Trauma Bonding – ein Text über Täterbindungen speziell bei der Loverboy-Methode

Foto: 2019 war ich in Washington, D.C., und dort im „National Museum of Women in the Arts„. Dort ist das Bild entstanden. Der Text auf dem Bild wurde von mir eingefügt.

Wir kennen sie wahrscheinlich alle: die Geschichten von häuslicher Gewalt, in denen die betroffene Frau bei ihrem gewalttätigen Mann bleibt. Man fragt sich als Außenstehender, der nicht ins Thema eingearbeitet ist: was ist nur los mit der? Warum wehrt die sich nicht? Warum verlässt sie ihn nicht einfach?

Im Bereich der Loverboy-Methode fragen sich auch viele: warum lässt die das mit sich machen, warum gehen die Frauen denn nicht einfach, wenn sie die Möglichkeit dazu haben bzw. nicht irgendwo eingesperrt sind?

Weil es für die Betroffenen nicht so einfach ist, denn wenn es so einfach wäre, dann würden sie sich dem Täter, logischerweise, entziehen.

Warum die Frauen sich nicht befreien können, dafür kann es verschiedene Gründe geben und viele davon greifen häufig ineinander über. Ein nicht selten anzutreffender Grund neben meist weiteren Problemlagen nennt sich „Trauma Bonding“. Dieses Trauma Bonding kommt oft zwischen Menschenhändler/Zuhälter und seinem Opfer vor, meist dann, wenn die Täter die Familie oder die Partner sind. Es ist der Missbrauch von Macht, das gezielte Erzeugen einer Abhängigkeit sowie die Unterdrückung der Person, um sie in die Ausbeutung zu bringen und dort zu halten. Speziell bei unerfahrenen und sehr jungen Mädchen und Frauen ist diese Vorgehensweise „erfolgreich“.

Das Problem: diese Frauen sind häufig zu schwach, um sich zu wehren. Dafür hat der Täter gezielt und strategisch gesorgt.

Stichwort: „Trauma Bonding“

Ich habe hierzu im Internet einen guten Artikel mit dem Titel „Traumabonding – In den Fängen eines Narzissten“[1] gefunden und möchte daraus nachfolgend ein paar Absätze zitieren. Was ich in Fettschrift in Klammern hinzufüge sind meine Anmerkungen und Einordnungen bezüglich der Loverboy-Methode. Auch wenn das sowieso klar ist: natürlich ist nicht jeder Narzisst ein Loverboy, bei letzterem geht es um Menschenhandel. Wenn es sich aber um einen Loverboy handelt, dann sind das allerdings jedenfalls grundsätzlich schon auch Menschen, „die so einen gewissen Narzissmus haben“, wie Staatsanwalt Willkomm es nennt. „Die fühlen sich ganz toll, die müssen gewisse manipulative Fähigkeiten zwingend haben, um ihre Tat umzusetzen“, sagt er weiter.[2] Mir geht es im Folgenden letztlich darum aufzuzeigen, wie so ein (emotionales) Abhängigkeitsverhältnis, das grundsätzlich in vielen verschiedenen Bereichen und nicht nur beim Menschenhandel/sexueller Ausbeutung vorkommen kann, durch Manipulation, Täuschung und eine strategische Herangehensweise von Tätern aufgebaut werden kann. Hier nun die Auszüge aus dem Artikel:

Unter Traumabonding versteht man die emotionale Abhängigkeit eines Opfers von seinem Täter. Das Wort Bonding kommt aus dem Englischen und heißt streng übersetzt “Verbindung”, was bedeutet, dass der Täter durch den schleichenden, aber systematischen Missbrauch seines Opfers eine traumatische Bindung erzeugt.

Ein Narzisst bindet sein Opfer – diese können Partner, Kinder, Freunde oder Verwandte sein – durch Idealisierung und Abwertung an sich. Zunächst schenkt er dem anderen seine übertrieben positive Zuwendung, lobt ihn, verehrt ihn und macht alles für ihn (übertragen auf die Loverboy-Methode ist das letztlich die Phase 1: der Beziehungs- und Vertrauensaufbau). Später, wenn er den anderen für sich gewinnen konnte, weil dieser sich durch die besondere Wertschätzung geschmeichelt fühlt und sich deswegen an ihn klammert, beginnt er, diejenigen Verhaltensweisen und Eigenschaften seines Opfers, die ihm nicht gefallen, abzuwerten und sein Opfer so zu konditionieren, dass es ihm einen maximalen Nutzen verschafft (übertragen auf die Loverboy-Methode ist das quasi die Phase 2: der Beginn des von vorn herein geplanten Drängens in die Prostitution und Ausbeutung – die Konditionierung, eine Prostituierte zu werden) –  wobei der Narzisst nicht vergisst, zwischenzeitlich auch mal nett zu sein und sein Opfer zu loben und zu idealisieren, damit es nicht auf die Idee kommt, er könne es nicht gut mit ihm meinen („Zuckerbrot und Peitsche“ ist auch bei der Loverboy-Methode gängig. Wenn ein Freier beispielsweise mal ganz schlimm war, wurde ich getröstet, das war das Zuckerbrot. Danach wurde mir wieder was von Geldschulden erzählt und es kam der nächste Freier).

Der Narzisst nutzt beim Traumabonding die Methode von Zuckerbrot und Peitsche. Er konditioniert sein Opfer, indem er vorgibt, was gut und schlecht ist. In einem Moment wird der andere gelobt, beschenkt und hervorgehoben und im nächsten Moment wird er kritisiert, beleidigt und entwertet. Entweder ist der andere großartig oder er ist grottenschlecht. Verhält sich sein Opfer in dem Sinne des Narzissten, wird es gelobt. Verhält es sich konträr zu den Vorstellungen des Narzissten, muss es mit Bestrafungen rechnen (bei der Loverboy-Methode sind die Bestrafungen oft emotionale Kälte, gezielter Liebesentzug, Formen psychischer Gewalt, Einschüchterungen, Drohungen, physische Gewalt). Ein Opfer lernt durch diese Behandlungsweise, dass es sich nur dann geliebt, wertvoll und sicher fühlen kann, wenn es sich dem Willen seines Peinigers unterordnet und sich ganz in seinem Sinne verhält (bei der Loverboy-Methode heißt das: (immer weiter) Geld für ihn anschaffen in der Prostitution).

Die allgegenwärtige latente Gefahr eines plötzlichen Gesinnungswechsels macht das Opfer extrem sensibel hinsichtlich des Befindens und der Bedürfnisse des Narzissten. Es will dem Narzissten unbedingt gefallen, um keine Kränkungen zu erfahren oder bestraft zu werden. Statt den Narzissten aber zu verlassen, um der Gefahr endgültig zu entkommen, bleibt es bei ihm, weil es sich durch ihn gleichfalls gestärkt fühlt: Wenn sich der Narzisst nämlich von seiner charmanten Seite präsentiert und sein Opfer wertschätzt, dann fühlt es sich großartig und ist stolz, mit so einer grandiosen Person wie dem Narzissten zusammen sein zu dürfen. Das Opfer kann sich dann als besonders erleben, was seinem Selbstwertgefühl äußerst guttut – vor allem, wenn es zuvor nur Erniedrigungen erfahren hat.

Traumabonding führt dazu, dass das Opfer irgendwann glaubt, ohne den Narzissten nicht mehr leben zu können und ihn unbedingt zu brauchen, selbst wenn dieser sein Opfer geradezu unmenschlich behandelt und dessen Selbstwertgefühl fortlaufend attackiert und destabilisiert. Ab einem gewissen Punkt ist die emotionale Abhängigkeit aber so stark geworden, dass das Opfer nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Wenn es schlecht von dem Narzissten behandelt wird, glaubt es, selbst schuld daran zu sein und es nicht besser verdient zu haben (das ist ganz häufig so bei der Loverboy-Methode, deshalb bitte, wie ich in meinem letzten Text über das Ermittlungsverfahren schrieb: sagt oder suggeriert den Betroffenen bitte NIEMALS, dass sie selbst schuld seien, denn genau damit hat ihr Täter sie lange in der Abhängigkeit und in der Ausbeutung gehalten). Und wenn es zwischenzeitlich gut von dem Narzissten behandelt wird, weil es sich in dessen Sinne verhält, dann fällt die Anspannung von ihm ab und es ist überzeugt, dass der Narzisst ein guter Mensch ist.

Betroffene können sich von dem Narzissten nicht abgrenzen und erkennen nicht dessen perfide Manipulationstaktik. Der Narzisst hat sie völlig geblendet und vereinnahmt und zudem auch noch vollständig von ihrem sozialen Umfeld isoliert (auch das geschieht meist alles bei der Loverboy-Methode). Sie bekommen nur noch seine Meinung und sein Urteil zu hören, geben ihre eigenen Überzeugungen und Werte auf und leisten keinen Widerstand. Sie nehmen alles hin, was der Narzisst sagt und tut, und neigen dazu, selbst unverzeihliches Verhalten zu verharmlosen, zu beschönigen und den Narzissten von jeglicher Schuld freizusprechen.

Traumabonding erzeugt eine ungerechtfertigte, überstarke Loyalität dem Narzissten gegenüber. Um jeglicher Gewalt zu entgehen, wird der Narzisst von seinem Opfer ausnahmslos idealisiert… (diese überstarke Loyalität zeigt sich bei der Loverboy-Methode u.a. dadurch, dass viele Betroffene ihre Täter und damit auch dessen an ihnen selbst begangenen Taten wie z.B. die Ausbeutung nach außen hin lange verteidigen).

Weil es dem Narzissten immer wieder durch geschickte Manipulation, Täuschung, Lügen, Einflüsterungen, Überreden und Rechthaberei gelingt, das Opfer an seiner eigenen Wahrnehmung zweifeln zu lassen, und sich dieses stets aufgrund der unwiderlegbaren Argumente des Narzissten dessen Meinung anschließt, geht es irgendwann davon aus, dass es sich die eigenen Emotionen größtenteils nur einbildet (bei der Loverboy-Methode z.B.: aus „so wie er mich behandelt, ist es nicht ok“ wird ein „es ist wohl doch ok wie er mich behandelt, ich werde eben was falsch gemacht haben“). Das Opfer erkennt nicht den Schwindel, sondern unterstellt sich selbst einen Irrtum. So kommt es zu der Überzeugung, dass nicht der Narzisst falschliegt, sondern dass es selbst die Realität nicht richtig erkennt (bei der Loverboy-Methode übernehmen viele Betroffene dann das, was der Täter sagt: für den Menschen, den man liebt, ist es normal, auch anschaffen zu gehen, wenn ihm das hilft. Es wird dem Drängen des Täters nachgegeben und man übernimmt, jedenfalls oft anfangs, die Ansicht, dass es ok sei und der eigene Wille, nicht für ihn in die Prostitution gehen zu wollen, egoistisch, unpassend und fehl am Platz ist. Die Betroffenen fühlen sich, nachdem der Täter länger auf sie eingeredet hat, als ob sie „falsch“ seien, wenn sie es nicht tun).

Durch diese kontinuierliche Verdrehung der Wirklichkeit wird die Bindung zum Narzissten nur umso stärker, weil der Betroffene ohne den Narzissten die Welt gar nicht mehr richtig wahrnehmen und einschätzen kann und somit scheinbar handlungsunfähig ist. Traumabonding lähmt das Opfer und macht es unselbständig und willenlos…

Die Sucht nach der liebevollen und grandiosen Seite des Narzissten sowie der Verlust des eigenen gesunden Urteilsvermögens halten den Betroffenen in einer missbräuchlichen Beziehung gefangen. Traumabonding führt dazu, dass sich das Opfer zunehmend von sich selbst entfremdet. Nach einer Trennung ist den meisten Opfern überhaupt nicht klar, wie sie sich so wundersam verhalten konnten und entgegen ihrem eigentlichen Wesen unsinnige Handlungen vornehmen und absurde Überzeugungen vertreten konnten. Opfer müssen nach einer Beziehung mit einem Narzissten lernen, sich von dessen Suggestionen, die auch nach der Trennung noch weiterwirken, zu befreien und wieder zu sich selbst zu finden (eine Suggestion des Zuhälter/Loverboy-Täters davon ist z.B. „du bist doch nur die Prostituierte, die nicht mehr wert ist, die nichts anderes verdient hat“ – aus diesen ganzen übernommenen Tätersuggestionen auch nach der Beziehung zum Täter wieder rauszukommen, ist für viele Betroffene sehr schwierig, manche schaffen es auch gar nicht mehr, weil sie all das zu sehr verinnerlicht und in ihr eigenes Ich integriert haben. Sie bleiben Prostituierte und finden nicht mehr zu sich selbst zurück.).“

Dieser Text im Artikel beschreibt das Problem wirklich gut. Wenn man in einer so missbräuchlichen Beziehung ist und die „Werte“ und Denkweisen des Täters angenommen und seine eigenen völlig aufgegeben hat, dann verliert man sich selbst. Das macht eine Lösung vom Täter und dem ganzen System, in dem man sich befindet, noch schwieriger. Dieser Mechanismus findet sich häufig zwischen Betroffenen und ihren Menschenhändlern/Zuhältern, wenn die Täter die Familie oder die Partner sind. Die erlebten Gewalterfahrungen in der Prostitution, die Demütigungen und Erniedrigungen dort schwächen die Frauen noch mehr. Wer derart schwach ist, kann sich oft noch weniger wehren. Diese Frauen befinden sich in einem toxischen Kreislauf, den sie ohne Hilfe meist nicht verlassen können. Vor allem bei minderjährigen und noch sehr jungen Frauen, die aufgrund der sog. Push-Faktoren für Menschenhandel (wie z.B. Gewalt in der Kindheit, Missbrauch, Armut, Krieg, Arbeitslosigkeit, etc.) ganz besonders vulnerabel sind, ist die Gefahr für einen derartigen Missbrauch groß, da sie in ihrer Persönlichkeit noch nicht gefestigt und unsicher sind. Das wissen und nutzen die Täter für ihre Zwecke aus. Da haben Menschenhändler und Zuhälter mit ihren Manipulationstechniken leichtes Spiel. Es kann aber natürlich auch jemanden in einem höheren Alter betreffen.

Um Menschenhandel und Zuhälterei in allen Variationen effektiv bekämpfen zu können, ist es wichtig zu verstehen, wie Betroffene sich oft fühlen und hinter welcher Manipulation sie gefangen sein können, wozu vor allem auch gehört, komplexe und für Außenstehende oft schwer nachvollziehbare Täterbindungen zu sehen und zu durchdringen.

Um Betroffenen in solchen Situationen helfen zu können, muss versucht werden, diese Täterbindung aufzulösen und die vom Täter geschaffenen unsichtbaren Gitterstäbe zu durchbrechen. Dazu gehört zu aller erst: die individuelle Täterbindung sehen und verstehen. Grundsätzlich sind sich die Betroffenen über die Täuschungen und die Manipulationstechniken, die an ihnen verübt werden, ja selbst gar nicht bewusst, das ist gerade auch eine der Schwierigkeiten an der Sache. Bei Betroffenen der Loverboy-Methode ist es daher wichtig, diesen Frauen, wenn nötig, ihre Stellung als Opfer zu verdeutlichen und sie in Bezug auf das, was da mit ihnen geschieht, zu sensibilisieren, sagt Alexander Dierselhuis, der ehemalige Staatsanwalt und Polizeipräsident aus Oberhausen.[3] Ganz wichtig dabei: Einfühlsamkeit. Danach: gemeinsam einen Weg aus dem vom Täter gebauten Gefängnis suchen. Dafür braucht es viel Verständnis, viel Unterstützung und ein großes Vertrauensverhältnis.


[1] Traumabonding – In den Fängen eines Narzissten – UMGANG mit NARZISSTEN (umgang-mit-narzissten.de)

[2] Interview mit Stefan Willkomm – Themenabend Skrupellose Loverboys – ARD | Das Erste

[3] Fachtagung gegen sexuelle Ausbeutung von Mädchen und jungen Frauen Grußwort Alexander Dierselhuis – YouTube

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