Die Verantwortung der Medien als „Vierte Gewalt“ im Bereich der Ausbeutung von Menschen in der Prostitution

Foto: Verena Müller

Nach dem Examen wollte ich 2 Wochen bis August eigentlich nichts mehr vom Thema Prostitution hören und von allem komplett Abstand nehmen und abschalten. Leider habe ich jetzt doch keine 2 Wochen Ruhe, sondern sitze an diesem Text hier, denn ich konnte nicht anders als mir die neue ZDFzoom Reportage über Prostitution* anzusehen, in der auch ein kleines Statement von mir gezeigt wurde, möglicherweise um nicht sagen zu können, dass man Kritiker/innen überhaupt nicht zu Wort kommen lässt. Da ich Teil der Reportage bin, sehe ich mich in der Verantwortung, dazu Stellung zu nehmen.

Die Essenz des Films war letztlich folgende Aussage:

durch das Prostitutionsverbot während Corona könne man ja sehen, dass das Nordische Modell keinen Erfolg haben könne.

Bereits zuvor habe ich gemerkt, dass die Autorin des Films in Richtung „Das Prostitutionsverbot während Corona zeige, dass das Nordische Modell den Frauen nur schade“ geht, daher habe ich ihr dazu zwei E-Mails geschrieben, um ihr zu sagen:

Prostitutionsverbot und Nordisches Modell sind zwei komplett verschiedene Gesetzesmodelle und komplett verschiedene Ansätze im Umgang mit Prostitution, die man überhaupt nicht vergleichen kann. Es scheint, als hätte die Autorin des Films die unterschiedlichen Modelle nicht verstanden, denn das Prostitutionsverbot während Corona ist nicht vergleichbar mit einem gut umgesetzten Nordischen Modell, denn bei einem Prostitutionsverbot sind die Frauen kriminalisiert, während sie das beim Nordischen Modell nicht sind und stattdessen Hilfs- und Unterstützungsangebote bekommen.

Es ist ein RIESENUNTERSCHIED, ob eine Frau 1000 Euro oder andere Summen an Bußgeld bezahlen muss ( = Prostitutionsverbot: Ausübung der Prostitution steht unter Strafe) oder keine Strafe und stattdessen Hilfsangebote bekommt (= Nordisches Modell: nur der Freier wird bestraft, nicht aber die sich prostituierende Person). Da kann man doch nicht einfach sagen: das Prostitutionsverbot zeige, wie es unter dem Nordischen Modell aussehen würde. Wenn ich in einen Apfel beiße, merke ich, wie eine Banane schmeckt? Ähm? Nein, natürlich nicht. Wir hatten kein Nordisches Modell während der Pandemie, also kann man auch nicht sagen, dass man ja während der Pandemie gesehen habe, dass das Nordische Modell erfolglos wäre. Diese falsche Verknüpfung haben leider viele Menschen gezogen und die beiden Gesetzesmodelle und Ansätze vermischt. Wenn jemand sagt, dass das Prostitutionsverbot unter Corona gezeigt hat, dass das Nordische Modell nicht funktioniert, zeigt das letztlich nur, dass dieser jemand nicht viel bis gar nichts über das Nordische Modell und wie es gut umgesetzt funktioniert, weiß.

Die Frauen werden sich z.B. sicher nicht der Polizei anvertrauen, wenn sie selbst Strafe fürchten müssen, wie es bei einem Prostitutionsverbot während Corona überwiegend der Fall ist. Es ist ja logisch, dass die sich dann verstecken und nicht raustrauen. Die Frauen haben nicht selten hohe Summen an Bußgeldern zahlen müssen, während sie oft noch einen Zuhälter im Rücken haben. Als Corona ausbrach, hätte es eine Entkriminalisierung der Menschen in der Prostitution gebraucht sowie flächendeckende Unterstützungs- und Ausstiegsangebote. Das gab es aber nicht, man hat die Betroffenen allein gelassen, obwohl viele andere sowie auch ich eine Entkriminalisierung und entsprechende Hilfen z.B. auf höchster Ebene gefordert haben mit einem offenen Brief an die Bundesregierung und alle Ministerpräsident/innen.

Im Film wurde nicht einmal richtig erklärt, was das Nordische Modell samt all seinen Säulen überhaupt ist:

  1. Freierbestrafung (ist nur ein Teil des Nordischen Modells)
  2. Entkriminalisierung aller Menschen in der Prostitution
  3. Kriminalisierung aller Profiteure (Bordellbetreiber, Zuhälter, etc.)/jedweden Profits aus der Prostitution anderer
  4. Ausstiegs-, Hilfs- und Unterstützungsangebote
  5. Aufklärung in der Gesellschaft

Stattdessen wurde Bordellbetreibern eine große Bühne überlassen. Kritische Stimmen bzw. Stimmen, die für ein Sexkaufverbot (das Nordische Modell) sind, kommen so gut wie gar nicht vor. Betroffene außer ich, die Prostitution kritisch sehen, kommen nicht vor. Ich hatte auch den Kontakt zu einer Frau des Netzwerk Ella vermittelt, den man scheinbar nicht wollte, vielleicht weil diese Stimme nicht zum „Alles-geht-in-den-Untergrund-und-wir-wollen-ins-Bordell-weil-dort-ist-alles-sicher-Argument“ des Films passte.

Man hat in diesem Film vielen Profiteuren eine Plattform gegeben, 4 (!) Bordellbetreiber/Wirtschafterin kamen zu Wort, während man Betroffene, die für das Nordische Modell sind, nicht über das Nordische Modell und dass sie für dieses Modell sind, sprechen ließ. Auch meine Standpunkte bzgl. Nordisches Modell wurden nicht eingearbeitet. Andere Betroffene, die für das Nordische Modell sind, hat man überhaupt gar nicht erst zu Wort kommen lassen, obwohl es die Möglichkeit dazu gab.

Das war schlechter, unreflektierter, Journalismus. Die Medien haben eine hohe Verantwortung im Bereich der Ausbeutung von Menschen in der Prostitution, der sie leider oftmals nicht gerecht werden. Die gewählte Sprache sowie die Art und Weise der Berichterstattung tragen dazu bei, ob Zuschauer/innen das System und das hohe Ausmaß an Leid und Gewalt sehen und sich eine an der Realität ausgerichtete Meinung bilden können – oder eben nicht. Es gibt zig Studien, die die hohe Gewalt und die großen Gefahren in der Prostitution belegen, aber nein, man befragt hier lieber Bordellbetreiber, die durch Tagesmieten oder prozentuale Abgaben hohe Summen dadurch kassieren, dass Frauen unzählige Male penetriert werden. Die Medien haben die Aufgabe die Bevölkerung zu informieren, auch aufzuklären. Wie sollen unbeteiligte Dritte, die nichts mit dem Thema zu tun haben, verstehen können, was das Nordische Modell ist, wenn das Nordische Modell nicht einmal richtig erklärt und dann auch noch fälschlicherweise mit einem Prostitutionsverbot verknüpft wird? Es wird im Film gesagt, 77 % der Bevölkerung seien gegen ein Prostitutionsverbot (Minute 20:22), man bezieht diese Umfrage aber auf das Nordische Modell. Ich bin mir sicher: wenn man eine Umfrage in der Bevölkerung machen würde, so wüssten die meisten Menschen nicht einmal, was das Nordische Modell überhaupt ist (woher auch?) und weshalb es von vielen favorisiert wird. Bevor man eine Umfrage macht, sollte man die Menschen erstmal über die Antworten der Umfrage aufklären. Mal davon abgesehen, dass in Schweden die Mehrzahl der Bevölkerung bei Einführung des Nordischen Modells auch dagegen war und sich dies mit der Zeit aber geändert hat.

Ich bin sprachlos über diesen naiven und undifferenzierten Film.

Umso mehr freue ich mich auf die baldigen Projekte, die kommen.

*Link zur angesprochenen Reportage hier: Das Ende der Sexarbeit? – ZDFmediathek

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s