Aufklärung

Aufklärungsarbeit in Schulen

Heute war ich wieder bzgl. Aufklärungsarbeit im Bereich Prostitution und Menschenhandel an einer Schule bzw. wegen Covid-19 wurde das online durchgeführt. Mittlerweile wird vermehrt über die Themen Prostitution und Menschenhandel (insbesondere auch über die Loverboy-Methode) gesprochen, aber trotzdem noch zu wenig. Diese Themen gehören aber flächendeckend in den Schulunterricht, denn es ist die Aufgabe des Staates, Kinder und Jugendliche zu schützen. Diese flächendeckende Aufklärung gibt es leider immer noch nicht.

An das erste Mal Aufklärungsarbeit in der Schule kann ich mich gut erinnern. Ich war so dermaßen nervös, dass ich kurz vorm Weglaufen war. Junge Menschen, die in dem Alter sind, in dem ich damals rekrutiert wurde. Das hat irgendwas in mir ausgelöst und tut es heute noch, wenn ich mit ihnen rede. Ich fühle eine ganz besondere Verantwortung und auch eine Art Verbundenheit, denn sie sind ein noch verletzlicher und ganz besonders zu schützender Teil unserer Gesellschaft. Auch ich gehörte damals zu diesem Teil.

Letztlich ist die Arbeit mit jungen Menschen genau das, was am aller wichtigsten ist und mir viel bedeutet. Sie sind es, die heranwachsen und die neue Generation bilden, die unsere Gesellschaft in Zukunft prägen und formen werden. Wenn jemand langfristig diese Welt verändern kann, auch in Bezug auf die Themen Prostitution und Menschenhandel, dann sind sie es.

Wenn ich mit Jugendlichen und Heranwachsenden ins Gespräch komme, dann kann ich in deren Reaktionen sehen, dass es unmittelbar, jetzt in diesem Moment, etwas bringt, was ich hier tue.

Einmal war ich in einer Klasse, in der ein Junge anfangs vor dem Gespräch sehr auffällig und nervös war. Während der Diskussion hat er sich dann gemeldet und gesagt, dass sein Vater Zuhälter und im Gefängnis war und dass er es total super findet, dass ich aus einer anderen Perspektive darüber berichte. Wie aus einem Wasserfall ist alles aus ihm herausgebrochen. Die Lehrerin schien diese Offenbarungen auch nicht erwartet zu haben. Die Gespräche dort waren sehr locker, wie eine Art Lagerfeuergespräch unter Kumpels, alles auf einer Wellenlänge. Die Schüler und Schülerinnen waren sehr interessiert und bombardierten mich regelrecht mit Fragen – wie nahezu immer, wenn ich an Schulen oder sonstigen Jugendeinrichtungen auftauche und mit diesen ins Gespräch komme.

Dann war ich auch mal ganz oben im Norden Deutschlands an einer Schule. Das hatte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt dort organisiert. Da wurden am Ende meines Vortrags Zettel ausgeteilt, auf die die Schüler und Schülerinnen Fragen schreiben konnten, die sie an mich haben. Somit war das eine Art anonyme Fragestunde, ohne dass sich jemand melden musste. Ich habe dann Zettel um Zettel aus der Box genommen und die Fragen laut vorgelesen und sie beantwortet. Eine Frage davon war, wo man sich Hilfe suchen kann, wenn man sexuell missbraucht wird. Warum solch eine Frage gestellt wird, kann man mutmaßen. Auch diese Frage habe ich laut vorgelesen und beantwortet, denn nun stand die Möglichkeit im Raum, dass ein Schüler oder eine Schülerin hier sexuell missbraucht wird, sich nicht offenbaren, aber eine professionelle Anlaufstelle suchen möchte. Auszuschließen war das jedenfalls bei so einer Fragestellung nicht. Die Lehrerin sowie auch ich waren besorgt und gaben die nötigen Hilfestellungen sowie auch Gesprächsangebote.

Man denkt es nicht, aber nahezu in jeder Schule und Einrichtung, wo ich war, gab es Schnittpunkte zum Rotlicht /Prostitution oder zu sexuellem Missbrauch. Die Teilnehmenden heute waren etwas älter als 15 Jahre, als ich zunächst dachte. Eine davon war als Minderjährige schon in der Prostitution. Dies zeigt sehr gut, dass die Aufklärung früher beginnen muss. Viele denken immer, diese Themen sind so weit weg, aber das sind sie ganz und gar nicht. Sie finden mitten unter uns statt, werden nur häufig leider totgeschwiegen, was Kindern und Jugendlichen nicht hilft, im Gegenteil.

Es braucht hier konstante und offene Gespräche über diese Themen, die auch das Thema Sexualität im Generellen beinhaltet (denn es geht auch darum, seine eigenen Grenzen setzen zu lernen und diejenigen von anderen zu respektieren, aber darüber werde ich mal einen eigenen Text schreiben, denn auch diesbezüglich gibt es breiten Aufklärungsbedarf) sowie auch das Thema sexuelle Gewalt. Dies natürlich alles mit der nötigen Sensibilität, aber sie müssen stattfinden.

Ich sage auch jedes Mal, wenn ich in Schulen oder andere Einrichtungen gehe, dass niemand im Raum bleiben muss und der Raum jederzeit verlassen werden kann (online kann ja sowieso jeder von selbst abschalten), ohne Gründe dafür anzugeben, denn es gibt leider nicht selten Kinder und Jugendliche, die vor allem im nahen Umfeld schon einmal mit sexuellem Missbrauch zu tun hatten und die es schwer triggern kann, was ich über Prostitution und Menschenhandel erzähle, da diese Themen ebenfalls das Thema sexuelle Gewalt umfassen. Dass der Raum jederzeit verlassen werden kann, ohne dies begründen zu müssen, sage ich deshalb ganz am Anfang vorneweg, damit sich niemand als Missbrauchsopfer outen muss, um aus dem Raum gehen zu dürfen. Ich nenne auch nicht den Grund, weshalb ich sage: „Ihr könnt den Raum jederzeit ohne Gründe anzugeben verlassen“, da es ja sonst letztlich ein indirektes Outing wäre, wenn ich sagen würde: „Wenn es euch triggert, was ich hier gleich erzähle, weil ihr selbst oder jemand euch nahestehendes Missbrauch erlebt habt bzw. hat, dürft ihr gerne den Raum verlassen.“ Ich sage anfangs nur, dass das Thema kein gerade angenehmes Thema ist und ich verstehen kann, wenn jemand sich das nicht bis zum Schluss anhören möchte. Sie haben vorher die Wahl, ob sie hören möchten, was ich sage, und sie haben nach Beginn die ganze Zeit die Wahl, das Klassenzimmer verlassen zu können. Wenn dann später jemand den Raum verlässt, so weiß ich sowie die dafür sensibilisierten Lehrer und Lehrerinnen, dass da auch Missbrauchserfahrungen dahinterstecken können. Dass wir das dann wissen genügt, das muss man vorher nicht vor der gesamten Klasse ausbreiten, was letztlich nur bedeuten würde, dem/der Betroffenen die Möglichkeit zu nehmen, den Raum zu verlassen – und zwar aus Angst vor Outing.

Ich werde, wenn ich mit jungen Menschen spreche, nicht mal ansatzweise so detailreich wie hier im Blog oder anderswo und weiß schon, was ich sagen kann und was nicht, sodass die Schwere des Themas nicht zu arg auf dem Magen liegt und ich versuche auch immer es mit einem gewissen Humor an manchen Stellen zu machen. Das Thema ist natürlich nicht lustig, aber ich sehe es dennoch als wichtig an, dass an bestimmten Stellen (nicht an den Falschen!) auch mal geschmunzelt oder gelacht wird, sodass der Ballast nicht zu groß wiegt, denn ich möchte diesen jungen Menschen durch Aufklärung Wissen vermitteln und ihnen damit helfen niemals in dieses Leben abzurutschen, nicht aber möchte ich sie zusätzlich belasten. Manchen kann aber auch das zu viel sein, vor allem dann, wenn sie unmittelbar oder mittelbar selbst mit Missbrauch zu tun hatten und viele Triggerpunkte bestehen, deshalb müssen sie aus dem Raum gehen dürfen ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Das auch als guten Ratschlag für diejenigen, die auch mit jungen Menschen in diesem Bereich arbeiten. Und wenn jemand den Raum verlässt, dann kann er emotional sehr aufgewühlt sein. Lasst denjenigen runterkommen, lasst ihm seine Emotionen, die man oftmals nur gegenüber sich selbst zeigen kann, die vielleicht auch zum ersten Mal oder nach langer Zeit wieder hochkommen, fragt mit hoher Sensibilität nach, ob alles ok ist, ob derjenige sprechen oder eine Hilfestellung möchte. Wenn er es verneint, dann sagt ihm, dass er dennoch jederzeit kommen kann, wenn er es sich anders überlegt. Bedrängt ihn nicht, aber habt ein Auge auf denjenigen. Feingefühl ist ganz wichtig in solchen Situationen.

Dann war ich auch mal in einem psychotherapeutischen Wohnheim der stationären Jugendhilfe. Da saßen wir alle mit Stühlen in einem Kreis zusammen und haben über die Themen Prostitution und Menschenhandel gesprochen. Da hatte ich das Gefühl, ganz besonders aufpassen zu müssen, was ich wie sage und formuliere, um keine Wunden aufzureißen oder zu verursachen. Die waren allerdings schon so „vom Leben gezeichnet“, dass die viel weniger Hemmungen hatten und mir viel direktere Fragen gestellt haben und noch viel mehr wissen wollten. Ein Mädchen stellte mir auch die Frage, wieso sie über all das, was ich erzähle, nicht in der Schule aufgeklärt werden, obwohl das so ein wichtiges Thema ist. Da habe ich ihr gesagt, dass das eine gute Frage ist und ich mich das auch ständig frage.

Auf der einen Seite betitelt man Prostitution als Dienstleistung, auf der anderen Seite möchte keiner so wirklich darüber sprechen, weil es so schambehaftet ist. Die jungen Menschen werden also zwangsläufig in unserer die Prostitution so liberal handhabenden Gesellschaft damit konfrontiert durch Zeitungen, Werbungen, Plakate, Fernsehen, aber mit ihnen reden und aufklären, das kommt viel zu kurz. Aufgeklärt wird viel zu wenig, oft nicht richtig sowie nicht flächendeckend.

Ich war in vielen weiteren Schulen und Einrichtungen und habe immer ähnliche Erfahrungen gemacht: junge Menschen, die zwar erst schüchtern sind, weil das Thema schambehaftet ist, dann allerdings, wenn der Erste anfängt zu fragen, einen mit Fragen bombardieren und gar nicht mehr aufhören möchten darüber zu diskutieren. Es besteht hier ein sehr hoher Gesprächsbedarf, der unbedingt – und das wiederhole ich seit langem – durch professionelle Fachkräfte in der gesamten Bundesrepublik abgedeckt werden muss, die das Thema Prostitution nicht verharmlosen, sondern die in Studien belegte Gewalt auf den Tisch bringen und die Kinder und Jugendlichen davor warnen. Warnen vor Menschenhandel, insbesondere der Loverboy-Methode, aber auch warnen vor der Prostitution und deren Ursachen und Folgen im Gesamten. Warum machen wir sonst Studien über das Thema, wenn wir die Ergebnisse diesbezüglich nicht weitertragen, nicht aussprechen? Und hier geht es vor allem darum, die Ergebnisse gegenüber denjenigen auszusprechen, die jung und daher als vulnerable Gruppe extrem und am meisten gefährdet sind, in dieses Leben und in diese Gewalt abzudriften.

Die meisten Frauen in der Prostitution in Deutschland kommen aus dem Ausland, meist aus Osteuropa wie Rumänien, Bulgarien, aber auch aus Afrika (hier ist der Voodoo-Schwur sehr verbreitet) und anderen Ländern. Mit der Loverboy-Methode werden viele dieser Ausländerinnen (vor allem aus Osteuropa) nach Deutschland gelockt und ausgebeutet. Dabei darf aber nicht übersehen werden: die Loverboy-Methode wird auch an vielen deutschen jungen Mädchen und Frauen angewandt, also Menschenhandel innerhalb Deutschlands. Letztere Vorgehensweise unterscheidet sich im Detail oft nochmal von der Vorgehensweise der Loverboy-Betroffenen, die vom Ausland hergelockt werden. Die Dunkelziffer ist hoch und ein Grund, warum das Thema unbedingt endlich in alle deutschen Klassenzimmer muss (natürlich auch in die Klassenzimmer in Rumänien, Bulgarien, etc.).

Bärbel Kannemann war fast 40 Jahre Kriminalbeamtin und gründete später den Verein No Loverboys e.V. Sie sagte mir einmal zu dem Zeitpunkt, wo sie das seit 8 Jahren machte, dass sich bis dahin um die 1100 Betroffenen und Eltern bei ihr gemeldet haben. Was ich damals sehr erschreckend fand war, als sie mitteilte, dass fast an jeder Schule, an der sie bisher einen Vortrag hielt, Opfer dabei waren und dass es an einer Schule sogar schon einmal 11 betroffene Mädchen waren. Das vor allem vorkommende Alter grenzte sie von ca. 12-23 Jahren ein.

Ich habe es in meinem vorletzten Text schon geschrieben: junge Menschen haben ein Recht darauf, über die Realitäten von Prostitution und Menschenhandel aufgeklärt zu werden, so dass sie gewarnt sind und sich besser schützen können. Es genügt nicht, nur Geschichte, Mathe, Englisch oder sonst was in der Schule zu lernen, wenn einem das später alles nichts bringt, weil man ins Milieu abgerutscht ist und von sexuellen Gewalterfahrungen kaputt gemacht wurde.

Diese jungen Menschen, die ich bis jetzt in meiner Aufklärungsarbeit kennenlernen durfte, möchten auch darüber sprechen. Sie sind interessiert, wissbegierig und aufmerksam. Diese Erfahrung mache ich jedes Mal erneut.

Unser Staat muss ihnen die Möglichkeit und die Chance geben, sich selbst vor Ausbeutung und Gewalt schützen zu können. Dies können sie nur, wenn sie aufgeklärt sind, die Indikatoren eines Ausbeutungsverhältnisses frühzeitig kennenlernen und daher erkennen können und wenn vor Prostitution an sich gewarnt wird, anstatt diese als „Sexarbeit“ schönzureden und damit die in Studien belegten hohen Gewalterfahrungen in der Prostitution vor den eigenen Kindern zu verschleiern.

Wie ich das immer nur wiederholen kann: diese Themen müssen in den regulären Schulunterricht integriert werden. Aufklärung über Prostitution ist in jeder Gesellschaft wichtig, aber insbesondere in einer Gesellschaft wie der unseren, in der Prostitution als mögliche Option dargestellt wird, da sie hier letztlich alle Jugendlichen anspricht und betrifft, denn die versteckte Botschaft der liberalen Prostitutionsgesetzgebung ist, dass Menschen, zum aller größten Teil Frauen, diesbezüglich grundsätzlich käuflich sind. Zudem geht es bei der Aufklärung auch nicht nur darum, die Mädchen und jungen Frauen vor dem Abrutschen ins Milieu zu warnen, sondern auch darum, Bewusstsein bei den Jungs und jungen Männern zu schaffen, dass Prostitution für die aller meisten nichts mit „Sexarbeit“, sondern mit sexuellen Gewalterfahrungen und Traumatisierung zu tun hat. Es geht hier um wichtige Gewaltprävention.

Warum Aufklärung so wichtig ist

Sehr oft sind junge Menschen besonders gefährdet, wenn es darum geht, in die Prostitution abzurutschen. Häufig sind es junge Frauen, die ihre erste Liebe in einem Zuhälter finden – so wie ich es auch tat – und dieser sie dann in die Prostitution führt.

Und hier stellen sich für diese (manchmal nicht nur) jungen Menschen Fragen: wie weit sollte man für Liebe gehen? Was muss man für Liebe opfern? Ist es normal, für die (gedachte) Liebe seines Lebens alles in seiner Macht Stehende zu tun, weil es sonst ein Verrat an dieser Liebe wäre? Und was passiert, wenn Menschen einem glaubhaft machen möchten, dass es normal ist, sich für die Liebe zu ihnen aufzuopfern – es sei schließlich normal Menschen zu helfen, die in Not sind und die man liebt – gehört das zur Liebe dazu?

Wo lernen vor allem junge Menschen diesbezüglich die Grenzen kennen, wenn sie keine Vorbilder haben? Wie weit kann man gehen? Wie weit sollte man für Liebe gehen?

„Es ist doch selbstverständlich, wo die Grenzen liegen und was man für Liebe sicher nicht tut!?“ – Nein, es ist eben nicht selbstverständlich.

Wer sich nicht in einer Umgebung aufhält, die es einem vorlebt – woher soll man es denn wissen?

Und wo im Alltag lernen diese jungen Menschen mit der Thematik umzugehen?

In der Schule? Wahrscheinlich leider eher nicht.

Es ist ein Thema, was mich beschäftigt.

Nicht nur wegen meiner eigenen Geschichte, sondern weil ich es im Alltag erlebe. Ein junges Mädchen aus meinem Bekanntenkreis kam letztens auf mich zu und sagte mir, ihr Freund wolle einen Schritt weiter gehen (= er wollte Geschlechtsverkehr) und als sie gesagt habe, dass sie dazu nicht bereit sei, habe er sich nicht mehr gemeldet und sie noch beschimpft als sie nachhakte, was sie falsch gemacht hätte. Sie fragte mich daraufhin, ob sie es tun müsse. Ob sie diesen Schritt, den er verlange, gehen müsse. Ob es NORMAL SEI, dass man sowas tut. Dem anderen zuliebe. Sie dachte, dass sie etwas falsch gemacht hätte, indem sie ihm mitteilte: Nein, ich bin noch nicht soweit.

Natürlich habe ich ihr gesagt, dass sie das nicht tun muss und genau richtig reagiert hat. Was nun, wenn sie jemanden gefragt hätte, der sie nicht in ihrer Absage unterstützt sondern Verständnis für den Jungen geäußert hätte? Was, wenn sie mehrere Menschen getroffen hätte, die Verständnis für den Wunsch des Jungen aufgebracht hätten? So wie ich es von vielen Jugendlichen in Bezug auf dieses Thema her kenne, weil ihnen selbst vermittelt worden ist, dass es normal sei. Wäre sie labil gewesen, hätte sie vielleicht mit dem Jungen geschlafen, weil sie gedacht hätte, dass ihr Wille, es noch nicht tun zu wollen, nicht normal sei. Wäre es dann für sie Alltag geworden gegen ihren eigentlichen Willen mit diesem Jungen Geschlechtsverkehr zu haben? Und wie weit ist das entfernt davon auch andere Dinge gegen seinen eigentlichen Willen zu tun, zum Beispiel sich zu prostituieren, weil einem eingetrichtert wird, dass es normal sei das für Menschen zu tun, die man liebt, die in Geldnot sind?

Es ist überhaupt nicht weit voneinander entfernt – sondern eine gefährlich nahe Parallele.

Nachdem ich einige Zeit lang meinen damaligen Zuhälter im Internet als „normalen“, soliden Mann kennen– und liebenlernte, er zu meiner einzigen Bezugsperson geworden war, fing er irgendwann an mir langsam zu vermitteln, dass es normal sei sich zu prostituieren. Je mehr ich mich verliebte, desto mehr Druck übte er aus. Ich hatte auch mein erstes Mal mit ihm. V.a. nachdem ich in den Schulferien in einem Flat-Rate-Club, den er vermittelte, angeschafft und ihm das ganze Geld gegeben hatte, konnte er sich relativ sicher sein, dass ich ein guter Fang war. Ich hatte große Probleme zuhause, von denen er wusste. Ich zog zu ihm (und übrigens auch seinen 2 weiteren Frauen) in der Absicht von zuhause endlich wegzukommen, in dem Glauben, dass er mich liebte, allerdings dachte ich nicht daran, dass das Ganze mit der Prostitution dann ausarten würde – dass ich nur noch anschaffen ging für ihn und seine Schulden. Das hatte ich nicht im Blick, aber es entwickelte sich so. Die Schule brach ich ab, weil ich dieses Doppelleben nicht führen konnte. Und dann fing alles so richtig an.

Tag für Tag, Nacht für Nacht in irgendeinem Bordell zu stehen, meinen Körper zu verkaufen um ihn aus seiner finanziellen Lage zu „retten“.

Ich hatte kein Leben, ich lebte nur dafür Geld für ihn ranzuschaffen – es wurde Normalität. Ohne physischen Zwang – es stand psychischer Druck hinter der Sache. Angst. Nach dem Schulabbruch auch große Ausweglosigkeit. Für mich war es eine alternativlose Lage. Ich lebte in dem Glauben, irgendwann würde alles gut werden, ich wurde in diesem Glauben gehalten, doch seine Schulden nahmen kein Ende. Es wurde nicht gut, es wurde schlimmer. War das eine Problem und die eine Rechnung weg, kam das Nächste. Seine anderen beiden Frauen konnten nicht (mehr) arbeiten. Dieses Zusammenleben war zudem eine große Katastrophe… was auch der Grund dafür war, dass ich irgendwann nur noch im Club geschlafen und gewohnt habe. Da hatte ich wenigstens nach der „Arbeit“ meine Ruhe. Je mehr ich in dieses Leben „Rotlichtmilieu“ reinschlitterte, desto mehr Milieu-Kriminalität bekam ich mit – und desto problemloser „funktionierte“ ich, weil ich mitbekam, was mit Prostituierten passieren kann, wenn sie gegen den Strom schwimmen. Oft erträgt man Dinge, weil man Angst davor hat, was passiert, wenn man sich anders verhält. Man wird unterdrückt, eingeschüchtert, macht weiter, schweigt…

Und unabhängig davon weiß ich heute natürlich, dass es nicht normal ist sich für jemanden, den man liebt, anzufangen zu prostituieren – auch nicht, wenn dieser jemand vorgibt in einer Notlage zu sein. Nichts kann es rechtfertigen, dass man sich selbst für einen anderen Menschen so zerstören muss.

Heute frage ich mich, wie völlig realitätsfremd und wahrnehmungslos ich damals war. Doch als ich ihn kennenlernte gab er mir alles, wonach ich mich sehnte, was ich zuhause vermisste. Vor allem Liebe – aber es war gespielte Liebe. Erst als er mich um den Finger gewickelt hatte und ich ihm sicher war (nach dem Umzug zu ihm), ließ seine Zuneigung drastisch nach. Plötzlich war ich nicht mehr seine Prinzessin, plötzlich sagte er nicht mehr, dass er mich liebt und verhielt sich auch nicht mehr so.

Es war mir lange nicht möglich mich aus diesem Leben zu befreien. Ich hatte anfangs nicht realisiert, was da eigentlich passierte. Es war alles so komplett unwirklich. Und als ich es dann tat, war ich schon so tief in diese ganzen Sachen verstrickt, dass ich mir völlig hilflos vorkam. Als ich komplett in diesem Leben war, nach dem Umzug zu ihm, hatte ich auch Angst, empfand große Unsicherheit, kam mit Milieu-Kriminalität in Berührung. Ich war gefangen in diesem Leben. Wohin sollte ich? Zurück an den Ort vor dem ich geflohen war? Diese ersten Male in dem Flat-Rate-Club mit den vielen Männern haben auch etwas in mir ausgelöst, weswegen ich psychisch überhaupt gar nicht mehr in das andere Leben zurückkonnte. Ich war da in etwas reingeraten, was ich bisher nur aus schlechten Filmen kannte – mit dem Unterschied, dass es real war. Wenn man beginnt als Prostituierte zu „arbeiten“ hat man bereits wenig Selbstwert, in der Prostitution verliert man seinen Selbstwert ganz – man wird von Freiern gedemütigt, erniedrigt, benutzt und als Fußabtreter behandelt. Man fühlt sich immer wertloser, man glaubt immer weniger daran ein Leben und Hilfe zu verdienen, weil man nur etwas ist, was am allerletzten Rand der Gesellschaft steht. Das Flat-Rate-Bordell ist die Spitze der Demütigung. Einen Ausweg aus dieser Situation, so wie ich sie vor mir hatte, sah ich nicht. Ich war bereits isoliert von jeglichem Kontakt außerhalb, es war ein surreales Leben.

Und ich bin mir sicher, dass es da draußen viele (junge) Menschen gibt, die genauso instabil sind, gebrochen sind, niemanden zum Reden haben, allein sind, aus welchen Gründen auch immer, und die anfällig auf so eine Masche sind. Auf eine Masche, die einen in die Prostitution treibt. Nicht umsonst gibt es immer mehr von diesen „Loverboy-Fällen“.

Deshalb braucht es Aufklärung in dieser Hinsicht – und zwar in allen erdenklich möglichen Bereichen!

Früher hatte ich niemanden, der mir sagt, wie Liebe funktioniert, wie weit man für die Liebe zu einem Menschen gehen muss oder nicht. Ich hatte nur ihn, meinen Zuhälter, der mir sagte, für Liebe müsse man sich aufopfern. Wortwörtlich teilte er mir irgendwann mit, dass es normal sei, sich für jemanden kaputt zu machen, den man liebt – das hätten auch schon andere vor mir für ihn getan.

Das war der Zeitpunkt, wo ich angefangen habe mich aus diesem Lügensystem langsam zu lösen… was einfach klingt, es wie oben erwähnt aufgrund der weiteren Umstände aber leider nicht war.

Ich will nicht beurteilen, was andere Menschen darüber denken, aber ich persönlich würde niemals wollen, dass sich eine Person, die ich liebe, prostituiert (ich möchte auch nicht, dass sich überhaupt jemand prostituieren muss!). Niemals. Ich würde diesen Menschen, seine Nähe, seine Persönlichkeit, unter keinen Umständen teilen wollen. Und was noch wichtiger ist: ich möchte diesen Menschen nicht verletzen und auch nicht, dass er verletzt wird. Ich möchte, dass dieser Mensch glücklich ist und heil bleibt. Und ein Mensch in der Prostitution bleibt nicht heil, ist nicht glücklich, wird tagtäglich in seiner Seele verletzt. Ein Mensch wie mein Zuhälter einer war, der regelmäßig in den Club kommt und sein Geld abholt während er sieht, wie ich mit dem nächsten Freier auf Zimmer gehe, immer und immer wieder, liebt einen ganz klar nicht. Viele dieser Zuhälter sind auch schon so taub von ihren Gefühlen her, dass sie gar nicht mehr lieben können, weil das Leben im Milieu vorraussetzt, dass man nichts fühlt, dass man kein Mitleid hat, dass man skrupellos ist – sonst überlebt man nicht lange dort. Viele von ihnen können keine Empathie mehr in der Form empfinden, in der „normale“ Menschen es tun. Sie sind komplett abgestumpft. Das allerdings rechtfertigt nicht ihr Handeln, es erklärt nur teilweise, wie Menschen zu so etwas fähig sind.

Alle diese Dinge sind mir jedenfalls heute bewusst. Damals in der Prostitution war ich lange gefangen in einer großen Luftblase. Und ich hatte Angst mich aus ihr zu befreien und auf dem harten Boden der Tatsachen zu landen. Allein. Mit Nichts. Isoliert von jedem. Isoliert vom Leben. Isoliert von meinen Gefühlen. Ich dachte ich könne in meinem Leben sowieso nichts anderes mehr erreichen. Ich war eine Vollzeitprostituierte geworden, ich war Abschaum, ich war jemand unwürdiges. Ich fühlte mich wie ein Stück Dreck und so ließ ich mich auch behandeln.

Als dieses Mädchen, von dem ich oben berichtet habe, mir die Geschichte mit dem Jungen erzählte, habe ich innerlich gekocht vor Wut, denn ich habe mich daran erinnert, was es für mich bedeutete und vor allem wo es endete, als ich damals von besagtem Mann vermittelt bekam, dass ich etwas tun sollte, was eigentlich gegen meine Gefühle, gegen meinen eigentlichen Willen sprach, aber eben als NORMAL verkauft wurde. Ich war aber nicht nur deshalb wütend, weil dieser Junge sich dem Mädchen gegenüber so verhielt, sondern auch deshalb, weil dieses Verhalten ja irgendwoher kommen muss.

Und es ist doch ganz ehrlich auch kein Wunder, dass heutzutage schon 14-Jährige und noch jüngere Jungs mit Frauen umgehen als wären sie dazu da um ihre Bedürfnisse zu befriedigen – denn wo lernen so junge Menschen das?

Genau. Im Fernsehen. In der Werbung. Auf Plakaten. In Pornos. Und vor allem durch die Liberalisierung von Prostitution und der in unserem Land vorherrschenden Normalität Sex kaufen und immer verfügbar haben zu können. Man(n) darf sich den Zugang zu Körpern, meist weiblichen, kaufen. Was ich im Alltag bemerkt habe ist, dass vor allem heranwachsende, männliche Jugendliche dieses Angebot des käuflichen Sex auf ihre Umgebung übertragen, d.h. wenn ein Mädchen/eine Frau diese „Dienstleistung“ nicht anbietet, ist sie trotzdem in deren Augen „etwas“, woran man sich „bedienen“ kann.

Quasi eine Generalisierung: wenn es in Deutschland so viele Prostituierte gibt, dann muss das wohl an der Natur der Frau liegen und deshalb auch jede nicht-Prostituierte auf irgendeine Art und Weise „so ticken“, was bedeutet, verfügbar zu sein.

Es ist traurig zu sehen und mitzuerleben, dass es so wenig Respekt vor dem Wesen „Frau“ gibt. Keine umfassende Achtung vor Mädchen/Frauen, sondern eine Betrachtung derer als Lustobjekt.

(Junge) Männer lernen nicht, eine Frau wirklich zu respektieren, solange sie durch die Stadt laufen und hinter Glasscheiben sitzende Prostituierte betrachten können in dem Wissen, dass diese jederzeit für sexuelle Dienste verfügbar sind. Wie eine Packung Zigaretten, die man sich einfach aus dem Regal nehmen kann, wenn einem danach ist. Sie lernen, dass eine Frau wie eine Ware gekauft werden darf. Das prägt sich doch enorm in ihr Gesamtbild von Frauen ein. Einen Mann habe ich persönlich noch nie hinter einer Scheibe sitzen sehen – und ich bin schon an etlichen vorbeigegangen (Ausnahmen gibt es bestimmt). Und weil ich gerade von Respekt sprach:

Viele Männer wissen überhaupt nicht, wie man mit Frauen respektvoll umgeht. Ich meine jetzt speziell den sexuellen Bereich. Respekt bedeutet nämlich in dieser Hinsicht auch, dass man sich mit den Bedürfnissen und dem Lustfaktor der Frau beschäftigt. Dass Freier das nicht tun, ist fast schon normal, aber ich kenne einige Frauen, die nie was mit der Prostitution zu tun hatten, und dasselbe Problem mit ihren Männern zuhause haben. Nämlich, dass diese sich oft gar nicht wirklich dafür interessieren wie weibliche Sexualität funktioniert, welche Stellen erogene Zonen sind und vor allem wie man diese Stellen RICHTIG berühren sollte – sie beschäftigen sich soviel mit ihren eigenen (Porno-) Bedürfnissen, dass sie oft nicht wissen wie man einer Frau wirklich einen Höhepunkt bescheren kann; sie wissen nicht, auf was es einer Frau in diesen intimen Momenten wirklich ankommt. Oder wollen sie es nicht wissen? Ich hörte dann immer in der Prostitution von Freiern: „Meine Frau zuhause hat keine Lust auf Sex, deshalb komme ich hier her.“ Dann würde ich mich doch vielleicht mal fragen, WARUM die Frau keine Lust hat. Wenn man in 20 Jahren Ehe nur ein paar Mal einen Höhepunkt erlebt, ist das doch verständlich. Wer will schon ohne Lust zu verspüren ständig Geschlechtsverkehr haben? Kein Mensch (dazu zählen übrigens auch Prostituierte, die dann trotzdem hinhalten)! Deshalb empfehle ich generell mal jedem männlichen Wesen: weibliche Sexualität (besser) (kennen)lernen! Und das lernt man auf GAR KEINEN FALL dadurch, dass man Pornos schaut!

(Junge) Männer müssen in unserer Gesellschaft (erneut) erlernen, was eine Frau, nicht ist: etwas, was man sich kaufen kann; etwas, was man sich kaufen sollte.

Ich wünsche mir sehr, dass es viel mehr Aufklärung in allen Bereichen gibt, die mit der Thematik „Prostitution“ verknüpft sind, um viele (junge) Menschen vor so einer Erfahrung wie ich und viele andere sie gemacht haben zu bewahren. Und auch um solchen Jungs wie dem Freund dieses Mädchens, von dem ich erzählte, die Chance zu geben zu begreifen, dass sie auf einem falschen Weg sind. Und zuletzt gehört es auch dazu zumindest zu versuchen Menschen durch Aufklärung davor zu bewahren erst überhaupt Täter zu werden. Wenn ich Möglichkeiten zu all dem habe, werde ich mich dafür aktiv einsetzen.

Es gibt so viele Schäden nach einem Leben in der Prostitution, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Man muss versuchen noch besser zu vermeiden, dass solche Schäden entstehen. Junge Menschen sollen die erste Liebe mit all ihren anderen Höhen und Tiefen erleben können. Sie sollen eine Kindheit, eine Jugend haben. Sie sollen nicht die Erfahrung machen müssen, gleich wie ein Objekt zwischen Männern hin – und hergeschoben und benutzt zu werden. Niemand sollte diese Erfahrung machen müssen! Und es sind leider nunmal meistens Männer, ohne dass ich hier jemanden diskriminieren möchte.

Jeder von uns kann irgendeinen Teil dazu beitragen, durch Aufklärung Besserung zu schaffen. Und wenn es nur ein kleiner Teil ist, ganz egal.

„Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun,

können sie das Gesicht der Welt verändern.“

…sagt ein afrikanisches Sprichwort.