Loverboy

„Loverboy“-Methode und Sprache

Immer wieder lese ich im Internet, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode beschämt werden. Sie seien dumm, selbst schuld, naiv.

Wer das sagt, erkennt die Täterstrategie und die Gewaltmechanismen dahinter nicht und stellt sich mit dieser Sprache, wenn auch sicherlich oft unbewusst und ungewollt, auf die Seite des Täters, der den Opfern lange eingeredet hat, sie seien schuld daran, wenn ihm etwas passiert, sie seien schuld an dies und jenem. „Loverboys“ sind Menschenhändler. Das ist ein Teil der Täterstrategie: das Opfer beschämen und noch verletzlicher machen, noch mehr schwächen und zwar genau an den Punkten, wo es sowieso schon verletzlich ist.

Wer schwach ist, kann sich noch weniger wehren. Wer gebrochen ist, kann sich noch weniger wehren, was der Grund dafür ist, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode am Anfang oft, wenn der gezielte Beziehungsaufbau abgeschlossen ist (Stadium 1) und die Konfrontation, dass die Frau sich prostituieren soll (Stadium 2), anfängt, gezielt von den Tätern durch sexuelle Gewalt gebrochen werden. Das macht die Betroffenen psychologisch häufig wehrlos, denn sie fühlen sich dreckig und missbraucht und fügen sich – und die Täter wissen das. Es braucht keine 100 Freier um traumatisiert zu werden, es genügt manchmal der Erste, denn es ist ungewollter Geschlechtsverkehr und das hinterlässt tiefgreifende Spuren.

Eine (junge) Frau darf lieben. Eine (junge) Frau darf verletzlich, schwach und vulnerabel sein, denn sie sucht sich ihre Verletzlichkeit und Vulnerabilität nicht aus, sondern befindet sich in einer schwierigen Lebenssituation. Kein Mensch aber hat das Recht, nur weil er wissentlich überlegen ist, in solchen Situationen gezielt emotionale Abhängigkeiten zu erzeugen und die Vulnerabilität des Schwächeren auszunutzen.

Zu lieben ist nicht naiv.
Zu lieben ist keine Blödheit.
Zu lieben ist nicht dumm.
Menschen in Not helfen zu wollen, vor allem solchen, die man liebt, ist eine gute Charaktereigenschaft.

Wer die Liebesfähigkeit und die Hilfsbereitschaft einer solchen (jungen) Frau derart ausnutzt, um sie in die Prostitution zu treiben und auszubeuten, ist erbärmlich.

Es gibt heutzutage in dieser schnelllebigen Welt immer weniger Menschen, die ehrlich und tief lieben können, die selbstlos handeln und hilfsbereit sind, ohne dabei Eigeninteressen zu verfolgen. Wenn man über Menschen spricht, die ehrlich geliebt haben und dafür ausgebeutet wurden, sollte man sie nicht beschämen.

Betroffene der „Loverboy“-Methode, die bei ihren Tätern bleiben, oft wieder zu ihren Tätern zurückkehren, sind genauso wenig schuld an ihrer Ausbeutung wie Opfer häuslicher Gewalt nicht daran schuld sind, dass sie erneut geschlagen werden, wenn sie wieder zu ihrem Täter zurückgekehrt sind. Der Täter begeht die Straftat, nicht das Opfer. Diese Betroffenen befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, sind schwach, von ihren Tätern geschwächt, von der psychischen/seelischen/physischen Gewalt geschwächt, ihrem Wert beraubt worden. Sie fügen sich, weil der Täter gezielt ein Gefängnis in ihrem Kopf erzeugt hat. Und er weiß genau, was er machen muss, damit die unsichtbaren Ketten festgezogen bleiben. Bärbel Kannemann, ehemalige Kriminalhauptkommissarin, die den Verein „No Loverboys“ gründete und unzähligen Betroffenen half, sagte mir, dass bis zu 50 % der „Loverboy“-Betroffenen zu ihren Tätern zurückkehren. Man hilft diesen Frauen nicht, indem man sie beschämt. Man kann ihnen nur helfen, wenn man versucht, den Gewaltzyklus und ihre Verletzungen zu durchbrechen. Diese Betroffenen brauchen unbedingt stabile Hilfe von außen, weil sie es alleine meist nicht schaffen. Man muss dran bleiben, man muss Geduld haben und warmherzig sein, aber es braucht keine Beschämungen, die die Betroffenen nur weiter in ihrem Gewalt – und Ausbeutungszyklus festhalten.

Bist Du selbst betroffen? Kommst Du nicht raus aus diesem Teufelskreis?

Such Dir Hilfe. Du bist nicht alleine. Es gibt Menschen, die Dich und Deine Situation verstehen. Wenn Du nicht weißt wohin Du Dich wenden kannst, zögere nicht und schreib mich an. Ein anderes Leben ist möglich.

Du denkst, es ist zu schwierig Dich von Deinem Täter zu lösen? Du bist vielleicht gerade erst dabei anzufangen zu realisieren, dass die Person, die Dich ausbeutet, eigentlich ein Täter ist und niemand, der Dich wirklich liebt? Du hast Angst, wirst bedroht, bist hoffnungslos? Such Dir Hilfe und schäme Dich nicht. Viele haben aufgrund der engen emotionalen Bindung und Beziehung zum Täter lange kein Opferbewusstsein. Das ist typisch und war bei mir auch so.

Du fühlst Dich nach allem dreckig und denkst, Prostitution sei das Einzige, was Du noch in deinem Leben verdienst? Du denkst, Du bist nicht mehr wert? Prostitution ist nicht das, was Du verdienst, auch wenn es sich für Dich so anfühlt, weil du so viel Schmerz und Demütigung wegen der ganzen sexuellen Akte verspürst, dass Du glaubst, dass dieser Schmerz sowieso nie mehr aufhören wird, auch dann nicht, wenn Du jetzt Hilfe suchst und aussteigst, weshalb Du einen Ausstieg als sinnlos betrachtest und daher weiter in der Prostitution verharrst. Aber Dein Schmerz kann leichter werden, ich verspreche es Dir. Es ist ein langer Weg sich nach diesen Erlebnissen selbst wieder lieben und wertschätzen zu können, seinen Wert und seine Würde wiederzufinden. Es ist ein harter Weg, auf dem man viel Geduld braucht, den es sich aber lohnt zu gehen. Bitte geh ihn. Für Dich. Du verdienst es, wertgeschätzt zu werden. Du verdienst es, wirklich geliebt zu werden. Du verdienst es, würdevoll und liebevoll behandelt zu werden.

Du verdienst ein Leben ohne Gewalt. Du verdienst es, glücklich zu sein.

Meine Kontaktdaten findest du unter „Kontakt“.

Du findest mich auch hier auf Facebook: https://www.facebook.com/sandra.norak89/

Sowie auf Instagram: https://www.instagram.com/sandranorak/?hl=de

Fachtagung „Die Loverboy-Methode“ + Beitrag von Nadine

 

Grenzüberschreitende Fachtagung von Hadassah an der Universität Saarbrücken zum Thema Loverboys am 14.4. ab 10:30 Uhr

Redner/innen:

Prof. Dr. Jens Vogelgesang, Kommunikationswissenschaften der Universität Stuttgart, Deutschland

Linda Terpstra, Leiterin des Schutzhauses fier, Niederlande

Karin Werkmann, Mitarbeiterin von fier, Niederlande

Viviane Wagner, Verantwortliche der Delegation Mouvement du Nid-Moselle, Frankreich

Inge Hauschildt-Schön, Bürgerinitiative Marburg, Deutschland

– Und ich bin auch dabei!

 

Hadasah

Hadasah2

Mehr dazu hier:

http://hadassah.website/


 

Und im Folgenden findet ihr noch einen kleinen Beitrag von Nadine. Sie war Prostituierte und ihr jetziger Freund half ihr aus der Prostitution raus. Sie hat ihre Geschichte in kurzen Abschnitten aufgeschrieben und möchte sie hier teilen. Ich drücke ihr die Daumen für ihr neues Leben – drückt mit! 🙂

 

Prostitution – Ein Job wie jeder andere!? (by Nadine)

Du hattest doch eine schöne Kindheit, nicht!? Du hattest doch alles! Jedes Spielzeug. Du durftest dich immer mit Freunden verabreden. In der Schule hattest du immer die besten Noten.

Ja. Bis zur weiterführenden Schule stimmt das auch irgendwie. Subjektiv betrachtet. Aber ich war einsam. Du hast mir nie gesagt, dass du mich liebst oder hast mich in den Arm genommen.

Du hast gesagt, du willst von zu Hause raus. Das kostet viel Geld Mädchen. Du liegst mir echt am Herzen, aber ich kann mich doch nicht um alles kümmern. Unser neues Leben kostet viel Geld. Du musst schon was machen. Prostitution. Hm? Na los!

Warum muss ich dir so viel Geld geben? Wofür? Ich weiß, dass du mich manipulierst. Du bist so viel älter als ich. Aber ich brauche dich so sehr. Ich habe doch niemand anderen. Bitte verlass‘ mich nicht!

Wieviel kostest du? Warum machst du es nicht ohne? Eigentlich müsstest du für mich bezahlen! Es ist mir egal, ob es dir weh tut – ich habe schließlich bezahlt. Du bist doch nur eine Nutte!

Schämst du dich nicht für dein Verhalten? Ich bin doch trotzdem ein Mensch! Aber irgendwie auch nicht. Ein Stück Fleisch, welches man benutzt. Ich darf keine Empfindungen haben, sonst gehe ich hier kaputt. Irgendwie wäre es egal. Ich bin mir egal.

Du bist so ein wunderbarer Mensch, das habe ich gleich bemerkt. Du kannst das schaffen! Ich helfe dir dabei. Ich liebe dich! Aufrichtig!

Du bist ein toller Mann. Einer von der Sorte, die ich bislang noch nicht kennen gelernt habe. Ich liebe dich auch! Ich fange an wieder Gutes zu fühlen. Aber dadurch fällt mir der Job nur noch schwerer. Ich kann nun nicht mehr ein totes Stück Fleisch sein.

Wie ist Ihr bisheriger beruflicher Werdegang? Was sind Ihre Stärken? Welches Ihre Schwächen? Aha. Prostitution!? Es tut uns sehr leid, aber das können wir als seriöses Unternehmen leider nicht vertreten. Vielen Dank für Ihre Bewerbung.

Das ist nicht fair! Ich habe Abitur. Ich bin hoch empathisch. Ich bin sehr zielstrebig und gut organisiert. Ich kann mich gut durchsetzen und besitze eine persönliche Reife von der andere träumen. Aber ich bin für unsere Gesellschaft nicht mehr tragbar. Eine ewige Hure also!?

 

Kommentar zu Nadines Text:

Hierzu fällt mir vor allem eine Sache für alle Arbeitgeber/innen ein: ein Opfer von sexueller Gewalt durch die Prostitution sollte man nicht ein zweites Mal zu einem Opfer machen, in dem man es für die Gewalt, die es erlebt hat, beschämt und ausschließt. Denkt mal darüber nach und werdet aktiv! Auch ihr könnt als Unternehmer/innen aktiv werden, in dem ihr euch über die Mechanismen der Prostitution informiert und Integrationsprogramme schafft, bei denen ihr beispielsweise genau für solche Betroffenen Praktika oder Arbeitsplätze anbietet. Unsere Gesellschaft, und damit meine ich ALLE, sollte dabei helfen, diese Menschen, die man damals im Stich gelassen hat, wieder zurück ins Leben zu holen!