Jura

Studium geschafft: ich bin jetzt Diplomjuristin (Univ.)

Ab heute ist es offiziell – und ich muss es in die Welt rausschrei(b)en, weil ich mich so freue.

Ich habe das 1. Juristische Staatsexamen bestanden und damit mein Jurastudium abgeschlossen.

Ich bin nun Rechtswissenschaftlerin, Diplomjuristin (Univ.) mit dem Schwerpunktbereich „Strafrecht und Internationales“. Mein Schwerpunkt umfasst u.a.:

StPO-Vertiefung, Praxis der Strafverteidigung, Europäisches und Internationales Straf- und Strafprozessrecht, Völkerrecht AT, Internationale Organisationen, Internationaler Menschenrechtsschutz, Humanitäres Völkerrecht.

Das war ein ganz schön langer Weg bis hierher. Seit 2012 verbringe ich nun damit, Bildung nachzuholen. Erst das Abitur nachholen, das ich wegen meines Menschenhändlers abgebrochen hatte, dann das Jurastudium.

Viele Menschen denken, wenn man den Ausstieg geschafft hat, hat man alles geschafft und dieses Leben hinter sich gelassen. Diejenigen, die von Ausbeutung und Prostitution betroffen waren, die wissen, dass dem nicht so ist. Der Ausstieg bedeutet nicht das Ende dieses Lebens, in dem man war, sondern „nur“ den physischen Ausstieg. Die Erlebnisse aber bleiben, das Trauma belastet und zeigt sich in seiner ganzen Intensität meist erst nach dem Ausstieg.

Während des Jurastudiums habe ich so viele Dinge gemacht mit Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit, dass ich überhaupt nicht weiß, wie ich das alles parallel schaffen konnte. Vor allem die letzten 2 Jahre waren alles andere als einfach. Das Verfahren gegen meinen Zuhälter, viele weitere Sachen… Der plötzliche Tod von Nala an Krebs im Januar 2021 hat mir dann den absolut letzten Rest gegeben. Vom 31.12.20 auf den 01.01.21 ist sie gestorben. Ich halte sehr viel aus, aber im Januar diesen Jahres war ich am Tiefpunkt angekommen. Für das Examen im März 2021 war ich aber verbindlich angemeldet. Ich hatte 0,0 Nerven, aber Nala hätte nicht gewollt, dass ich auf den letzten Metern aufgebe. Ich habe mir erlaubt nach ihrem Tod eine Woche zu trauern und habe mich danach wieder an den Schreibtisch gesetzt von früh bis meist spät in die Nacht hinein und habe für das Examen im März gelernt, meine ganze Trauer unterdrückt. Jeder, der das Juristische Staatsexamen geschrieben hat, der weiß, was dieses Examen bedeutet und wie herausfordernd es ist. Man lernt 4/5/6 (oder noch mehr) Jahre im Studium Jura und am Ende geht es an 6 Prüfungstagen um alles oder nichts. Egal was du vorher geleistet hast in all den Jahren Studium, es zählt nichts davon. Es zählt nur, was du in diesen 6 Tagen im Staatsexamen zu Papier bringst. Hast du gerade eine schlechte Woche oder einen Blackout wegen des ganzen Drucks, interessiert das niemanden. So wie ich das gesehen habe sind knapp 30 % aller Prüfungsteilnehmer/innen in Bayern (ich habe das bayerische Examen geschrieben) aus dem Durchgang im März 2021 dieses Mal leider wieder durchgefallen. Viele werden krank durch das Studium, weil sie dieses „alles oder nichts“ am Ende nicht packen. Ich finde das nicht gut, ich finde das Studium gehört reformiert, denn nicht wenige gehen mit einem Schuldenberg ohne Abschluss aus diesem Studium raus.

Nala war jedenfalls immer bei mir, ich habe einen Teil ihrer Asche in eine (Urnen-)Kette getan und sie um meinen Hals getragen. Auch bei den Prüfungen im März jeden Tag. Ihr könnt die Kette auf dem Bild sehen. Nala fehlt mir sehr. Ihre Lebensfreude, ihre Liebe, ihre Nähe, die Zeit mit ihr, einfach alles. Sie war die treuste und beste Freundin, die ich je hatte. Ohne sie hätte ich all das, all die schweren Jahre, nie geschafft, nie durchhalten können. Sie gab mir Sicherheit und hat mir oft meine Angst genommen. Wenn ich beispielsweise nachts aufgewacht bin und gesehen habe, dass sie ruhig schläft, wusste ich, alles ist ok, niemand ist da und konnte beruhigt wieder einschlafen, denn wenn irgendjemand draußen am Gang oder vor der Türe war, war sie in Wachstellung und hat geknurrt. Zu Beginn des Studiums hatte ich noch stark mit Traumafolgen aus der Prostitution zu kämpfen. Dieses Staatsexamen habe ich vor allem auch Nala zu verdanken, da sie mir immer wieder Kraft und Liebe gab, um weiterzumachen.

Wenn ihr gerade in einer schwierigen Situation oder Lebensphase seid, gebt bitte niemals auf. Auch schwere Wege sollte man gehen, wenn sie in die richtige Richtung führen. Versprecht euch durchzuhalten. Und wenn euch jemand sagt, dass ihr es niemals schaffen werdet, dann macht es trotzdem. Und wenn ihr selbst an euch zweifelt und ihr innerlich denkt, dass ihr es nicht schaffen werdet, dann versucht es trotzdem. Letztlich habe ich in all den Jahren eine Sache gelernt:

der einzige Mensch, dem ihr wirklich vertrauen könnt, der euch wirklich langfristig aus dem Schlamassel ziehen kann, das seid ihr selbst. Durch Durchhalten, harte Arbeit, Geduld mit sich haben, immer wieder aufstehen, wenn man am Boden liegt, immer wieder weitergehen, auch wenn man das Gefühl hat keine Kraft mehr zu haben. Du selbst bist in vielerlei Hinsicht der Weg zu deinem Glück.

Wer viel Gewalt erfahren hat, muss sich oftmals selbst erst wieder finden, zu sich zurückfinden. Oder das eigene Selbst zum aller ersten Mal entdecken – wenn nämlich die Gewalt so früh begann, dass es gar kein Leben ohne Gewalt gab und sich die Persönlichkeit daher gar nicht erst in Richtung Selbst entwickeln konnte.

Nachdem ich länger in der Prostitution und schon davon traumatisiert war, hatte ich manchmal diesen Gedanken: einfacher als sich aus diesem Leben raus zu kämpfen wäre es, mich einfach weiter missbrauchen zu lassen, denn das war, was ich kannte. Das war, was ich konnte. Ja, ihr habt richtig gehört. Das war, was ich „konnte“. Ich wusste damals, dass ich gut darin bin, Schmerzen auszuhalten und diese Form des Missbrauchs über mich ergehen zu lassen. Ich hatte es gelernt. Der Schmerz – äußerlich sowie in mir drin – war mein zuhause geworden. Ich konnte es letztlich ertragen mithilfe von viel Alkohol, mithilfe von Dissoziation. Das, was man nicht sehen konnte, war das Schlimmste – dieser innere Schmerz, in einem Leben festzustecken, in das ich nie eintreten wollte, aber keinen Ausweg mehr sah. Dieser innere Schmerz zu wissen, auch wenn ich es hier jemals raus schaffen sollte in ein anderes Leben, dass es niemals ändern wird, was hier passiert ist, dass es niemals ändern wird, wer mich alles angefasst hat und es daher sowieso schon egal ist, wenn noch weitere Freier hinzukommen, weil nie mehr wegradiert werden kann, was war. Wen interessiert da noch, was kommt? Selbstmordgedanken haben viele Frauen in der Prostitution. Lohnt sich der Ausstieg mit dem Wissen, dass ich sowieso nie mehr ganz „heile“ sein werde? Warum aussteigen, warum all die Kraft aufbringen, wenn der kaputte Mensch sowieso ein kaputter Mensch bleibt? Das habe ich mich im späteren Verlauf gefragt. Wie viele Freier waren es? Ich weiß es nicht, aber es waren Unzählige. Dass ich mich an die meisten Gesichter und Zimmergänge nicht mehr erinnern kann, weil es wie Fließbandarbeit war und ich es meist im halben Delirium gemacht habe, darüber bin ich froh. Leider sind nicht alle Erinnerungen weg.

Der Weg zurück zu mir selbst, der war ein langer.

Meinem Zuhälter würde ich zum Abschluss gerne eine Sache sagen:

Wegen dir habe ich die Hölle durchlebt. Manchmal weiß ich nicht, was schlimmer war: für dich anschaffen gehen oder der (emotionale/seelische) Missbrauch, den du gezielt seit meinem 16. Lebensjahr an mir verübt hast, an einem Menschen, der dich ehrlich und aufrichtig geliebt hat. Was ich mit dir alles mitgemacht habe außer Menschenhandel und Zuhälterei, darüber habe ich noch nie geschrieben. Ist es das, was dich glücklich macht? Andere Menschen zerstören? Wie kann man so jemals seinen Frieden finden? Was geht in einem Menschen vor, dass er so sein kann? Ich habe mein Jurastudium beendet. Du warst der Auslöser dafür, dass ich jetzt Diplomjuristin mit strafrechtlichem Schwerpunkt bin, und ich werde solche wie dich künftig jagen. Das Tattoo auf meinem Rücken ist das letzte Überbleibsel von dir und kommt dieses Jahr auch noch weg. Erst dann fühle ich mich komplett frei. Frei von dir, frei von einem Psychopathen. Als Mädchen und junge Frau hast du mich auf den Boden gedrückt und mich aus dem Leben gerissen, mir meine Träume entrissen, Frauen in die Prostitution getrieben, dort ausgebeutet, und du hast nicht einmal die Courage, später zu deinen Taten zu stehen. Du hast immer von Ehre gesprochen, wenn es um deine kriminellen Freunde ging. Ehre war dir wichtig, heilig. Aber soll ich dir was sagen: du hast keine Ehre. Niemand von diesen Kriminellen hatte je Ehre. Freunde von dir haben Frauen gekauft und verkauft, für die Prostitution. Andere Freunde von dir haben Frauen in die Prostitution geschickt und sie ausgebeutet, so wie du. Früher bin ich immer erstarrt vor Angst und Ehrfurcht, wenn du von Ehre im und rund ums Milieu gesprochen hast, aber die Ehre im Milieu hat nichts mit wahrer Ehre zu tun. All diese Männer, zu denen du mich mitgenommen hast, von denen du erzählt hast, sind nur eines: erbärmliche Gestalten. Sie haben alle keine Ehre. Es ist ein verrückter Kodex, es sind Regeln, es sind Kriminelle. Ehre ist was anderes. Ihr alle beschmutzt das Wort Ehre, wenn ihr es für euch verwendet.

Ich habe Jura studiert, weil ich Gerechtigkeit und wahre Ehre wiederherstellen möchte – nämlich die Ehre von Betroffenen von Ausbeutung, die Menschenhändler und Zuhälter genommen haben. Wahre Ehre haben die betroffenen Frauen, mit denen ich in Kontakt bin sowie auch alle anderen Betroffenen. Ich bin mit Betroffenen in Kontakt, die schwerste Traumafolgen haben, die jeden Tag kämpfen und die so unglaublich stark sind. Sie haben Ehre. Ich habe Jura studiert, weil ich Gerechtigkeit für Betroffene wünsche. Ich liebe Jura. Jura ist mein zuhause geworden. Jura ist meine Antwort an und meine Waffe gegen euch Ausbeuter – für alle Betroffenen.

Ab August werde ich in meiner Eigenschaft als Diplomjuristin als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Universität bei einem Projekt mitarbeiten, das im übertragenen Sinne versucht, die Ehrenhaften aus dem Schatten zu holen, ihnen Gerechtigkeit zu verschaffen, und den Unehrenhaften jeglichen Profit zu nehmen sowie sie zur Rechenschaft zu ziehen. Mehr Informationen hierzu werden folgen.

In Gedenken an meine Nala ein Foto von ihr und ein Lied, das letztlich für jeden ist, der jemanden verloren hat, der ihm wichtig ist.

Gespräch mit Lisa Harmann

Lisa Harmann hat mir ein paar Fragen gestellt:

Sandra Norak* schaffte zum ersten Mal an, da war sie 18. Es sollte sechs Jahre lang dauern, bis sie sich selbst aus dem Sumpf der Prostitution befreien konnte. Heute macht sie sich für das „Nordische Modell“ stark, in dem unter anderem Freier für ihren Besuch bei Prostituierten bestraft werden – und hat dafür ihre Gründe.

Frau Norak, Sie sind Jura-Studentin, 27 Jahre alt, aber Sie sind nicht wie die anderen in Ihrem Jahrgang, denn von 2008 (Edit: 2007) bis 2014 waren Sie in der Prostitution. Wie kam es dazu?

Sandra Norak: Als Schülerin lernte ich im Internet einen „Loverboy“ kennen. Während ich zuhause große Probleme hatte, vermittelte er mir Halt und Liebe und ebnete mir den Weg in die Prostitution.

Wusste Ihre Familie davon?

Norak: Ein paar Leute fanden heraus, dass ich mich prostituierte, aber sie wussten nicht über die wirklichen Umstände Bescheid.

Selbst schuld, sagen einige, wenn man sich auf einen „Loverboy“ einlässt. Was entgegnen Sie ihnen?

Norak: „Loverboys“ sind Männer, die gezielt nach jungen Mädchen oder Frauen Ausschau halten und ihnen Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten. Sie binden sie emotional an sich und erst wenn diese Bindung besteht, kommt die Prostitution ins Spiel, wobei es verschiedene Vorgehensweisen von „Loverboys“ gibt.

Meiner war um die 20 Jahre älter als ich und ein Ex-Fremdenlegionär. Er verherrlichte das Buch „Sun Tsu – die Kunst des Krieges“. Dieses Buch ist ein Kriegsstrategie-Klassiker. Die Autorin und Psychotherapeutin Marie-France Hirigoyen bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, welches das Thema „seelische Gewalt“ behandelt, einige Male auf Sun Tsus Buch indem sie seine Ausführungen über Kriegskunst auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen überträgt und nennt Menschen, die beispielsweise wie mein „Loverboy“ agieren, „die Perversen“. Ihr Buch fand ich erst vor einiger Zeit. „Loverboys“ planen alles von Anfang an. Vor allem junge Menschen sind leicht manipulierbar und sehr gefährdet.

Haben Sie das Gefühl, dass jede Frau auf so einen Menschen reinfallen könnte?

Norak: Nein, es gibt „Push“ – und „Pull-Faktoren“ im Bereich des Menschenhandels, vor allem bei der Migration osteuropäischer Frauen, die in der Prostitution landen. Während Push-Faktoren Menschen in Richtung Prostitution drücken können, wie zum Beispiel Perspektivlosigkeit und Armut, (sexuelle) Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung in der Kindheit, etc., können Pull-Faktoren weiter hineinziehen, wie die „Loverboys“ mit ihren falschen Versprechen oder bei Osteuropäerinnen oftmals das Versprechen eines guten Jobs und eines besseren Lebens in Deutschland. Die „Loverboy-Methode“ ist ein komplexer, durchgeplanter und perfider Isolationsprozess. Im Rotlichtmilieu gibt es regelrechte „Schulen“, um diese Taktik beherrschen zu lernen.

Wie sah denn Ihr Tagesablauf damals aus? Gab es da Routinen?

Norak: Mich prostituieren, essen, schlafen. Ich bekam vom Leben draußen gar nichts mehr mit und verwahrloste immer mehr.

Welche Menschen kamen in diesen sechs Jahren zu Ihnen?

Norak: Alle Möglichen. Freier aus jeder Schicht, jedem Beruf, Behinderte, alte und junge Leute, Ledige, Verheiratete, Singles – wobei die meisten liiert oder verheiratet waren. Erschreckend fand ich die hohe Anzahl an Familienvätern. Ich musste feststellen, dass wir leider in einer sehr verlogenen Gesellschaft leben.

Was war das Schlimmste?

Norak: Die Prostitution an sich ist schlimm. Es gibt keine guten Freier und Escort ist genauso Prostitution und seelenraubend wie jede andere Form der Prostitution. Ich hatte viel mit Prostituierten zu tun und egal welche Form sie gerade ausübten oder welchen Freier sie gerade hatten, sie waren danach immer am Ende.

Wie haben Sie das ausgehalten?

Norak: Erst dissoziiert und dann mit viel Alkohol. Seit Beginn des Jura-Studiums beschäftige ich mich auch sehr viel mit der Psychotraumatologie im Hinblick auf die Prostitution und es ist essenziell, dass Menschen darüber Bescheid wissen, wenn sie über Prostitution sprechen. Die Dissoziation ist ein Schutzmechanismus des Gehirns, eine Abspaltung des Empfindens. Wenn, wie hier, sexuelle Handlungen der Freier unerträglich werden und man physisch nicht weg kann, lässt die Dissoziation einen abschalten. Bewusstsein und Wahrnehmung werden getrübt, man befindet sich in einer Art Trance-Zustand und ist depersonalisiert.

Welche Folgen hatte das?

Norak: Auch wenn Sie dissoziieren, erleben Sie die Situationen natürlich trotzdem. Wenn Sie nun nach den Zimmergängen mit bestimmten Schlüsselreizen wie zum Beispiel dem Parfum des Freiers in Berührung kommen, kann das Flashbacks auslösen. Sie erleben dann vergangene Situationen oder Gefühlszustände wieder und zwar in extremer Stärke. Ich hatte viel mit Panikattacken zu kämpfen. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was mit mir los war. Im Bordell und leider auch in den meisten Beratungsstellen sitzen keine spezialisierten Fachkräfte aus diesem Bereich.

Hatten Sie Hilfe in dieser Zeit?

Norak: Nein, aber ich habe mich auch verschlossen. Das ist ein großes Problem: Die wenigsten Prostituierten trauen sich überhaupt Hilfe zu suchen, weil sie wissen, dass sie so tief unten sind, dass richtige und ernsthafte Hilfe raus aus diesem elendigen Leben leider in unserem Land so gut wie nicht existiert.

Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?

Norak: Nach ein paar Jahren in der Prostitution habe ich angefangen im Bordell mein abgebrochenes Abitur per Fernstudium nachzuholen, machte unbezahlte Praktika um meinen Lebenslauf zu füllen, bekam einen Minijob und letztlich dann einen Vollzeitjob, der mir den kompletten Ausstieg ermöglichte.

Wie ging es Ihnen danach?

Norak: Nicht gut. Ich hatte mit posttraumatischem Stress zu kämpfen und wusste sehr lange Zeit nicht, was da überhaupt mit mir los war.

Sie sagen, im Grunde prostituiert sich niemand freiwillig, wie meinen Sie das genau?

Norak: Ich habe keine Frau gesehen, die in der Prostitution sein wollte. Nun wird oft angebracht, es gäbe ja auch Menschen, die nicht gerne putzen wollen und trotzdem putzen gehen. Das kann man nur ganz und gar nicht vergleichen. Wenn erfahrene Traumatherapeutinnen und Traumatherapeuten über die Folgen von Prostitution sprechen, dann berichten sie von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, die sich nur nach schweren Traumatisierungen entwickeln können. Beim Putzen bekommt man die sicher nicht. In der Literatur über Trauma und Prostitution findet man auch Studien darüber, dass die überwiegende Anzahl an Frauen, die sich freiwillig prostituieren, bereits in ihrer Kindheit diverse Formen von Gewalt erlebten und die Gewalt, wie sie sie dann auch weiter in der Prostitution erfahren, einzig durch die bereits entwickelten Schutzmechanismen aushalten können und dabei aber weiter traumatisiert werden. Hier von Freiwilligkeit zu sprechen ist zynisch. Es geht auch nicht darum, Prostituierte zu pathologisieren, sondern darum zu verstehen, dass Prostitution ein in sich geschlossenes Gewaltsystem ist.

Sie schreiben das Blog „Die Wahrheit über das Leben in der Prostitution“ und gehen mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Warum?

Norak: Ich mag nicht mehr einfach zusehen wie Menschen in der Prostitution jeden Tag systematisch zerstört werden und will das Leid, was ich gesehen habe, nicht mit verantworten. Nichts tun, obwohl man etwas tun kann, bedeutet mit verantworten. Wir haben in unserer Gesellschaft schon viel zu viel Gleichgültigkeitsempfinden in Bezug auf so viele Dinge.

Heute kämpfen Sie für die Abschaffung der Prostitution. Wie engagieren Sie sich?

Norak: Ich schreibe, um zu versuchen, das Thema verständlicher zu machen und bin Mitglied bei „Sisters e.V.“. Ich unterstütze die Kampagne „Rotlichtaus“, denn wir brauchen in Deutschland und noch in vielen anderen Ländern das „Nordische Modell“. Auch das Europäische Parlament hat sich 2014 dafür ausgesprochen. Erfahrungen zufolge ist es zudem das effektivste Mittel gegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Bereits viele Menschen und Organisationen, auch auf internationaler Ebene, stellen sich schon seit einigen Jahren unermüdlich dem Kampf gegen Prostitution und Menschenhandel. Einfach ist dieser Weg nicht, aber es ist ein Weg, den es lohnt zu gehen. Und ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen anfangen ihn zu beschreiten.

*Sandra Norak ist der Name, mit dem sich die Interviewte der Öffentlichkeit stellt. Es ist nicht ihr richtiger Name.

Quelle: