Autor: Sandra Norak

Fehlendes Opferbewusstsein im Bereich der sexuellen Ausbeutung

Empathie = die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen (Duden 📒).

Empathie ist überall im Leben wichtig. Besonders wichtig ist sie auch, um Betroffenen von Prostitution und Menschenhandel helfen zu können. Sie zu verstehen ist essenziell, um sie da raus holen zu können.

Im nachfolgenden Text geht es mir besonders um ein Thema, das ich immer mal wieder angesprochen habe:

fehlendes Opferbewusstsein im Bereich der Ausbeutung in der Prostitution.

Viele betroffene Frauen von Ausbeutung durch dritte Personen sagen/schreiben mir, sie hatten auch kein Opferbewusstsein in Bezug auf Menschenhandel und Zwangsprostitution. Manche haben es heute noch nicht so richtig, obwohl ihnen die schlimmsten Dinge passiert sind. Es sei ihre Wahl gewesen, sie fühlen sich schuldig – obwohl sie ausgebeutet wurden.

Das häufig nicht vorhandene Opferbewusstsein, vor allem im Bereich der sog. Loverboy-Methode, ist ein großes Problem im Bereich des Menschenhandels und der Zwangsprostitution. Wie soll sich jemand Hilfe suchen, wenn er sich nicht als Opfer fühlt? Wie kann man einer Frau helfen, die immer wieder Hilfe von außen abweist, weil sie sich nicht als Opfer wahrnimmt? Weil sie denkt, es sei normal, was man mit ihr macht, da sie keinen guten Umgang mit sich kennt. Weil sie denkt, sie muss das alles aushalten können, etc.

Das ist ein Thema, worüber nicht so gerne gesprochen wird, weil viele es nicht verstehen und nicht nachvollziehen können, dieses „kein Opferbewusstsein haben“ im Bereich sexueller Ausbeutung. Sie haben die „Frau in Ketten“ im Kopf, die irgendwo in einem Keller sitzt und vor Freude jubeln würde, wenn die Polizei auftaucht, um sie zu retten, aber nicht jene, die sich selbst nicht als Opfer sehen, ihre Situation nicht artikulieren können.

Das betrifft aber so viele. Immer wieder schreiben mir Frauen und sagen, dass sie dieses Opferbewusstsein nicht hatten. Ich bekomme immer wieder Nachrichten, die davon handeln, dass die eigene Ausbeutung durch dritte Personen (meist durch den sog. „Freund“/ „Mann“ oder die eigene Familie) lange Zeit geleugnet wurde, dass die Polizei penetrant abgewiesen wurde, dass der/die Täter und das ganze System „Rotlichtmilieu“ energisch verteidigt wurden.

Eine Sensibilisierung diesbezüglich ist daher sehr wichtig.

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Verstehen, handeln, helfen – über Ausstiegshilfe

Wen seht ihr da unten links im Bild? Mich.

Und was seht ihr unten rechts im Bild? Ameisen! Ja, ich kümmerte mich da im Zoo bei einem unbezahlten Praktikum u.a. auch um die Ameisen 🐜🐜🐜

Das war Anfang 2013. Da war ich noch in der Prostitution (was dort im Zoo natürlich niemand wusste), jedenfalls noch so viel, um mich bis zum Ausstieg über Wasser zu halten. Zuvor fand die schrittweise Lösung von meinem Zuhälter statt. Dann kamen Versuche des Ausstiegs, aber noch nicht der finale Ausstieg. Bewerbungen, Beginn des Nachholens meines Abiturs wegen vorherigem Schulabbruch, unbezahlte Praktika, um meinen leeren Lebenslauf zu füllen und bessere Jobchancen zu haben, sodass ich komplett aussteigen kann, etc… Es ist ja schon bekannt, ich muss es hier nicht mehr ausführen. Ich hoffte, dass ich als Pflegerin von Tieren irgendwo auch ohne zunächst langwierige Ausbildung einen Job finden würde, wenn ich ein paar Erfahrungen vorweisen kann, was dann ja auch so war.

Mein Ausstieg war ein Prozess.

Natürlich kann man mir sagen: Sandra, wärst du halt irgendwo hingegangen und hättest dir Hilfe gesucht, dann hättest du nicht noch länger in der Prostitution bleiben müssen. Als außenstehende Person leicht gesagt, aber für mich war Hilfe suchen nach allem was damals passiert war keine Option. Mein Schamgefühl war zu groß und ich habe mir eingeredet, keine Hilfe zu verdienen.

Für mich sah der Plan also so aus: es entweder schrittweise irgendwie allein aus diesem verkorksten Leben raus schaffen oder es nicht zu schaffen. Aber um Hilfe bitten? Ne. Bloß keiner sollte erfahren, wo ich in den letzten Jahren war und dass ich unzählige Summen für einen Zuhälter angeschafft hatte, während ich lange Zeit im Kellerzimmer eines Bordells wohnte.

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Eigentums-Tattoos von Zuhältern – Betroffene identifizieren

Anlässlich des europäischen Tages gegen Menschenhandel am Sonntag, den 18.10.2020 – ein längerer Text, der mir aber sehr wichtig ist.

Ich möchte mit diesem Beitrag vertiefter über Eigentums-Tätowierungen von Zuhältern aufklären und schreibe ihn, damit Betroffene besser identifiziert werden können. Sie können sich oftmals lange nicht äußern, unterliegen verschiedenen Abhängigkeiten und Zwängen. Es gibt aber äußere Merkmale, an denen man erkennen kann, dass etwas nicht in Ordnung ist, etwas doch nicht so selbstbestimmt ist, wie die Frauen es meist vorgeben. Ein Merkmal davon sind diese Eigentums-Tattoos. Und die sah ich sehr oft auch bei anderen prostituierten Frauen.

(Siehe zu meinem Tattoo vor allem weiter unten noch die im Text fettgedruckten Stellen)

Ich habe so gut wie nichts mehr von damals aus der Prostitution bei oder an mir, was mich heute noch begleitet. Als ich nach meinem Ausstieg in eine neue Stadt gezogen bin, habe ich außer ein paar wichtige Dinge alles weggeschmissen. Prostitutionsklamotten, Prostitutionsschuhe, einfach alles. In dieser Hinsicht keine Spur mehr davon, dass ich je in der Prostitution war. Ich wollte alles vergessen und hinter mir lassen. Ein neues Leben bitte. Nur eine Sache habe ich zwangsläufig behalten, die (noch) da ist: Das Tattoo auf meinem Rücken.

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Über Trauma. Über den Ausstieg.

Über Trauma. Über den Ausstieg.

Ein sehr persönlicher Text. Auf den Bildern seht ihr zwei „Diagnosen“ während meiner Zeit in der Prostitution.

Mein Zuhälter lies nach langer Ausbeutungszeit immer weiter von mir ab, weil ich nicht mehr einträglich war: ich hatte vorher tausende von Euro monatlich gebracht und im Jahr 2011 hatte ich einen Zusammenbruch und massive Probleme in Form von Atemnot, Hyperventilation, Kreislaufproblemen bis hin zum Kollaps. Mein Körper war zu einer Marionette meiner Psyche und meines Innenlebens geworden. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Nach langer Zeit in der Prostitution und sexueller Gewalt und Ausbeutung war ich schwer traumatisiert. Ich war mehrmals in der Notaufnahme und konnte nicht mehr diese Summen bringen, die von mir verlangt wurden. Nicht mehr die Summen, die sich ausgezahlt haben. Ich bin erstmal nur noch in meinem Kellerzimmer im Bordell gelegen und habe vor mich hin vegetiert. Viele Frauen werden solange in der Prostitution ausgebeutet, bis sie kaputt sind. Das ist auch oft mit den Osteuropäerinnen so: man schickt die eine Tochter in die Prostitution und wenn sie kaputt ist, holt man sie zurück und schickt die nächste. Oder man schickt „seine Frau“ in die Prostitution und wenn sie kaputt ist, holt man sich die Nächste, etc. Mein Zusammenbruch war letztlich mein Glück. Der Lösungsprozess startete.

Was wurde mir da in den Notfallzentren gesagt? Ich hätte Panikattacken und Angstzustände, sei in einem „reduzierten Allgemeinzustand“, so steht es auf dem Zettel. Ich solle mich beruhigen. Tief ein – und ausatmen.

Aufenthalt in einer Notfallklinik: 0:52 – 4:00 Uhr. Mitten in der Nacht.

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Nie wieder schweigen

Über das Schweigen.

Ich sollte schweigen, für immer.

So viele Frauen erzählen, sie seien freiwillig in der Prostitution. Erfinden Geschichten hierfür.

Das ist Alltag. Paradoxerweise glauben viele, dass sie in gewissem Maße selbstbestimmt sind, obwohl sie von ihren Zuhältern in Gestalt ihrer „Männer“, „Freunde“ oder ihrer eigenen Familie fremdbestimmt werden, ausgebeutet werden. Fehlendes Opferbewusstsein. Resignation. Hoffnungslosigkeit. Perspektivlosigkeit. Trauma.

Sie sind zum Schweigen verdammt über die wahren Umstände. Brauchen oft Jahre, um alle Puzzle-Teile ihrer Ausbeutungszeit zusammenzufügen. Um zu verstehen, oft auch um nicht mehr zu verleugnen: der Mensch, den man liebte, dem man vertraute, ist ein Täter. Hier ein Interview: https://www.daserste.de/…/interview-staatsanwalt-stefan…

Wenn man von außen als „Nicht-Milieu-Person“ auf diese Frauen blickt, sieht ihre Prostitution oft freiwillig aus. Man findet das reihenweise in nahezu jedem Bordell.

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Ein paar Zeilen. An ein paar Männer.

Ein paar Zeilen. Für ein paar Männer (ausgenommen die, die bereits respektvoll mit Frauen umgehen).

Ein rotes Tuch: Männer, die mich irgendwo (Internet/Zeitung/Fernsehen) gesehen haben und mir niveaulose Facebook Nachrichten oder anderswo Annäherungsversuche schreiben, mich treffen wollen, mich „kennenlernen“ wollen. Sätze wie z.B. die letzten Tage wieder:

„Guten Morgen Schönheit“ oder man schreibt gleich direkt die Telefon-Nummer rein, wo ich mich zum Kennenlernen melden soll.

Es ist primitiv und respektlos.

An solche Männer da draußen, ihr seid auf einem Profil, wo eine Frau, ich, über erlebte sexuelle Gewalt und Ausbeutung DURCH MÄNNER spricht. Ihr seid hier NICHT auf einer Single – oder Kontaktbörsenseite. Ich bin an der Öffentlichkeit, um über Gewalt und Ausbeutungsverhältnisse aufzuklären, um diese Dinge zu verhindern, um vor allem junge vulnerable Mädchen und Frauen zu schützen, und nicht, um mich Annäherungsversuchen durch irgendwelche Männer auszusetzen, die meinen, ihren nicht vorhandenen Charme versprühen zu müssen. Im Übrigen: es wird bei mir nie wieder eine Beziehung mit einem Mann geben. Ich verrate euch jetzt mal einen meiner größten Wünsche für die Zeit, die ich noch auf dieser Erde bin: ich möchte nie wieder ein männliches Geschlechtsteil sehen.

Das heißt nicht, dass ich eine „Männerhasserin“ bin. Ich kenne sehr nette Männer, die sich auch engagieren und die ich menschlich sehr mag. Ich schätze ehrenvolle Männer sehr, die sich wie normale Menschen und nicht wie triebgesteuerte Affen verhalten.

Bitte mehr davon.

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Über Geld und Freiheit

Heute möchte ich etwas über Geld schreiben.

Meine Beziehung zu Geld ist ziemlich angekratzt, um es mal so zu formulieren. Das hat mit meiner Prostitutionserfahrung zu tun. Von manchen Anhängern der Pro-Lobby, denen mein Aktivismus nicht passt (weil sie um ihren Profit fürchten) und die „Sexarbeit ist Arbeit“ promoten, habe ich schon gelesen, dass ich die Öffentlichkeitsarbeit nur machen würde, um damit Geld zu verdienen. Das ist schon sehr amüsant und ich habe darauf noch nie öffentlich geantwortet, weil es mir einfach zu blöd ist, mich mit solchen Leuten zu unterhalten, aber da ich das Thema heute aufgreife, muss ich mal was dazu sagen: bis auf wenige Ausnahmen habe ich seit Jahren alles umsonst gemacht. Und sogar oft noch draufgezahlt bei meinem Aktivismus.

Dann sagen mir einige Leute (die es gut mit mir meinen und die ich auch sehr schätze) immer und immer wieder: Sandra, nimm doch bitte das Geld an. Nimm doch bitte dieses Geschenk an. Nimm doch bitte unsere Unterstützung an. Und was macht Sandra? Sandra denkt sich: Nein, ich mache Aufklärungsarbeit aus meiner tiefen Überzeugung heraus, ich kann doch dafür kein Geld nehmen.

Wenn mir jemand Geld anbietet, dann lehne ich meist ab. Ich sollte es nicht ablehnen und es wird auch nach und nach (nach Jahren) besser, aber das steckt ziemlich tief in mir drin. Woher kommt das?

Geld anzunehmen, da fühle ich mich oft gekauft. Wie damals, bei Freiern. Wenn das Geld auf dem Tisch lag, dann musste ich tun, was ausgemacht war. Ich war unfrei und konnte nicht mehr über meinen Körper bestimmen, obwohl ich anwesend war, denn der Geldschein hatte vorher festgelegt, was der Mann mit mir machen und nicht machen darf, egal wie es mir dabei ging (und viele haben sich an das „nicht machen darf“ nicht gehalten und es in der Situation dann einfach trotzdem getan). Eine Stunde mit ausgemachtem „Service“ bezahlt, eine Stunde war zu liefern. Und wenn es mir zum Heulen war, ich hatte zu lächeln und mein Schauspiel abzuziehen.

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„Loverboy“-Methode und Sprache

Immer wieder lese ich im Internet, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode beschämt werden. Sie seien dumm, selbst schuld, naiv.

Wer das sagt, erkennt die Täterstrategie und die Gewaltmechanismen dahinter nicht und stellt sich mit dieser Sprache, wenn auch sicherlich oft unbewusst und ungewollt, auf die Seite des Täters, der den Opfern lange eingeredet hat, sie seien schuld daran, wenn ihm etwas passiert, sie seien schuld an dies und jenem. „Loverboys“ sind Menschenhändler. Das ist ein Teil der Täterstrategie: das Opfer beschämen und noch verletzlicher machen, noch mehr schwächen und zwar genau an den Punkten, wo es sowieso schon verletzlich ist.

Wer schwach ist, kann sich noch weniger wehren. Wer gebrochen ist, kann sich noch weniger wehren, was der Grund dafür ist, dass Betroffene der „Loverboy“-Methode am Anfang oft, wenn der gezielte Beziehungsaufbau abgeschlossen ist (Stadium 1) und die Konfrontation, dass die Frau sich prostituieren soll (Stadium 2), anfängt, gezielt von den Tätern durch sexuelle Gewalt gebrochen werden. Das macht die Betroffenen psychologisch häufig wehrlos, denn sie fühlen sich dreckig und missbraucht und fügen sich – und die Täter wissen das. Es braucht keine 100 Freier um traumatisiert zu werden, es genügt manchmal der Erste, denn es ist ungewollter Geschlechtsverkehr und das hinterlässt tiefgreifende Spuren.

Eine (junge) Frau darf lieben. Eine (junge) Frau darf verletzlich, schwach und vulnerabel sein, denn sie sucht sich ihre Verletzlichkeit und Vulnerabilität nicht aus, sondern befindet sich in einer schwierigen Lebenssituation. Kein Mensch aber hat das Recht, nur weil er wissentlich überlegen ist, in solchen Situationen gezielt emotionale Abhängigkeiten zu erzeugen und die Vulnerabilität des Schwächeren auszunutzen.

Zu lieben ist nicht naiv.
Zu lieben ist keine Blödheit.
Zu lieben ist nicht dumm.
Menschen in Not helfen zu wollen, vor allem solchen, die man liebt, ist eine gute Charaktereigenschaft.

Wer die Liebesfähigkeit und die Hilfsbereitschaft einer solchen (jungen) Frau derart ausnutzt, um sie in die Prostitution zu treiben und auszubeuten, ist erbärmlich.

Es gibt heutzutage in dieser schnelllebigen Welt immer weniger Menschen, die ehrlich und tief lieben können, die selbstlos handeln und hilfsbereit sind, ohne dabei Eigeninteressen zu verfolgen. Wenn man über Menschen spricht, die ehrlich geliebt haben und dafür ausgebeutet wurden, sollte man sie nicht beschämen.

Betroffene der „Loverboy“-Methode, die bei ihren Tätern bleiben, oft wieder zu ihren Tätern zurückkehren, sind genauso wenig schuld an ihrer Ausbeutung wie Opfer häuslicher Gewalt nicht daran schuld sind, dass sie erneut geschlagen werden, wenn sie wieder zu ihrem Täter zurückgekehrt sind. Der Täter begeht die Straftat, nicht das Opfer. Diese Betroffenen befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, sind schwach, von ihren Tätern geschwächt, von der psychischen/seelischen/physischen Gewalt geschwächt, ihrem Wert beraubt worden. Sie fügen sich, weil der Täter gezielt ein Gefängnis in ihrem Kopf erzeugt hat. Und er weiß genau, was er machen muss, damit die unsichtbaren Ketten festgezogen bleiben. Bärbel Kannemann, ehemalige Kriminalhauptkommissarin, die den Verein „No Loverboys“ gründete und unzähligen Betroffenen half, sagte mir, dass bis zu 50 % der „Loverboy“-Betroffenen zu ihren Tätern zurückkehren. Man hilft diesen Frauen nicht, indem man sie beschämt. Man kann ihnen nur helfen, wenn man versucht, den Gewaltzyklus und ihre Verletzungen zu durchbrechen. Diese Betroffenen brauchen unbedingt stabile Hilfe von außen, weil sie es alleine meist nicht schaffen. Man muss dran bleiben, man muss Geduld haben und warmherzig sein, aber es braucht keine Beschämungen, die die Betroffenen nur weiter in ihrem Gewalt – und Ausbeutungszyklus festhalten.

Bist Du selbst betroffen? Kommst Du nicht raus aus diesem Teufelskreis?

Such Dir Hilfe. Du bist nicht alleine. Es gibt Menschen, die Dich und Deine Situation verstehen. Wenn Du nicht weißt wohin Du Dich wenden kannst, zögere nicht und schreib mich an. Ein anderes Leben ist möglich.

Du denkst, es ist zu schwierig Dich von Deinem Täter zu lösen? Du bist vielleicht gerade erst dabei anzufangen zu realisieren, dass die Person, die Dich ausbeutet, eigentlich ein Täter ist und niemand, der Dich wirklich liebt? Du hast Angst, wirst bedroht, bist hoffnungslos? Such Dir Hilfe und schäme Dich nicht. Viele haben aufgrund der engen emotionalen Bindung und Beziehung zum Täter lange kein Opferbewusstsein. Das ist typisch und war bei mir auch so.

Du fühlst Dich nach allem dreckig und denkst, Prostitution sei das Einzige, was Du noch in deinem Leben verdienst? Du denkst, Du bist nicht mehr wert? Prostitution ist nicht das, was Du verdienst, auch wenn es sich für Dich so anfühlt, weil du so viel Schmerz und Demütigung wegen der ganzen sexuellen Akte verspürst, dass Du glaubst, dass dieser Schmerz sowieso nie mehr aufhören wird, auch dann nicht, wenn Du jetzt Hilfe suchst und aussteigst, weshalb Du einen Ausstieg als sinnlos betrachtest und daher weiter in der Prostitution verharrst. Aber Dein Schmerz kann leichter werden, ich verspreche es Dir. Es ist ein langer Weg sich nach diesen Erlebnissen selbst wieder lieben und wertschätzen zu können, seinen Wert und seine Würde wiederzufinden. Es ist ein harter Weg, auf dem man viel Geduld braucht, den es sich aber lohnt zu gehen. Bitte geh ihn. Für Dich. Du verdienst es, wertgeschätzt zu werden. Du verdienst es, wirklich geliebt zu werden. Du verdienst es, würdevoll und liebevoll behandelt zu werden.

Du verdienst ein Leben ohne Gewalt. Du verdienst es, glücklich zu sein.

Meine Kontaktdaten findest du unter „Kontakt“.

Du findest mich auch hier auf Facebook: https://www.facebook.com/sandra.norak89/

Sowie auf Instagram: https://www.instagram.com/sandranorak/?hl=de

Warum nenne ich mich „Sandra Norak“?

Anmerkung:

Wie ihr bestimmt gemerkt habt, schreibe ich hier momentan wenig. Wer mehr lesen möchte, der kann mir auf facebook folgen: https://www.facebook.com/sandra.norak89/

Und hier ein Programmhinweis für nächste Woche Dienstag, 22:15 Uhr, ZDF, zum Thema „Loverboys“: https://www.presseportal.de/pm/7840/4671786

 

Manche fragen mich, wie ich auf den Namen „Sandra Norak“ gekommen bin. Hier die Geschichte:

Dass das nicht mein echter Name ist, wurde schon oft gesagt, obwohl: Sandra ist tatsächlich mein echter Vorname. Den Nachnamen „Norak“ habe ich mir ausgesucht. Er geht auf eine Frau zurück, eine Prostituierte, die ich in einem ziemlich üblen Flat-Rate-Bordell traf. Ihr Name war Carolina, sie kam aus Ungarn und war einer der herzlichsten Menschen mir gegenüber, die ich jemals kennengelernt habe, trotz der mehr als traurigen und prekären Umstände damals in diesem Club. In diesem Flat-Rate Bordell, in das mich mein Zuhälter in den Schulferien einquartierte, haben wir bis zu 20 Freier pro Tag „bedient“. Es lag abseits im Gewerbegebiet; als wir dort waren, haben wir nichts anderes außer Freier gesehen. Und nachts in den Zimmern geschlafen, in denen wir tagsüber die Freier „bedienten“. Der Bordellbetreiber und seine Frau waren der blanke Horror. Sie haben die ganze Zeit nur darauf geschaut, dass es den Freiern gut geht und alles nach deren Wunsch abläuft. Als ich einmal einen Freier ablehnen wollte, kam die Frau des Betreibers und hat mich im Gang angeschrien, wie ich es wagen könne, nicht mit dem Freier auf Zimmer zu gehen. Ich habe in meinen über 6 Jahren Prostitution echt viel gesehen und erlebt, aber dieses Flat-Rate-Bordell, dafür kann ich kaum Worte aufbringen, die diese Zustände da drin beschreiben würden. Eine Wurst, ein Bier und eine Frau, alles inklusive, und wehe dem, dass du „nein“ zu einem Freier gesagt hast. Dann kam die Frau und hat durch Brüllen aus deinem „nein“ ein „ja“ gemacht, denn der Pauschalpreis, den der Freier dem Bordellbetreiber am Anfang beim Eingang zahlte, umfasste automatisch alle anwesenden Prostituierten (sowie die „Wurst und das Bier“). Der Freier durfte also mit allen Frauen auf Zimmer, wenn er das wollte.

Ich denke oft an Carolina und frage mich, wo sie ist. Bei einigen Frauen, die ich kannte, ist die erste Frage, die ich mir stelle, wenn ich an sie denke, ob sie noch am Leben sind, in welchem Zustand sie heute sind, wegen den Drogen, ihren Zuhältern, den Freiern, dem Alkohol…

Ich weiß nicht, was aus Carolina geworden ist und ob sie es raus aus diesem dunklen Tunnel geschafft hat.

Zurück zu meinem Namen:

„Norak“ bedeutet von hinten gelesen „Karo“ (ohne das „n“), was eine Abkürzung für Carolina sein soll. Das „N“ habe ich letztlich noch vorne drangehängt, um einen vollen Namen draus zu machen.

Carolina war eine total liebe Frau, eine Seele von Mensch, und eine von vielen „Namenlosen“, deren Geschichte und Schicksal ungehört blieb.

Manchmal frage ich mich, warum ich das alles mache, diese ganze Öffentlichkeitsarbeit, diese ständige Konfrontation, dieser ständige Kampf. Und dann denke ich an Frauen wie Carolina und an viele andere und weiß, dass dieser Kampf wichtig ist und ich weitermachen muss, denn ich weiß für wen ich es tue.

KaroN

Warum Frauen ihre Ausbeutung verteidigen

 

Hände

Bild: Rosa Makstadt

Ein Text von Sandra Norak und Dr. Ingeborg Kraus, 01.12.2019

 

Es fällt uns auf, dass bei manchen Veranstaltungen zum Thema Prostitution und Nordisches Modell Profiteure des Systems auftauchen, dass u.a. ganz ungeniert Zuhälter und Bordellbetreiber auftreten und Zwischenrufe tätigen. Uns fällt auf, dass diese vermehrt mit Frauen auftauchen, die in ihren Etablissements als Prostituierte tätig waren und jetzt ebenfalls von der Prostitution anderer profitieren oder aber dass sie Frauen mitnehmen, die gerade noch in der Prostitution bei ihnen tätig sind. Der Verdacht liegt nahe, dass diese sich noch in der Prostitution befindenden Frauen als Schutzschild für die Zwecke der Profiteure missbraucht werden. Dieses Szenario ist uns sehr stark in einer Veranstaltung diese Woche in Karlsruhe aufgefallen und gab uns den Anlass zu diesem Text.

Es ist eindeutig, dass deren Ziel war, die Veranstaltung zu sprengen und das Nordische Modell ohne jegliche Argumentationskultur oder Diskussion dazu zu diskreditieren. Es schien, als hätten sich diese Menschen gezielt organisiert zu kommen, um die Veranstaltung zu sabotieren.

Ok, dass die Profiteure, wie Bordellbetreiber und Zuhälter, kommen und ihr Wirtschaftsmodell und das viele Geld, das sie damit verdienen, nicht verlieren wollen ist klar und erscheint nicht verwunderlich. Uns fällt allerdings auf, dass vermehrt auch Frauen mitgenommen werden, die noch in der Prostitution sind, um das System zu verteidigen.

Medien stürzen sich dann unreflektiert auf die Aussagen dieser Frauen, drucken es am nächsten Tag und verbreiten dadurch ein verzerrtes und unvollständiges Bild des Rotlichtmilieus. Das ist bedauerlich.

Ich (Sandra) habe mir die Frage gestellt, wie hätte ich damals reagiert, als ich noch in der Prostitution war, von einem Menschenhändler und Zuhälter ausgebeutet wurde, und von Leuten aus einem Bordell zu so einer Veranstaltung mitgenommen worden wäre. Wie hätte ich mich nach außen hin verhalten?

Ich hätte meine Ausbeuter und das System bis aufs Blut verteidigt. Ich hätte meinen Schmerz weggedrückt, ausgeblendet.

Warum? Das ist die große Frage.

Einmal aufgrund fehlenden Opferbewusstseins, das bei vielen vorherrscht. Auf der anderen Seite ist die Bindung zu einem Täter und zu einem System, das auf Ausbeutung aufgebaut ist, höchst unsicher, gefährlich, auf Druck und „Funktionieren“ aufgebaut und verlangt eine vollständige Loyalität nach außen hin. Die Maske muss aufrechterhalten werden. Die Gewalt darf nicht ausgesprochen werden. Ein Abweichen dieser Loyalität führt zu einem Bruch der Bindung, zu einem Ausschluss aus einem System, was für viele der Betroffenen in ihrem Leben den einzigen Halt zu geben scheint, weil sie trotz ihrer Ausbeutung eine Art Familien – /Zugehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Nach der Vorstellung: es ist besser einen Menschen zu haben, der an meiner Ausbeutung, an meinem Leid beteiligt ist, anstatt niemanden zu haben. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen Bindungen und viele Menschen, vor allem in vulnerablen Lebenslagen, haben große Angst davor allein zu sein.

Ein Abweichen der Loyalität nach außen hin wird auch als Verrat angesehen, also als das Schlimmste, was man im Rotlichtmilieu tun kann. Das sagt auch Manfred Paulus, 1. Kriminalhauptkommissar a.D., der jahrzehntelang im Bereich des Rotlichts und der organisierten Kriminalität gearbeitet hat und die Strukturen und eigenen Regeln des Milieus kennt. Das, was die Strukturen, die organisierte Kriminalität und das ganze Prostitutionssystem am Leben erhält, ist bedingungslose Loyalität nach außen hin. Die Konsequenzen eines Verrats dieser Loyalität, wozu auch abweichende Meinungen zählen können, sind in der Regel schwerwiegend, was bedeutet, dass Menschen, die aus dem System ausbrechen und reden, mit gravierenden Folgen rechnen müssen. Das sind die Gründe, warum das Rotlichtmilieu ein Milliardengeschäft ist und so gut funktionieren kann – weil nur wenige der Ausgebeuteten darüber sprechen. Und hinzu wird es Betroffenen auch schwer gemacht darüber zu sprechen, da aufgrund unserer Gesetzgebung das ganze Milieu normalisiert und bagatellisiert wird. Unser Gesetz zu Prostitution:

„…lügt uns an, es verleugnet die Wahrheit. Es ist Realitätsverleugnung, welche uns staatlich angeordnet wird.“ (Rosa Makstadt)

Auch das hilft, dieses gewaltbesetzte Milieu am Leben und die Opfer gefangen zu halten.

Die Ur-Oma von einer Überlebenden der Prostitution aus Amerika, Vednita Carter, war eine Sklavin. Auch zu ihrer Zeit wollten viele in der Sklaverei bleiben, weil es ihnen eine gewisse Sicherheit gab, Unterkunft und Essen. Die Freiheit hat vielen auch Angst gemacht wegen der mit ihr verbundenen Ungewissheit. Wir brauchen keine Verbesserung der Situation der Sklaven, sondern wir brauchen eine Abschaffung der Sklaverei, sagte die Ur-Oma. In Bezug auf die Prostitution, in der Carter war, sagt sie heute, dass wir eine Revolution benötigen. Eine Abschaffung des Systems, keine Verbesserung der Ausbeutung.

Es geht uns nicht darum, die Frauen in diesen Situationen anzugreifen, das sollte keiner tun, sondern es geht uns darum, die Mechanismen von in der Ausbeutung steckenden Menschen verständlich zu machen und damit die Medien, aber auch alle anderen Menschen, in die Verantwortung zu nehmen, dass sie genauer hinschauen, genauer hinhören, um ein richtiges Bild der Realität der Prostitution zu zeichnen. Sonst unterstützen und fördern sie ein System der Gewalt.

Wir wollen Menschen mit auf den Weg geben, dass die Mechanismen der Gewaltverleugnung/Gewalthinnahme der Betroffenen des Ausbeutungssystems der Prostitution vergleichbar sind mit denen, wie sie sich bei Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, äußern: auch sie lächeln einen oft noch mit einem überschminkten blauen Auge an und werden sagen, dass alles in Ordnung ist und dass ihr Mann sie liebt.

Ist deswegen alles in Ordnung?