Über Geld und Freiheit

Heute möchte ich etwas über Geld schreiben.

Meine Beziehung zu Geld ist ziemlich angekratzt, um es mal so zu formulieren. Das hat mit meiner Prostitutionserfahrung zu tun. Von manchen Anhängern der Pro-Lobby, denen mein Aktivismus nicht passt (weil sie um ihren Profit fürchten) und die „Sexarbeit ist Arbeit“ promoten, habe ich schon gelesen, dass ich die Öffentlichkeitsarbeit nur machen würde, um damit Geld zu verdienen. Das ist schon sehr amüsant und ich habe darauf noch nie öffentlich geantwortet, weil es mir einfach zu blöd ist, mich mit solchen Leuten zu unterhalten, aber da ich das Thema heute aufgreife, muss ich mal was dazu sagen: bis auf wenige Ausnahmen habe ich seit Jahren alles umsonst gemacht. Und sogar oft noch draufgezahlt bei meinem Aktivismus.

Dann sagen mir einige Leute (die es gut mit mir meinen und die ich auch sehr schätze) immer und immer wieder: Sandra, nimm doch bitte das Geld an. Nimm doch bitte dieses Geschenk an. Nimm doch bitte unsere Unterstützung an. Und was macht Sandra? Sandra denkt sich: Nein, ich mache Aufklärungsarbeit aus meiner tiefen Überzeugung heraus, ich kann doch dafür kein Geld nehmen.

Wenn mir jemand Geld anbietet, dann lehne ich meist ab. Ich sollte es nicht ablehnen und es wird auch nach und nach (nach Jahren) besser, aber das steckt ziemlich tief in mir drin. Woher kommt das?

Geld anzunehmen, da fühle ich mich oft gekauft. Wie damals, bei Freiern. Wenn das Geld auf dem Tisch lag, dann musste ich tun, was ausgemacht war. Ich war unfrei und konnte nicht mehr über meinen Körper bestimmen, obwohl ich anwesend war, denn der Geldschein hatte vorher festgelegt, was der Mann mit mir machen und nicht machen darf, egal wie es mir dabei ging (und viele haben sich an das „nicht machen darf“ nicht gehalten und es in der Situation dann einfach trotzdem getan). Eine Stunde mit ausgemachtem „Service“ bezahlt, eine Stunde war zu liefern. Und wenn es mir zum Heulen war, ich hatte zu lächeln und mein Schauspiel abzuziehen.

Wenn ich heute Geld annehme, dann fühle ich mich oft nicht mehr frei. Ich fühle mich dann oft unfrei, so wie früher bei Freiern. Auch mein Zuhälter hat mir damals die Zugtickets zu sich bezahlt, als ich ihn kennenlernte und ihn am Anfang an den Wochenenden besuchen fuhr, denn ich war Schülerin und hatte kein Geld, ich lebte zuhause in armen Verhältnissen. Nur so konnte er mich weiter in seine Abhängigkeit bringen. Auch das machte mich unfrei. Ich war ihm etwas schuldig, obwohl er die Zugtickets zunächst als Geschenk deklarierte, um mich sehen zu können, weil er mich ja liebe. Welche „Leistung“ ich dann letztlich für ihn und seine vorgeblichen „Schulden“, womit er mich erpresste, später zu erbringen hatte, das erfuhr ich erst später.

Wenn ich heute Geld annehme, dann fühlt es sich für mich oft so an, dass ich bestimmte Erwartungen erfüllen muss, nicht mehr das machen kann, was mir wichtig ist, weil jemand mich bezahlt hat. Soviel Geld wie ich schon abgelehnt habe im Rahmen meines Aktivismus… manche zeigen mir den Vogel, denn sie sagen, dass ich ja auch von was leben muss, wenn ich schon so viel Zeit in die Aufklärungsarbeit stecke. Sie haben ja recht und objektiv gesehen weiß ich das auch. Denn Geld annehmen bedeutet ja nicht, sich wie damals kaufen zu lassen, sondern ist vor allem eine Wertschätzung und Honorierung der Arbeit, die man leistet – ohne dass man dafür seine Freiheit aufgeben muss.

Aber für mich fühlt sich Geld annehmen oft immer noch wie ein Freiheitsverlust an, auch wenn es nur um simple Essenseinladungen geht.

Ich habe auch einmal, als ich in der Prostitution war, einige Geldscheine zerrissen. Obwohl ich sie eigentlich gebraucht hätte. Da hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Daran kann ich mich gut erinnern. Ich saß in dem Bordell in meinem Kellerzimmer, sah das Geld an, mein über mir zusammengebrochenes Leben und dachte mir nur: das scheiß Geld hat dein Leben zerstört. Und indem ich es zerrissen habe, habe ich mich frei gefühlt. Geholfen hat mir das natürlich nicht. Im Gegenteil.

Aber ja: nicht das Geld hat mein Leben zerstört, sondern meine Ausbeuter, die Geld mit mir machen wollten und es auch getan haben. Nicht das Geld hat mein Leben zerstört, sondern Menschen, die mir Liebe und Zuneigung nur vorgespielt haben, um mit mir Geld zu machen – mein Zuhälter.

Ich habe mir Liebe gewünscht, Ruhe, Frieden, ich habe mir einfach nur etwas ganz Simples gewünscht: endlich „anzukommen“ und geliebt zu werden. Meine Ausbeuter wünschten sich aber Geld. Geld war ihnen wichtiger als jegliche Menschlichkeit. Geld ging über alles.

Ich war nur so viel wert, wie ich Geld brachte.

Es fällt mir schwer, Menschen zu vertrauen, Menschen in mein privates Leben zu lassen. Wenn ich welchen begegne, frage ich mich immer: schätzen sie wirklich mich als Mensch oder wollen sie nur wieder irgendeinen Profit rausschlagen?

Wir alle brauchen Geld zum Leben. Bei mir hinterlässt Geld aber noch heute einen faden Beigeschmack.

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