Fehlendes Opferbewusstsein im Bereich der sexuellen Ausbeutung

Empathie = die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen (Duden 📒).

Empathie ist überall im Leben wichtig. Besonders wichtig ist sie auch, um Betroffenen von Prostitution und Menschenhandel helfen zu können. Sie zu verstehen ist essenziell, um sie da raus holen zu können.

Im nachfolgenden Text geht es mir besonders um ein Thema, das ich immer mal wieder angesprochen habe:

fehlendes Opferbewusstsein im Bereich der Ausbeutung in der Prostitution.

Viele betroffene Frauen von Ausbeutung durch dritte Personen sagen/schreiben mir, sie hatten auch kein Opferbewusstsein in Bezug auf Menschenhandel und Zwangsprostitution. Manche haben es heute noch nicht so richtig, obwohl ihnen die schlimmsten Dinge passiert sind. Es sei ihre Wahl gewesen, sie fühlen sich schuldig – obwohl sie ausgebeutet wurden.

Das häufig nicht vorhandene Opferbewusstsein, vor allem im Bereich der sog. Loverboy-Methode, ist ein großes Problem im Bereich des Menschenhandels und der Zwangsprostitution. Wie soll sich jemand Hilfe suchen, wenn er sich nicht als Opfer fühlt? Wie kann man einer Frau helfen, die immer wieder Hilfe von außen abweist, weil sie sich nicht als Opfer wahrnimmt? Weil sie denkt, es sei normal, was man mit ihr macht, da sie keinen guten Umgang mit sich kennt. Weil sie denkt, sie muss das alles aushalten können, etc.

Das ist ein Thema, worüber nicht so gerne gesprochen wird, weil viele es nicht verstehen und nicht nachvollziehen können, dieses „kein Opferbewusstsein haben“ im Bereich sexueller Ausbeutung. Sie haben die „Frau in Ketten“ im Kopf, die irgendwo in einem Keller sitzt und vor Freude jubeln würde, wenn die Polizei auftaucht, um sie zu retten, aber nicht jene, die sich selbst nicht als Opfer sehen, ihre Situation nicht artikulieren können.

Das betrifft aber so viele. Immer wieder schreiben mir Frauen und sagen, dass sie dieses Opferbewusstsein nicht hatten. Ich bekomme immer wieder Nachrichten, die davon handeln, dass die eigene Ausbeutung durch dritte Personen (meist durch den sog. „Freund“/ „Mann“ oder die eigene Familie) lange Zeit geleugnet wurde, dass die Polizei penetrant abgewiesen wurde, dass der/die Täter und das ganze System „Rotlichtmilieu“ energisch verteidigt wurden.

Eine Sensibilisierung diesbezüglich ist daher sehr wichtig.

Oftmals höre ich Personen, die in dem Bereich Prostitution zu tun haben, sagen:

„Ich war schon öfter im Bordell (Streetwork, Kontrollen, etc…) die Frauen dort aufsuchen und es war kein Zwang sichtbar. Die Frauen haben erzählt, dass alles ok ist, oft noch gelächelt und Witze gemacht. Die Bordellbetreiber kooperieren auch. Dort war alles ok.“

Wie sieht also die Situation aus, wenn man in ein Bordell kommt?

In den meisten Fällen, in so gut wie allen, wird man den Zwang nicht sehen. Darauf gebe ich Brief und Siegel. Man wird wenn dann nur ganz selten eine Frau sehen, die erzählt, dass sie sich für dritte Personen prostituieren muss. Sie werden nahezu alle erzählen, dass sie selbständig dort hingehen und „arbeiten“. Warum reden sie selten über Zwang?

Entweder, weil die Frau Angst hat und direkt bedroht wird, oder weil sie ein emotionales Band zum Täter hat bzw. in einer Abhängigkeit steckt und daher kein Opferbewusstsein hat, sie sich ihrer Situation nicht voll bewusst ist. Ich mag diesen nachfolgenden Satz von Harriet Tubman sehr und zitiere ihn immer wieder, da er widerspiegelt, was ich ständig während über 6 Jahren in der Prostitution gesehen habe – bei mir sowie bei anderen Frauen:

I freed a thousand slaves, I could have freed a thousand more if only they knew they were slaves.“ – Harriet Tubman –

Vielen ist nicht klar, dass sie Opfer sind. Jedenfalls oft eine ganze Zeit lang nicht.

Zu meiner Zeit in der Prostitution hatten die meisten prostituierten Frauen Bindungen zu ihren Tätern, unabhängig davon, ob die Täter die „Männer/Freunde“ waren oder wie sehr oft bei ausländischen (v.a. osteuropäischen) Frauen die Familie (sei es Mutter/Vater/Bruder/Onkel/Tante, … oder mehrere Personen davon), die sie ins Bordell geschickt hat. Sie hatten Bindungen unabhängig davon, wie sie von diesen Tätern behandelt wurden. Auch Frauen, die grün und blau geschlagen wurden, hatten meist dieses emotionale Band bzw. es bestand eine hohe (emotionale) Abhängigkeit.

Über diese Betroffenen von Zwangsprostitution, die aufgrund einer persönlichen/emotionalen Abhängigkeit den Tätern unterlegen sind, und machen was diese verlangen, wird nicht so viel gesprochen wie über jene, die bei jeder Chance, die sie hätten, weglaufen würden. Sie sind nahezu unsichtbar. Häufig hört man, diese Frauen seien selbst schuld, also seien sie gar keine Opfer, denn sie könnten ja jederzeit weglaufen. Woran liegt das?

Viele haben ein bestimmtes Bild im Kopf, wie sich ein Opfer zu verhalten hat, auch wie es auszusehen hat. Ein Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution, was sexuell ausgebeutet wird, soll sich wehren, soll weinen und schreien, soll versuchen wegzulaufen.

Natürlich gibt es diese Art von Opfern, aber es gibt auch eine andere Art. Und es ist wichtig, auch bei Letzteren die Augen sehr weit auf zu halten, da man sie nur schwer erkennt. Hier das BKA zu Betroffenen der „Loverboy“-Methode:

Die Opfer sind oft schwer zu erkennen, da sie sich häufig selbst nicht als Opfer wahrnehmen.https://www.bka.de/…/verdachtDesMenschenhandels_node.html

Die Realität in der Prostitution ist, wie ich es bei mir und vielen anderen erlebt habe, dass sehr viele Betroffene sich aufgrund einer emotionalen Bindung und psychotraumatologischer Mechanismen sowie aus Angst nicht wehren, dass sie nicht weinen (im Gegenteil oft nach außen hin lächeln!) und auch nicht versuchen wegzulaufen, sondern ihre Situation oft lange ertragen. Solange, bis es nicht mehr geht:

Es ist ja nicht so, dass eine Frau aufstreckt und sagt: «Ich bin ein Opfer von Menschenhandel.» Opfer zu identifizieren und Beweise zu finden ist mit sehr grossem Aufwand verbunden und mit viel Ermittlungsarbeit. Das sind komplexe Verfahren, die Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern. Zudem ist es den meisten Prostituierten gar nicht bewusst, dass sie Opfer sind. Sie stellen es beispielsweise nicht infrage, dass es nicht normal ist, Schulden für eine Reise von Thailand in die Schweiz von 30’000 Franken abbezahlen zu müssen. Bis sich Prostituierte selber als Opfer sehen, bis sie den Druck nicht mehr aushalten, braucht es enorm viel.“ – Simon Steger, Chef der Fachgruppe Sexualdelikte der Luzerner Kriminalpolizei – https://www.zentralplus.ch/es-braucht-enorm-viel-bis…/

Es ist deshalb wichtig über das eigene Opferverständnis nachzudenken und mit diesem Blick, wie oben dargelegt, das Thema zu betrachten und in die Bordelle rein zu gehen. Wenn man also in ein Bordell geht und keinen Zwang sehen kann, dann sollte man nicht rausgehen und schlussfolgern: „Da ist alles ok, denn ich habe keinen Zwang gesehen“, sondern man sollte sich bewusst darüber sein, dass viele Frauen dort in bestimmten Situationen sind, wo sie sich aus diversen Gründen nicht über ihre wahre Situation äußern können. Auch deshalb nicht, weil sie ihre eigene Situation oft selbst noch gar nicht richtig realisieren.

Es ist wichtig, unser Opferverständnis in diesem Bereich der Realität anzupassen, denn nur so können wir sie alle identifizieren und ihnen allen helfen. Nur wenn wir darüber vermehrt sprechen, dass es viele Opfer gibt, die sich selbst oft lange nicht als solche wahrnehmen, können wir dazu beitragen, dass sie sich durch unsere Aufklärung vermehrt als solche erkennen können, denn wenn sie selbst nur das Bild der „angeketteten Frau“ im Kopf haben und von der Gesellschaft nur dieses Bild vermittelt wird, werden sie immer sagen: „So ist das ja bei mir gar nicht, ich liege nicht in Ketten, bin nicht eingesperrt, also bin ich kein Opfer.“

Empathie: Hineinfühlen, verstehen & helfen können.

3 Kommentare

  1. Liebe Sandra,
    Ein so wichtiger Beitrag. Wir haben vor kurzem einen langen Disput geführt im Forum der Zeitung „der Standard“. Es ging um die Berichterstattung über eine Frau, die von der Familie zur Prostitution gezwungen wurde. Unmengen Posts kamen danach um Prostitution als in Ordnung, ja gut für die Gesellschaft und wichtig zu beschreiben. Dass es um Gewalt ging war vergessen. Schrecklich! Es waren insgesamt wohl drei Leute (inkl. mir), die gegen diese Beschönigungen anschrieben. Wir haben deinen Beitrag hier im Forum als Link gesetzt. Vielleicht hilft es bei manchen, die nicht bewusst trollen, sondern einfach keine Ahnung haben.
    Ein wunderbarer Beitrag. Danke.
    Herzliche Grüße
    „Benita“

    Gefällt 1 Person

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