Valentinstag: 14.02.2022

Wenn ich den Kontakt zu Menschen mag, dann sind es vor allem die Kontakte zu Betroffenen von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung.

Es gibt etwas, das uns ausmacht. Etwas, das uns verbindet: Wir waren alle mal vulnerabel, wir sind an Menschen geraten, die unsere Gutmütigkeit, unser Vertrauen, unsere Menschlichkeit, unsere Loyalität ausgenutzt haben. Wir sind in einem Leben voller Gewalt gelandet, weil wir nach Bindung und Liebe gesucht haben oder weil wir nach Anschluss gesucht haben oder weil wir die Hoffnung auf ein besseres Leben hatten. Weil wir vertraut haben. Weil wir überleben wollten. Weil unsere Herzen gut sind.

Menschen in meinem Freundeskreis sind vor allem Betroffene. Denn diese Form der Herzlichkeit, diese Menschlichkeit und all diese guten Eigenschaften, die auch mit ausschlaggebend dafür waren, dass wir überhaupt in dieses „Leben“ hineingezogen werden konnten, die sind trotz aller erfahrener Unmenschlichkeit immer noch da. Manchmal sind viele Gefühle von Betroffenen zunächst vergraben, unter dem tiefen Trauma, aber sie sind da und man kann sie wieder ausbuddeln.

Viele verlieren auf dem Weg „raus“ oder im Leben „Danach“ die Kraft, weil sie keine Unterstützung haben, keine Menschen, die sie verstehen und für sie da sind. Niemanden, der an sie glaubt. Die Folgen von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung können einen mit voller Wucht treffen. Der Ausstieg/die Flucht heißt nicht automatisch auch, zu überleben. Denn das „Danach“ ist nicht einfach, für viele nahezu unerträglich. Traumafolgen und andere Folgen der erfahrenen Gewalt können psychisch und körperlich belasten, handlungsunfähig machen, einschränken, lähmen, im schlimmsten Fall auch töten, nämlich dann, wenn man dem Trauma und dem Leben „Danach“ endgültig entfliehen möchte, weil man keine Lösung sieht, mit allem umzugehen. Diesen Gedanken, allem entfliehen zu wollen durch Suizid, den haben viele auch während der Zeit im Milieu schon.

Alle von uns können es aber schaffen, ein Leben, gezeichnet von Missbrauch, Gewalt und sexueller Ausbeutung, zu verlassen, auch das schwierige „Danach“ zu überwinden. Daran glaube ich ganz fest. Es braucht Zeit, es braucht Geduld, es braucht Verständnis und Unterstützung.

Auch wenn man manchmal fühlt, dass gerade Endstation ist, ist die Endstation noch lange nicht gekommen, denn nach dem Regen kommt die Sonne. Man muss warten, bis die Wolken vorüberziehen, auch wenn es ein schwerer Sturm ist, der wütet.

Man muss sich an die erste Phase des „weitergehen, fallen, weitergehen, fallen“ gewöhnen und es als „das ist nun eben in dieser Phase so, wird aber nicht immer so sein“ verbuchen, bis irgendwann das Weitergehen ohne das Fallen, sondern nur noch das Ankommen kommt.

Dafür lohnt es sich, den Weg vom Dunkeln ins Licht durchzuhalten. Für ein richtiges Leben, für Sinnhaftigkeit, für Bedeutung, für Träume, für schöne Erlebnisse, für das Erfahren wahrer Freundschaft und Liebe.

Viele reduzieren das Wort Liebe auf partnerschaftliche Liebe oder Liebe in der Familie (Eltern, Kinder, Geschwister, etc.). Liebe geht aber viel weiter oder sollte meiner Meinung nach viel weiter gehen. Liebe bedeutet auch, anderen Menschen – selbst wenn sie einem fremd sind – Hoffnung zu geben, an andere Menschen zu glauben und ihnen das zu sagen, für sie da zu sein, sich manchmal auch mit ihnen an ihren Abgrund zu setzen und einen Plan mit ihnen zu schmieden, wie sie sich vom Abgrund entfernen können. Liebe bedeutet Menschlichkeit. Menschlichkeit auch in Situationen, in denen Menschen keine Liebe erwarten – und es unglaublich heilsam bis lebensrettend sein kann, wenn man sie ihnen selbstlos schenkt und sie unerwartet erfahren, dass da Menschen sind, die sich interessieren, die sich sorgen, denen man nicht egal ist. Manchmal einfach nur durch ein paar nette Worte, Zuhören, Dasein, Annehmen, Verstehen, Wege aufzeigen.

Wenn viele Menschen in unserer Gesellschaft anderen Menschen gegenüber einfach ein bisschen mehr selbstlose Liebe aufbringen würden, dann sähe unsere Welt schon viel schöner aus.

Liebe in Form von Menschlichkeit kann anderen helfen, ihre Mauern fallen zu lassen, Vertrauen zu finden, sich wohler zu fühlen. Sie kann Seelenbalsam sein. Und sie kann am Ende auch helfen, Menschenleben zu retten. In vielen Bereichen.

3 Kommentare

  1. Liebe Sandra,
    Du hast mich mit deinem Text sehr bemüht. Lange habe ich mich gefragt, was das Positive ist am Verwundetsein. Ist es, anderen Verwundeten zu helfen?
    Du hast recht, es ist das, was verwundbar gemacht hat. Wie viel heller es strahlen kann, wenn man es schafft, trotz der gemachten Erlebnisse sich zu öffnen!
    Ganz herzliche Grüße und lieben Dank für diese wertvolle Erkenntnis. 🙂
    Luisa

    Gefällt 1 Person

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