Aufklärungsarbeit in Schulen

Heute war ich wieder bzgl. Aufklärungsarbeit im Bereich Prostitution und Menschenhandel an einer Schule bzw. wegen Covid-19 wurde das online durchgeführt. Mittlerweile wird vermehrt über die Themen Prostitution und Menschenhandel (insbesondere auch über die Loverboy-Methode) gesprochen, aber trotzdem noch zu wenig. Diese Themen gehören aber flächendeckend in den Schulunterricht, denn es ist die Aufgabe des Staates, Kinder und Jugendliche zu schützen. Diese flächendeckende Aufklärung gibt es leider immer noch nicht.

An das erste Mal Aufklärungsarbeit in der Schule kann ich mich gut erinnern. Ich war so dermaßen nervös, dass ich kurz vorm Weglaufen war. Junge Menschen, die in dem Alter sind, in dem ich damals rekrutiert wurde. Das hat irgendwas in mir ausgelöst und tut es heute noch, wenn ich mit ihnen rede. Ich fühle eine ganz besondere Verantwortung und auch eine Art Verbundenheit, denn sie sind ein noch verletzlicher und ganz besonders zu schützender Teil unserer Gesellschaft. Auch ich gehörte damals zu diesem Teil.

Letztlich ist die Arbeit mit jungen Menschen genau das, was am aller wichtigsten ist und mir viel bedeutet. Sie sind es, die heranwachsen und die neue Generation bilden, die unsere Gesellschaft in Zukunft prägen und formen werden. Wenn jemand langfristig diese Welt verändern kann, auch in Bezug auf die Themen Prostitution und Menschenhandel, dann sind sie es.

Wenn ich mit Jugendlichen und Heranwachsenden ins Gespräch komme, dann kann ich in deren Reaktionen sehen, dass es unmittelbar, jetzt in diesem Moment, etwas bringt, was ich hier tue.

Einmal war ich in einer Klasse, in der ein Junge anfangs vor dem Gespräch sehr auffällig und nervös war. Während der Diskussion hat er sich dann gemeldet und gesagt, dass sein Vater Zuhälter und im Gefängnis war und dass er es total super findet, dass ich aus einer anderen Perspektive darüber berichte. Wie aus einem Wasserfall ist alles aus ihm herausgebrochen. Die Lehrerin schien diese Offenbarungen auch nicht erwartet zu haben. Die Gespräche dort waren sehr locker, wie eine Art Lagerfeuergespräch unter Kumpels, alles auf einer Wellenlänge. Die Schüler und Schülerinnen waren sehr interessiert und bombardierten mich regelrecht mit Fragen – wie nahezu immer, wenn ich an Schulen oder sonstigen Jugendeinrichtungen auftauche und mit diesen ins Gespräch komme.

Dann war ich auch mal ganz oben im Norden Deutschlands an einer Schule. Das hatte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt dort organisiert. Da wurden am Ende meines Vortrags Zettel ausgeteilt, auf die die Schüler und Schülerinnen Fragen schreiben konnten, die sie an mich haben. Somit war das eine Art anonyme Fragestunde, ohne dass sich jemand melden musste. Ich habe dann Zettel um Zettel aus der Box genommen und die Fragen laut vorgelesen und sie beantwortet. Eine Frage davon war, wo man sich Hilfe suchen kann, wenn man sexuell missbraucht wird. Warum solch eine Frage gestellt wird, kann man mutmaßen. Auch diese Frage habe ich laut vorgelesen und beantwortet, denn nun stand die Möglichkeit im Raum, dass ein Schüler oder eine Schülerin hier sexuell missbraucht wird, sich nicht offenbaren, aber eine professionelle Anlaufstelle suchen möchte. Auszuschließen war das jedenfalls bei so einer Fragestellung nicht. Die Lehrerin sowie auch ich waren besorgt und gaben die nötigen Hilfestellungen sowie auch Gesprächsangebote.

Man denkt es nicht, aber nahezu in jeder Schule und Einrichtung, wo ich war, gab es Schnittpunkte zum Rotlicht /Prostitution oder zu sexuellem Missbrauch. Die Teilnehmenden heute waren etwas älter als 15 Jahre, als ich zunächst dachte. Eine davon war als Minderjährige schon in der Prostitution. Dies zeigt sehr gut, dass die Aufklärung früher beginnen muss. Viele denken immer, diese Themen sind so weit weg, aber das sind sie ganz und gar nicht. Sie finden mitten unter uns statt, werden nur häufig leider totgeschwiegen, was Kindern und Jugendlichen nicht hilft, im Gegenteil.

Es braucht hier konstante und offene Gespräche über diese Themen, die auch das Thema Sexualität im Generellen beinhaltet (denn es geht auch darum, seine eigenen Grenzen setzen zu lernen und diejenigen von anderen zu respektieren, aber darüber werde ich mal einen eigenen Text schreiben, denn auch diesbezüglich gibt es breiten Aufklärungsbedarf) sowie auch das Thema sexuelle Gewalt. Dies natürlich alles mit der nötigen Sensibilität, aber sie müssen stattfinden.

Ich sage auch jedes Mal, wenn ich in Schulen oder andere Einrichtungen gehe, dass niemand im Raum bleiben muss und der Raum jederzeit verlassen werden kann (online kann ja sowieso jeder von selbst abschalten), ohne Gründe dafür anzugeben, denn es gibt leider nicht selten Kinder und Jugendliche, die vor allem im nahen Umfeld schon einmal mit sexuellem Missbrauch zu tun hatten und die es schwer triggern kann, was ich über Prostitution und Menschenhandel erzähle, da diese Themen ebenfalls das Thema sexuelle Gewalt umfassen. Dass der Raum jederzeit verlassen werden kann, ohne dies begründen zu müssen, sage ich deshalb ganz am Anfang vorneweg, damit sich niemand als Missbrauchsopfer outen muss, um aus dem Raum gehen zu dürfen. Ich nenne auch nicht den Grund, weshalb ich sage: „Ihr könnt den Raum jederzeit ohne Gründe anzugeben verlassen“, da es ja sonst letztlich ein indirektes Outing wäre, wenn ich sagen würde: „Wenn es euch triggert, was ich hier gleich erzähle, weil ihr selbst oder jemand euch nahestehendes Missbrauch erlebt habt bzw. hat, dürft ihr gerne den Raum verlassen.“ Ich sage anfangs nur, dass das Thema kein gerade angenehmes Thema ist und ich verstehen kann, wenn jemand sich das nicht bis zum Schluss anhören möchte. Sie haben vorher die Wahl, ob sie hören möchten, was ich sage, und sie haben nach Beginn die ganze Zeit die Wahl, das Klassenzimmer verlassen zu können. Wenn dann später jemand den Raum verlässt, so weiß ich sowie die dafür sensibilisierten Lehrer und Lehrerinnen, dass da auch Missbrauchserfahrungen dahinterstecken können. Dass wir das dann wissen genügt, das muss man vorher nicht vor der gesamten Klasse ausbreiten, was letztlich nur bedeuten würde, dem/der Betroffenen die Möglichkeit zu nehmen, den Raum zu verlassen – und zwar aus Angst vor Outing.

Ich werde, wenn ich mit jungen Menschen spreche, nicht mal ansatzweise so detailreich wie hier im Blog oder anderswo und weiß schon, was ich sagen kann und was nicht, sodass die Schwere des Themas nicht zu arg auf dem Magen liegt und ich versuche auch immer es mit einem gewissen Humor an manchen Stellen zu machen. Das Thema ist natürlich nicht lustig, aber ich sehe es dennoch als wichtig an, dass an bestimmten Stellen (nicht an den Falschen!) auch mal geschmunzelt oder gelacht wird, sodass der Ballast nicht zu groß wiegt, denn ich möchte diesen jungen Menschen durch Aufklärung Wissen vermitteln und ihnen damit helfen niemals in dieses Leben abzurutschen, nicht aber möchte ich sie zusätzlich belasten. Manchen kann aber auch das zu viel sein, vor allem dann, wenn sie unmittelbar oder mittelbar selbst mit Missbrauch zu tun hatten und viele Triggerpunkte bestehen, deshalb müssen sie aus dem Raum gehen dürfen ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Das auch als guten Ratschlag für diejenigen, die auch mit jungen Menschen in diesem Bereich arbeiten. Und wenn jemand den Raum verlässt, dann kann er emotional sehr aufgewühlt sein. Lasst denjenigen runterkommen, lasst ihm seine Emotionen, die man oftmals nur gegenüber sich selbst zeigen kann, die vielleicht auch zum ersten Mal oder nach langer Zeit wieder hochkommen, fragt mit hoher Sensibilität nach, ob alles ok ist, ob derjenige sprechen oder eine Hilfestellung möchte. Wenn er es verneint, dann sagt ihm, dass er dennoch jederzeit kommen kann, wenn er es sich anders überlegt. Bedrängt ihn nicht, aber habt ein Auge auf denjenigen. Feingefühl ist ganz wichtig in solchen Situationen.

Dann war ich auch mal in einem psychotherapeutischen Wohnheim der stationären Jugendhilfe. Da saßen wir alle mit Stühlen in einem Kreis zusammen und haben über die Themen Prostitution und Menschenhandel gesprochen. Da hatte ich das Gefühl, ganz besonders aufpassen zu müssen, was ich wie sage und formuliere, um keine Wunden aufzureißen oder zu verursachen. Die waren allerdings schon so „vom Leben gezeichnet“, dass die viel weniger Hemmungen hatten und mir viel direktere Fragen gestellt haben und noch viel mehr wissen wollten. Ein Mädchen stellte mir auch die Frage, wieso sie über all das, was ich erzähle, nicht in der Schule aufgeklärt werden, obwohl das so ein wichtiges Thema ist. Da habe ich ihr gesagt, dass das eine gute Frage ist und ich mich das auch ständig frage.

Auf der einen Seite betitelt man Prostitution als Dienstleistung, auf der anderen Seite möchte keiner so wirklich darüber sprechen, weil es so schambehaftet ist. Die jungen Menschen werden also zwangsläufig in unserer die Prostitution so liberal handhabenden Gesellschaft damit konfrontiert durch Zeitungen, Werbungen, Plakate, Fernsehen, aber mit ihnen reden und aufklären, das kommt viel zu kurz. Aufgeklärt wird viel zu wenig, oft nicht richtig sowie nicht flächendeckend.

Ich war in vielen weiteren Schulen und Einrichtungen und habe immer ähnliche Erfahrungen gemacht: junge Menschen, die zwar erst schüchtern sind, weil das Thema schambehaftet ist, dann allerdings, wenn der Erste anfängt zu fragen, einen mit Fragen bombardieren und gar nicht mehr aufhören möchten darüber zu diskutieren. Es besteht hier ein sehr hoher Gesprächsbedarf, der unbedingt – und das wiederhole ich seit langem – durch professionelle Fachkräfte in der gesamten Bundesrepublik abgedeckt werden muss, die das Thema Prostitution nicht verharmlosen, sondern die in Studien belegte Gewalt auf den Tisch bringen und die Kinder und Jugendlichen davor warnen. Warnen vor Menschenhandel, insbesondere der Loverboy-Methode, aber auch warnen vor der Prostitution und deren Ursachen und Folgen im Gesamten. Warum machen wir sonst Studien über das Thema, wenn wir die Ergebnisse diesbezüglich nicht weitertragen, nicht aussprechen? Und hier geht es vor allem darum, die Ergebnisse gegenüber denjenigen auszusprechen, die jung und daher als vulnerable Gruppe extrem und am meisten gefährdet sind, in dieses Leben und in diese Gewalt abzudriften.

Die meisten Frauen in der Prostitution in Deutschland kommen aus dem Ausland, meist aus Osteuropa wie Rumänien, Bulgarien, aber auch aus Afrika (hier ist der Voodoo-Schwur sehr verbreitet) und anderen Ländern. Mit der Loverboy-Methode werden viele dieser Ausländerinnen (vor allem aus Osteuropa) nach Deutschland gelockt und ausgebeutet. Dabei darf aber nicht übersehen werden: die Loverboy-Methode wird auch an vielen deutschen jungen Mädchen und Frauen angewandt, also Menschenhandel innerhalb Deutschlands. Letztere Vorgehensweise unterscheidet sich im Detail oft nochmal von der Vorgehensweise der Loverboy-Betroffenen, die vom Ausland hergelockt werden. Die Dunkelziffer ist hoch und ein Grund, warum das Thema unbedingt endlich in alle deutschen Klassenzimmer muss (natürlich auch in die Klassenzimmer in Rumänien, Bulgarien, etc.).

Bärbel Kannemann war fast 40 Jahre Kriminalbeamtin und gründete später den Verein No Loverboys e.V. Sie sagte mir einmal zu dem Zeitpunkt, wo sie das seit 8 Jahren machte, dass sich bis dahin um die 1100 Betroffenen und Eltern bei ihr gemeldet haben. Was ich damals sehr erschreckend fand war, als sie mitteilte, dass fast an jeder Schule, an der sie bisher einen Vortrag hielt, Opfer dabei waren und dass es an einer Schule sogar schon einmal 11 betroffene Mädchen waren. Das vor allem vorkommende Alter grenzte sie von ca. 12-23 Jahren ein.

Ich habe es in meinem vorletzten Text schon geschrieben: junge Menschen haben ein Recht darauf, über die Realitäten von Prostitution und Menschenhandel aufgeklärt zu werden, so dass sie gewarnt sind und sich besser schützen können. Es genügt nicht, nur Geschichte, Mathe, Englisch oder sonst was in der Schule zu lernen, wenn einem das später alles nichts bringt, weil man ins Milieu abgerutscht ist und von sexuellen Gewalterfahrungen kaputt gemacht wurde.

Diese jungen Menschen, die ich bis jetzt in meiner Aufklärungsarbeit kennenlernen durfte, möchten auch darüber sprechen. Sie sind interessiert, wissbegierig und aufmerksam. Diese Erfahrung mache ich jedes Mal erneut.

Unser Staat muss ihnen die Möglichkeit und die Chance geben, sich selbst vor Ausbeutung und Gewalt schützen zu können. Dies können sie nur, wenn sie aufgeklärt sind, die Indikatoren eines Ausbeutungsverhältnisses frühzeitig kennenlernen und daher erkennen können und wenn vor Prostitution an sich gewarnt wird, anstatt diese als „Sexarbeit“ schönzureden und damit die in Studien belegten hohen Gewalterfahrungen in der Prostitution vor den eigenen Kindern zu verschleiern.

Wie ich das immer nur wiederholen kann: diese Themen müssen in den regulären Schulunterricht integriert werden. Aufklärung über Prostitution ist in jeder Gesellschaft wichtig, aber insbesondere in einer Gesellschaft wie der unseren, in der Prostitution als mögliche Option dargestellt wird, da sie hier letztlich alle Jugendlichen anspricht und betrifft, denn die versteckte Botschaft der liberalen Prostitutionsgesetzgebung ist, dass Menschen, zum aller größten Teil Frauen, diesbezüglich grundsätzlich käuflich sind. Zudem geht es bei der Aufklärung auch nicht nur darum, die Mädchen und jungen Frauen vor dem Abrutschen ins Milieu zu warnen, sondern auch darum, Bewusstsein bei den Jungs und jungen Männern zu schaffen, dass Prostitution für die aller meisten nichts mit „Sexarbeit“, sondern mit sexuellen Gewalterfahrungen und Traumatisierung zu tun hat. Es geht hier um wichtige Gewaltprävention.

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