Atemnot

Über Trauma. Über den Ausstieg.

Über Trauma. Über den Ausstieg.

Ein sehr persönlicher Text. Auf den Bildern seht ihr zwei „Diagnosen“ während meiner Zeit in der Prostitution.

Mein Zuhälter lies nach langer Ausbeutungszeit immer weiter von mir ab, weil ich nicht mehr einträglich war: ich hatte vorher tausende von Euro monatlich gebracht und im Jahr 2011 hatte ich einen Zusammenbruch und massive Probleme in Form von Atemnot, Hyperventilation, Kreislaufproblemen bis hin zum Kollaps. Mein Körper war zu einer Marionette meiner Psyche und meines Innenlebens geworden. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Nach langer Zeit in der Prostitution und sexueller Gewalt und Ausbeutung war ich schwer traumatisiert. Ich war mehrmals in der Notaufnahme und konnte nicht mehr diese Summen bringen, die von mir verlangt wurden. Nicht mehr die Summen, die sich ausgezahlt haben. Ich bin erstmal nur noch in meinem Kellerzimmer im Bordell gelegen und habe vor mich hin vegetiert. Viele Frauen werden solange in der Prostitution ausgebeutet, bis sie kaputt sind. Das ist auch oft mit den Osteuropäerinnen so: man schickt die eine Tochter in die Prostitution und wenn sie kaputt ist, holt man sie zurück und schickt die nächste. Oder man schickt „seine Frau“ in die Prostitution und wenn sie kaputt ist, holt man sich die Nächste, etc. Mein Zusammenbruch war letztlich mein Glück. Der Lösungsprozess startete.

Was wurde mir da in den Notfallzentren gesagt? Ich hätte Panikattacken und Angstzustände, sei in einem „reduzierten Allgemeinzustand“, so steht es auf dem Zettel. Ich solle mich beruhigen. Tief ein – und ausatmen.

Aufenthalt in einer Notfallklinik: 0:52 – 4:00 Uhr. Mitten in der Nacht.

Ich kann mich an diese Nacht gut erinnern. Ich saß da auf der Krankenliege, es war eine kalte Nacht. Ich hatte so starke Atemnot, dass ich ständig das Gefühl hatte zu ersticken, gleich in Ohnmacht zu fallen. Hyperventilierend saß ich vor dieser Ärztin. Ich habe mich so einsam gefühlt und mir war zum Weinen. Aber ich weinte nicht. Ich unterdrückte es. Was ich war, eine Prostituierte, und wo ich gerade herkam, aus dem Bordell, erzählte ich ihr auch nicht. Ich hatte Angst vor Zurückweisung, Angst vor Verurteilung, Angst vor Ablehnung. Dass ich sexuelle Ausbeutung hinter mir hatte und auf dem Weg zum Ausstieg war, mich immer noch mit Freiern konfrontierte und gleich wieder zurück ins Bordell ging, habe ich ihr nicht gesagt. Die Scham war viel zu groß. Ich wollte einfach nur, dass sie mir hilft, wieder Luft zu bekommen, wieder atmen zu können.

Sie versuchte mich zu beruhigen, ich sollte langsam ein- und ausatmen, aber das klappte nicht. Dann wurde mir das „Prinzip der Rückatmung“ mittels einer Tüte erklärt, so steht es auf dem Dokument. Die nur leider auch nicht so richtig funktioniert hat. Die Ärztin wollte mir eine Beruhigungspille geben, wo ich aber noch mehr in Panik geriet und sie begründungslos ablehnte, denn ein Freier hatte mal einer Rumänin und mir eine „Pille“ gegeben. Das war irgend eine Droge, nach deren Einnahme ich eine Nacht lang dachte, dass mein letztes Stündchen geschlagen hätte. Seitdem traue ich keinem Menschen mehr, der mir eine Pille gibt, wenn ich nicht selbst die Verpackung und wo die Pille rausgenommen wird, sehe.

Ich hatte damals keine Ahnung von Trauma. Ich bekam so häufig Panikattacken, keine Luft mehr und dachte oft, ich sterbe gleich. Und manchmal wünschte ich mir auch, dass es endlich vorbei ist, mein Leben, weil ich keine Kraft mehr fühlte, weiterzumachen. Wenn nicht mal mehr Luft bekommen möglich war, wenn nicht mal mehr das Atmen möglich war, wie sollte ich da andere Sachen wie den Ausstieg schaffen? Genauso wie ich mich fühlte in diesem Leben, keine Luft mehr zum Atmen zu haben, genauso reagierte mein Körper.

In einem Befund steht, dass meine Beschwerden mit der Atemnot abends anfingen. Abends kamen die meisten Freier, abends war die schlimmste Zeit. Der „Abend“ hat mich am meisten getriggert.

Panikattacken, keine Luft zu bekommen und dieses Gefühl, oft kurz vor der Ohnmacht zu stehen, das hatte ich sehr lange, auch nach meinem Ausstieg noch bis in die ersten Uni-Semester hinein.

Alles war ein langer Weg.

Ich habe es raus geschafft in ein anderes Leben, aber viele Frauen schaffen es mit diesem liberalen System und den mangelnden professionellen Ausstiegshilfen hier in Deutschland nicht, aus diesem System auszusteigen. Das macht mich traurig und muss sich ändern – schnell.