Erfahrungen

Prostitution und Frei Werden

 

If you hear the dogs, keep going. If you see the torches in the woods, keep going. If there’s shouting after you, keep going. Don’t ever stop. Keep going. If you want a taste of freedom, keep going.

– Harriet Tubman –

Vor kurzem war ich an einem Ort, der mein Leben stark geprägt hat.

Ich war in meiner größten Leidensstadt.

Ich war in jener Stadt, in der damals mit der Prostitution alles anfing.

Als ich vor ein paar Tagen dort war, zum ersten Mal seit ich aus der Prostitution raus bin, hatte ich einen konfrontationsreichen Tag. Ich fuhr mit dem Zug hin und als ich ausstieg und auf dem Gleis stand fühlte ich sofort diese Verlorenheit von früher. Bereits bei meiner Ankunft an diesem Bahnhof war ich konfrontiert mit jener Atmosphäre der Hilflosigkeit und Verzweiflung, die ich damals verspürte, als ich immer öfter, um von zuhause zu fliehen, nach der Schule am Wochenende mit dem Zug in diese Stadt fuhr, wo mich mein Zuhälter an genau dem Bahnhof abholte, nachdem ich ihn zuvor im Internet kennengelernt hatte. Wo er mich in die Bordelle mitnahm, ich nach und nach in diesem Leben versumpfte. Ich war konfrontiert mit jenem Bahnhof, auf dessen Bänken ich nachts auch geschlafen habe, in dessen Hallen und Eingängen ich orientierungslos umherirrte, Besoffene und Aggressive allgegenwärtig waren.

Ich erinnerte mich auch an den Tag, an dem ich von zuhause ausgezogen bin, zu besagtem Zuhälter zog, in dem Glauben, mein Leben würde besser werden, mein Leid geringer – ich erinnerte mich, wie er mich an besagtem Tag von diesem Bahnhof abholte und auch daran, dass ich Ungewissheit, Zweifel und Angst verspürte, weil ich nicht wusste worauf ich mich einließ – all das aber verdrängte, weil ich keine andere Möglichkeit sah.

Ich erinnerte mich, dass sich mein Leben von diesem Zeitpunkt an drastisch veränderte, ich bald darauf die Schule in der 13. Klasse kurz vor dem Abitur abbrach und Vollzeitprostituierte wurde.

Als ich nun also vor ein paar Tagen in dieser Stadt war, war ich auch im Rotlichtviertel unterwegs (natürlich nicht um zu „arbeiten“), sah besoffene Freier und Prostituierte, die hinter Glasscheiben standen, aus den Fenstern schauten. Ich erinnerte mich dabei an das Leid, welches ich empfand als ich in diversen Clubs als Prostituierte mein Dasein verfristete und unzählige Freier „bediente“ – ja, ich konnte das Leid in dieser Umgebung fühlen, spüren, als wäre es in der Luft. Lauter schreiende Seelen, die verloren sind, die gebrochen sind, die dem Rotlichtmilieu ausgeliefert sind. Am liebsten hätte ich die Frauen eingepackt und mitgenommen, ihnen die Möglichkeit gegeben dieses Gewalt – und Lügensystem zu verlassen und anzufangen ZU LEBEN.

All diese Erinnerungen und Eindrücke waren aufreibend, aber unglaublich wertvoll. Als ich im Zug auf dem Nachhauseweg saß dachte ich viel nach. Über das, was ich in der Prostitution verloren habe. Und darüber, wie viele liebe Menschen ich durch dieses System zugrunde gehen sah – wie viele immer noch zugrunde gehen.

Vor einiger Zeit habe ich schon einmal von einer ungarischen Frau erzählt, einer ehemaligen Prostituierten, die mir sehr geholfen hat. Allerdings ist sie keine ehemalige Prostituierte, weil sie ausgestiegen ist, sondern ehemalig deshalb, weil sie tot ist.

Die unten auf dem Foto abgebildete Kette gab sie mir im Bordell als es mir sehr schlecht ging. Ich habe das Bild noch genau vor Augen. Sie sagte zu mir, die Kette wird auf mich aufpassen. Abergläubisch bin ich nicht, aber eines steht fest: ich hatte gute Schutzengel… Jedenfalls lebte ich jahrelang nur aus Tüten und Koffern, aber diese Kette habe ich immer noch. Sie hat mich durch all die Umzüge und Hindernisse begleitet – und ich muss zugeben: nicht, weil ich während dieses ganzen Theaters besonders gut auf sie geachtet hätte, sondern weil sie irgendwie immer wieder zwischen meinen Sachen aufgetaucht ist. Einige Dinge habe ich an verschiedenen Orten zurückgelassen, weil ich sie nicht transportieren konnte; aber dieses Geschenk ist noch da, auch wenn die Figur vorne dran bereits abgegangen ist.

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Die Kette erinnert mich an all das unertragbare Elend und die schluchtentiefen Abgründe, welche ich in der Prostitution gesehen und erlebt habe. Sie erinnert mich daran, dass mir meistens Menschen halfen, welche selbst nicht viel hatten. Und sie gibt mir Kraft. Für mich hat diese Kette trotz ihres „INRI“-Zeichens keine religiöse Bedeutung, für mich ist sie einfach ein Geschenk einer sehr lieben Frau, die nun im Gegensatz zu mir nicht mehr die Chance hat, ein Leben nach der Prostitution führen zu können. Wenn ich diese Kette anschaue und mich mit ihr zurück erinnere, weiß ich umso mehr, dass es nötig ist, Widerstand gegen das Gewaltsystem der Prostitution zu leisten. Jede Stimme zählt, egal wie laut oder leise, egal wie wirkungsvoll oder nicht – hauptsache es sind Stimmen da und werden immer mehr.

Als ich nach besagtem Stadtrip dann wieder zuhause ankam und meine Haustür aufschloss, glitt mir ein ganz großes Lächeln übers Gesicht, denn meine vier Wände waren da, mein Bett, mein Kühlschrank… – ich habe ein ZUHAUSE, welches ich so lange Jahre nicht hatte. Ich kann SEIN ohne Bedingungen erfüllen zu müssen, ich habe Ruhe, Stille, einen Rückzugsort, den ich zuvor nie wirklich hatte. Einen Platz, an dem ich allein sein und Energie tanken kann. Ich muss nirgends mehr zwischen Besoffenen und Freiern rumirren, muss nachts nicht mehr verloren durch die Straßen laufen, nicht in einem Bordellzimmer schlafen, in dem es noch nach Kondomen, Sperma und Schweiß stinkt.

Ich habe ein zuhause. Und ich freue mich so unglaublich darüber, dass ich diesen Satz 100 Mal aufschreiben könnte.

Es gibt nichts Schöneres und viele Menschen nehmen das für selbstverständlich, doch das ist es nicht.

Es war sehr wichtig, dass ich wieder in dieser Stadt war – als ich diese Region damals verlassen habe, wollte ich nie wieder zurückkommen. Doch manchmal ist es bedeutsam an Orte zurückzukehren, die man eigentlich für immer meiden wollte. Seit meinem Ausstieg und der Erfahrung mit den Pferden habe ich gemerkt, dass es manchmal direkte Konfrontation braucht, dass es essenziell ist, Dinge nicht zu verdrängen, sondern ihnen geradewegs in die Augen zu blicken, auch wenn es in dem Moment schwierig ist oder das Standhalten unmöglich zu sein scheint – denn dieser Weg der Konfrontation ist ein Weg der Authentizität, was bedeutet, ein Weg der Freiheit und Einheit seines Selbst.

Viele Prostituierte sind gefangen – nicht nur in der Prostitution, sondern auch im Leben danach. Sie schämen sich für das, was passiert ist. Sie denken, dass sie und ihre Geschichte etwas Unwertes, etwas Unwürdiges, seien, was man vor der Gesellschaft verbergen muss. Sie leben verdeckt in Angst, so dass möglichst keiner ihre Geschichte rausfindet. Sie wurden in der Prostitution Opfer eines Systems, welches sie ausbeutet, Opfer einer Gesellschaft, welche das zulässt – und wenn sie es denn irgendwann schaffen dieses System zu verlassen, dann bleiben sie weiterhin gebrandmarkt, verstecken sich, müssen aus Angst vor Ächtung lügen und leugnen wo sie waren, können nicht sie selbst sein, deshalb in gewisser Weise das System nie komplett verlassen, obwohl sie physisch draußen sind. Sie bleiben Sklavinnen ihrer demütigenden und tristen Vergangenheit. Sie bleiben unfrei.

Der Prostitution aber zu entkommen, eine derart traumatisierende Odyssee hinter sich zu lassen, nach unzähligen, hunderten, tausenden, zehntausenden Penetrationen von wildfremden Menschen noch aufrecht gehen zu können, denken und fühlen zu können, ist ein Sieg, ein unsagbarer Kraftakt und jede Prostituierte sollte stolz darauf sein können, dass sie diesem System entkommen konnte – und sich nicht für die Gewalt schämen müssen, die ihr widerfahren ist, nicht Sklavin ihrer erlebten Knechtschaft bleiben müssen!

Sie sollte sich zeigen, respektiert und somit frei werden können und zwar als jemand, den man nie in ihr gesehen hat – als Mensch, dessen Würde unantastbar ist!

Das gilt im Übrigen auch für die wenigen Männer, die in der Prostitution tätig sind.

Was mir dieser Tag und vor allem der Aufenthalt im Rotlichtviertel vor allem erneut vor Augen führten war, dass es nötig ist, dagegenzuhalten. Die Verharmlosung, Verherrlichung und Entmenschlichung in der Prostitution nicht hinzunehmen. Es muss aufhören. Dieser Gedanke, Prostitution wäre eine Arbeit, muss aus den Köpfen von noch viel mehr Menschen verschwinden.

Unterstützt diese wunderbare, unten verlinkte, Kampagne. Macht mit, um noch mehr Menschen aufzurütteln, um noch mehr Veränderungen herbeiführen zu können.

Wie Harriet Tubman es sagen würde:

If you want a taste of freedom, KEEP GOING!

#ROTLICHTAUS – Die Dachkampagne gegen Sexkauf

 

 

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Prostitution und die Fähigkeit HINZUSEHEN

 

“I’m not interested in whether you have stood with the great. I’m interested in whether you have sat with the broken.”

Dieses Zitat habe ich schon vor einer Weile im Netz gefunden, ich konnte leider nicht in Erfahrung bringen von wem es stammt, aber mit ihm beginne ich diesen Text zu schreiben.

Es spricht mir aus der Seele. Ab und zu erzählen mir Menschen bei welcher angesehenen Persönlichkeit sie waren und je nachdem von wem sie sprechen, finde ich das super, gebe ihnen ein „Wow“. Allerdings interessiert mich an meinem Gegenüber viel mehr, ob er auch schon Abgründe gesehen hat, mich interessiert wie er Leute behandelt, welche am Limit balancieren. Es sagt viel über einen Menschen aus wie er mit anderen umgeht, die gebrochen sind. Ein ehrliches, liebevolles, den Kampfgeist erweckendes Gespräch mit jemandem, der alles im Leben verloren hat, fasziniert mich mehr als eine Geschichte über vermeintlich „Prominente“ – vielleicht weil ich weiß, wie wenig Menschen existieren, welche jemandem am Abgrund tanzenden wie mir damals zugehört hätten, welche HINSAHEN. Wer setzte sich schon zu uns Prostituierten mit in den Regen als wir gebrochen waren? In Erinnerung habe ich so ziemlich keinen, deshalb empfinde ich jeden, der es tut, als besonderes Geschenk und als Bereicherung für unsere Gesellschaft.

Manchmal sinniere ich darüber, was das Schlimmste für mich in der Prostitution war und ein Gedanke schießt mir dabei immer wieder durch den Kopf: ich war verlassen von meinem Selbst und verlassen von unserer Gesellschaft.

Ein paar Jahre später nun befinde ich mich also in einem anderen Leben.

Als ich anfangs an die Universität kam fühlte ich mich fehl am Platz. Ich betrat die Hörsäle, die verschiedenen, mächtig aussehenden Gebäude der Uni, sah all die edel angezogenen, intellektuell begabten Menschen und dachte an mein kleines schmuddeliges Kellerzimmer im Bordell, in dem ich lange Zeit lebte, dachte an die Räume in anderen Clubs, in denen ich mich prostituierte und danach auf diesen Betten schlief um mich am nächsten Tag weiter mit Freiern zu massakrieren. Dachte an die unzähligen Zimmergänge, die ich ausführte, und daran, dass ich mich niemals edel fühlte. Einmal, es war so ziemlich am Anfang meines Studiums, setzte ich mich in einen großen, leeren Hörsaal und war wie erschlagen von seiner Schönheit. Dieser Raum erstrahlte so mächtig. Wie viel brillantes Wissen muss hier schon durch den Saal geklungen sein, wie wenig Gewalt im Gegensatz zu den anderen Räumen, die ich kannte? Ich saß da inmitten der Stühle, regungslos und aufatmend, zwischen diesen reinen Wänden sitzen zu können. So viele Jahre befand ich mich nur in Bordellzimmern. Auch wenn kein Freier im Zimmer war, waren diese Räume immer dreckig, rochen nach Schweiß, nach benutzten Kondomen. Oft kauerte ich mich nach der „Arbeit“ an Feierabend auf dem Bett zusammen, auf dem ich zuvor mit dem Freier war, ekelte mich, weinte, weil ich keinen Ausweg sah, weil ich dachte, dass alles, was ich jemals in meinem Leben haben werde, ein Leben als Prostituierte sein würde, weil ich immer wieder dagegen ankämpfte diese vermeintliche Realität zu akzeptieren, ich aber nicht wusste, wie ich ausbrechen konnte. Diese widerlichen Zimmer in Bordellen gleichen Gefängniszellen, nein, sie gleichen einem Todestrakt, welcher es Freiern ermöglicht die Prostituierte Stück für Stück zu entmenschlichen bis sie irgendwann aufgrund unaushaltbaren Leids aus dem Leben bricht.

Und warum? Weil Menschen nicht fähig sind besser HINZUSEHEN?

Wir befinden uns momentan in einer tollen Jahreszeit, die Natur erwacht aus dem Winterschlaf, wir spüren die ersten warmen Sonnenstrahlen auf unserer Haut – bald ist Sommer. Ich genieße es durch die Wälder zu streifen, den Wind zu spüren, das Wasser plätschern und den Gesang der Vögel zu hören, liebe Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge; diesen hier habe ich vor ein paar Tagen fotografiert:

Sonnenuntergang

Nicht jeder kann diese Augenblicke genießen, nicht für jeden wird es Sommer werden. Oft sind meine Gedanken bei jenen Frauen, die es nicht schön haben können, die bei Sommerhitze noch den Schweiß der Freier zu den übrigen Körperflüssigkeiten mit dazu abkriegen.

Ich erinnere mich gut an Clubs, in welchen es im Sommer unerträglich heiß und stickig war. Der Grund, warum ich jetzt die Zeit draußen in der Natur vor allem im Frühling und Sommer so arg genieße ist, weil ich jahrelang diese schönen Momente nicht hatte, so wie die meisten Prostituierten sie nicht haben. Die Vögel, die draußen umherflogen, die Blumen, welche anfingen zu blühen, die Gräser, die wuchsen, die frische Luft und die Schönheit der strahlenden Sonne… egal was, wir bekamen nichts mit, weil wir in diesen Clubs hockten und verrotteten – entweder sowieso tagsüber oder aber nachts und uns dann mit Alkohol und/oder Drogen so zu dröhnten um alles auszuhalten, dass wir den darauffolgenden Tag nicht erlebten, sondern stattdessen schliefen, und erst wieder abends aufwachten um weiter zu „arbeiten“. Das Leben, die „Außenwelt“, der Sommer, die Liebe, einfach alles rauschte an uns vorbei. Und selbst wenn wir tagsüber mal rauskamen waren wir derart neben der Spur und so „kopfgefickt“, dass wir keine schönen Dinge wahrnehmen konnten, gar nichts wahrnehmen konnten. Prostituierte verlieren neben ihrer Seele auch das Leben, welches draußen an ihnen vorbeizieht. Sie sehen Kondome, Sperma, Brutalität, Ignoranz, Leid, Geschlechtsteile in allen Variationen – all das ist für sie an der Tagesordnung, all das ist für sie Normalität. Sie erleben nichts Schönes, kennen manchmal gar nichts Schönes.

Und so geht es tausenden von Menschen in der Prostitution hier in Deutschland und auch anderswo. Wer hilft ihnen? Wer steht ihnen zur Seite? Warum SEHEN IMMERNOCH SO WENIG HIN?

Wieder erinnere ich mich an dieses Gefühl der Verlassenheit, ich fühle nicht nur sondern ich weiß, dass Prostituierte weiterhin im Stich gelassen werden – das neue Gesetz reicht nicht aus. Sie können sich größtenteils nicht selbst wehren, sie können nicht allein entkommen, sie sind gefangen in einem Labyrinth, aus dem sie den Ausgang nicht finden.

Sie liegen in einem versifften Bett unter schweißgebadeten Freiern, welche ihnen bewusst oder unbewusst Schmerzen zufügen, welche ihre Persönlichkeit, ihr Inneres, ihr Seelenleben zerstören, sie entzweien, während wir in der Eisdiele sitzen oder gemütlich Cocktails in der Sonne schlürfen und den Sommer genießen.

Wie können wir nur? Wie kann ein menschenrechtsliebendes Land dermaßen kalt und ignorant sein um nicht HINZUSEHEN, dass es Unrecht ist, was hier passiert. Es ist nicht nur Unrecht, was Zuhälter, Bordellbetreiber und Menschenhändler tun, sondern es ist auch Unrecht, was Freier tun. Somit ist es auch Unrecht, dass sie die Möglichkeit bekommen, labile, verzweifelte, verletzliche Persönlichkeiten noch mehr in ein Unglück, in ein weiteres Trauma, zu stürzen, indem sie sie gebrauchen und benutzen dürfen.

Die Frauen machen das ja freiwillig? – Wie oft hört man von Kindern, welche sexuelle Missbrauchserfahrungen erleben, diese Erfahrungen anfangs aber nicht zuordnen können, dass sie stillhalten und es über sich ergehen lassen, auch wenn es sich komisch anfühlt, weil sie denken, es sei normal so, es muss so sein. Ist es deswegen legal ein Kind zu missbrauchen – weil es stillhält und sich nicht wehrt?

NEIN!

Hier ein Auszug aus einem Artikel, in dem ein Missbrauchsopfer spricht – eine sehr traurige Geschichte mit einer tapferen, starken jungen Frau:

Für Lea war nicht viel Zeit – deswegen war sie immer wieder für ­Tage beim Onkel, damals, Anfang der 90er Jahre. Zunächst war Lea gerne dort. Der Onkel las der Fünfjährigen abends Geschichten vor, das machten ihre Eltern nie. Ein studierter Mann, als Mittdreißiger bereits die rechte Hand des Firmenchefs. Aber dann änderten sich die abendlichen Rituale.

Der Onkel fasste sie überall an und gab das als Entdeckungsspiel aus. „Hast du das schon mal gesehen?“ Und: „Schau mal, das machen Erwachsene.“ Er steckte ihr seine Finger in die Scheide. Irgendwann musste sie ihn oral befriedigen.

Es war ihr alles sehr unangenehm, schon wie er sie anfasste. Es war ­irgendwie nicht richtig. Lea verstand das alles nicht. Tagsüber war der ­Onkel nett und nannte sie „meine Prinzessin“, nachts dagegen „du Dreckstück“. Aber vielleicht war es normal, was der Onkel mit ihr machte, und sie musste es durchstehen, um erwachsen zu werden? Sie wollte unbedingt erwachsen werden! Auf keinen Fall wollte sie ins Heim, wie der Onkel androhte, sollte sie etwas erzählen. Hier geht’s zum ganzen Artikel

Nochmal die Frage: ist es in Ordnung einen Menschen sexuell zu misshandeln, weil er sich nicht wehrt, weil er stillhält, weil er denkt, dass es sein muss, dass es vielleicht normal sei?

NEIN! (ich empfehle den kompletten Artikel zu lesen – er ist traurig, aber so unglaublich stark)

Es war für viele Freier ERKENNBAR, dass ich mich dabei schlecht fühlte, dass diese sexuellen Handlungen an mir gegen meinen eigentlichen, wirklichen, Willen sprachen, doch sie fragten nicht, sie interessierten sich nicht, dass ich Schmerzen hatte, Leid empfand – und sie haben es auch bei den anderen Frauen erkannt mit denen ich gemeinsam mit ihnen auf Zimmer war. Sie sahen, dass die Frauen würgten und halb kotzten beim Deep Throat und ihnen Tränen in die Augen schossen, sie beschämt und verzweifelt waren. Sie sahen, dass die Frauen beim Geschlechtsverkehr die Augen zukniffen und ihr Gesicht verzerrten, weil die Freier grob waren – zum größten Teil ignorierten sie unsere Schmerzen (wenn es sie nicht sogar erregte), denn sie hatten ja zu Beginn ein Einverständnis von uns bekommen und damit war für sie alles ok. Sie hatten schließlich in ihren Augen einen ANSPRUCH.

Freier verhalten sich als wären sie im Mängelgewährleistungsrecht eines Werkvertrages, wenn sie zu einer Prostituierten gehen.

„Durch den Werkvertrag wird der Unternehmer (hier: die Prostituierte) zur Herstellung des versprochenen Werkes (hier: sexuelle Befriedigung/Orgasmus), der Besteller zur Entrichtung der vereinbarten Vergütung verpflichtet.“

Und komme die Sintflut nach dem Einverständnis der Prostituierten und der (hier meist vorherigen) Zahlung der Vergütung, ganz egal, es läuft nach dem Motto: Werk bestellt und bezahlt heißt, Werk muss ordnungsgemäß hergestellt werden!

„Der Unternehmer hat dem Besteller das Werk frei von Sach- und Rechtsmängeln zu verschaffen.“

Kommt der Freier also nicht zum Orgasmus, passt ihm dies oder jenes nicht, so fordert er meist entweder Nacherfüllung (natürlich kostenlos) oder Schadensersatz.

Sarkastisch?

Nein, Realität.

Wie kann eine Gesellschaft bei so etwas zusehen, so etwas dulden? Wie kann man in solch einer Gesellschaft Kinder groß ziehen? Welche abstoßenden Werte werden hier vermittelt?

Es mag sein, dass viele über die Zustände in der Prostitution nicht Bescheid wissen – die Lobby leistet fantastische Propagandaarbeit, wobei die meisten Frauen dort, welche Prostitution befürworten, selbst Opfer sind, nur leider ihr Persönlichkeitsverlust schon in dem Ausmaß vorangeschritten ist, dass sie nicht mehr spüren, was schief läuft (was sie natürlich abstreiten, weil sie sich dessen oft nicht bewusst sind oder sie es sich nicht eingestehen können aus Selbstschutzgründen). Das ist schlecht für sie selbst und auch für die Öffentlichkeit, welche ihnen zuhört und der Glorifizierung von Prostitution Glauben schenkt.

Es gibt aber mittlerweile auch genügend Gegenstimmen und viele Studien im Hinblick auf das Zerstörerische an und in der Prostitution. Es existiert also genügend Material um HINSEHEN ZU KÖNNEN.

Versuche der Reglementierung von Prostitution durch das neue Prostituiertenschutzgesetz beseitigen nicht das große Problem, welches wir durch die Legalität von Sexkauf haben – nämlich das Selbstverständnis sich Frauen kaufen zu können, das damit einhergehende Frauenbild, ja, die dadurch herrschende (unbewusste) Missachtung des weiblichen Geschlechts, denn es sind mehrheitlich nunmal Männer, welche Sex kaufen. Freier schreiben in Freierforen nicht nur in missachtender Weise, sondern sie verhalten sich gegenüber uns Prostituierten auch genauso. Sie verachten Prostituierte, weil sie für sie lediglich ein Instrument ihrer sexuellen Befriedigung darstellen –  als Menschen werden sie nicht wahrgenommen. Irgendwann verachten sie auch Frauen außerhalb der Prostitution, weil sie anfangen Frauen generell als Lustobjekte zu assoziieren.

Strafgesetze lassen unsere Gesellschaft wissen, was in einem Land als Unrecht bezeichnet wird, was man nicht tun sollte. Ein Strafgesetz ist immer auch Handlungsmaxime. Es geht bei der Freierbestrafung, dem Sexkaufverbot nach dem sog. nordischen Modell, welches ich befürworte, nicht nur darum, die Freier für ihr Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen, sondern es geht vor allem darum, jedem einzelnen aufzuzeigen, dass es nicht richtig ist, sich den Zugang zu einer anderen Intimsphäre zu erkaufen, dass es nicht richtig ist, an der Ausbeutung von Prostituierten in welcher Form auch immer beteiligt zu sein, dass es nicht richtig ist, Freier zu sein, weil sich zu prostituieren traumatisierend ist. Freier zu sein bedeutet zudem Nachfrage zu schaffen, Nachfrage zu schaffen bedeutet, dass ein Bedarf an vielen unterschiedlichen Frauen besteht und wer deckt diesen Bedarf? Genau, die Menschenhändler! Geht die Nachfrage zurück, besteht weniger Bedarf und die Menschenhändler werden nach und nach immer ein Stückchen mehr arbeitslos werden – deshalb muss man die Nachfrage bekämpfen, so wie es das nordische Modell tut, um auch die weiteren Übel minimieren zu können.

Ist die Einführung eines Sexkaufverbots wirklich das Richtige? Warum sollte man Freier bestrafen, wenn Prostituierte ihnen ihre „Dienste“ anbieten? Ungerecht?

In so ziemlich allen Fällen, die ich gesehen habe, sind die Prostituierten den Freiern unterlegen gewesen, weil sie in einer Zwangslage, einer Notlage, einer Krise steckten, aus der sie nicht mehr allein rauskamen. Man muss diese Menschen deshalb schützen, indem man diejenigen, welche ihre Lage bewusst oder auch unbewusst ausnutzen, wissen lässt, dass sie das nicht tun dürfen, dass sie HINSEHEN MÜSSEN, auch wenn sie es nicht wollen, weil sie lieber ihren Druck und Frust abladen möchten. Da die meisten Freier meine und die Hilflosigkeit anderer Prostituierter gesehen und trotzdem weitergemacht haben, ist die einzige Möglichkeit, prostituierte Menschen besser zu schützen ein generelles Verbot für den Sexkauf zu schaffen. Abgesehen von der Ignoranz der Freier gegenüber dem Leid von Prostituierten und der Menschenhandelsproblematik aufgrund der Nachfrage müssen Männer ein anderes Verständnis Frauen gegenüber entwickeln. Sehr oft erlebe ich im Alltag, wie sie Dinge tun, welche unter der Gürtellinie sind, Sprüche ablassen, welche sexistisch und verletzend sind, wie sie ungeniert versuchen zudringlich zu werden. Es kommt nicht von irgendwoher, dass Männer mit Frauen so umgehen wie viele es leider nun mal tun – aber: Sex ist käuflich, Frauen sind verfügbar, scheinen für Männer immer willig zu sein, also wen wundert’s? Die Legalität von Sexkauf unterstützt dieses Verhalten enorm. Nicht alle sind so, nein, aber ein großer Teil. Für diejenigen wahren Männer, die sich bereits gegen ihre Artgenossen bzw. deren sexistische Verhaltensweisen einsetzen, bin ich unendlich dankbar. Bitte mehr davon!

Auf einem Taxi sah ich letztens eine große Werbung für ein Bordell direkt neben sozialen Hilfsangeboten, welche ebenfalls als Logo auf dem Taxi abgedruckt waren – neben dem Taxi standen zwei junge Männer, welche auf das Bordelllogo zeigten und so taten als ob sie sich einen runter holen würden, dabei fies lachten und eine andere Passantin mit gezielten, lasziven Zungenbewegungen belästigten während sie auf das Bordelllogo zeigten. Und es gibt dutzende Situationen ähnlicher Art, für die ich hier 50 Seiten bräuchte um sie alle aufzuschreiben.

Das ist doch alles nicht normal, alles nicht ok!

Unsere Gesellschaft verrottet!

Ein Sexkaufverbot setzt Richtlinien, welche Menschen zu verstehen geben: „Hey, so geht’s nicht!“. Und sowas benötigen wir, denn alles andere fördert oder duldet zumindest enorm problematische, geschlechterfeindliche Verhaltensweisen. Natürlich kann man nicht alles durch das Strafrecht lösen, aber die Freierbestrafung ist etwas, was dringend nötig ist um das Leid und die Traumata der Frauen in der Prostitution zu minimieren, um die verheerenden Ausmaße des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung zurückzudrängen und um eine ehrlichere Gesellschaft zu erschaffen, in der liierte oder verheiratete Männer nicht mehr einfach so zu einer Prostituierten gehen können, sodass die Kinder dieser Männer nicht mal irgendwann erfahren müssen, dass ihr vorbildhafter, seriöser Vater seine Zeit mit Frauenkauf jeglicher Art verbringt – so wie ich damals als sehr kleines Kind mitbekommen habe, dass mein Vater solche „Dienstleistungen“ in Anspruch nahm. Merkt euch eins „liebe“ Freier: wenn euch schon nichts an Prostituierten liegt, dann hoffentlich an euren Kindern und ihr solltet ihnen zuliebe das Kaufen sexueller Fantasien unterlassen. Selbst als Kleinkind, wenn man nicht viel über diese Sachen weiß, schrumpft der Respekt, das Vertrauen und die zwischenmenschliche Beziehung gegenüber dem Vater enorm, wenn man so etwas erfährt. Man mag als Kind noch nicht viel wissen, aber man hat zumeist einen Sinn dafür, was richtig und was falsch ist, und „Mama“ zu betrügen, andere Frauen neben ihr zu haben, sich generell solche „Dienste“ jeglicher Art zu kaufen, ist definitv falsch!

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die meisten Freier von allein nicht aufhören werden. Sie wurden dazu erzogen, sich Frauen kaufen zu können – man muss sie jetzt „umerziehen“ und das geht nur durch eine straffe, richtungsweisende Gesetzgebung, welche den Sexkauf als solches unter Strafe stellt.

Niemand sollte die Möglichkeit bekommen, ein Menschenleben mit zerstören zu können.

Jetzt, an der Universität, muss ich keine Gewalt mehr erleben, keine Gewalt sehen, ich bin frei von all dem – aber ich werde nie vergessen, in welchem Leben ich war, ich werde nie vergessen, was ich gesehen habe, ich werde nicht vergessen jeden Tag aufzustehen und danke dafür zu sagen, dass ich aus diesem Leben fliehen konnte, und ich werde nicht vergessen, dass jeden Tag immer noch tausende von Frauen in der Prostitution leiden, dass sie oft auch sterben.

Das muss aufhören und es kann aufhören, wenn nur jeder anfängt besser HINZUSEHEN! Und jeder, der nicht sehen möchte, der lieber die Augen verschlossen hält, aus Egoismus, aus welchem Grund auch immer, und mit seinem Verhalten als Freier am Seelenmord (wie der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Lutz Besser es nennt) einer Prostituierten beteiligt ist, muss zur Verantwortung gezogen werden!

 

 

Die Flucht aus dem Opferstatus rein in die Kriminalität – und über Kriegskunst

Vor ein paar Tagen habe ich an eine tschechische Prostituierte gedacht, mit der ich in einem Club gearbeitet und zusammen gewohnt habe (wir hatten beide unsere kleinen „Abstellzimmer“ im Keller). Als wir uns damals in diesem Bordell kennenlernten waren wir uns ziemlich unsympathisch, aber nach und nach sind wir immer weiter zusammengewachsen. Wir halfen uns mit und während den Zimmergängen, wir versuchten unser Dasein trotz all des Elends aufzuheitern. Zudem musste ich auch an die Bordellbetreiberin und die Co-Chefin des Nachtclubs denken. Letztere war selbst eine Prostituierte, wurde aber immer mehr in den Bordellbetrieb integriert und eingearbeitet. Sie ließ die Prostitution langsam hinter sich, sollte irgendwann den Club übernehmen.

Auch die tschechische Prostituierte arbeitete in diesem Bordell immer häufiger hinter der Bar als Bedienung und nahm dort weitere Aufgaben außerhalb der Prostitution wahr, saß auch an der „Rezeption“. Genau wie die Co-Chefin zuvor befand sie sich ebenfalls in einer Art Vorstufe um irgendwann in die Fußstapfen der Bordellbetreiberin zu treten. Sie hatten guten Kontakt, so wie auch ich in diesem Club guten Kontakt zu den „Frontleuten“ hatte. Die Menschen in diesem Etablissement schienen mit der Zeit wie eine Familie für einen in diesem haltlosen Leben, weil man nichts anderes, niemand anderen, hat. Es kommt der Zeitpunkt, wo man anfängt sich mit ihnen zu identifizieren. Sie wurden damals auch wie eine Familie für mich, was meinem Zuhälter gar nicht gefiel.
Er brachte mich ursprünglich dorthin um für ihn zu „arbeiten“– und als er irgendwann den engeren Kontakt zwischen den oben genannten Frauen und mir mitbekam versuchte er diesen zu verhindern, denn er hatte Angst davor, seinen Einfluss auf mich zu verlieren und seine Angst bestätigte sich – ich hatte Ansprechpartnerinnen und auch eine Art Schutz gefunden.

Natürlich kann man diese Menschen dennoch nicht als Familie bezeichnen, weil alles zum großen Teil ein „Bei-Laune-Halten“ war damit ich gut funktionierte und ihrem Club Geld brachte, so auch bei der Tschechin. Man nennt das im Rotlichtmilieu „posieren“. Dennoch kam ich zumindest von meinem Zuhälter immer weiter weg. Damit war mir ein großer Schritt in Richtung Freiheit möglich.

Trotzdem war aber auch die Bordellbetreiberin eine Zuhälterin. In ihrem Club lief es so ab, dass man vom Freier vor dem Zimmergang das Geld kassierte, es an die „Rezeption“ brachte und einem am Ende der Nacht eben 50 % von jedem Freier ausbezahlt wurde. Das war der Grund, warum wir keine Tagesmiete zu zahlen hatten, welche Prostituierte oft in immense Schulden katapultiert, da sie meist unabhängig vom Verdienst zu entrichten und oft sehr hoch angesetzt ist. Wenn in diesem „Laden“ hier kein Freier kam, dann liefen wir alle, inklusive der Betreiberin, Stier. Dafür, dass wir dort wohnten, mussten wir nichts bezahlen.

Dieser Club war von der Struktur her der korrekteste den Frauen gegenüber, welchen ich in meiner Zeit in 6 Jahren Rotlichtmilieu gesehen habe und dennoch war er eine menschliche Katastrophe. Allein von der Prostitution her an sich, aber vor allem auch, weil man als BetreiberIn eines Bordells immer vor der Frage steht: wo bekomme ich Frauen her? Selbst wenn Menschenhandel nicht von den BetreiberInnen selbst ausgeht, dann kommt er trotzdem durch die Eingangstüre herein.

Ich habe oft erlebt, wie dunkle Gestalten „ihre Frauen“ zum Anschaffen in den Club brachten. Wie hier und da über Dinge getuschelt wurde, die ich eigentlich gar nicht hätte hören sollen… Es sind und bleiben krumme Geschäfte. Auch wenn man es wollte, das Rotlichtmilieu funktioniert nicht komplett ohne krumme Dinger zu drehen. Wer diesen „Job“ als BetreiberIn macht, wird auch in diese Geschäfte mit einsteigen. Deshalb ist kein Laden, den ich betreten habe, „sauber“ gewesen. Und es wird auch in Zukunft trotz des neuen Gesetzes keiner sauber sein, zumindest die Masse nicht, denn es ist einfach nicht möglich „von allein“ je nach Clubmodell so 10-100 Frauen (vielleicht auch noch irgendwo weniger oder mehr) vor Ort zu haben, und zwar meist immer unterschiedliche, oft wöchentlich wechselnde, für jeden „Geschmack“ etwas dabei. Wenn jemand ernsthaft glaubt, die laufen alle von allein und aus freien Stücken in diese Etablissements, weil sie sich so gerne prostituieren, dann rate ich jedem aufzuwachen und seinen logischen Menschenverstand einzuschalten!

Ich konnte mir jedenfalls zu dieser Zeit nicht vorstellen, die Leute in diesem Club, welche für mich meine „neue Familie“ darstellten, zu verlieren. Bis ich irgendwann natürlich begriffen habe, dass ich nur „Familienmitglied“ sein kann, wenn ich Teil des Rotlichtmilieus bleibe – welcher Teil auch immer.

Dieser Schritt, von ihnen wegzugehen, war schwer, weil ich diese Menschen lieb gewonnen hatte. Ganz egal wer sie waren, was sie von mir wollten, sie stellten einfach meine einzigen Bezugspersonen dar. Ich hatte niemanden sonst. Meine Kontakte in die „Außenwelt“ waren schon seit Jahren längst alle abgebrochen. Nichtsdestotrotz wusste ich, dass sie mir nicht gut taten, nein falsch, dass mir dieses Leben nicht gut tat. Niemandem tut dieses Leben gut – in Wahrheit auch ihnen nicht. Nebenbei erwähnt habe ich zwei ganz liebe Menschen in meinem wirklichen Familienkreis, welche damals aber keine Chance hatten, auf all das Einfluss zu nehmen… Dafür habe ich sie jetzt und dafür bin ich sehr dankbar.

Als ich vor ein paar Tagen also an die Frauen in besagtem Bordell dachte, da stellte sich mir ein Paradoxon. Die Co-Chefin und die Tschechin als Bordellbetreiberinnen, Zuhälterinnen? Nachdem sie selbst jahrelang Opfer täglicher sexueller Gewalt durch Freier waren, wechseln sie nun auf die andere Seite? Auf eine Seite, welche sehr oft daran beteiligt ist oder zumindest duldet, dass andere Menschen in den Zimmern genau wie sie damals von Freiern erniedrigt und sexuell gedemütigt werden, welche davon profitiert?

Und nachdem ich darüber nachgedacht hatte, musste ich leider feststellen, dass es wahrlich nicht unvorstellbar ist diesem Opferstatus zu entfliehen indem man in einen Täterstatus hinein wechselt.

Die Tschechin, von der ich sprach, welche sich prostituierte und vermehrt „Bordellbetriebsaufgaben“ wahrnahm, ist ihr Leben lang benutzt und erniedrigt worden, hat sich ficken lassen müssen als ob sie ein Roboter aus Metall wäre – ich weiß es, denn ich war dutzende Male dabei, weil wir uns abwechselten um uns zu helfen, und ich habe ihr lebloses, totes, Gesicht dabei gesehen. Sie hat sich demütigen lassen müssen. Sie trank wie ich Alkohol in Massen und nahm Drogen um die Freier auszuhalten. Auch mit der Co-Chefin war ich ab und zu mit Freiern auf dem Zimmer und es war hier nicht anders – sie war aber nicht mehr überwiegend Prostituierte, sondern eben schon mehr in den Bordellbetrieb integriert, musste sich das Ganze nur mehr noch zeitweise geben.

Und ich habe mich gefragt: ist es so abwegig, dass die beiden nicht mehr auf dieser Seite der Armut, der Prostitution, stehen möchten, sondern wenn sie die Chance bekommen auf die andere Seite der Bordellbetreibenden zu wechseln, diese auch ergreifen? Ist es so abwegig, dass sie bereits so abgestumpft sind, dass es ihnen leichter fällt auf Seiten der Bordellbetreiberin andere leiden zu sehen als selbst leiden zu müssen?

Viele würden wahrscheinlich jetzt sagen, dass eigenes Leid für einen selbst kein Grund sein kann, mitverantwortlich dafür zu sein, dass andere Menschen leiden (zum Beispiel indem man als BordellbetreiberIn dem Menschenhandel die Türe öffnet). Niemals würde man so etwas tun. So ein Satz gleitet einem jedoch leicht von den Lippen, wenn man in einer sicheren, warmen Wohnung sitzt, nicht täglich Extremsituationen in diesem Milieu ausgeliefert ist und vor allem sein Selbst noch bei sich hat. Doch was ist, wenn nicht? Was tun wir Menschen eigentlich alles um zu überleben, was tun wir, damit auch die Familie überlebt? Was tun wir, wenn wir uns verloren haben? Wir prostituieren uns vielleicht – so wie ich es tat und viele andere es getan haben oder immer noch tun. Vielleicht wird man aber auch irgendwann den Betrieb eines Bordells übernehmen, wenn einem jemand die Möglichkeit dazu an die Hand gibt, wo dann die Bekanntschaft mit Menschenhandel und Zuhälterei vorprogrammiert ist.

Erzählen kann man viel, was man tun oder nicht tun würde, doch ich bin mir sicher, dass niemand diesen Satz ehrlich beantworten kann, der noch nicht derart vielen, täglichen, menschenverachtenden Extremsituationen ausgesetzt war. Gelebte und vertretene Werte hin oder her… Menschen, welche nie Gewalt oder Verzweiflung in einer wirklich krassen Form erlebt haben, können sich das nicht einmal vorstellen – sie können sich nicht in so eine Situation hineinfühlen und auch nicht erahnen, zu was einen manche Dinge treiben können – auch wenn sie denken, sie könnten es. Sie tun es nicht.

Ein kleines Beispiel zur Veranschaulichung:

Ich selbst bin ein Mensch, der nie jemandem etwas zu leide tun könnte.

Dachte ich jedenfalls.

Bis ich lernen musste, dass es Lebensabschnitte gibt, die einen anders werden lassen, welche die grundlegenden Werte und Verhaltensweisen verblassen lassen. Es gibt Einflüsse, die, wenn sie dauerhaft auf uns einprasseln, uns von unserem Selbst entfernen. Man wird eine fremde Person – so wie man auch als Prostituierte eine andere Person ist und die eigene Persönlichkeit sich während der Prostitution noch viel weiter in Richtung Fremde entwickeln kann bis irgendwann gar nichts mehr von dem bleibt, was einen als Persönlichkeit, als Mensch, ausmacht. Es herrscht dann Stille, Leere. Alles ist schwarz.

Wenn man den 10ten Freier am Tag hat, man keinen BH mehr anziehen kann, weil die Brustwarzen vom ewigen daran lecken und beißen derart gereizt sind, dass jede Berührung schmerzt und man unter diesen Gegebenheiten den nächsten Freier bekommt, welcher dann nicht mehr nur eine halbe Stunde, sondern 2 Stunden bucht, zugedröhnt ist und daher dann auch wirklich 2 Stunden durchgehend Geschlechtsverkehr haben möchte, während der Genitalbereich schon beim Waschen und Duschen weh tat, weil alles komplett wund ist von den Tagen zuvor, er dann im Zimmer nochmal und immer wieder in die Brustwarzen zwickt und in sie hineinbeißt und immer wieder die Grenzen überschreiten will obwohl man ständig darauf hinweist und nur noch versucht sich zu schützen, dann kommt irgendwann auch jener Mensch außer Kontrolle, welcher sich eigentlich immer beherrschen kann. Irgendwann geht es einfach nicht mehr. Dieses Gefühlschaos aus Hass, Wut, Schmerzen, Traurigkeit, Verachtung, Hilflosigkeit und Entsetzen über menschliche Grausamkeit in so einer Situation ist ein gefährliches Gemisch. Es gab einige Male, wo auch ich als von Grund auf friedlicher Mensch aus sich überflutenden Extremsituationen heraus dazu im Stande gewesen wäre, mehr als „nur“ eine einfache Körperverletzung zu begehen. Ich habe es nicht getan, weil ich in diesen Momenten immer daran gedacht habe, was passiert, wenn ich irgendwann aus diesem Höllenleben raus komme. Komme ich überhaupt raus, wenn ich eine Straftat begangen habe? Soll ich vom Bordell in den Knast wandern? Ist das ein Rauskommen? Bei allem Übel habe ich immer versucht meine Nerven zu bewahren – es hat funktioniert, aber das war nicht leicht. Auch mit 6 Flaschen Sekt und im halben Delirium sind manche Freier nicht zu ertragen.

Ich weiß daher, wie es ist, sich in einer Extremsituation zu befinden, der viele weitere Extremsituationen vorausgegangen sind, und plötzlich aus Schutzgründen heraus zu Dingen fähig zu sein, von denen man dachte, dass man sie niemals tun könnte. Dass man, um dem Opferstatus zu entkommen, leichter ein Straftäter, eine Straftäterin, werden kann, als man sich das je hätte vorstellen können – was nicht bedeutet, dass es eine Straftat rechtfertigen würde, es erklärt lediglich, wie „leicht“ es dazu kommen kann.

Ein Mensch, welcher noch nicht in derartigen Extremsituationen war, kann so etwas nicht beurteilen. Bei allem Respekt – aber er kann nie von vornherein sagen, er würde dies und jenes nicht tun, weil es unmenschlich ist, weil es gegen seine Werte spricht. Das habe ich auch gesagt, bis ich mich zum Beispiel in oben beschriebener Situation mit dem Freier befand, in der ich darüber nachdachte das nächstgelegene Messer zu ergreifen und dabei vor meinen eigenen Gedanken Angst bekam. Nicht nur Angst vor der Situation, sondern Angst vor dem, wie diese Situation meine allgemeinen Handlungsgrundsätze und Werte in Frage stellte, wie diese Situation mich zu einem Monster mutieren lassen wollte, obwohl ich keines bin. Ich wusste immer weniger, wer ich eigentlich war.

Man lernt in der Prostitution jeden Tag seine eigenen Grenzen zu überschreiten, überschreiten zu müssen. Menschen an sich nah herantreten lassen zu müssen, sie in den intimsten Sphären seines Selbst zu akzeptieren, ihnen die sensibelsten Bereiche zur Verfügung zu stellen, welche eigentlich nur durch Liebe oder Lust zugänglich sind. Die problematische Grenzüberschreitung ist hier nicht hauptsächlich die physische Nacktheit, sondern mehr die seelische. Alles in einem sträubt sich, aber man „bedient“ den Freier trotzdem. Man überschreitet Grenzen, weil man keine andere Möglichkeit sieht. Manche Prostituierte überschreiten dann irgendwann auch die Grenzen anderer und ticken völlig aus, weil sie es bei sich selbst gelernt haben, keine Hemmung bei der Grenzüberschreitung zu haben.

Was, wenn eine Prostituierte in meiner obigen Situation mit dem Freier überhaupt nicht mehr darüber nachdenkt, was sein könnte, wenn sie es aus diesem Leben heraus schafft, weil sie die Hoffnung bereits gänzlich verloren hat?

Die Schwelle zu einer Straftat ist ab einem gewissen Zeitpunkt im Rotlichtmilieu sehr leicht zu überschreiten. Und dann begeht ein Mensch eine Tat, weil ein anderer Mensch dachte, dass er das Recht dazu habe, diesen Menschen für seine sexuellen Zwecke zu benutzen. Allerdings nicht nur das. Generell entwickeln sich Grenzüberschreitungen im Milieu zur Normalität, bei jedem und in jeglicher Hinsicht.

Eine junge Prostituierte, welche kokainabhängig war und von ihrem Zuhälter unter Druck gesetzt und geschlagen wurde, hat einer Kollegin von mir mit ihren High-Heels fast ein Auge ausgestochen. Diese war lange Zeit auf dem Auge wie blind. Dieser jungen Prostituierten jedenfalls, welche die Tat ausführte, wurde der Schmerz mit den Freiern, der Stress mit ihrem Zuhälter und ihr Versuch der Kompensation von allem mit Kokain und Alkohol zu viel. Sie tat in einer dieser Extremsituationen etwas, zu dem auch sie eigentlich nicht fähig war, denn sie war ohne Koks und ohne andere Einflüsse das typische nette Nachbarsmädchen von nebenan, welches nur leider unvorstellbare Ausmaße an Gewalt erlebt hat. Explodiert ist sie dann allerdings gegenüber einer Person, welche ihr nichts angetan hatte. Sie gab die Gewalt, welche ihr zugefügt wurde, weiter. Sie war ihrem Leben, den Freiern und ihrem Zuhälter unterlegen. Sie wollte sich in gewisser Art und Weise mit dieser Handlung sicher auch überlegen fühlen, dem Opferstatus entfliehen – wurde selbst Täterin.

Man kann sagen, sie hätte sich im Griff haben müssen. Ja, das hätte sie. Sie hätte auch ihren Zuhälter in den Wind schießen und sie hätte aufhören können Kokain zu schnupfen… Hätte, hätte, hätte ist so unglaublich einfach gesagt, wenn man sich ihre Situation nicht mal annähernd vorstellen kann, sich nicht hineinfühlen kann in ihre Sucht, in ihre Angst, in ihr Leben als Prostituierte. Vom Herzen her war sie keine Täterin, sondern ein Opfer extremer Ausbeutung, ein Opfer schwerwiegender körperlicher und sexueller Gewalt, welches dringend Hilfe gebraucht hätte. Ich müsste sie hier nicht in Schutz nehmen, wir waren nicht befreundet und sie ging mich körperlich auch an. Heute weiß ich aber, warum sie so war, weil mir auch klar ist, warum ich so weit entfernt war von meinem wirklichen Selbst. Ich weiß, dass sie sich verloren hatte und dass sie eigentlich ein herzensguter Mensch ist, was immer dann zu Tage kam, wenn wir mal allein waren und sie keinen Trip oder Entzugserscheinungen hatte. Sie bitterlich weinte. Ihre Tat ist klar nicht zu entschuldigen, aber trotzdem hätte man ihr auch Hilfe anbieten müssen. Den Weg aus dem Milieu hinaus ist sie letztlich auch gegangen und arbeitet heute in einem normalen Job und ist wieder sie selbst. Diese Frau kann froh sein, dass sie es von ihrem Zuhälter weg geschafft hat, denn ob sie sonst noch Leben würde ist ungewiss. Ihr Zuhälter sitzt nämlich im Gefängnis, weil er seine „Neue“ umgebracht hat.

Warum ich das alles erzähle ist, damit klar wird, in welchen Kreisen man sich da bewegt. Wie äußere Einflüsse von extremer Natur Menschen zu etwas verändern können, was sie in ihrem tiefsten Inneren eigentlich gar nicht sind. Und diese Dinge, welche ich hier beschreibe, kommen nicht nur einmal vor. Was Menschen im Rotlichtmilieu wirklich vom Wesen her verändert sind keine gelegentlichen Extremsituationen, sondern die dauerhafte Beschallung mit Extremsituationen und zwar jeden Tag. Es ist ein einziger Kampf. Grenzen gibt es solange, solange man sein Selbst noch nicht verloren hat – danach hat man sich in die Schlange der Untoten eingereiht, welche immer weniger Emotionen und Empathie zu Tage bringen können. Es macht das Leben für sie einfacher. Sie können skrupelloser werden ohne Mitleid zu haben, was ihnen ihr Überleben sichert.

Damals jedenfalls, als ich seit Jahren jeden Tag mit Freiern zu kämpfen hatte, nicht nur einer Extremsituation, sondern täglich mehrfachen ausgesetzt war, habe ich mich auch gefragt, wie es wohl wäre als Bordellbetreiberin auf der anderen Seite zu sitzen und dem ganzen Horrorkabinett nur zusehen zu müssen anstatt selbst daran teilnehmen zu müssen.

Ich wäre letztlich zum damaligen Zeitpunkt nicht fähig gewesen, eine Bordellbetreiberin und Zuhälterin zu sein. Dafür war NOCH zu viel Menschlichkeit in mir. Heute wäre ich allerdings auch nicht mehr fähig eine Prostituierte zu sein, doch Fakt ist: damals war ich eine. Wozu wäre ich also vielleicht im Laufe der Zeit noch fähig gewesen, wäre ich nicht aus der Prostitution rausgekommen?

Die Tschechin war als Prostituierte auch jahrelang täglichen Extremsituationen ausgesetzt. Sie war älter und länger dabei als ich, die Co-Chefin auch. Sie versuchte vor dieser Gewalt der Freier zu fliehen, indem sie anfing die Seiten zu wechseln. Zunächst in Richtung Bar und „Rezeption“, irgendwann vielleicht wie die Co-Chefin weiter in Richtung Bordellbetreibende.

Warum nicht anstatt auf diese Seite zu wechseln in ein normales Leben kommen? Doch wie soll man in ein normales Leben finden können, wenn man nichts anderes kennt, nicht weiß, wie man aus all dem ausbrechen kann? Schließlich wäre man ja sonst schon als Prostituierte ausgebrochen. Leider ist der Weg in ein normales Leben so schwierig und ungewiss, dass man ihn, wenn man andere „Sicherheiten“ angeboten bekommt, nicht einfach so geht. Für mich als Deutsche war es damals extrem schwierig aus der Prostitution raus zu kommen. Eigentlich fast nicht machbar. Und ich war jung. Konnte kommunizieren, mich artikulieren. Doch auch ich verließ das Milieu in der Ungewissheit, dass ich nicht wusste, wie und ob es danach überhaupt weitergeht. Ich war isoliert, allein, ohne jegliche Mittel. Wie sollen ausländische Menschen diesen Schritt ins Nichts wagen? Und ich meine ins Nichts. Der Ausstieg aus der Prostitution ist als ob man von dem Mars auf der Erde ankommen würde, wobei die Prostituierte der Marsmensch ist, welcher nicht zu den Erdlingen gehört und völlig fremd ist, sich fremd verhält, weil er das Leben auf der Erde nicht kennt, von der Art her anderen gegenüber fremd erscheint, begutachtet wird, verurteilt wird, oft nicht angenommen wird.

Und wo sind hier die Ausstiegshilfen? Auch staatliche Ausstiegshilfen? Solche wären EXTREM wichtig und sind unbedingt NÖTIG. Ich verstehe nicht, warum es so etwas nicht gibt. Man möchte die Prostitution eindämmen und gibt den Menschen keine Möglichkeit, das Milieu zu verlassen. Das widerspricht sich doch im Kern, denn die meisten können es nicht von allein verlassen! Es braucht WIRKLICHE Möglichkeiten. Ein Beratungsgespräch und Informationen zum Ausstieg sind sinnlos. Es muss praktisch mitgeholfen werden. Finanziell. Es braucht Jobangebote für Prostituierte, die das Gewerbe verlassen wollen. Es braucht Bildung, Sprachunterricht, Unterkünfte… kostet alles Geld? Vieles in unserem Staat kostet Geld, doch das hier ist etwas Essentielles, Wichtiges! Es geht hier um Menschenrechte, es geht darum, dass Menschen in Würde leben können. Das ist uns doch bei Flüchtlingen auch so wichtig, warum nicht bei Prostituierten? Warum nicht für sie Integrationsprogamme schaffen? Denn auch sie sind NICHT in die Gesellschaft integriert. Sie sind Außgestoßene und müssen den Weg (zurück) in unsere Gesellschaft erstmal finden!

So kommt es, dass einige Prostituierte zu Bordellbetreiberinnen, zu Zuhälterinnen, werden und aufgrund ihrer automatisch entwickelten Abgestumpftheit auch teilweise keine großen Emotionen mehr für die „arbeitenden“ Frauen aufbringen können, schließlich „mussten sie es selbst früher auch machen“. Vielleicht gibt es bei männlichen Prostituierten auch so einen „Weg“, da ich allerdings nur vereinzelt und sehr selten männliche Prostituierte getroffen habe, kann ich darüber nichts sagen. Im Gegensatz dazu habe ich in meinen 6 Jahren Vollzeit-Milieu-Aufenthalt viel mehr, sehr viel mehr, Zuhälter als Zuhälterinnen gesehen. Zuhälterinnen habe ich als Bordellbetreiberinnen kennengelernt, während ich Zuhälter als Bordellbetreiber und noch dazu aber auch als solche kennengelernt habe, welche „ihre Frauen“ in die verschiedensten Clubs bringen um ihnen das komplette, dort verdiente, Geld aus der Tasche zu ziehen.

Ich kann verstehen, wenn es Außenstehenden schwer fällt sich vorzustellen wie so ein oben beschriebener Weg zur Bordellbetreiberin, zum Zuhälterinnen-Dasein, manchmal vonstattengehen kann. Hätte ich selbst nicht erlebt, wohin Extremsituationen Frauen in der Prostitution führen können, könnte ich mir das sicher selbst nicht so richtig vorstellen. Da ich aber weiß, wo auch ich als friedlicher Mensch in Gedanken mehrere Male war und die Umsetzung nur deshalb nicht stattgefunden hat, weil ich meinen Glauben an eine andere Zukunft aus welchen Gründen auch immer nie verloren habe, fällt es mir leichter gewisse Verhaltensweisen nachzuvollziehen.

Wie kann man versuchen diesem paradoxen Zyklus entgegenzuwirken?

Wie erreicht man solche Menschen überhaupt, wenn sie bereits ihre Persönlichkeit und ihr eigenes Ich im hohen Maß aufgegeben haben? Kann man sie überhaupt erreichen?

Schwierige Fragen. Was ich meiner Erfahrung nach sagen kann ist, dass je mehr sie in das Rotlichtmilieu integriert werden und hineinwachsen, so wie die Tschechin damals, die Co-Chefin oder teilweise auch ich, je weiter sie in Richtung Bordellbetreibende wandern, desto schwieriger wird es, sie in ein anderes Leben zu holen und sie an dem Schritt „vom-Opfer-zum-Täter“ zu hindern. Ab einem gewissen Stadium scheitert wahrscheinlich leider jede Überzeugungskunst, weil sie sich komplett mit diesem Leben „identifiziert“ haben. Deswegen sollte man versuchen schon vorher etwas zu tun!

Es braucht wirkliche und ehrliche Alternativen für Prostituierte, so dass sie überhaupt nicht erst auf die Idee kommen müssen dem Opferstatus nur dadurch entfliehen zu können indem sie Täterinnen werden. Sie müssen die Möglichkeit bekommen, dass sie auch anders ihre Lage verlassen können. Wichtig sind Ausstiegshilfen, Integrationsprogramme. Enorm bedeutend ist in meinen Augen die aufsuchende Arbeit, aber nicht mit Laien, sondern mit ausgebildeten Fachleuten und SprachmittlerInnen. Zudem braucht es mehr TherapeutInnen, die sich auf dieses Gebiet spezialisieren. Die meisten haben leider keine Ahnung, wie sie richtig mit Prostituierten umgehen sollen, weil sie auch größtenteils nicht wissen, was die Psychotraumatologie über Menschen, welche sich prostituieren, in Erfahrung gebracht hat. Jeder, der Prostituierten als PsychotherapeutIn vorhat zu helfen, muss das aber wissen, es ist unabdinglich! Wenn jemand aus der Prostitution auf eine Therapeutin, auf einen Therapeuten, trifft, die eigentlich keine Erfahrung damit haben, die Hintergründe und die Mechanismen nicht verstehen, dann kann das schlimmer sein als hätte sie niemanden aufgesucht.

Es wäre ein wichtiger Schritt, sich noch viel mehr darum zu bemühen, manchen Menschen aufzuzeigen, dass es eine andere Normalität gibt, welche sich lohnt und erstrebenswert ist, mit Hilfe vor allem auch erreichbar ist; aber dieser Schritt ist immer auch eine anstrengende und enttäuschende Aufgabe, weil sicher einige trotzdem den falschen Weg beibehalten werden.

Letztlich kann ich nur von mir selbst sprechen und als ich damals aussteigen wollte, wäre ich um jede Hilfe so unglaublich dankbar gewesen, aber es war keine da. Eine Beratungsstelle, die einem ein Prospekt in die Hand drückt, ist keine Hilfe um aus so einem Höllenleben zu entkommen, sie ist ein schlechter Witz, mehr nicht. Im Übrigen war ich nicht mal bei einer Beratungsstelle, diese Info habe ich von anderen. Halt, doch. Nach meinem Ausstieg war ich bei einer – sie suchten jemanden, der über seine Erfahrungen spricht. Ich fuhr dorthin und sprach über alles, was ich erlebt habe. Eine Frau schaute mich nur ganz mitleidig an während die andere auf meine Aussage, dass ich nie eine gute Prostitution gesehen habe, erwiderte, dass sie auch viele Prostituierte betreuen, welche sehr gerne in diesem Bereich „arbeiten“ und sie mir das nicht so recht glauben könne.

Genau… diese Frau hat leider das System nicht verstanden und arbeitet in einer Beratungsagentur.

Wäre ich dort damals als Prostituierte hingegangen und sie hätte mir als studierte Frau erzählt, dass Prostitution doch in ihrem Kern oft gar nicht so schlecht ist, dann hätte ich erstmal darüber nachgedacht, ob es denn wirklich so schlimm sein kann, diese sexuelle Gewalt, die ich da jeden Tag erlebe. Ich hätte in Frage gestellt, ob es überhaupt Gewalt ist und ich hätte mich nach ihrer Aussage schlecht und schäbig gefühlt, mich geschämt, weil sie damit mir und den anderen Frauen diese grausamen Erlebnisse, die wir jeden Tag ausgehalten haben, auf gewisse Weise abgesprochen hat. Ich kann heute nur noch mit dem Kopf darüber schütteln.

Ich habe den Ausstieg trotz allem geschafft, doch ich weiß nicht, wo ich heute stehen würde, auf welcher Seite, hätte ich es nicht geschafft. Hätte ich irgendwann meine Menschlichkeit, mein Selbst, in dem Ausmaß verloren, dass auch ich zu einem Monster, einer Bordellbetreiberin, einer Zuhälterin, mutiert wäre um der Gewalt der Freier zu entkommen? Und jeder der mich kennt, würde mich wegen dieser Frage auslachen, weil ich keiner Fliege etwas zu leide tun geschweige denn jemanden ausnutzen kann. Ich fühle mich schon schlecht, wenn mir jemand 5 Euro leiht. Nie könnte ich Geld von jemandem nehmen, der täglich von Freiern malträtiert wird, weil ich weiß, wie verletzend und zerstörend es ist; keine 50%, keine 30%, nicht mal 1 Cent würde ich nehmen. Jetzt habe ich ein geregeltes Leben, wo ich nicht mehr tagtäglich (sexueller) Gewalt ausgesetzt bin, wo ich nicht mehr täglich ums Überleben kämpfen muss. Doch wozu wäre ich damals vielleicht noch fähig geworden außer mich zu prostituieren, wozu wäre ich vielleicht heute fähig, wenn ich nicht aus diesem Leben rausgekommen wäre? Die ehrliche Wahrheit ist, ich weiß nicht, wo und auf welcher Seite ich stehen würde, und ich bin glücklich darüber, dass ich es nicht herausfinden musste und dass ich trotz aller erlebter Gewalt niemals selbst jemandem Gewalt angetan habe, niemals mitverantwortlich für die Gewalt an jemandem war, obwohl der Schritt dahin wie oben erläutert kein undenkbarer und vor allem mit der Zeit und der weiteren Entmenschlichung immer leichterer gewesen wäre.

Mehr Ausstiegshilfen für Prostituierte, auch von staatlicher Seite mit ausreichenden finanziellen Mitteln, die wirklich funktionieren, würden neben einem Leben in Würde, welches viel mehr Prostituierten endlich möglich wäre, zumindest in gewissen Milieu-Kreisen auch den Zuhälterinnen-Nachwuchs eindämmen – denn dieses Phänomen „des-Seiten-wechselns“ von der Prostituierten zur Zuhälterin habe ich nicht nur in dem oben erwähnten Club gesehen.

Abschließend möchte ich noch einen generellen, sehr wichtigen Punkt aufwerfen:

Menschen im Milieu haben durchdachte Konzepte, wie sie Prostituierte an sich binden. Nur ein Beispiel ist dieses „Familienkonzept“ wie ich es oben dargestellt habe. Es mag sich vielleicht komisch anhören, aber das Rotlichtmilieu zu bekämpfen ist mitunter auch ein enormer strategischer Kampf, weil es sich zum großen Teil durch Berechnung und Strategie am Leben hält. Es ist wie ein Schachspiel – um zu gewinnen muss man mehrere Schritte vorausdenken um den anderen Schachmatt setzen zu können. Deshalb ist auch die vermehrte Ausbildung von Fachleuten wichtig, welche lernen das Spiel zu beherrschen und somit den Prostituierten besser helfen zu können.

Als ich damals zu meinem Zuhälter gezogen bin, standen bald darauf 2 Polizisten vor der Türe, weil sie einen anonymen Hinweis bekommen hatten, dass mich jemand in die Prostitution gebracht hatte. Ich war nicht in der Lage, ihnen zu erzählen, in welchem Strudel ich mich befand, ich realisierte am Anfang selbst nicht wirklich, was da überhaupt in meinem Leben passierte – und sie durchschauten das Spiel nicht, kannten die Strategie nicht, blieben nicht dran. Sie konnten nichts dafür, denn sie wussten es nicht besser, kannten sich in diesem Bereich nicht tiefergehend aus. Ich verhielt mich bei der Befragung als ob alles in Ordnung wäre. Das ist auch ein großes Problem – viele Prostituierte verhalten sich unauffällig. Es ist ein Teil des Spiels, welches sie mitspielen (müssen). Und es gibt noch so viele weitere Teile…

Kennen nun die Menschen, welche helfen möchten, allerdings diese Teile, dann können sie jemandem, welcher in der Prostitution gefangen ist, viel besser zu Hilfe kommen, weil sie verstehen was vor sich geht, und ihm vielleicht sogar das Leben retten.

Mein Zuhälter war nicht nur ein Zuhälter, sondern in früheren Zeiten unter anderem ein Legionär. Ein Stratege. Er erwähnte einmal dieses Buch von Sun Tzu, „die Kunst des Krieges“ – ein uralter Ratgeber über Kriegsführung mit allerlei Taktik, Strategie und Planung. Ich habe es mir damals gekauft und gelesen. Mancher fragt sich jetzt, was hat so ein Militärstrategiebuch mit dem Rotlichtmilieu zu tun? Sehr viel. Das Milieu ist vergleichbar mit einem Kriegsschauplatz, viele Dinge aus diesem Buch, strategische, psychologische Aspekte, sind in abgewandelter Form auf das Milieu umsetzbar, sind in anderer Form auf den normalen Alltag mit Menschen übertragbar.

Vorhin habe ich im Internet gesucht, ob irgendwelche niedergeschriebenen Zusammenhänge von Fachleuten zwischen dieser in Sun Tzu‘s beschriebener „Kriegskunst“ und dem menschlichen Umgang miteinander auch außerhalb des Krieges existieren und tatsächlich bin ich fündig geworden. Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich habe ein Buch über seelische Gewalt von einer Psychotherapeutin gefunden.

Ihr Name ist Marie-France Hirigoyen (sie studierte Medizin und Viktimologie in Frankreich und den USA und praktiziert als Psychoanalytikerin und Familientherapeutin in Paris) und sie „bezieht sich in ihrem Buch „Die Masken der Niedertracht“, einem Buch über seelische Gewalt im Alltag, einige Male explizit auf Sunzi (Sun Tzu), indem sie seine Strategien über die Kriegskunst auch auf den psychischen Krieg zwischen zwei Personen anwendet. So schreibt Sunzi: „Jede Kriegsführung beruht auf Täuschung. Wenn wir also fähig sind, anzugreifen, müssen wir unfähig erscheinen […]; wenn wir nahe sind, müssen wir den Feind glauben machen, dass wir weit entfernt sind, wenn wir weit entfernt sind, müssen wir ihn glauben machen, dass wir nahe sind.“ Dieselbe Strategie wendet demnach eine Person an, wenn sie ihr Opfer psychisch destabilisieren möchte.“ (Quelle 1: dtv – Studium und Beruf von Hirigoyen ; Quelle 2: Die Kunst des Krieges – unter „Nachwirkung und Aktualität“).

Ich habe vorher aus Neugierde gegoogelt und hätte wirklich nicht gedacht, dass sich jemand mit diesem alten Werk von Sun Tzu beschäftigt hat. Ich kann gar nicht beschreiben wie gut es tat herauszufinden, dass ich nicht allein bin mit meinen Ansichten, dass das, was ich über dieses Kriegsstrategiebuch und seinen Zusammenhang mit psychischer Gewalt auch außerhalb eines Krieges dachte, nicht weit hergeholt, sondern von einer Fachfrau sogar bereits niedergeschrieben wurde. Das brachte mich gerade dazu, mal ganz tief durchzuatmen. Ich habe mir das Buch im Internet bestellt und bin sehr gespannt es zu lesen, bin gespannt, was diese Frau zu sagen hat. Vor allem ihre Zusammenhänge bezüglich seelischer Gewalt und Sun Tzu’s Buch „Die Kunst des Krieges“ interessieren mich doch sehr, nachdem mein Zuhälter dieses Buch damals hochgepriesen und ich es irgendwann später gelesen hatte, mir aber erst nach Jahren einige Zusammenhänge klar wurden – und wer weiß, vielleicht werden mir mit dem jetzt bestellten Buch noch mehr davon klar.

Nicht alle, aber viele Leute im Milieu sind ähnliche StrategInnen und beherrschen die „Kunst“ der Kriegsführung im übertragenen Sinne, jeder in seiner Art und Weise.

Deshalb sind mehr „SchachspielerInnen“ im Kampf gegen das Rotlichtmilieu wichtig, welche die anderen mit deren eigener Strategie schlagen können.

Sun Tzu sagte:

All war is deception.

Zu deutsch: Jeder Krieg besteht aus Täuschungen.

Wenn jemand nach diesem Motto, dass jeder Krieg aus Täuschungen besteht, Krieg führt, dann muss man diesem Jemand im Täuschen überlegen sein um zu gewinnen.

Warum Aufklärung so wichtig ist

Sehr oft sind junge Menschen besonders gefährdet, wenn es darum geht, in die Prostitution abzurutschen. Häufig sind es junge Frauen, die ihre erste Liebe in einem Zuhälter finden – so wie ich es auch tat – und dieser sie dann in die Prostitution führt.

Und hier stellen sich für diese (manchmal nicht nur) jungen Menschen Fragen: wie weit sollte man für Liebe gehen? Was muss man für Liebe opfern? Ist es normal, für die (gedachte) Liebe seines Lebens alles in seiner Macht Stehende zu tun, weil es sonst ein Verrat an dieser Liebe wäre? Und was passiert, wenn Menschen einem glaubhaft machen möchten, dass es normal ist, sich für die Liebe zu ihnen aufzuopfern – es sei schließlich normal Menschen zu helfen, die in Not sind und die man liebt – gehört das zur Liebe dazu?

Wo lernen vor allem junge Menschen diesbezüglich die Grenzen kennen, wenn sie keine Vorbilder haben? Wie weit kann man gehen? Wie weit sollte man für Liebe gehen?

„Es ist doch selbstverständlich, wo die Grenzen liegen und was man für Liebe sicher nicht tut!?“ – Nein, es ist eben nicht selbstverständlich.

Wer sich nicht in einer Umgebung aufhält, die es einem vorlebt – woher soll man es denn wissen?

Und wo im Alltag lernen diese jungen Menschen mit der Thematik umzugehen?

In der Schule? Wahrscheinlich leider eher nicht.

Es ist ein Thema, was mich beschäftigt.

Nicht nur wegen meiner eigenen Geschichte, sondern weil ich es im Alltag erlebe. Ein junges Mädchen aus meinem Bekanntenkreis kam letztens auf mich zu und sagte mir, ihr Freund wolle einen Schritt weiter gehen (= er wollte Geschlechtsverkehr) und als sie gesagt habe, dass sie dazu nicht bereit sei, habe er sich nicht mehr gemeldet und sie noch beschimpft als sie nachhakte, was sie falsch gemacht hätte. Sie fragte mich daraufhin, ob sie es tun müsse. Ob sie diesen Schritt, den er verlange, gehen müsse. Ob es NORMAL SEI, dass man sowas tut. Dem anderen zuliebe. Sie dachte, dass sie etwas falsch gemacht hätte, indem sie ihm mitteilte: Nein, ich bin noch nicht soweit.

Natürlich habe ich ihr gesagt, dass sie das nicht tun muss und genau richtig reagiert hat. Was nun, wenn sie jemanden gefragt hätte, der sie nicht in ihrer Absage unterstützt sondern Verständnis für den Jungen geäußert hätte? Was, wenn sie mehrere Menschen getroffen hätte, die Verständnis für den Wunsch des Jungen aufgebracht hätten? So wie ich es von vielen Jugendlichen in Bezug auf dieses Thema her kenne, weil ihnen selbst vermittelt worden ist, dass es normal sei. Wäre sie labil gewesen, hätte sie vielleicht mit dem Jungen geschlafen, weil sie gedacht hätte, dass ihr Wille, es noch nicht tun zu wollen, nicht normal sei. Wäre es dann für sie Alltag geworden gegen ihren eigentlichen Willen mit diesem Jungen Geschlechtsverkehr zu haben? Und wie weit ist das entfernt davon auch andere Dinge gegen seinen eigentlichen Willen zu tun, zum Beispiel sich zu prostituieren, weil einem eingetrichtert wird, dass es normal sei das für Menschen zu tun, die man liebt, die in Geldnot sind?

Es ist überhaupt nicht weit voneinander entfernt – sondern eine gefährlich nahe Parallele.

Nachdem ich einige Zeit lang meinen damaligen Zuhälter im Internet als „normalen“, soliden Mann kennen– und liebenlernte, er zu meiner einzigen Bezugsperson geworden war, fing er irgendwann an mir langsam zu vermitteln, dass es normal sei sich zu prostituieren. Je mehr ich mich verliebte, desto mehr Druck übte er aus. Ich hatte auch mein erstes Mal mit ihm. V.a. nachdem ich in den Schulferien in einem Flat-Rate-Club, den er vermittelte, angeschafft und ihm das ganze Geld gegeben hatte, konnte er sich relativ sicher sein, dass ich ein guter Fang war. Ich hatte große Probleme zuhause, von denen er wusste. Ich zog zu ihm (und übrigens auch seinen 2 weiteren Frauen) in der Absicht von zuhause endlich wegzukommen, in dem Glauben, dass er mich liebte, allerdings dachte ich nicht daran, dass das Ganze mit der Prostitution dann ausarten würde – dass ich nur noch anschaffen ging für ihn und seine Schulden. Das hatte ich nicht im Blick, aber es entwickelte sich so. Die Schule brach ich ab, weil ich dieses Doppelleben nicht führen konnte. Und dann fing alles so richtig an.

Tag für Tag, Nacht für Nacht in irgendeinem Bordell zu stehen, meinen Körper zu verkaufen um ihn aus seiner finanziellen Lage zu „retten“.

Ich hatte kein Leben, ich lebte nur dafür Geld für ihn ranzuschaffen – es wurde Normalität. Ohne physischen Zwang – es stand psychischer Druck hinter der Sache. Angst. Nach dem Schulabbruch auch große Ausweglosigkeit. Für mich war es eine alternativlose Lage. Ich lebte in dem Glauben, irgendwann würde alles gut werden, ich wurde in diesem Glauben gehalten, doch seine Schulden nahmen kein Ende. Es wurde nicht gut, es wurde schlimmer. War das eine Problem und die eine Rechnung weg, kam das Nächste. Seine anderen beiden Frauen konnten nicht (mehr) arbeiten. Dieses Zusammenleben war zudem eine große Katastrophe… was auch der Grund dafür war, dass ich irgendwann nur noch im Club geschlafen und gewohnt habe. Da hatte ich wenigstens nach der „Arbeit“ meine Ruhe. Je mehr ich in dieses Leben „Rotlichtmilieu“ reinschlitterte, desto mehr Milieu-Kriminalität bekam ich mit – und desto problemloser „funktionierte“ ich, weil ich mitbekam, was mit Prostituierten passieren kann, wenn sie gegen den Strom schwimmen. Oft erträgt man Dinge, weil man Angst davor hat, was passiert, wenn man sich anders verhält. Man wird unterdrückt, eingeschüchtert, macht weiter, schweigt…

Und unabhängig davon weiß ich heute natürlich, dass es nicht normal ist sich für jemanden, den man liebt, anzufangen zu prostituieren – auch nicht, wenn dieser jemand vorgibt in einer Notlage zu sein. Nichts kann es rechtfertigen, dass man sich selbst für einen anderen Menschen so zerstören muss.

Heute frage ich mich, wie völlig realitätsfremd und wahrnehmungslos ich damals war. Doch als ich ihn kennenlernte gab er mir alles, wonach ich mich sehnte, was ich zuhause vermisste. Vor allem Liebe – aber es war gespielte Liebe. Erst als er mich um den Finger gewickelt hatte und ich ihm sicher war (nach dem Umzug zu ihm), ließ seine Zuneigung drastisch nach. Plötzlich war ich nicht mehr seine Prinzessin, plötzlich sagte er nicht mehr, dass er mich liebt und verhielt sich auch nicht mehr so.

Es war mir lange nicht möglich mich aus diesem Leben zu befreien. Ich hatte anfangs nicht realisiert, was da eigentlich passierte. Es war alles so komplett unwirklich. Und als ich es dann tat, war ich schon so tief in diese ganzen Sachen verstrickt, dass ich mir völlig hilflos vorkam. Als ich komplett in diesem Leben war, nach dem Umzug zu ihm, hatte ich auch Angst, empfand große Unsicherheit, kam mit Milieu-Kriminalität in Berührung. Ich war gefangen in diesem Leben. Wohin sollte ich? Zurück an den Ort vor dem ich geflohen war? Diese ersten Male in dem Flat-Rate-Club mit den vielen Männern haben auch etwas in mir ausgelöst, weswegen ich psychisch überhaupt gar nicht mehr in das andere Leben zurückkonnte. Ich war da in etwas reingeraten, was ich bisher nur aus schlechten Filmen kannte – mit dem Unterschied, dass es real war. Wenn man beginnt als Prostituierte zu „arbeiten“ hat man bereits wenig Selbstwert, in der Prostitution verliert man seinen Selbstwert ganz – man wird von Freiern gedemütigt, erniedrigt, benutzt und als Fußabtreter behandelt. Man fühlt sich immer wertloser, man glaubt immer weniger daran ein Leben und Hilfe zu verdienen, weil man nur etwas ist, was am allerletzten Rand der Gesellschaft steht. Das Flat-Rate-Bordell ist die Spitze der Demütigung. Einen Ausweg aus dieser Situation, so wie ich sie vor mir hatte, sah ich nicht. Ich war bereits isoliert von jeglichem Kontakt außerhalb, es war ein surreales Leben.

Und ich bin mir sicher, dass es da draußen viele (junge) Menschen gibt, die genauso instabil sind, gebrochen sind, niemanden zum Reden haben, allein sind, aus welchen Gründen auch immer, und die anfällig auf so eine Masche sind. Auf eine Masche, die einen in die Prostitution treibt. Nicht umsonst gibt es immer mehr von diesen „Loverboy-Fällen“.

Deshalb braucht es Aufklärung in dieser Hinsicht – und zwar in allen erdenklich möglichen Bereichen!

Früher hatte ich niemanden, der mir sagt, wie Liebe funktioniert, wie weit man für die Liebe zu einem Menschen gehen muss oder nicht. Ich hatte nur ihn, meinen Zuhälter, der mir sagte, für Liebe müsse man sich aufopfern. Wortwörtlich teilte er mir irgendwann mit, dass es normal sei, sich für jemanden kaputt zu machen, den man liebt – das hätten auch schon andere vor mir für ihn getan.

Das war der Zeitpunkt, wo ich angefangen habe mich aus diesem Lügensystem langsam zu lösen… was einfach klingt, es wie oben erwähnt aufgrund der weiteren Umstände aber leider nicht war.

Ich will nicht beurteilen, was andere Menschen darüber denken, aber ich persönlich würde niemals wollen, dass sich eine Person, die ich liebe, prostituiert (ich möchte auch nicht, dass sich überhaupt jemand prostituieren muss!). Niemals. Ich würde diesen Menschen, seine Nähe, seine Persönlichkeit, unter keinen Umständen teilen wollen. Und was noch wichtiger ist: ich möchte diesen Menschen nicht verletzen und auch nicht, dass er verletzt wird. Ich möchte, dass dieser Mensch glücklich ist und heil bleibt. Und ein Mensch in der Prostitution bleibt nicht heil, ist nicht glücklich, wird tagtäglich in seiner Seele verletzt. Ein Mensch wie mein Zuhälter einer war, der regelmäßig in den Club kommt und sein Geld abholt während er sieht, wie ich mit dem nächsten Freier auf Zimmer gehe, immer und immer wieder, liebt einen ganz klar nicht. Viele dieser Zuhälter sind auch schon so taub von ihren Gefühlen her, dass sie gar nicht mehr lieben können, weil das Leben im Milieu vorraussetzt, dass man nichts fühlt, dass man kein Mitleid hat, dass man skrupellos ist – sonst überlebt man nicht lange dort. Viele von ihnen können keine Empathie mehr in der Form empfinden, in der „normale“ Menschen es tun. Sie sind komplett abgestumpft. Das allerdings rechtfertigt nicht ihr Handeln, es erklärt nur teilweise, wie Menschen zu so etwas fähig sind.

Alle diese Dinge sind mir jedenfalls heute bewusst. Damals in der Prostitution war ich lange gefangen in einer großen Luftblase. Und ich hatte Angst mich aus ihr zu befreien und auf dem harten Boden der Tatsachen zu landen. Allein. Mit Nichts. Isoliert von jedem. Isoliert vom Leben. Isoliert von meinen Gefühlen. Ich dachte ich könne in meinem Leben sowieso nichts anderes mehr erreichen. Ich war eine Vollzeitprostituierte geworden, ich war Abschaum, ich war jemand unwürdiges. Ich fühlte mich wie ein Stück Dreck und so ließ ich mich auch behandeln.

Als dieses Mädchen, von dem ich oben berichtet habe, mir die Geschichte mit dem Jungen erzählte, habe ich innerlich gekocht vor Wut, denn ich habe mich daran erinnert, was es für mich bedeutete und vor allem wo es endete, als ich damals von besagtem Mann vermittelt bekam, dass ich etwas tun sollte, was eigentlich gegen meine Gefühle, gegen meinen eigentlichen Willen sprach, aber eben als NORMAL verkauft wurde. Ich war aber nicht nur deshalb wütend, weil dieser Junge sich dem Mädchen gegenüber so verhielt, sondern auch deshalb, weil dieses Verhalten ja irgendwoher kommen muss.

Und es ist doch ganz ehrlich auch kein Wunder, dass heutzutage schon 14-Jährige und noch jüngere Jungs mit Frauen umgehen als wären sie dazu da um ihre Bedürfnisse zu befriedigen – denn wo lernen so junge Menschen das?

Genau. Im Fernsehen. In der Werbung. Auf Plakaten. In Pornos. Und vor allem durch die Liberalisierung von Prostitution und der in unserem Land vorherrschenden Normalität Sex kaufen und immer verfügbar haben zu können. Man(n) darf sich den Zugang zu Körpern, meist weiblichen, kaufen. Was ich im Alltag bemerkt habe ist, dass vor allem heranwachsende, männliche Jugendliche dieses Angebot des käuflichen Sex auf ihre Umgebung übertragen, d.h. wenn ein Mädchen/eine Frau diese „Dienstleistung“ nicht anbietet, ist sie trotzdem in deren Augen „etwas“, woran man sich „bedienen“ kann.

Quasi eine Generalisierung: wenn es in Deutschland so viele Prostituierte gibt, dann muss das wohl an der Natur der Frau liegen und deshalb auch jede nicht-Prostituierte auf irgendeine Art und Weise „so ticken“, was bedeutet, verfügbar zu sein.

Es ist traurig zu sehen und mitzuerleben, dass es so wenig Respekt vor dem Wesen „Frau“ gibt. Keine umfassende Achtung vor Mädchen/Frauen, sondern eine Betrachtung derer als Lustobjekt.

(Junge) Männer lernen nicht, eine Frau wirklich zu respektieren, solange sie durch die Stadt laufen und hinter Glasscheiben sitzende Prostituierte betrachten können in dem Wissen, dass diese jederzeit für sexuelle Dienste verfügbar sind. Wie eine Packung Zigaretten, die man sich einfach aus dem Regal nehmen kann, wenn einem danach ist. Sie lernen, dass eine Frau wie eine Ware gekauft werden darf. Das prägt sich doch enorm in ihr Gesamtbild von Frauen ein. Einen Mann habe ich persönlich noch nie hinter einer Scheibe sitzen sehen – und ich bin schon an etlichen vorbeigegangen (Ausnahmen gibt es bestimmt). Und weil ich gerade von Respekt sprach:

Viele Männer wissen überhaupt nicht, wie man mit Frauen respektvoll umgeht. Ich meine jetzt speziell den sexuellen Bereich. Respekt bedeutet nämlich in dieser Hinsicht auch, dass man sich mit den Bedürfnissen und dem Lustfaktor der Frau beschäftigt. Dass Freier das nicht tun, ist fast schon normal, aber ich kenne einige Frauen, die nie was mit der Prostitution zu tun hatten, und dasselbe Problem mit ihren Männern zuhause haben. Nämlich, dass diese sich oft gar nicht wirklich dafür interessieren wie weibliche Sexualität funktioniert, welche Stellen erogene Zonen sind und vor allem wie man diese Stellen RICHTIG berühren sollte – sie beschäftigen sich soviel mit ihren eigenen (Porno-) Bedürfnissen, dass sie oft nicht wissen wie man einer Frau wirklich einen Höhepunkt bescheren kann; sie wissen nicht, auf was es einer Frau in diesen intimen Momenten wirklich ankommt. Oder wollen sie es nicht wissen? Ich hörte dann immer in der Prostitution von Freiern: „Meine Frau zuhause hat keine Lust auf Sex, deshalb komme ich hier her.“ Dann würde ich mich doch vielleicht mal fragen, WARUM die Frau keine Lust hat. Wenn man in 20 Jahren Ehe nur ein paar Mal einen Höhepunkt erlebt, ist das doch verständlich. Wer will schon ohne Lust zu verspüren ständig Geschlechtsverkehr haben? Kein Mensch (dazu zählen übrigens auch Prostituierte, die dann trotzdem hinhalten)! Deshalb empfehle ich generell mal jedem männlichen Wesen: weibliche Sexualität (besser) (kennen)lernen! Und das lernt man auf GAR KEINEN FALL dadurch, dass man Pornos schaut!

(Junge) Männer müssen in unserer Gesellschaft (erneut) erlernen, was eine Frau, nicht ist: etwas, was man sich kaufen kann; etwas, was man sich kaufen sollte.

Ich wünsche mir sehr, dass es viel mehr Aufklärung in allen Bereichen gibt, die mit der Thematik „Prostitution“ verknüpft sind, um viele (junge) Menschen vor so einer Erfahrung wie ich und viele andere sie gemacht haben zu bewahren. Und auch um solchen Jungs wie dem Freund dieses Mädchens, von dem ich erzählte, die Chance zu geben zu begreifen, dass sie auf einem falschen Weg sind. Und zuletzt gehört es auch dazu zumindest zu versuchen Menschen durch Aufklärung davor zu bewahren erst überhaupt Täter zu werden. Wenn ich Möglichkeiten zu all dem habe, werde ich mich dafür aktiv einsetzen.

Es gibt so viele Schäden nach einem Leben in der Prostitution, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Man muss versuchen noch besser zu vermeiden, dass solche Schäden entstehen. Junge Menschen sollen die erste Liebe mit all ihren anderen Höhen und Tiefen erleben können. Sie sollen eine Kindheit, eine Jugend haben. Sie sollen nicht die Erfahrung machen müssen, gleich wie ein Objekt zwischen Männern hin – und hergeschoben und benutzt zu werden. Niemand sollte diese Erfahrung machen müssen! Und es sind leider nunmal meistens Männer, ohne dass ich hier jemanden diskriminieren möchte.

Jeder von uns kann irgendeinen Teil dazu beitragen, durch Aufklärung Besserung zu schaffen. Und wenn es nur ein kleiner Teil ist, ganz egal.

„Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun,

können sie das Gesicht der Welt verändern.“

…sagt ein afrikanisches Sprichwort.

Prostitution & Menschenhandel

 

Wo Prostitution ist, ist auch Menschenhandel (zum Zweck der sexuellen Ausbeutung) im Spiel – bei der großen Mehrheit.

Versteckt.

Hinter den Kulissen.

Für die meisten nicht sichtbar.

Doch er ist da.

Ich habe ihn gesehen.

Ich habe gehört.

Oft.

Ich weiß um ihn.

Immer mehr vertreten ist die sogenannte „Loverboy-Methode“, mit der auch ich Erfahrungen gemacht habe.

Ganz gefährlich.

Loverboys sind Männer, die gezielt nach Frauen suchen, vorwiegend nach jungen Mädchen, diesen dann Liebe vorspielen mit dem Ziel sie später in Form von Zuhälterei auszubeuten, wobei man über das Wort „ausbeuten“ im Sinne z.B. des § 232 Abs. 1 Nr. 1 bzw. Abs. 2 StGb und des § 181a Abs. 1 Nr. 1 StGb streiten kann. In dem Beitrag, den ich unten verlinkt habe, steht dazu noch, dass diese Loverboys zwischen 18 und 28 Jahren sind – nein, es sind Männer jeder Altersklasse.

Ich habe in meinen Beiträgen bis jetzt nie geschrieben, wie mein Weg in die Prostitution komplett verlaufen ist. Ich habe zwar darüber geschrieben, wie gebrochen meine Persönlichkeit zu diesem Zeitpunkt war als ich in die Prostitution eingetreten bin, aber nie darüber, wie ich dann letztlich überhaupt zu ihr, in das Rotlichtmilieu, kam.

Ich kam dazu durch diese „Loverboy-Methode“.

Diese Methode kann auf ganz unterschiedliche Weise funktionieren und stattfinden.

Wie zum Beispiel kann man u.a. hier nachlesen:

Im Visier haben Loverboys nicht nur junge Frauen und Minderjährige, die in materieller Not leben. Sie suchen vor allem nach Frauen mit geringem Selbstvertrauen, die leicht manipulierbar sind. Nach dem scheinbar spontanen Kennenlernen vor Schulen oder Freizeiteinrichtungen oder immer häufiger im Internet verstärken sie den Kontakt. Die Loverboys geben den späteren Opfern das Gefühl von Bestätigung, Anerkennung und Zuneigung. Verliebt sich eine Frau, schnappt die Falle zu. Der angebliche Freund missbraucht ihr Vertrauen, um sie von ihm abhängig zu machen – mit dem klaren Ziel, sie später sexuell und materiell auszunützen… Quelle

Der Loverboy drängt sich Schritt für Schritt zwischen das Mädchen und dessen soziales Umfeld. Die Bindung an ihn wird immer enger, während Freundschaften und Kontakte zur Familie nach und nach zerbrechen. Diese soziale Isolierung läuft so lange, bis das Mädchen das Gefühl hat, dass ihr neuer Freund der Einzige ist, der es versteht… Quelle

So wie in diesen Zeilen beschrieben lief es im Groben bei mir ab. Ich lernte ihn (ca. 20 Jahre älter als ich) im Internet als junges Mädchen kennen, unter anderem nach jahrelang andauernden familiären Problemen, einem Aufenthalt in der Klinik wegen Magersucht sowie nach selbstverletzendem Verhalten (er kannte diese Umstände), und wurde sein „Fang“. Er vermittelte mir Halt, sagte er würde mich lieben, wurde für mich zu meinem „Retter“, zu meinem Lebensmittelpunkt. Nach und nach kamen seine Schulden ins Spiel, seine darauf basierenden Probleme, usw…  Er wusste, welches Spiel er mit mir spielte. Er war ein „alter Hase“ in diesem Bereich, im Rotlichtmilieu, er war ein Altlude, was ich dann nach und nach rausfand. Ich wurde physisch nicht dazu gezwungen mich zu prostituieren – mein Weg in die Prostitution, mein Weg in das „Leben Rotlichtmilieu“, verlief über emotionale Abhängigkeit ihm gegenüber – er stellte meine einzige Bezugsperson dar -, der Ausübung von psychischem Druck auf mich und Angst.

Es war schwer aus diesem Teufelskreis auszubrechen, weil es verstanden wurde mich in der „Spur“ zu halten. Nach ein paar Jahren war ich irgendwann stärker und konnte aus diesem System ausbrechen.

Über einen sehr langen Zeitraum hinweg habe ich alles Geld, was ich dort in der Prostitution verdiente, abgegeben. Alles. Die Loverboy-Methode ist aufgegangen.

Und schlussendlich ist es doch so, dass es nicht in Ordnung ist, einen Menschen, egal welchen Alters, überhaupt in die Prostitution zu treiben mit dem Ziel an Geld zu kommen. Denn wenn das erlaubt ist steht fest: jemand kann an einer Person Geld verdienen indem er sie dazu bringt sich zu prostituieren, was bedeutet sich (wissenschaftlich bestätigten) traumatischen Handlungen auszusetzen – wie kann es legitim sein, einen Menschen dazu zu bringen sich immer und immer wieder zu traumatisieren um von der Ausbeute davon zu profitieren? Es sollte nicht legitim sein, selbst wenn weniger als 50 % abgegeben werden müssen.

Und eines möchte ich noch sagen:

Der Menschenhandel ernährt sich von der Existenz der Prostitution und er ernährt sich noch mehr von der Legalität von Sexkauf, der den Menschenhändlern einen ausgezeichneten Nährboden für ihr kriminelles Treiben gibt. Denn um diese sehr hohe Nachfrage von käuflichem Sex (wie wir sie in Deutschland haben) zu stillen, braucht es ein sehr breit aufgestelltes Angebot.

Es wird immer gesagt man müsse differenzieren zwischen Prostitution und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung/Zuhälterei – leider habe ich in meinen 6 Jahren in der Prostitution gesehen, dass man größtenteils nicht differenzieren kann, weil es bei der großen Mehrheit fließende Übergänge sind.

Wer Prostitution unterstützt, lässt Menschenhandel zwangsläufig weiter gedeihen.

 

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„Mein Herz blutet wegen all der Opfer, die sich noch unter der Kontrolle von anderen befinden. Jetzt, wo wir die Wahrheit über Menschenhandel wissen, können wir ihm nicht den Rücken zudrehen und so tun als ob dieses Problem nicht existieren würde. Er ist wie Krebs, der sich jeden Tag weiter ausbreitet und mehr wird, und es liegt bei jedem von uns unseren Teil dazu beizutragen das Ganze zu beenden.“

– Nicole, eine Überlebende aus den USA –

 

Mehr zu A21 gibt es hier:

http://www.a21.org/

 

Die 4 Säulen der Prostitution – über Marionetten und Marionettenspieler

 

Manchmal fragt man sich – was bleibt.

Was bleibt nach einem Leben in der Prostitution – zwangsläufig meist verbunden mit (organisierter) Kriminalität, Drogen, Alkohol, (sexueller) Gewalt.

Was vor allem bleibt ist ein Bild über unsere Gesellschaft.

Ein trauriges Bild.

Denn was ich und viele Frauen in der Prostitution erlebt haben ist kein Traum aus dem man einfach wieder erwacht und erleichtert aufatmet.

Es ist keine Erfahrung, von der man sagen kann: „das kommt eben mal vor“, eine einmalige Sache.

Nein.

Es war Realität.

Es IST Realität, was da draußen in unserer Gesellschaft jeden Tag passiert.

Es ist Realität, dass Menschen in der Prostitution, überwiegend Frauen, jeden Tag erniedrigenden Handlungen ausgesetzt sind.

Vor ein paar Tagen schrieb mir ein Freier eine Mail, dass wir Prostituierten doch an allem selbst Schuld seien. Wir würden schließlich schauspielern und ein dreckiges, abgekartetes Spiel mit den Freiern spielen, indem wir ihnen Gefühle vortäuschen, die gar nicht existieren, um uns ihr Geld zu holen. Wir seien selbst ein Teil dieses ausbeuterischen Systems der Prostitution und würden es zu einem sehr großen Teil mit am Leben erhalten, mitverantworten, weil wir selbst ausbeutennämlich die Freier.

Alle Erkenntnisse der Traumawissenschaft bezüglich der Ursachen und Folgen der sich in der Prostitution befindenden Frauen seien doch nur weit hergeholte Theorien und diese Leute hätten doch keine Ahnung davon wie es in der Praxis denn wirklich aussieht.

Die Mail war lang.

Voller Vorwürfe, voller „ihr Prostituierten seid doch selbst Schuld“. Wir würden dieses Gewaltsystem genauso fördern wie Freier auch, weil wir daran aktiv beteiligt wären.

Und ich habe kurz überlegt: bin ich, so wie dieser Freier es geschrieben hat, wirklich ein Teil dieses ausbeuterischen Prostitutionsmilieus gewesen? Habe ich es mit ernährt? Habe ich überhaupt Freier ausgebeutet? Haben wir prostituierten Frauen dieses verheerende Geschäft, in dem Frauen zu Waren herabgesetzt werden, mitangerichtet, weil wir ANWESEND sind (zumindest körperlich) und unsere „Dienste“ anbieten?

Sind WIR Schuld?

Was bedeutet denn überhaupt „Schuld“?

Kann Schuld nicht erst aus Freiheit resultieren?

Der Freiheit einer Handlung?

Im Strafrecht gibt es zum Beispiel § 20 StGb. Er behandelt die Schuldunfähigkeit von Menschen, die eine Straftat begangen haben. Diese können eine Tat zwar tatbestandlich und rechtswidrig begehen, aber wenn eines der Tatbestandsmerkmale des § 20 StGb auf einen zutrifft, gilt dieser Mensch als schuldunfähig (mit ihm passiert natürlich dann nicht gar nichts, sondern er/sie unterfällt den sogenannten „Maßregeln der Besserung und Sicherung“).

Wir hatten an der Uni mal einen Arzt aus einer forensischen Psychiatrie zu Gast, der einen Vortrag darüber gehalten hat, was mit Menschen dann in der Praxis passiert, die zwar eine Straftat begangen haben, aber eben schuldunfähig sind und deshalb in dem Sinn nicht nach ihrer eigentlich begangenen Tat bestraft werden können. Er hat uns Einblicke gegeben, was in der Praxis genau unter die Tatbestandsmerkmale des § 20 StGb subsumiert werden kann, welche Verhaltensweisen also beispielsweise unter „krankhafte seelische Störung“ oder „schwere andere seelische Abartigkeit“ oder „Schwachsinn“ fallen, wie sich die Leute bei ihm in der Anstalt mit der Zeit entwickeln (oder auch nicht), etc… Es war interessant, aber auch erschreckend, was es alles gibt, mit welchen Verhaltensweisen man als PsychiaterIn teilweise klar kommen muss. Der Arzt wirkte extrem monoton in seiner Stimmlage, immer auf dem gleichen Level. Ich glaube, er war selbst ein bisschen abgestumpft in Bezug auf manche „Fälle“. Das muss man wahrscheinlich zum Selbstschutz auch.

Mir geht es hier jetzt jedenfalls nicht um Menschen, die eine Straftat begangen haben, sondern um Folgendes:

Alle diese „Krankheiten“, die der Arzt aufgelistet hat, sind so extrem unterschiedlich. Dennoch haben sie meines Erachtens eines gemeinsam. Die Menschen sind nicht frei. Nicht frei im Geist, nicht frei in der Entscheidung, nicht frei als menschliches Wesen. Sie sind Unfreie. Man spricht ihnen diesen § 20 StGb, die Schuldunfähigkeit, zu, weil man weiß, dass sie unfrei sind, dass sie nicht BEWUSST handeln (können).

Sie sind wie Marionetten und hängen an unterschiedlichen (nicht sichtbaren) Fäden von denen sie gelenkt werden.

Etwas bestimmt sie. Bei jedem ist dieses „Etwas“ etwas anderes, aber bei jedem ist es nicht das innere Selbst, was einen leitet. Es wurde entweder nie gefunden oder aber verloren oder zerstört, etc…

Und natürlich: einer Marionette wird man nie Schuld zuweisen können, eben weil sie an diesen Fäden hängt und nicht autonom handlungsfähig ist – sie wird geführt, ihre Bewegungen, ihr Auftritt, alles wird gelenkt.

Und jetzt kommt die Übertragung:

alle Frauen, die ich in der Prostitution kennenlernte und die sich prostituierten, glichen lebenden Marionetten. So auch ich.

Prostituierte sind Unfreie in ihrem Handeln als Prostituierte.

Sie hingen alle an diesen Fäden, ihr Wille war gebrochen, sie führten ihre Bewegungen zwar selbstständig aus, doch sie waren ihnen vorgegeben – vorgegeben durch dieses „Etwas“, was sie leitet. Oft waren das anhaltende seelische Störungen verursacht beispielsweise durch vorangehende Traumata oder Suchtprozesse, aber auch physische Beeinflussungen, Drohungen, etc… Man kann dieses „Etwas“ als Marionettenspieler zusammenfassen.

Wie also, wenn man wie eine Marionette an Fäden hängt, soll man anders handeln als die Marionettenspieler es vorgeben?

Irgendwann, wenn es gut läuft, beginnt ein Faden zu reißen und ab und zu merken die Frauen dann, dass sie an Fäden hängen und unfrei sind, dass sie frei werden wollen, der Prostitution entfliehen wollen – aber wie sollen sie denn die restlichen Fäden durchschneiden, wenn sie zum ersten Mal seit Jahren anfangen überhaupt zu realisieren, dass es vielleicht noch etwas anderes gibt als dieses Marionettendasein, sie aber Angst haben und überwiegend immer noch autonom handlungsunfähig sind aufgrund der übrigen Fäden?

Wenn dieser erste Faden gerissen ist, können sie zum ersten mal WOLLEN, aber sie können noch nicht frei werden, weil der Rest der Fäden noch existiert. Die Autonomie fängt erstmals an zu wachsen und das Streben nach einem selbstgesteuerten Leben beginnt, welches so viel mehr beinhaltet als ein Marionettenleben. Man erkennt langsam die Farben des Lebens klar und deutlich. Man fängt an zu begreifen, dass man weitergehen kann als mit diesen Fäden, weitergehen will, weil man unabhängig sein möchte. Und bestenfalls entwickelt man irgendwann, irgendwie die Kraft sich gegen diese restliche Handlungsunfähigkeit mit allem, was einem zur Verfügung steht, zu wehren um die übrigen Fäden durchzuschneiden – und somit der Prostitution, der Unfreiheit, seinen Rücken zuzukehren. Das ist kein einfacher Weg.

Wir (ehemaligen) Prostituierten sind mit Sicherheit ein Teil dieses ausbeuterischen Systems, aber wir gehören nicht zu dem Teil, der ausbeutet, wir richten dieses Gewaltsystem nicht mit an, denn wir sind Marionetten in einem System, welches davon profitiert, dass Prostituierte Unfreie sind.

Dieses Prostitutionssystem besteht sozusagen aus 4 Teilen, die sich zusammenfügen.

Die Prostituierten stellen den 4. Teil am Ende der Kette dar von dem die anderen 3 Teile profitieren. Und diese 3 Teile profitieren sogar untereinander, obwohl sie (oft) nichts miteinander zu tun haben und von dem Profit untereinander meist auch gar nichts wissen oder mitbekommen (wollen).

Diese 3 Teile von denen ich spreche sind die Freier, der Staat und die Zuhälter/Menschhändler (sehr oft haben Zuhälter nunmal auch mit Menschenhandel zu tun, auch wenn das immer wieder bestritten wird) – wie profitieren sie also voneinander?

Der erste Teil sind die Freier – sie profitieren vom Staat, denn er lässt Sexkauf zu. Nur deshalb können sie ihre Lust in diesem hohen Ausmaß ausleben, wie sie es tun. Sie profitieren von Zuhältern und Menschenhändlern, denn diese sorgen unter anderem mit dafür, dass das Geschäft so stattfinden kann (Organisation in Clubs, etc…) und bringen ihnen neue „Frauenware“. Dieses Wort klingt hart, aber warum soll ich nicht aussprechen, was nun mal Realität ist? Auch wenn die Freier nicht von solchen Dingen profitieren wollen und sich davon abgrenzen – sie tun es trotzdem. Auf subjektive Wünsche kommt es hier nicht an. Objektiv profitieren sie. Nur das zählt, denn ein Nicht-Wollen dieses Profits ändert nichts an den realen Umständen.

Der zweite Teil ist der Staat – er profitiert davon, dass es Freier gibt, die für ihr Sexualleben bezahlen, denn er hat dadurch eine Einnahmequelle – wo keine Nachfrage, da kein Markt. Er profitiert zwangsläufig – auch wenn (wie die Freier) nicht gewollt – an Menschenhändlern und Zuhältern, denn ohne sie würde das Geschäft nicht in dem Ausmaß stattfinden, wie es das tut – traurig, aber leider die Wahrheit. Ohne die Organisation vieler großer Clubs, was auch den „Frauenvorrat“ betrifft, gäbe es keine so hohen Geldeinnahmequellen. Und hier wieder bewusst „Frauenvorrat“, denn die Frau ist nichts weiter als ein Objekt in diesem Milieu – harte Tatsachen müssen ausgesprochen werden.

Der dritte Teil sind die Zuhälter und Menschenhändler – sie profitieren vom Staat, da er Sexkauf erlaubt und sie so unproblematischer Geld einnehmen können als müssten sich „ihre Frauen“ mit Freiern verstecken. Sie profitieren von Freiern, denn diese sind es, welche das Geld dalassen, was dann ganz häufig nicht in die Tasche der Prostituierten fließt, sondern in deren. Das Ganze schafft den Zuhältern und Menschenhändlern eine Plattform, auf der sie aktiv aufbauen können.

Herzlichen Glückwunsch.

Ein in sich stimmiges System würde ich mal sagen.

Doch der 4. Teil, die Prostituierten, fehlen.

Alle profitieren von ihrem Dasein, doch wo profitieren denn nun sie?

SIE, ohne die es diesen ganzen oben beschriebenen Profit gar nicht gäbe?

Und wo beuten sie Freier aus?

Ich war 6 Jahre im Milieu.

Mir ist das meiste Geld von Freiern nicht geblieben – was mir geblieben ist, ist ein Bild u.a. von Familienvätern, die nach außen hin vielleicht lieb, nett und unscheinbar schienen, doch bei mir im Zimmer zum Unmenschen mutierten.

Der Staat hat mir Geld genommen in Form von Steuern – während ich größtenteils von diesem hart verdienten Geld selbst gar nichts hatte (warum? – siehe nächste Zeile).

Und von Zuhältern habe ich auch nicht profitiert – in den ersten Jahren habe ich meist 100 % des verdienten Geldes abgegeben.

Ich habe während und nach der Prostitution gekämpft mit massiven Panikattacken, die mich physisch! handlungsunfähig gemacht haben, mit Dissoziationsmechanismen, mit Depressionen, extrem hohem Alkoholkonsum, Nebenwirkungen von Überdosen an Drogen…

Wenn man das Profit nennen kann, wenn man das Ausbeutung von Freiern nennen kann, dann hat jemand das Wort „Profit“ oder „Ausbeutung“ gänzlich nicht verstanden. Ausbeuten ist das Ausnutzen anderer. Man müsste einen Vorteil ziehen.

Ich finde diesen Vorteil für mich nicht – für keine Prostituierte, die ich kennegelernt habe.

Ich und jede andere, die ich kannte, waren UNFREI.

Das wurde den Zuhältern, den Freiern und dem Staat (ob gewollt oder nicht spielt hier keine Rolle) zum Vorteil, aber sicher nicht uns.

 

Austausch mit einem Freier – guter vs. böser Sexkäufer

Ein Mann und Freier namens Kris hat mir eine Anfrage geschickt.

Da ich diesen Austausch mit ihm für wichtig halte, möchte ich einen Beitrag daraus machen.

Nachfolgend habe ich für alle Leserinnen und Leser erstmal Kris Anfrage kopiert.

Meine Antwort kommt danach.

Hier sein Anliegen:

„Hallo,
aus gegebenem Anlass verfolge mit großem Interesse deinen Internetauftritt – gegebener Anlass deshalb, weil ich seit einiger Zeit einen mehr oder weniger (guten, natürlich den Umständen entsprechend) persönlichen Zugang zu einer Prostituierten gefunden habe, die ich seit einigen Monaten immer wieder regelmäßig besuche.
Ja, ich bin ein Mann der die 50 bereits überschritten hat und ich würde mich selbst (entschuldige mir hier meine positive Selbstdarstellung) als einen recht gut aussehenden schlanken, ernstzunehmenden und aufrichtigen Menschen einschätzen, der hin und wieder dieses Rotlicht-Milieu aufsucht. Allerdings, und das sage ich hier in aller Deutlichkeit und Ernsthaftigkeit, möchte ich mich hier von der Stereotype des sogenannten Freiers abheben ja, ich möchte in keinster Weise mit diesen Menschen (so wie der Freier immer wieder negativ beschrieben wird) in meinem persönlichen Verhalten den Prostituierten gegenüber auch nur irgendwie in Verbindung gebracht werden. Mit diesen Menschen die sich, wenn auch nur ansatzweise an diesen „käuflichen Damen“ in irgendeiner Weise respektlos, herabwürdigend und fordernd in ihrem Versucht der „sexuellen Machtausübung“ zu Vergehen, will ich niemals etwas zu tun haben – ja, du liest ganz richtig, ich scheine ein besonderes Exemplar eines männlichen Wesens zu sein.
Aber zurück zum meiner entstandenen Problematik mit dieser o.g. Dame, die ich zufällig im Milieu kennengelernt habe, da ihre Tür offen stand (Laufhaus) und ich von ihr eingeladen wurde doch hereinzutreten – was ich dann auch sehr gerne tat.
Es scheint sich irgendwie eine ganz besondere Stimmung zwischen uns einstellen zu wollen und ich kann mich an eine wohltuenden und vorsichtigen, ja beinahe schon zärtlich anmutende Begegnung seit anfange an zurück erinnern – eben so wie ich mir die Begegnung zum anderen Geschlecht vorstelle und ich es mir auch wünsche.
Und so kam es, dass ich die Besuche in bester Erinnerung behalten durfte – wie durch einen Zufall begegneten wir uns eines Tages völlig unvermittelt und abseits des Milieus auf der Straße, sie kam zu mir her und trat vor mich um ein wenig Smaltalk zu führen wobei ihre persönliche Ausstrahlung mir gegenüber meines Erachtens erstaunlicher weise sehr offen und aufgeschlossen erschien, was ich auch am Blick in ihrer Augen glaubte ablesen konnte.
Ab diesem Ereignis konnte ich sie nicht mehr vergessen und es folgten regelmäßiger Besuche, die kaum und wenn, dann nur sehr untergeordnete sexuellen Handlungen zu Bestandteil der Begebungen hatten. Ich konnte es auch gar nicht und ich hatte bei ihr keine wirklichen sexuellen Erregungen verspürt, viel zu stark waren all die hingebungsvollen und leidenschaftliche Zärtlichkeiten und auch immer wieder die sehr sinnlichen intensiven und oft lang anhaltenden Blickkontakte zwischen uns – mir erschien immer wieder der Eindruck, dass wir dies beide sehr genießen konnten.
Ich forderte sie dann bei meinen Besuchen immer wieder dazu auf sich nicht vor mir, was sie immer wie ganz automatisch tat, nackt auszuziehen – ja, ich forderte Sie sogar einige male dazu auf sich bitte vollständig anzuziehen.
Eines Tagen nahm ich zum Ende des Besuches allen Mut zusammen und offenbarte micht ihr gegenüber mit den Worten, „sie habe einen Platz in meinem Herzen“ – die Antwort ihrerseit kam ziemlich schnell mit der Aussage, sie hätte keine Zeit sich mit mir außerhalb zu treffen, sie müsste arbeiten und schlafen !
Bei unserer nächsten Begegnung kam von ihr völlig unvermittelt die Frage an mich ob ich eine Beziehung wollte bzw. suche – meine Antwort darauf, so kann ich mich erinnern, kam nicht von meinem Herzen (vielleicht ein folgenschwerer Fehler meinerseits), sondern vielmehr von meinem Verstand mit der Aussage einiger beispielhaft erläuternden Problemen in Anbetracht ihrer aktuellen Liebesumstände, die ich ja sehen konnte.
Ab diesem Zeitpunkt verschlechtere sich zusehend ihr Gesichtsausdruck zum eher ärgerlichen, vielleicht enttäuschten oder sonst etwas – ich habe, trotz mehrfachen Versuches, nie einen verwertbare Antwort von ihr erhalten.
Es folgen weiter Besuche bei ihr und nach und nach kamen so einige Aussagen, die sie geäußert hatte, zusammen. Beginnend mit Bemerkungen wie:
Es wäre normal und richtig, wenn man sich außerhalb begegnet und kennenlernt, hier in diesem Milieu kann es nicht funktionieren.
Ich bin in mir gefangen und kann nicht heraus, ich lebe in der Gegenwart, habe keine Zukunftspläne und keine Träume (mehr), alle Pläne und Träume die ich hatten sind mir nicht gelungen.
Ich arbeite jeden Tag, möchte mich nicht beklagen und weine nicht wegen der (Art) der Arbeit und ich muss auch meine Familie in Rumänien versorgen.
Unsere anfängliche behutsamen Umgangsform miteinander wich teilweise hin zu solchen Gesprächen und so bestimmt auch zu einigen Missverständnissen und auch der Sprachbarriere (alles in Englisch) wegen.
Auch färbten sich die anfänglich doch sehr stark rosa-rot gefärbten Gläser meiner Verliebtheit-Brille nach und nach zu klarem und durchsichtigen Glas.
Nach dem Austausch von Telefonnummern und einigen Kontakten über WhatsApp ging ich dazu über ihr einen Link zu dem Internet-Bericht mit dem Thema: Trauma und Prostitution zu senden – es war mutig von mir aber ich hatte eigentlich nicht viel zu verlieren, sollte sie deswegen den Kontakt zu mir abbrechen.
Beim nächste und bis heute letzte Besuch, die Stimmung zwischen uns war leider nicht gerade gut aber sie sprach wenigsten, offenbarte sie mir folgendes:
Sie versuchte diesen Internet-Bericht ins lächerliche zu zeihen – ich glaube aber nicht, dass sie den Bericht vollständig, wenn überhaupt gelesen hat, den Text des Links aber wohl).
Sie erklärte mir, sie könnte keinen Menschen in dieser Lebenssituation in ihrer Nähe haben.
Sie erklärte mir, niemanden um Hilfe gebeten zu haben.
So, da stehst du nun da als sogenannter GUTMENSCH und weist nicht so recht wie du mit dieser leicht verfahrenen Situation und überhaupt umgehen sollst !!!
Ich glaube nicht, dass sie mich nicht leiden kann oder auch nicht mehr sehen möchte, aber ich kann mir diese „Zerrissenheit und die emotionale Veränderung“ (ich benenne es jetzt einmal so) ihrerseits nicht wirklich erklären.
Aufgrund ihrer manchmal veränderten Art ihres Wesens das mir auffiel, muss ich davon ausgehen, dass sie in irgend einer Weise schädlich Substanzen zu sich nimmt, was auch daran zu erkennen war, dass sie öfters einen wie versteinerten Gesichtsausdruck mit wenig bis gar keiner deutlichen Mimik hatte.
Nach weiteren Besuchen zu ihr weiß ich und kenne ich heute folgende Tatsachen von ihr:
Sie hat ein großes Problem im Hintergrund und zwar ein massive Geldforderung in 5-stelliger Höhe – allerdings weiß ich (noch) nicht ob es sich eine legale (z.B. normale Kreditschulden, eine Strafzahlung oder Ähnliches) oder um eine illegale (ganz allgemein aus dem Milieu) Forderungen handelt – ich vermute leider mal letzteres und sehe mehr und mehr einen (typischen) Fall von Zwangsprostitution vor mir mit all den Folgen ihres Verhaltens geprägt von Verängstigungen, Einschüchterungen und der Tatsache der Ambivalenz und der Dissoziation (von dir gut erklärt!).
An dieser Stelle ein Link zu einer Kampagne auf der Seite:
http://www.stoppt-zwangsprostitution.de
http://www.stoppt-zwangsprostitution.de/art/doku_kampagne.pdf
Ja, es ist unheimlich schwer, sich einer Person die sich in dieser für sie aussichtslosen Lebenssituation befindend, in ehrliche und vertrauensvoller Weise zu nähern und auch ggf. eine Hilfsstellung anzubieten – die für mich erst mal außer Frage steht.
Ich bin daher auf (vorerst auf verbale) Hilfe angewiesen – und wer kann mir derzeit am meisten/besten helfen als jemanden wie du, der wahrscheinlich all die Facetten des Milieus kennt – daher die Bitte an dich,
beziehe doch bitte mal Stellung dazu – was kann ich als nächste tun, den selbst wenn ich die Bereitschaft zur Änderung ihrer Lebenssituation bewirken kann dann fängt die eigentlich „Arbeit“ ja erst an, nämlich mit der weiteren Existenzfrage deren Antwort ich ihr eindeutig und glaubhaft vermitteln muss und ihr auch, so meine ich, tatsächlich schuldig bin.
Gruß Kris

Meine Antwort:

Hallo Kris,

danke für deine Anfrage.

Um zu versuchen dir nun verständlich zu antworten muss ich etwas ausholen, denn ich möchte nicht nur auf deine eigentliche Frage eingehen, sondern auf deinen kompletten Kommentar reagieren.

Du schreibst:

„in aller Deutlichkeit und Ernsthaftigkeit, möchte ich mich hier von der Stereotype des sogenannten Freiers abheben ja, ich möchte in keinster Weise mit diesen Menschen (so wie der Freier immer wieder negativ beschrieben wird) in meinem persönlichen Verhalten den Prostituierten gegenüber auch nur irgendwie in Verbindung gebracht werden. Mit diesen Menschen die sich, wenn auch nur ansatzweise an diesen „käuflichen Damen“ in irgendeiner Weise respektlos, herabwürdigend und fordernd in ihrem Versucht der „sexuellen Machtausübung“ zu Vergehen, will ich niemals etwas zu tun haben – ja, du liest ganz richtig, ich scheine ein besonderes Exemplar eines männlichen Wesens zu sein.“
Deiner Ansicht nach gibt es gute und böse Freier, wobei du dich zu den Guten zählst.

Doch gibt es diesen Unterschied überhaupt?

In einem Eintrag ein paar Beiträge weiter unten habe ich von aggressiven Freiern gesprochen.

Sind das die Bösen und solche wie du die Guten?

Deiner Aussage nach zu urteilen hast du dich auch zumindest ein bisschen mit dem Thema Trauma und Prostitution beschäftigt – dann müsstest du ahnen, dass es für eine Prostituierte und ihr Seelenbefinden keine guten Freier geben kann.

Physisch mag deine Art des Freier-Seins einer Frau zwar weniger weh tun, aber was da in ihr drin stirbt, während du ihre „Dienste“ in Anspruch nimmst, stirbt weiter.

Ganz egal ob du einer von diesen physisch rücksichtslosen Freiern bist oder ob du ein Freier bist, der so agiert wie du. Fakt ist: du berührst einen Körper, der nicht für dich bestimmt ist und damit verbunden auch ein Herz, welches nicht für dich schlägt.

Ich habe alle Freier gehasst und verachtet, ganz gleich ob ihr physisch grob wart oder nicht – und so lieb und nett wie ich für manche aussehe: ich war ein paar mal kurz davor einen von euch umzubringen; auch solche „lieben Freier“ wie dich – vor allem dann, wenn ihr Frauen vor meinen Augen berührt habt, mit denen ich im Bordell gewohnt habe, mit denen ich öfter zusammen mit diversen Freiern auf Zimmer war, weil wir uns gegenseitig beim Geld verdienen und auch mental halfen. Sie waren mir ans Herz gewachsen.

Ich lernte sie besser kennen, weil ich u.a. in den Clubs geschlafen und auch in einem Kellerzimmer in einem Bordell gewohnt habe.
Dieses Zimmer war ca. 5qm groß. Ein Bett und ein Schrank.

Eine Gefängniszelle ist schöner, glaub mir, aber allemal besser als auf der Straße zu schlafen.

Dort im Keller des Clubs waren noch weitere, kleine Zimmer, in denen besagte andere Frauen lebten. Neben meinem Zimmer befand sich direkt das schwarze Studio. Oft konnte ich nach der „Arbeit“ nicht schlafen, weil dort immer noch jemand zu Gange war mit Schlägen, Schreien, Folterspielen… auch ich habe manchmal im schwarzen Studio Männer „bedient“. Diese Tätigkeit als Domina ist nochmal in einer ganz anderen Art und Weise extrem verstörend. Alle richtigen Dominas, die ich kenne, wirken als kämen sie von einem anderen Planeten. Aber zu dieser Thematik schreibe ich irgendwann noch einen eigenen Beitrag, das ist eine Welt für sich. Schwarzes und weißes Studio, grausam, richtig grausam!

Zurück zum Thema:
Als ich besagte Frauen anfangs kennenlernte, haben wir uns gehasst. In den Clubs herrschte ein Kampf ums Überleben, ein einziges Ellenbogengeschäft.

„Niemand im Milieu ist dein Freund“, wurde mir immer erzählt von Leuten, für die ich Geld verdient habe.

Ich sollte diese Frauen nicht mögen, ich sollte niemanden mögen. Ich sollte einfach nur funktionieren und dort Geld verdienen. Sympathien führten nach Ansicht dieser Menschen, die mein Geld wollten, nur dazu, dass man weniger Geld verdient, weil man den anderen den Vortritt lässt, weil man sich miteinander verbünden und rebellieren könnte, etc….

Aber wenn man mit diesen Frauen lebt, so wie ich mit ihnen in den Clubs gelebt habe, erkennt man den Mensch hinter dieser Fassade aus Make-Up, High-Heels, Suchtmitteln, Aggressivität (wenn die Suchtmittel ausgingen oder kein Geld da war um sich essen zu kaufen….).

Und so wurden ein paar Frauen aus diversen Ländern zu meinen „Verbündeten“. Ich habe ihnen geholfen und sie halfen mir – in einem Geschäft, in dem eigentlich jeder nur sich selbst helfen kann. Unser füreinander Dasein hat unser Herz erwärmt in dieser eisigen Kälte.
Wenn man nun Menschen gern hat, ist es noch schlimmer sie leiden zu sehen. Und ich habe diese Frauen leiden sehen als ich mit ihnen und den Freiern zusammen auf Zimmer war, wenn ihr Freier sie nach oder vor mir benutzt habt, ich habe sie weinen sehen nach dem Zimmergang –  ich habe sie aufgeben sehen, weil sie dieses Leben nicht ertragen haben, süchtig waren, verloren waren.

Was ich dir damit sagen möchte: nachdem sie auch mit „lieben Freiern“ wie DIR zusammen waren, kamen sie zu mir genauso wie ich zu ihnen, erzählten wie schlimm es war, lagen manchmal weinend bei mir – und ich weinte mit, weil ich diese schrecklichen Zimmergänge jeden Tag selbst erlebt habe und weil es mir weh tat sie weinen zu sehen, nichts tun zu können, machtlos zu sein.

Ich konnte Ihnen Suchtmittel nicht verbieten um Freier wie dich zu ertragen, ich konnte sie nicht aus diesem Leben retten – wie auch, ich habe selbst Suchtmittel genommen, ich war selbst in diesem Leben gefangen. Ich war selbst am Boden, selbst verloren.

Wenn ich es mir also erlaube auch über Freier wie dich und ihre Auswirkungen auf Prostituierte zu sprechen, schildere ich dir nicht nur das, was ich selbst empfunden habe, sondern ich kenne unzählige Geschichten von betroffenen Frauen über nette Freier wie dich, die einen genauso verzweifeln lassen wie andere Freier, mit denen du nicht in Verbindung gebracht werden willst.

Der Unterschied zwischen einem Freier wie dir und beispielsweise einem groben, aggressiven Freier ist, ich sage es dir in Milieusprache:

der Aggressive fickt deine Geschlechtsteile, der „Liebe“ hingegen fickt deinen Kopf.

Und diese Kopffickerei ist nicht weniger schlimm als das andere.

Physisch vielleicht – seelisch aber nicht. Und auf das Seelische kommt es an! Denn was nützt es dir, wenn du eine Frau zwar nicht physisch beschädigst, aber an ihrer innerlichen Zerstörung beteiligt bist?

Du siehst es nicht, das bedeutet aber nicht, dass dieser Prozess nicht stattfindet.

Irgendwann führt auch die innere Zerstörung zu einer äußeren Zerstörung – entweder wenn die Frauen an dem hohen Suchtmittelkonsum sterben (häufig hängen sie an der Nadel!) oder umgebracht werden oder sich selbst umbringen, weil sie es nicht mehr aushalten, oder, oder, oder….

Dann hast du sie zwar physisch im Moment des Zimmergangs nicht verletzt, aber das, was du mit ihrer Seele angestellt hast, hat sie trotzdem zerstört.

Bist du deshalb besser als jemand, der sie gleich physisch mitzerstört?

Nein.

Du machst dir Gedanken.

Das ist ein guter Anfang.

Doch mach dir nicht nur Gedanken um eine einzige Frau, sondern mache dir Gedanken über das, was ich dir gerade geschrieben habe. Stelle dich nicht nur gegen Zwangsprostitution, sondern fang an das ganze System Prostitution in Frage zu stellen.

Hättest du mich als Prostituierte kennen gelernt, dann hättest du vielleicht an manchen Tagen gedacht ich mache diese Arbeit gerne, du hättest gedacht ich finde dich sympathisch, du hättest gedacht ich habe Gefühle für dich – während ich dich verachte und innerlich sterbe um dir all das vorspielen zu können.
Prostitution ist Schauspielerei. Sie ist nichts weiter als Schauspielerei. Oft eine schlechte Schauspielerei, wenn die Männer merken, dass die Frauen leiden, die eigene Lust aber vorgeht und sie weitermachen und so tun, als würden sie das Schauspiel glauben.

So einer bist du nicht, aber begreife, dass eine Frau trotzdem leidet.

Leid ist nicht immer sichtbar, wenn es gut versteckt ist. Und im Milieu muss es gut versteckt sein, weil die Frauen dort sonst nicht überleben.

Leid zu verstecken ist ihr täglich Brot, ihre Existenzsicherung.

Man (n) redet es sich gern ein, dass man ein guter Freier ist, ein besonders lieber Freier, um ein Alibi zu haben und um sich nicht schlecht zu fühlen… aber genau jemand wie du sowie jeder andere Freier, den ich hatte, waren an der Zerstörung meines Seelenlebens beteiligt.

Du sagst du bist respektvoll im Umgang mit den Frauen, deren „Dienste“ du kaufst.

Doch was ist Respekt?

Respekt bedeutet jemanden zu achten, jemanden wertzuschätzen…

Wenn du aber an der Zerstörung eines Lebens beteiligt bist, respektierst du dieses Leben nicht – wenn auch in deinem Fall vielleicht unbewusst, weil du nicht ahnen kannst, was in einem solchen Menschen vorgeht – du bist trotzdem daran beteiligt.

Jetzt hast du ein bisschen mehr Bewusstsein und ich hoffe sehr, dass du ein Mensch von Ehre bist und dieses Bewusstsein, was ich dir versuche zu geben, nicht verdrängst, sondern dass es dein Handeln in Zukunft dominieren wird.

Würdest du mich damals wie heute sehen würdest du nicht annehmen, dass ich jeden Tag Leid erlebt habe, dass ich jeden Tag Unmengen an Alkohol getrunken habe, um all das auszuhalten, jeden Tag bis zu 3 Schachteln Zigaretten geraucht habe um meine Nervosität zu versuchen in den Griff zu kriegen, Drogen von wildfremden Menschen probiert habe, bei denen ich nicht wusste, was es war und die Nebenwirkungen hervorgerufen haben, die ich keinem Menschen wünsche…

Was viele nur gesehen haben war ein junge Frau, die lächelt, die ihre „Arbeit“ macht.

Ich habe all das überstanden, gehe meinen Weg, mit erhobenem Kopf, mit Respekt vor dem, was ich jetzt habe.
Diese nicht sichtbaren Abdrücke von Freiern auf der Haut jeder Ex-Prostituierten bleiben. Erinnern an sexuelle Handlungen – erlaubt vom Verstand um zu überleben, aber nicht erlaubt vom Herz, nicht erlaubt von der Seele.
Auch wenn du es bisher vielleicht nicht wahrgenommen hast: auch du gehörst zu den Menschen, die dieses Seelenchaos mit ihren Besuchen bei Prostituierten anrichten – und du kannst einer von jenen sein, die reparieren!
Du kannst mithelfen, dieses menschenfeindliche System zu zerstören.
Wie du helfen kannst?
Geh nie wieder hin!
Ja, es mag hart für dich sein, nach so vielen Besuchen.
Aber: wenn du ein Herz hast, wenn du ein Mensch bist, der lieben kann und lieben will, dann wirst du es schaffen deine Lust, deine Neugier, deine Einsamkeit oder was auch immer dich zu diesen Besuchen treibt, zu kontrollieren und fern zu bleiben.

Mein Respekt vor Männern, die sich Zugang zu Frauenkörpern kaufen, ist auf dem Nullpunkt, denn ich glaube nicht daran, dass auch sie Menschen sind, die Frauen WIRKLICH ERNSTHAFT achten können, was bedeutet, sie nicht (mehr) zu kaufen!

Du hast die Möglichkeit mir und vielen anderen Frauen zu helfen diesen Glauben wieder zu finden, indem du einen Schlussstrich ziehst.

Es gibt da einen schönen Satz, nachdem jemand mal sagte, dass er allein sowieso nichts erreichen könne: „Wenn das die ganze Menschheit sagt, werden wir nie weiterkommen.“

Nur wenn jeder irgendwie anfängt und mitmacht, kann sich etwas ändern.
Mach mit und sei ein Mensch, der sich gegen Prostitution stellt.

Nicht nur gegen Zwangsprostitution, sondern gegen jede Form der Prostitution – denn sie ist menschenunwürdig.

Diese Aufforderung gilt für jeden Freier, der gerade mitliest.

Schließt euch Bewegungen an wie Zéromacho.

Verändert etwas, denn es ist eure Nachfrage, die das Leid der Frauen aufrechterhält – auch deine, Kris.

In Bezug auf deinen konkreten Fall noch etwas:

Wenn du dich mit dem Thema Trauma und Prostitution schon beschäftigt hast müsstest du wissen was Sätze wie

„Ich bin in mir gefangen und kann nicht heraus, ich lebe in der Gegenwart, habe keine Zukunftspläne und keine Träume (mehr), alle Pläne und Träume die ich hatten sind mir nicht gelungen.
Ich arbeite jeden Tag, möchte mich nicht beklagen und weine nicht wegen der (Art) der Arbeit und ich muss auch meine Familie in Rumänien versorgen.“

bedeuten.

Glaub mir, sie weint und sie leidet… und sie kann dich nicht ernst nehmen, selbst wenn du ihr helfen willst und ihr einen Artikel über Trauma und Prostitution gibst. Du bist derjenige, der sie kauft. Mit deinem Verhalten bist du für sie Täter, kein Freund. Nur wenn du dich vom System Prostitution verabschiedest, kann man dich als Prostituierte, als Frau, ernst nehmen. Nur wenn du dich dafür entscheidest kein Täter mehr zu sein, wird deine Glaubhaftigkeit steigen.
Diese Strukturen, die da vorherrschen, wirst du nicht durchschauen können.

Du wirst nie wissen, was wahr und was gelogen ist.

Ich kenne viele Prostituierte, aber keine, die einem Freier jemals ehrlich ihr Leben anvertraut hat – wie auch, denn als Freier zerstörst du ihr Leben in ähnlicher Weise wie ein Zuhälter – nur aus einer anderen Position. Du bleibst – wie bereits geschrieben – aber Täter. Du musst erst davon abrücken.

Und zum Schluss frage dich noch: warum willst du ihr helfen? Weil du verliebt bist und sie für dich willst oder willst du ihr ehrlich helfen, weil sie ein Mensch ist, der ein LEBEN verdient hat, auch auf die Gefahr hin, dass sie dich als Mann nicht will?

Eine Frau, die in Not ist, kann keinen falschen Helden brauchen, der nur hilft, weil er sich etwas erhofft.

Wenn du ehrlich helfen möchtest, melde dich per Mail und ich gebe dir spezielle Kontaktdaten – das hat hier im Blog nichts verloren.
Ich hoffe, meine Antwort hat dich nicht verschreckt und du denkst darüber nach!

Mein Weg aus der Prostitution – wie Willenskraft Veränderung schafft

Gerade sitze ich in meiner Mietwohnung, einem 20qm Zimmer, und denke darüber nach, wie mein unermüdlicher Wille mein Leben verändert hat.

Ich besitze nicht viel, lebe von wenig Geld – meine größten Schätze sind meine Studienbücher.

Wenn man sich überlegt, dass ich in der Prostitution unzähligen Männern meine „Dienstleistung“ erbracht habe, scheint das nicht sehr viel zu sein.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Männer es in 6 Jahren waren, doch rechne ich alleine die 4 Wochen, die ich in einem Flat-Rate-Laden tätig war, komme ich bereits auf Hunderte. Jeden Tag um die 15 Männer im Durchschnitt x 30 Tage = 450 Männer. Der Freier zahlte dort meist 140 Euro Eintritt dafür, dass er den ganzen Tag über im Club bleiben konnte. Die Hälfte von diesen 140 Euro bekam das Haus. Das heißt, für die Mädchen waren 70 Euro übrig. Wenn der Freier nun 5mal mit 5 unterschiedlichen Frauen auf Zimmer war, dann bekam jedes Mädchen, das mit ihm auf Zimmer war (70 / 5 =) 14 Euro! pro halbe Stunde im Zimmer.

Wenn man diese Zahl an Männern sieht, die meine „Dienstleistung“ in Anspruch genommen haben, egal ob es ein paar weniger oder mehr waren, kann man erahnen, dass es in 6 Jahren eine vierstellige Zahl wurde, denn auch in den Clubs, die einen Tagesbetrieb mit höheren Zimmerpreisen als denen im Flat-Rate-Laden versprachen, waren es meist mindestens 10 Zimmergänge pro Tag. Als ich Escort gemacht oder im Nachtclub gearbeitet habe, waren es deutlich weniger Zimmer pro Tag. Zu den verschiedenen Clubmodellen komme ich aber in einem extra dafür vorgesehenen Beitrag nochmal genauer zu sprechen.

Da sitze ich also gerade und denke darüber nach, was ich nach all dem in der Hand halte.

Nichts.

Absolut nichts.

Ich musste mich entscheiden, was ich in meinem Leben (nicht) will und das habe ich getan. Wenn das bedeutete, dass ich nichts Ertragreiches aus dem Leben im Milieu, aus dieser langen demütigenden Zeit, mitnehmen würde, dass ich nichts davon haben würde mit tausenden von Männern Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, dann wäre das immer noch besser als dort ewig zu verrotten.

Ich entschied mich und ging mit nichts, wobei der Ausstieg extrem problematisch und enorm schwierig war.

Den allermeisten Prostituierten geht es wie mir – sie behalten ihr Geld zum Großteil nicht. Es gibt verschiedene Ausgabequellen, aber letztlich ist fast immer alles weg.

Das Finanzamt agiert zudem leider als staatlicher Zuhälter. Viele Frauen geben ihr verdientes Geld an Zuhälter ab oder kaufen damit Suchtmittel ein um die Freier auf dem Zimmer ertragen zu können. Sie haben also bereits sowieso rein gar nichts aus dieser erschöpfenden Arbeit gewonnen. Dann flattert der Steuerbescheid in den Briefkasten, während die meisten Frauen das Geld, was sie verdient haben, nicht mehr besitzen. Die nächsten Zimmergänge führen sie dann also für das Finanzamt aus, um ihre Steuer bezahlen zu können.

Man sollte meinen, dass viele unserer Politiker wissen, dass sehr viele Frauen ihr Geld eben nicht für sich behalten. Nicht dass es schon schlimm genug wäre, dass eine labile Frau dazu benutzt wird um den Trieb anderer Menschen zu stillen, nein, man benutzt sie auch noch als Steuereinnahmequelle.

Ich hatte immer einen Traum, ein Ziel vor Augen, was mich all die Jahre am Leben gehalten und trotz der ganzen Unmenschlichkeit in der Prostitution vorangetrieben hat.

Der Wunsch nach einem besseren Leben, der Wunsch Spaß im Beruf zu haben, der Wunsch nach einem erfüllenden Job, der Wunsch nach wahrer Liebe, Seelenverwandtschaft und Freiheit. Freiheit, die ich dadurch erreichen kann, dass ich etwas tue, was mein Leben bereichert und mich nicht wie die Prostitution gefangen hält. Etwas, was mich so fasziniert, begeistert und lebendig macht, dass es mich von meinen alten Erfahrungen ein Stück weiter befreit.

Die Schule hatte ich aber aufgrund der Prostitution abgebrochen, ich war ohne (Schul- ) Abschluss. Zwei Jahre vor meinem Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu packte mich aber der Wille für alle meine Träume zu kämpfen, egal wie hart es auch werden würde.

Zwischen Zimmergang und dem Warten auf den nächsten Freier habe ich angefangen mein Abitur per Fernstudium nachzuholen. Das war eine sehr schwierige Zeit. Ich hatte keinen Lehrer, der mir den Abiturstoff näherbringt, geschweige denn irgendetwas erklärt oder eine Frage beantwortet. Man konnte natürlich Seminare besuchen, dafür hatte ich allerdings kein Geld. Ich war allein auf meine eigenen Fähigkeiten angewiesen. Würde ich das schaffen? Die Selbstzweifel waren groß. Ich versuchte mir selbst zu vertrauen, doch zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht wirklich an mich geglaubt.

Mathematik war für mich am schwersten. Stochastik, Analysis und analytische Geometrie. Als ob das noch nicht reichen würde, kamen teilweise bis zu 15 Freier am Tag hinzu. Ich frage mich im Nachhinein, wie ich mich unter diesen Umständen überhaupt konzentrieren konnte, doch ich habe mir so sehr ein anderes Leben gewünscht, dass ich immer weiter gemacht habe.

Egal wie traurig ich nach dem Zimmergang war, egal wie verzweifelt oder angeekelt. Egal wie kaputt, egal wie erniedrigt, egal wie verletzt, egal wie wütend. Ich habe meine Hefte und Bücher aufgeschlagen und gelesen, gelernt, geschrieben. Abwechselnd dazu die Mathe- und Biologie-Hefte an die Wand geschmissen und sie verflucht, weil ich es nicht verstanden habe. Dann habe ich sie wieder aufgehoben und weitergemacht. Mir fehlte die Luft zum Atmen, mir fehlte die Freude am Dasein, mir fehlte das Lachen und das Glücklich sein, doch ich machte weiter, in der Hoffnung all diese Dinge irgendwann erreichen zu können.

Einer meiner Leistungskurse war Biologie. Genetik, Ökologie und Evolution. Genetik war anfangs extrem schwer für mich. DNA-Sequenzierung, Proteinbiosynthese, Transkription, Translation, Genmutationen, genetischer Code, Synapsenvorgänge… Ich dachte wirklich ich drehe durch. Zu verlieren hatte ich allerdings nichts, deswegen versuchte ich alles in meiner Macht Stehende.

Im letzten Jahr der Abiturvorbereitung war ich bereits aus der Prostitution ausgestiegen. Ich hatte zwischenzeitlich neben der Abiturvorbereitung auch noch eine 1-jährige Weiterbildung in der Tierpsychologie für Pferde und Hunde besucht, diverse Seminare und Vorträge zum Thema Pferd angehört, was mir dazu verhalf mich zuerst auf geringfügiger Basis und dann hauptberuflich den Pferden widmen zu können. Damit war mir der komplette Ausstieg möglich. Noch vor Abschluss des Abiturs.

Am Anfang habe ich nur Boxen ausgemistet, Pferdemist geschippt und geschleppt, jeden Tag. Nach der Arbeit keine Pause, kein Feierabend, sondern weiter für das Abitur lernen. Es war kräftezehrend, doch alles war besser als die Prostitution. Als ich dann hauptberuflich Pferdepflegerin wurde, verbesserte sich die Arbeit. Meine Aufgabe bestand nun nicht mehr so sehr darin die Boxen auszumisten, sondern hauptsächlich darin, die Pferde durch Longenarbeit, Gymnastikübungen, ab und zu auch durch Reiten zu bewegen.

Unglaublich, wie diese Lebewesen mein Leben verändert haben. Sie hatten mich schon mein Leben lang begleitet, allerdings noch nie so intensiv wie zu dieser Zeit.

Nach meinem Ausstieg habe ich durch sie gelernt authentisch zu sein, denn sie haben mich in der Arbeit mit ihnen regelrecht dazu aufgefordert. Pferde sind Fluchttiere. Sie nehmen jede kleine Regung des Körpers und Schwingungen wahr. In der Natur brauchen sie das um zu überleben.

Wenn ich also traurig war und meine Traurigkeit unterdrückt habe, funktionierte die Arbeit mit den Pferden nicht. Alles wirkte steif und wenig harmonisch. Wenn ich meine Wut unterdrückt habe, funktionierte es auch nicht. Ob Pferde genau die Gefühle wahrnehmen können, die gerade in uns sind, weiß ich nicht, aber aufgrund ihres Fluchtinstinktes wissen sie, wenn man sich verstellt und versucht etwas in einem zu unterdrücken. Dadurch werden sie misstrauisch, denn sie wissen nicht woran sie sind, ob sie fliehen müssen oder ob keine Gefahr besteht. Ich dachte immer ich dürfe im Umgang mit ihnen nicht wütend sein, dürfe ihnen weder meine Trauer, meine Angst noch meine Wut zeigen. Doch was ich im Laufe der Zeit im Umgang mit Pferden gelernt habe, berührt mich noch heute und dass ich es entdeckt habe, war reiner Zufall.

Diese kleine Geschichte möchte ich euch gerne erzählen, bevor ich zurück zur Abiturvorbereitung komme:

Ab und zu war ich allein auf Arbeit in einer großen Halle mit einem einzigen Pferd. Allein, mit dem Pferd, der Musik und meinen Erinnerungen an die Vergangenheit.

Es war an einem Tag, an dem ich sehr traurig war. Meine Oma war in dieser Zeit gestorben. Ich hörte ein sehr melancholisches Lied im Radio und war den Tränen nahe, musste auch über alles Vergangene nachdenken. Das Pferd führte ich neben mir im Schritt. Ich versuchte meine Trauer zu unterdrücken, da ich das Pferd arbeiten und bewegen musste. Irgendwelche Gefühle waren hier fehl am Platz, dachte ich. Ich wollte meine Stimmung nicht an ihm auslassen.

Ich begann es zu longieren, in Gedanken war ich aber nicht wirklich bei der Sache. Nichts funktionierte. Das Pferd lief nicht wie ich wollte, wurde nicht locker, dehnte sich nicht, war richtig stur. Ich wurde wütend, weil nichts klappte an diesem Tag. Die Wut führte dazu, dass ich meine Tränen nicht mehr unterdrücken konnte. Ich blieb stehen und schmiss die Longe auf den Boden.

Da stand ich nun in der Halle, bin auf das Pferd zugegangen, habe mich an das Pferd gelehnt, es umarmt und aus tiefstem Herzen geweint. Den Schmerz ausgedrückt, den ich schon so lange mit mir rumgetragen hatte, den ich aber nie mit jemandem geteilt hatte.

Da standen wir nun beide. Ich heulend, schluchzend, traurig – aber ehrlich und authentisch. Es war mir möglich mich komplett fallen zu lassen. Ich spürte in diesem Augenblick eine Verbundenheit. Es gab mir das Gefühl, dass es nur dann bereit dazu war mit mir zu sein, wenn ich keine Maske trage.

Als ich mich beruhigt hatte, war mir nicht mehr nach alltäglichem Longieren oder irgendwelchen Gymnastikübungen. Ich ließ es vom Kappzaum los, es sollte machen was es wollte. Es sollte lebendig sein können, laufen können, Spaß haben können, es sollte genau die Freude fühlen können, die ich dadurch empfunden hatte, dass es mich „angenommen“ hatte. Ich war glücklich in diesem Moment. Ich war Hier, keine versteckten Gefühle. Das hat das Pferd gemerkt. Es wusste in diesem Moment, dass ich authentisch bin, es konnte mich jetzt einschätzen und wusste, dass ich keine Gefahr darstellte.

Nie zuvor hatte ich mit ihm Freiarbeit gemacht, an diesem Tag war es das erste Mal. Ich bewegte mich nun zuerst durch die ganze Halle, es folgte mir aufmerksam, achtete auf mich, meine Bewegungen, meine Körpersprache. Ich war in diesem Moment so im Hier und Jetzt verwurzelt, so echt, dass ich mit dem Pferd mental verbunden war. Ohne es je zuvor geübt zu haben, fing ich an das Pferd ohne alles im Zirkel zu longieren, frei, nichts in der Hand. Es hätte machen können, was es wollte, aber es folgte mir, mithilfe nur kleinster Bewegungen meines Körpers, mithilfe meiner Gedanken. Es blieb bei mir im Schritt, Trab und im Galopp. Nur durch kleinste Zeichen wechselte es sauber die Gangarten. Vom Schritt sofort in den Galopp, vom Traben sofort zum Stehen, vom Stehen sofort in den Trab. Nur durch die Anwendung meiner eigenen Energie konnte ich das Tempo der jeweiligen Gangart des Pferdes beschleunigen oder verlangsamen. Es wurde locker. Es trabte nicht nur, sondern es war voller Anmut, harmonisch und mächtig im Ausdruck, gewaltig in seinen Schritten, einfach wunderschön zu beobachten. Es schwebte mit einer Leichtigkeit durch die Halle. Genau mit derselben Leichtigkeit, die ich in diesem Moment empfand.

Ich war eins mit dem Pferd. Eins mit einem Wesen, was doch eigentlich so verschieden ist.

Dieses Gefühl war unglaublich, einfach unbeschreiblich. Es war absolut magisch.

Von da an verstand ich, dass ich in Gegenwart der Pferde weinen kann, wenn ich traurig war, wütend sein kann, wenn ich Wut empfand, und so weiter… ich konnte alles sein, solange ich das auslebte, was ich fühlte und das Pferd mich somit als authentisch einordnen konnte.

Die Arbeit mit den Pferden hat mein Leben bereichert.

Jedes Mal, wenn ich nun ein Pferd sehe, könnte ich weinen, aber diesmal nicht aus Trauer, sondern aus Freude und tiefster Dankbarkeit über das, was sie mir geschenkt haben. Über das, was sie mich gelehrt haben.

Authentisch sein zu dürfen, Gefühle zeigen und zulassen zu müssen, um akzeptiert und angenommen zu werden.

In einer Gesellschaft wie der Unseren ist das nicht immer einfach. Viele versuchen eine Mauer um sich herum aufzubauen, um sich selbst zu schützen.

Die Pferde lehrten mich, dass mir nicht immer etwas schlechtes passiert, wenn ich diese Mauer einstürzen lasse, ganz im Gegenteil. Es kann wundervoll sein.

So fand ich auch immer wieder die Kraft um weiter für mein Abitur zu lernen. Die Pferde formten meine Persönlichkeit. Ich fühlte mich stark, mutig, wurde immer selbstbewusster und fing an mein Leben richtig zu genießen.

Zwei Wochen also vor der lang ersehnten schriftlichen Abiturprüfung teilte mir ein Facharzt für Phlebologie mit, dass ich eine dringende Venenoperation benötige, da eine akute Thrombosegefahr bestand. Ich sagte ihm, dass ich in zwei Wochen meine Abiturprüfung hätte und dorthin fliegen müsste. Daraufhin erwiderte er, dass man nach einer Venenoperation ca. 4 Wochen nicht fliegen sollte.

Ich hatte so hart gekämpft um bis hier her zu kommen und nun sollte alles umsonst gewesen sein? Nein, unmöglich. Ich vereinbarte einen OP-Termin, hatte aber im Sinn, trotzdem zu fliegen.

Eine Woche vor der Prüfung fand also die Operation statt. Ambulant. Es war eine Fachklinik für Venen. Ich war 24 Jahre alt, die anderen Patienten hatten alle die 50-60er Jahresgrenze schon leicht überschritten. Nach der OP hatte ich ein dickes, grün-blaues Bein, Schmerzen und in einer Woche standen der Flug und die Prüfungen an. Mit meinem Koffer bin ich zum Flughafen gehumpelt. Die Prüfungen habe ich aufgrund der Anweisung des Arztes mit hochgelagertem Bein schreiben müssen.

Das sah aus… Totenstille während der Abiturprüfung… alle schön angezogen und ich wegen des dicken Beins in Jogginghose mit dem Bein auf dem Stuhl… aber das war mir egal, hauptsache ich konnte mitschreiben.

Ich habe die 4 schriftlichen Prüfungen jedenfalls geschafft, musste dann 4 Monate später nochmal hin und weitere 4 mündliche Prüfungen ablegen.

Auch geschafft. Endlich! Ich war einen wichtigen Schritt weiter gekommen.

Dieser Abschluss war nicht nur wichtig für meine berufliche Zukunft, sondern auch für mich selbst. Ich habe durch diese schwierige Zeit Vertrauen zu mir selbst aufgebaut und ich weiß nun, dass ich schaffen kann, was ich mir vornehme, wenn ich nur an mich glaube und mich richtig anstrenge.

Dieses Gefühl, sich selbst abgrundtief vertrauen zu können, macht einen jeden Tag stärker und hilft alles durchzustehen.

Nun sitze ich in meiner kleinen Wohnung mit meinen wenig zur Verfügung stehenden Mitteln an meinem Schreibtisch und lerne für mein Studium, was mich unglaublich glücklich macht und erfüllt. Ich liebe es!

Ich bin sehr zufrieden, auch mit wenig, denn ich habe etwas gefunden, was viel bedeutender ist als alles, was ich in meinem Leben jemals hatte: innere Zufriedenheit, etwas, was mir Spaß macht und mein Leben bereichert. Ich habe mich gefunden.

Der Wille kann Berge versetzen. Das ist kein bloßes Sprichwort, es ist wahr.

Ich hoffe, Ihr glaubt an euch und gebt niemals auf, egal wie düster es auch aussieht. Rafft euch immer wieder auf, versprecht euch selbst durchzuhalten. Es gibt nichts und niemanden, der euch von dem abhalten kann, was ihr euch wirklich aus tiefstem Herzen wünscht!