„Aber es gibt ja auch gute Hells Angels…“

Diesen Satz „Aber es gibt ja auch gute Hells Angels…“ oder ähnliche Sätze höre ich manchmal, was mich dazu veranlasst, heute etwas Kurzes dazu zu schreiben.

Ein Hells Angel, der erzählt, er sei nur ein lieber Junge, der ab und zu auch mal gerne Motorrad fährt, der muss sich die Frage gefallen lassen, warum er das gerade in dieser Gruppierung tut, die in vielen Teilen kriminell und verboten sowie für ihre Rotlicht- als auch Drogen – und Waffenkriminalität bekannt ist.

Wenn ich einfach nur den Charme so einer Zusammenkunft von Menschen genießen möchte, warum suche ich mir dann ausgerechnet die Hells Angels aus? Warum die Bandidos? Warum die United Tribuns? Warum Gremium? Es gibt noch mehr „namenhafte“ Gruppierungen, die vor allem immer wieder im Bereich der Rotlicht, – Drogen, – und Waffenkriminalität, im Bereich der organisierten Kriminalität, auffallen. Und nicht selten behaupten einige von ihnen, sie seien „gute Jungs“, oder werden auch von anderen so dargestellt.

Warum gehe ich nicht woanders hin oder gründe gar meine eigene Gruppe, wenn ich mit dieser Kriminalität so überhaupt nichts zu tun haben möchte? Warum steige ich in Gruppierungen ein, in ein Milieu ein, das für seine Kriminalitätsbereiche bekannt ist, wenn ich ganz sicher niemals Teil dieser Kriminalität sein will?

Warum bleibe ich in einer solchen Gruppierung oder habe sonst mit Menschen dieser Gruppierungen zu tun, in der „Kumpels“ als Mitglieder oder andere Mitglieder sind, die nicht selten Frauen- und Drogenhandel betreiben als auch in Waffenkriminalität involviert sind, ja sogar für diese Verbrechen bekannt sind, wenn ich diese Form von Kriminalität strikt und vollends ablehne?

Um es einmal „soft“ zu formulieren:

Einen „guten“ Hells Angel gibt es zumindest unter jenem Gesichtspunkt nicht: wenn ich mich für eine Gruppierung entscheide, die in vielen Städten und großen Teilen von sehr schwerer (!) Kriminalität geprägt ist und von deren Mitgliedern immer wieder und zwar sehr häufig gezielt und organisiert schwerste Menschenrechtsverletzungen verübt werden, dann sagt nur derjenige wirklich nein zu dieser Kriminalität und kann in diesem Sinne als „gut“ bezeichnet werden, der sich von dieser Gruppierung distanziert.

Der jetzt vielleicht folgende Kommentar wie „schwarze Schafe gibt es überall“, der passt hier absolut nicht, denn diese speziellen Formen der Kriminalität (Frauenhandel, Drogenhandel, Waffenkriminalität) kommen bei den besagten Gruppierungen in großen Teilen oft vor und sind in großen Teilen organisiert und der „Kern ihrer Existenz“.

Ich könnte hier noch mehr schreiben, tue es aber nicht. Ich denke, die Intention dieses Beitrags hier ist klar.

„Kannst du dir noch einmal eine Beziehung mit einem Mann vorstellen?“ Ein Text über mein „Outing“ und warum Prostitution alle Frauen betrifft.

Ich habe gerade sehr viel Arbeit (für das Thema Prostitution) und dann bekam ich wieder folgende Frage:

„Kannst du dir noch einmal eine Beziehung mit einem Mann vorstellen?“

Diese Frage ist ein Dauerbrenner und ich bekomme sie sehr oft, genau genommen seit Jahren. Ich möchte nun kurz in diesem Text einmal darauf antworten, denn es geht hier vor allem auch um zwei grundsätzliche Dinge, die nicht nur mich persönlich, sondern viele andere betreffen.

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Welttag gegen Menschenhandel

Heute ist Welttag gegen Menschenhandel.

Ich möchte heute keinen langen Text darüber schreiben, dass es an ausreichenden Hilfen und Maßnahmen für Betroffene fehlt, denn darüber schreibe und spreche ich ständig.

Heute möchte ich daran erinnern, dass es wichtig ist, nicht nur an diesem einen Tag an Menschenhandel zu erinnern, sondern dass es wichtig ist, jeden Tag daran zu arbeiten, damit es weniger Leid gibt, weniger Betroffene gibt und den Betroffenen besser geholfen werden kann.

Oftmals sieht man in den Betroffenen nur die Betroffenen, nicht den Menschen hinter seiner Geschichte. Es sind meist Menschen, die nicht nur unvorstellbares Leid erlebt haben, sondern auch (Lebens-)Träume hatten, deren Träume durch die Ausbeuter zerstört wurden.

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Die Verantwortung der Medien als „Vierte Gewalt“ im Bereich der Ausbeutung von Menschen in der Prostitution

Foto: Verena Müller

Nach dem Examen wollte ich 2 Wochen bis August eigentlich nichts mehr vom Thema Prostitution hören und von allem komplett Abstand nehmen und abschalten. Leider habe ich jetzt doch keine 2 Wochen Ruhe, sondern sitze an diesem Text hier, denn ich konnte nicht anders als mir die neue ZDFzoom Reportage über Prostitution* anzusehen, in der auch ein kleines Statement von mir gezeigt wurde, möglicherweise um nicht sagen zu können, dass man Kritiker/innen überhaupt nicht zu Wort kommen lässt. Da ich Teil der Reportage bin, sehe ich mich in der Verantwortung, dazu Stellung zu nehmen.

Die Essenz des Films war letztlich folgende Aussage:

durch das Prostitutionsverbot während Corona könne man ja sehen, dass das Nordische Modell keinen Erfolg haben könne.

Bereits zuvor habe ich gemerkt, dass die Autorin des Films in Richtung „Das Prostitutionsverbot während Corona zeige, dass das Nordische Modell den Frauen nur schade“ geht, daher habe ich ihr dazu zwei E-Mails geschrieben, um ihr zu sagen:

Prostitutionsverbot und Nordisches Modell sind zwei komplett verschiedene Gesetzesmodelle und komplett verschiedene Ansätze im Umgang mit Prostitution, die man überhaupt nicht vergleichen kann. Es scheint, als hätte die Autorin des Films die unterschiedlichen Modelle nicht verstanden, denn das Prostitutionsverbot während Corona ist nicht vergleichbar mit einem gut umgesetzten Nordischen Modell, denn bei einem Prostitutionsverbot sind die Frauen kriminalisiert, während sie das beim Nordischen Modell nicht sind und stattdessen Hilfs- und Unterstützungsangebote bekommen.

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Studium geschafft: ich bin jetzt Diplomjuristin (Univ.)

Ab heute ist es offiziell – und ich muss es in die Welt rausschrei(b)en, weil ich mich so freue.

Ich habe das 1. Juristische Staatsexamen bestanden und damit mein Jurastudium abgeschlossen.

Ich bin nun Rechtswissenschaftlerin, Diplomjuristin (Univ.) mit dem Schwerpunktbereich „Strafrecht und Internationales“. Mein Schwerpunkt umfasst u.a.:

StPO-Vertiefung, Praxis der Strafverteidigung, Europäisches und Internationales Straf- und Strafprozessrecht, Völkerrecht AT, Internationale Organisationen, Internationaler Menschenrechtsschutz, Humanitäres Völkerrecht.

Das war ein ganz schön langer Weg bis hierher. Seit 2012 verbringe ich nun damit, Bildung nachzuholen. Erst das Abitur nachholen, das ich wegen meines Menschenhändlers abgebrochen hatte, dann das Jurastudium.

Viele Menschen denken, wenn man den Ausstieg geschafft hat, hat man alles geschafft und dieses Leben hinter sich gelassen. Diejenigen, die von Ausbeutung und Prostitution betroffen waren, die wissen, dass dem nicht so ist. Der Ausstieg bedeutet nicht das Ende dieses Lebens, in dem man war, sondern „nur“ den physischen Ausstieg. Die Erlebnisse aber bleiben, das Trauma belastet und zeigt sich in seiner ganzen Intensität meist erst nach dem Ausstieg.

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Menschenhandel und Trauma-Bonding

Ich habe in zwei Beiträgen bereits explizit über Trauma-Bonding (Trauma-Bindung/traumatische Bindung) im Bereich Menschenhandel geschrieben*, auf der Konferenz der KAS, GGMH und OSCE (ODIHR) am 24.06.2021 habe ich darüber gesprochen (das Video verlinke ich unten) und stelle den Text darüber hier online. Das Thema Trauma-Bonding muss zwingend alle Menschen erreichen, die in diesem Bereich arbeiten, die Gesetze machen, die sich um Betroffene kümmern und vor allem in der Strafverfolgung arbeiten. Hier in Deutschland wird darüber nahezu überhaupt nicht gesprochen. Das ist fatal. Bitte sprecht darüber, klärt darüber auf, nehmt euch diesem Thema an, denn es betrifft so unglaublich viele Betroffene von Menschenhandel. Um ihnen helfen zu können, ist es wichtig, dieses Thema zu verstehen.

Ein sehr wichtiger Schlüsselfaktor, den es bei den nationalen Rechtsrahmen und insbesondere deren Umsetzung zu beachten gilt, ist das Verständnis der verschiedenen Formen des Menschenhandels, der Mechanismen und die Identifizierung von Opfern, was insbesondere auch das Verständnis der individuellen Opfer-Täter-Beziehung bedeutet, die häufig existiert, aber oft nicht gesehen wird. Es gibt verschiedene Formen des Menschenhandels, aber wenn es um den Menschenhandel in Form der Loverboy-Methode geht, „Romeo-Trafficking“, wenn der Menschenhändler der Partner ist, die Familie ist, was sehr oft vorkommt, müssen wir über Trauma-Bonding sprechen.

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High Level Online Side Event – Championing the elimination of trafficking in human beings and the exploitation of prostitution

Heute fand eine wichtige Veranstaltung mit vielen bedeutenden Personen im Kampf gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung statt. Ich war auch dabei und konnte ein paar mir wichtige Dinge einbringen. Unten im Video könnt ihr alles anschauen.

Side event Parallel to 47th Human Rights Council & 79th CEDAW Sessions – Co-sponsored by France, Iceland & Sweden – In cooperation with OHCHR & OSCE/ODIHRIn English – French – Spanish – German

On the occasion of the 47th Regular Session of the Human Rights Council and the 79th Session of the Committee on the Elimination of Discrimination against Women in Geneva, CAP International gathers States, International organisations and Survivors leaders to highlight international human rights law and good practices to eliminate trafficking in human beings and the exploitation of prostitution. Trafficking in human beings and the exploitation of prostitution constitute a serious violation of human rights. Most identified victims are women and girls, their sexual exploitation being the purpose of trafficking is linked to organised crime in most cases. The total number of victims has grown considerably following the unprecedented increase in migration and forced displacement, due to armed conflicts, persecution, human rights violations, and the outbreak of COVID-19. 6 months after the adoption of CEDAW General recommendation No. 38 on trafficking in women and girls in the context of global migration and 2 years after France and Sweden have developed a common strategy for combating human trafficking for sexual exploitation in Europe and globally, this event aims to create a platform to share lessons learned on efforts to eliminate sexual exploitation and to improve cooperation as well as to support advocacy, initiatives and the mobilisation of additional resources.

Hier geht es zum Video:

https://fb.watch/cXZwNaXlgq/

Discouraging the demand that fosters trafficking for the purpose of sexual exploitation

Ein gibt ein sehr wichtiges neues Dokument der OSCE, das den Blick auf die Nachfrageseite richtet und sich mit verschiedenen gesetzlichen Ansätzen in Bezug auf diese Nachfrage auseinandersetzt. Hier vor allem:

  1. Criminalizing the knowing use of services of a trafficking victim
  2. Criminalizing the use of all trafficking victims (strict liability)
  3. Criminalizing all sex buying

Hier geht es zum Dokument: https://www.osce.org/cthb/489388

Ich habe nun auch einen neuen Menüpunkt „Wichtige Dokumente“ angelegt. Ich werde dort nach und nach wichtige Sachen online stellen und verlinken.

Bericht der OSZE – Komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel verstehen

Es gibt einen sehr guten, kürzlich erschienenen, Report von der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa). Er handelt u.a. ebenfalls, passend zu meinem letzten Beitrag über Trauma Bonding, über komplexe Täterbindungen im Bereich Menschenhandel, die zu erkennen und zu durchdringen wichtig sind. Auf der einen Seite, um den Betroffenen da raus zu helfen, und auf der anderen Seite für eine effektive und erfolgreiche Strafverfolgung und Verurteilung.

Folgend Auszüge von diesem enorm wichtigen Bericht:

Gender and the victim/trafficker relationship


In THB cases, the relationship between the victim and the trafficker may be complex. It may involve trauma bonding, familial ties and romantic relationships, and also violence, fear and manipulation. Exploring the trafficking history and, in particular, the gender dynamics of the victim/trafficker relationship is essential for law enforcement to understand the strategies used by the trafficker to exert power and control over the victim, as well as to identify any impediments to the victim cooperating with law enforcement. This can help answer a common question that comes to mind when the criminal justice system faces a victim: “Why didn’t you just run away?” The UN Special Rapporteur on trafficking in persons has underlined that the power imbalance used by traffickers to impose exploitative conditions “has a strong gender component, as women and girls are subject to intersecting discrimination as a consequence of patriarchal social norms.” Understanding the complexity and nature of victim–perpetrator relationships will also make it easier for law enforcement to comprehend a victim’s behaviour, which is sometimes aimed at protecting their trafficker at their own expense.

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Trauma Bonding – ein Text über Täterbindungen speziell bei der Loverboy-Methode

Foto: 2019 war ich in Washington, D.C., und dort im „National Museum of Women in the Arts„. Dort ist das Bild entstanden. Der Text auf dem Bild wurde von mir eingefügt.

Wir kennen sie wahrscheinlich alle: die Geschichten von häuslicher Gewalt, in denen die betroffene Frau bei ihrem gewalttätigen Mann bleibt. Man fragt sich als Außenstehender, der nicht ins Thema eingearbeitet ist: was ist nur los mit der? Warum wehrt die sich nicht? Warum verlässt sie ihn nicht einfach?

Im Bereich der Loverboy-Methode fragen sich auch viele: warum lässt die das mit sich machen, warum gehen die Frauen denn nicht einfach, wenn sie die Möglichkeit dazu haben bzw. nicht irgendwo eingesperrt sind?

Weil es für die Betroffenen nicht so einfach ist, denn wenn es so einfach wäre, dann würden sie sich dem Täter, logischerweise, entziehen.

Warum die Frauen sich nicht befreien können, dafür kann es verschiedene Gründe geben und viele davon greifen häufig ineinander über. Ein nicht selten anzutreffender Grund neben meist weiteren Problemlagen nennt sich „Trauma Bonding“. Dieses Trauma Bonding kommt oft zwischen Menschenhändler/Zuhälter und seinem Opfer vor, meist dann, wenn die Täter die Familie oder die Partner sind. Es ist der Missbrauch von Macht, das gezielte Erzeugen einer Abhängigkeit sowie die Unterdrückung der Person, um sie in die Ausbeutung zu bringen und dort zu halten. Speziell bei unerfahrenen und sehr jungen Mädchen und Frauen ist diese Vorgehensweise „erfolgreich“.

Das Problem: diese Frauen sind häufig zu schwach, um sich zu wehren. Dafür hat der Täter gezielt und strategisch gesorgt.

Stichwort: „Trauma Bonding“

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