so. Die Schule brach ich ab, weil ich dieses Doppelleben nicht führen konnte. Und dann fing alles so richtig an.

Tag für Tag, Nacht für Nacht in irgendeinem Bordell zu stehen, meinen Körper zu verkaufen um ihn aus seiner finanziellen Lage zu „retten“.

Ich hatte kein Leben, ich lebte nur dafür Geld für ihn ranzuschaffen – es wurde Normalität. Ohne physischen Zwang – es stand psychischer Druck hinter der Sache. Angst. Nach dem Schulabbruch auch große Ausweglosigkeit. Für mich war es eine alternativlose Lage. Ich lebte in dem Glauben, irgendwann würde alles gut werden, ich wurde in diesem Glauben gehalten, doch seine Schulden nahmen kein Ende. Es wurde nicht gut, es wurde schlimmer. War das eine Problem und die eine Rechnung weg, kam das Nächste. Seine anderen beiden Frauen konnten nicht (mehr) arbeiten. Dieses Zusammenleben war zudem eine große Katastrophe… was auch der Grund dafür war, dass ich irgendwann nur noch im Club geschlafen und gewohnt habe. Da hatte ich wenigstens nach der „Arbeit“ meine Ruhe. Je mehr ich in dieses Leben „Rotlichtmilieu“ reinschlitterte, desto mehr Milieu-Kriminalität bekam ich mit – und desto problemloser „funktionierte“ ich, weil ich mitbekam, was mit Prostituierten passieren kann, wenn sie gegen den Strom schwimmen. Oft erträgt man Dinge, weil man Angst davor hat, was passiert, wenn man sich anders verhält. Man wird unterdrückt, eingeschüchtert, macht weiter, schweigt…

Und unabhängig davon weiß ich heute natürlich, dass es nicht normal ist sich für jemanden, den man liebt, anzufangen zu prostituieren – auch nicht, wenn dieser jemand vorgibt in einer Notlage zu sein. Nichts kann es rechtfertigen, dass man sich selbst für einen anderen Menschen so zerstören muss.

Heute frage ich mich, wie völlig realitätsfremd und wahrnehmungslos ich damals war. Doch als ich ihn kennenlernte gab er mir alles, wonach ich mich sehnte, was ich zuhause vermisste. Vor allem Liebe – aber es war gespielte Liebe. Erst als er mich um den Finger gewickelt hatte und ich ihm sicher war (nach dem Umzug zu ihm), ließ seine Zuneigung drastisch nach. Plötzlich war ich nicht mehr seine Prinzessin, plötzlich sagte er nicht mehr, dass er mich liebt und verhielt sich auch nicht mehr so.

Es war mir lange nicht möglich mich aus diesem Leben zu befreien. Ich hatte anfangs nicht realisiert, was da eigentlich passierte. Es war alles so komplett unwirklich. Und als ich es dann tat, war ich schon so tief in diese ganzen Sachen verstrickt, dass ich mir völlig hilflos vorkam. Als ich komplett in diesem Leben war, nach dem Umzug zu ihm, hatte ich auch Angst, empfand große Unsicherheit, kam mit Milieu-Kriminalität in Berührung. Ich war gefangen in diesem Leben. Wohin sollte ich? Zurück an den Ort vor dem ich geflohen war? Diese ersten Male in dem Flat-Rate-Club mit den vielen Männern haben auch etwas in mir ausgelöst, weswegen ich psychisch überhaupt gar nicht mehr in das andere Leben zurückkonnte. Ich war da in etwas reingeraten, was ich bisher nur aus schlechten Filmen kannte – mit dem Unterschied, dass es real war. Wenn man beginnt als Prostituierte zu „arbeiten“ hat man bereits wenig Selbstwert, in der Prostitution verliert man seinen Selbstwert ganz – man wird von Freiern gedemütigt, erniedrigt, benutzt und als Fußabtreter behandelt. Man fühlt sich immer wertloser, man glaubt immer weniger daran ein Leben und Hilfe zu verdienen, weil man nur etwas ist, was am allerletzten Rand der Gesellschaft steht. Das Flat-Rate-Bordell ist die Spitze der Demütigung. Einen Ausweg aus dieser Situation, so wie ich sie vor mir hatte, sah ich nicht. Ich war bereits isoliert von jeglichem Kontakt außerhalb, es war ein surreales Leben.

Und ich bin mir sicher, dass es da draußen viele (junge) Menschen gibt, die genauso instabil sind, gebrochen sind, niemanden zum Reden haben, allein sind, aus welchen Gründen auch immer, und die anfällig auf so eine Masche sind. Auf eine Masche, die einen in die Prostitution treibt. Nicht umsonst gibt es immer mehr von diesen „Loverboy-Fällen“.

Deshalb braucht es Aufklärung in dieser Hinsicht – und zwar in allen erdenklich möglichen Bereichen!

Früher hatte ich niemanden, der mir sagt, wie Liebe funktioniert, wie weit man für die Liebe zu einem Menschen gehen muss oder nicht. Ich hatte nur ihn, meinen Zuhälter, der mir sagte, für Liebe müsse man sich aufopfern. Wortwörtlich teilte er mir irgendwann mit, dass es normal sei, sich für jemanden kaputt zu machen, den man liebt – das hätten auch schon andere vor mir für ihn getan.

Das war der Zeitpunkt, wo ich angefangen habe mich aus diesem Lügensystem langsam zu lösen… was einfach klingt, es wie oben erwähnt aufgrund der weiteren Umstände aber leider nicht war.

Ich will nicht beurteilen, was andere Menschen darüber denken, aber ich persönlich würde niemals wollen, dass sich eine Person, die ich liebe, prostituiert (ich möchte auch nicht, dass sich überhaupt jemand prostituieren muss!). Niemals. Ich würde diesen Menschen, seine Nähe, seine Persönlichkeit, unter keinen Umständen teilen wollen. Und was noch wichtiger ist: ich möchte diesen Menschen nicht verletzen und auch nicht, dass er verletzt wird. Ich möchte, dass dieser Mensch glücklich ist und heil bleibt. Und ein Mensch in der Prostitution bleibt nicht heil, ist nicht glücklich, wird tagtäglich in seiner Seele verletzt. Ein Mensch wie mein Zuhälter einer war, der regelmäßig in den Club kommt und sein Geld abholt während er sieht, wie ich mit dem nächsten Freier auf Zimmer gehe, immer und immer wieder, liebt einen ganz klar nicht. Viele dieser Zuhälter sind auch schon so taub von ihren Gefühlen her, dass sie gar nicht mehr lieben können, weil das Leben im Milieu vorraussetzt, dass man nichts fühlt, dass man kein Mitleid hat, dass man skrupellos ist – sonst überlebt man nicht lange dort. Viele von ihnen können keine Empathie mehr in der Form empfinden, in der „normale“ Menschen es tun. Sie sind komplett abgestumpft. Das allerdings rechtfertigt nicht ihr Handeln, es erklärt nur teilweise, wie Menschen zu so etwas fähig sind.

Alle diese Dinge sind mir jedenfalls heute bewusst. Damals in der Prostitution war ich lange gefangen in einer großen Luftblase. Und ich hatte Angst mich aus ihr zu befreien und auf dem harten Boden der Tatsachen zu landen. Allein. Mit Nichts. Isoliert von jedem. Isoliert vom Leben. Isoliert von meinen Gefühlen. Ich dachte ich könne in meinem Leben sowieso nichts anderes mehr erreichen. Ich war eine Vollzeitprostituierte geworden, ich war Abschaum, ich war jemand unwürdiges. Ich fühlte mich wie ein Stück Dreck und so ließ ich mich auch behandeln.

Als dieses Mädchen, von dem ich oben berichtet habe, mir die Geschichte mit dem Jungen erzählte, habe ich innerlich gekocht vor Wut, denn ich habe mich daran erinnert, was es für mich bedeutete und vor allem wo es endete, als ich damals von besagtem Mann vermittelt bekam, dass ich etwas tun sollte, was eigentlich gegen meine Gefühle, gegen meinen eigentlichen Willen sprach, aber eben als NORMAL verkauft wurde. Ich war aber nicht nur deshalb wütend, weil dieser Junge sich dem Mädchen gegenüber so verhielt, sondern auch deshalb, weil dieses Verhalten ja irgendwoher kommen muss.

Und es ist doch ganz ehrlich auch kein Wunder, dass heutzutage schon 14-Jährige und noch jüngere Jungs mit Frauen umgehen als wären sie dazu da um ihre Bedürfnisse zu befriedigen – denn wo lernen so junge Menschen das?

Genau. Im Fernsehen. In der Werbung. Auf Plakaten. In Pornos. Und vor allem durch die Liberalisierung von Prostitution und der in unserem Land vorherrschenden Normalität Sex kaufen und immer verfügbar haben zu können. Man(n) darf sich den Zugang zu Körpern, meist weiblichen, kaufen. Was ich im Alltag bemerkt habe ist, dass vor allem heranwachsende, männliche Jugendliche dieses Angebot des käuflichen Sex auf ihre Umgebung übertragen, d.h. wenn ein Mädchen/eine Frau diese „Dienstleistung“ nicht anbietet, ist sie trotzdem in deren Augen „etwas“, woran man sich „bedienen“ kann.

Quasi eine Generalisierung: wenn es in Deutschland so viele Prostituierte gibt, dann muss das wohl an der Natur der Frau liegen und deshalb auch jede nicht-Prostituierte auf irgendeine Art und Weise „so ticken“, was bedeutet, verfügbar zu sein.

Es ist traurig zu sehen und mitzuerleben, dass es so wenig Respekt vor dem Wesen „Frau“ gibt. Keine umfassende Achtung vor Mädchen/Frauen, sondern eine Betrachtung derer als Lustobjekt.

(Junge) Männer lernen nicht, eine Frau wirklich zu respektieren, solange sie durch die Stadt laufen und hinter Glasscheiben sitzende Prostituierte betrachten können in dem Wissen, dass diese jederzeit für sexuelle Dienste verfügbar sind. Wie eine Packung Zigaretten, die man sich einfach aus dem Regal nehmen kann, wenn einem danach ist. Sie lernen, dass eine Frau wie eine Ware gekauft werden darf. Das prägt sich doch enorm in ihr Gesamtbild von Frauen ein. Einen Mann habe ich persönlich noch nie hinter einer Scheibe sitzen sehen – und ich bin schon an etlichen vorbeigegangen (Ausnahmen gibt es bestimmt). Und weil ich gerade von Respekt sprach:

Viele Männer wissen überhaupt nicht, wie man mit Frauen respektvoll umgeht. Ich meine jetzt speziell den sexuellen Bereich. Respekt bedeutet nämlich in dieser Hinsicht auch, dass man sich mit den Bedürfnissen und dem Lustfaktor der Frau beschäftigt. Freier tun das sowieso nicht, denn in der Prostitution geht es für die Frauen nicht um Lust, sondern es geht um einseitige Bedürfnisbefriedigung des Freiers, der sich die Not- oder Zwangslage der Frau zunutze macht. Ich kenne aber einige Frauen, die nie was mit der Prostitution zu tun hatten, und dasselbe Problem mit ihren Männern zuhause haben. Nämlich, dass diese sich gar nicht dafür interessieren wie weibliche Sexualität funktioniert, sondern einseitige Bedürfnisbefriedigung betreiben. Sie interessieren sich nicht, welche Stellen erogene Zonen sind und vor allem wie man diese Stellen RICHTIG berühren sollte – sie beschäftigen sich soviel mit ihren eigenen (Porno-) Bedürfnissen, dass sie oft nicht wissen wie man einer Frau wirklich einen Höhepunkt bescheren kann; sie wissen nicht, auf was es einer Frau in diesen intimen Momenten wirklich ankommt. Oder wollen sie es nicht wissen? Ich hörte dann immer in der Prostitution von Freiern: „Meine Frau zuhause hat keine Lust auf Sex, deshalb komme ich hier her.“ Dann würde ich mich doch vielleicht mal fragen, WARUM die Frau keine Lust hat. Wenn man in 20 Jahren Ehe nur ein paar Mal einen Höhepunkt erlebt, ist das doch verständlich. Wer will schon ohne Lust zu verspüren ständig Geschlechtsverkehr haben? Kein Mensch (dazu zählen übrigens auch Prostituierte, die dann trotzdem hinhalten)! Deshalb empfehle ich generell mal jedem männlichen Wesen: weibliche Sexualität (besser) (kennen)lernen! Und das lernt man auf GAR KEINEN FALL dadurch, dass man Pornos schaut!

(Junge) Männer müssen in unserer Gesellschaft (erneut) erlernen, was eine Frau, nicht ist: etwas, was man sich kaufen kann; etwas, was man sich kaufen sollte.

Ich wünsche mir sehr, dass es viel mehr Aufklärung in allen Bereichen gibt, die mit der Thematik „Prostitution“ verknüpft sind, um viele (junge) Menschen vor so einer Erfahrung wie ich und viele andere sie gemacht haben zu bewahren. Und auch um solchen Jungs wie dem Freund dieses Mädchens, von dem ich erzählte, die Chance zu geben zu begreifen, dass sie auf einem falschen Weg sind. Und zuletzt gehört es auch dazu zumindest zu versuchen Menschen durch Aufklärung davor zu bewahren erst überhaupt Täter zu werden. Wenn ich Möglichkeiten zu all dem habe, werde ich mich dafür aktiv einsetzen.

Es gibt so viele Schäden nach einem Leben in der Prostitution, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Man muss versuchen noch besser zu vermeiden, dass solche Schäden entstehen. Junge Menschen sollen die erste Liebe mit all ihren anderen Höhen und Tiefen erleben können. Sie sollen eine Kindheit, eine Jugend haben. Sie sollen nicht die Erfahrung machen müssen, gleich wie ein Objekt zwischen Männern hin – und hergeschoben und benutzt zu werden. Niemand sollte diese Erfahrung machen müssen! Und es sind leider nunmal meistens Männer, ohne dass ich hier jemanden diskriminieren möchte.

Jeder von uns kann irgendeinen Teil dazu beitragen, durch Aufklärung Besserung zu schaffen. Und wenn es nur ein kleiner Teil ist, ganz egal.

„Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun,

können sie das Gesicht der Welt verändern.“

…sagt ein afrikanisches Sprichwort.

Prostitution & Menschenhandel

 

Wo Prostitution ist, ist auch Menschenhandel (zum Zweck der sexuellen Ausbeutung) im Spiel – bei der großen Mehrheit.

Versteckt.

Hinter den Kulissen.

Für die meisten nicht sichtbar.

Doch er ist da.

Ich habe ihn gesehen.

Ich habe gehört.

Oft.

Ich weiß um ihn.

Immer mehr vertreten ist die sogenannte „Loverboy-Methode“, mit der auch ich Erfahrungen gemacht habe.

Ganz gefährlich.

Loverboys sind Männer, die gezielt nach Frauen suchen, vorwiegend nach jungen Mädchen, diesen dann Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten, wobei man über das Wort „ausbeuten“ im Sinne z.B. des § 232 Abs. 1 Nr. 1 bzw. Abs. 2 StGb und des § 181a Abs. 1 Nr. 1 StGb streiten kann. In dem Beitrag, den ich unten verlinkt habe, steht dazu noch, dass diese Loverboys zwischen 18 und 28 Jahren sind – nein, es sind Männer jeder Altersklasse.

Ich habe in meinen Beiträgen bis jetzt nie geschrieben, wie mein Weg in die Prostitution komplett verlaufen ist. Ich habe zwar darüber geschrieben, wie gebrochen meine Persönlichkeit zu diesem Zeitpunkt war als ich in die Prostitution eingetreten bin, aber nie darüber, wie ich dann letztlich überhaupt zu ihr, in das Rotlichtmilieu, kam.

Ich kam dazu durch diese „Loverboy-Methode“.

Diese Methode kann auf ganz unterschiedliche Weise funktionieren und stattfinden.

Wie zum Beispiel kann man u.a. hier nachlesen:

Im Visier haben Loverboys nicht nur junge Frauen und Minderjährige, die in materieller Not leben. Sie suchen vor allem nach Frauen mit geringem Selbstvertrauen, die leicht manipulierbar sind. Nach dem scheinbar spontanen Kennenlernen vor Schulen oder Freizeiteinrichtungen oder immer häufiger im Internet verstärken sie den Kontakt. Die Loverboys geben den späteren Opfern das Gefühl von Bestätigung, Anerkennung und Zuneigung. Verliebt sich eine Frau, schnappt die Falle zu. Der angebliche Freund missbraucht ihr Vertrauen, um sie von ihm abhängig zu machen – mit dem klaren Ziel, sie später sexuell und materiell auszunützen… Quelle

Der Loverboy drängt sich Schritt für Schritt zwischen das Mädchen und dessen soziales Umfeld. Die Bindung an ihn wird immer enger, während Freundschaften und Kontakte zur Familie nach und nach zerbrechen. Diese soziale Isolierung läuft so lange, bis das Mädchen das Gefühl hat, dass ihr neuer Freund der Einzige ist, der es versteht… Quelle

So wie in diesen Zeilen beschrieben lief es im Groben bei mir ab. Ich lernte ihn (ca. 20 Jahre älter als ich) im Internet als junges Mädchen kennen, unter anderem nach jahrelang andauernden familiären Problemen, einem Aufenthalt in der Klinik wegen Magersucht sowie nach selbstverletzendem Verhalten (er kannte diese Umstände), und wurde sein „Fang“. Er vermittelte mir Halt, sagte er würde mich lieben, wurde für mich zu meinem „Retter“, zu meinem Lebensmittelpunkt. Nach und nach kamen seine Schulden ins Spiel, seine darauf basierenden Probleme, usw…  Er wusste, welches Spiel er mit mir spielte. Er war ein „alter Hase“ in diesem Bereich, im Rotlichtmilieu, er war ein Altlude, was ich dann nach und nach rausfand. Ich wurde physisch nicht dazu gezwungen mich zu prostituieren – mein Weg in die Prostitution, mein Weg in das „Leben Rotlichtmilieu“, verlief über emotionale Abhängigkeit ihm gegenüber – er stellte meine einzige Bezugsperson dar -, der Ausübung von psychischem Druck auf mich und Angst.

Es war schwer aus diesem Teufelskreis auszubrechen, weil es verstanden wurde mich in der „Spur“ zu halten. Nach ein paar Jahren war ich irgendwann stärker und konnte aus diesem System ausbrechen.

Über einen sehr langen Zeitraum hinweg habe ich alles Geld, was ich dort in der Prostitution verdiente, abgegeben. Alles. Die Loverboy-Methode ist aufgegangen.

Und schlussendlich ist es doch so, dass es nicht in Ordnung ist, einen Menschen, egal welchen Alters, überhaupt in die Prostitution zu treiben mit dem Ziel an Geld zu kommen. Denn wenn das erlaubt ist steht fest: jemand kann an einer Person Geld verdienen indem er sie dazu bringt sich zu prostituieren, was bedeutet sich (wissenschaftlich bestätigten) traumatischen Handlungen auszusetzen – wie kann es legitim sein, einen Menschen dazu zu bringen sich immer und immer wieder zu traumatisieren um von der Ausbeute davon zu profitieren? Es sollte nicht legitim sein, selbst wenn weniger als 50 % abgegeben werden müssen.

Und eines möchte ich noch sagen:

Der Menschenhandel ernährt sich von der Existenz der Prostitution und er ernährt sich noch mehr von der Legalität von Sexkauf, der den Menschenhändlern einen ausgezeichneten Nährboden für ihr kriminelles Treiben gibt. Denn um diese sehr hohe Nachfrage von käuflichem Sex (wie wir sie in Deutschland haben) zu stillen, braucht es ein sehr breit aufgestelltes Angebot.

Es wird immer gesagt man müsse differenzieren zwischen Prostitution und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung/Zuhälterei – leider habe ich in meinen 6 Jahren in der Prostitution gesehen, dass man größtenteils nicht differenzieren kann, weil es bei der großen Mehrheit fließende Übergänge sind.

Wer Prostitution unterstützt, lässt Menschenhandel zwangsläufig weiter gedeihen.

 

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„Mein Herz blutet wegen all der Opfer, die sich noch unter der Kontrolle von anderen befinden. Jetzt, wo wir die Wahrheit über Menschenhandel wissen, können wir ihm nicht den Rücken zudrehen und so tun als ob dieses Problem nicht existieren würde. Er ist wie Krebs, der sich jeden Tag weiter ausbreitet und mehr wird, und es liegt bei jedem von uns unseren Teil dazu beizutragen das Ganze zu beenden.“

– Nicole, eine Überlebende aus den USA –

 

Mehr zu A21 gibt es hier:

http://www.a21.org/